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25.1.2006

Anwendungspotenziale
"intelligenter" Funketiketten

Die RFID-Technologie ist eine Querschnittstechnologie, deren Anwendungspotenziale in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen liegen. In ausgewählten Marktsegmenten zeigen RFID-Systeme bereits seit Jahrzehnten eine kontinuierliche Entwicklung.

Einleitung

Automatisierte Identifikation und Datenerfassung zeichnen sich durch eine schnelllebige Entwicklung aus und sind einer ebenso dynamischen öffentlichen Diskussion ausgesetzt. Die "intelligenten" Etiketten werden in den Medien auch als Funkchips, Smart Labels oder sogar "Schnüffelchips" bezeichnet.

Diese automatischen Identifikationssysteme heißen in der Fachsprache RFID (Radio-Frequenz- IDentifikation) und sollen traditionelle Lösungen wie den Barcode ersetzen. Die Funktion von RFID besteht darin, Waren, Tiere oder auch Personen über Funk eindeutig und kontaktlos zu identifizieren. Der Einsatz von RFID-Systemen eignet sich überall dort, wo automatisch gekennzeichnet, erkannt, registriert, gelagert, überwacht oder transportiert werden soll.

Die RFID-Technologie ist eine typische Querschnittstechnologie, die in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen angewandt werden kann. In ausgewählten Marktsegmenten zeigen RFID-Systeme bereits seit Jahrzehnten eine kontinuierliche Marktentwicklung. In anderen Bereichen werden RFID-Systeme getestet. In der Praxis überwiegen derzeit noch unternehmensinterne Einzellösungen, unter anderem aufgrund unzureichender Standardisierung und zu hoher Investitionskosten. Das Potenzial von RFID-Systemen besteht jedoch insbesondere im unternehmensübergreifenden Einsatz, beispielsweise bei der Warenrückverfolgung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg.

Die Entwicklungsperspektiven der RFID-Technologie hängen nicht allein von den technischen Möglichkeiten ab. Neben Technologie und Standardisierung zählen Wirtschaftlichkeitsberechnungen, Informationssicherheit und Datenschutz sowie die gesellschaftliche Akzeptanz zu den zentralen Erfolgsfaktoren. Gleichzeitig rückt die Frage, ob und in welcher Form zusätzliche datenschutzrechtliche Regelungen durch den breiteren Einsatz von RFID-Systemen erforderlich sind, verstärkt in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte, die meist unter dem Stichwort "gläserner Kunde" bzw. "gläserner Bürger" geführt wird.

Um die Chancen von RFID zu nutzen und gleichzeitig die Bedrohung für die Persönlichkeitssphäre zu minimieren, müssen die Grundsätze von Informationssicherheit und Datenschutzrecht bereits bei der Konzeption und Markteinführung von RFID-Anwendungen umgesetzt werden. Es gilt, RFID-Systeme zu entwickeln und einzusetzen, die auch den mittel- und langfristigen Anforderungen von Wirtschaft und Privatpersonen an Informationssicherheit[1] und Datenschutz[2] entsprechen. Nur so können zentrale Barrieren bei der wirtschaftlichen Nutzung der RFID-Technologie frühzeitig erkannt und so weit wie möglich vermieden werden.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die Anwendungspotenziale von RFID-Systemen.

Was ist RFID-Technologie?

RFID-Systeme werden in vielfältigen Varianten angeboten. Trotz der großen Bandbreite ist jedes RFID-System durch drei Eigenschaften definiert: 1. Elektronische Identifikation: Das System ermöglicht eine eindeutige Kennzeichnung von Objekten durch elektronisch gespeicherte Daten. 2. Kontaktlose Datenübertragung: Die Daten können zur Identifikation des Objekts drahtlos über einen Funkfrequenzkanal ausgelesen werden. 3. Senden auf Abruf (on call): Ein gekennzeichnetes Objekt sendet seine Daten nur dann, wenn ein dafür vorgesehenes Lesegerät diesen Vorgang abruft.

Ein RFID-System besteht aus zwei technischen Komponenten, einem Transponder und einem Lesegerät: Der Transponder - auch als tag bezeichnet - fungiert als Datenträger. Er wird an einem Objekt angebracht (z.B. an einer Ware oder einer Verpackung) bzw. in ein Objekt integriert (z.B. in eine Chipkarte) und kann kontaktlos über Funktechnologie ausgelesen und je nach Technologie neu beschrieben werden. Grundsätzlich setzt sich der Transponder aus einer integrierten Schaltung und einem Radiofrequenzmodul zusammen. Auf dem Transponder sind eine Identifikationsnummer und weitere Daten über den Transponder bzw. über das Objekt, mit dem dieser verbunden ist, gespeichert. Das Erfassungsgerät - im Folgenden als Lesegerät bezeichnet - besteht je nach eingesetzter Technologie aus einer Lese- bzw. einer Schreib-/Leseeinheit sowie aus einer Antenne. Das Lesegerät liest Daten vom Transponder und kann ihn anweisen, weitere Daten zu speichern. Weiterhin kontrolliert das Lesegerät die Qualität der Datenübermittlung. Die Lesegeräte sind mit einer zusätzlichen Schnittstelle ausgestattet, um die empfangenen Daten an ein anderes System (PC, Automatensteuerung) weiterzuleiten und dort weiter zu verarbeiten.

Sowohl Transponder als auch Lesegeräte werden in verschiedenen Ausführungen angeboten, die jeweils auf spezifische Anwendungsfelder und Einsatzbereiche ausgerichtet sind. Das Angebot an Lesegeräten kann grob in stationäre und mobile Ausführungen gegliedert werden, die teilweise auch für die Nutzung in rauen Umgebungen geeignet sind. Auch das Angebot an Transpondern ist vielfältig. Die Bauformen reichen vom Glas-Injektat über die elektrische Ohrenmarke bis hin zu Scheckkartenformaten, verschiedenen Scheibenbauformen sowie schlagfesten und bei bis zu 200 Grad Celsius hitzebeständigen Datenträgern für die Lackierstraßen in der Automobilindustrie.

RFID-Systeme nutzen unterschiedliche Frequenzen, vom Lang- bis zum Mikrowellenbereich. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal besteht in der zum Einsatz kommenden Speichertechnologie. Hier wird grundsätzlich zwischen Read-only- und Read-write-Systemen unterschieden. Auch die Art der Energieversorgung und die daraus resultierende Unterscheidung in aktive Transponder mit eigener Energiequelle bzw. passive Transponder, die durch das Lesegerät mit Energie versorgt werden, ist von grundlegender Bedeutung.

Aufgrund dieser Merkmale können Gruppen von RFID-Systemen gebildet und bezüglich der Leistungsfähigkeit ihrer jeweiligen Komponenten in Low-End-Systeme, Systeme mittlerer Leistungsfähigkeit und High-End-Systeme unterschieden werden. Eine weitere Gruppierung kann entsprechend ihrer jeweiligen Reichweite - also des maximal möglichen Abstandes zwischen Transponder und Lesegerät - erfolgen. Hier werden Close-Coupling-, Remote-Coupling- sowie Long-Range-Systeme unterschieden.

Anwendungspotenziale

RFID-Technologie lässt sich in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen anwenden. Theoretisch sind ihre Einsatzgebiete unbegrenzt (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version). Grundsätzlich geht es dabei immer um die Identifikation von Objekten. Bislang scheiterte eine weit verbreitete Nutzung der Technologie an den relativ hohen Kosten der Implementierung. Hierzu zählen Kosten für die Hardwarebeschaffung, die zusätzlichen Softwarekomponenten und - ein oft vernachlässigter Faktor - die Aufwendungen einer organisatorischen Anpassung an neue bzw. veränderte Geschäftsprozesse.[3]

Branchenübergreifend können die folgenden Anwendungsgebiete unterschieden werden:

Im Folgenden werden auf Basis der vorangestellten branchenübergreifenden Systematik einige ausgewählte Anwendungsbereiche von RFID-Systemen aufgezeigt.

Kennzeichnung von Objekten im Krankenhaus

Der Kostendruck im Gesundheitswesen und die zunehmenden rechtlichen Vorschriften zu einer immer besseren Leistungsdokumentation verlangen in der medizinischen Versorgung neue Lösungen. So hat beispielsweise die Gesundheitsstrukturreform Reorganisationsprozesse ausgelöst, die sich in neuen rechtlichen, organisatorischen und technologischen Konzepten niederschlagen (diagnosebezogene Fallgruppen, integrierte Versorgung).

Auf der Suche nach Innovationen, die den Arbeitsprozess in Kliniken optimieren und damit neben einer Qualitätssteigerung zu einer Kostensenkung führen, gewinnt die RFID-Technologie eine zunehmend bedeutendere Rolle. Auch wenn umfassende RFID-Lösungen für den Pharma- und Gesundheitssektor derzeit noch eher Vision als Realität sind, veranschaulicht die RFID-Technologie in verschiedenen Pilotprojekten technologische Innovationspotenziale, die neben der Authentifizierung auch die verschiedenen Möglichkeiten der Identifikation und der prozessimmanenten Qualitätssicherung umfassen. Die über den Transponder mögliche Authentifizierung der Benutzer verfolgt im Gesundheitswesen zwei Funktionen: Die Eingabe der Daten kann eindeutig zurückverfolgt und die Dokumentare festgestellt werden. Zudem wird es durch die Authentifizierung möglich, die klinischen Daten rollenbasiert nach dem Informationsbedarf anzuzeigen. Auf den Transpondern können entsprechend dem Datenschutz Zugriffsrechte gespeichert werden. Sowohl Ärzte als auch examiniertes Pflegepersonal oder Zivildienstleistende werden mit diesen Transpondern z.B. am Stationsrechner individuell und automatisch angemeldet. Während die behandelnden Oberärzte kontrollierten Zugriff auf die gesamte Patientenakte erhalten, können die Pflegerinnen und Pfleger ausschließlich die für ihren Aufgabenbereich relevanten Teile einsehen. Die Authentifizierung ist nicht nur am Stationsrechner möglich, sondern auch bei der Zutrittskontrolle zu einzelnen Räumen oder ganzen Klinikbereichen, sodass sich die Tür zum Medikamentenraum oder dem Arztzimmer nur für Befugte öffnet.[4]

Für eine umfassende RFID-Lösung ist es erforderlich, auch die Patientinnen und Patienten mit einem Transponder auszustatten. Sie erhalten bei der Aufnahme in das Krankenhaus ein Armband, das sie durch alle Behandlungsstationen begleitet und auf dem per RFID-Chip der Verweis auf die Patientendaten im Krankenhaus-Informations-System (KIS) gespeichert ist. Die behandelnden Ärzte können bei der Visite mit einem mobilen Endgerät diesen tag auslesen und erhalten alle zum Patienten gehörenden Informationen. Auf diese Weise sollen Verwechslungen ausgeschlossen werden. Die Eindeutigkeit der Identifizierung kann lebenswichtig sein, wenn medikamentöse Unverträglichkeiten vorliegen oder bestimmte Dosierungen nicht über- oder unterschritten werden dürfen. Auch bei der Identifikation der Patienten vor einer Operation oder bei der Zuordnung von Pflege- und Betreuungsleistungen kann RFID die medizinische Versorgungsleistung unterstützen. Zudem können die Patientinnen und Patienten insofern Nutzen daraus ziehen, als sie an im Krankenhaus aufgestellten Informationsterminals individuelle Information abrufen können, beispielsweise darüber, wann die nächsten Behandlungstermine anstehen.[5]

Die RFID-basierte Identifikation im Gesundheitswesen kann sich neben der Identifikation von Personen auch auf die Identifikation von Material und medizinischen Geräten beziehen. So lässt sich mit aktiver Transpondertechnologie die Kühlkettenüberwachung verschiedener Medizinprodukte direkt im Prozess und ohne zusätzlichen Aufwand durchführen. So zeichnen beispielsweise an Blutbeuteln angebrachte aktive Transponder eventuelle Temperaturabweichungen auf und beugen so einer Schädigung des Patienten durch die Verabreichung verfallener Blutkonserven vor.[6] Auch die Inventarisierung und das Bestellwesen können deutlich vereinfacht werden: Transponder an allen medizinischen Geräten erleichtern die Verwaltung des abschreibbaren Bestandes. Die ausgelesenen Informationen geben den verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus derKrankenhausverwaltung einen genauen Überblick über das Inventar und die erforderlichen Anschaffungen.

Zutritts- und Routenkontrollen

Kontaktlose Zutrittssysteme haben sich bereits auf dem Markt durchgesetzt, wenn der Anbieter eine schnelle Identifikation von Einzelpersonen oder Gruppen unterstützen oder langwierige Kontrollverfahren verkürzen möchte. Dabei sind RFID-Systeme immer dann unter ökonomischen Kriterien attraktiv, wenn Personen Kontrollpunkte wiederholt passieren müssen. Als typisches und langjähriges Einsatzfeld haben sich elektronische Zugangskontrollsysteme an Urlaubszielen etabliert, die in der Regel mit einer digitalen "Geldbörse" kombiniert werden.

So wurde in der österreichischen Region Nassfeld/Sonnenalpe in der Saison 1999/2000 eine RFID-Lösung umgesetzt, die eine Vielzahl touristischer Leistungsträger, wie Hotel-, Skihütten-, Skilift- oder Bergbahnbetreiber, einbezieht. Der Gast soll sich während des gesamten Aufenthalts "berührungs- und bargeldlos" in der Region bewegen können. Mit einer Investitionsgesamtsumme von 715 000 Euro wurden achtzig Erfassungsgeräte, zehn Standardkassensysteme sowie fünfzig so genannte Offsite Points Of Sale - Ausgabestellen in Hotels- und Beherbergungsbetrieben, Skiverleihstellen und Skischulen - aufgebaut. Leistungen können auch über das Internet oder Mobilfunknetze gebucht und bei jeder Ausgabestelle auf dem Transponder gespeichert werden. Hierfür wurde ein regionales Funknetz aufgebaut, das in über vierzig Sende- und Empfangsstationen PCs mit einem Server verbindet, der Gästedaten zentral speichert.

Zum Einsatz kommen zwei unterschiedliche Typen von Transpondern im Kartenformat: Karten im Frequenzbereich von 122,8 kHz werden für Multiapplikationskarten genutzt (die auch als "Hotelschlüssel" Verwendung finden), Karten im Frequenzbereich von 13,56 MHz finden als Skipass Verwendung. Die Speichergröße beträgt bei den eingesetzten 13,56-MHz-Karten 2048 Bit. Die 13,56-MHz- Datenträger haben eine Up- und Downlink-Geschwindigkeit von bis zu 26 kbit pro Sekunde, die 122,8-kHz-Karten nur von drei kbit. Zwar erfüllt das Kartenformat die ISO-Norm 7810 und hat damit die typischen Chipkartengröße von 85,6 × 54 Millimeter. Das eigentliche RFID-System jedoch ist kein ISO-Datenträger. Der maximale Lese- und Schreibabstand beträgt jeweils 40 Zentimeter.

Antikollisionsverfahren sind zwar grundsätzlich möglich, wurden aufgrund einer "extremen Verschlechterung der Performance" auf der Hardware-Seite im Erfassungsgerät aber nicht umgesetzt. Da Personen im Ski-Bereich einen durchschnittlichen Abstand von 80 Zentimetern halten, ist auch die Zahl der Transponder im Erkennungsbereich begrenzt. Um Fehler bei der Übertragung der Daten erkennen zu können, wird der Cyclic Redundancy Check eingesetzt. Auf den meisten der verwendeten Datenträger ist es möglich, mehrere Ebenen mit Berechtigungen zu belegen (z.B. Skipass auf der ersten Ebene, Hotelschlüssel auf der zweiten Ebene). Die Berechtigungen werden passwortgeschützt gespeichert. Eine Verschlüsselung der gespeicherten Daten erfolgt für jede einzelne Ebene.

Den Gästen wird bei Ankunft eine Karte für Zimmer, Skidepot, Skiverleih, Skipass und Geldbörse ausgestellt. Je nach den gebuchten Leistungen ermöglicht die Karte den Zutritt zu Skilifts, die Nutzung des Ski- und Boardverleihs sowie weiterer Angebote in der gesamten Region. Typischerweise erfolgt die Zutrittskontrolle über Schleusensysteme oder durch in Türrahmen installierte Zugangskontrollen. In Bars und Restaurants werden zu zahlende Beträge mit mobilen Erfassungsgeräten abgebucht. Die hohe Akzeptanz auf der Kundenseite begründen die Betreiber vor allem mit der Bequemlichkeit für den Kunden. Am Skilift entfällt das umständliche Suchen nach dem Skipass. Sofern die Karte verloren geht, kann sie schnell gesperrt und neu ausgestellt werden. Die Wartezeiten an den Verkaufsstellen werden verkürzt.

Für den Betreiber ergeben sich Einsparungspotenziale durch den schnelleren Zugang beispielsweise an Skilifts, durch den geringeren Personalaufwand bei der Zutrittskontrolle oder durch die schnellere Abwicklung von Zahlungsprozessen. Darauf aufbauend ermöglichen es die Daten des zentralen Marketingservers auch, das Leistungsangebot einzelner Leistungsträger oder des Zielgebietes insgesamt zu optimieren. Die Anwendung ermöglicht eine detaillierte Auswertung der Daten einzelner Kunden bzw. der Nachfrage nach Leistungen und des Umsatzvolumens insgesamt. Es entsteht eine große Menge personenbezogener Daten, die durchaus ein genaues Bild der Präferenzen und der Aufenthaltsorte bzw. der Pfade des Kunden während des Aufenthaltes in der Region abgeben können. An jeder Kasse kann eine genaue Routenverfolgung des Datenträgers erfolgen (benutzte Anlagen, zurückgelegte Höhenmeter). Diese Daten können für die Optimierung der Liftauslastung und die Infrastrukturplanung herangezogen werden. Gegenwärtig wird an Programmen gearbeitet, die diese Kundenströme grafisch darstellen sollen und damit auch dem Skigast eine Information über die Gebietsauslastung geben können.

Tickets für die Fußball-Weltmeisterschaft

Breites öffentliches Interesse weckt der Einsatz von RFID-Systemen im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft (WM) 2006 in Deutschland. So plant das Organisationskomitee des Deutschen Fußball-Bundes, alle Eintrittskarten mit Transpondern und die Eintrittsschleusen der zwölf Stadien mit RFID-Lesegeräten auszustatten. Die Transponder werden eine Reichweite von zehn Zentimetern haben, das heißt, Besucherinnen und Besucher müssen die Tickets gezielt an die Lesegeräte heranführen. Im Rahmen des Confederation Cups im Sommer vergangenen Jahres wurde das System bereits im Stadion in Frankfurt/Main erfolgreich getestet.

Die Eintrittskarten werden zu 95 Prozent über das Internet nachgefragt. Am ersten Verkaufstag wurden rund acht Millionen Zugriffe auf den Server der WM 2006 verzeichnet. Das Interesse an Tickets übersteigt das Angebot deutlich. Das Organisationskomitee geht davon aus, dass dem Angebot von drei Millionen Eintrittskarten für die 64 Spiele eine Nachfrage in Höhe von etwa 50 Millionen Bestellungen - vergleichbar der letzten WM in Japan und Südkorea - gegenübersteht. Die Ticketpreise variieren zwischen 35 Euro für die günstigsten Karten in einem Vorrundenspiel und 100 bis maximal 600 Euro für das Endspiel.[7] Diese Zahlen verdeutlichen, dass Tickets für die WM ein knappes Gut sind. Trotzdem soll die Nachfrage nicht über den Preis, sondern über eine Verlosung der meisten Karten geregelt werden.[8]

Vor diesem Hintergrund bietet die RFID-Technologie einige Vorteile gegenüber anderen Zutrittssystemen:

Datenschützer und Datenschutzexperten erkennen an, dass bei der Fußball-Weltmeisterschaft eine "Sondersituation mit besonderen Gefährdungen gegeben" ist und dass sich das Organisationskomitee des DFB nicht den Auflagen der FIFA entziehen kann. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass die RFID-Anwendung anlässlich der WM nicht ohne Anpassungsmaßnahmen im Rahmen der Bundesliga weitergeführt werden kann: So ist es in Deutschland unzulässig, Seriennummern der Personalausweise so zu nutzen, dass "mit ihrer Hilfe ein Abruf personenbezogener Daten aus Dateien oder eine Verknüpfung von Dateien möglich ist".[11] Die Personalisierung der Tickets anlässlich der WM ist allein der besonderen Situation geschuldet und sollte eine Ausnahme darstellen.[12]

Logistiknetzwerke

Durch ihre Transparenz werden der RFID-Technologie hohe Chancen zugesprochen, logistische Prozessabläufe effizienter steuern zu können. Im Kern geht es um die Erschließung von Rationalisierungspotenzialen innerhalb unternehmensübergreifender Wertschöpfungsketten bzw. um größtmögliche Effizienz bei den übergreifenden Material-, Informations- und Geldmittelflüssen. Durch den Einsatz der RFID-Technologie können Produkte und Materialien in Echtzeit bis auf "Losgröße Eins" über das gesamte Logistiknetzwerk hinweg verfolgt werden. Zudem ist eine Integration materieller betrieblicher Ressourcen mit bestehenden IT-Systemen möglich. An den Waren angebrachte Funkchips liefern Daten zu Produkten und ihren zeitlichen und räumlichen Bewegungen. Voraussetzungen sind die Definition gemeinsamer Standards sowie Lösungen, die Kosten und Nutzen adäquat auf die beteiligten Akteure der Wertschöpfungskette verteilen.

Den Untersuchungsergebnissen einer Studie von Booz Allen Hamilton und der Universität St. Gallen[13] zufolge rechnet sich der Einsatz von RFID in denjenigen Branchen, in denen aufgrund hoher Nachweispflichten höchste Prozesssicherheit erforderlich wird und zudem ein geschlossener Logistikkreislauf die Wiederverwendbarkeit der bislang noch teuren Chips sicherstellt, etwa in der Automobilindustrie. Offene Systeme, die heute Grundlage der Anwendung im Handel und der Konsumgüterindustrie sind, kommen laut Studie dagegen aufgrund der hohen Investitionen in Chips, Reader-Infrastruktur und Systemintegration noch nicht auf ein Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Nichtsdestotrotz ist der Einzelhandel vor dem Hintergrund des intensivierten Wettbewerbsdrucks bestrebt, mithilfe der RFID-Technologie die Kosten in der Logistik flächendeckend zu senken. So bildet der METRO Group Future Store - eine Kooperation der METRO Group mit SAP, Intel und IBM sowie weiteren Partnerunternehmen aus den Bereichen Informationstechnologie und Konsumgüterindustrie - im nordrhein-westfälischen Rheinberg das Pilotprojekt für Supermärkte mit einem Bündel von technologischen Neuerungen, darunter die RFID-Identifikation. Eingesetzt wird sie derzeit hauptsächlich in der Lieferkette und im Lager des Future Stores zur Erprobung der Technologie. In weiteren Ausbaustufen soll der Einsatz ausgeweitet werden. Dieser Einsatz entspricht den Ergebnissen einer Studie, die für die Warenwirtschaft zwei zentrale Vorteile der RFID-Technologie benennt: die Reduzierung von Beständen und damit die Reduzierung von Lager- und Kapitalbindungskosten sowie die Reduzierung von Personalkosten in den Geschäften und Lagern.[14]

RFID-Systeme werden zunehmend auch zur logistischen Optimierung von Umschlagsplätzen wie Flughäfen oder Häfen genutzt. Auf dem Container-Terminal Altenwerder (CTA) des Hamburger Hafens werden bereits heute Verladung, Zwischenlagerung und Weitertransport der standardisierten Stahlboxen nahezu lückenlos von einem Computerprogramm organisiert. Sieben halbautomatische Brücken am Kai platzieren die Container präzise auf 35 fahrerlose Lastwagen, die - über elektromagnetische Transponder geleitet - jeweils einen der elf Lagerblöcke ansteuern. Auf dem CTA-Gelände werden die Routen der automatischen Fahrzeuge über einen Computer geplant und gesteuert. Ein feinmaschiges Netz von im Asphalt integrierten Transpondern kontrolliert dabei ständig die Position der Fahrzeuge in dem 100 mal 1400 Meter großen Areal zwischen Kai und Lager. Bis Ende 2005 sollten nahezu 12 000 Transponder im Asphalt versenkt sein und insgesamt 65 computergesteuerte, automatische Fahrzeuge mit stets aktualisierten Positionsdaten versorgen.[15]

Ausblick

In einzelnen Anwendungszusammenhängen konnte aufgezeigt werden, welche Vorteile der Einsatz von RFID-Systemen beispielsweise für das Gesundheitswesen oder für Logistik-Dienstleister bieten kann. Chancen lassen sich vor allem in Anwendungsgebieten und Branchen ausmachen, in denen Produktivitätsfortschritte durch eine verstärkte Automatisierung erzielt werden sollen.

Zu den Hauptwachstumsfaktoren für die weitere Verbreitung von RFID-Systemen zählen sinkende Preise und zunehmende gesetzliche Vorgaben. Aber auch die Kompatibilität und Interoperabilität sowie die Durchsetzung von einheitlichen Standards sind wesentliche Elemente, welche die Entwicklungsmöglichkeiten von RFID-Systemen maßgeblich beeinflussen. Positive Impulse gehen zudem von der zunehmenden Bekanntheit der RFID-Lösungen und vom Angebot kundenorientierter Lösungen aus.

Die Marktdaten und Berichte zum Einsatz von RFID-Systemen sind häufig punktuell, beziehen sich auf einzelne volkswirtschaftliche Sektoren und Anwendungsgebiete und geben keinen übergreifenden Marktüberblick. Die verwendeten Datengrundlagen, Erhebungsmethoden und Marktabgrenzungen sind sehr unterschiedlich, nicht immer transparent und daher nicht miteinander vergleichbar. Der Stand der Diffusion, der Umsätze und der Marktanteile von RFID-Systemen bleibt in der Folge national wie international unscharf. Ob sie zukünftig als Massentechnologie eingesetzt wird, hängt nicht zuletzt von den Erfolgen der laufenden Pilotprojekte von Pionieranwendern ab.

Auf der Grundlage von RFID-Systemen können Daten sehr viel leichter als bisher gesammelt werden. Im Zuge der weiteren Verbreitung der RFID-Technologie stellt sich die Frage, wer darüber bestimmen kann oder darf, ob und mit welchen Informationen elektronisch aufgewertete Dinge verknüpft werden. Um die Chancen von RFID zu nutzen und gleichzeitig die Bedrohung für die Persönlichkeitssphäre so gering wie möglich zu halten, müssen die Grundsätze eines zeitgemäßen Datenschutzrechts in RFID-Systemen bereits frühzeitig im Design-Prozess und in der Markteinführung umgesetzt werden. Hierzu zählen vor allem der Grundsatz der Datensparsamkeit und die schnellstmögliche Anonymisierung oder Verschlüsselung personenbezogener Daten. Dies gilt umso mehr, als politische und rechtliche Rahmenbedingungen im Zuge der fortschreitenden Globalisierung zunehmend schwieriger zu gestalten sind.

Internetempfehlungen der Autorinnen

Die Abschätzung der Chancen und Risiken des Einsatzes von RFID-Systemen mit Blick auf die Informationssicherheit und den Datenschutz und einem Überblick über die Anwendungspotenziale der RFID-Technologie ist Gegenstand der Studie "Risiken und Chancen des Einsatzes von RFID-Systemen". Sie wurde im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in einer interdisziplinären Kooperation des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) erstellt. Die Studie ist kostenlos in deutscher und englischer Sprache im Internetangebot des IZT unter www.izt.de/publikationen/andere_verlage erhältlich. Barrierefreie Fassungen stehen auf dem Server des BSI unter www.bsi.bund.de/fachthem/rfid/studie.htm bereit.

Fußnoten

1.
Zu Fragen der Informationssicherheit vgl. die unter Mitwirkung der Autorinnen erstellte Studie "Risiken und Chancen des Einsatzes von RFID-Systemen" (s. Kasten am Ende des Textes).
2.
Zu den spezifischen Risiken von RFID-Systemen im Bereich des Datenschutzes vgl. den Beitrag von Alexander Roßnagel in diesem Heft.
3.
Vgl. Progress Software, RFID-Integration - Brückenschlag vom Transponder zur Unternehmensanwendung, www.progress.com/worldwide/de/docs/rfid_whitepaper_de_gif.pdf (27.11. 2005).
4.
Vgl. Optimierung von Betreuung und Wirtschaftlichkeit in Kliniken, www.n-tier.de/2_Produkte/2_1/2_1_2/hp_wireless_clinic_d.pdf (28.11. 2005).
5.
Auf dieser Basis hat beispielsweise Arcor im Sana-Klinikum-Remscheid ein Pilotprojekt realisiert; vgl.http: // isis.de / RFID-Technologie _ und _ Koerpersen. 914.0.html (29.11. 2005).
6.
Vgl. ACG Identification Technologies GmbH, www.acq.de (2.7. 2004).
7.
http://fifaworldcup.yahoo.com/06/de/tickets/prices.html (28.11. 2005).
8.
Vgl. Willi Behr, Consultant Ticketing für die FIFA Fußball WM 2006, Vortrag anlässlich des Berliner Zukunftsgesprächs "Pervasive Computing - Chancen und Risiken einer neuen Technologie" des IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung am 26.10. 2005.
9.
Wie Anm. 7.
10.
Vgl. Ecin, Fußball-WM 2006 baut auf RFID, www.ecin.de/news/2004/01/16/06623 (27.11. 2005).
11.
Vgl. die datenschutzrechtlichen Bestimmungen des Gesetzes über Personalausweise (PAuswG).
12.
Vgl. Alexander Dix, Berliner Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, Vortrag anlässlich des Berliner Zukunftsgespräch "Pervasive Computing" (Anm. 8).
13.
Vgl. Booz Allen Hamilton in Kooperation mit der Universität St. Gallen, RFID-Technologie: Neuer Innovationsmotor für Logistik und Industrie?, www.boozallen.de/content/downloads/5h_rfid.pdf (14.12. 2005).
14.
Vgl. RFID spart dem deutschen Einzelhandel sechs Milliarden Euro pro Jahr: Nutzen für Händler - Kosten für Hersteller, Pressemitteilung vom 8.3. 2004, www.atkearney.de/content/veroeffentlichungen/pressemitteilungen_detail.php/id/49046 (14.11. 2005).
15.
Vgl. Torsten Engelhardt, Der Hamburger Hafen, in: Geo, (2003) 11; Thomas Koch, Automatik-Portalkrane im CTA-Containerlager, in: Hebezeuge und Fördermittel, 44 (2004) 11; Produktinformation der IND - Mobile Datensysteme GmbH, Willich: Transportaufträge via Datenfunk.

Britta Oertel, Michaela Wölk

Zur Person

Britta Oertel

M.A., Informationswissenschaftlerin und Geografin; Mitarbeiterin des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gGmbH (IZT), Schopenhauerstraße 26, 14129 Berlin.
E-Mail: b.oertel@izt.de


Zur Person

Michaela Wölk

M.A., Informationswissen- schaftlerin und Volkswirtin; Mitarbeiterin des IZT.
E-Mail: m.woelk@izt.de


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