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26.11.2007

Neue Museen - neue Geschichte?

Sinn und Zweck der jüngsten deutschen Erinnerungspolitik zeigen Konzeptionen für historische Ausstellungen und Gedenkstätten. Die Verordnung eines Geschichtsbildes ist in unserer pluralistischen Gesellschaft jedoch nicht möglich.

Einleitung

Zum wiederholten Male bescherte ein Historiendrama dem Fernsehen einen Quotenhit: Als die ARD im März 2007 den Zweiteiler "Die Flucht" ausstrahlte, verfolgten durchschnittlich fast 11 Millionen Zuschauer den Fernsehfilm über den deutschen Exodus aus Ostpreußen im Winter 1944/45. Die hohe Zuschauerzahl freute nicht nur die Programmverantwortlichen des Senders, auch die deutschen Vertriebenenverbände zeigten sich zufrieden, war doch das große Zuschauerinteresse an der Leidensgeschichte der Heimatvertriebenen der vermeintliche Beweis dafür, dass der langjährige, von Verbandsseite erbrachte Einsatz für ein "Zentrum gegen Vertreibungen" im Einklang mit den Erinnerungswünschen der Bundesbürger stünde. Erfolgsquoten für ein mit Herzschmerz und dosierter Action beladenes Eventmovie wurden zum schlagenden Argument gegen "alle, die sich immer noch sträubten, ein sichtbares Zeichen zur Erinnerung an die Leiden der Deutschen durch Flucht und Vertreibung zuzulassen."[1]




Dabei war soviel argumentativer Einsatz gar nicht mehr nötig. Die Politik hatte in der Frage eines möglichen Zentrums gegen Vertreibungen schon längst entschieden: Nach jahrelanger Debatte über das Für und Wider einer solchen Einrichtung hatte sich die Große Koalition im Jahre 2005 "zur gesellschaftlichen wie historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung" bekannt und darauf verständigt, "im Geiste der Versöhnung in Berlin ein sichtbares Zeichen zu setzen".[2] Inzwischen hat diese Absichtserklärung konkretere Züge angenommen: Unter Federführung des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien soll in Berlin ein Erinnerungsort gestaltet werden, dessen "wesentlicher Bestandteil eine Dauerausstellung sein wird".[3] Damit offenbart sich einmal mehr jenes Merkmal, das (nicht nur) in Deutschland den öffentlichen Umgang mit der Vergangenheit zu bestimmen scheint: Die Politik wird zum Auftraggeber für die Herstellung und Pflege von historischer Erinnerung. Sie zielt auf ein Wachhalten von historischen Ereignissen und Entwicklungen im Bewusstsein der Bevölkerung und beeinflusst, ja steuert auf diese Weise die Erinnerungskultur.[4]

Eine zentrale Aufgabe zur Konservierung von Erinnerung - diesen Rückschluss lässt das obige Beispiel zu - übernimmt hierbei die historische Ausstellung. Als "erinnerungskulturelle Ressource"[5] scheint das Geschichtsmuseum für die Politik von besonderem Interesse zu sein, bieten doch historische Ausstellungen die Möglichkeit zur Instrumentalisierung der Vergangenheit, zur Nutzbarmachung von Geschichte für Gegenwartszwecke: Auf dem Wege einer musealen Präsentation von Vergangenheit kann bestimmten, im Einklang mit der jeweiligen politischen Überzeugung stehenden Geschichtsbildern Wirkungsmacht verliehen werden. Solche Geschichtsbilder sollen bei den Museumsbesuchern - in der Regel wird dabei unabhängig von Bildung und sozialer Herkunft auf die Gesamtheit der Bürger gezielt[6] - ein historisches Bewusstsein schaffen, das die Identifikation mit jenen Traditionsbeständen ermöglichen soll, die im Sinne der politischen Auftraggeber als erinnerungswürdig und sinnstiftend für Gegenwart und Zukunft gelten können. Als Medium einer solchen Erinnerungspolitik wird das Museum letztlich selbst zu einem Bestandteil der "politics of memory",[7] zu einem spezifischen Ausdruck bundesrepublikanischen Traditions- und Staatsbewusstseins. Der geschichtspolitische Impetus musealer Arbeit ist unübersehbar.[8]

Doch welche konkreten Ziele verfolgt die von der Politik auf den Weg gebrachte museale Vermittlung von Geschichte in Deutschland? Handelt es sich dabei tatsächlich um den Versuch, für die Gegenwart eine Kontinuität mit einer positiv besetzten Vergangenheit aufrechtzuerhalten, also um jene bewusst betriebene "invention of tradition", die der britische Historiker Eric Hobsbawm als ein wesentliches Merkmal einer Nation im Umgang mit ihrer Vergangenheit betrachtet hat?[9] Und stützen historische Ausstellungen nicht ebenso das Konzept der sog. "imagined communities", jene Vorstellung des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Benedict Anderson, die den Zusammenhalt des Nationalstaates durch ein künstlich erzeugtes Gemeinschaftsgefühl bewahrt sieht; einen Gemeinsinn, der die Identität auch von Menschen erlaubt, die nicht mehr nur in direkten persönlichen Beziehungen zueinander stehen?[10] Sind es nicht die verschiedenen Institutionen der Erinnerung, Museen wie Gedenkstätten, die mit einer zur Schau gestellten ausgewählten Geschichte die Gültigkeit des Prinzips von der "Erfindung der Nation" beweisen?[11] Und wenn dem wirklich so ist, welche Geschichte soll überhaupt wie erinnert werden, damit sich die Deutschen der Gegenwart als zusammengehörig empfinden? Dient etwa ein Spickzettel, mit dessen vermeintlicher Hilfe der Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft beim Elfmeterschießen im Viertelfinale der Fußball-WM 2006 die entscheidenden Schüsse parierte, tatsächlich noch der Herstellung eines nationalen Gemeinschaftsgefühls oder wird hier die Geschichte nur mehr bloß als Erlebnis besucherorientiert und unterhaltsam präsentiert?[12]

Ein Blick auf die in der Bundesrepublik in der jüngeren Vergangenheit stattfindenden Diskussionen um Museen und historische Ausstellungen soll helfen, die Frage nach der Rolle politischer Akteure und ihrer Ziele, aber auch nach deren tatsächlichen Einflussmöglichkeiten in der museal vermittelten Erinnerungskultur zu beantworten. So steht die Frage im Mittelpunkt, ob mit den jüngsten Plänen von Museumsgründungen in Deutschland auch ein neues Geschichtsbild verbreitet werden soll.

Zunächst aber sollen die Rahmenbedingungen von Kulturpolitik in Deutschland skizziert werden, jenes Politikfeld, das für Ausbau und Entwicklung staatlich geförderter Erinnerungsorte verantwortlich zeichnet:[13] Gemäß dem Grundgesetz ist Kulturpolitik in der Bundesrepublik zwar größtenteils Ländersache, jedoch übernimmt der Bund vor dem Hintergrund seiner gesamtstaatlichen Verantwortung die Zuständigkeit für Aufbau und Förderung gesamtstaatlich bedeutsamer kultureller Einrichtungen sowie für die Bewahrung und den Schutz des kulturellen Erbes. Wahrgenommen werden diese Aufgaben von dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Mit dem Bundesbeauftragten korrespondiert der vom Deutschen Bundestag eingesetzte Ausschuss für Kultur und Medien; dieser legt dem Parlament - sofern der Ausschuss federführend und nicht bloß mitberatend ist - eine Beschlussvorlage vor, welche die Grundlage für die abschließende Abstimmung im Plenum bildet. Nun darf man sich allerdings nicht vorstellen, die Beratungen würden bis zur Beschlussfindung hinter verschlossenen Türen und nur im Kreise von Berufspolitikern verlaufen. Gerade in Fragen der geschichtlichen Aufarbeitung ziehen der Bundesbeauftragte und der Ausschuss regelmäßig Experten zu Rate. Deren Empfehlungen, meist über einen längeren Zeitraum in einer extra dafür eingesetzten Kommission erarbeitet, sollen die - keineswegs verbindliche - Grundlage für den weiteren Meinungsaustausch bis zum endgültigen Entschluss des Parlaments bilden. Eine besondere Transparenz soll der Entscheidungsfindungsprozess zudem durch öffentliche Anhörungen sowie die Diskussion von ausgewählten Schwerpunktthemen in öffentlichen Sitzungen erhalten.

Streitfall DDR-Geschichte

Getreu dieser Vorgehensweise verläuft seit Jahren auch die vom Bund intendierte und geförderte historische Aufarbeitung der SED-Diktatur. In diversen Konzeptionen zum erinnerungspolitischen Umgang mit der DDR hat die Politik seit 1990 auf das Fachwissen von Expertenkommissionen zurückgegriffen: von der vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission über die sogenannte Vergin-Kommission, die Vorschläge für die Nutzung der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße in Berlin erarbeitete, bis hin zu der 2005 von der Vorgängerin des jetzigen Bundesbeauftragten einberufenen Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED-Diktatur". Letztgenanntes Gremium, bekannt auch als Sabrow-Kommission, hat in seinen nicht unumstrittenen Empfehlungen den Möglichkeiten einer künftigen musealen Gestaltung der DDR-Geschichte besondere Bedeutung zugemessen.[14]

Von der Bundesregierung aufgefordert, "Eckpunkte eines DDR-bezogenen Geschichtsverbundes zu formulieren, der die dezentrale Struktur der Erinnerungslandschaft beibehalten, aber die Orte des Erinnerns konzeptionell und praktisch stärker aufeinander beziehen und vernetzen sollte",[15] sprach sich die Kommission in ihrem Gutachten "für die zukünftige Ausrichtung der DDR-Aufarbeitung im Zusammenwirken von Musealisierung, Gedenkstättenarbeit und politischer Bildungsarbeit auf drei übergeordnete Themenbereiche aus." Diese lauteten: "Herrschaft - Gesellschaft - Widerstand", "Überwachung und Verfolgung" sowie "Teilung und Grenze".[16] Im Hinblick auf eine Visualisierung der DDR-Geschichte sollten alle drei Themenbereiche durch Ausstellungen bzw. Dokumentationen erfahrbar gemacht werden, dabei war jedoch die Forderung nach "einem Ort in der Hauptstadt, der die Machtmechanismen der SED-Diktatur und die Durchdringung von Herrschaft, Gesellschaft und Widerstand in der kommunistischen Diktatur darzustellen vermag" ein zentrales Anliegen der Kommission. Gewünscht wurde ein Museum im Zentrum Berlins, in dem "die Themen Widerstand und Opposition', Ideologie', Alltag in der durchherrschten Gesellschaft' und Mechanismen der Machtausübung' (...) in Ausstellungen zu präsentieren und darüber hinaus Informationsmöglichkeiten und Vermittlungsangebote zur Geschichte der DDR im deutschen und europäischen Kontext zu schaffen wären."[17] - Quasi ein Haus der Geschichte der untergegangenen DDR, jedoch im Unterschied zur existierenden Einrichtung in Bonn diesmal mit dem geschichtspolitischen Zweck der Tradierung einer negativ konnotierten Erinnerung.

Nun hatte die Kommission das Pech, in Zeiten einer politischen Machtverschiebung agieren zu müssen. Noch unter der Rot-Grünen Bundesregierung eingesetzt, hatte sie nach der Bundestagswahl im September 2005 nicht nur einem neuen, aus Reihen der CDU stammenden Bundesbeauftragten zu berichten, sondern sah sich darüber hinaus mit einem in der Öffentlichkeit wiedererstarkten konservativen Selbstbewusstsein konfrontiert. Neben einiger berechtigter Kritik erinnerten die erhobenen Vorwürfe an den Vorschlägen der Kommission doch auf erstaunliche Weise an frühere Argumentationsweisen aus der in den 1980er Jahren geführten Debatte um die Gründung des Hauses der Geschichte und des Deutschen Historischen Museums - nur diesmal von der anderen Seite. Waren es damals die Bedenken von Linken wie Linksliberalen gegenüber einem staatlich verordneten konservativen Geschichtsbild,[18] machten nun eher konservative Stimmen gegen eine befürchtete Verklärung der DDR-Diktatur durch ein allzu sehr "linkes" Geschichtsbild mobil.

Hinter der von der Kommission befürworteten Schwerpunktsetzung auf den DDR-Alltag vermutete mancher Kritiker einen von Rot-Grün verordneten Paradigmenwechsel in der geschichtlichen Aufarbeitung des zweiten deutschen Staates, eine Weichzeichnung der SED-Diktatur.[19] "Geschichtspolitische Zielsetzungen und Interessen", so Horst Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, das im Gegensatz zur "Konkurrenz" vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam kein Kommissionsmitglied stellte, seien nicht nur "maßgeblich für Entstehungsweise und Zusammensetzung" gewesen, sondern "diese Interessen spiegeln sich [auch] im Gutachten".[20]

Derartige Stellungnahmen zeugen von der Existenz einer Rivalität, die über die rein wissenschaftliche Auseinandersetzung hinausgeht; sie sind Ausdruck eines Gegensatzes zwischen den Fachvertretern als Angehörige bzw. Befürworter der unterschiedlichen politischen Geisteshaltungen. Darüber hinaus unterstreichen sie den Wettbewerb um materielle wie immaterielle Ressourcen: Wer als wissenschaftlicher Experte in den Dienst der Politik berufen wird, darf sich nicht nur über eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für seine Person sowie für die beschäftigende Forschungseinrichtung, sondern nicht selten auch über zusätzliche Finanzmittel freuen.[21]

In Anbetracht der teilweise doch geharnischten Kritik an den Empfehlungen der Sabrow-Kommission mag es erstaunen, dass der Kulturstaatsminister in seinem dem Ausschuss für Kultur und Medien im Sommer 2007 vorgelegten Entwurf zur Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption nicht wenige Vorschläge des Expertengremiums aufgegriffen hat - und sich dennoch im Hinblick auf die museale Präsentation von DDR-Geschichte vom Gutachten unterscheidet. Ausgehend von einer Erinnerungspolitik, die einerseits die Aufarbeitung von Ursachen und Folgen sowohl der nationalsozialistischen als auch der SED-Diktatur zu betreiben und "die Erinnerung an das Unrecht wach [zu] halten" habe sowie andererseits "das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und der SED-Diktatur vor allem am Ort ihrer Leiden in angemessener Weise [zu] würdigen und Wissen über die historischen Zusammenhänge [zu] vermitteln habe",[22] sollen Museen und Ausstellungen zusammen mit Gedenkstätten wie bisher einen Schwerpunkt innerhalb der staatlich geförderten Erinnerungsarbeit bilden. Innerhalb eines sogenannten "Geschichtsverbundes SED-Unrecht" - im Gegensatz zu dem unter der Vorgängerregierung gewählten Begriff "Geschichtsverbund Aufarbeitung der SED-Diktatur'" scheint hier der Unrechtscharakter des SED-Regimes im Sinne der konservativen Kritiker eine deutlichere Gewichtung erhalten zu haben. So soll das Thema "Teilung und Grenze" im "Tränenpalast" (ehemalige Grenzübergangsstelle in Berlin-Mitte) museal aufbereitet werden, die Themen "Überwachung und Verfolgung" sowie "Widerstand gegen die Diktatur der SED" in der Normannenstraße (ehemalige Zentrale der Staatssicherheit). Das Thema "Alltag in der DDR" soll hingegen keinen räumlich fest zugewiesenen Platz in Berlin erhalten. Stattdessen sollen sich die Dauerausstellungen des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, des Deutschen Historischen Museums in Berlin sowie des Hauses der Geschichte in Bonn dem Alltagsleben in der DDR widmen.[23]

Von einem Museumsneubau in der Hauptstadt - Heimstätte einer Gesamtausstellung zur DDR-Geschichte, wie sie die Sabrow-Kommission, aber auch mancher Kritiker empfohlen hatte[24] - ist im Entwurf des Kulturstaatsministers keine Rede. Ob dafür alleine finanzielle Gründe ausschlaggebend sind oder ob sich dahinter vielleicht geschichtspolitische Motive verbergen, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Man darf in jedem Fall gespannt sein, inwieweit der Ausschuss für Kultur und Medien dem Konzept folgen wird und ob jüngste Ereignisse wie der angebliche Sensationsfund eines Stasi-Schießbefehls, der in ähnlicher Form jahrelang als Exponat im Informations- und Dokumentationszentrum der Birthler-Behörde zu sehen war und so den musealen Umgang mit der DDR-Geschichte in Frage stellt, die Entscheidung der Politiker beeinflussen wird.[25]

Erinnerungspolitik der Großen Koalition

Weitaus weniger Diskussionsbedarf scheint dagegen in Deutschland hinsichtlich der staatlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu bestehen. Hier hat sich in der deutschen Erinnerungskultur bis heute ein Konsens über die Bedeutung von Holocaust und NS-Verbrechen ausgebildet. War es nach der Wiedervereinigung noch zu lebhaften Debatten über den Umgang mit dem Nationalsozialismus in der DDR und dessen Integration in ein Erinnerungskonzept des wiedervereinigten Deutschlands gekommen,[26] haben sich die Mahn- und Gedenkstätten der früheren DDR nach notwendiger Neugestaltung inzwischen zu beispielhaften "zeithistorischen Museen an authentischen Orten" entwickelt.[27] Gemeinsam mit den zahlreichen Erinnerungsorten des SED-Regimes[28] sind sie heute ganz dem Grundprinzip bundesdeutscher Erinnerungspolitik verpflichtet: der Aufrechterhaltung des "antitotalitären Konsens[es] in der Gesellschaft" und des "Bewusstsein[s] für den Wert der freiheitlichen Demokratie".[29]

Die staatlich dirigierte Orientierung an diesem Grundprinzip bedeutet allerdings nicht, dass die museale Visualisierung des Themas "Nationalsozialismus" diskussionsfrei und ohne wissenschaftliche wie zivilgesellschaftliche Kontrolle abliefe. Denn ebenso wie beim Ausstellungsgegenstand "SED-Diktatur" konkurrieren hier unterschiedliche Geschichtsbilder, erinnerungskulturelle Sichtweisen und museumspädagogische Ansätze miteinander; dies zeigt beispielhaft die speziell auf die Darstellung des nationalsozialistischen Völkermords zielende Kritik an der im Juni 2006 eröffneten Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums mit dem Titel "Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen". Es waren dabei vor allem längst überholte präsentationstechnische Standards und die ungeschickte Platzierung der Thematik "Holocaust" innerhalb der Ausstellung, die bei manchem Beobachter für Unmut sorgten.[30] Überhaupt scheinen die Schwierigkeiten in der musealen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weit weniger aus der Frage "Was soll gezeigt werden?" herzurühren; Probleme wie sie rund um die Topographie des Terrors, aber auch bei den nichtstaatlichen Ausstellungsorganisatoren der umstrittenen Wehrmachtausstellung aufgetreten sind, verweisen vielmehr auf die Relevanz der Frage "Wie, unter welchen Bedingungen, soll etwas gezeigt werden?"[31]

In Anbetracht der Tatsache, dass Museumsprojekte in Deutschland mit erhöhter politischer, wissenschaftlicher und medialer Aufmerksamkeit begleitet werden, ist es erstaunlich, dass ein Vorhaben wie die eingangs erwähnte Errichtung einer Dokumentations- und Ausstellungsstätte gegen Flucht und Vertreibung nach jahrelanger kontrovers geführter Debatte heute nahezu unbemerkt in die konkretere Planungsphase eingetreten ist. Anders als bei der Sabrow-Kommission ist es hier bisher nicht zu Diskussionen gekommen - weder um die Zusammensetzung des den Kulturstaatsminister beratenden Expertenkreises, noch um die inhaltliche Ausrichtung der Empfehlungen. Als Projekt der Großen Koalition scheint das in Berlin zu errichtende "sichtbare Zeichen" zumindest in der Entwurfsphase auch ein Ausdruck eines Konsenses in der Erinnerungspolitik der Koalitionspartner zu sein.

Es bleibt aber abzuwarten, ob die Ruhe in dieser Angelegenheit die regierungsinterne Abstimmung überdauern wird und inwieweit Opposition und Öffentlichkeit das Planungskonzept, von dem bis Redaktionsschluss noch nichts verkündet worden ist, rezipieren werden. Es bedarf aber keiner hellseherischer Fähigkeiten, um vorhersagen zu können, dass es nach Bekanntgabe des geplanten Ausstellungskonzeptes - wie immer es aussehen mag - einmal mehr zu einem politisch motivierten Kampf um das "richtige Gedächtnis"[32] kommen wird. Das Medium Museum wird dann wieder zu einem Vorwand in erster Linie der Geschichtswissenschaft werden, um eine Auseinandersetzung besonders über die Methoden der Geschichtsschreibung medienwirksam auszutragen. Ein Blick auf die in der Vergangenheit geführten Auseinandersetzungen um historische Ausstellungen legt diesen Schluss nur allzu nahe.[33] Gleichwohl lässt die heterogene Zusammensetzung des beteiligten Expertenkreises[34] darauf hoffen, dass die Ausstellung mit ihrem selbst formulierten Anspruch einer transnationalen, gesamteuropäischen Perspektive auf die Thematik "Flucht und Vertreibungen im 20. Jahrhundert" tatsächlich Ernst macht und damit nicht dem Weg einer musealen Visualisierung der nationalen Meistererzählung folgt. Überdies ist interessant, wie das "sichtbare Zeichen" in die Erinnerungslandschaft Berlin mit ihrem Schwergewicht auf der Aufarbeitung von nationalsozialistischem und SED-Unrecht integriert werden wird; wie eine solche Einrichtung die überladene Museums- und Gedenkstättenszenerie der Bundeshauptstadt sinnvoll ergänzen wird.

Fazit

Der Blick auf die in Deutschland betriebene Erinnerungspolitik, wie sie sich anhand der dargestellten Beispiele der jüngeren Vergangenheit präsentiert, erweckt tatsächlich den Eindruck, als würde mit der musealen Vermittlung von Geschichte einer bewussten "invention of tradition" Vorschub geleistet. Die Initiativen seitens der Politik auf diesem Gebiet - von der Gründung des Deutschen Historischen Museums über das Haus der Geschichte bis hin zu den Gedenkstätten- und Museumskonzeptionen der Gegenwart - legen den Schluss nahe, historische Ausstellungen dienten dem Staat zum Aufbau, zur Verbreitung und Konservierung bestimmter nationaler Geschichtsbilder, stünden mit der beabsichtigten Konstruktion nationaler Identität im Dienste der Aufrechterhaltung einer "imagined communitiy".

Auch wenn es heute schwierig erscheint, nationale Mythen im historischen Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern und der von der Politik an historische Ausstellungen gestellte Auftrag zur Herstellung einer nationalen Identität angesichts der Existenz von "Identitätsbündeln" als kaum realisierbar angesehen werden muss,[35] so haben sich doch bestimmte Basiserzählungen wie der Unrechtscharakter der beiden deutschen Diktaturen als Grundlage der gesellschaftlichen, vergangenheitsbezogenen Selbstverständigung der Deutschen etabliert. In geschichtspolitischen Diskursen beeinflussen unterschiedliche gesellschaftliche Akteure die inhaltliche Ausformung und Umgestaltung dieser Basiserzählungen.[36] Zweifellos präsentieren sich hierbei die politischen Handlungsträger als Weichensteller und Impulsgeber staatlicher Erinnerungspolitik, doch die eigentlichen Ausformungen der Erinnerungskultur spiegeln sich in den mentalen Prägungen und konkurrierenden Deutungen der rezipierenden Öffentlichkeit wider.

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Engagement der Zivilgesellschaft, die mit eigenen Ausstellungen oft ein Gegengewicht zu den staatlich geförderten Geschichtsbildern liefert und alternative Erinnerungsmuster im kulturellen Gedächtnis wach zu halten vermag. Die Zivilgesellschaft, aber auch der plurale Charakter von Wissenschaft und Medien, die als wachsame Beobachter der Erinnerungspolitik in Erscheinung treten, wirken regulierend auf die Absichten staatlicher Akteure. Eine vom Staat angeordnete museale Verbreitung bestimmter, neuer Geschichtsbilder, ein staatlich erlassener Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur, wird sich in der pluralistischen Gesellschaft immer mit anderen, konträren Deutungsmustern messen lassen müssen.

Anstatt "von oben herab" verordnet, findet ein Wandel in der Geschichtsdeutung vielmehr durch einen Generationenwechsel innerhalb der deutenden Gruppen statt. Die Nutzung der neuen Museen als Manipulationsmittel zur Herstellung einer gewünschten nationalen Identität scheint im 21. Jahrhundert wenig aussichtsreich - wenn sie es überhaupt je gewesen ist. Die Initiatoren und Fürsprecher einer musealen Vermittlung von Geschichte müssen sich die Frage gefallen lassen, ob historische Ausstellungen heute überhaupt noch ein zeitgemäßes und damit auch wirksames Instrument zur Schaffung und Erhaltung nationaler Identität sind - und ob entsprechende Geschichtsbilder inzwischen nicht eher von anderen Medien transportiert werden; Medien, die weitaus deutungsmächtiger zu sein scheinen. Museen stehen hier in direkter Konkurrenz nicht nur zu den Quoten bringenden Histotainment-Produktionen der TV-Anstalten sowie aufwendig inszenierten Kino- und Fernsehfilmen, sondern auch zu den unzähligen Internet-Angeboten.

Hinsichtlich einer möglichst breiten Rezeption von Geschichtsbildern droht das historische Museum als ein Relikt des 19. und 20. Jahrhunderts im Vergleich mit den neuen Massenmedien ins Hintertreffen zu geraten. Tatsächlich wird sich zeigen müssen, inwieweit historische Ausstellungen den menschlichen Wahrnehmungsbedürfnissen im 21. Jahrhundert, einer lebendigen Inszenierung von Geschichte, gerecht werden können - ohne dabei zum bloßen multimedialen Erlebnispark der Vergangenheit zu mutieren.

Fußnoten

1.
Der Autor arbeitet derzeit an einem Dissertationsprojekt über: Geschichte und Deutschlandpolitik. Der Umgang der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft mit der deutschen Frage 1961-1989.

Kommentar von Klaus D. Voss in: Preußische Allgemeine Zeitung/Das Ostpreußenblatt vom 10. 3. 2007, S. 1.
2.
Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, Berlin 2005, S. 132. Vgl. auch die Dokumentation der Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen unter: www.zeitgeschichte-online.de/md=Vertreibung-Inhalt (4. 9. 2007)
3.
www.bundesregierung.de/nn_23342/Webs/
Breg/DE/Bundesregierung/Beauftragterfuer
Kulturund Medien/AufarbeitungGedenken/Sichtbares
Zeichen/flucht-und-vertreibung.html (4. 9. 2007)
4.
Zum Begriff der Erinnerungskultur vgl. Christoph Cornelißen, Was heißt Erinnerungskultur?, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), 54 (2003), S. 548 - 563. Zum alternativ gebrauchten Begriff "kulturelles Gedächtnis" vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 2000(3).
5.
Moritz Mälzer, Ausstellungsstück Nation. Die Debatte um die Gründung des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Bonn 2005, S. 13.
6.
Vgl. Gerhard Schneider, Ein Zeitalter zu besichtigen! Die Nachkriegsgeschichte als Erinnerungswelt im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, in: GWU, 46 (1995), S. 223 - 234, hier: S. 231f.
7.
Richard Ned Lebow/Wulf Kansteiner/Claudio Foqu (Eds.), The politics of memory in postwar Europe, Durham 2006.
8.
Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 - 1990, Darmstadt 1999, S. 13 - 38; Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006.
9.
Eric Hobsbawm, Introduction: Inventing Traditions, in: ders./Terence Ranger (Eds.), The Invention of Tradition, Cambridge 1992, S. 1 - 14, hier: S. 1.
10.
Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and the Spread of Nationalism, London 1983.
11.
Vgl. die deutsche Ausgabe der Studie Andersons: Die Erfindung der Nation, Frankfurt/M.-New York 2005(2), S. 180 - 185.
12.
Vgl. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Einstellungen: Kritik, Kontroversen, Konsens, Bonn 1991, S. 35. Am 19. Juni 2007 übernahm das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn den sog. "Elfer-Zettel" von Torwart Jens Lehmann öffentlichkeitswirksam in seinen Sammlungsbestand.
13.
Vgl. das Themenheft "Kunst- und Kulturpolitik", APuZ, (2004) 49.
14.
Vgl. Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, hrsg. v. Martin Sabrow u.a., Göttingen 2007.
15.
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Dr. Christina Weiss, im Berufungsschreiben an die Mitglieder der Kommission, 28. 4. 2005, zit. nach: M. Sabrow, Zur Entstehungsgeschichte des Expertenvotums, in: DDR-Erinnerung (Anm. 14), S. 7 - 16, hier S. 9.
16.
Empfehlungen der Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED-Diktatur", in: DDR-Erinnerung (Anm. 14), S. 17 - 41, hier S. 23.
17.
Ebd., S. 33.
18.
Vgl. Jürgen Habermas, Zum neokonservativen Geschichtsverständnis und zur Rolle der revisionistischen Geschichtsschreibung in der politischen Öffentlichkeit, in: Geschichtswerkstatt Berlin (Hrsg.), Die Nation als Ausstellungsstück. Kritik und Utopien zu den Museumsgründungen in Bonn und Berlin, Hamburg 1987, S. 43 - 49.
19.
Vgl. Michael Schwartz/Hermann Wentker, Erinnerungspolitik auf dem Holzweg. Zu den Empfehlungen der Expertenkommission für eine künftige "Aufarbeitung der SED-Diktatur", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 54 (2006), S. 517 - 521; dies., Kein Konsens über die "Konsens-Diktatur". Zur Reaktion Martin Sabrows auf unsere Kritik an seinem DDR-Aufarbeitungskonzept, in: Deutschland Archiv (DA), 39 (2006), S. 1080 - 1083.
20.
Horst Möller, Stellungnahme zu den Empfehlungen der Expertenkommission, Wortprotokoll der öffentlichen Anhörung, 6. 6. 2006, in: DDR-Erinnerung (Anm. 14), S. 51 - 59, hier: S. 52.
21.
Vgl. M. Sabrow (Anm. 15), S. 8.
22.
Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen. Entwurf des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption gemäß Koalitionsvertrag vom 11. 11. 2005 zur Vorlage an den Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, 22. 6. 2007, S. 2f.
23.
Vgl. ebd., S. 10 - 14.
24.
Vgl. H. Möller (Anm. 20), S. 58.
25.
Vgl. Vermeidbares Desaster, in: Der Spiegel, Nr. 34 vom 20. 8. 2007, S. 40f.; "Einwandfreies Schußfeld gewährleisten", 3. 5.1974, in: Matthias Judt (Hrsg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Berlin 1997, S.467 f.
26.
Vgl. Hasko Zimmer, Der Buchenwald-Konflikt. Zum Streit um Geschichte und Erinnerung im Kontext der deutschen Vereinigung, Münster 1999.
27.
Bernd Faulenbach, Die neue geschichtspolitische Konstellation der neunziger Jahre und ihre Auswirkungen auf Museen und Gedenkstätten, in: Volkhard Knigge/Ulrich Mählert (Hrsg.), Der Kommunismus im Museum, Köln-Weimar-Wien 2005, S. 55 - 69, hier: S. 64.
28.
Vgl. Annette Kaminsky (Hrsg.), Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Berlin 2007(2).
29.
Verantwortung wahrnehmen (Anm. 22), S. 2.
30.
Heidemarie Uhl, Learning from Berlin? Zur Darstellung des nationalsozialistischen Völkermords in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, in: www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/
dhm_uhl.pdf (4. 9. 2007).
31.
Vgl. Reinhard Rürup, Die Berliner "Topographie des Terrors" in der NS-Gedenkstättenlandschaft, in: Vorgänge, 44 (2005) 1, S. 75 - 93; Ulrike Jureit, Generationenprojekte? Die beiden Ausstellungen über die Verbrechen der Wehrmacht, in: Olaf Hartung (Hrsg.), Museum und Geschichtskultur, Bielefeld 2006, S. 159 - 170.
32.
Heinrich August Winkler (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004, S. 7 - 13, hier: S. 11.
33.
Vgl. Jürgen Kocka, Ein chronologischer Bandwurm. Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, in: Geschichte und Gesellschaft (GG), 32 (2006), S. 398 - 411.
34.
Neben dem Kulturstaatsminister, seinem Vertreter und einer unbekannten Zahl von Fachmitarbeitern gehörten zu dem Arbeitskreis drei Vertreter der Vertriebenenverbände, die Zeithistoriker Wlodzimierz Borodziej (Polen) und Krisztian Ungváry (Ungarn) sowie Karl Dedecius (ehem. Leiter des Deutschen Polen-Instituts) und Hans Maier (ehem. Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken). Referat Kultur und Medien beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, schriftliche Auskunft an den Autor, 9. 8. 2007.
35.
Vgl. Karl-Ernst Jeismann, Dimensionen nationalgeschichtlichen Bewußtseins, in: Werner Weidenfeld (Hrsg.), Geschichtsbewußtsein der Deutschen, Köln 1987, S. 35 - 51, hier: S. 47.
36.
Vgl. E. Wolfrum (Anm. 8), S. 269.

Günther R. Mittler

Zur Person

Günther R. Mittler

M. A., geb. 1976; wissenschaftlicher Mitarbeiter für Zeitgeschichte, Doktorand am Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften (ZEGK)/ Historisches Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Grabengasse 3 - 5, 69117 Heidelberg.
E-Mail: guenther.mittler@zegk.uni-heidelberg.de


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