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3.1.2020

Editorial

Auch im Jemen hatte der "Arabische Frühling" zunächst Hoffnungen geweckt. Nachdem der seit über drei Jahrzehnten regierende Präsident Ali Abdullah Salih 2011 infolge von Massenprotesten zurückgetreten war, leitete die Übergangsregierung einen gesellschaftlichen Dialogprozess ein, dessen Ziel unter anderem eine neue Verfassung war. Jene Akteure, die wieder einen eigenen südjemenitischen Staat anstreben, zogen sich jedoch frühzeitig aus den Beratungen zurück. 2014 kehrten auch die schiitischen Huthis, die sich in den 2000er Jahren einen Guerillakrieg mit den Truppen des Regimes geliefert hatten, dem Prozess den Rücken und gingen, nun im Verbund mit dem gestürzten Präsidenten Salih, militärisch in die Offensive. Bis September brachten sie den Nordwesten des Landes unter ihre Kontrolle und nahmen die Hauptstadt Sanaa ein, wenig später rückten sie weiter in Richtung der südlichen Hafenstadt Aden vor.

Anfang 2015 griff Saudi-Arabien an der Spitze einer Militärkoalition in den Konflikt ein, um die international anerkannte Regierung und Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi gegen die Huthis zu unterstützen, die ihrerseits Waffenlieferungen aus Iran erhielten. Seitdem herrscht im Jemen ein Krieg, dessen Folgen die Vereinten Nationen als die derzeit größte humanitäre Katastrophe weltweit einstufen: Nach UN-Schätzungen sind fast eine Viertelmillion Menschen durch Waffengewalt oder infolge von Mangelernährung, Krankheit und fehlender medizinischer Versorgung ums Leben gekommen. Fast die Hälfte der Bevölkerung, rund 14 Millionen Menschen, ist von Hunger bedroht.

In der westlichen Öffentlichkeit ist der Krieg im bereits zuvor von Instabilität geprägten "Armenhaus der arabischen Welt" weniger präsent als etwa jener in Syrien. Dabei reichen die Verbindungen insbesondere US-amerikanischer, britischer, französischer und deutscher Unternehmen über Waffenhandelsverträge mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auch bis in den Jemen. Derzeit prüft der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, ob Rüstungskonzerne und Regierungen sich durch die Lieferung von Waffen beziehungsweise deren Genehmigung der Beihilfe zu Kriegsverbrechen schuldig machen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anne-Sophie Friedel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Anne-Sophie Friedel

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