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13.3.2020

Politisch korrekte Sprache und Redefreiheit

Die Diskussionen um Political Correctness oder "politische Korrektheit" prägen seit mittlerweile fast vierzig Jahren den gesellschaftlichen Diskurs um die Meinungs- und Redefreiheit. Selbst moderatere Stimmen sehen politisch korrekte Bezeichnungen als "Sprachschöpfungen" einer meist nicht näher definierten "Linken", die die "gemäßigte demokratische Mitte (…) zum Schweigen" bringe;[1] weniger moderate Stimmen sprechen von einer Kultur der "Zensur, Einschüchterung und Indoktrination", die unsere Gesellschaft in eine "geistige Knechtschaft" führe, indem sie uns veranlasse, uns aus "Angst vor Isolation" der "Meinung der scheinbaren Mehrheit" anzuschließen,[2] oder von "Sprachverboten" und einer "Meinungsdiktatur", die die "Spaltung der Gesellschaft" vorantreibe.[3] Selbst unter denjenigen, die ihr etwas Positives abgewinnen können, wird oft gemahnt, es mit der Political Correctness nicht zu übertreiben.[4]

Aber was ist das eigentlich: Political Correctness? Lässt man die Kampfrhetorik beiseite, lässt sich der Begriff am ehesten so definieren, wie es der Duden tut, nämlich als "Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird."[5] Typische Beispiele für solche abzulehnenden Ausdrucksweisen sind Wörter wie "Zigeuner" für Sinti und Roma, "Spasti" für Menschen mit Behinderungen oder "Schwuchtel" für homosexuelle Männer. So definiert, kann die Idee der Political Correctness eigentlich nicht kontrovers sein: Selbst unter ihren Gegner_innen würde wohl kaum jemand argumentieren wollen, dass es richtig sei, die genannten Gruppen zu diskriminieren. Und tatsächlich scheint es allgemein unstrittig zu sein, dass es im öffentlichen Diskurs "Grenzen des Sagbaren" geben soll:[6] Schließlich sind eine Reihe von Sprechhandlungen wortwörtlich, also im strafrechtlichen Sinne verboten, ohne dass dies auf gesellschaftlicher Ebene kritisch diskutiert würde – unter anderem die Beleidigung (§185 Strafgesetzbuch), die üble Nachrede (§186, §188 StGB), die Verleumdung (§187 StGB) und die Bedrohung (§241 StGB), die sich typischerweise gegen Individuen richten, und die Volksverhetzung (§130 StGB), die sich gegen "eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe" oder Individuen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer solchen richtet.[7]

Ein Grund für die Diskrepanz zwischen der kontroversen Diskussion und den eigentlich wenig kontroversen Zielen der Political Correctness ist, dass politisch korrekter Sprachgebrauch in dieser Diskussion unzureichend von zwei oberflächlich ähnlichen Phänomenen abgegrenzt wird. Vor allem ihre Kritiker_innen setzen politisch korrekten Bezeichnungen für Gruppen wie die oben benannten mit Euphemismen,[8] "Bürokratensprech"[9] oder orwellschem "Neusprech"[10] gleich, unterstellen ihnen also eine beschönigende, verschleiernde oder sogar indoktrinierende Absicht. Befürworter_innen eines solchen "politisch korrekten" Sprachgebrauchs sehen in den zu vermeidenden Bezeichnungen dagegen Schimpfwörter, die es aus Respekt und Höflichkeit zu meiden gelte.[11]

Wörter wie "Zigeuner", "Spasti" oder "Schwuchtel" sind aber weder gesellschaftliche oder politische Tabuwörter noch einfach nur Schimpfwörter – sie bilden eine eigene Kategorie, die in der internationalen sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Forschung als "Slur" bezeichnet wird – ein Begriff, den ich hier mangels einer präzisen und allgemein anerkannten deutschen Entsprechung übernehme. In diesem Beitrag werde ich Slurs gegen Tabuwörter und Schimpfwörter abgrenzen und damit die Grundlage schaffen, um ihre Vermeidung – und damit die sogenannte Political Correctness aus sprachethischer Sicht zu bewerten.

Sprachtabus

Unter Tabuwörtern versteht man Wörter, die von Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft gemieden werden, weil sie sich auf Lebensbereiche beziehen, die mit gesellschaftlichen Tabus belegt sind.[12] Diese Bereiche unterscheiden sich von Gesellschaft zu Gesellschaft, aber sie umfassen typischerweise Körperfunktionen (vor allem Verdauung und Ausscheidung), Geschlechtsorgane und sexuelle Handlungen, Krankheiten und Tod sowie, in religiös geprägten Gesellschaften und Subkulturen, bestimmte Inhalte der jeweiligen Religion. Wo diese Bereiche erwähnt werden müssen, geschieht dies entweder durch klinische Ausdrücke oder durch euphemistische Umschreibung – zum Beispiel "urinieren" oder "Wasser lassen" anstelle von "pinkeln" oder gar "pissen".

Die Verwendung von Tabuwörtern ist bei uns gesellschaftlich nicht sehr stark sanktioniert – sie gilt schlimmstenfalls als Verstoß gegen das gute Benehmen. Sie kann sogar positiv bewertet werden: Da gesellschaftliche Tabus typischerweise keine rationale Grundlage haben, sondern nur durch tradierte Vorstellungen von Schicklichkeit begründet sind, kann ihre Verletzung als eine Weigerung dargestellt und verstanden werden, sich solchen Traditionen gedankenlos zu unterwerfen. Das gilt natürlich erst recht dort, wo politisch korrekte Bezeichnungen mit verschleiernden politischen Euphemismen gleichgesetzt werden – hier kann die Verwendung von Slurs als heroischer Widerstand gegen die "Meinungsdiktatur" dargestellt werden.

Bei Slurs handelt es sich aber weder um unliebsame politische Wahrheiten noch um Tabuwörter – sie werden von den Befürworter_innen eines politisch korrekten Sprachgebrauchs nicht deshalb abgelehnt, weil sie die Erwähnung der betroffenen Gruppen für unschicklich halten oder aus politischen Gründen unterdrücken wollen. Die Unterstellung einer indoktrinierenden Absicht ist dabei schon auf den ersten Blick wenig plausibel: Jede Meinung, die sich unter Verwendung eines Slurs denken und aussprechen lässt, kann schließlich auch unter Verwendung der politisch korrekten Alternative gedacht und ausgesprochen werden. Die Unterstellung einer beschönigenden Absicht hingegen ist auf den ersten Blick schon stimmiger: Zumindest einige der von Slurs betroffenen Gruppen sind über Eigenschaften definiert, die historisch zu den oben genannten tabuisierten Lebensbereichen gehören, sodass auch bei wohlmeinenden Menschen das Missverständnis entstehen könnte, dass politisch korrekte Bezeichnungen dazu dienen sollen, die Erwähnung dieser Lebensbereiche zu vermeiden. Das erklärt etwa die Bezeichnung "Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder Bedürfnissen" für Menschen mit Behinderungen. Solche vermutlich in guter Absicht geschaffenen Umschreibungen werden von Betroffenen selbst aber genau wegen der dahinterstehenden euphemistischen Absicht ebenso abgelehnt wie die Slurs.[13] Die politisch korrekten Alternativbezeichnungen – in diesem Fall, die Formulierung "Menschen mit Behinderungen" – verschleiern gerade nicht, sondern benennen die relevanten Eigenschaften klar, aber mit neutralen Formulierungen.

Schimpfwörter

Auch der Gebrauch von Schimpfwörtern ist ein Verstoß gegen gesellschaftliche Vorstellungen von einem angemessenen sprachlichen Verhalten. Anders als bei den Tabuwörtern beziehen sich diese Vorstellungen hier aber nicht auf Schicklichkeit, sondern auf Höflichkeit.

Jedes Mitglied einer Gemeinschaft erhebt einen Anspruch auf Handlungsfreiheit, in die von anderen nicht eingegriffen werden darf (dies wird als "negatives Gesicht" bezeichnet), sowie einen Anspruch auf ein positives Selbstbild, das von anderen als solches anerkannt wird (dies wird als "positives Gesicht" bezeichnet). Als unhöflich wird jedes Verhalten betrachtet, das einen oder beide dieser Ansprüche infrage stellt; als beleidigend gelten sprachliche Handlungen, die dem Gegenüber signalisieren, dass man dessen positives Selbstbild nicht anerkennt.[14]

Schimpfwörter sind solche Wörter, bei denen die beleidigende Absicht Teil der Wortbedeutung ist – typische Beispiele sind etwa "Idiot", "Arschloch", "Wichser", "Schlampe" oder "Drecksau". Die beleidigende Bedeutung dieser Wörter ist so unstrittig, dass sich sogar informelle Bußgeldtabellen erstellen lassen, die eine Vorstellung davon vermitteln, was ihre Verwendung bei einer Anzeige kosten kann.[15] Mit Tabuwörtern haben Schimpfwörter nur insofern zu tun, als sie häufig aus denselben Bedeutungsbereichen stammen – Krankheiten, Körperfunktionen und Hygiene, Sexualität. Ihre Verwendung verletzt deshalb häufig (aber nicht immer) auch Schicklichkeitstabus. Beleidigend sind sie aber nicht deswegen, sondern eben, weil sie einem Individuum sein positives Selbstbild absprechen.

Das Verhältnis zwischen Schimpfwörtern und Slurs ist etwas enger und komplexer. Zunächst ist festzuhalten, dass Slurs häufig in beleidigender Absicht auf Individuen angewendet werden, die gar nicht zur eigentlich bezeichneten Gruppe gehören. Der Ruf "du Zigeuner" findet sich beispielsweise in der Fußballfankultur als ritualisierte Beleidigung gegnerischer Spieler.[16] Ihre beleidigende Wirkung entfalten sie dabei nicht ausschließlich aufgrund einer beleidigenden Wortbedeutung – an sich neutrale Bezeichnungen wie "du Sinto" oder "du Roma" könnten unter Umständen auf ähnliche Weise verwendet werden. Beleidigend sind sie grundsätzlich deshalb, weil sie ein Individuum einer Gruppe zuordnen, bezüglich derer in der Sprachgemeinschaft negative Stereotype existieren. Die negativen Stereotype werden auf diese Weise der angesprochenen Person zugeschrieben, was – wie andere Beleidigungen – deren positives Selbstbild infrage stellt. Trotzdem fällt auf, dass es eben meistens nicht die neutralen Bezeichnungen sind, die als Schimpfwort verwendet werden. Die Verwendung als Schimpfwort ist aber nicht die primäre Funktion von Slurs, und ihre Vermeidung ist deshalb nicht nur eine Frage der Höflichkeit.

Slurs

Schimpfwörter haben zwei Bedeutungsebenen: eine beschreibende, auf der sie sich auf bestimmte persönliche Eigenschaften beziehen, und eine bewertende, auf der sie diese Eigenschaften als negativ darstellen. Das Wort "Drecksau" etwa beschreibt mangelnde Körperpflege und/oder Sauberkeit; die stark negative Bewertung dieser Eigenschaften wird deutlich, wenn wir es mit weniger negativen Wörtern wie "Ferkel" oder neutralen Umschreibungen wie "Person, die nicht auf Körperpflege und/oder Sauberkeit achtet" vergleichen. Sowohl die Zuschreibung der Eigenschaften als auch deren negative Bewertung beruhen dabei auf der Perspektive der Sprechenden.

Beiden kann deshalb ganz oder in Teilen widersprochen werden. Ich kann beispielsweise über jemanden sagen: "Er ist keine Drecksau, sondern ein sehr gepflegter, ordentlicher Mensch", oder: "Sie ist schon etwas ungepflegt und/oder unordentlich, aber eine Drecksau ist sie auch wieder nicht." In beiden Fällen akzeptiere ich, dass es Menschen gibt, die zu Recht als "Drecksau" bezeichnet werden, bestreite aber, dass die genannte Person zu diesen Menschen zählt. Ich kann auch die zugeschriebenen Eigenschaften akzeptieren, die negative Bewertung aber ablehnen, in dem ich etwas sage wie: "Er ist keine Drecksau, sondern eher ein kleines Ferkel." Und schließlich kann ich auf eine metasprachliche Ebene wechseln und das Wort "Drecksau" ablehnen, indem ich etwas sage wie: "Er ist keine ‚Drecksau‘, er ist ein unangenehm ungepflegter und/oder unordentlicher Mensch" (mit einer leichten Betonung auf dem Wort "Drecksau").

Auch Slurs wie "Zigeuner" haben eine beschreibende und eine (negativ) bewertende Bedeutungsebene. Ihre beschreibende Ebene unterscheidet sich aber grundlegend von der von Schimpfwörtern: Sie bezieht sich nicht auf persönliche Eigenschaften, sondern auf die Zugehörigkeit zu einer (mehr oder weniger genau definierten) Bevölkerungsgruppe. Solange die bezeichnete Person tatsächlich zu dieser Gruppe gehört, kann deshalb weder der beschreibenden noch der bewertenden Ebene widersprochen werden – zumindest nicht, ohne den Slur implizit zu akzeptieren. Würde ich beispielsweise sagen: "Sie ist zwar eine Sinteza, aber keine Zigeunerin", oder: "Er ist kein Zigeuner, sondern eher ein Zigo", so wären diese Sätze bestenfalls bedeutungslos, da "Sinto/Sinteza", "Zigeuner" und "Zigo" (ungefähr) dieselbe Bevölkerungsgruppe bezeichnen. Schlimmstenfalls würde ich akzeptieren, dass es Menschen gibt, die zu Recht als "Zigeuner" bezeichnet werden, dass aber nicht alle Sinti und Roma dazugehören. Natürlich kann ich auch hier auf die metasprachliche Ebene wechseln, und die Bezeichnung ablehnen, indem ich etwas sage wie: "Er ist kein ‚Zigeuner‘, er ist ein Sinto" (mit einer leichten Betonung auf dem Wort "Zigeuner").

Eine solche explizite Ablehnung von Slurs ist, wie ich argumentieren werde, sprachethisch sogar notwendig. Ich setze mich aber damit automatisch dem Vorwurf aus, ich wolle "Sprachpolizei" spielen und von den eigentlichen Themen ablenken. Gegner_innen politisch korrekter Bezeichnungen lehnen diese oft mit der Behauptung ab, der negative Beiklang des Slurs habe ausschließlich mit bestehenden Vorurteilen gegen die bezeichnete Gruppe zu tun und würde sich auch auf die "neue" Bezeichnung übertragen, sodass auch diese bald ersetzt werden müsse. Für diese Behauptung, die der Psychologe Stephen Pinker als "Euphemismus-Tretmühle" popularisiert hat,[17] gibt es wenig sprachgeschichtliche Evidenz: Die angeblich neuen, politisch korrekten Bezeichnungen sind häufig genauso alt wie die Slurs, ohne dass sie deren negativ bewertende Bedeutungsebene übernommen hätten, und tatsächlich neue Bezeichnungen (wie "Menschen mit Behinderungen") zeigen ebenfalls keine grundsätzliche Tendenz einer solchen Abwertung. Aber selbst wenn der negative Beiklang eines Slurs über die Zeit auf eine anfänglich neutrale Alternative überginge, würde das nichts daran ändern, dass die Slurs zu einem bestimmten Zeitpunkt eine abwertende Bedeutung haben, die den neutralen Alternativen fehlt.

Woher diese abwertende Bedeutung kommt, darüber gibt es in der Sprachwissenschaft zwei (einander nicht ausschließende) Erklärungen. Die erste geht davon aus, dass Slurs, wie mit dem Begriff der "Bedeutungsebenen" beschrieben, zwei Sprechhandlungen gleichzeitig ausführen, dass sie nämlich eine Gruppe bezeichnen und dieser gleichzeitig negative Eigenschaften zuschreiben – dass sie also im Prinzip gruppenbezogene Schimpfwörter sind.[18] Die zweite Erklärung geht – wie manche Kritiker_innen politisch korrekter Bezeichnungen – davon aus, dass die Slurs und ihre neutralen Alternativen grundsätzlich dieselbe Wortbedeutung haben. Den abwertenden Beiklang leiten sie aus deren unterschiedlicher Verbreitung innerhalb der Sprachgemeinschaft ab: Da die Slurs hauptsächlich von denjenigen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft verwendet werden, die eine negative Einstellung gegenüber der bezeichneten Gruppe haben, mache ich mir deren Einstellung zu eigen, wenn ich das Wort ebenfalls verwende.[19]

Am Wort "Zigeuner" lässt sich das gut zeigen: Die so bezeichneten Gruppen selbst haben das Wort nie akzeptiert, sondern sich schon immer Sinti und/oder Roma genannt. "Zigeuner" war also von Anfang an eine unerwünschte Fremdbezeichnung, und wer es verwendet hat, hat sich damit mindestens eine Einstellung zu eigen gemacht, die der bezeichneten Gruppe das Recht über ihre eigene Benennung abspricht. Wenn man Slurs mit den Mitteln der Höflichkeitstheorie erfassen wollte, könnte man das als eine gruppenbezogene Aberkennung eines positiven Selbstbildes beschreiben. Je stärker sich dann die Selbstbezeichnung Sinti und Roma durchsetzte, desto klarer beschränkte sich der Gebrauch des Wortes "Zigeuner" auf Gruppen, die den Bezeichneten gegenüber stark vorurteilsbehaftet sind. Im medialen Sprachgebrauch findet sich das Wort heute nur noch in rechtsradikalen Publikationen, und wer es verwendet, akzeptiert damit die Perspektive dieser Gruppen. Wie angedeutet, schließen sich die beiden Erklärungen aber nicht aus: Das Wort "Zigeuner" hat über die Jahrhunderte die negative Perspektive in seine Wortbedeutung inkorporiert und würde diese auch beibehalten, wenn das Wort von keiner bestimmten Gruppe verwendet würde. Dies zeigt sich ja unter anderem daran, dass es auch Personen gegenüber als Schimpfwort verwendet wird, die gar nicht zur eigentlich bezeichneten Gruppe gehören.

Es gibt einen weiteren entscheidenden Unterschied zwischen Slurs und Schimpfwörtern. Letztere lassen sich weitgehend symmetrisch anwenden: Wenn ich jemanden als "Drecksau" bezeichne, kann er oder sie mich umgekehrt ebenfalls so bezeichnen, denn das Wort bezeichnet ja keine feste Kategorie von Menschen, sondern kann auf alle angewendet werden, denen man die betreffenden Eigenschaften zuschreiben möchte. Das ist bei Slurs nicht der Fall, denn diese bezeichnen erstens bestimmte Bevölkerungsgruppen, zu denen einige Mitglieder der Sprachgemeinschaft gehören und andere nicht, und zweitens existieren Slurs innerhalb einer Sprachgemeinschaft nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen. Wenn ein Mitglied der Mehrheitsgesellschaft einen Sinto als "Zigeuner" bezeichnet, kann dieser den Sprecher umgekehrt eben nicht so bezeichnen und – da es für die Mehrheitsgesellschaft keinen Slur gibt – auch nicht in ähnlicher Form antworten.

Gelegentlich prägen Minderheiten potenziell abwertende Bezeichnungen für die Mehrheitsgesellschaft – etwa "Alman" für Deutsche. Um zu einem Slur zu werden, müssten sie sich mit einer abwertenden Bedeutung im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen. Die Mehrheit übernimmt diese Wörter aber entweder gar nicht oder entschärft sie, indem sie sie so umdefiniert, dass sie damit nicht mehr die ganze Gruppe, sondern nur noch bestimmte stereotype Eigenschaften bezeichnet.

Diese Asymmetrie betrifft auch eine Unterkategorie von Schimpfwörtern, die nur auf Mitglieder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe anwendbar sind. Das Wort "Schlampe" zum Beispiel bezeichnet zwar nicht grundsätzlich die Gruppe der Frauen, sondern dient dazu, einzelnen Mitgliedern dieser Gruppe eine bestimmte Eigenschaft – ein promiskuitives Sexualverhalten – zuzuschreiben und dieses negativ zu bewerten. Es ist also kein Slur im engeren Sinne, aber da es nur auf Frauen anwendbar ist und die beschriebene Eigenschaft nur in Bezug auf diese Gruppe negativ bewertet wird, kann es, wie die Slurs, nur in eine Richtung angewendet werden.

Fazit

Welche Schlussfolgerungen lassen sich nun aus den hier dargestellten Überlegungen bezüglich möglicher "Grenzen des (öffentlich) Sagbaren" ziehen? Die Sprachwissenschaft selbst bietet hier keine Antworten, da ihre Aufgabe – wie die aller Wissenschaften – zunächst eine Beschreibung und Erklärung des Ist-Zustands ist. Dort, wo dieser Ist-Zustand individuelle und gesellschaftliche Probleme verursacht, wäre es aber unverantwortlich, es bei einer reinen Beschreibung und Erklärung zu belassen. Dass wir heute beispielsweise über den bevorstehenden weltweiten Kollaps von Klimasystemen und mögliche abschwächende Maßnahmen wenigstens diskutieren, liegt daran, dass Klimaforscher_innen ab den 1970er Jahren begannen, neben der Beschreibung und Erklärung auch Warnungen auszusprechen und konkrete Handlungsvorschläge zu machen.

Ein solcher Handlungsvorschlag, den ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben habe, ist die Anwendung einer sprachbezogenen Variante der goldenen Regel: "Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle."[20] Aus dieser Regel ergibt sich zunächst eine flexibel auslegbare Anregung, den eigenen Sprachgebrauch daraufhin zu überprüfen, ob man ihn noch akzeptieren würde, wenn er gegen einen selbst gerichtet wäre. In Bezug auf Tabuwörter und Schimpfwörter lässt sich dabei kein allgemeines Gebot zu deren Vermeidung ableiten. Mitglieder einer Sprachgemeinschaft können ihre Vorstellungen von Schicklichkeit oder Höflichkeit daraufhin reflektieren, wo eigene Grenzen liegen, und müssen ihr sprachliches Verhalten an diesen ausrichten – wer bereit ist, Verletzungen der eigenen Vorstellungen von Schicklichkeit hinzunehmen, darf nach der goldenen Regel auch die seines Gegenübers verletzen, und wer hinnimmt, persönlich beleidigt zu werden, darf auch andere persönlich beleidigen. Natürlich kann eine Gesellschaft sich auf gewisse gemeinsame Grenzen einigen, aber diese sind dann eben nur für diese Gesellschaft und nur für die Dauer des bestehenden Konsenses gültig.

Das steht im Einklang mit einer rein normativen Interpretation des Sagbaren als das, was wir sagen dürfen. Bezüglich der Slurs können wir aber ein weitreichenderes Gebot zu deren Vermeidung ableiten, denn dort ergeben sich die Grenzen aus dem, was überhaupt gesagt werden kann: Da ein beträchtlicher Teil der Sprachgemeinschaft zu keiner der Gruppen gehört, für die es solche Slurs überhaupt gibt, stellt sich die Frage gar nicht, ob die betreffenden Personen es akzeptieren würden, wenn man sie mittels solcher Slurs darstellte – dies ist schlicht unmöglich. Über die Grenzziehung können Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft deshalb gar nicht individuell entscheiden: Slurs liegen in jedem Fall jenseits der Grenzen des Sagbaren und sind aus dem öffentlichen Sprachgebrauch ohne Einzelfallprüfung zu entfernen. Das gilt meines Erachtens auch für tradierte Texte der Sprachgemeinschaft – dort, wo etwa in Kinderbüchern Slurs verwendet werden, ohne dass sich dies aus den Einstellungen und Perspektiven der beschriebenen Charaktere ergibt, sind redaktionelle Eingriffe das geringere Übel gegenüber der gedankenlosen Weitergabe gruppenfeindlicher Sprache.

Wenn ein Teil des tradierten Wortschatzes einer Sprache auf der Grundlage sprachethischer Überlegungen gesellschaftlich aus dem öffentlichen Sprachgebrauch entfernt oder wenigstens gesellschaftlich sanktioniert wird, ist das fraglos einen Eingriff in die freie Rede: Es zwingt uns, unsere öffentlichen Äußerungen auf die Wahl unserer Ausdrucksmittel hin genau zu überprüfen und gegebenenfalls zu redigieren. Ob es ein Eingriff in die Meinungsfreiheit ist, ist weniger klar. Die sagbaren Inhalte bleiben von der Wahl der Ausdrucksmittel ja weitgehend unberührt – in jedem Fall sind sie weniger stark eingeschränkt, als sie es durch bestehende gesetzliche Verbote beleidigender und verleumderischer Sprachhandlungen ohnehin sind.

Trotzdem stoßen solche Eingriffe erwartbar auf Widerspruch. Vor allem diejenigen Mitglieder der Sprachgemeinschaft, die von Slurs nicht betroffen sind, mögen die negativen Konsequenzen dieses Eingriffs für gewichtiger halten als die positiven. Der so entstehende Konflikt muss auf gesellschaftlicher Ebene ausgetragen werden. Das mag zu einer "Spaltung der Gesellschaft" beitragen, ist aber ohne Alternative. Dem Vorwurf einer gesellschaftsspaltenden Wirkung politisch korrekter Sprache lässt sich nämlich die Erkenntnis gegenüberstellen, dass auch die tradierten Formen des Sprachgebrauchs spaltend wirken – die Diskussion um gerechte Sprache wurde und wird schließlich von Gruppen geführt, die ab einem bestimmten Punkt nicht mehr bereit waren, sich sprachlich anders behandeln zu lassen als die Mehrheitsgesellschaft. Der tradierte Sprachgebrauch ist also mit seinem Anspruch, kommunikative Normalität zu sein, längst gescheitert. Dieser Anspruch lässt sich ohne eine massive Unterdrückung der von herabwürdigender Sprache betroffenen Gruppen nicht wiederherstellen, und so bleibt allen Diskussionen um einen angemessenen öffentlichen Sprachgebrauch nur der Weg nach vorn.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anatol Stefanowitsch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Die Radikalisierung des öffentlichen Sprechens, Monika Grütters im Interview, 5.2.2020, http://www.deutschlandfunkkultur.de/kulturstaatsministerin-ueber-sprache-und-demokratie-die.1008.de.html?dram:article_id=469544«.
2.
Norbert Bolz, Politische Korrektheit führt zur geistigen Knechtschaft, 4.1.2017, https://causa.tagesspiegel.de/politik/haben-wir-es-mit-der-politischen-korrektheit-uebertrieben/politische-korrektheit-fuehrt-zur-geistigen-knechtschaft.html«.
3.
Daniel Ullrich/Sarah Diefenbach, Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere Gesellschaft zerstört, München 2017.
4.
Vgl. Joachim Gauck, "Ohne Wahrheit kann es keine echte Versöhnung geben", in: Focus, 28.9.2019, S. 28–33.
5.
Duden, Stichwort Political Correctness; ähnlich auch Iris Forster, Political Correctness/Politische Korrektheit, 15.10.2010, http://www.bpb.de/42730«.
6.
Vgl. Thomas Mittmann, Vom "Historikerstreit" zum "Fall Hohmann": Kontroverse Diskussionen um Political Correctness seit Ende der 1980er Jahre, in: Lucian Hölscher (Hrsg.), Political Correctness. Der sprachpolitische Streit um die nationalsozialistischen Verbrechen, Göttingen 2008, S. 60–105; Norbert Richard Wolf, Sprechen und Sprache in der postfaktischen Politik, in: Sprachreport 33/2017, S. 1–6.
7.
Vgl. Mustafa T. Oğlakcıoğlu/Jan C. Schuhr, Verbotene Sprache, in: Ekkehard Felder/Friedemann Vogel (Hrsg.), Handbuch Sprache im Recht, Berlin 2017, S. 527–546.
8.
Vgl. Ullrich/Diefenbach (Anm. 3).
9.
Grütters (Anm. 1).
10.
Gauck (Anm. 4).
11.
Vgl. Till Raether, Eine Liebeserklärung an die "Politische Korrektheit", 24.5.2019, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/87318«.
12.
Vgl. Keith Allan/Kate Burridge, Forbidden Words: Taboo and the Censoring of Language, Cambridge 2006.
13.
Siehe Begriffe über Behinderung von A bis Z, o.D., https://leidmedien.de/begriffe«.
14.
Vgl. Penelope Brown/Stephen C. Levinson, Gesichtsbedrohende Akte, in: Steffen Kitty Herrmann/Sybille Krämer/Hanne Kuch (Hrsg.), Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Bielefeld 2007, S. 59–88. Diese sprachwissenschaftliche Charakterisierung ist übrigens nah an der juristischen Definition im Sinne von §185 StGB. Vgl. Wilfried Küber, Strafrecht, besonderer Teil: Definitionen mit Erläuterungen, Heidelberg 2008, S. 76.
15.
Siehe http://www.bussgeldkatalog.org/beleidigung-im-strassenverkehr«.
16.
Vgl. Zentralrat deutscher Sinti und Roma, Erläuterungen zum Begriff "Zigeuner", 9.10.2015, https://zentralrat.sintiundroma.de/sinti-und-roma-zigeuner«.
17.
Stephen Pinker, The Game of the Name, in: The New York Times, 5.4.1994, S. A21.
18.
Vgl. Elisabeth Camp, A Dual Act Analysis of Slurs, in: David Sosa, Bad Words. Philosophical Perspectives on Slurs, Oxford 2018, S. 29–59; Kent Bach, Loaded Words: On the Semantics and Pragmatics of Slurs, in: ebd., S. 60–76.
19.
Vgl. Geoffrey Nunberg, The Social Life of Slurs, in: Daniel Fogal/Daniel W. Harris/Matt Moss, New Work on Speech Acts, Oxford 2018, S. 237–295; zu beiden Erklärungen siehe auch Paul Saka, How to Think about Meaning, Dordrecht 2007, S. 121–154.
20.
Anatol Stefanowitsch, Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen, Berlin 2018.

Anatol Stefanowitsch

Zur Person

Anatol Stefanowitsch

ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören diskriminierende Sprache, leichte Sprache und kognitive Linguistik. http://www.stefanowitsch.de anatol.stefanowitsch@fu-berlin.de


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