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9.4.2020

Militärgeschichte. Perspektiven auf Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert

Die Militärgeschichte hat einen langen Weg hinter sich, in Deutschland ebenso wie in anderen europäischen Ländern und den USA. Zugespitzt formuliert, hat sich die Militärgeschichte von einem in der akademischen Geschichtswissenschaft nur schwach verankerten Nischenthema mit geringer wissenschaftlicher Reputation zu einer zentralen Arena für die Diskussion von Annahmen über den Zusammenhang von Militär, ziviler Gesellschaft und organisierter Gewalt in der Moderne entwickelt.[1] Die Probleme und Ausgangslagen für die inhaltliche und methodische Erneuerung dieser Teildisziplin waren dabei unterschiedlich. Im Vereinigten Königreich und in den USA leidet die Militärgeschichte bis heute unter ihrer enormen Popularität bei einem aus Laien und interessierten Hobbyhistorikern bestehenden Publikum. Wo immer man in Großbritannien einen Buchladen betritt, sticht das große Regal mit Büchern zur "military history" ins Auge. Im Zentrum steht dabei allerdings nur ein Genre: die populäre "battlefield history",[2] konventionelle Erzählungen berühmter und weniger berühmter Schlachten als ein in Raum und Zeit abgeschlossenes Drama. Der Akzent liegt hauptsächlich auf der Schilderung ergreifender Einzelschicksale und dramatischer Wendepunkte, und zwar in der Regel nur aus der Perspektive einer Armee, deren Gegner bestenfalls sehr schematisch eingeführt wird. Dabei lässt sich Schlachtengeschichte auch abseits der gängigen Erzählmuster schreiben und kann so wichtige Einsichten in die Dynamik des Krieges und dessen andauernde kulturelle Präsenz liefern. Allerdings ist es dazu nötig, die Schlacht aus einer transnationalen Perspektive zu analysieren, die beide Armeen als eigenständige Akteure ebenso in den Blick nimmt wie die vor Ort lebenden Zivilisten.[3]

Von der Kriegs- zur Militärgeschichte

In Deutschland sind die Anlaufschwierigkeiten der Militärgeschichte in der sogenannten applikatorischen, auf Anwendung in der Gegenwart zielenden Methode zu suchen. Im preußisch-deutschen Militär des 1871 gegründeten Kaiserreichs trug die historische Aufarbeitung vergangener Feldzüge zur Ausbildung der Offiziersanwärter bei und sollte in der operativen Planung die Wiederholung einmal gemachter Fehler vermeiden. Der Schwerpunkt lag dabei deutlich auf der Kriegsgeschichte, die von Offizieren aus der Binnenperspektive des Militärs analysiert wurde. Innere Struktur und Rekrutierung der Streitkräfte im "Normalzustand" des Friedens waren nicht von Interesse.[4] Auch nach 1918/19, als die Niederlage gegen die Alliierten und die Entmilitarisierungsbestimmungen des Versailler Vertrages eine tiefe Zäsur für das deutsche Militär markierten, änderte sich daran vorerst nichts. Mit der im Versailler Vertrag vereinbarten Auflösung des Großen Generalstabes musste sich auch dessen kriegsgeschichtliche Abteilung eine neue Heimstätte suchen. Dies geschah 1919 mit der Gründung des Reichsarchivs in Potsdam, das die Akten des kaiserlichen Heeres übernahm.

Formal unterstand das Reichsarchiv dem Reichsministerium des Innern. Aber Ziele und inhaltliche Ausrichtung bestimmten die ehemaligen Offiziere unter dem ersten Präsidenten, Generalmajor a.D. Hermann Mertz von Quirnheim. Im Zentrum der amtlichen Darstellung des Ersten Weltkrieges stand so eine geschönte, allen kritischen Anfragen ausweichende Operationsgeschichte. Für sie beanspruchte man, unterstützt durch den restriktiv gehandhabten Zugang zu den Akten, ein Deutungsmonopol. Durch populär angelegte Reihen wie die "Schlachten des Weltkrieges" versuchte das Reichsarchiv zudem, seine Sichtweise auch einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen.[5] Die Kriegsgeschichte des Reichsarchivs war damit Teil der erbitterten Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik über die Ursachen und Folgen der deutschen Niederlage im Herbst 1918. Hauptmann George Soldan, der ab 1920 die Abteilung für "Volkstümliche Schriften" im Reichsarchiv leitete, hatte im Mai 1919 in einer Denkschrift die "Aufgaben" der militärgeschichtlichen Arbeit des Reichsarchivs so zusammengefasst: "[E]in zusammengebrochenes Volk aufrichten, ihm den Glauben an sich selber wiedergeben, aus gemeinsam ertragenem Glück und Unglück deutschnationales Empfinden erwachsen lassen (…); den großen erzieherischen Wert der Geschichte ausnützen, um ein unpolitisch denkendes und empfindendes Volk zur Reife zu führen."[6]

Die universitär verankerte Geschichtswissenschaft blieb bei all diesen Bemühungen außen vor. Einzig der Historiker Hans Delbrück, der an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität lehrte, versuchte bereits vor 1914, sich von der "applikatorischen" Methode der Generalstäbler zu lösen und die historisch-kritische Methode der Geschichtswissenschaft auf das Militär anzuwenden. Mit den vier Bänden seiner "Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte" (1900–1920) machte er Krieg und Militär zum Thema der allgemeinen Geschichte.[7] Mit diesem Vorhaben stieß Delbrück aber sowohl unter den universitären Historikern als auch bei den als Kriegshistoriker arbeitenden Offizieren auf Ablehnung. Zu einer Einbindung kriegs- und militärgeschichtlicher Fragestellungen in die universitäre Forschung kam es erst im "Dritten Reich". Dort verdichteten sich personelle und institutionelle Netzwerke in den sogenannten Wehrwissenschaften. Dieser 1926 neu geprägte Begriff bezeichnete die Absicht, die soziale, politische und militärische Mobilisierung für den Krieg interdisziplinär zu begreifen. Dem diente unter anderem das 1937 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin eingerichtete Institut für Wehrpolitik.[8]

Von den Wehrwissenschaften des "Dritten Reiches" gibt es eine direkte Kontinuitätslinie zur Militärgeschichte in der Bundesrepublik. Sie wird von Werner Hahlweg verkörpert, der seine akademische Karriere 1934 im Kontext der wehrwissenschaftlichen Arbeit an der Berliner Universität begann. Als einer der wenigen Protagonisten der NS-Wehrwissenschaften konnte er seine akademische Karriere nach 1945 fortsetzen. Von 1950 an war er in Münster als Dozent für Neuere Geschichte tätig, ab 1969 dann als ordentlicher Professor für Militärgeschichte. Damit hatte er die einzige Professur für dieses Fachgebiet in der Bundesrepublik inne.[9] Doch die wichtigsten Anstöße zur Verankerung der Militärgeschichte in der Bundesrepublik gingen vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) aus, einer Einrichtung der Bundeswehr, die ab 1958 in Freiburg im Breisgau arbeitete. Vor allem der leitende Historiker des MGFA von 1970 bis 1988, Manfred Messerschmidt, legte zahlreiche Arbeiten zum preußisch-deutschen Militär und zur Wehrmacht vor, die durch ihre breite empirische Fundierung wie durch ihre unbefangen kritische Perspektive bestachen. So war Messerschmidt einer der ersten, der das Schicksal der von der NS-Militärjustiz verfolgten Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" erforschte und damit soldatische Verweigerungsstrategien zum Thema machte.[10] Im Kontext des MGFA gab es auch erste Überlegungen zu einer methodischen Ausrichtung der Militärgeschichte an den allgemeinen Standards der Geschichtswissenschaft.[11]

Seit den 1980er Jahren ist ein stark wachsendes Interesse gerade auch jüngerer Historikerinnen und Historiker an Fragen der Militärgeschichte zu verzeichnen, das mit einer inhaltlichen und methodischen Erweiterung einherging. Inhaltlich wurde dabei unter anderem die Abkehr von der Kommandoperspektive der Offiziere und Generalstäbler angemahnt, die in vielen traditionellen Werken nicht nur zum deutschen Militär immer noch im Mittelpunkt stand. An ihre Stelle sollte eine "Militärgeschichte von unten" treten. Sie widmet sich jenen in der Zeit vor 1945 im Schnitt etwa 95 Prozent der Angehörigen des Militärs, die als einfache Soldaten oder Unteroffiziere in der subalternen Position des Befehlsempfängers dienten. Deren Erfahrungen und ihr Alltag im Militär sollten nun in das Zentrum des Interesses rücken. Deutlich erkennbar war dabei, dass die Herausstellung dieser Perspektive die Gefahr in sich barg, die einfachen Soldaten mit der Betonung ihrer "Leidensgeschichte" in einer Opferrolle festzuschreiben.[12] Das war nicht nur deshalb problematisch, weil Soldaten im Frieden wie im Krieg über ein vielfältiges Handlungsrepertoire verfügen, mit dem sie sich den Anforderungen des Dienstes, etwa durch die Simulation von Krankheiten oder niederschwellige Akte der Resistenz, entziehen können. Die in der "Militärgeschichte von unten" anzutreffende Opferperspektive stand auch im Widerspruch zur Entdeckung der Soldaten als Täter des vom "Dritten Reich" geführten Vernichtungskrieges in der Sowjetunion, die die kontroverse Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung und andere Arbeiten zur gleichen Zeit herausstellten.[13]

Die methodische Erweiterung der Militärgeschichte seit den 1980er Jahren erfolgte im Anschluss an Entwicklungen in der allgemeinen Geschichtswissenschaft. Wichtig waren dabei vor allem die Impulse der kulturhistorischen Wende, die die Deutungsmuster und kollektiven Mentalitäten von Soldaten und Offizieren sowie die symbolischen Repräsentationen des Militärs in öffentlichen Paraden, Feiern und Ritualen in das Zentrum der Analyse rückte.[14] Zusammen mit der Rezeption von Fragen und Ansätzen der Geschlechter-, Sozial- und Technikgeschichte wurde damit eine multiperspektivische Herangehensweise an das Militär auf breiter Front verankert.[15]

Allgemeine Wehrpflicht: Militär und Nationsbildung

Ein zentrales Thema der neueren Militärgeschichte ist die Verschränkung von Militär und Gesellschaft. Deren wichtigster Transmissionsriemen war in vielen Ländern Europas die zwangsweise Einberufung junger Männer im System der allgemeinen Wehrpflicht. Als der Historiker Gerhard Ritter nach der Katastrophe des "Dritten Reiches" über die deutsche Tradition des Militarismus reflektierte, hob er in bewusst dramatischen Worten die Folgen der Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht im Zuge der Französischen Revolution hervor. Das Modell dafür war die von den Jakobinern 1793 proklamierte "Levée en masse", die Einberufung junger unverheirateter Männer. Für Ritter lag darin der Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung, die eine "neuartige, ungeheuer gesteigerte Dynamik der Kriegführung ermöglicht: einen fast ungehemmten Einsatz von Menschenleben", der selbst die "kühnsten Feldherrnphantasien" der Vergangenheit übertraf. "Am fernen Horizont", so Ritter, tauche hier "bereits das Schreckbild des modernen ‚totalen‘ Krieges auf", dem es um "totale Vernichtung" des Gegners gehe.[16] Ganz offenkundig versuchte Ritter hier, die Eskalation der Gewalt im Vernichtungskrieg der Wehrmacht 1941 bis 1945 auf eine andere historische Traditionslinie zurückzuführen als auf den spezifisch deutschen Militarismus, der sich in den anti-napoleonischen Befreiungskriegen 1813 bis 1815 herausgebildet hatte und in der hervorgehobenen Rolle des Militärs in den drei nationalen Einigungskriegen der Jahre 1864 bis 1871 in das Zentrum des Nationalstaates gerückt war.

Das Thema Ritters und anderer in der borussischen Tradition geschulter Militärhistoriker war die Rolle der allgemeinen Wehrpflicht bei der äußeren Nationsbildung, für die neben der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 auch die bis 1861 weitgehend abgeschlossene italienische Einigung als Paradebeispiel diente. Demgegenüber konzentriert sich die neuere militärgeschichtliche Forschung vornehmlich auf die Rolle der allgemeinen Wehrpflicht bei der inneren Nationsbildung. Auch in der preußischen Reformdiskussion nach der Niederlage gegen Napoleon 1807 stand das jakobinische Modell der allgemeinen Wehrpflicht im Vordergrund. Das musste jene bürgerlichen Schichten beunruhigen, die in der bis dahin gültigen altpreußischen Wehrverfassung vom Militärdienst ausgenommen (eximiert) waren. Als Preußen dann 1814 die Wehrpflicht einführte, waren die bislang eximierten Stände davon ebenso betroffen. Die Möglichkeit einer Stellvertretung – bei der betuchte Familien einen Einsteher aus den unterbürgerlichen Schichten bezahlten, der den Wehrdienst für ihren Sohn ableistete – gab es nicht. Die Einführung des sogenannten Einjährig-Freiwilligen, einer verkürzten Dienstzeit von nur einem Jahr bei freiwilliger Meldung und dem Vorliegen eines Gymnasialabschlusses, versüßte dem Bürgertum diese bittere Pille. Zugleich wurde neben dem stehenden Heer der Linie eine Landwehr eingerichtet, die bürgerliche Offiziere kommandierten. Statt in der Kaserne zu schmoren, mussten die Landwehrmänner nur zu sonntäglichen Schießübungen und zweiwöchigen Übungskursen antreten. Doch insgesamt blieb die Prägekraft der Wehrpflicht in der zivilen Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg gering. Das lag vor allem daran, dass aufgrund fiskalischer Probleme stets nur ein geringer Teil der Wehrpflichtigen tatsächlich ausgehoben wurde, noch um 1850 nicht mehr als ein Viertel.[17]

Trotz ihrer begrenzten Reichweite fungierte die Wehrpflicht bereits vor 1871 als eine "Bildungsschule der Nation" – so der preußische Kriegsminister Hermann von Boyen 1816 –, in der junge Männer ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachkamen und in den Kasernen eine Vergemeinschaftung erfolgte, die ungeachtet ihres hierarchischen Charakters Männer aus unterschiedlichen Landesteilen und sozialen Schichten zusammenbrachte.[18] Dabei schliffen sich mittelfristig auch die Widerstände unter den Liberalen gegen das Prinzip des stehenden Heeres ab, gegen das sie hartnäckig die Landwehr als eine bürgerliche Alternative verteidigten. Eine Minderheit deutscher Liberaler und Radikaldemokraten setzten ab 1830 ihre Hoffnungen auf das schweizerische Milizsystem als Alternative zum stehenden Heer. Mit dem Verzicht auf dauerhaft organisierte Verbände und eine übergreifende Organisationsstruktur in der Form eines Kriegsministeriums schien es das freiheitlich-selbstbestimmte Gegenteil des preußischen Zwangsapparates zu verkörpern. Die Ironie dieser Hoffnungen lag darin, dass die Schweiz nach dem Sonderbundskrieg 1847, der den liberalen Bundesstaat begründete, selbst Schritte zur Angleichung ihrer Wehrverfassung an den westeuropäischen Standard unternahm, um die innere Nationsbildung zu beschleunigen. Das begann 1848 mit der Gründung des eidgenössischen Militärdepartements als übergeordneter Behörde und war 1874 mit der Einführung einer dauerhaft organisierten Schweizer Armee mit einheitlicher Ausbildung weitgehend abgeschlossen.[19]

Die gesellschaftliche Prägekraft der Wehrpflicht in den deutschen Ländern blieb bis 1867 auch deshalb begrenzt, weil die Staaten des sogenannten Dritten Deutschland – vor allem Baden, Württemberg und Bayern – sich nicht am preußischen Vorbild orientierten, sondern in verschiedenen Varianten die Möglichkeit der Stellvertretung beibehielten.[20] Erst nach der österreichischen Niederlage bei Königgrätz 1866, mit der Österreich aus dem Deutschen Bund ausschied und der Weg zur Gründung eines kleindeutschen Nationalstaates frei war, mussten die süddeutschen Staaten Preußens Militärverfassung übernehmen, in der seit der Heeresreform der 1860er Jahre die Landwehr Teil des stehenden Heeres war. Im Protest von Partikularisten, Demokraten und Katholiken in Baden, Bayern und Württemberg gegen die dreijährige Dienstpflicht im stehenden Heer entstand der Begriff des "Militarismus", der als antipreußische Parole rasch populär wurde. So geißelte etwa der bayerische Politiker Josef Edmund Jörg das Schutz- und Trutzbündnis mit Preußen mit den Worten, dies sei die "Quelle, aus welcher sich das Unheil des Militarismus über die einst so glücklichen Länder Süddeutschlands" ergieße. Diese militärkritische Pointe des Begriffs "Militarismus" sollte nicht übersehen werden. Sie speiste sich aus der Außenwahrnehmung von Partikularisten, Pazifisten und bald auch Sozialdemokraten, die die negativen Folgen der Wehrpflicht für die zivile Gesellschaft beklagten.[21]

Unstrittig ist, dass die Wehrpflicht erst im deutschen Kaiserreich ab 1871 zum wichtigsten Vehikel der inneren Nationsbildung mit breiter Massenwirkung auch über die bürgerlichen Schichten hinaus avancierte. Davon zeugen nicht zuletzt die Kriegervereine des Kyffhäuserbundes, in denen sich ehemalige Wehrpflichtige in egalitärer männlicher Gesellschaft trafen. Mit 2,8 Millionen Mitgliedern im Jahr 1913 war der Kyffhäuserbund eine der größten Massenorganisationen des Kaiserreichs. Die Attraktivität dieser Vereine lag auch darin, dass sie unterbürgerlichen Schichten – Arbeitern und kleinen Parzellenbesitzern – die Möglichkeit boten, soziale Anerkennung und Gleichberechtigung einzufordern, die sich auf den von allen gleichermaßen abgeleisteten Wehrdienst berief.[22] Der Militarismus der Kriegervereine produzierte also nicht gehorsame Untertanen, sondern war eher ein Vehikel der Partizipation.

Das größte Hindernis auf dem Weg zur inneren Nationsbildung durch eine Wehrpflichtarmee war die sprachliche und ethnische Vielfalt der multi-ethnischen Reiche in Europa vor 1914. Das deutsche Kaiserreich war trotz der großen polnischen Minderheit in Preußen hiervon noch am wenigsten betroffen. Aber auch hier brach der latente Konflikt zwischen dem deutschen Militär und den Bewohnern im 1871 annektierten Elsass-Lothringen massiv hervor, als ein Leutnant in der Garnison Zabern 1913 elsässische Rekruten und Zivilisten beleidigte. Die Zabern-Affäre entwickelte sich rasch zur schwersten Verfassungskrise des wilhelminischen Kaiserreichs.[23]

Weitaus komplizierter war die Lage in Österreich-Ungarn. Nur zwei Jahre nach der Niederlage gegen Preußen führte die Doppelmonarchie 1868 eine allgemeine Wehrpflicht ein, die auf einem jährlich neu fixierten Rekrutenkontingent basierte, was zu zahlreichen Streitigkeiten in den Parlamenten der beiden Landesteile führte. Die majoritäre Gruppe der Deutschen stellte aber gerade einmal 24 Prozent der Gesamtbevölkerung, gefolgt von den Ungarn mit 20 Prozent. Noch neun andere Nationalitätengruppen waren offiziell anerkannt, auch innerhalb des Militärs. Also versuchte die Armee, mit einer vorsichtigen Durchmischung der Wehrpflichtigen verschiedener Nationalitätengruppen einen Beitrag zur Homogenisierung zu leisten. Zwar blieb Deutsch bis 1918 die einzige offizielle Kommandosprache. Doch daneben gab es sogenannte Regimentssprachen, die auch die Offiziere beherrschen mussten, wenn mindestens 20 Prozent ihrer Soldaten sie sprachen. So gab es Regimenter mit bis zu fünf Regimentssprachen.[24] Durch dieses ausgeklügelte System ließen sich die Nationalitätenspannungen in der k.u.k-Armee zumindest teilweise auffangen, wenngleich sie bis 1914 deutlich zunahmen, wie die seit 1905 wieder zunehmende Zahl der nicht zur Einstellung erscheinenden Rekruten zeigte. Auch der Blick auf populäre Militärfeiern und Kriegervereine verdeutlicht, dass es der auf Kaiser Franz Joseph I. als paternalistischen Landesvater fokussierten Militärkultur der Doppelmonarchie bis 1914 insgesamt erstaunlich gut gelang, die Loyalität ihrer multi-ethnischen Bevölkerung sicherzustellen.[25]

Ganz anders war die Lage in dem auf überseeische Besitzungen gegründeten Britischen Empire. Dessen Weltgeltung sicherte die Royal Navy, und so blieben die Landstreitkräfte eine vergleichsweise winzige und dafür im Unterhalt recht teure Berufsarmee. In Großbritannien ersetzte "die Einkommensteuer (…) den Wehrdienst".[26] Eine Wehrpflicht wurde erst 1916 im Zuge des Weltkrieges eingeführt und nach seinem Ende bald wieder ausgesetzt. Eine Krise der "imperial defense" trat aber bereits im Burenkrieg 1899 bis 1902 gegen die zumeist niederländischen Siedler in Südafrika hervor. Der schlechte Gesundheitszustand vieler weißer Soldaten aus dem Mutterland machte Schlagzeilen und legte die ungenügende Versorgung der britischen Arbeiterklasse bloß. Um den Krieg zu gewinnen, musste Stabschef Lord Kitchener auch Schwarze als Soldaten rekrutieren. Damit bereitete er die multi-ethnische Zusammensetzung der britischen Armee im Ersten Weltkrieg vor.[27]

Militär und Geschlechterordnung

Die allgemeine Wehrpflicht mobilisierte nicht nur personelle Ressourcen mit einschneidenden Implikationen für die Zivilgesellschaft und trug zur inneren Nationsbildung bei. Sie hatte außerdem fundamentale Auswirkungen auf die Geschlechterordnung. Ein langfristig steigender Prozentsatz junger Männer musste in einer formativen Lebensphase zwei oder drei Jahre in einer exklusiv männlichen, geschlossenen Form der Vergemeinschaftung in der Kaserne verbringen. Das Militär wurde damit, wie der Pädagoge Friedrich Paulsen 1902 prägnant formulierte, zur "Schule der Männlichkeit".[28] Vor 1914 entwickelte diese Reformulierung männlicher Geschlechterideale in verschiedenen Formen eine prägende Wirkung in der Zivilgesellschaft. Das geschah über den Glanz, den die farbenprächtigen Uniformen ausstrahlten, ebenso wie über die Gewöhnung an die stramme Haltung, die Soldaten und Offiziere erlernen mussten und die ihre Körperlichkeit prägte.

Die militärische Umprägung männlicher Geschlechterbilder war bereits vor 1914 kein geradliniger Prozess. So hatten viele Bauernsöhne sichtliche Schwierigkeiten, ihren Körper an die genau abgezirkelten Bewegungen zu gewöhnen, die der Parademarsch ihnen abverlangte. Und auch im bürgerlichen Offiziersnachwuchs gab es Zweifel und Ambivalenzen, wie etwa das Beispiel Martin Niemöllers zeigt, des späteren Theologen und Mitglieds der Bekennenden Kirche. Er trat 1910 als Seekadett in die kaiserliche Marine ein, hatte aber erhebliche Probleme, sich an den rauen Ton der Männerkameradschaft zu gewöhnen. Wortreich beklagte er sich 1913 in seinem Tagebuch über die "Zoten gemeinster Art", mit der viele Marineoffiziere ihm wichtige Ideale wie die Familie und die aufrichtige Liebe zu einer Frau zur Zielscheibe ihres Spottes machten.[29]

Aber die eigentliche Belastungsprobe militärischer Männlichkeit kam erst mit dem Ersten Weltkrieg, wie vor allem die innovative Forschung zur britischen Armee eindringlich herausgearbeitet hat. Die in der Kitchener Army dienenden Freiwilligen mussten bald nach ihrer Ankunft auf den Schlachtfeldern Belgiens und Nordfrankreichs erfahren, dass die körperliche Realität des Militärdienstes sich von den hochfliegenden Erwartungen der Vorkriegszeit dramatisch unterschied. In den kärglichen Lebensbedingungen der verdreckten Frontquartiere brachen die Vorstellungen eines reinlichen und gesunden Männerkörpers rasch zusammen. Die Realität massenhafter physischer Verstümmelungen zeigte, dass die soldatischen Männerkörper den Belastungen des Maschinenkrieges nicht gewachsen waren. Junge bürgerliche Soldaten und Frontoffiziere suchten in dieser verwirrenden Realität eine emotionale Selbstvergewisserung in der Korrespondenz mit ihren Müttern. Aber dieser briefliche Dialog brachte die sanften, femininen Seiten ihrer Rolle im Militär nur umso stärker hervor.[30] In allen europäischen Ländern antworteten die Veteranen und Veteranenverbände auf diesen Schock mit der Flucht in den Mythos der Kameradschaft. Nur in der intimen Kameradschaft unter Männern ließe sich der Schrecken des Krieges ertragen und die aggressiv-maskulinen und fürsorglich-passiven Seiten der Rolle des Soldaten ausbalancieren. Nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland 1935 wurde der Kameradschaftsmythos zu einem tragenden Gerüst der Gruppenkultur der Wehrmacht und prägte auch noch die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik.[31] Soldaten, die diesem hegemonialen Männlichkeitsmodell nicht folgen wollten, blieben Außenseiter in der Truppe. Es ist deshalb kein Zufall, dass ein nicht hegemoniales, unsoldatisches Verständnis der eigenen Männlichkeit das wichtigste gemeinsame Merkmal all jener Wehrmachtssoldaten war, die sich dem Militärdienst durch die Fahnenflucht entzogen.[32]

Fazit

Durch die Annäherung der Militärgeschichte an Fragestellungen und Methoden der Kultur-, Sozial- und Geschlechtergeschichte in den vergangenen 30 Jahren haben sich neue Perspektiven auf das Verhältnis von Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert ergeben. Damit ist die Militärgeschichte zu einem wichtigen und weithin anerkannten Teil der historischen Forschung geworden. Diese inhaltliche und methodische Neuorientierung geschah nicht ohne Abwehrreflexe einzelner Militärhistoriker. Nach deren Überzeugung muss die Analyse militärischer Operationen weiterhin ein "zentraler" und damit methodisch privilegierter "Bestandteil der Kriegsgeschichte" bleiben.[33] Vorbehalte gab es auch dagegen, dass die Militärgeschichte nun aus ihrer lebensweltlichen Verankerung im Militär herausgelöst und vorwiegend von "ungedienten" Zivilisten praktiziert wurde. Wenn man seine Kenntnisse "allein aus Handbüchern" schöpfe, so der Einwand, werde das "tiefere Verständnis der Militärgeschichte vielleicht verborgen bleiben".[34] Doch dies waren, in militärischer Diktion formuliert, letztlich nur Nachhutgefechte, die der weiteren thematischen Ausweitung militärhistorischer Arbeiten nicht im Wege stehen.[35]
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Fußnoten

1.
Zur Militärgeschichte der Vormoderne vgl. Ralf Pröve (Hrsg.), Klio in Uniform? Probleme und Perspektiven einer modernen Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, Paderborn 1997.
2.
Vgl. Jeremy Black, Rethinking Military History, London–New York 2004, S. X.
3.
Vgl. Mark Connelly/Stefan Goebel, Ypres. Great Battles, Oxford 2018; Marian Füssel/Michael Sikora (Hrsg.), Kulturgeschichte der Schlacht, Paderborn 2014, insb. Christoph Nübel, Die Geschichte der Schlacht. Methodische Überlegungen am Beispiel der Michael-Offensive 1918, S. 231–258.
4.
Bernhard R. Kroener, Militär, Staat und Gesellschaft im 20. Jahrhundert, München 2011, S. 52.
5.
Vgl. Markus Pöhlmann, Kriegsgeschichte und Geschichtspolitik: Der Erste Weltkrieg. Die amtliche deutsche Militärgeschichtsschreibung 1914–1956, Paderborn 2002.
6.
Bernd Ulrich/Benjamin Ziemann (Hrsg.), Krieg im Frieden. Die umkämpfte Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, Frankfurt/M. 1997, S. 65–68, hier S. 66.
7.
Vgl. Wilhelm Deist, Hans Delbrück. Militärhistoriker und Publizist, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen (MGM) 2/1998, S. 371–383.
8.
Vgl. Frank Reichherzer, "Alles ist Front." Wehrwissenschaften in Deutschland und die Bellifizierung der Gesellschaft vom Ersten Weltkrieg bis in den Kalten Krieg, Paderborn 2012, S. 140, S. 253–327.
9.
Vgl. ebd., S. 399f.
10.
Vgl. Manfred Messerschmidt, Militarismus, Vernichtungskrieg, Geschichtspolitik. Zur deutschen Militär- und Rechtsgeschichte, Paderborn u.a. 2006; ders., Was damals Recht war … NS-Militär- und Strafjustiz im Vernichtungskrieg, Essen 1996.
11.
Vgl. Rainer Wohlfeil, Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?, in: MGM 1/1967, S. 21–29.
12.
Vgl. Wolfram Wette, Militärgeschichte von unten. Die Perspektive des "kleinen Mannes", in: ders. (Hrsg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München 1992, S. 9–47, hier S. 13.
13.
Vgl. Hannes Heer/Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944, Hamburg 1995; als Detailstudie bereits zuvor erschienen: Omer Bartov, Hitler’s Army. Soldiers, Nazis and War in the Third Reich, New York–Oxford 1991.
14.
Als Pionierstudie vgl. Jakob Vogel, Nationen im Gleichschritt. Der Kult der "Nation in Waffen" in Deutschland und Frankreich 1871–1914, Göttingen 1997.
15.
Vgl. als erste Bestandsaufnahme Thomas Kühne/Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000; weiterführend: Jörg Echternkamp/Wolfgang Schmidt/Thomas Vogel (Hrsg.), Perspektiven der Militärgeschichte. Raum, Gewalt und Repräsentation in historischer Forschung und Bildung, München 2010.
16.
Gerhard Ritter, Das Problem des Militarismus in Deutschland, in: Historische Zeitschrift 1/1954, S. 21–48, hier S. 27.
17.
Vgl. Ute Frevert, Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001, S. 18–132.
18.
Vgl. dies., Das jakobinische Modell. Allgemeine Wehrpflicht und Nationsbildung in Preußen-Deutschland, in: dies. (Hrsg.), Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997, S. 17–47, hier S. 36.
19.
Vgl. Rudolf Jaun, "Das einzig wahre und ächte Volksheer." Die schweizerische Miliz und die helvetische Projektion deutscher Radikal-Liberaler und Demokraten 1830–1870, in: Christian Jansen (Hrsg.), Der Bürger als Soldat. Die Militarisierung europäischer Gesellschaften im langen 19. Jahrhundert, Essen 2003, S. 68–82.
20.
Vgl. Frevert (Anm. 17), S. 133–192.
21.
Vgl. Benjamin Ziemann, Sozialmilitarismus und militärische Sozialisation im deutschen Kaiserreich 1870–1914. Ergebnisse und Desiderate in der Revision eines Geschichtsbildes, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 3/2002, S. 148–164, hier S. 150.
22.
Vgl. Robert von Friedeburg, Klassen-, Geschlechter- oder Nationalidentität? Handwerker und Tagelöhner in den Kriegervereinen der neupreußischen Provinz Hessen-Nassau 1890–1914, in: Frevert (Anm. 18), S. 229–244; Frevert (Anm. 17), S. 193–301.
23.
Vgl. David Schoenbaum, Zabern 1913. Consensus Politics in Imperial Germany, London 1982.
24.
Vgl. Christa Hämmerle, Die k. (u.) k. Armee als "Schule des Volkes"? Zur Geschichte der Allgemeinen Wehrpflicht in der multinationalen Habsburgermonarchie, in: Jansen (Anm. 19), S. 175–213.
25.
Vgl. Laurence Cole, Military Culture and Popular Patriotism in Late Imperial Austria, Oxford 2014.
26.
Hew Strachan, Militär, Empire und Civil Society. Großbritannien im 19. Jahrhundert, in: Frevert (Anm. 18), S. 78–93, hier S. 92.
27.
Vgl. Jörn Leonhard, Integrationserwartungen und Desintegrationserfahrungen. Empire und Militär in der Habsburgermonarchie und in Großbritannien vor 1914, in: Echternkamp/Schmidt/Vogel (Anm. 15), S. 149–164, hier S. 160f.
28.
Ute Frevert, Das Militär als Schule der Männlichkeit. Erwartungen, Angebote, Erfahrungen im 19. Jahrhundert, in: dies. (Anm. 18), S. 145–173, hier S. 145.
29.
Zit. nach Benjamin Ziemann, Ambivalente Männlichkeit. Geschlechterbilder und -praktiken in der kaiserlichen Marine am Beispiel von Martin Niemöller, in: L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 2/2018, S. 91–108, hier S. 99.
30.
Vgl. Joanna Bourke, Dismembering the Male: Men’s Bodies, Britain & the Great War, Chicago–London 1996; Michael Roper, The Secret Battle. Emotional Survival in the Great War, Manchester 2009.
31.
Vgl. ebd.; Thomas Kühne, Kameradschaft. Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006; Mark Cornwall/John Paul Newman (Hrsg.), Sacrifice and Rebirth: The Legacy of the Last Habsburg War, New York–Oxford 2016.
32.
Vgl. Magnus Koch, Fahnenfluchten. Deserteure der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Lebenswege und Entscheidungen, Paderborn 2008.
33.
Rolf-Dieter Müller, Militärgeschichte, Köln–Weimar–Wien 2009, S. 20f.
34.
Ebd. Vgl. Sönke Neitzel, Militärgeschichte ohne Krieg? Eine Standortbestimmung der deutschen Militärgeschichtsschreibung über das Zeitalter der Weltkriege, in: Hans-Christof Kraus/Thomas Nicklas (Hrsg.), Geschichte der Politik. Alte und Neue Wege, München 2007, S. 287–308, hier insb. S. 293f., S. 302.
35.
Vgl. die Kritik bei Jörg Echternkamp, Wandel durch Annäherung oder: Wird die Militärgeschichte ein Opfer ihres Erfolges?, in: ders./Schmidt/Vogel (Anm. 15), S. 1–38, hier S. 22ff., S. 29f.

Benjamin Ziemann

Zur Person

Benjamin Ziemann

ist Professor für neuere deutsche Geschichte an der University of Sheffield. b.ziemann@sheffield.ac.uk


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