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24.4.2020

Addis Abeba: Annäherung an eine vielschichtige Metropole - Essay

In der langen Geschichte Äthiopiens kommt den Städten, die zeitweise Sitz politischer Herrscher waren, eine wichtige Bedeutung zu. Als Beispiele wären etwa Aksum und Gonder zu nennen, während andere Städte wie Debre Birhan zwar ähnliche Funktionen hatten, aber nie so berühmt waren. Als Herrschaftssitz waren diese Städte zugleich Schauplatz verschiedener gesellschaftlicher, religiöser und wirtschaftlicher Aktivitäten, was ihre Bedeutung im Vergleich zu anderen damaligen Städten und Regionen des Landes erklärt.

Die geografischen Grenzen Äthiopiens veränderten sich im Laufe der Zeit immer wieder, und das Gebiet war mal größer und mal kleiner. Die äthiopischen Herrscher legten sich nicht immer auf eine einzige Stadt als Regierungssitz fest. Der Zug von einem Sitz zum nächsten war ein wesentlicher Bestandteil der Herrschaftsausübung in der äthiopischen Geschichte, eine Ausnahme bilden nur das aksumitische Reich (3. bis 7. Jahrhundert) und die Zeit, in der Gonder Hauptstadt war (1636 bis 1855). Die Herrscher zogen von Ort zu Ort, mitunter errichteten sie ihr Lager auch gleich für mehrere Monate, je nach Wetter und Klima, möglichen Aufständen und den wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen längeren Aufenthalt. Doch unabhängig davon kann es in der sogenannten modernen Periode der äthiopischen Geschichte, dem Zeitraum von 1855 bis heute, keine andere Stadt mit der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Macht von Addis Abeba aufnehmen. Sie wurde "zur ständigen Hauptstadt, die nahezu im Zentrum des Reiches lag. So verschwand das System der mit dem Herrscher wandernden Verwaltung."[1]

Zur Geschichte der Stadt

Addis Abeba, wörtlich übersetzt die "Neue Blume", diente zunächst als militärisches Hauptquartier des Kaisers Menelik II., der – noch als König von Shewa – in den 1880er Jahren einen Palast auf den Entoto-Höhen errichten ließ. Mitunter wird Meneliks Standortwahl eine historische Bedeutung zugeschrieben: "Er wollte seine Hauptstadt dort errichten, wo seine Vorfahren vor der Eroberung durch Ahmad Grañ gelebt hatten."[2]

Davon abgesehen ließ sich die Gebirgsregion gut verteidigen, zudem bot die Höhe einen gewissen Schutz vor Krankheiten wie Malaria. Und so wurde Addis Abeba 1886 die letzte Hauptstadt der Region Shewa und 1889 von ganz Äthiopien. [3] Für Kaiser Menelik wurde eine dauerhafte Residenz bei den heißen Quellen von Fil Wuha errichtet, und die Angehörigen des Militärs wurden ermuntert, sich ebenfalls dort niederzulassen. Später siedelte sich das Gefolge jedes Militärführers – Soldaten, Verwandte und Getreue – in seinem unmittelbaren Umfeld an, wodurch Addis Abeba anfangs einer Ansammlung weitläufiger Dörfer glich. Diese Siedlungen wurden Sefers (Garnisonsstädte) genannt, und noch heute bezeichnet man die Stadtviertel in Addis Abeba als Sefer, beispielsweise Arat Kilo Sefer, Goro Sefer, Bole Sefer und so weiter.

Doch erst nach dem Sieg in der Schlacht von Adwa 1896 und der internationalen Anerkennung Äthiopiens als souveräner Staat wurde Addis Abeba zum dauerhaften Regierungssitz und zur Hauptstadt im heutigen Sinn. Mehrere europäische Länder richteten dort ihre Botschaften und Konsulate ein und untermauerten so die politische Bedeutung der Stadt. Damit war Addis Abeba mehr als nur ein Militärlager. Zusätzlich strömten nach der Schlacht von Adwa Zivilisten aus dem ganzen Land in die Stadt. Der äthiopische Journalist und Historiker Paulos Gnogno schrieb dazu: "Menelik hatte den verschiedenen Herrschern in ganz Äthiopien befohlen, Handwerker und Facharbeiter in die neue Hauptstadt zu entsenden."[4] Während Städte meist von sich aus Menschen anziehen, weil sie ihnen die Möglichkeit geben, ihre Produkte und Dienstleistungen anzubieten und Handel zu treiben, siedelten sich im Fall von Addis Abeba aufgrund eines direkten kaiserlichen Befehls Äthiopier unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen Fertigkeiten und Kenntnissen in der Hauptstadt an. Die Stadt verdankt ihre enorme Vielfalt also auch Menelik.

Da Addis Abeba eine Ansammlung verschiedener Ansiedlungen war, in denen sich jeweils ein Gefolge eines mächtigen oder reichen Militärführers niedergelassen hatte, waren die Stadtviertel auch nie nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Macht oder nach wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Aspekten gegliedert oder voneinander getrennt. Auch heute noch hat Addis Abeba eine vielfältige urbane Bevölkerung und Sefers, deren Bewohnerinnen und Bewohner aus unterschiedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen stammen. Allerdings gibt es mittlerweile auch einige separate wohlhabende Viertel, die sich stark von der ursprünglichen typischen Zusammensetzung abheben. Zur berühmten Korrespondenz Meneliks zählt ein Brief an König Abbaa Jiffaar im Königreich Jimmaa, in dem er den König dafür tadelt, Sklaven zu halten und deren Bewegungsfreiheit einzuschränken. Der Brief endet mit dem Satz: Obwohl die Siedlungsstruktur der historischen Städte Äthiopiens der von Addis Abeba ähnelt, trug Meneliks Haltung, Menschen dort leben zu lassen, wo sie wollten, sicher zur pragmatischen und unregelmäßigen Struktur der Hauptstadt bei. Der Brief richtete sich zwar nur an einen regionalen Herrscher in einer abgelegenen Region, doch Meneliks Haltung zur Zuwanderung galt für die Menschen im ganzen Land. Alle durften sich ansiedeln, wo es ihnen gefiel, und mit der wachsenden Bedeutung Addis Abebas wurde die Stadt noch attraktiver.

In den Jahren nach Meneliks Herrschaft, die 1913 endete, gab es zahlreiche Versuche, die zufällige Siedlungsstruktur der Stadt zu beeinflussen oder so etwas wie Ordnung herzustellen. Die Italiener, die 1935 in Äthiopien einmarschierten und Addis Abeba besetzten, verlegten den Markt vom Arada-Viertel, dem heutigen Piassa, aus dem Zentrum an den Stadtrand. Aus verschiedenen Gründen wollten sie die Stadt nach "Rassen" unterteilen und Piassa zum Viertel der Europäer machen. Doch die Italiener hielten sich nicht lange in Äthiopien, und obwohl in der Stadt heute noch einige italienische Einflüsse zu erkennen sind, gelang es ihnen nicht, Trennlinien innerhalb der Stadt zu ziehen – nach welchen Kriterien auch immer. Gehalten haben sich allerdings die Namen, die bestimmte Viertel erhielten, etwa Piassa anstelle von Arada, und die Verlegung des Marktes. Der Merkato ist heute der größte Markt Afrikas unter freiem Himmel.

Addis Abeba und seine Märkte

Was Märkte betrifft, weist Addis Abeba eine Besonderheit auf, denn bei der Gründung der Stadt waren nur sehr wenige Bewohner zum Einkauf ihrer Lebensmittel auf einen Markt angewiesen. Ausländische Gäste, die Addis Abeba zum ersten Mal besuchen, sind vielleicht überrascht angesichts der großen Zahl von Kühen, Eseln, Maultieren, Schafen und Ziegen, die sich selbst auf den breitesten asphaltierten Straßen der Stadt herumtreiben. Das liegt unter anderem daran, dass Addis Abeba von Anfang an eine Stadt war, in der Bauern und Viehbesitzer willkommen waren. Über ein Jahrhundert später leben immer noch viele auf diese Weise und versorgen sich praktisch selbst. Historische Quellen zeigen interessanterweise, dass bis 1935 "der Markt für den Großteil der Einwohner von Addis Abeba nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste Bezugsquelle für den Einkauf von Lebensmitteln war".[6] Aufgrund der damaligen Lebensverhältnisse hatten die Einwohner andere Möglichkeiten, sich mit Fleisch, Teff (dem Hauptgetreide Äthiopiens), Gerste oder allgemein mit Lebensmitteln und Getränken zu versorgen.

Blick auf einen Teil des Marktviertels von Addis Abeba: rechts die Anwar-Moschee, links ein Zug der Stadtbahn, die mit chinesischer Unterstützung gebaut und 2015 in Betrieb genommen wurde. (© picture-alliance/AP Foto, Mulugeta Ayene)


Zum einen gruppierten sich die Ansiedlungen in Addis Abeba ja in erster Linie um den Sitz bedeutender politischer und militärischer Anführer. Diese Personen und ihre Familien besaßen Land außerhalb der Stadt und bezogen ihre Nahrungsmittel direkt von ihren Feldern. Sie verfügten auch über Lagerhäuser. Ihr großes Gefolge wurde nicht mit Geld, sondern in Naturalien bezahlt, darunter Getreide, Fleisch und Getränke.

Zum anderen versorgte der kaiserliche Palast gemäß einer Tradition, die Gebir genannt wird, ebenfalls viele Stadtbewohner mit Lebensmitteln oder verwendete Getreide als Zahlungsmittel, "um Soldaten, Küchenhilfen, Handwerker, Schreiber, niedrige Hofbeamte, Priester und ihre Familien für ihre Dienste zu entlohnen".[7] So war gewährleistet, dass ein großer Teil der Bevölkerung, der vom Palast abhängig war, mit Lebensmitteln versorgt wurde und selten auf dem Markt einkaufen musste.

Und zu guter Letzt sorgte auch die große Zahl der Bankette und religiösen Feste der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, die nicht nur von den Reichen, sondern auch von gewöhnlichen Laien ausgerichtet wurden, dafür, dass die Armen der Stadt regelmäßig Speisen und Getränke erhielten. Viele Gläubige richten auch heute noch an Tagen, die bestimmten Heiligen geweiht sind, ein Festmahl aus. Bei diesen Essen ist es nicht nur üblich, sondern es wird sogar erwartet, dass man auch an die Armen denkt und an jene, die sich nicht selbst versorgen können. Diese Tradition stirbt zwar allmählich aus, weil sich nicht mehr viele Leute die Kosten eines solchen Festmahls leisten können. Aber hin und wieder kommt es noch vor, und dann ist auch immer für die Armen gesorgt.

Da es die vielfältigen Systeme zur Versorgung der Bevölkerung heute nicht mehr gibt, sind alle Einwohner auf den Lebensmittelmarkt angewiesen. Die immer höheren Nahrungsmittelpreise treffen die Armen besonders hart, da sie nicht in der Lage sind, Lebensmittel selbst anzubauen oder herzustellen. Wer es sich leisten kann, besorgt sich sein Getreide indes auf verschiedenen Wegen. Eine häufig genutzte Möglichkeit ist die Mühle des Viertels. Jedes Viertel hat eine eigene Mühle, die Getreide vom zentralen Getreidemarkt Ehil-Berenda (wörtlich: "Getreide-Veranda") auf dem Merkato bezieht, wo wiederum Getreide von Händlern, der Regierung oder Bauern aus dem ganzen Land gehandelt wird. Tatsächlich ist die Stadt für ihr Überleben auf die Landbevölkerung und ihre Produkte angewiesen, ohne ihr aber etwas wirklich Bedeutsames zurückzugeben.

Heutiges Stadtleben

Das Leben im heutigen Addis Abeba ist unter anderem stark von der Religiosität weiter Teile der Einwohnerschaft geprägt. Christentum und Islam sind die Religionen, auf denen das Land und die Stadt gründen. Zwei Kirchen, Yeka Mika’el und Qeranyo Medhanealem, wurden bereits vor der Stadtgründung erbaut, doch Addis Abeba verfügt noch über viele weitere, architektonisch ganz unterschiedliche Kirchen und Moscheen. Ein Beispiel für das friedliche Nebeneinander der beiden Religionen, das sich auch in der Populärkultur der Stadt zeigt, ist der Bau der St.-Raguel-Kirche beim Merkato, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Anwar-Moschee. Auf den ersten Blick mag das gar nicht so interessant wirken, doch im Hinblick auf die sich überschneidenden Fastenzeiten, vor dem Osterfest und im Ramadan, ist die Anwesenheit der Christen, die von ihrer Kirche direkt auf die Moschee blicken, und der Muslime, die an den Mauern von St. Raguel lehnen, während sie sich im Gebet zu ihrer Moschee wenden, ein Beleg für die Demut, Geduld und den tiefen religiösen Respekt der Äthiopier. Diese Haltung beschränkt sich nicht auf Addis Abeba, ist jedoch ein typisches Kennzeichen seiner Bewohner, auf das sie zu Recht stolz sind.

Das heißt allerdings nicht, dass es in Addis Abeba keine Probleme gibt. Wie in vielen anderen Großstädten weltweit gehören Kleinkriminalität und Schwerverbrechen, Überbevölkerung, Umwelt- und vor allem Luftverschmutzung zum Alltag. Dennoch ist Addis Abeba nach wie vor ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, Sitz der Afrikanischen Union und der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika – ein Ort, in den Jugendliche aus dem ganzen Land strömen. Äthiopische Wissenschaftler warnen seit Jahren vor dem massiven Wachstum der Stadt und ihrer Einwohnerzahl. In den 1980er Jahren, gegen Ende des Derg-Militärregimes, wurde ein sogenannter Masterplan entwickelt, um das demografische und wirtschaftliche Wachstum von Addis Abeba einzudämmen. Der Plan war allerdings recht ehrgeizig, er sah für die Stadt "ein langsameres Wachstum und einen (…) Ausgleich der industriellen Struktur im Umland" vor.[8] Zudem war mit ihm die Hoffnung verknüpft, dass weniger Migranten zuziehen würden. Bislang ist das keineswegs eingetroffen. In einem Land, dessen andere Regionen es weder wirtschaftlich, noch politisch oder gesellschaftlich mit Addis Abeba aufnehmen können, bleibt die Hauptstadt wichtigster Anziehungspunkt für Äthiopier aus allen Landesteilen.

Das macht auch ihre Schönheit, ihre Komplexität aus: In der Stadt hört man zahlreiche Varianten und Dialekte des Amharischen, feiert Feste, deren Ursprünge in allen Teilen des Landes liegen, und lebt in unmittelbarer Nachbarschaft mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. So finden sich etwa in meinem Viertel, Hayahulet Mazoria, benannt nach der Buslinie 22 (haya-hulet), Männer und Frauen, die in verschiedenen Regionen des Landes geboren und aufgewachsen sind, aber in den 1960er und 1970er Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Addis Abeba kamen. Mit Ausnahme zweier Familien, deren Oberhäupter in Addis Abeba geboren wurden, stammen die anderen 13 aus den Regionen Wollo, Shewa, Ambo, Wollega, Arsi, Harar, Gojjam, Asmara, Adwa, Wolaytta und Gurage. Jedes Oberhaupt hat in Addis Abeba eine Familie gegründet. Und wir sprechen hier nur über ein einziges Stadtviertel. Auch alle anderen Viertel verfügen über eine ähnlich vielfältige Struktur mit Bewohnern, die einen ganz unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Hintergrund haben. Das macht Addis Abeba so einzigartig, zu einem Schmelztiegel par excellence – im Grunde zu einem Äthiopien im Kleinen.

Betrachten wir nun die Religionszugehörigkeit in meinem Viertel. Unter den 13 Familien finden sich zwei muslimische Familien, zwei protestantische Familien, eine Familie, die bei den Zeugen Jehovas ist, und eine, die den Adventisten angehört. Die übrigen sind christlich-orthodox. Die Religionszugehörigkeit ist erheblich wichtiger als die sprachliche Zugehörigkeit und zeigt sich bei den Festen im Viertel, etwa bei den Hochzeiten. Die Frauen aus der Nachbarschaft sorgen für Speisen für muslimische wie christliche Familien, wobei sie bei der Zubereitung auf die jeweiligen religiösen Vorschriften achten. Besonders liebenswert an diesem ohnehin sympathischen Brauch ist die Tatsache, dass für beide religiöse Gruppen ähnliche Speisen zubereitet werden, das Fleisch dafür aber jeweils den Segen der entsprechenden Religionsoberhäupter erhalten hat.

Urbane Jugend und Identität

Addis Abeba hat viele junge Einwohner, die sich überwiegend als urban oder als Arada bezeichnen (der Begriff bezieht sich auf das frühere gleichnamige kulturelle Zentrum der Stadt). Die Arada von heute, die urbanen Jugendlichen, gestalten und verändern die Populärkultur des Landes. Ein wesentliches Merkmal dieser jungen Einwohner von Addis Abeba besteht darin, dass sie von zahlreichen vielfältigen Kulturen und Sprachen geprägt sind und daher eine ganz eigene, für Addis Abeba typische Identität entwickelt haben. Diese Identität entstand unter dem Einfluss fast aller Kulturen Äthiopiens, hat jedoch ihre spezifischen Merkmale und Beschwernisse. Nach den Angaben der jungen Bewohner meines Viertels ist ein "typischer Arada" jemand, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein besseres Leben zu führen, die Dinge aber auch nicht "übertreiben" will. Anders ausgedrückt: Ein Arada kann sein Leben genießen, kümmert sich um seine Familie und seine Nachbarn, ist tolerant, muss aber auch kämpfen, um über die Runden zu kommen. Ein Arada kennt die politischen Verhältnisse im Land und weiß um die wirtschaftlichen Probleme der Menschen, versteht aber auch, dass er oder sie nicht in der Lage ist, die daraus resultierenden Härten grundsätzlich zu beeinflussen.

Das betrifft auch die Entwicklungs- und Wachstumspläne, die die Regierung in den vergangenen Jahrzehnten im Land umzusetzen versucht hat. Die Jugend in Addis Abeba hat mit enormen wirtschaftlichen Belastungen zu kämpfen, und obwohl sie in der Hauptstadt lebt, die ja auch Regierungssitz ist, wird sie von der Politik ignoriert, die nicht in der Lage ist, die Situation der jungen Menschen zu verbessern. Die urbanen Arada verstehen diesen Kampf und leben damit. Die komplexe Identität der Bewohner von Addis Abeba ist Segen und Fluch zugleich: Segen, mit verschiedenen Kulturen und dem tiefen Wissen um die Vielfalt Äthiopiens aufzuwachsen, und Fluch, in einer Stadt zu leben, die ihren Bewohnern keine hoffnungsvolle Zukunft bietet. Diese Situation ist eng mit der Armut des gesamten Landes verknüpft und nicht allein auf die Stadt beschränkt.

Die Beziehung der Hauptstadt zum Umland ist eines der vielen Probleme, um das sich Politiker und Entscheidungsträger bislang nur unzureichend gekümmert haben. Im September 2018 kam es in der Region Burayu zu einer Serie von Gewalttaten, die auf Addis Abeba übergriff. Jugendliche aus Addis Abeba und der umliegenden Region Oromia lieferten sich in den Vierteln Merkato und Arada Straßenkämpfe um die Frage, wem die Hauptstadt gehört.

Nach dem Amtsantritt Abiy Ahmeds als Premierminister im April und den politischen Veränderungen im Sommer 2018 konnten viele Gruppen und Bewegungen, die aus politischen Gründen verboten worden oder ins Exil gegangen waren, ebenso wie viele Oppositionelle nach Äthiopien zurückkehren. In dieser Phase des politischen Umbruchs, in der viele Probleme noch ungelöst waren, traten die verschiedenen Interessen unmittelbar zutage. Ein Streitpunkt war beispielsweise Addis Abeba und seine wirtschaftliche und politische Beziehung zur Region Oromia. Tatsächlich war der politische Umbruch hauptsächlich auf Vorwürfe zurückzuführen, die Jugendliche aus Oromia gegen die Regierung vorbrachten, etwa in Hinblick auf die weitere Ausdehnung der Hauptstadt und die Vertreibung der Bauern von ihrem Land. Im Grunde ging es um ein wirtschaftliches Problem, das jedoch Identitätsfragen und Forderungen nach mehr Teilhabe an der Hauptstadt aufwarf.

Nach der Rückkehr der politischen Organisationen und Oppositionellen aus dem Exil stellten sich große Teile der Jugend auf ihre Seite und politisierten diese Fragen. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen wurde dabei durch Fahnen verdeutlicht: So nutzten Jugendliche aus Addis Abeba während der Unruhen von Burayu die historische äthiopische grün-gelb-rote Flagge ohne Emblem, um ihre Verbundenheit zum Panäthiopianismus und ihren Glauben an ein friedliches Zusammenleben aller Äthiopier zu demonstrieren. Einige Jugendliche aus Oromia hingegen schwenkten die Fahne der Oromo Liberation Front, einer Organisation, die nicht nur die Unabhängigkeit Oromias fordert, sondern auch die Zugehörigkeit von Addis Abeba zu ihrer Region.

Erinnern wir uns nun an die Geschichte von Addis Abeba und die Bitte des Kaisers Menelik, Menschen unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft und mit verschiedenen Fertigkeiten in die neu gegründete Stadt zu entsenden, damit sie sich dort ansiedeln. Obwohl Äthiopier aller Gesellschaftsschichten und unabhängig von ihrer Herkunft die Hauptstadt ihre Heimat nennen, und obwohl Addis Abeba aufgrund seiner Wirtschaftskraft und enormen Entwicklung der wirtschaftliche Motor des Landes ist, geht es im Streit um Identität und die Frage, wem die Hauptstadt gehört, um die ungerechte Verteilung von Ressourcen und die Entwicklung der Hauptstadt auf Kosten des übrigen Landes.

Sehnsuchtsort?

Addis Abeba ist privilegiert: Da ist zum einen die Infrastruktur und die Konzentration der Behörden und Regierungseinrichtungen in der Stadt, zum anderen die Tatsache, dass praktisch sämtliche Mitglieder der wirtschaftlichen und politischen Elite des Landes seit Jahrzehnten in der Stadt leben. Dazu kommt, dass keine andere Stadt im Land ein vergleichbares Angebot an Dienstleistungen, Bildungseinrichtungen und Krankenhäusern sowie die garantierte Bereitstellung der Dinge des täglichen Bedarfs vorweisen kann. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass die Äthiopier, die nicht in Addis Abeba wohnen, täglich über die Massenmedien erfahren, dass die Hauptstadt auch das Zentrum der Populärkultur bildet. Jugendliche, die nicht in der Stadt wohnen, aber wie alle anderen ein besseres Leben führen wollen, fühlen sich dadurch ausgeschlossen. Und selbst wenn sie sich nicht ausgeschlossen fühlen, haben sie dennoch den Wunsch, Teil dieser aufregenden Metropole zu sein.

Die Privilegien Addis Abebas sind jedoch ein zweischneidiges Schwert für die Einwohner und vor allem für die Jugend. Im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit sieht die Zukunft für die Jugendlichen in der Stadt ähnlich düster aus wie für die Jugend auf dem Land, auch wenn die urbane Vernetzung viele Vorteile bietet. Wirtschaftliche Faktoren lassen sich nicht so schnell ändern, was die verzweifelten Jugendlichen in politische Auseinandersetzungen treibt, die das Land spalten. Und so gehen die bekümmerten und wütenden Jugendlichen auf die Straße – die eine Gruppe, um die Stadt zu verteidigen, die andere, um ihren Wünschen und Forderungen Ausdruck zu verleihen. Von den Kühen und Schafen, die durch die Straßen Addis Abebas streunen, über die Kirchen und Moscheen der Stadt, den Merkato und die Mühlen, die das Getreide der Bauern verarbeiten, bis zu den Bewohnern und der urbanen Jugend, die Mühe hat, ihre Rolle und ihren Platz im Leben zu finden: Addis Abeba bietet eine enorme kulturelle Vielfalt mit zahlreichen historischen Schichten, was die Stadt zu einem einzigartigen Kaleidoskop äthiopischer Kulturen macht.

Übersetzung aus dem Englischen: Heike Schlatterer, Pforzheim.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Hewan Semon Marye für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Siegbert Uhlig et al. (Hrsg.), Äthiopien: Geschichte, Kultur und Herausforderung, Wiesbaden 2018, S. 139.
2.
Richard Pankhurst, The Foundation and Growth of Addis Ababa to 1935, in: Ethiopia Observer 1/1962, S. 33–61, hier S. 33.
3.
Vgl. Peter P. Garretson, A History of Addis Abäba from Its Foundation in 1886 to 1910, Wiesbaden 2000, S. 4.
4.
Paulos Gnogno, Dagmawi Atse Menelik, Addis Abeba 1992, S. 238.
5.
Ebd., S. 34.
6.
David Chapple, Some Remarks on the Addis Ababa Food Market up to 1935, in: Ahmed Zekaria et al. (Hrsg.), Proceedings of the International Symposium on the Centenary of Addis Ababa, November 24–25, 1986, Addis Abeba 1987, S. 145.
7.
Ebd., S. 148.
8.
Techeste Ahderom, Basic Planning Principles and Objectives Taken in the Preparation of the Addis Ababa Master Plan, Past & Present in: Zekaria et al. (Anm. 6), S. 261.

Hewan Semon Marye

Zur Person

Hewan Semon Marye

ist Doktorandin am Hiob Ludolf Zentrum für Äthiopistik an der Universität Hamburg. Sie forscht zur Geschichte des Humors in Addis Abeba und urbanen Kulturen in Äthiopien. hewansemon@gmail.com


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