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16.10.2008

Editorial

Der alte Streit um den freien Willen des Menschen ist durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse neu entfacht worden. Häufig wird die Hirnforschung als neue Leitdisziplin der Humanwissenschaften bezeichnet.

Im Alltag scheint es zumeist so, als handelten wir souverän. Doch spielen biochemische Prozesse im Gehirn eine entscheidende Rolle. Bereits Zehntelsekunden vor willentlichen Entscheidungen sind Aktivitäten in den zuständigen Hirnregionen messbar. Unbewusste neuronale Prozesse bestimmen unser Denken, Fühlen und Entscheiden. Durch erhebliche technische Fortschritte bei der Messung von Hirnströmen, etwa mittels bildgebender Verfahren, sind viele solcher Phänomene recht genau lokalisierbar. Ein besseres Verständnis neurologischer Erkrankungen und Fortschritte in der Stammzellforschung versprechen neue Therapiemöglichkeiten.

Der alte Streit um den freien Willen des Menschen ist durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse neu entfacht worden. Häufig wird die Hirnforschung bereits als neue Leitdisziplin der Humanwissenschaften bezeichnet - ähnlich wie einst die Philosophie. Die aufklärerische Vorstellung vom autonomen Subjekt, das erkenntnistheoretische Cogito, könnte durch ein neurobiologisches Menschenbild abgelöst werden.

Die große mediale Aufmerksamkeit für die Befunde der Neurowissenschaften sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verantwortung für unser Tun und Lassen zur Freiheit gehört. Erziehung und politische Bildung hängen von der Überzeugung ab, menschliches Verhalten sei veränderbar. Das rationale Ich jenseits unbestreitbarer Naturkausalitäten ist für das Menschsein geradezu konstitutiv. Eine Relativierung hätte gravierende Folgen - auch für das Strafrecht. Eine breite gesellschaftliche Diskussion über neuroethische Fragen, etwa über "Neuromarketing", das der Werbewirtschaft neue Perspektiven zu eröffnen verspricht, und über die medizinischen Implikationen der Hirnforschung steht noch aus.

Golz, Hans-Georg

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