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19.6.2008

Editorial

Auch 32 Jahre nach der Wiedervereinigung besteht eine Kluft zwischen dem Nord- und dem Südteil Vietnams. Seit 1986 beschreitet das Land den Weg einer "sozialistischen Marktwirtschaft".

Auch 32 Jahre nach der Wiedervereinigung besteht eine Kluft zwischen dem Nord- und dem Südteil Vietnams. Die Schatten des "Amerikanischen Krieges", wie der verheerende Krieg der Jahre 1964 bis 1975 genannt wird, sind lang. Zwar macht die amerikanisch-vietnamesische Verständigung Fortschritte. Festzustellen ist auch eine beginnende Auseinandersetzung mit Tabus, etwa über Exzesse bei der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in Nordvietnam in den 1950er Jahren. Aber die im Frühjahr 2006 ins Amt gekommene neue Führung der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) hält am Konzept der "Politischen Steuerung" fest. Eine ungesteuerte Liberalisierung und ein Ende der Internetüberwachung würden das bisher unantastbare Machtmonopol der Partei untergraben.

Der Reformprozess, 1986 von der KPV unter dem Namen Doi Moi (Erneuerung) angestoßen, bereitete den Weg von der Plan- zu einer boomenden Marktwirtschaft. Die wirtschaftliche Entwicklung ist mit atemberaubender Geschwindigkeit verlaufen. Wachstumsraten von über sieben Prozent beförderten das Land im Schatten Chinas zum asiatischen "Tiger". Vietnam gehört heute zu den weltweit bedeutendsten Kaffee- und Reisexporteuren, und die Textil- und die Computerindustrie florieren.

Doch sind die Auswirkungen konjunktureller Überhitzung unverkennbar. Das Außenhandelsdefizit wächst, die Inflationsrate kletterte auf zuletzt über 25 Prozent. Die Infrastruktur ist zurückgeblieben, Korruption verbreitet. Die KPV versucht, mit einer umfassenden Reform des Verwaltungs- und Regierungsapparates gegenzusteuern. Doch ohne innenpolitische Demokratisierung scheint es kaum möglich, den ideologischen Spagat einer sozialistischen Marktwirtschaft auf Dauer durchzuhalten.

Golz, Hans-Georg

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