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19.6.2020

Jüdische Sichtbarkeit und Diversität

Muss man, wenn es um Antisemitismus geht, auch über Jüdinnen und Juden sprechen, über jüdisches Leben in Deutschland, über die Vielfalt jüdischer Selbstverständnisse? Schon die Frage verweist auf eine widersprüchliche Situation: Einerseits reagiert Antisemitismus mitnichten auf das, was Jüdinnen und Juden real tun. Andererseits werden antisemitische Äußerungen häufig in direkte Beziehung zum Verhalten öffentlich sichtbarer Jüdinnen und Juden gesetzt.

Schon der französische Philosoph Jean-Paul Sartre schrieb 1954 in seinen "Überlegungen zur Judenfrage", der Antisemitismus – Leidenschaft und Weltanschauung – stamme nicht von einem äußeren Faktor her.[1] Antisemitismus hat vielmehr mit dem Weltbild und den Bedürfnissen seiner Trägerinnen und Träger zu tun und nicht mit einer ursächlichen Verknüpfung mit jüdischen Lebensrealitäten, auch wenn dies durch oberflächliche Bezugnahmen oder vermeintliche eigene Erfahrungen postuliert wird. So ist es beispielsweise nicht die Politik der Regierung des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, die eine antisemitische Äußerung mit Israelbezug auslöst,[2] auch wenn dieser Zusammenhang behauptet wird. Und es ist nicht primär die Verantwortung der Jüdinnen und Juden in Deutschland, darauf zu reagieren, wenn im Frühjahr 2020 auf den "Hygiene-Demos" während der Corona-Krise antisemitische Bilder gezeigt werden.[3] Der Antisemitismus ist das Problem der Antisemitinnen und Antisemiten, oder, um es in den Worten des Schriftstellers Jean Améry zu formulieren: Er ist ihre Schande und ihre Krankheit.[4] Doch bekennende Antisemitinnen und Antisemiten sind heute rar. Wessen Problem ist der Antisemitismus also, wenn "der Antisemit" oder "die Antisemitin" sich mit Händen und Füßen gegen seine oder ihre Entlarvung sträubt?

Auch wenn man differenziert, dass nicht alle Trägerinnen und Träger antisemitischer Ressentiments Antisemitinnen und Antisemiten sind, also "die Juden" hassen, so zeigen mediale Debatten über Antisemitismus in der Bundesrepublik deutlich, wie spezifisch sie durch den postnationalsozialistischen Kontext[5] aufgeladen sind, durch deutsche Befindlichkeiten und bundesrepublikanische Selbstverständnisse.[6] Aber es geht nicht nur um ursächliche Relationen. Antisemitismus im postnationalsozialistischen Deutschland hat zwar mit deutschen Selbstbildern und nationalsozialistischen Erbschaften zu tun, betrifft aber Jüdinnen und Juden unmittelbar in ihrem Alltag – und es findet auch eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus aus jüdischer Perspektive statt. Wie zentral und prägend Antisemitismus für das Selbstverständnis von Jüdinnen und Juden in Deutschland heute ist, kann mit Blick auf die jüdische Diversität, um die es in diesem Text gehen soll, kaum vereinheitlicht werden. Aber er (be)trifft sie, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Rollenzuschreibungen und Lebenswirklichkeiten

Zu übersehen, dass Antisemitismus kein ausschließlich abstraktes Problem ist, sondern Menschen konkret betrifft, führt dazu, dass vielfach nicht der Antisemitismus als Gewalt verhandelt wird, sondern der Antisemitismusvorwurf. Auf diesen folgt häufig die Frage, ob er gerechtfertigt sei und erst an zweiter Stelle, wen die antisemitische Aussage trifft und was sie mit ihm oder ihr macht. Das mag auch daran liegen, dass der "Antisemitismusvorwurf" eine Person adressiert, während die antisemitische Äußerung vielfach abstrakt auf "die Juden" zielt.

Eine antisemitische Äußerung, die die fortdauernde Existenz antisemitischer Ressentiments in einer Gesellschaft bezeugt, die sich als geläutert versteht, wird zum Skandal, weil sie ebendieses Selbstbild infrage stellt.[7] Entsprechend heftig können die Reaktionen ausfallen. Mit Blick auf die Geschichte Deutschlands, sowohl der Bundesrepublik als auch der DDR, vermag die antisemitische Kontinuität kaum zu erstaunen und der Unterschied, ob die antisemitische Aussage auf dem Prüfstand steht oder der "Vorwurf" – schon diesen Begriff könnte man diskutieren –, kann nur auf den ersten Blick klein erscheinen. Vollzieht man an Debatten nach, wie Antisemitismus in Deutschland vielfach diskutiert wird, zeigt sich bei allen Unterschieden, etwa in der Differenziertheit der Argumente oder dem Maß der Empörung, häufig eine abstrakte Form, die wenig Bezug zum Erleben und der Perspektive der Betroffenen herstellt.

In der Bundesrepublik bedeutet das für viele Jüdinnen und Juden, gleichzeitig individuell mit antisemitischen Handlungen und Sprechakten und mit der kollektiven Zuschreibung einer ominösen "Opferschaft" konfrontiert zu sein. Letztere bleibt aber seltsam leer – entweder durch eine historische Distanzierung oder durch Abstraktion. Das führt dazu, dass neben der fast zwanghaften, aber letztlich historisch begründeten Verschränkung von Judentum und Antisemitismus Jüdinnen und Juden bis heute oft ein Expertinnen- und Expertenwissen abgesprochen wird, weil ihre Perspektive auf Antisemitismus zu subjektiv scheint. Als anschauliches Beispiel hierfür kann die Konstituierung des zweiten Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus Anfang 2015 gelten, für den zunächst kein einziges jüdisches Mitglied berufen wurde.[8] Ohne über die Beweggründe spekulieren zu wollen, wird hier doch deutlich, wie wenig ein Bezug hergestellt wird zwischen konkretem Antisemitismus und lebenden Jüdinnen und Juden in Deutschland.[9]

Dieser Widerspruch, einerseits auf eine spezifische Rolle festgeschrieben und andererseits zu der damit verbundenen Erfahrung kaum befragt zu werden, prägt(e) die Lebenswirklichkeiten von vielen Jüdinnen und Juden in Deutschland. Sie führt, nach meiner Beobachtung, gleichzeitig zu dem Wunsch, in bundesrepublikanischen Debatten um Antisemitismus als jüdische Stimme (mehr) Gehör zu finden, wie auch zu der Sehnsucht, aus dieser permanenten negativen Engführung entlassen zu werden und auch in anderen, selbstgewählten inhaltlichen Kontexten gehört zu werden.[10]

Neue Aufmerksamkeit

In den vergangenen Jahren zeichneten sich Veränderungen ab: Während sich der erstarkende Antisemitismus global in zunehmender Gewalt gegen Jüdinnen und Juden zeigt,[11] wurde im März 2017 der Fall eines jüdischen Schülers in Berlin öffentlich, der über einen längeren Zeitraum gemobbt wurde und aufgrund der antisemitischen Angriffe seiner Mitschülerinnen und Mitschüler schließlich die Schule verließ.[12] Der Fall fand breite mediale Aufmerksamkeit und wurde zum Anlass für eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem (vermeintlich) neuen Antisemitismus. Der Fall des Berliner Schülers passte in das abstrakte narrative Muster vom "jüdischen Opfer", wich in seiner drastischen Konkretheit jedoch gleichzeitig so sehr davon ab, dass Abstrahierungsmechanismen kaum griffen. In der Folge setzte eine Debatte über die Manifestation von und den Umgang mit Antisemitismus an Schulen ein, und erste Studien wurden aufgesetzt.[13]

In den folgenden Diskussionen über gegenwärtigen Antisemitismus, die von unterschiedlichen Einzelereignissen angestoßen wurden und entsprechend unterschiedliche Schuldige und Strategien hervorbrachten, fällt besonders auf, dass Betroffene als Sprecherinnen und Sprecher eine größere Rolle spielen und sich, so die vorsichtige These, eine neue mediale Aufmerksamkeit für gegenwärtigen Antisemitismus zu entwickeln beginnt. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale an Jom Kippur im Oktober 2019 hat zu dieser Entwicklung ebenfalls beigetragen. In der Berichterstattung wurden auch Jüdinnen und Juden, die sich während des Anschlags in der Synagoge befanden, interviewt. Besonders aufschlussreich sind darunter die Gespräche mit der Augenzeugin Anastassia Pletoukhina, der Gründerin der jüdischen Studierendeninitiative Studentim in Berlin, weil sie die Ansprache in dem etablierten Rollenmuster des "jüdischen Opfers" reflektierte und mit "Gegenbildern" reagierte: Neben der Formulierung der Forderung, Synagogen mehr durch Polizei zu schützen, betonte sie auch, dass sie nicht fremd sondern Deutsche sei, und – das mag vielleicht der wichtigste Punkt sein – ihre religiöse Praxis wegen dieser Erfahrung und Bedrohungslage nicht ändern werde. Mehr noch: Sie hob hervor, dass ihr Selbstverständnis als Jüdin eben nicht primär durch Antisemitismus geprägt sei.[14] Angesichts der Zunahme antisemitischer (Straf-)Taten entwickelt sich ein anderes Sprechen über Antisemitismus mit anderen Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmern, das auch Antisemitismuserfahrungen mit einschließt. Für eine veränderte Sensibilität für Antisemitismus spricht auch, das in den vergangenen Jahren einige Instrumente zum Monitoring antisemitischer Taten eingerichtet wurden, etwa 2015 die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) und 2018 der Bundesverband RIAS sowie das Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment, die sich neben der Bildungsarbeit speziell der Beratung von Betroffenen bei Antisemitismuserfahrungen verschrieben haben. Dabei sind die letzten beiden dezidiert jüdische Institutionen, die an die Zentrale Wohlfahrtstelle der Juden in Deutschland angebunden sind.

Sichtbarkeit jüdischer Diversität

Neben den intensiven Auseinandersetzungen mit Antisemitismus, die um Einzelereignisse wie die zeitweilige Nichtsendung der WDR-Fernsehdokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa" im Jahr 2017 oder die Ausladung des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe von der Ruhrtriennale im Frühjahr 2020 hochkochen und zeigen, wie schwierig es ist, einen Konsens über das "Was und Wer" zu finden, wurde in den vergangenen Jahren jüdische Diversität verstärkt sichtbar. Diese zeigt sich etwa an unterschiedlichen religiösen Denominationen (säkular, traditionell, orthodox und liberal), explizit nichtreligiösen, kulturellen Bezugspunkten, Selbstverständnissen und (strittigen) Zugehörigkeiten zum Judentum, sprachlich und kulturell unterschiedlichen Bezügen, familienbiografisch diversen Hintergründen und politischen Ausrichtungen.

Ob es sich um eine neue Vielfalt handelt, lässt sich ebenso sehr diskutieren wie die Frage, ob es sich beim Antisemitismus der Gegenwart um einen neuen Antisemitismus handelt. So argumentiert beispielsweise die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Peaceman, dass die Haltung jüdischer Institutionen vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus lange gewesen sei, vorhandenen innerjüdischen Dissens nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Dies ändere sich nun durch eine junge Generation von Jüdinnen und Juden.[15]

Dabei ist die Vielfalt jüdischer Lebensentwürfe und Selbstverständnisse weniger für den Antisemitismus relevant als für den gesellschaftlichen Resonanzraum, in dem er geäußert und im Falle seiner Skandalisierung auch verhandelt wird. In einer Gesellschaft, in der Jüdinnen und Juden vielstimmig, divers und auch widersprüchlich erlebt werden (können), kann auch Antisemitismus anders verhandelt werden als in einer Gesellschaft, in der sie vor allem als eine symbolisch überhöhte Mini-Minorität gesehen werden.[16] Die gesellschaftlichen Debatten über Antisemitismus verschieben sich dadurch in zweierlei Hinsicht:

Erstens ist die Abstraktion, die aus diversen Jüdinnen und Juden "die Juden" macht, weniger möglich. Aus einer abstrakten, vor allem für das deutsch-nichtjüdische Selbstverständnis relevanten, vergewissernden Stimme wird eine hörbarere Vielstimmigkeit. Es ist viel schwieriger, plurale und streitbare öffentliche jüdische Positionen zu vereinnahmen. So gibt es zwar auch das Argument, dass sich für jedes Anliegen ein jüdischer Kronzeuge finden lasse. Doch die Gründung der "Juden in der AfD" im September 2018 und die folgende Debatte haben deutlich gezeigt, dass solche Vereinnahmungen und die Instrumentalisierung einzelner Jüdinnen und Juden deutlichen Widerspruch auslösen können.[17] Zweitens verändern sich Debatten auch dadurch, dass es zunehmend jüdische Stimmen gibt, die sich daran beteiligen. Selbstverständlich gab es diese schon immer, doch die Anzahl derer, die sich zu Wort melden, und die Breite der medialen Formate, in denen sie es tun, haben sich doch gewandelt.

Das hat unterschiedliche Gründe: Die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion seit den frühen 1990er Jahren hat zu einer veränderten demografischen Situation geführt. Heute leben rund 200.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland, etwa die Hälfte als Mitglieder jüdischer Gemeinden. Die als Kinder eingewanderten Jüdinnen und Juden sind heute (junge) Erwachsene. Sie sind oft in einer größeren jüdischen Gemeinschaft sozialisiert als vorangegangene Generationen in Bundesrepublik und DDR und hatten damit zumindest in den größeren deutschen Städten andere Möglichkeiten eines Aufwachsens auch in jüdischen Räumen. Durch soziale Medien und fragmentierte mediale Teilöffentlichkeiten haben sich weitere Zugänge eröffnet, und sie können sich – wenn auch nicht ohne Reibung – in unterschiedliche Diskurse einbringen. Das hat selbstverständlich auch mit den medientechnischen Voraussetzungen der Digitalisierung zu tun, die gesellschaftliche Diskurse weiter auffächern. So werden auch digitale Interventionen möglich, wie die des Künstlers Shahak Shapira, der in dem digitalen Fotoprojekt "Yolocaust" das Verhalten von Berlinerinnen und Berlinern sowie Touristinnen und Touristen am Holocaust-Mahnmal in Berlin scharf kommentierte, indem er ihre dort aufgenommen Selfies in Fotos von KZ-Häftlingen montierte.[18]

Für die Sichtbarkeit jüdischer Diversität sorgen ganz unterschiedliche Initiativen und Akteurinnen und Akteure, die hier nur beispielhaft und unvollständig aufgezählt werden können: So fördert die Jewish Agency for Israel mit dem Programm Nevatim seit einigen Jahren Graswurzel-Initiativen, die einerseits gelebte jüdische Diversität in Deutschland fördern und anderseits mit Projekten wie "Rent a Jew" Jüdinnen und Juden auch in nichtjüdischen Räumen sichtbar werden lassen. Dieses inzwischen abgeschlossene Begegnungsprojekt ging davon aus, dass viele Menschen in Deutschland keinen Kontakt zum Judentum haben und antisemitische Ressentiments durch persönlichen Kontakt abgebaut werden könnten. So konnten jüdische Referentinnen und Referenten "gemietet", werden, um von ihrem Jüdischsein zu erzählen.

Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk als "Ort für eine neue jüdische Intellektualität"[19] fördert seit 2010 (schwerpunktmäßig) jüdische Studierende und befähigt sie durch ideelle Förderung und die dabei stattfindenden Auseinandersetzungen auch dazu, sich kritisch in unterschiedliche Diskurse einzubringen. Interessant ist, dass in die Promovierendenförderung auch nichtjüdische Doktorandinnen und Doktoranden aufgenommen werden, die zu jüdischen Themen arbeiten. Das hat den Effekt, dass Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die sich in ihrer Forschung mit jüdischen Themen befassen, mit jungen Jüdinnen und Juden in Kontakt kommen. Vor dem Hintergrund, dass viele Menschen in Deutschland persönlich keine Jüdinnen und Juden kennen, bekommt das eine besondere Relevanz: Forschungsprojekte, selbst wenn es sich um historische handelt, bekommen eine andere Anbindung und finden weniger im "luftleeren Raum" statt.

Seit 2017 erscheint das Magazin "Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart", das sich, wie der Titel unschwer erkennen lässt, in die Tradition der zwischen 1986 und 2010 erschienenen Zeitschrift "Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart" stellt und einen Diskursraum sowohl für jüdische als auch nichtjüdische Stimmen schafft. "Jalta" weicht in seiner Konzeption insofern von "Babylon" ab, als es neben wissenschaftlichen auch essayistische, literarische und künstlerische Beiträge veröffentlicht, sich programmatisch als migrantisch versteht und immer wieder nach politischen Allianzen sucht.

Das Maxim Gorki Theater hat mit seiner israelischen Hausregisseurin Yael Ronen (seit 2013) und Künstlerinnen und Künstlern wie Sasha Marianna Salzmann, Tobias Herzberg oder Max Czollek jüdische Perspektiven fest im Repertoire seines als postmigrantisch verstandenen Theaters.[20] Seit 2019 schreibt die Journalistin Mirna Funk die regelmäßige Kolumne "Jüdisch heute" in der "Vogue" über Fragen zeitgenössischen jüdischen Lebens, ein Pendant im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" mit dem Titel "Mein deutsch-jüdisches Leben" wird von Linda Sabiers verfasst. Der 2018 gegründete Verein Keshet Deutschland setzt sich für queer-jüdische Belange und einen offenen und toleranten Umgang mit queeren Menschen und ihren Familien in den jüdischen Gemeinden ein.[21] All das sind nur Beispiele für eine weitverzweigte Entwicklung, es ließen sich zahlreiche Initiativen, Projekte und Einzelpersonen nennen, die weitere Facetten dieser Vielfalt zeigen würden.

Mehr als eine Sehnsucht?

Natürlich ist Vorsicht geboten bei der Ausrufung des Neuen, des noch nie Dagewesenen. Zum einen bedürfen diese Initiativen und Ausdrucksformen der historischen Kontextualisierung und können auch in Kontinuitäten gesehen werden – seien es Zeitschriften wie "Babylon", die für "Jalta" Pate stand, oder schwul-lesbische Initiativen wie der lesbisch-feministische Schabbeskreis, der dem Engagement von Keshet in den 1990er Jahren vorausging.[22] Während sich manche Projekte in spezifische Traditionen stellen, distanzieren sich andere bewusst von der vorangegangenen Generation oder wissen schlicht nicht um frühere, ähnliche Bestrebungen.

Die emphatische Anrufung der Revitalisierung jüdischen Lebens in Deutschland wird allerdings auch kritisch kommentiert. Schon 1993 befasste sich eine Konferenz an der US-amerikanischen Cornell University mit der "Reemerging Jewish Culture in Germany". Während die Beiträge der Publikation zur Konferenz auch die Gleichzeitigkeit eines gestiegenen Interesses an jüdischen Themen und eines sich verändernden jüdischen Selbstverständnisses von Jüdinnen und Juden in Deutschland zeigten, wurde in der Einleitung von Sander L. Gilman und Karen Remmler auch die Frage aufgeworfen, ob vor dem Hintergrund der rechten Gewalt der frühen 1990er Jahre, der steigenden Fremdenfeindlichkeit, des offenen Antisemitismus sowie einer deutschen Öffentlichkeit, die es einfacher finde, mit Jüdinnen und Juden im Museum als auf der Straße umzugehen, die Möglichkeit einer blühenden jüdischen Kultur nicht ein Trugbild sei.[23]

Diese Beobachtungen von 1993 sind auch heute noch erschreckend aktuell. Die Fragen sind weiterhin offen, und selbst jene, die beantwortet schienen, müssen nach Zäsuren wie dem Anschlag auf die Synagoge in Halle erneut gestellt werden.

Chancen der Streitbarkeit

Die Sichtbarkeit des Jüdischen, um es absichtsvoll vage zu fassen, steht also (immer noch) in diesem Spannungsverhältnis: Hier die reale Diversität jüdischer Lebensentwürfe und Selbstverständnisse sowie die Chancen, die darin liegen, diese sichtbar zu leben; dort die deutsche Sehnsucht nach einer lebendigen jüdischen Kultur als Zeichen der eigenen Wiedergutwerdung.[24] Die Frage, inwiefern die Sichtbarkeit jüdischer Diversität repräsentativ ist für die jüdischen Gemeinschaften in Deutschland oder eher symptomatisch für deutsche Sehnsüchte, sie aus eigenen Interessen überproportional sichtbar zu machen, lässt sich nicht beantworten, zu verstrickt sind die kausalen Zusammenhänge.

Eine Chance von sichtbarer Vielfalt und Streitbarkeit liegt darin, sich "dem Zwang zur Repräsentation"[25] zu entziehen, der die heterogenen Erfahrungen und Positionen von Jüdinnen und Juden verdeckt und zu einer Stimme zu kondensieren versucht. Dies könnte bundesrepublikanische Debatten über Antisemitismus auch aus ihrer Selbstbezüglichkeit befreien, weil betroffene Jüdinnen und Juden sichtbar sind, die sich – durchaus widersprüchlich – zu Wort melden. Vielleicht liegt darin auch die Chance, sich zumindest teilweise aus der strategischen Kommunikation zu verabschieden, die immer auf die Wirkung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft schielt, und sich stattdessen auf die Suche nach Allianzen in der diversen postmigrantischen Gesellschaft zu machen. Aber all das geht nur unter der Prämisse, dass Jüdinnen und Juden sich weiterhin trauen, in Deutschland sichtbar zu sein. Ob dies der Fall ist, wird die Zukunft zeigen. Und es wird eng zusammenhängen mit dem gesamtgesellschaftlichen Engagement gegen Antisemitismus.
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Fußnoten

1.
Vgl. Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, Reinbek 2010, S. 14.
2.
Zur Debatte über die Frage, welches Sprechen über Israel antisemitisch und welches legitim ist, vgl. Christian Heilbronn/Doron Rabinovici/Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte, Berlin 2019.
3.
Vgl. u.a. "Rechtsextreme warten auf Krisen", Interview mit Saba-Nur Cheema, 22.5.2020, https://taz.de/!5687180«; Ulrike Heidenreich/Claudia Henzler, Wut, Kritik und Bergkristalle, 16.5.2020, http://www.sueddeutsche.de/politik/-1.4910067«.
4.
Vgl. Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, München 1988, S. 164.
5.
Der Begriff "postnationalsozialistisch" verweist auf etwas Vergangenes, das nicht abgeschlossen oder vorüber ist, sondern in der Gegenwart weiter wirkt. Er ist weniger als Epochenbegriff denn als Analysekategorie zu verstehen. Vgl. Astrid Messerschmidt, Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, Frankfurt/M. 2012, S. 144.
6.
Vgl. Natan Sznaider, Rassismus versus Antisemitismus. Debatte um den Intellektuellen Achille Mbembe verläuft nach Drehbuch, 17.5.2020, http://www.tagesspiegel.de/politik/25833966.html«. Siehe auch den Beitrag von Sznaider in dieser Ausgabe (Anm.d.Red.).
7.
In dieser Logik sind auch Externalisierungsstrategien zu verstehen, die Antisemitismus zum Problem "der Anderen", beispielsweise der Geflüchteten, machen.
8.
Vgl. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus nimmt Arbeit auf, 19.1.2015, http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2015/01/expertenkreis-antisemitismus-nimmt-arbeit-auf.html«.
9.
Um die Anerkennung des Umstands, dass Menschen, die von bestimmten Formen der Diskriminierung betroffen sind, nicht nur ein legitimes politisches Anliegen haben diesen entgegenzutreten, sondern auch ein relevantes Erfahrungswissen mitbringen, wird auch im Kontext anderer Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus gekämpft.
10.
Vgl. Max Czollek, Desintegriert Euch!, München 2018; ders., Desintegration, in: Jalta: Positionen zur jüdischen Gegenwart 1/2017, S. 113–120.
11.
Vgl. Heilbronn/Rabinovici/Sznaider (Anm. 2).
12.
Vgl. Toby Axelrod, Classmates Turn From Friends to Attackers After Boy Reveals He Is Jewish, 24.3.2017, http://www.thejc.com/-1.434990«; "Hier geht es um Antisemitismus übelster Art", 3.4.2017, http://www.faz.net/-14955011.html«.
13.
Vgl. Julia Bernstein, Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen, Weinheim 2020; Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (Hrsg.), Antisemitismus in der Schule. Ein beständiges Problem?, 2018, https://zwst-kompetenzzentrum.de/wp-content/uploads/2019/03/KoZe_FS2017_web.pdf«. Siehe auch den Beitrag von Julia Bernstein und Florian Diddens in dieser Ausgabe (Anm.d.Red.).
14.
Vgl. "Unser Vertrauen ist gebrochen", 12.10.2019, http://www.zeit.de/campus/2019-10/judenfeindlichkeit-antisemitismus-anschlag-halle-ueberlebende«; "Es war ganz, ganz knapp", 24.10.2019, http://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/es-war-ganz-ganz-knapp«.
15.
Vgl. Hannah Peaceman, Einigkeit um jeden Preis? Ein Plädoyer für mehr Machloket, in: Walter Homolka/Jonas Fegert/Jo Frank (Hrsg.), "Weil ich hier leben will". Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas, Freiburg/Br. 2018, S. 110–130.
16.
Vgl. Y. Michal Bodemann, In den Wogen der Erinnerung. Jüdische Existenz in Deutschland, München 2002, S. 185f. Nach Bodemann brauche "die deutsche Narration die jüdische Trope als zentrales Element zur Deutung der eigenen Identität", wodurch ein "Phantombild des imaginären Judentums" entstehe. Dass ein solches Phantombild nicht dazu angetan ist, um als betroffen von konkretem Antisemitismus wahrgenommen und befragt zu werden, erstaunt wenig.
17.
Vgl. Micha Brumlik et al., "Die AfD vertritt menschenfeindliche und antisemitische Positionen", 26.9.2018, http://www.zeit.de/kultur/2018-09/juden-afd-gegenbewegung-positionspapier«.
18.
Siehe https://yolocaust.de«.
19.
Walter Homolka/Jo Frank/Jonas Fegert, Vorwort, in: dies. (Anm. 15), S. 9–19, hier S. 11.
20.
Vgl. Jana Simon, Shermin macht Theater, 24.9.2014, http://www.zeit.de/2014/39/gorki-theater-berlin«.
21.
Siehe http://keshetdeutschland.de«.
22.
Vgl. Debora Antmann, Der lesbisch-feministische Schabbeskreis. Die Geschichte eines fast vergessenen jüdisch-feministischen Widerstands, in: Jalta: Positionen zur jüdischen Gegenwart 1/2017, S. 28–36.
23.
Vgl. Sander L. Gilman/Karen Remmler, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Reemerging Jewish Culture in Germany. Life and Literature since 1989, New York–London 1994, S. 1–12, hier S. 2f.
24.
Zur Kritik an der spezifisch deutschen Sehnsucht nach jüdischer Präsenz vgl. Y Michal Bodeman, Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996; Czollek (Anm. 10).
25.
Caspar Battegay, Judentum und Popkultur, Bielefeld 2012, S. 132.

Lea Wohl von Haselberg

Zur Person

Lea Wohl von Haselberg

ist Film- und Medienwissenschaftlerin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und Mitherausgeberin der Zeitschrift "Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart". l.wohlvhaselberg@filmuniversitaet.de


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