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26.5.2008

Frühkindliche Förderung und Vorschulerziehung in Großbritannien

Die Zeitpolitik des Schulwesens in Großbritannien befindet sich in einem enormen Wandel. Weite Bereiche der Kinderbetreuung und des Schulwesens sind privatisiert worden.

Einleitung



In den vergangenen zwanzig Jahren ist Bildung zu einem Hauptthema der Politik und einem marktfähigen, umkämpften Rohstoff geworden, der in der globalisierten Welt als entscheidendes Instrument zur Sicherung der Produktivität und nationalen Wettbewerbsfähigkeit gilt. Das britische Schulsystem, seine Zeitpolitik und die Reformierung zu einem wettbewerbsfähigen, marktorientierten System bilden einen Gegensatz zu anderen europäischen Schulmodellen, insbesondere dem deutschen.[1] In Großbritannien ist ein beständiger Strom an Initiativen und Einmischung durch die Staatsgewalt sowohl für die konservative Regierungszeit von Ende der 1980er Jahre an als auch für New Labour seit 1997 zu verzeichnen. Durch umfassende Reformen wurde erreicht, dass Kindertagesstätten (Vorschulen) sowie Grund- und Sekundarschulen zunehmend miteinander konkurrieren und teilprivatisiert wurden, wobei dem Staat weiterhin die Kontrolle über Lehrinhalte, Leistungsbewertung, pädagogische Aspekte, Schulaufsicht und Lehrerausbildung obliegt.




Das ehemals dezentrale System ist heute stark zentralisiert. Gleichzeitig gibt es immer wieder Vorstöße, Bildungsgrundsätze im größeren Rahmen der Kinderbetreuung und der sozialen Verantwortung zu verankern. In diesem Zusammenhang werden Förderprogramme für die Alterstufe bis zu drei Jahren, Kinderzentren, an Eltern gerichtete Fortbildungsangebote zu Erziehungsfragen sowie um Horte erweiterte Schulen vorgeschlagen, was zur Umstrukturierung des Schultages führen würde.

Mit dem Ausbau der Kinderbetreuungsangebote und einem verlängerten Schultag soll vor allem Müttern der Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Alle Erwachsenen - ob männlich oder weiblich, jung oder alt - werden zunehmend als Humankapital geschätzt, weshalb sie auf die Arbeitswelt vorzubereiten, zum Arbeiten zu ermutigen und notfalls auch zu zwingen sind. Die früher angefallenen Kosten des Wohlfahrtsstaates gelten als zu hoch und als im Wettbewerb der globalen Marktwirtschaft nicht aufrechtzuerhalten; Bildung, einst eine Säule des Sozialstaates, wird heute in Großbritannien als Vorstufe zum Wirtschaftsleben betrachtet.[2]

In der folgenden Skizze wird das Hauptaugenmerk auf die 2003 entwickelte "Jedes-Kind-zählt"-Agenda (Every Child Matters Agenda) gelegt.[3] Diese verlangt die regionale Zusammenführung von Schulen, Jugendämtern, Gesundheits- und Sozialdiensten und stützt sich auf die von den Kommunalbehörden zu schaffenden Kinderämter (Children's Services Departments), in welche auch die Schulämter einzubinden seien. Premierminister Gordon Brown hat im Juli 2007 einen Verbund der Einrichtungen angekündigt, in dem das Bildungsministerium (Department for Education and Skills/DfES) in Ministerium für Kinder, Schule und Familie (Department for Children, Schools and Families/DCSF) umbenannt und ihm ein Fachbereich für Forschung, Universitäten und Qualifikation (Department for Innovation, Universities and Skills/DIUS) unterstellt werden soll.

Zeitpolitik und Bildungswesen



Das staatliche Bildungssystem in Großbritannien entstand im 19. Jahrhundert aus einem Kompromiss zwischen privaten Anbietern und Kirchen-, Wirtschafts- und Arbeiterverbänden. Obwohl die allgemeinen staatlichen Schulen von Beginn an auf Ganztagsunterricht ausgelegt waren, konnte der Unterricht zunächst teilweise nur halbtags stattfinden, da die ersten Volksschulen dem Ansturm der Schüler räumlich oft nicht gewachsen waren. Anfang des 20. Jahrhunderts beschulten Volksschulen Kinder der Arbeiterklasse im Alter von fünf bis zwölf Jahren sowie weiterführende Klassen Kinder bis 14 Jahren. Oberschulen (Grammar Schools) versorgten die mittlere und untere Mittelschicht, während Kinder der Oberschicht gebührenpflichtige Privatschulen besuchten, die ihnen das Tor zur akademischen Bildung öffneten.

Die staatliche Schulausbildung umfasste vom beginnenden 20. Jahrhundert an auch medizinische und soziale Fürsorge, in deren Rahmen Schulspeisungen eingeführt wurden. Ab 1944 lag es im Aufgabenbereich der Gemeinden, Schüler mit "Milch, Mahlzeiten und weiteren Erfrischungen" zu versorgen und eine Mittagsmahlzeit anzubieten. Die gebührenpflichtigen Privatschulen waren traditionell als Internate ausgelegt oder umfassten zumindest verlängerte Schultage. Ein Grund für die in staatlichen Schulen angebotene Seelsorge war die Auffassung, Volksschulen stellten ein Mittel zur Zivilisierung und Kontrolle der Arbeiterklasse dar - vor allem, solange Arbeiterinnen in Fabriken und als Dienstpersonal tätig waren. Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten Frauen aller Schichten außerhalb des eigenen Heims. Die Kinderbetreuung wurde ausgebaut, doch nach 1945 wurden die Einrichtungen wieder geschlossen. Die Länge des Schultages wurde indes nicht in Frage gestellt.

Ein einstimmig verabschiedetes Gesetz von 1944 verlangte mehr Chancengleichheit in der Bildung, setzte eine Trennung von Grund- und Sekundarschulen beim Alter von elf Jahren an und erhöhte das Entlassungsalter auf 15 (1973 auf 16) Jahre, behielt jedoch die Aufteilung mit elf Jahren für Ober-, Haupt- (Secondary Modern Schools) und vereinzelt Mittelschulen (Technical Schools) bei. Der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit verlangte einen raschen Einsteig der Arbeiterkinder ins Wirtschaftsleben. Die einflussreiche Elite wurde weiterhin in gebührenpflichtigen Schulen außerhalb des staatlichen Systems erzogen. Das Gesetz erhöhte die sozialen Angebote - neben den Mahlzeiten wurden der kostenlose Schultransport, Kleidergeld und zusätzliche ärztliche Untersuchungen eingeführt. Der Schultag endete gegen 16 Uhr, so dass einige Mütter einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen konnten.

In den 1960er Jahren erkannten alle Parteien die Notwendigkeit einer umfangreicheren Ausbildung für mehr junge Menschen, und es entstand eine Gesamtschulbewegung. Am Ende des Jahrzehnts hatten etwa zwei Drittel der Gemeindebehörden von einer frühen Zuteilung auf die verschiedenen Schulformen Abstand genommen, obwohl bis heute ein Drittel die Aufteilung ganz oder teilweise aufrecht erhält. Um die übrigen Oberschulen entbrannte ein Wettkampf, der mit einer Zunahme des Nachhilfeunterrichts für Kinder einherging. Die Entwicklung eines umfassenden Gesamtschulwesens verzögerte sich aufgrund der Haltung konservativer Kräfte, welche an einer Auslese anhand von "Begabung" und überdurchschnittlicher "akademischer" Bildung für Fach- und Führungskräfte festhielten. Die Labour-Regierung (1974/79) verfolgte eine egalitäre Agenda und verabschiedete 1975 ein Gesetz zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Es sollte Forderungen nach gleichwertigen Gehältern und Arbeitsmöglichkeiten für Frauen unterstützen und wurde von der Frauenbewegung mitgetragen. Diese hob die Notwendigkeit für Kinderbetreuung und Krippen hervor, wenn Frauen Ganztagsstellen annehmen sollten.

Bildungsreformen 1980/1997



Ende der 1970er beschuldigten Politiker aller Parteien die Schulen, bei der beruflichen Vorbereitung der zukünftigen Arbeitskräfte versagt zu haben. 1979 übernahm die konservative Partei unter Margaret Thatcher die Regierung und begann mit dem marktwirtschaftlichen Umbau des Bildungswesens. Wettbewerb zwischen den Schulen wurde durch die freie Schulwahl zwar erreicht, bedeutete aber nur, dass Eltern ihre Wünsche angeben durften, dass die Kompetenzen der Kommunalbehörden verringert wurden bei gleichzeitiger Zunahme der privaten und betriebswirtschaftlichen Interessen im Bildungssektor und dass die Lehrinhalte und Leistungsüberprüfungen zentralistisch kontrolliert wurden. Grundschulen durften Kinder im Alter von vier Jahren in die Vorbereitungsstufe aufnehmen, allerdings ohne dafür zusätzliche finanzielle Mittel zu erhalten. Aus diesem Grund fehlte es sowohl staatlichen als auch privaten Vorschuleinrichtungen an Plätzen.

Unter Thatcher veränderte sich das Verständnis von den Verantwortlichkeiten des Staates, und so wurde der Verkauf von Staatsunternehmen sowie die Leitung von Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen möglich. Innerhalb von siebzehn Jahren verabschiedete die konservative Regierung rund zwanzig Gesetze zu Schulstrukturen und -leitung, Finanzierung, Lehrinhalten, zum tertiären Bildungsbereich sowie zur Berufs- und Lehrerausbildung. Mit der Verteilung von Kindergartengutscheinen an Eltern sollte auch die Früherziehung privatisiert werden, doch blieb dieser Ansatz erfolglos. Nach langen Gehaltsverhandlungen Mitte der 1980er Jahre legte der Bildungsminister die Stundenzahl für Lehrkräfte fest, woraufhin viele Lehrer die ehrenamtliche Mittags- und Hortbetreuung aufgaben.

Trotz des Widerstands gegen das Gesamtschulmodell wurde diese Form der weiterführenden Schulausbildung fortgesetzt. Bis zum Jahr 1990 besuchten etwa 85 Prozent aller Schüler eine Gesamtschule und strebten einen Realschulabschluss (General Certificate of Secondary Education/GCSE) mit 16 bzw. die Allgemeine Hochschulreife (Advanced Level) mit 18 an. Der Bildungsstandard, insbesondere der von Mädchen, stieg - gemessen an staatlichen Prüfungen - allmählich an. Frauen waren nun an den Hochschulen und in zuvor von Männern dominierten Arbeitsbereichen stärker vertreten, obgleich die Mehrheit weiterhin schlecht bezahlten Teilzeitbeschäftigungen nachging.[4]

Das Schulreformgesetz von 1988 führte insbesondere für Mütter zu Schwierigkeiten. Eltern mussten für ihre Kinder fortan die Grund- und auch die Sekundarschule "auswählen", statt sie auf eine Schule in der Nachbarschaft zu schicken. Die Mütter trugen die Hauptlast, denn meist waren sie es, die die Kinder zur nun weiter entfernten Schule transportierten.[5] Die finanzielle Förderung hing von den Schülerzahlen ab, so dass Schulen sich im Wettbewerb um die "besten" Schüler befanden. Diese mussten einem landesweiten, staatlich anerkannten Lehrplan folgen und mit 7, 11, 14 und 16 Jahren Prüfungen ablegen; seit Anfang der 1990er Jahre werden diese Ergebnisse von Schulen und Kommunalbehörden in Zeitungen veröffentlicht. Die Bekanntgabe dieser Noten in Tabellenform sowie die Veröffentlichung von Gutachten der halbprivatisierten Schulaufsichtsbehörde förderte die Konkurrenz der Schulen. 1994 bilanzierte ein Bericht der OECD zur Schulwahl in sieben unterschiedlichen Ländern, dass eine Hauptfolge dieser Verfahrensweise die zunehmende soziale und ethnische Trennung der Gesellschaft war.[6]

Die Regierung versuchte, eine direkte Beteiligung des Privatsektors im Bildungswesen zu fördern, indem sie Arbeitgeber als Sponsoren für City Technology Colleges[7] warb. Das Interesse war allerdings gering, und so wurden nur 15 gegründet. Dennoch wurde ab 1993 ein gesponsertes Fachschulsystem als Mittel zur Akquise privater Gelder präsentiert. Trotz eines staatlichen Lehrplans konnten alle Schulen - Sekundar- und später auch Grundschulen - mit Hilfe von Regierungs- und Unternehmensgeldern einen fachlichen Schwerpunkt (Technologie, Sport, Sprachen, Kunst, Musik usw.) setzen. Nach einem zögerlichen Auftakt hatten sich 2004 bereits zwei Drittel der Sekundarschulen und ein Viertel der Grundschulen spezialisiert und konnten zehn Prozent ihrer Schüler nach deren "Begabung" für den jeweiligen Fachbereich auswählen, obgleich unklar bleibt, wie dies festgestellt wurde.

Bildungswesen, Kinderbetreuung seit 1997



Die 1997 gewählte New-Labour-Regierung machte Bildung zu einer ihrer Prioritäten. Mit Ausnahme von 2003 wurde zwischen 1997 und 2008 jedes Jahr mindestens ein Schulgesetz verabschiedet. Verordnungen, Richtlinien und Initiativen überschwemmten die Schulen. Das von den Konservativen propagierte Vertrauen in die Märkte, einhergehend mit freier Schulwahl, Wettbewerb zwischen Schulen und einem stärkeren Eindringen der Privatwirtschaft in Schulen und Gemeinden, wurde weiterhin akzeptiert. Wenn kommunale Behörden als nicht zufriedenstellend bewertet wurden, übernahmen private, gewinnorientierte Anbieter deren Dienstleistungen. Bildung wurde zur Handelsware. Eltern wetteiferten um die "besten" Vor-, Grund- oder Sekundarschulen; vor allem Eltern aus der Mittelschicht entwickelten Strategien wie den Kauf ihres Hauses in unmittelbarer Nähe "guter" Schulen. Die Regierung verpflichtete sich, "Schulvielfalt" zu fördern, um die konkurrenzbetonte Schulwahl zu unterstützen.

Das Schools Standards and Framework Act von 1998 erlaubt Schulen, sich selbst als Stiftungsschule (Foundation School), ehrenamtlich geförderte (religiöse) Schule (Voluntary - Aided [religious] School) oder Gemeinschaftsschule (Community School) zu bezeichnen. Sie unterscheiden sich insofern, als die beiden erstgenannten ihre Gebühren selbst kontrollieren und finanzielle Mittel direkt vom Staat beziehen. Die Gründung weiterer religiös ausgelegter Schulen - mehrheitlich der anglikanischen und der römisch-katholischen Kirche unterstehend - wurde angeregt. 2002 regte Tony Blair einen neuen, als Akademie bezeichneten Schultyp an. Es handelt sich um halbprivate, "unabhängige" Schulen, die als GmbH aufgebaut sind und durch Unternehmen, Glaubensgemeinschaften oder wohltätige Organisationen finanziert werden. Tatsächlich kontrollierten die Sponsoren nun aber auch die Lehrpläne, die Aufnahme bzw. Ablehnung von Schülern und die Anstellung von Lehrkräften. Bis 2006 waren bereits 44 Akademien eröffnet worden und bis zu 400 weitere geplant. Im selben Jahr wurden durch ein weiteres Schulgesetz Trust Schools eingeführt, womit alle Grund- und Sekundarschulen gemeint sind, die sich zu wohltätigen Stiftungen erklärt und sich der Kontrolle durch Kommunalbehörden entzogen hatten.

Die Ergebnisse einer Langzeitstudie zur erfolgreichen Förderung in den ersten Lebensjahren führten zur Schlussfolgerung, dass sich die Früherziehung durch die Verflechtung von Betreuung und schulischer Bildung, einem Grundlagenlehrplan für Kleinkinder sowie den Fokus auf Familien und Kindern gewandelt habe. Sie warfen jedoch auch die Frage auf, ob der Ausbau von Betreuungseinrichtungen nicht in Wirklichkeit durch die Absicht vorangetrieben worden war, eine größere Zahl der Eltern wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen.[8] Eine Gesetzesvorlage von 1997 sah für jedes vierjährige Kind einen Vorschulplatz, Schuleingangstests für alle Kinder, kleinere Grundschulklassen und nationale Leistungsstandards für die Altersstufen sieben und elf vor. Eines der Hauptaugenmerke lag auf dem Üben von Lesen, Schreiben und Rechnen spätestens ab dem sechsten Lebensjahr (im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Schulsystemen), so dass in Grundschulen täglich eine Lese- und eine Rechenstunde zur Pflicht wurde. Für die Früherziehung wurde ein Basislehrplan festgesetzt, der zu erreichende Fertigkeiten der Drei- bis Sechsjährigen nannte.

1998 wurde ein Konzept zur landesweiten Kinderbetreuung vorgestellt. Ziel war es, eine Million neuer Betreuungsplätze zu schaffen und die Zahl der Sozialhilfeempfänger um 250 000 Familien zu reduzieren, da diese Eltern nun einer beruflichen Tätigkeit nachgehen konnten. Das Vorhaben versprach erneut eine kostenfreie Schulbildung für Vierjährige und so genannte "frühkindliche Spitzenleistungszentren" (Early Excellence Centres), die als Vorbild für die Integration von schulischer Ausbildung und Kinderbetreuung dienen sollten. Ein Regierungspapier, Meeting the Child-Care Challenge,[9] versprach gebührenfreie Halbtagsplätze für eineinhalb Millionen Dreijährige. Eine Überprüfung der behördlichen Leistungen durch das Finanzministerium führte zur Veröffentlichung des Sure Start Programme, das in sozialen Brennpunkten die Zusammenführung von Gesundheit, Sozialeinrichtungen, Bildung und der Begleitung von Kindern vom Zeitpunkt der Geburt bis zum dritten Lebensjahr anstrebte.[10]

2004 wurden die Ministerien angehalten, einen Fünfjahresplan zu erstellen; das Bildungsministerium reagierte mit einem hundertseitigen Papier. Die darin beschriebene Strategie war angeblich dazu geeignet, die Bildungs- und Jugendeinrichtungen zu personalisieren, Wahlmöglichkeiten zu erweitern, Serviceangebote für neue Anbieter zu öffnen, Rektoren und Schulleitern mehr Freiheiten zuzugestehen sowie die Lehrerfortbildung und die Zusammenarbeit mit Eltern, Arbeitgebern, Kommunalbehörden und gemeinnützigen Verbänden zu verbessern. Die Initiative umfasste Pläne für Extended Schools, die eine auch als educare bezeichnete Rundumbetreuung für Grundschüler von 8 bis 18 Uhr anbieten sollten. 2004 veröffentlichte die Regierung einen Zehnjahres-Kinderfürsorgeplan, der die Regierungsgrundsätze in den Kontext des sich verändernden Arbeitsmarktes einbringen, Zugänge zu privaten und ehrenamtlichen Betreuungsangeboten ermöglichen und hochwertige frühkindliche Erziehung bereitstellen sollte sowie von allen Schulen die Umwandlung in erweiterte Schulen bis 2010 verlangte. Ein weiteres Dokument von 2006 enthielt einen sechs Kapitel umfassenden Aktionsplan.[11]

"Jedes Kind zählt"



Im Jahr 2003 legte ein Papier neue Rahmenbedingungen für Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren fest. Die Gesetzgebung erfolgte 2004 in Form eines Kinderfürsorgegesetzes; der Schlüssel zu einer Versorgung durch vernetzte Dienste waren Kinderzentren und erweiterte Grund- und Sekundarschulen. Auf Landesebene wurde über die Einführung eines Kinderministers und einer -beauftragten nachgedacht, und auf regionaler Ebene sollten die Leiter der Jugendämter die Verantwortlichkeiten in Bildungs- und Sozialeinrichtungen zusammenführen.

Bis heute verabschiedet die Regierung Gesetze und Richtlinien zur Kinderfürsorge, den ersten Lebensjahren und zu Erziehungsfragen. Auch die Vorschläge des Zehnjahres-Kinderfürsorgeplans sollten von den Einrichtungen umgesetzt werden. Ein Schulgesetz von 2006 verpflichtete Schulen, die Einbeziehung von Randgruppen und den Gemeinschaftssinn zu fördern; ein Jugendgesetz desselben Jahres verlangte von Kommunalbehörden die Verbesserung des Wohlergehens von Kindern unter fünf, die Bereitstellung von ausreichenden Betreuungseinrichtungen für Kinder berufstätiger Eltern sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote. Es folgte ein Papier mit dem Titel Every Parent Matters,[12] das umriss, auf welche Weise die Regierung Angebote förderte, die sich insbesondere an finanziell benachteiligte Eltern richteten.

Die Unmenge an Gesetzen, Richtlinien und Initiativen im Bildungswesen und der Kinderfürsorge seit 1997 und besonders seit 2003 hat unter Fachleuten für Verwirrung und Skepsis gegenüber den Motiven der Regierung gesorgt. Darüber hinaus hat sie zu Unklarheit in der Aufgabenverteilung der Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen und anderer Sozial-, Gesundheits- und Jugendrechtsdienste geführt. Die Maßnahmen der New-Labour-Regierung zielten besonders auf solche Eltern, die in der Beaufsichtigung ihrer Kinder als unfähig galten. Im Jugendrechtssystem konnten schon Kinder im Alter von zehn Jahren einen Bescheid wegen unsozialen Verhaltens (Anti-Social Behavioural Order/ASBO) erhalten und ihre Eltern mit einem Bußgeld wegen Verletzung ihrer Aufsichtspflicht belegt werden. Daneben konnten Eltern zu einer Haftstrafe verurteilt werden, wenn ihre Kinder der Schulpflicht nicht nachkamen.

Eine Untersuchung durch den nationalen Kinderschutzverein NSPCC hob hervor, dass die Gemeinden nicht länger die Aufsicht über die Schulen - vor allem die Akademien und Trust Schools - in ihrem Bezirk ausübten und daher von den Schulen keine Zusammenarbeit bei der Umsetzung der Ziele einer vernetzten Versorgung verlangen könnten.[13] Es bestand außerdem Unklarheit über die Aufgabenteilung von Kinderzentren und "Sicherer-Start"-Einrichtungen, welche von der Regierung schließlich in "Sicherer-Start-Kinderzentren" umbenannt wurden. Das Vorhaben, in jedem Ort ein solches Zentrum aufzubauen, wurde schließlich auf ein Zentrum in jedem sozial schwachen Bezirk reduziert. Trotz des Rechtsanspruchs auf gebührenfreie Kinderbetreuung sind viele Kommunalbehörden nicht in der Lage, private Kinderbetreuungseinrichtungen zu subventionieren.

Das offizielle Einschulungsalter beträgt fünf Jahre, obwohl 2008 fast 70 Prozent der Vierjährigen in Programmen zur kindlichen Früherziehung untergebracht sind und die Gesetzgebung eine Änderung des Schulabgangs- oder Berufsausbildungsalters auf 18 Jahre vorbereitet. Neue Agenturen und Akteure sind in den gesamten Bereich der Bildungspolitik involviert, und die Grundschulen sind Objekt immer weiterer Anforderungen der Schulaufsichtsbehörde (Office for Standards in Education Inspectorate/Ofsted), die nun sowohl für die Inspektion aller Einrichtungen für Kleinst- und Kleinkinder als auch für Schulen, für die Prüfungsaufsichtsbehörde (Qualifications and Curriculum Authority/QCA), für die Schulentwicklungsagentur (Training and Development Agency for Schools/TDA) und für private Firmen wie Capita zuständig ist, die wiederum die Aufsicht über die National Primary Strategy[14] hat.

2006 begann an der Universität Cambridge eine unabhängige Untersuchung zum Grundschulunterricht, die auf eine Dauer von vier Jahren ausgelegt ist und an der über 70 Wissenschaftler beteiligt sind. Bis heute hat diese Studie eine Reihe von Untersuchungsberichten hervorgebracht und ist zu einer weitgehend negativen Einschätzung der Reformen im Grundschulwesen gelangt. Das Fazit lautet, dass "die Regierung (...) ihre Position durch so etwas wie eine staatliche Lerntheorie gefestigt (hat). Diese basiert auf der Vorstellung, dass eine Kombination aus immer wiederkehrenden schicksalhaften Prüfungen, einem landesweiten Lehrplan und für den Rechen- und Schreibunterricht angeordneter Didaktik den Standard anheben wird."[15] Tatsächlich gibt es deutliche Hinweise darauf, dass "die Auswirkungen der verschiedenen Maßnahmen auf den Standard von Schulleistungen bestenfalls bedenklich und schlimmstenfalls negativ sind" und dass die Qualität des Grundschulunterrichts aufgrund der Lehrplankürzungen und der Intensität der Prüfungsvorbereitung gesunken ist.[16]

Schlussbemerkung



Die Zeitpolitik des Schulwesens in Großbritannien befindet sich in einem enormen Wandel. Staatliche Ganztagskinderbetreuung vom Zeitpunkt der Geburt an, die frühzeitige Schulerziehung nach staatlicher Maßgabe, erweiterte Schulen und eine Umgestaltung des Schultages und darüber hinaus staatlich vorgeschriebene Lehr- und Lerninhalte signalisieren, dass die Regierung eine genaue Vorstellung davon hat, welche Bürger und welches Land sie regieren möchte. Bildung ist dem Druck der Weltwirtschaft untergeordnet, und die Intensität und Dringlichkeit von Innovationen reflektiert die Geschwindigkeit des Wandels dieser Wirtschaft. Großbritannien hat den Sozialstaat hinter sich gelassen und ist zu einer Marktgesellschaft geworden, in welcher der Einzelne Konsument, Arbeitskraft und Humankapital ist. Die Schaffung einer anpassungsfähigen, berufstätigen Bevölkerung, in der alle Erwachsenen ihren Teil zum Sozialprodukt beitragen oder andernfalls damit rechnen müssen, dass soziale Leistungen gekürzt oder entzogen werden, ist eines der Hauptziele der Regierung. Das äußert sich in Phrasen, denen zufolge nur der kontinuierliche Prozess des individuellen Lernens, Umschulens und der Arbeitssuche eine konkurrenzfähige Wirtschaft hervorbringt.

Die Kinderfürsorge-Agenda, ein verlängerter Schultag und erweiterte Beschulung erleichtern es Frauen zweifellos, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen - allerdings meist in schlechter bezahlten und weniger spezialisierten Tätigkeiten -, und es bestehen für Frauen aller sozialen Schichten mehr Wahlmöglichkeiten als noch vor einer Generation. Dennoch ist die Agenda auch Teil neuerlicher Übergriffe durch den Staat, die alle Bereiche des Familienlebens und der Kindererziehung betreffen und einen Schwerpunkt auf die soziale Kontrolle von Eltern und Kindern legen, die sich nicht den Erwartungen entsprechend verhalten. Gleichzeitig bedeutet die Privatisierung weiter Bereiche der Kinderbetreuung und des Schulwesens, dass ein großer Teil der frühkindlichen Versorgung und Beschulung nicht mehr Teil der öffentlichen Infrastruktur ist.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Jaiken Struck, South Petherton, England/UK.

Schottland gestaltet sein Bildungssystem seit 1945 größtenteils selbst, insbesondere nach der Schaffung eines eigenen Parlaments 1999. Die walisische Nationalversammlung übernahm nach 1999 die Kontrolle über das Bildungssystem; Nordirland kontrolliert ebenfalls ein eigenes System.
2.
Vgl. Sally Tomlinson, Education in a Post-Welfare Society, Berkshire 20052, und S. J. Ball, The Education Debate, Bristol 2008.
3.
Vgl. HM Treasury, Every Child Matters. Cmnd 5860, London 2003.
4.
Vgl. M. David Arnot/G. M. Weiner, Educational Reform and Gender Equality in School, Manchester 1996.
5.
Vgl. D. Reay, Class Work: Mothers involvement with their primary schools, London 1998.
6.
Vgl. OECD, Schools: A Matter of Choice, Paris 1994.
7.
Anm. der Übersetzerin: CTS sind unabhängige, durch das Bildungsministerium und private Geldgeber aus der Wirtschaft finanzierte Schulen mit Schwerpunkt in den Bereichen Technik, Naturwissenschaften und Mathematik.
8.
Vgl. K. Sylva/G. Pugh, Transforming the Early Years in England, in: Oxford Review of Education, 31 (2005), S. 11 - 28.
9.
Vgl. DfEE, Meeting the Childcare Challenge, London 1998.
10.
Vgl. DfES/Sure Start, Birth to Three Matters: An Introduction to the Framework, London 2003.
11.
DfES/DWP, Ten Year Childcare Strategy: Action Plan, London 2006.
12.
Vgl. DSCF, Every Parent Matters, London 2007.
13.
Vgl. NSPCC, Responding to Change: A Survey of Local Authorities Response to the Changing Policy Context of Child Protection, London 2006.
14.
Anm. der Übersetzerin: Capita ist eine Organisation zur Verbesserung der Standards von Lehrinhalten durch Betreuung von Lehrkräften und Schulen.
15.
M. Balarin/H. Lauder, The Governance and Administration of English Primary Education. Primary review research briefings 10/2, Cambridge 2008; vgl. auch www.primaryreview.org.uk.
16.
Vgl. E. Wyse/E. McCreery/H. Torrance, The Trajectory and Impact of National Reform. Curriculum and Assessment in English Primary Schools. Primary preview research briefings 3/2, Cambridge 2008; vgl. auch www.primaryreview.org.uk.

Sally Tomlinson

Zur Person

Sally Tomlinson

Ph. D.; Professorin und Senior Research Fellow, Department of Educational Studies, University of Oxford, 15 Noreham Gardens, Oxford OX2 6PY, England/UK.
E-Mail: s@stomlinson.net


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