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18.3.2008

1968 als transnationales Ereignis

Trotz nationaler Unterschiede verband die 68er-Aktivisten weltweit eine transnationale Protestkultur, die eine entscheidende Rolle als Wegbereiter soziokultureller Veränderungen in den verschiedenen Ländern spielte.

Einleitung



Das magische Jahr "1968" gilt gemeinhin als globales Ereignis, als "Mythos, Chiffre und Zäsur" auch auf internationaler Ebene.[1] In zahlreichen Ländern assoziiert man heute mit den historischen Ereignissen der 1960er Jahre jugendlichen Protest, generationelle Revolte, gegenkulturelle Ausgelassenheit, sexuelle Befreiung sowie zum Teil harsche Reaktionen seitens offizieller Stellen. So erinnert sich der damalige Aktivist und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit: "Paris, Berlin, Frankfurt, New York, Berkeley, Rom, Prag, Rio, Mexico City, Warschau - das waren die Stätten einer Revolte, die um den gesamten Erdball ging, und Herzen und Träume einer ganzen Generation eroberte. Das Jahr 1968 war, im wahrsten Sinne des Wortes, internationalistisch."[2]




Dabei variiert die kollektive Erinnerung an dieses Jahrzehnt auf nationaler Ebene erheblich. Was heute im deutschsprachigen Raum unter der Chiffre "1968" zusammengefasst wird, vereinigt in internationaler Perspektive die unterschiedlichsten politischen und sozialen Transformationsprozesse von den 1950er bis 1970er Jahren. Denn die internen Umwälzungen erschütterten nicht nur die westliche, kapitalistische Welt, sondern auch die Warschauer-Pakt-Staaten sowie die Dritte Welt in Lateinamerika, Afrika und Asien.[3] Als Erinnerungskonstrukt wird "1968" daher heute unter dem oftmals beschworenen "Zeitgeist" jener Dekade als globales Ereignis zelebriert, das in der Lage gewesen sei, die ideologischen Fronten des Kalten Krieges zu transzendieren. Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt der Frage angenommen, wie sich die weltumspannenden Protestbewegungen dieses Jahrzehnts beschreiben und erklären lassen. "1968" gilt entweder als "Revolution im Weltsystem", als erste globale revolutionäre Bewegung oder als Konglomerat nationaler Bewegungen mit lokalen Spezifika, die durch gemeinsame Merkmale verbunden sind.[4] Fest steht bei all diesen Interpretationen, dass die transnationale Dimension der Rebellion der 1960er Jahre eines ihrer entscheidenden Antriebsmomente war.[5]

Historische Rahmenbedingungen



Nach Eric Hobsbawm war "1968" bereits das erste Anzeichen dafür, dass das "goldene Zeitalter" von anhaltendem wirtschaftlichen Boom, Modernisierung und innerer Stabilität zu seinem Ende kam.[6] Die allseits bemühte Chiffre "1968" kann daher als ein Höhepunkt verschiedener Entwicklungen gesehen werden, die durch die sozialen und wirtschaftlichen Transformationen in der Folge des Zweiten Weltkriegs in Gang gesetzt worden waren. Diese historischen Rahmenbedingungen der Revolte liegen zum einen in der Prosperität der Nachkriegszeit und der Entwicklung einer weiten sozialen Schichten zugänglichen Konsumgesellschaft in den 1950er Jahren begründet.[7] Damit einher gingen die Entdeckung und der steigende Einfluss der Jugend als ökonomische Kraft und Zielgruppe. Der Anstieg der Geburtenrate, der so genannte "baby boom" in Großbritannien und den USA, erreichte 1947 seinen Höhepunkt. Die daraus erwachsende Generation war 1960 bereits 13 Jahre alt und im Besitz einer erheblichen Kaufkraft, die bereits frühzeitig von der Mode- und Musikindustrie entdeckt wurde. Zudem mussten sich auch die Tore der Universitäten in den 1960er Jahren immer mehr Studenten öffnen, was die Hochschulen oftmals strukturell überforderte. Überfüllte Hörsäle, der Versuch der Automatisierung universitärer Abläufe, die Annäherung wissenschaftlicher Ausbildung an die Wirtschaft im Konzept einer "multiversity", wie sie z.B. der Präsident der Universität von Kalifornien forderte; all dies führte bereits am Beginn des Jahrzehnts zu einer verstärkten Debatte um Hochschulreform und studentische Mitbestimmung.[8]

Flankiert wurden diese Prozesse durch einen allgemeinen Anstieg internationaler Austauschprogramme und verstärkte kulturdiplomatische Anstrengungen beider Supermächte im Kampf um die internationale öffentliche Meinung im Kalten Krieg, oftmals mit besonderem Augenmerk auf jugendliche Zielgruppen. Die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnologie, insbesondere des Fernsehens und internationaler Satellitenkommunikation, internationalisierte diese Diskurse auch auf medialer Ebene. Der durch den Siegeszug des Fernsehens ausgelöste Strukturwandel in der öffentlichen Kommunikation und der Bedeutungsgewinn visueller Repräsentationen ist daher eine weitere, entscheidende Rahmenbedingung für die synchrone Erfahrung der globalen, oft äußerst medial wirksamen Protestinszenierungen um 1968.[9] Veränderte wirtschaftliche, demographische und technologische Rahmenbedingungen sowie eine sich internationalisierende Medienlandschaft bewirkten daher bereits Anfang des Jahrzehnts eine Verkürzung transnationaler Kommunikationswege, in deren Fahrwasser für die spätere Revolte um "1968" bedeutsame Subkulturen und Protestbewegungen entstanden.

Transnationale Protestkulturen vor "1968"



Diejenige Bewegung, die die politische Ausrichtung der Aktivisten um 1968 am entscheidendsten prägen sollte, war die sich Anfang des Jahrzehnts formierende Neue Linke. Ihre Wurzeln reichen bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre, als sie unter dem Eindruck des Ungarn-Aufstandes und der Suez-Krise von 1956 im Umfeld von E. P. Thompson, Stuart Hall und Ralph Miliband als britische New Left entstand und danach ihren Weg über den amerikanischen Soziologen C. Wright Mills und andere in die USA fand. Mills' "Letter to the New Left" (1960) und das "Port Huron Statement" (1962) des amerikanischen SDS (Students for a Democratic Society) können als nationale Ausprägungen dieser bereits transnational etablierten Bewegung gelten, deren Ableger ebenso in Frankreich, Belgien und den Niederlanden agierten. Vertretern dieser Neuen Linken war nicht nur die Absage an den traditionellen Marxismus und dessen Fokus auf die Arbeiterklasse gemeinsam, sondern auch eine fundamentale Unzufriedenheit mit dem Kalten Krieg, seiner Abschreckungspolitik der potentiellen nuklearen Vernichtung und der Ideologie des Antikommunismus. Sie beklagten auch die ihrer Ansicht nach herrschende politische Apathie, den Materialismus und das kapitalistische Konkurrenzdenken in ihren jeweiligen Gesellschaften. Als Neue Linke, New Left oder Nouvelle Gauche bildeten sie ihre eigenen Gruppen innerhalb internationaler sozialistischer Organisationen wie der International Union of Socialist Youth (IUSY) oder fanden sich in transnationalen, personalen Netzwerken zusammen. Nicht zuletzt Herbert Wehner selbst begründete den Bruch der SPD mit dem deutschen SDS mit einem Vorgehen gegen die Neue Linke als solche, deren Ziel er auch in anderen westeuropäischen Ländern darin sah, die Sozialdemokratie zu zerstören.[10]

Diese stark studentisch geprägte Neue Linke bewegte sich im Gefolge einer Vielzahl anderer subkultureller Strömungen der späten 1950er und frühen 1960er Jahre. Hier ist zum einen das Beat-Movement zu nennen, eine Gruppe von amerikanischen Schriftstellern, die Non-Konformismus, Spontaneität und offene Emotionen zelebrierten und deren Werke wie z.B. Allen Ginsbergs Howl (1956) oder Jack Kerouacs On the Road (1957) paradigmatisch für die jugendliche Frustration mit Konformität und Konsumgesellschaft der 1950er Jahre stehen. Auch Phänomene wie die "Halbstarken" oder die britischen "Teddy Boys" sowie Ikonen oppositioneller Jugendkultur wie James Dean oder Marlon Brando verkörperten die Sehnsucht nach individueller spiritueller Erfüllung, die auch die späten 1960er Jahre kennzeichnete.

Von ebensolcher Bedeutung für die Gegenkultur der späten 1960er Jahre war die Künstlergruppe Situationistische Internationale (SI). Gegründet 1957 in Italien unter der Ägide des Franzosen Guy Debord und dem Dänen Asger Jorn führte die Gruppe Künstler aus zehn Ländern zusammen, die maßgeblich vom Existentialismus Sartres und Camus' sowie vom Dadaismus, Surrealismus und den Lettristen beeinflusst waren. Ihr Ziel war die Etablierung einer umfassenden Kritik der modernen Gesellschaft, die über den Marxismus hinausging und alle Lebensbereiche umfassen sollte. Die Routine und rituelle Ordnung sozialer Beziehungen sollte durch die Herstellung von "Situationen" gestört werden, in denen gängige Alltagshandlungen ihrer traditionellen Bedeutung enthoben und in einen neuen Zusammenhang gestellt wurden, um neue Erfahrungshorizonte zu erschließen. Diese Umdeutung (detournement) ging einher mit aktionistischen Techniken für politische oder künstlerische Ziele und sollte der Erzeugung eines kritischen Bewusstseins dienen.[11] Die Provos, die Kommune I oder gegenkulturelle Idole wie Abbie Hoffmann, Jerry Rubin oder die amerikanischen Diggers fanden hier einen Großteil ihres späteren Handlungsrepertoires.

Auch die afro-amerikanische Bürgerrechtsbewegung spielte eine entscheidende Rolle im Politisierungsprozess westlicher Aktivisten. Ob Rosa Parks, Martin Luther King Jr. oder Freedom Rides - der moralische Anspruch der Proteste und ihre Demonstrationsformen der "direkten Aktion" (z.B. sit-ins) fügten dem Bild des "freien Westens" erhebliche Risse zu. Zugleich brachten sie die Frage nach der sozialen und legalen Gleichstellung ethnischer Minderheiten in die öffentliche Diskussion, insbesondere in Ländern wie Großbritannien und Frankreich. Mit der wachsenden Anziehungskraft von Malcolm X und dem Entstehen der Black-Power-Bewegung stellten radikalere Fraktionen der Bürgerrechtsbewegung dann ab Mitte der 1960er Jahre vermehrt die Grundpfeiler des kapitalistischen Gesellschaftssystems selbst in Frage. Die damit einhergehende Militanz fand ihre Entsprechung in der verstärkten Hinwendung zu den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und den Spätfolgen europäischer Kolonialpolitik.[12]

Diese wurden bereits im Laufe der 1950er Jahre im Zuge der weltweiten Dekolonisation deutlich. Anfang des Jahrzehnts avancierten so neben Kuba auch Staaten in Afrika wie beispielsweise Algerien zum Schauplatz nationalrevolutionärer Vorgänge.[13] Doch es war der Krieg in Vietnam, der weltweit zum Paradigma für die imperialistische Unterdrückung der Dritten Welt durch den "freien Westen" wurde. Vietnam schuf eine Klammer, die die Friedensbewegungen der 1950er Jahre (SANE/CND/Kampf-dem-Atomtod) mit einer neuen Protestgeneration verband.[14] Mit zunehmender Eskalation des Konflikts steigerte sich ebenfalls die Identifizierung mit Antiimperialismus, Antikolonialismus und den revolutionären Befreiungsbewegungen weltweit, dessen Repräsentanten wie die Viet Cong, Che Guevara oder Mao Tse Tung sich zu populären Protestikonen entwickelten. Die verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber der Dritten Welt führte zugleich zur Herstellung eines neuen, globalen Referenzrahmens, der den Ost-West-Gegensatz zugunsten des Nord-Süd-Gefälles zwischen reich und arm verdrängte.

Transnationale Kooperation und Solidarität um "1968"



Trotz aller transnationalen Wurzeln ist das Phänomen "1968" jedoch in seiner Dynamik und seinen verschiedenen globalen Erscheinungsformen nur vor dem Hintergrund lokaler Faktoren vollständig zu verstehen. Sei es die Bedeutung der faschistischen Vergangenheit in Italien und Deutschland, der Vietnamkrieg in den USA, der Konflikt zwischen flämischer und französischer Bevölkerung in Belgien, die so genannten "68er-Bewegungen" wurden durch die verschiedensten Faktoren mobilisiert und verfolgten weltweit eine Fülle von Zielen, die bei weitem nicht immer deckungsgleich waren. In den osteuropäischen Staaten beispielsweise blieben die Nischen für Systemkritik verständlicherweise begrenzt, obwohl sich auch hier fundamentale Wandlungsprozesse vollzogen. Dies zeigte sich nicht nur an der Reformbewegung des Prager Frühlings, sondern auch an den Studentenunruhen in Polen im März 1968 oder an den inneren Spannungen in Jugoslawien, die sich bis weit in die 1970er Jahre zogen. Gleichermaßen schufen sich auch Jugendliche und Studenten in den Diktaturen Spaniens oder Griechenlands eigene Freiräume, um ihren Protest hörbar zu machen.[15] Entscheidend ist dabei, dass spätestens seit Mitte der 1960er Jahre eine internationale Sprache des Dissenses, die ihren Ausdruck in einem Gemisch von kulturellen und politischen Formen fand, all diese nationalen Differenzen überbrücken konnte. Auf kultureller Ebene offenbarte sich dies im weltweiten Erfolg von Künstlern wie Joan Baez, Bob Dylan, den Beatles oder Jimi Hendrix. Auch Ereignisse wie Woodstock oder das Musical Hair wurden jenseits der Blöcke des Kalten Krieges zu Symbolen musikalischer Rebellion und jugendlichen Unbehagens mit der Welt, das sich gleichzeitig in weitreichenden Lebensstilveränderungen etwa in Mode, Sprache, oder der Entstehung von Kommunen, verstärktem Drogenkonsum und der Hippie-Kultur manifestierte.[16] Eine internationale, oftmals bereits kommerzialisierte Jugendkultur erschütterte soziale Konventionen, generierte neue kulturelle Ausdrucksformen und alternative Öffentlichkeiten, und ließ dadurch den Eindruck eines fundamentalen kulturellen Wandels entstehen.

Auf der politischen Ebene waren gegenseitige Wahrnehmung und internationale Kooperation ebenso stark ausgeprägt, nicht zuletzt durch das Betreiben intellektueller Mentoren wie Herbert Marcuse.[17] Im deutschen Fall knüpfte Michael Vester, Vizepräsident des deutschen SDS, bereits während seines akademischen Austauschjahres 1961/62 in den USA nicht nur erstmals entscheidende Kontakte mit Repräsentanten des amerikanischen SDS wie Al Haber und Tom Hayden, sondern entwarf auch wichtige Passagen des Port Huron Statements. Gegenseitige Besuche und Korrespondenz sowie der Austausch von Literatur und die Übernahme von Protestformen wie die der "direkten Aktion" in einen westdeutschen Zusammenhang waren die Folge.[18] Besonders deutlich lässt sich diese internationale Orientierung auch an der Person Rudi Dutschkes illustrieren, der bereits Mitte der 1960er Jahre ein für ihn charakteristisches Amalgam eines revolutionären Internationalismus entwickelte. Demnach war revolutionäre Politik nur noch im globalen Rahmen denkbar, da sowohl das Kapital als auch der Imperialismus auf internationaler Ebene operierten. Nationale Protestbewegungen seien daher gezwungen, in einer internationalen Allianz und im Zusammenwirken mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt sich dieser "gegenrevolutionären Herausforderung" zu stellen. Diese zweite Front aus der "Europäischen Peripherie" heraus sollte die "Propaganda der Schüsse" in der Dritten Welt durch die "Propaganda der Aktion" in den Metropolen ergänzen und eine Basis für die weltweite Vernetzung aller Protestbewegungen darstellen.[19] Wie Dutschke auf dem Vietnam-Kongress im Februar 1968 in West-Berlin erklärte: "Die Globalisierung der revolutionären Kräfte ist die wichtigste Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute leben und in der wir an der menschlichen Emanzipation arbeiten. (...) In den weltweiten Demonstrationen liegt in einem antizipatorischen Sinne so etwas wie eine revolutionäre Globalstrategie."[20] Sowohl Dutschkes geplanter Umzug nach Kalifornien, um sein Studium unter Herbert Marcuse in San Diego fortzusetzen, als auch das aus dem Vietnam-Kongress erwachsene Internationale Nachrichten- und Forschungsinstitut (INFI) stehen im Kontext der Koordination und Institutionalisierung eben dieser transnationalen Gegenallianz.

Derartige Bestrebungen und Imaginationen trafen jedoch in der Realität oftmals auf erhebliche Widerstände. Bei einer von der "International Confederation for Disarmament and Peace" (ICDP) und dem deutschen SDS organisierten Konferenz in Ljubljana im August 1968 konnten sich beispielsweise Delegierte aus Frankreich, Finnland, Spanien, Kanada, den USA, der Schweiz und der Bundesrepublik trotz intensiver Diskussionen nicht auf eine gemeinsame politische Agenda einigen. Auseinanderklaffende ideologische Perspektiven und Strategien im Hinblick auf Militanz, das Verhältnis zur Arbeiterklasse, Solidarität mit der Dritten Welt sowie unterschiedliche nationale Bedingungen machten dies schlicht unmöglich. Auch bei der "International Assembly of Revolutionary Student Movements" an der Columbia Universität in New York im September 1968 wich der anfängliche Optimismus im Hinblick auf internationale Zusammenarbeit ebenfalls sehr schnell heftigen ideologischen Grabenkämpfen.[21] Trotz dieser Dissonanzen schufen Zusammenkünfte dieser Art in eindrucksvoller Weise einen neuen transnationalen Kommunikationsraum, in dem Vertreter nationaler Protestbewegungen wie selbstverständlich agierten und sich austauschten. Symptomatisches Beispiel dieser transnationalen Verbundenheit bei gleichzeitiger nationaler Verankerung ist eine Diskussionssendung der BBC vom 13. Juni 1968 mit dem Titel "Students in Revolt", an der unter anderem Jan Kavan, Tariq Ali, Daniel Cohn- Bendit, Karl-Dietrich Wolff und Ekkehart Krippendorff teilnahmen. Trotz Schilderung der lokalen Ausgangsbedingungen und spezifischen Ziele ihres Protests begriffen sich alle Teilnehmer als einer weltweiten Bewegung zugehörig und stimmten am Schluss gemeinsam in ihrer jeweiligen Landessprache die "Internationale" an.

Die zum Teil fatale Wirkmächtigkeit internationaler Verortungen und Solidaritätsdiskurse Ende der 1960er Jahre zeigt sich jedoch nicht nur in der Geschichte des Terrorismus im darauf folgenden Jahrzehnt.[22] Auch offizielle Stellen in Ost und West nahmen diese weltweiten Verknüpfungen um 1968 durchaus ernst. Bereits am Beginn des Jahrzehnts initiierte das US-Außenministerium ein umfangreiches Programm zur Gewinnung der ausländischen Jugend weltweit, welches sich ab Mitte der 1960er Jahre verstärkt den transnationalen Verflechtungen der Neuen Linken annahm. Die Ereignisse im Mai 1968 in Frankreich intensivierten diese Anstrengungen erheblich, waren sie doch für US-Außenminister Dean Rusk eine "ernüchternde Lektion" darüber, wie "eine Handvoll von Universitätsstudenten in Frankreich eine Krise herbeiführen können, die potentiell sehr ernste Nebenwirkungen für unsere außenpolitischen Interessen haben kann".[23] Ein Bericht der CIA, der Präsident Lyndon B. Johnson im September 1968 im Kabinett vorgestellt wurde, brachte es noch deutlicher auf den Punkt.[24] Die transnationale Dimension von "1968" berührte also durchaus die Sphäre offizieller Politik, in der die Sorge um sich griff, die von den Protestbewegungen geäußerte Kritik könnte langfristig das geopolitische Ordnungsgefüge des Kalten Krieges gefährden und zukünftige politische Entwicklungen beeinflussen.

Schlussbemerkungen



Als Rudi Dutschke im Interview mit Günter Gaus im Dezember 1967 proklamierte, die Studentenbewegung könne "eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat", lagen die Mai-Unruhen in Frankreich, die Niederschlagung des Prager Frühlings oder das Massaker von Tlatelolco kurz vor Eröffnung der Olympischen Spielen in Mexiko noch in weiter Ferne. Doch die von Dutschke implizierte transnationale Dimension der weltweiten Protestbewegungen speiste sich bereits durch eine kollektive Protestidentität, die sowohl kulturell als auch politisch gemeinsame Referenzpunkte aufweisen konnte und durch einen globalen Mediendiskurs verstärkt wurde. Aktivisten nahmen seit Mitte der 1960er Jahre zum Teil gestaltend an ausländischen Protestereignissen teil, pflegten transnationale Kontakte und brachten ihre Erfahrungen durch Import und Rekontextualisierung neuer Protestformen, -inhalte und -taktiken in ihren nationalen Kontext ein.[25] Ermöglicht wurde dies durch eine Lingua franca des Protest, die im Zuge einer kulturellen Globalisierung (oftmals amerikanischer Provenienz) nationalen Protest in einen internationalen Deutungshorizont einbettete. Antikolonialismus und Antiimperialismus bildeten eine weitere, zentrale ideologische Komponente in dieser Konstruktion einer globalen, revolutionären Bewegung.

Die rebellierenden Gegeneliten der 1960er Jahre stellten den geopolitischen Realitäten des Kalten Krieges somit eine eigene, transnationale Schicksals- und Wertegemeinschaft gegenüber, die eine wichtige Rolle als Wegbereiter soziokultureller Veränderungen in ihren eigenen Ländern spielen sollte. Denn es waren zumeist die Jahre und Jahrzehnte nach 1968, in denen die durch die Protestbewegungen popularisierte, alltagskulturelle Liberalisierung in vielen Ländern eine breite gesellschaftliche Basis erreichte und Neudefinitionen von Öffentlichkeit, demokratischer Partizipation und individuellen Freiheitsrechten nach sich zog. Und obwohl sich unmittelbare gesellschaftliche Reaktion, Langzeitwirkung und kollektive Erinnerung geographisch teils erheblich unterscheiden, waren die Protestbewegungen um "1968" Teil einer fundamentalen Zäsur in der Geschichte des Kalten Krieges.

Auch wenn es keiner dieser Bewegungen letztlich gelang, die etablierten Ordnungen vollständig zu überwinden, trugen sie doch mit ihrem utopischen Selbstverständnis und globalem Anspruch zur Überwindung einer bipolaren Weltsicht und zu einer Verschiebung des internationalen Koordinatensystems zugunsten des transnationalen Sektors bei. Dies zeigt sich in so disparaten Phänomenen wie dem internationalen Terrorismus der 1970er Jahre oder dem dramatischen Anstieg von weltweit operierenden, humanitären Nichtregierungsorganisationen in den Jahren nach 1968. Gerade im historischen Scheitern des durch die Protestbewegungen der 1960er Jahre vorangetriebenen, transnationalen revolutionären Projekts liegt somit die ungebrochene Faszinationskraft von "1968" als grenzüberschreitendem Erinnerungsort und einem der zentralen Wendepunkte des 20. Jahrhunderts.

Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und ZÄsur, Hamburg 2000.
2.
Daniel Cohn-Bendit, Wir haben sie so geliebt, die Revolution, Frankfurt/M. 1987, S. 15.
3.
Vgl. Etienne Francois (Hrsg.), 1968: Ein europäisches Jahr?, Leipzig 1997; Carole Fink u.a. (Hrsg.), 1968: A World Transformed, New York 1998; Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er-Bewegung: Deutschland, Westeuropa, USA, München 2001; Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hrsg.), Between Marx and Coca-Cola: Youth Cultures in Changing European Societies, 1960-1980, New York 2006; Gerd-Rainer Horn, The Spirit of '68: Rebellion in Western Europe and North America, 1956-1976, Oxford 2007; Martin Klimke, The "Other" Alliance: Global Protest and Student Unrest in West Germany and the U.S., 1962-1972, Princeton, N.J. (i.E.).
4.
Vgl. Immanuel Wallerstein, 1968: Revolution im Weltsystem, in: E. François, ebd., S. 19 - 33; Hans Günter Hockerts, ,1968` als weltweite Bewegung, in: Venanz Schubert (Hrsg.), 1968: 30 Jahre danach, St. Ottilien 1999, S. 13 - 34; Beate Fietze, ,A spirit of unrest`. Die Achtundsechziger-Generation als globales Schwellenphänomen, in: Rainer Rosenberg (Hrsg.), Der Geist der Unruhe: 1968 im Vergleich. Wissenschaft-Literatur-Medien, Berlin 2000, S. 2 - 25.
5.
Vgl. Joscha Schmierer, Der Zauber des großen Augenblicks. 1968 und der internationale Traum, in: Lothar Baier (Hrsg.), Die Früchte der Revolte. Über die Veränderung der politischen Kultur durch die Studentenbewegung, Berlin 1988, S. 107 - 126.
6.
Eric Hobsbawm, The Year the Prophets Failed, in: Eugene Atget/Laure Beaumont-Maillet (eds.), 1968 The Magnum Photographs: A Year in the World, Paris 1998, S. 8 - 10.
7.
Vgl. Stephan Malinowski/Alexander Sedlmaier, "1968" als Katalysator der Konsumgesellschaft: Performative Regelverstöße, kommerzielle Adaptionen und ihre gegenseitige Durchdringung, in: Geschichte und Gesellschaft, 32 (2006), S. 239 - 267; Detlef Siegfried, Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006.
8.
Vgl. Clark Kerr, The Uses of the University, Cambridge, Mass. 1963; Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Hochschule in der Demokratie, Frankfurt/M. 1961.
9.
Vgl. Kathrin Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive IdentitÄten in Protestbewegungen, Wiesbaden 2002.
10.
Vgl. Herbert Wehner, Das Auftreten der "Neuen Linken", in: Die Zeit vom 26. 1. 1962, S. 3.
11.
Vgl. Thomas Hecken, Gegenkultur und Avantgarde 1950 - 1970. Situationisten, Beatniks, 68er, Tübingen 2006.
12.
Vgl. Cynthia Young, Soul Power Culture, Radicalism, and the Making of a U.S. Third World Left, Durham 2006.
13.
Vgl. Van Gosse, Where the Boys Are: Cuba, Cold War America and the Making of a New Left, London 1993; Claus Leggewie, Kofferträger. Das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland, Berlin 1984.
14.
Vgl. Benjamin Ziemann (ed.), Peace Movements in Western Europe, Japan and the USA During the Cold War, Essen 2008.
15.
Vgl. Martin Klimke/Joachim Scharloth, 1968 in Europe: A History of Protest and Activism, 1956 - 1977, New York-London 2008.
16.
Vgl. dies., 1968. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung, Stuttgart 2007.
17.
Vgl. Herbert Marcuse, Das Ende der Utopie, Berlin 1967.
18.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, Die transatlantische Protestkultur. Der zivile Ungehorsam als amerikanisches Exempel und als bundesdeutsche Adaption, in: Heinz Bude/Bernd Greiner (Hrsg.), Westbindungen: Amerika in der Bundesrepublik, Hamburg 1999, S. 257 - 284.
19.
Vgl. Hans Magnus Enzensberger, Europäische Peripherie, in: Kursbuch 2, August 1965, S. 154 - 173.
20.
Rudi Dutschke, Die geschichtlichen Bedingungen für den internationalen Emanzipationskampf, in: SDS Westberlin/Internationales Nachrichten- und Forschungsinstitut (INFI) (Hrsg.), Der Kampf des vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus, Berlin 1968, S. 107, 117.
21.
Vgl. Paulina Bren, 1968 in East and West: Visions of Political Change and Student Protest, in: Gerd-Rainer Horn/Padraic Kenney, Transnational Moments of Change: Europe 1945, 1968, 1989, Lanham, Md. 2004, S. 119 - 135.
22.
Vgl. Christopher Daase, Die RAF und der internationale Terrorismus. Zur transnationalen Kooperation klandestiner Organisationen, S. 905 - 929; Martin Klimke/Wilfried Mausbach, Auf der äußeren Linie der Befreiungskriege: Die RAF und der Vietnamkonflikt, S. 620 - 643, beide in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006.
23.
Dean Rusk an alle diplomatischen Vertretungen, Department of State, 30. 5. 1968, S. 2, in: National Security Files, Lyndon B. Johnson Library, Austin, Texas (LBJL).
24.
Vgl. Central Intelligence Agency, "Restless Youth," September 1968, Conclusions, S. 1f., in: National Security Files, LBJL.
25.
Vgl. Martin Klimke, Black Panther, die RAF und die Rolle der Black Panther-Solidaritätskomitees, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S.562-582.

Martin Klimke

Zur Person

Martin Klimke

Dr. phil., geb. 1977; Scholar am German Historical Institute, 1607 New Hampshire Av., Washington, D. C./USA.
E-Mail: mail@maklimke.com


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