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18.3.2008

Die 68er-Proteste in der DDR

In Bezug auf die DDR-Geschichte hat 1968 nicht wegen der west- oder ostdeutschen Generationenbildung historische Bedeutung erlangt, sondern als Jahr der ersten globalen Revolte gegen die Intervention der Sowjetunion in der ČSSR.

Einleitung



Im Gegensatz zu der bis in die Gegenwart reichenden politischen und emotionalen Aufladung der Debatten über die 68er-Revolte in Westdeutschland beschäftigt das Jahr 1968 die gesamtdeutsche Öffentlichkeit hinsichtlich der DDR fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der repressiven Ordnungspolitik der SED-Obrigkeit: ihrer Beteiligung an der Unterdrückung der Politik des Sozialismus mit menschlichem Antlitz seitens der tschechoslowakischen KP sowie der breiten Demokratiebewegung in der CSSR. Vergleicht man das Jahr 1968 in Bezug auf öffentlich gewordene innenpolitische Konflikte etwa mit dem Jahr der Biermann - Ausbürgerung 1976, dann muss 1968 tatsächlich als ein unscheinbares Jahr der DDR-Geschichte gelten.

Ausgangspunkt der folgenden Skizze zur DDR-Geschichte ist die Feststellung, dass das Jahr 1968 nicht etwa wegen einer west- oder ostdeutschen Generationenbildung historische Bedeutung erlangt hat, sondern als Jahr der ersten globalen Revolte, die sich von Südostasien über Lateinamerika, Afrika, über die USA sowie West-, Süd- und Mittelosteuropa bis nach Japan erstreckte.[1] Damit ist es zwingend, dass eine Fragestellung nach vergleichbaren Entwicklungen in der DDR trotz des Fehlens einer Revolte sich nicht in der Darstellung allgemeiner Entwicklungstendenzen erschöpfen kann, sondern explizit nach der Revolte, ihrem Potenzial im Konfliktverhalten und den Gründen ihres Ausbleibens fragen muss. Insofern, als die DDR sowohl Teil des sowjetischen Imperiums wie der geteilten deutschen Gesellschaft war, ist sie als doppelt geprägte Gesellschaft auch in Hinsicht auf die Bedeutung des Jahres 1968 von besonderem Interesse.

Da das Jahr 1968 auch in der DDR ein Jahr zahlreicher Proteste war, und diese weit überwiegend von der Jugend getragen waren, wird diese "Protest-Jugend" im Folgenden im Mittelpunkt stehen, allerdings die komplexe Problematik einer Generationsbildung ausgeblendet bleiben. Zudem wird sich diese Skizze auf die Proteste gegen die militärische Intervention der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in der CSSR, deren Akteure sowie jene Ereignisse konzentrieren, die das Jahr 1968 zu einem äußerlich unscheinbaren, aber dennoch zu einem Schlüsseljahr für die Konfliktgeschichte der DDR werden ließen.

Politisierung vor dem Prager Frühling



Nur wenige Ausnahmen der Proteste sind ins kollektive Gedächtnis gedrungen und wurden Jahrzehnte lang in der Erinnerungskultur aufbewahrt. Dies war nur möglich, weil die SED-Diktatur 1968 noch ein fast vollständiges Informationsmonopol besass. 1968 - das war nur sieben Jahre nach dem Mauerbau und der ihn begleitenden Unterdrückung jeden Anzeichens von Widerstand dagegen mit der gewalttätigen Abschreckungskampagne "Die Faust aufs Schandmaul!".[2] Diese Vorgänge waren 1968 im Gedächtnis der breiten Mehrheit noch fest verankert. Allerdings war in den Jahren seither eine "unruhevolle Jugend" (Marc-Dietrich Ohse) herangewachsen, der der Schrecken, der vielen Erwachsenen noch in den Gliedern sass, abhanden gekommen war, weil sie ihre eigenen Erfahrungen erst sammeln musste und durch die Zickzacks der SED-Jugend- und Kulturpolitik ermutigt und durch die Aufbruchsdynamik westlich wie östlich der Grenzen angesteckt worden war.

Ein deutliches Anzeichen dafür, dass auch 1968 die Unruhe unter der Jugend nicht befriedet werden konnte, war, dass sich schon seit dem Vorjahr wieder langhaarige Jugend-Cliquen in der großstädtischen Öffentlichkeit gezeigt hatten. Damit signalisierten sie das Scheitern des seit dem Herbst 1965 mit rabiaten Methoden unternommenen Versuches des Regimes, die jugendliche Beat-Kultur zu unterdrücken. Aus einer zuvor zum Teil akzeptierten jugendlichen Teilkultur war hierdurch lediglich eine bedrängte Subkultur geworden, die nun immer mehr zum Abgrenzungsmerkmal nonkonformer Jugendlicher wurde. Damit wurde deren Milieubildung außerhalb des staatlich kontrollierten sozialen Raumes geradezu befördert.[3]

Über den Kreis der die Beat-Kultur ursprünglich prägenden Cliquen der Arbeiterjugend hinaus gehörten zu den Szenen dieser jugendlichen Subkultur inzwischen auch die Nonkonformen der jungen Intelligenz, Kinder aus Parteielternhäusern wie aus christlichen.[4] Doch schlimmer noch für das Regime, nicht nur unter jungen Intellektuellen oder christlichen Studentinnen und Studenten, die die gängigen Literatur-Vorlieben der herrschaftskritischen Jugend Westdeutschlands rezipierten, sondern gerade auch innerhalb dieser jugendlichen Subkultur, mit der sich der Parteistaat im Konflikt befand, hatten sich 1966/67 oppositionelle Politisierungsprozesse gezeigt, die dem jugendkulturellen Konflikt eine neue Dimension hinzufügten und ihn verstetigten.[5] Die Adaption von Symbolen der westdeutschen außerparlamentarischen Opposition, die vom Anti-Atom-Abzeichen bis zu Symbolen des Maoismus reichte, war ein wichtiger Hinweis darauf und führte nun auch von Seiten der Jugend zu politischen Konflikten in Ausbildungsstätten und Jugendklubs. Das Symbol der von der SED gefeierten westlichen Anti-Atom-Bewegung begann in der DDR gleichsam automatisch in Richtung sowjetischer Atomwaffen zu blinken und seine Trägerinnen und Träger verbanden solche Symbolik häufig mit der Ablehnung der vormilitärischen Ausbildung oder verweigerten gänzlich den Dienst mit der Waffe, wie die zumeist christlichen Bausoldaten.[6] Deutlichster Fingerzeig für das Ausmaß der eigenständigen Suche nach politischen Antworten jenseits der Vorgaben des Regimes in Teilen der Jugend war die Notwendigkeit für die SED, zum 1. Januar 1968 für DDR-Bürger den freien Zugang zur chinesischen Botschaft zu sperren. Trotz Polizeibewachung aller Botschaften und der Angst vor einer Registrierung beim Betreten des Botschaftsgebäudes hatte unter dem Einfluss westdeutscher Studierender seit 1966, vor allem aber im Jahre 1967 ein Besucherstrom zur Botschaft eingesetzt, der nicht nur aus Ostberlin kam. Nach den Beobachtungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) waren es vornehmlich "Beat-Anhänger", die den DDR-Besucherstrom prägten. Es gehörten auch nicht nur Oberschüler und Studierende dazu. Zumindest im Bezirk Potsdam bildeten Lehrlinge und Jungarbeiter sogar die Mehrzahl.[7] Der oppositionelle Politisierungsprozess innerhalb der jugendlichen Subkultur blieb offenbar nicht nur auf die junge Intelligenz beschränkt, wie eine provokante Losung belegt, die während der Parteiwahlen am 19. Mai 1967 von Unbekannten im Leipziger Kirow-Werk aufgehängt wurde: "Wir sind jung und lieben Mao Tse-Tung."[8]

So war es kein Wunder, dass unter Oberschülern und Studierenden, aber auch unter sich oppositionell politisierenden Lehrlingen im Frühjahr 1968 Diskussionen über die seit dem Vorjahr eskalierte Jugendrevolte im Westen stattfanden und die Revolten in Warschau, Westberlin, Paris oder in den USA aufmerksam in den Medien verfolgt wurden. Mehr und mehr rückte jedoch der Prager Frühling in den Vordergrund. Vor diesem Hintergrund kam es in Leipzig und Potsdam bereits im Frühjahr 1968 zu Protesten gegen Kirchenabrisse, die im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Stadtzentren standen. Besonders in Leipzig erreichten diese Proteste eine große Öffentlichkeit und waren zum Teil spektakulär. Mehr als 1 000 Personen waren an den Protesten beteiligt, rund 40 wurden verhaftet. Studierende spielten eine herausragende Rolle bei den Protesten.

In den 1960er Jahren wurde die CSSR bei der Jugend und der kritischen Intelligenz außerordentlich beliebt. Die Jugend nutzte mehr und mehr die nach dem Mauerbau geschaffenen Reisemöglichkeiten "Richtung Osten" und fuhr nach Prag, Warschau oder Budapest, genoss dort die größere Liberalität in der Kultur. Für die vom Geist des Dritten Weges im Sinne eines demokratischen Sozialismus infizierte kritische Intelligenz wurde mehr und mehr deutlich, dass in der CSSR die Freiheiten in Wissenschaften und Kultur und die Diskussionsmöglichkeiten für auch in der DDR anstehende Grundsatzprobleme erheblich zunahmen. So war es kein Wunder, dass die Entwicklung in der CSSR seit der Wahl Alexander Dubceks zum Vorsitzenden der KP von Anfang an auf großes Interesse und starke Sympathien seitens der kritischen Jugend wie der Intelligenz in der DDR stieß. Namentlich bei der jungen Intelligenz waren nicht nur Wünsche nach einem Erfolg der Prager Reformpolitik, sondern auch Hoffnungen auf ähnliche Entwicklungen im eigenen Land entstanden. Die große Mehrzahl der Bevölkerung, vor allem die Arbeiterschaft blieb aber skeptisch. Doch als der Demokratisierungsprozess in der CSSR voranschritt, sich eine unabhängige Presse entwickelte und Wirtschaftsreformen diskutiert wurden, die zu unabhängigen Gewerkschaften und zur Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe führen sollten, um so mehr erfasste die Sympathie mit der Entwicklung in der CSSR auch die breiten Schichten der Bevölkerung und damit der Arbeiterschaft. Doch je mehr sich im Sommer 1968 die Nachrichten über sowjetische Militärmanöver und Spekulationen über eine militärische Intervention verdichteten, um so größer wurde der Zweifel an den Realisierungschancen.

Ausmaß und Art der Proteste



Die wenigen durch Ost- wie Westmedien bekannt gewordenen Fälle eines Protestes gegen die militärische Intervention am 21. August 1968 ließen das Bild eines winzigen, nicht nennenswerten Protestes entstehen, der zudem vom Nachwuchs der Parteiintelligenz bestimmt wurde. Bekannt wurde vor allem die Verhaftung und die Verurteilung einer Gruppe um Frank und Florian Havemann. Sie hatten gegen die Unterdrückung des "roten Prags" Flugblätter verfasst und vor allem deshalb Aufmerksamkeit hervorgerufen, weil sie Kinder hoher SED-Funktionäre, von Künstlern oder eben des bekanntesten DDR-Oppositionellen waren. Doch das Jahrzehnte lang bestehende Bild der Proteste war falsch.

Angesichts der voll mobilisierten politischen und militärischen Macht des Sowjetblockes ist es nicht verwunderlich, dass die Intervention keine Revolte hervorbrachte, sondern dass angesichts der absehbaren unmittelbar-praktischen Aussichtslosigkeit von Widerstand es überhaupt zu Protesten kam. Der Schwerpunkt der noch am 21. August 1968 beginnenden Protestwelle lag im Zeitraum unmittelbar danach. In einer Analyse nach ihrem Abflauen wurden Anfang Oktober 1968 seitens des MfS 2 129 "Protestbekundungen" aufgeführt, 1 360 wurden zu den "wesentlichen Vorkommnissen" gezählt. Die wichtigsten Deliktgruppen "feindlicher Handlungen" waren das "Anschmieren" von 1 690 "Hetzlosungen" und die "Verbreitung selbstgefertigter Hetzschriften" in einer Anzahl von 7 587 Stück. Zusammen mit den "bei der Festnahme sichergestellten Hetzschriften" waren das insgesamt 10 487 Stück. Neben 294 Fällen von "anonymer Hetze", also Telefonanrufen oder Briefen wurden aber auch 74 "organisierte Sympathiekundgebungen" gezählt.[9]

Das Gros lag außerhalb der Betriebe. Häufig wurden sie konspirativ, sei es einzeln oder in kleinen Gruppen vorgenommen, insbesondere, wenn es sich um schriftliche Äußerungen handelte. Flugblätter, die oft in Briefkästen, aber auch in öffentliche Verkehrsmittel geworfen wurden, waren hauptsächlich eine Angelegenheit der Intelligenz. Losungen wie "Dubcek" und "Svoboda" oder die Fahne der CSSR wurden auf Strassen und Wände gemalt. In den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Neubrandenburg sind von verschiedenen Menschen und ohne Wissen von einander sogar die Nachrichtenkabel zwischen der NVA und den in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräften durchgetrennt worden. Andererseits beschimpften Cliquen der Arbeiterjugend wie in Leipzig-Taucha oder Torgau vorbeifahrende sowjetische Truppen, oder auch Polizisten und Staatsbedienstete offen und provozierend.[10] Ebenso demonstrativ offen waren auch symbolische Handlungen wie das Anstecken der CSSR-Fahne ans Revers.

Der Protest innerhalb von Betrieben war vorwiegend mit jenen betrieblichen Versammlungen verzahnt, die von Vertretern des Regimes einberufen wurden, um den Belegschaften sogenannte Zustimmungserklärungen abzupressen. Daher wurde der innerbetriebliche Protest überwiegend mündlich geäußert. So hatten sich beispielsweise 17 von 23 Kollegen der technischen Gebäudeausrüstung in Wanzleben geweigert, eine vorgelegte Zustimmungserklärung zum Einmarsch zu unterschreiben und erklärt, dass sie dies nur tun würden, wenn die Erklärung "für die CSSR und gegen die Russen" gerichtet wäre.[11] Ähnlich die Beispiele aus Ostberliner Betrieben, in denen auch die Verhaftung von renitenten Arbeitern als "Provokateure" belegt ist.[12] An Waggons, die morgens aus dem Karl-Marx-Werk in Magdeburg gezogen wurden, standen"Hetzlosungen" wie "Kommunistenschweine, Faschistenpack", die zusätzlich mit Hakenkreuzen und SS-Runen verziert worden waren.[13] Aus dem VEB Rewatex in Ostberlin ist bisher der einzige Streikversuch überliefert. Dort hatte ein Kesselwärter noch am Abend des 21. August 1968 die Dampfzufuhr für einen Betriebsteil abgestellt und versucht, "weitere Beschäftigte des Betriebes zu einer Arbeitsniederlegung zu veranlassen".[14]

Der Öffentlichkeitsgrad war bei den Demonstrationsversuchen am größten. So versammelten sich am Tage nach dem Einmarsch auf dem Erfurter Angereck 150 bis 250 Jugendliche, die versuchten, mit Passanten über den Einmarsch zu diskutieren. 36 Jugendliche wurden verhaftet. In Gotha, Erfurt, Weimar, Potsdam, Berlin und anderen Städten kam es ebenfalls zu Demonstrationenversuchen. Außerhalb dieser Städte war jedoch nur gerüchteweise davon etwas bekannt. Für Ostberlin, wo ein großer Teil der Flugblätter verteilt worden war, konnte die SED zur Wirksamkeit der Proteste erfolgreich feststellen: "In keinem Fall wurde Massenwirksamkeit erreicht, da gestreute Flugblätter sofort eingesammelt und geschmierte Losungen rasch entfernt wurden."[15] Diese Einschätzung kann für die gesamte DDR verallgemeinert werden. Die Protestaktionen erreichten keine Breitenwirkung und waren unter großem Risiko isoliert voneinander von einzelnen und kleinen Gruppen vorgenommen worden, deren Aktivität angesichts der Stärke und Mobilität des diktatorischen Überwachungsstaates zum Teil von der übrigen Bevölkerung nicht einmal bemerkt wurde.

Der politische Inhalt der Proteste



Die Breite der politischen Losungen reichte von "Russen raus" bis zu "Solidarität mit dem roten Prag". Die Hauptrichtungen der Forderungen fasste das MfS aus seiner gegnerischen Sicht wie folgt zusammen: "Aufwiegelung" gegen die Intervention und Versuche zu einer Kampagne für deren Rückgängigmachung; "Propagierung und Verherrlichung der konterrevolutionären Umtriebe in der CSSR und der sie fördernden und begünstigenden Politik rechter Kräfte in der KPC als Beispiel zu erstrebender Veränderungen in der DDR." "Hetze" gegen die SED-Führung und besonders gegen Ulbricht; "Aufwiegelung" gegen die Politik der Sowjetunion sowie Forderungen nach Abzug der sowjetischen Truppen aus der CSSR und der DDR. Aber auch die "Anspornung weiterer Kreise der Bevölkerung zu feindlichen Aktionen" und die Solidarisierung "mit den konterrevolutionären Kräften in der CSSR" führte das MfS auf. Hervorgehoben wurde, dass neben "schlagwortartigen Feindparolen" wie "Russen raus" auch "in relativ breitem Umfang" Losungen und Forderungen verbreitet waren, die "die konterrevolutionären Umtriebe als Verteidigung' des Sozialismus dargestellt" hätten, weshalb "die Maßnahmen der fünf verbündeten sozialistischen Staaten als gegen die Sache des Sozialismus gerichtet oder als völkerrechtswidrige Aktionen wie Okkupation, Intervention oder Aggression bezeichnet" wurden. Hinzu kamen wiederholt "Vergleiche mit dem Vorgehen der Faschisten nach dem Münchner Diktat bzw. der amerikanischen Aggression in Vietnam".[16]

An dem Protest waren verschiedene soziale Schichten der DDR-Gesellschaft beteiligt: Arbeiter, Angestellte und die Intelligenz, bis hinein in die Reihen der SED. Doch das Gros der Proteste ging auf die Arbeiterjugend zurück, auf Lehrlinge und Jungarbeiter, trotz der starken Sympathien der Intelligenz für den Prager Frühling. Die soziale Zusammensetzung der aufgrund von Protesten Verhafteten ist ein wichtiges Indiz und sie zeigt, dass rund drei Viertel von ihnen der Arbeiterschaft zuzurechnen sind. Bei den zwischen dem 21. August und dem 27. November 1968 eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen 506 Personen betrug der Anteil von Facharbeitern, sonstigen Arbeitern und Lehrlingen zusammen 71,7 Prozent. Innerhalb der Gruppe der Arbeiterschaft waren die Facharbeiter mit 189 Personen die größte Gruppe, gefolgt von 101 sonstigen Arbeitern und 73 Lehrlingen. 4,6 Prozent der Täter entstammten dem Kreis der Kulturschaffenden und der Intelligenz. Entscheidend für alle sozialen Gruppen war aber, dass 66 Prozent derjenigen, gegen die ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, junge Leute im Alter bis zu 25 Jahren waren. Von ihnen hatten rund 20 Prozent nicht einmal das 18. Lebensjahr erreicht. Der Frauenanteil ist statistisch nicht erfasst worden, dass Frauen beteiligt waren, ist bisher nur unter den Gruppen der jungen Intelligenz belegt.

Eine genauere Analyse der Protestarten und des Protestverlaufes liefert einige wichtige Hinweise auf den politisch-kulturellen Zustand der damaligen DDR-Gesellschaft. So ist von großem Interesse, dass Flugblätter innerhalb von Betrieben bisher nirgendwo nachgewiesen wurden und selbst schriftliche Losungen im Betrieb eine Ausnahme blieben. Auch in solchen Betrieben kamen sie nicht vor, in denen in der Vergangenheit auf diese Weise um die Betriebsöffentlichkeit gekämpft wurde.[17] Bei einer gleichzeitig eindeutigen Ablehnung der Intervention durch die Arbeiterschaft schließt dieser Umstand nahtlos an die Tatsache an, dass bei den Protesten innerhalb wie außerhalb der Betriebe nirgendwo innerbetrieblich agierende "Personenzusammenschlüsse" bekannt wurden, die eine organisierte oppositionell-politische oder gewerkschaftliche Gruppentätigkeit von Arbeitern erkennen lassen. Es gab offensichtlich nicht nur keine organisierten Gruppen, sondern auch keine oppositionellen Organisationsmilieus[18] von Arbeitern mehr, in denen die Option verankert war, speziell an Belegschaften politische Botschaften zu adressieren und die zugleich über die politisch-kulturelle Fähigkeit zu verfügten, kurzfristig oppositionelle Flugblätter oder selbst Losungen zu verfassen. Zugleich wird sichtbar, wie sehr die Betriebe 1968 von den Arbeitern als von oben durchherrschter sozialer Raum erfahren wurden. Das wird daran deutlich, dass zu den außerhalb der Betriebe "gefassten" Tätergruppen, die wegen "mündlicher Hetze" belangt wurden, häufig auch Arbeitskollegen gehörten oder dass Arbeitskollegen gemeinsam geplante Proteste außerhalb des Betriebes durchführten.[19]

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch die MfS-Einschätzung, dass in den ersten Tagen nach dem Einmarsch vorwiegend "Formen der schriftlichen Hetze" geäußert wurden. Die "mündliche Hetze" nahm erst danach wesentlich zu.[20] Das ist ein wichtiges Indiz dafür, dass die betrieblichen Proteste aus der Arbeiterschaft vor allem in dem Masse anstiegen, wie der Druck von oben zur Ableistung von Zustimmungserklärungen größer wurde. Daraus spricht ein deutlich defensives Protestverhalten zur Abwehr der Loyalitätszumutungen in den Betrieben. Die Gruppen der jungen Intelligenz hingegen, die in den ersten Tagen Flugblätter verbreitet hatten, waren entweder schon verhaftet oder hatten ihre Aktionen als sinnlos eingestellt, nachdem sich rasch abgezeichnet hatte, dass sie weitgehend wirkungslos bleiben würden.

Die kleinen Gruppen der jungen Intelligenz, die innerhalb kurzer Zeit Flugblätter verfassten, hatten keine für diesen Zweck geeigneten politischen Kontakte in Betriebe hinein. Jedenfalls sind dort keine Flugblätter von außerhalb bisher belegt. Diese Gruppen stammten häufig aus dem schon zuvor politisierten Teil der jugendlichen Subkultur, hatten zumindest Teile der oppositionellen westlinken Literatur oder die Prager Volkszeitung[21] gelesen oder verfolgten systematisch die verschiedenen internationalen Radiokanäle, die in deutscher Sprache sendeten bzw. politische TV-Sendungen. Auch wenn sie sich lediglich für Anfertigung und Verteilung der Flugblätter als kleine illegale Gruppe zusammenschlossen, so gaben sich einige von ihnen doch einen politischen Gruppennamen wie "Aktionskomitee der Schüler und Studenten" oder "SDS-DDR".

An Hand der Polizeiunterlagen aus Leipzig gab es noch eine dritte Gruppe von Protestakteuren: städtische Cliquen der männlichen Arbeiterjugend, die, ebenfalls in den ersten Tagen protestierten. Sie artikulierten spontan und zum Teil alkoholisiert "mündliche Hetze", indem sie Polizisten und andere Partei- und Staatsdiener offen und ohne Vorsicht beschimpften und unterschiedliche politische Losungen wie "Dubcek, Dubcek" oder auch "Russen raus" riefen.[22] Einige randalierten dabei und führten Sachbeschädigungen durch. Sie waren zumeist im Stadtteil verankert. Nach Dorothee Wierling handelte es sich bei dieser Gruppe um die in den 1960er Jahren häufig von SED, FDJ, Polizei und Stasi beklagten "Rowdys", die als Teil der parteistaatlich schwer integrierbaren jugendlichen Subkultur den Behörden immer wieder als so genannte Eckensteher oder als Beteiligte an Jugendkrawallen aufgefallen waren.[23] Interne Studien der Jugendforschung hatten freilich gezeigt, dass die typischen Anhänger der Beat-Kultur keine "Rowdys" waren.[24] Zudem befanden sich unter den in Polizeiberichten zusammengetragenen Gruppendelikten bei "mündlicher Hetze" keine derjenigen Jungarbeitergruppen, die im Zusammenhang mit Konflikten der Subkultur bekannt waren, wie die "Capitol-Meute". Beides spricht dafür, das es sich bei diesem Personenkreis eben nur um einen Teil jener "Rowdys" handelte, auf die sich die SED-Kampagnen bezogen.

Fasst man die drei Hauptgruppen des Protestes zusammen, so ergibt sich ein widersprüchliches Bild, bei dem sich aber die einzelnen Komponenten durchaus kompatibel auf einander beziehen lassen. Zumindest die schriftlichen Proteste von Oberschülern und Jungintellektuellen sowie die spontanen Straßenproteste von Gruppen der Arbeiterjugend waren eng mit der seinerzeit in die Subkultur verdrängten Beat-Kultur verbunden. Insofern kreuzten sich bei den Protesten zwei Entwicklungsstränge. Zum einen artikulieren die "Dubcek, Dubcek"-Forderungen mit ihrer unmittelbaren Stoßrichtung des demokratischen Sozialismus den seit den 1950er Jahren andauernde Konflikt um die Entstalinisierung und Demokratisierung im Ostblock. Die "Russen raus"-Rufe sind durchaus ein Teil dieses Entwicklungsstranges, der auch immer die Wendung gegen die diktatorische Besatzungs- oder Vormacht mit einschließt. Zum anderen schwingt wegen der Verankerung der Protestakteure in der Subkultur, aber auch wegen der Rezeption der herrschaftskritischen Literatur aus Westdeutschland eine neue politisch-kulturelle Dimension der Auseinandersetzung mit. Sie ist eng mit der Umwertung der in der DDR gültigen, sozialistisch drapierten preußisch-soldatischen Tugenden und der protestantischen Arbeitsethik verbunden. Nahtlos schließt sie sich an die sich gleichzeitig artikulierenden Konflikte in Westeuropa an, später wird sie sich mehr und mehr entfalten.

Bedeutung von 1968 für die DDR



Die unterschiedlichen Komponenten der Proteste waren nicht nur Facetten von längerfristigen Entwicklungsprozessen, sondern auch deren Generatoren. Die beiden wichtigsten Resultate des Jahres 1968 für die Konfliktgeschichte der DDR waren das Ende kollektiver Strategien der Interessenvertretung im Betrieb und damit der Untergang auch des letzten Rudimentes von eigenständiger Arbeiterbewegung. Parallel hierzu entstand eine - nach dem Mauerbau - neue Opposition, die aber nicht wie die Opposition in Polen an kollektive Kämpfe und damit größere Konflikte der gesellschaftlichen Mehrheiten anknüpfen konnte. In den Protesten hatten sich beide Wege gekreuzt.

Letztmalig hatten Arbeiter 1968 den Versuch unternommen, ihre Interessen im Betrieb kollektiv zu vertreten und dafür um die Betriebsöffentlichkeit zu kämpfen. Die Verhaftung von "Provokateuren" und der massive Einsatz von Parteiagitatoren im Verbund mit den Betriebsleitungen und Sicherheitsbehörden hatte zum endgültigen, bereits mit dem Mauerbau begonnenen Rückzug aus der Betriebsöffentlichkeit geführt. Die Folge war das große Schweigen der Mehrheitsgesellschaft nach 1968. Auf dieser Voraussetzung konnte der aufgeklärte Stalinismus in der Herrschaftszeit Erich Honeckers aufbauen und das Schweigen verstetigen, in dem er einen versorgungsdiktatorischen Herrschaftskompromiss[25] durchsetzte und einen vormundschaftlichen Sozialstaat schuf, bis dieser wegen Innovations- und Produktivitätsschwäche verfiel und der Herrschaftskompromiss zerbrach.

Parallel hierzu entstanden 1967/68 neue oppositionelle Milieus, deren Kontinuität trotz mancherlei Veränderungen bis 1989 reichte. An Personen, an der Kontinuität von Diskursen oder an Orten der Vergemeinschaftung lässt sich diese Kontinuität nachzeichnen. Diese Milieus wurden zum Träger immer wieder neuer und sich verändernder politischer Aktivitäten oder Gruppenbildungen. Die neue Opposition ging aus der Vernetzung und partiellen Überlappung von Milieus der kritisch-marxistischen und christlichen Intelligenz sowie der subkulturellen Jugendbewegung hervor.

Ihre doppelte Prägung aus westlicher wie östlicher Richtung in den Jahren 1967/68 ging gleichsam in ihre kulturellen "Gene" ein, auch wenn im Laufe von 20 Jahren sich die gesellschaftlichen Bedingungen, Diskussionen, Personen und die oppositionelle Praxis erheblich veränderten. Nach dem Ausfall der traditionellen Arbeiterschaft als oppositionelle Ressource gesellschaftlicher Konflikte, folgte nach einem Aufschwung Anfang der 1970er Jahre der Ausfall der traditionellen Intellektuellen und der Intelligenz am Ende der 1970er Jahre. Nur die Quelle der jugendlichen Aufsässigkeit und ihrer Subkulturen blieb unerschöpflich.

Fußnoten

1.
Vgl. Gerd-Rainer Horn/Bernd Gehrke, 1968 und die Arbeiter. Studien zum "proletarischen Mai in Europa", Hamburg 2007, S. 8 - 12.
2.
Falco Werkenthin, Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht, Berlin 1995, S. 47 - 52.
3.
Vgl. Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 - Politik und Alltag, Berlin 1993, in: ders./Thomas Kochan (Hrsg), Bye Bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR, Berlin 2004.
4.
Von mir wurde 40 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der DDR-Opposition aus den 1970er Jahren interviewt. Meine Aussage stützt sich auf verschiedene Interviews.
5.
Vgl. Zur Einschätzung des Bewusstseinsstandes der Berliner Bevölkerung, in: SAPMO-Barch NL 182/1033, Bestand W. Ulbricht, Bl. 3 vom 27. Januar 1967.
6.
Vgl. Interview mit Nora G. vom 27. 4. 2004.
7.
Vgl. MfS BV Potsdam, Abt. XX/2, Analyse zum Komplex "Springer" vom 5. 7. 1968, in: Gustav Rust, In den Fängen der Stasi. Ein Kommunist maoistischer Prägung in der "DDR". Eine Dokumentation anhand von Stasi-Akten, Berlin o.J., S. 27f.
8.
Michael Hofmann, Die Leipziger Metallarbeiter. Etappen sozialer Erfahrungsgeschichte, in: Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, hrsg. von Michael Vester/Michael Hofmann/Irene Zierke, Köln 1995, S. 172.
9.
ZAIG, Hinweise für Kollegiumssitzungen - Dienstbesprechungen, Anfang Oktober 1968; BStU, ZA, ZAIG 4725, in: Monika Tantzscher, Maßnahme "Donau« und Einsatz "Genesung.« Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968/69 im Spiegel der MfS-Akten, Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Reihe B: Analysen und Berichte Nr. 1/1994, S. 36.
10.
Vgl. Dorothee Wierling, Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002, S. 310, 312.
11.
Parteiinformation der Bezirksleitung der SED Magdeburg vom 3.9.68, Auszüge aus: 13908 Parteiinf., LV DOS S-A, LPA Magdeburg, in: SklavenAufstand, Nr. 51/1998, S. 21.
12.
Vgl. Stefan Wolle, Die DDR-Bevölkerung und der Prager Frühling, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1992) 36, S. 42.
13.
Parteiinformation (Anm. 11), S. 21.
14.
Einschätzung der HA IX, in: M. Tantzscher (Anm. 9), S. 123.
15.
Stadtarchiv Berlin, Rep. BV Berlin, A 1140/2, Bl. 47 - 49, zit. in: S. Wolle (Anm. 12), S. 43.
16.
Einschätzung der HA IX, in: M. Tantzscher (Anm. 9), S. 123f.
17.
Vgl. Michael Hofmann, "Solidarität mit Prag". Arbeiterproteste 1968 in der DDR, in: G.-R. Horn/B. Gehrke (Anm. 1), S. 96.
18.
Vgl. Siegfried Weichlein, Sozialmilieus und politische Kultur in der Weimarer Republik (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Band 115), Göttingen 1996, S. 11 - 77, hier S. 15 - 17.
19.
Vgl. D. Wierling (Anm. 10), S. 311.
20.
Einschätzung der HA IX, in: M. Tantzscher (Anm. 9), S. 125.
21.
Diese Zeitung war eine Zeitung der deutschen Minderheit in der CSSR, die im Ostberliner Kulturzentrum der CSSR gekauft werden konnte. Sie publizierte wichtige Dokumente des Prager Frühlings.
22.
Vgl. Marc-Dietrich Ohse, Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961 - 1974), Berlin 2003, S. 206 - 209.
23.
Vgl. D. Wierling (Anm. 10), S. 311.
24.
Vgl. M. Rauhut (Anm. 3), S. 212 - 216.
25.
Der Terminus "Versorgungsdiktatur" lehnt sich an Konrad Jarauschs Begriff der "Fürsorgediktatur" an.

Bernd Gehrke

Zur Person

Bernd Gehrke

Dipl. Ök., geb. 1950; Politökonom und Zeithistoriker, freier Mitarbeiter in der Projektgruppe Opposition und Repression am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.
E-Mail: Bernd.Gehrke@web.de


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