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6.2.2008

Das chinesische Wechselkurssystem

Das chinesische Wechselkurssystem ist durch staatliche Eingriffe geprägt, die sich in eine gradualistische Reformstrategie einbetten. Die Wechselkursentwicklung, die durch Kapitalverkehrskontrollen und Devisenmarktinterventionen der chinesischen Zentralbank abgesichert ist, dient dieser Strategie.

Einleitung



China folgt einem graduellen Reformprozess, der im Jahre 1978 zwei Jahre nach den Tod von Mao Zedong und der Wahl von Deng Xioping zum politischen Führer Chinas begonnen wurde. Die Reformen leiteten einen der ökonomisch erfolgreichsten Prozesse nachholender Entwicklung sowie Transformation von einer Plan- in eine Marktwirtschaft ein. Mit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von fast zehn Prozent konnte das Pro-Kopf-Einkommen, nicht zuletzt unterstützt durch die Ein-Kind-Politik, die ebenfalls 1978 beschlossen wurde, im Durchschnitt über acht Prozent ansteigen. Bei einem internationalen Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen liegt China derzeit deutlich über Ländern wie Vietnam, Indien oder Indonesien, aber auch deutlich unter Ländern wie Mexiko, Brasilien oder der Türkei.[1] Nimmt man den Indikator der Weltbank für absolute Armut von einem Einkommen von weniger als einem US-Dollar pro Tag, dann konnte China die Armut von rund 50 Prozent der Bevölkerung Anfang der 1980er Jahre auf unter 15 Prozent im Jahre 2004 reduzieren. Die Reduzierung fand vor allem in den 1980er Jahren statt und verlangsamte sich danach deutlich.[2] Schuld an der enttäuschenden Abnahme der Armut während des letzten Jahrzehnts ist drastisch zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung in China.






Die chinesische Entwicklung wurde von zwei Wachstumsmotoren angetrieben, den hohen Investitionen und den steigenden Exporten. Investitionen wurden einerseits von den Staatsunternehmen stimuliert, die bis heute den Sektor der Großindustrie dominieren und privilegierten Zugang zu Krediten des Bankensystems haben, das sich ebenfalls in staatlichem Eigentum befindet. Andererseits sind die Investitionen des privaten Unternehmenssektors hoch, der weitgehend aus kleinen und mittleren Unternehmen besteht und zu einem großen Teil aus Neugründungen von Unternehmen hervorgegangen ist. Die ausländischen Direktinvestitionen unterstützen den Wachstumsprozess durch den Transfer von Technologien, neuen Managementmethoden und der Eröffnung von Exportkanälen.[3] China folgt einer exportorientierten Wachstumsstrategie, die bei steigenden Exporten Leistungsbilanzüberschüsse anstrebt. Betrugen die Exporte und Importe im Jahre 1979 jeweils etwa fünf Prozent am chinesischen BIP, so stiegen diese Werte in den letzten Jahren auf über 30 Prozent an.[4] Damit sind wir beim Thema dieses Beitrags.

Wechselkursentwicklung



Die Entwicklung des Wechselkursregimes reflektiert die graduelle Reformstrategie Chinas. Vor 1978 existierte ein System vollständiger Devisenbewirtschaftung mit der Festlegung des Wechselkurses als Teil des Planmechanismus. Der erste Reformschritt bestand in der Schaffung eines dualen Wechselkurssystems im Jahre 1981. Bei diesem System gab es einen allgemeinen vom Staat festgelegten Wechselkurs. Daneben existierte ein zweiter ebenfalls staatlich fixierter Wechselkurs für spezifische Transaktionen vor allem im Bereich des internationalen Handels. Dieses System wurde 1985 reformiert. Neben dem offiziellen Wechselkurs wurde nun ein zweiter marktmäßig bestimmter und faktisch flexibler Wechselkurs eingeführt. Das Devisenangebot in den sogenannten Tauschzentren kam von Exportunternehmen, die einen Teil ihrer Einnahmen in Hartwährung einbehalten konnten, die Nachfrage kam von Unternehmen, die Güter importieren wollten. Ab Anfang der 1990er Jahre drifteten die beiden Wechselkurse zunehmend auseinander, und Ende 1993 lag der marktbestimmte Wechselkurs rund 50 Prozent unter dem Wert des offiziellen Wechselkurses. Faktisch war der marktbestimmte Wechselkurs der relevantere, da mit ihm schätzungsweise 80 Prozent der Devisentransaktionen abgewickelt wurden.

Im Jahre 1994 ging China zu einem System mit nur einem Wechselkurs über, wobei der offizielle dem marktbestimmten Wechselkurs angepasst wurde. Formell ging China zu einem System flexibler Wechselkurse mit Interventionen der People's Bank of China (PBoC), der chinesischen Zentralbank, über, also zu einem System des Managed Floating. Faktisch wurde der Wechselkurs allerdings an den US-Dollar angekoppelt, denn die Schwankungen des Renminbi (RMB) gegenüber dem US-Dollar waren in den Folgejahren minimal. Ab Anfang 1998 wurde der RMB ohne jegliche Schwankungen an den US-Dollar gebunden. Dieses System existierte über mehrere Jahre, jedoch stieg der Druck auf China, den RMB aufzuwerten. Im Juli 2005 schließlich kam es zu einer Aufwertung gegenüber dem US-Dollar um 2,1 Prozent. Gleichzeitig wurde die Ankopplung an den US-Dollar durch die Ankopplung an einen Währungskorb abgelöst, wobei die genaue Zusammensetzung des Währungskorbes unbekannt ist. In den vergangenen Jahren wurde der RMB gegenüber den US-Dollar moderate aufgewertet.

Leistungsbilanzentwicklung



Die Leistungsbilanz wird in China von den Exporten und Importen einschließlich der Dienstleistungen dominiert. Einkommens- oder laufende Übertragungen spielen eine sekundäre Rolle. Der Leistungsbilanzsaldo ist von großer Bedeutung, denn ein Leistungsbilanzüberschuss verbessert die Vermögensposition eines Landes gegenüber dem Ausland, während ein Leistungsbilanzdefizit die Vermögensposition verschlechtert. China hatte in den 1980er Jahren und auch noch während der ersten Hälfte der 1990er Jahre eine insgesamt ausgeglichene Leistungsbilanz mit Überschüssen in einigen Jahren und Defiziten in anderen. Die wirtschaftspolitische Ausrichtung war deutlich auf die Verhinderung von anhaltenden Defiziten ausgerichtet. China wollte sich offensichtlich nicht in außenwirtschaftliche Abhängigkeiten bringen, insbesondere nicht in eine Situation hoher ausländischer Schulden.[5] Ab Mitte der 1990er Jahre kam das Land in eine Konstellation permanenter Leistungsbilanzüberschüsse, die ab dem Beginn dieses Jahrzehnts zu eskalieren begannen.

Beachtenswert ist, dass China nach der Asienkrise zu einem Wachstums-Pol und einer Drehscheibe für den internationalen Handel in Asien wurde. Das Land hat gegenüber anderen asiatischen Ländern ein sehr hohes Handelsbilanzdefizit in Höhe von acht Prozent des chinesischen BIPs, realisiert jedoch selbst hohe Überschüsse in der Leistungsbilanz von insgesamt neun Prozent seines BIPs vor allem gegenüber den USA.[6] China ist aufgrund seiner hohen Leistungsbilanzüberschüsse zu einem der Störfaktoren in der Weltwirtschaft geworden. Der RMB scheint deutlich unterbewertet.[7] Im Jahre 2006 realisierte China einen Leistungsbilanzüberschuss von 250 Mrd. US-Dollar, gefolgt von Japan mit 170 Mrd. US-Dollar, Deutschland 148 Mrd. US-Dollar, Saudi-Arabien mit 104 Mrd. US-Dollar und Russland 94 Mrd. US-Dollar. Bei den Leistungsbilanzdefiziten führen die USA mit einem Defizit von 812 Mrd. US-Dollar im Jahre 2006 die Weltliste an, gefolgt von Spanien mit 106 Mrd. US-Dollar und Großbritannien mit 88 Mrd. US-Dollar.[8] Insbesondere die Exportüberschussländer von industriellen Gütern wie China, Japan und Deutschland sind Störfaktoren der Weltwirtschaft, da sie ihr binnenwirtschaftliches Wachstum auf Kosten anderer Länder erhöhen und Arbeitslosigkeit exportieren.

Die Überschüsse Chinas riefen den Unmut vor allem der USA hervor, die ab Ende der 1990er Jahre ihren Druck mit dem Ziel erhöhten, die bilateralen Handelsungleichgewichte abzubauen. Als probates Mittel wurde eine deutliche Aufwertung der chinesischen Währung angesehen. Der Wechsel zu einem Währungskorb im Jahre 2005 und die folgende moderate Aufwertung des RMB sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Jedoch hat die Aufwertung des RMB nicht die erwartete Reduzierung der Leistungsbilanzüberschüsse gebracht. Dies dürfte daran liegen, dass die chinesischen Exporte mengenmäßig auf die Aufwertung nur gering reagierten. Zudem agiert China teilweise als verlängerte Werkbank, da es Güter importiert, im Inland bearbeitet und dann wieder exportiert. Seit Mitte der 1990er Jahre entspringen über 50 Prozent der chinesischen Exporte aus solchen verlängerten Werkbänken.[9] Aufwertungen tangieren die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Produktionen nur begrenzt.

Kapitalströme und Devisenmarktinterventionen



Die Zahlungsbilanz erfasst alle Leistungs- und Kapitalströme eines Landes zwischen dem In- und Ausland und ist aufgrund der Logik der doppelten Buchführung immer ausgeglichen. Sehen wir zunächst von Interventionen von Zentralbanken ab, dann muss ein Überschuss der Leistungsbilanz einem Defizit in der Kapitalbilanz entsprechen. Die Kapitalbilanz erfasst dabei Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen und andere Kapitalströme. Die Abbildung 1 zeigt (vgl. PDF-Version), dass im Falle Chinas die Leistungsbilanz und die Kapitalbilanz in vielen Jahren einen Überschuss aufweisen und den in den letzten Jahren explodierenden Leistungsbilanzüberschüssen keineswegs explodierende Kapitalabflüsse gegenüberstehen.

Diese Diskrepanz wird dadurch beseitigt, dass die Zentralbank durch den Kauf und Verkauf ausländischer Devisen die Zahlungsbilanz ausgleicht. Nehmen wir als Beispiel das Jahr 2004. In diesem Jahr belief sich der Leistungsbilanzüberschuss Chinas auf 69 Mrd. US-Dollar; gleichzeitig betrug der Zufluss an Kapital 111 Mrd. US-Dollar. Dies ist natürlich nur möglich, wenn jemand den ausländischen Importeuren und Investoren die entsprechende Summe von 180 Mrd. US-Dollar in RMB zur Verfügung stellt. In der Tat kaufte die PBoC im Jahre 2004 ausländische Devisen im Wert von 206 Mrd. US-Dollar. Die Differenz zwischen den 180 Mrd. US-Dollar und den 206 Mrd. US-Dollar entspricht dem Posten des statistischen Fehlers, der einen statistisch nicht erfassten Zufluss von 26 Mrd. US-Dollar nach China signalisiert. Da in der Regel Waren- und Dienstleistungsströme besser erfasst werden als Kapitalströme, kann dieser Posten als nicht erfasster Kapitalzufluss interpretiert werden. Dies ist plausibel, denn im Jahre 2004 war der Aufwertungsdruck der chinesischen Währung enorm und es wurde damit gerechnet, dass der RMB aufgewertet wird.

Nun sind wir in der Lage, die hohen chinesischen Leistungsbilanzüberschüsse zu verstehen. Sie liegen an den massiven Devisenmarktinterventionen der PBoC, die eine Aufwertung des RMB verhinderte. Hätte die PBoC keine Devisen gekauft und wären die Kapitalströme unverändert geblieben, dann hätte China im Jahre 2004 ein gigantisches Leistungsbilanzdefizit von über 200 Mrd. US-Dollar hinnehmen müssen. Denn die Kapitalzuflüsse hätten zu einer derartigen Aufwertung des RMB geführt, dass chinesische Güter ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren hätten. Es sind somit nicht die niedrigen Löhne, die den Exporterfolg Chinas darstellen; es ist der von der PBoC gesteuerte Wechselkurs, der die Überschüsse erzeugt. Um Löhne in RMB und, sagen wir, Euro vergleichbar zu machen, muss der Wechselkurs zwischen den beiden Währungen bekannt sein, und es ist der Wechselkurs, der die chinesischen Löhne niedrig hält. Ein weiterer Punkt ist erwähnenswert. Es sind die internationalen Kapitalströme, die den Leistungsbilanzsaldo eines Landes bestimmen und nicht das Lohnniveau, der technologische Stand eines Landes, der Ressourcenreichtum etc. Im Falle Chinas sind die hohen Leistungsbilanzüberschüsse das Resultat der "künstlichen" Kapitalexporte der PBoC.

Devisenkäufe einer Zentralbank sind mit der Schöpfung von Zentralbankgeld verbunden, denn eine Zentralbank kauft Devisen mit selbst geschaffenem Geld. Bei den massiven Devisenkäufen der PBoC wird dadurch Liquidität in die Ökonomie gepumpt, die eine vernünftige Geldpolitik untergräbt. Also muss das Geschaffene von der Zentralbank wieder abgeschöpft, d.h. es muss "sterilisiert" werden. Bei der Sterilisierung emittiert die Zentralbank Schuldpapiere, die in aller Regel von Geschäftsbanken gekauft werden und die beim Akt des Kaufes Zentralbankgeld vernichten. In China wurde Sterilisierungspolitik bisher in gigantischem Ausmaß erfolgreich betrieben, so dass Devisenmarktinterventionen in ihrem Volumen keine Grenze zu haben scheinen. Dies gilt insbesondere für Finanzsysteme wie in China, die noch relativ direkt von der Zentralbank beeinflusst und gesteuert werden können.

China hat derzeit die höchsten Devisenreserven der Welt aufgehäuft. Mitte 2007 betrugen sie 1 391 Mrd. US-Dollar (rund 30 Prozent der Devisenreserven der Welt), und sie wachsen schnell weiter an. Japan mit den zweitgrößten Devisenreserven der Welt hielt zum gleichen Zeitpunkt 932 Mrd. US-Dollar. Aber auch andere asiatische Länder halten hohe Reserven, beispielsweise Taiwan 261 Mrd. US-Dollar oder Süd-Korea 255 Mrd. US-Dollar.[10] Zentralbanken legen ihre Reserven wie Privatanleger an, wobei die Anlagen aufgrund ihrer Funktion traditionell eine hohe Liquidität haben. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg üblich, Reserven in ausländischen Bankeinlagen und vor allem in Staatspapieren und beides in US-Dollar zu halten. Die weltweite Explosion der Reserven sowie die Veränderungen im internationalen Währungssystem haben jedoch zu fundamentalen Änderungen geführt.

Der US-Dollar nimmt zwar immer noch eine führende Rolle in der Weltwirtschaft ein, jedoch hat er Konkurrenz von anderen Währungen bekommen. Die Weltwirtschaft ist in eine Konstellation intensiver Währungskonkurrenz mit instabilen Wechselkursen zwischen den führenden Währungen der Welt geraten.[11] Nicht nur Privatanleger sind damit zu einem schwierigen Währungsmanagement gezwungen, sondern auch Zentralbanken. Etwas weniger als zwei Drittel der offiziellen Währungsreserven werden in US-Dollar und ein Viertel in Euro gehalten.[12] Die Struktur der Devisenhaltung der PBoC ist nicht bekannt. Jedoch muss jede Änderung insbesondere den Euro-Dollar-Kurs beeinflussen. Die PBoC steht vor einem Dilemma. Eine deutliche Reduzierung des Dollaranteils entwertet den Restbestand der Dollarhaltung aufgrund der erzeugten Dollar-Abwertung. Ein weiter sinkender Dollarkurs führt jedoch ebenfalls zum Wertverlust der Dollarbestände der PBoC. Potentiell sind heftige Devisenumschichtungen auch von Zentralbanken wie der PBoC nicht auszuschließen. Dadurch kann das internationale Währungssystem weiter destabilisiert werden.

Zentralbanken sind zunehmend weniger mit den Zinseinkünften zufrieden, die sie aus dem Halten von ausländischen Staatspapieren erzielen können. Aus diesem Grunde werden von Ländern mit hohen Reserven (China, Russland, arabische Länder) alternative Anlageformen gesucht. In der Form von Staatsfonds, etwa die "Chinese Investment Corporation", kann das gesamte Anlagespektrum einschließlich des Kaufs von Aktien und Grundstücken ausgeschöpft werden. Die Angst in westlichen Ländern vor Staatsfonds ist groß, so dass es trotz des üblichen Bekenntnisses zum Prinzip des unregulierten internationalen Kapitalverkehrs zu Regulierungen auf diesem Gebiet kommen wird.[13]

Struktur der Kapitalströme



Direktinvestitionen dominieren die chinesischen Kapitalimporte. Sie waren in den 1980er Jahren unbedeutend, stiegen jedoch Anfang der 1990er Jahre stark an. Direktinvestitionen sind die einzige Art von internationalen Kapitalströmen, die sich in China seit Anfang der 1990er Jahre marktmäßig entwickeln konnten. Zwar gibt es Bereiche, die auch für ausländische Direktinvestitionen in China verschlossen sind, und bis Anfang dieses Jahrzehnts waren in China nur Joint Ventures ohne ausländische Mehrheitsbeteilung möglich, jedoch hat China eines der offensten Regime für Direktinvestitionen der Welt. Denn in den Industrieländern werden High-Tech-Sektoren mit dem Argument militärischer Sicherheit oder nationaler Unabhängigkeit von ausländischen Beteiligungen geschützt.[14] In letzter Zeit nahmen die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland kräftig zu. Sie stiegen von einem Niveau von in der Regel deutlich unter fünf Mrd. US-Dollar jährlich im Jahre 2005 erstmals auf einen zweistelligen Milliardenbetrag und dann auf Werte um 20 Mrd. US-Dollar. Portfolioinvestitionen von Privatpersonen sind von und nach China weitgehend verboten, jedoch von ausgewählten institutionellen Investoren in steigendem Umfang seit einigen Jahren erlaubt. Bei den Portfolioinvestitionen nahmen die Zu- und Abflüsse die letzten Jahre kräftig zu, das Nettovolumen verharrt auf moderatem Niveau. Die Aktivitäten der chinesischen Staatsfonds haben 2006 erstmals zu kräftigen Abflüssen geführt. Internationale Kredite und ausländische Bankeinlagen, die wichtigsten Posten bei den anderen Kapitalströmen, sind in China ebenfalls strikt reguliert. Nach der Asienkrise im Jahre 1997 stieg die ausländische Kreditaufnahme Chinas kurzfristig an, wurde dann jedoch wieder zurückgeführt. Die Auslandsschuld Chinas ist mit unter 300 Mrd. US-Dollar oder etwa 13 Prozent am BIP angesichts der hohen Devisenreserven gering. Insgesamt funktionierten die Kapitalverkehrskontrollen in China, obwohl illegale Kapitalströme nicht gänzlich zu unterbinden waren.[15]

Die Kapitalverkehrskontrollen haben in China ohne Zweifel die Struktur der Kapitalströme positiv beeinflusst. Ausländische Direktinvestitionen, die in der Tendenz langfristig orientiert sind und für ein Land positive Technologieeffekte etc. bewirken können, dominierten den Kapitalzufluss nach China. In der Regel kurzfristig orientierte und instabile Portfolioinvestitionen sowie ausländische Kreditaufnahmen, die auch für China nur in ausländischer Währung erfolgen können und damit ein Währungsrisiko der chinesischen Schuldner implizieren, konnten begrenzt werden.

Die Kontrolle des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs brachte für China einen weiteren Vorteil. Üblicherweise muss die Geldpolitik in Entwicklungsländern den Wechselkurs stabilisieren und der Zinssatzentwicklung auf dem Weltmarkt folgen. Denn selbst bei einem formell flexiblen Wechselkursregime müssen Zentralbanken in Entwicklungsländern starke Wechselkursschwankungen verhindern. Insbesondere massive Abwertungen können nicht hingenommen werden, da dies bei hoher Auslandsverschuldung in fremder Währung die Schuldenlast im Inland explodieren lässt, inflationäre Prozesse anstoßen kann oder den Lebensstandard der inländischen Bevölkerung senkt. Der Zwang der Wechselkursstabilisierung kann zu Geldpolitiken führen, die für das Inland zu restriktiv oder zu expansiv sind. China hat dieses Problem teilweise durch Kapitalverkehrsregulierungen gelöst, teilweise, wie ausgeführt, durch Devisenmarktinterventionen der Zentralbank. Bis heute konnte die Geldpolitik in China in erster Linie binnenwirtschaftlichen Erfordernissen folgen.

Reformen des chinesischen Wechselkursregimes



Die chinesische außenwirtschaftliche Entwicklungsstrategie war in verschiedener Hinsicht erfolgreich. Sie nutzte Exporte nicht nur als Motor zur Schaffung inländischer Nachfrage und Produktion, sie verhinderte auch, dass China aufgrund von Leistungsbilanzdefiziten und destabilisierenden ausländischen Portfolioinvestitionen und Kreditaufnahmen wie so viele andere Entwicklungsländer in eine außenwirtschaftliche Überschuldungsposition geriet. Die Abwesenheit von Währungskrisen und ausländischer Überschuldung ist für die Entwicklung eines Landes von herausragender Bedeutung. Dank der Regulierung des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs war China offensichtlich in der Lage, die Vorteile der Globalisierung zu ernten und die Nachteile zu vermeiden.

China ist jedoch aufgrund seiner hohen Überschüsse in der Leistungsbilanz zu einem Störfaktor der Weltwirtschaft geworden und entwickelt sich auf Kosten anderer Länder. Zwar erlauben in diesen Ländern die günstigen chinesischen Importe einen höheren Konsum, jedoch führt kein Weg daran vorbei, dass dieser Vorteil mit geringerem Wachstum und geringerer Beschäftigung bezahlt wird. Sollten sich die Überschüsse nicht reduzieren, dann ist nicht auszuschließen, dass hauptleidtragende Länder wie die USA administrative Maßnahmen zur Reduzierung chinesischer Importe einleiten werden. Zudem ist für eine so große Ökonomie wie China die weltwirtschaftliche Abhängigkeit aufgrund des hohen Anteils der Exporte am BIP gefährlich hoch. Eine stärker binnenwirtschaftlich orientierte Entwicklung, basierend auf einer höheren inländischen Konsumtion, wäre auch für China vorteilhaft. Ein Abbau der hohen Leistungsbilanzüberschüsse ist somit aus externen und internen Gründen für China empfehlenswert.

Es gibt kein Zweifel daran, dass der RMB unterbewertet ist und eine weitere Aufwertung angestrebt werden sollte. Allerdings sollte man von China keine radikale sprunghafte Aufwertung seiner Währung verlangen, denn dies würde die Gefahr beinhalten, dass China von seinem bisher erfolgreichen Entwicklungspfad abkommt. Eine weiterhin kontinuierliche und sich entsprechend der außenwirtschaftlichen Entwicklung beschleunigende Aufwertungen des RMB stellt somit den prinzipiell richtigen Weg dar. Das in den letzten Jahren überdurchschnittliche Wachstum und die ansteigende Inflationsrate in China unterstützt zudem den Prozess des Abbaus des Überschusses. Denkbar ist zudem eine Exportsteuer in China, die schnell eingeführt und den Entwicklungen flexibel angepasst werden kann.[16] Ob China jedoch aus eigenen Stücken die hohen Leistungsbilanzüberschüsse schnell reduzieren wird, darf bezweifelt werden.

China folgt einem Wechselkursregime des Managed Floating Plus, wobei das Plus durch massive Devisenmarktinterventionen der PBoC und Kapitalverkehrsregulierungen den Wechselkurs stabilisiert und Leistungsbilanzüberschüsse konserviert. Devisenmarktinterventionen stellen einen zentralen Baustein der Außenwirtschaftspolitik Chinas dar und sichern das exportorientierte Wachstumsmodell ab. Würde China seinen Wechselkurs den Marktkräften überlassen, dann würde dies das Wachstum in China deutlich abschwächen. Es ist genau diese Befürchtung, die China vor einer massiven Aufwertung seiner Währung zurückschrecken lässt. Denn hohes Wachstum wird zur Verhinderung der Eskalation der Arbeitslosigkeit und der ohnehin steigenden sozialen Spannungen aufgrund der zunehmenden Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung als notwendig erachtet. Die moderate Aufwertung des RMB ab 2005 stellt ein begrenztes politisches Zugeständnis dar. Es ist zu vermuten, dass China aufgrund seiner binnenwirtschaftlichen Situation schwerlich zu einer Wechselkurspolitik zu bewegen ist, welche die Leistungsbilanzüberschüsse schnell abschmelzen lässt.

Ein Währungssystem des Managed Floating Plus ist, wenn die Leistungsbilanzüberschüsse nicht zu groß werden, nicht nur für China funktional und entwicklungsfördernd. Es kann als Vorlage für andere Entwicklungsländer gelten. In der Tat folgen nach dem Schock der Asienkrise im Jahre 1997 eine Reihe von Entwicklungsländern einer solchen Strategie, zumindest, was Devisenmarktinterventionen und die Verhinderung von Leistungsbilanzdefiziten angeht.

Aus Entwicklungsperspektive wünschenswerte moderate Überschüsse der Gruppe der Entwicklungsländer sind nur möglich, wenn die Gruppe der Industrieländer Leistungsbilanzdefizite akzeptiert. Japan und Deutschland konnten sich bisher nicht mit einer solchen Politik anfreunden und frönen nach wie vor einer merkantilistischen Strategie zur Erzielung von Leistungsbilanzüberschüssen. Während der Wirtschaftswunderjahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war diese erfolgreich, brachte jedoch für beide Länder während des vergangenen Jahrzehnts nicht die erhofften Wachstum- und Beschäftigungseffekte.[17] Ein Abbau der Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands und Japans ist somit ebenso dringend notwendig wie ein Abbau in China.

Die Weltwirtschaft leidet an einer Unterregulierung. Die vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass flexible Wechselkurse und freier internationaler Kapitalverkehr nicht zum Ausgleich der Leistungsbilanzen führen, sondern zu Wechselkursturbulenzen und gigantischen Leistungsbilanzungleichgewichten. Hinzu kommen Länder wie China, die mit weitreichenden wirtschaftspolitischen Regulierungen Leistungsbilanzüberschüsse erzwingen. Was fehlt, ist eine weltweite Koordinierung sowohl der internationalen Kapitalströme, der Wechselkurse als auch der Leistungsbilanzsalden. In einer unkoordinierten Welt ist die Versuchung groß, dass sich einzelne Länder auf Kosten andere entwickeln wollen. China ist ein Beispiel dafür, Deutschland und Japan sind andere Beispiele. Es spricht wenig dafür, dass China in einem solchen Umfeld freiwillig auf exzessive Überschüsse verzichten wird.

Fußnoten

1.
Von 1978 bis 2005 stieg das reale BIP mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 9,6 Prozent, die Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum mit jährlich durchschnittlich 1,1 Prozent und das reale Pro-Kopf- BIP um jährlich durchschnittlich 8,5 Prozent. Vgl. Barry Naughton, The Chinese Economy. Transition and Growth, Cambridge, MA 2007, S. 140 und 226.
2.
Vgl. Martin Ravallion, Shaohua Chen, China's (Uneven) Progress Against Poverty. World Bank Policy Research Working Paper 3408, Washington, D. C. 2004.
3.
Vgl. Hansjörg Herr, Mit regulierter Marktwirtschaft auf Erfolgskurs, in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, 101 (2004) 3, Ludwig-Erhard-Stiftung, Bonn 2004, S. 57 - 62; Ders., Tastendes Suchen. Chinas erfolgreicher Reformprozess, in: Internationale Politik und Gesellschaft, (2002) 3, S. 26 - 49.
4.
Vgl. B. Naughton (Anm. 1), S. 378.
5.
Vgl. Gerd Kulke, Exportorientierte Entwicklungsstrategie in der VR China, in: Hansjörg Herr/Albrecht Sommer/He Zerong (Hrsg.), Nachholende Entwicklung in China. Geldpolitik und Restrukturierung, Berlin 2002, S. 153 - 164.
6.
Vgl. IMF, World Economic and Financial Surveys, Regional Economic Outlook, Asia and Pacific, Washington, D. C. 2007, S. 6.
7.
Vgl. zur Frage der Unterbewertung Barry Eichengreen, China's Exchange Rate Regime and Policy, University of California Berkeley 2006, http://www.econ.berkeley.edu/
~eichengr/research/short.pdf.
8.
Vgl. Central Intelligence Agency, The World Fact Book 2007, Washington, D. C. 2007.
9.
Vgl. B. Naughton (Anm. 1), S. 388.
10.
Vgl. IMF (Anm. 6), S. 7.
11.
Vgl. Hansjörg Herr/Kurt Hübner, Währungen und Unsicherheit in der globalen Ökonomie. Eine geldwirtschaftliche Theorie der Globalisierung, Berlin 2005.
12.
Vgl. IMF, Annual Report 2007, Washington, D. C. 2007.
13.
Vgl. Petersen Institute, Sovereign Wealth Funds: The Need for Greater Transparency and Accountability, Washington, D. C. 2007.
14.
Vgl. Eswar Prasad/Shang-Jin Wei, The Chinese Approach to Capital Inflows. IMF Research Department, Washington, D. C. 2005.
15.
Vgl. Hansjörg Herr, Capital Controls and Economic Development in China, in: Philip Arestis/De Paule (eds.), Financial Liberalisation and Economic Performance in Emerging Markets, Cheltenham 2008, S.142-172.
16.
Vgl. Lawrence Lau/Joseph E. Stiglitz, China's Alternative to Revaluation, in: The Financial Times vom 25. 4. 2005.
17.
Vgl. Micheal Heine/Hansjörg Herr/Cornelia Kaiser, Wirtschaftspolitische Regime westlicher Industrieländer, Baden-Baden 2006.

Hansjörg Herr

Zur Person

Hansjörg Herr

Dr. rer. pol., geb. 1951; Professor an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Badensche Str. 50 - 51, 10825 Berlin.
E-Mail: hansherr@fhw-berlin.de


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