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10.1.2008

Biodiversität - Karriere eines Begriffes

Die Vielfalt biologischer Systeme nimmt regional und weltweit ab, synchron zu und rückgekoppelt mit der Zerstörung von Ökosystemen, Nähr- und Schadstoffeinträgen in Böden und Gewässer, Vernichtung von Lebensräumen und Klimaveränderungen.

Einleitung



Biologische Vielfalt fasziniert Naturwissenschaftler nicht erst, seitdem sie gefährdet scheint. Carl von Linné, Charles Darwin oder Ernst Haeckel waren namhafte Wegbereiter der Erforschung globaler Artenfülle und der dieser zugrunde liegenden evolutiven Prozesse, lange bevor Natur- und Umweltschützer sich des Themas ihrer Beeinträchtigung und Bedrohung angenommen haben. Mitunter bedarf es der Entwicklung eines neuen, vielfach zunächst unscharfen, metaphorischen Begriffes, um Paradigmenwechsel in Forschung, Gesellschaft und Entwicklung einzuleiten oder um bereits geläufige Einzelphänomene in neuem Fokus zu bündeln. Seit geraumer Zeit bemühen sich Evolutionsbiologen, Systematiker, Ökologen und Naturschützer darum, die Fülle biologischer und standörtlicher Strukturen und Phänomene zu strukturieren, um die Ursachen für eintretende Veränderungen zu analysieren und verstehen zu lernen.




Organismische Vielfalt in weit gefasstem Sinne und ihre regionale wie weltweite, teilweise drastische Veränderung waren auch der Gegenstand eines Diskussionskreises um E. O. Wilson, dessen Ergebnisse unter dem Titel "BioDiversity" als Buch veröffentlicht wurden.[1]




Zunächst allein auf Vielfalt von Organismen bezogen, wurde die Bedeutung dieser neuen Wortschöpfung mittlerweile deutlich erweitert und unterschiedlich ausgedeutet. Zügig fand sie Eingang in natur- und umweltschutzpolitische Foren. Spätestens seit dem 'Umweltgipfel' von Rio de Janeiro im Jahre 1992 hat die Einschätzung einer wachsenden Beeinträchtigung der Biodiversität in nahezu allen Lebensräumen der Erde die Abfassung vielfältiger umweltpolitischer Absichtserklärungen und verbindlicher Vereinbarungen ausgelöst, die es nunmehr in praktisches Handeln umzusetzen gilt.

Die beschwerliche Analyse



Eine Inventarisierung von "Biologischer Vielfalt" ist bislang allenfalls rudimentär gelungen. Nicht einmal ihre Größenordnung lässt sich derzeit verlässlich ermitteln. Eine umfassende globale Datenbank fehlt, und Fachleute nehmen an, dass es bei einer jährlichen Neubeschreibung von weltweit über 10 000 Arten, Mikroorganismen dabei nicht einmal einbezogen, wohl noch annähernd 500 Jahre dauern mag, ehe eine globale Inventur - vorübergehend - abgeschlossen ist. Ohnehin ist die Evolution und damit eine genetische Weiterentwicklung von Organismen ja niemals ein abgeschlossener Prozess.[2] Gleichzeitig verändern lokal bis weltweit die Populationen von Arten ihr Verbreitungsgebiet. Selbst die Listen der IUCN[3] mit derzeit etwa 1,6 Millionen erfassten Arten sind letztlich eine unzulängliche Datenbasis für die Ermittlung der Dynamik und Gefährdung von Populationen bedrohter Arten. Die in Printmedien, politischen Zirkeln und von Naturschutzverbänden gehandelten Prozentangaben für das 'Artensterben' in der Absicht, Warnungen, Botschaften und Ziele eindrücklich zu transportieren, fallen vor diesem Hintergrund vielfach in die Kategorie 'Science Fiction'.

'Rote Listen' gefährdeter Arten, Lebensgemeinschaften und Lebensräume als Instrumente der Naturschutzplanung sind Legion. Dennoch hat eine gewachsene Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Politik hinsichtlich der potenziellen Risiken einer regionalen bis weltweiten Reduktion der Organismenvielfalt in Ökosystemen zumindest eine positive Reaktion ausgelöst: Die Frage nach den wesentlichen Ursachen, den möglichen Risiken und Folgen sowie den Möglichkeiten einer Schadensbegrenzung. Unter Wissenschaftlern besteht die einhellige Auffassung, dass unsere Kenntnisse über die Verbreitung und Gefährdung zahlreicher Organismengruppen äußerst lückenhaft sind - vor allem in abgelegenen und zugleich artenreichen Gebieten. Dennoch wäre eine fortschreitende fahrlässige Vernichtung von Lebensräumen und Organismen weder ethisch verantwortlich noch ökonomisch sinnvoll, zumal wir den zukünftigen Wert der betroffenen Organismen nicht exakt einschätzen können.

Kritisch ist in diesem Zusammenhang der akute Mangel an geschulten Experten. Daraus erwächst die berechtigte Befürchtung, ganze Organismengruppen könnten bereits ausgestorben sein, bevor sie entdeckt und in ihrem potenziellen Wert erkannt worden wären. Ist dies nur ein Problem der Wissenschaftler? Die Taxonomie-Initiative[4] gelangt jedenfalls zu der Einsicht, dass nicht nur in Deutschland solche Forscher derzeit Mangelware sind, die geeignete Organismengruppen als Indikatoren für Diversitätsverluste und dadurch ausgelöste Umweltveränderungen sicher ansprechen können, um dieses Wissen zugleich weiterzugeben. Nur nehmen Stiftungsprofessuren für die nationale und internationale Aufgabe der 'klassischen und modernen Taxonomie' auf den 'Roten Listen' gefährdeter Spezies selbst einen Spitzenplatz ein. Überdies: Ein angewachsenes Wissen um die Fülle von Vielfalt und Gefährdung von Arten allein ohne verlässliche Strategien für geeignete Schutzmöglichkeiten wird noch keine Population retten.

Ursachen des Artenrückgangs



Die diskutierten auslösenden Faktoren für den lokalen bis weltweiten Rückgang der Artenvielfalt sind Legion, und sie unterscheiden sich je nach Eingriff, Region und Zeitpunkt. Sie sind keineswegs auf die letzten Jahrzehnte beschränkt, wie historische Analysen von Veränderung der Großwildfauna seit der Nacheiszeit lehren oder die Vernichtung großer Vogelarten wie des Dodo in historischer Zeit auf abgelegenen Inselsystemen belegen. Insgesamt steigt offenkundig das Ausmaß des regionalen und weltweiten Artenrückgangs an. Knapp formuliert lassen sie sich den einander überlappenden Kategorien Übernutzung natürlicher Ressourcen, steigender Energiebedarf sowie wachsende Intensität der Flächennutzung als Folgen einer rasch anwachsenden menschlichen Bevölkerung zuordnen. Nichts ist harmlos, was Menschen 10(9)- bis 10(10)-fach auf diesem Planeten anstellen: mit einer um ein Hundertfaches höheren Biomasse als jede andere große Landtierart seit Bestehen der Erde.[5]

Das wohl differenzierteste Wissen über Veränderungen der biologischen und ökologischen Vielfalt liegt vor über Regionen wie Mitteleuropa oder Nordamerika, Gebiete mit einer langen Besiedlungs- und Nutzungsgeschichte, einer hoch entwickelten Forschungstradition und vielfach auch einer vergleichsweise hohen Bevölkerungsdichte. Allerdings decken genau diese Gebiete sich eher selten mit den angenommenen Zentren der weltweit höchsten Artenvielfalt. Letztere bleiben vielmehr ganz überwiegend auf subtropisch-tropische Regionen mit deutlichem Höhenstufengefälle und geringen Bevölkerungsdichten konzentriert.[6] Aus der Analyse historischer Daten lässt sich ableiten, dass sich teilweise über Jahrhunderte hinweg als Folge einer keineswegs immer moderaten Landnutzung aus einer ursprünglich ziemlich gleichförmigen Waldlandschaft eine deutlich struktur- und artenreichere Kulturlandschaft entwickeln konnte. Deren Artendichte dürfte bis zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts zumindest in Europa in vielen Regionen merklich angestiegen sein. Einige Pflanzengruppenarten wie Brombeeren, Rosen und Habichtskräuter haben sich erst in Kulturlandschaften entwickelt oder doch verstärkt ausgebreitet. Sämtliche Kultursorten bei Getreide, Obst, Gemüse und Haustieren verdanken ihre strukturelle Vielgestaltigkeit dem direkten, teilweise Jahrhunderte währenden menschlichen Einfluss. Sie sind daher zugleich Ausdruck seines regional spezifischen, kulturellen Wirkens. Aktuell sind diese Kultursorten und Züchtungen inzwischen entweder potenzielle oder bereits reale Opfer des weltweiten Schwundes von Kulturgütern ("McDonaldisierung"). Bei Wildpflanzen und -tieren haben mittlerweile eine wachsende Urbanisierung und die fortschreitende Intensivierung der Landnutzung zum Teil erhebliche Veränderungen der Artenzusammensetzung und den Rückgang empfindlicher Artengruppen zur Folge.[7] Dieser betrifft in Europa überwiegend überregional weit verbreitete Arten, ist aber dennoch Ausdruck einer deutlich abfallenden, lokalen und regionalen Artenvielfalt. Weit seltener sind davon die regional endemischen und weltweit nur an wenigen Fundstellen vorkommenden Tiere und Pflanzen betroffen.

Ganz anders ist die Entwicklung auf isolierten Inselsystemen verlaufen. Diese haben sich, räumlich isoliert von den Kontinenten, über lange Zeiträume hinweg zu Refugien mit eigenem Artenbestand entwickeln können. Anwachsende Handelsbeziehungen einer zunehmenden Globalisierung haben diese isolierten Räume mit spezialisiertem, aber oft konkurrenzschwachem Artenbestand in kurzen Zeitspannen für konkurrenzkräftige Generalisten erschlossen - wahre Katastrophen für die bodenständigen, autochthonen Arten, die dadurch häufig in sehr kurzen Zeitspannen verdrängt und vernichtet worden sind.

Die Intensität der Landnutzung hat sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte verstärkt und beschleunigt, vor allem als Folge gewachsener handwerklicher Fertigkeiten und technischer Möglichkeiten, wie sich dies etwa am Beispiel der Waldnutzung belegen lässt. Obgleich die ausgedehntesten Waldrodungen in Europa bereits im frühen Mittelalter erfolgt sind, blieb die jährliche Entwaldungsrate über einen Zeitraum von nahezu 1 500 Jahren hinweg auf 0,1 bis 0,3 Prozent beschränkt. Dabei sollten die Schäden in den erhalten gebliebenen Wäldern beispielsweise infolge Waldweide und Streunutzung nicht unterschätzt werden. Zwischen 1750 und 1900 fiel der Laubwald der gemäßigten Klimazone Nordamerikas bis auf wenige Reste der Ausdehnung agrarischer Nutzflächen zum Opfer. Die tropischen Regenwälder schließlich schrumpften innerhalb von nur mehr 50 Jahren, von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Jahrtausendwende, von zwölf Millionen Quadratkilometern auf etwa die Hälfte.[8] Zweifellos dürften zahlreiche dieser einstigen Primärwälder im weltweiten Vergleich weit stärker artenreiche bis extrem artenreiche Rückzugsgebiete eher kleinräumig verbreiteter und stark spezialisierter, konkurrenzschwacher Organismen gewesen sein als die Wälder der gemäßigten und nördlichen Taiga mit großräumig ähnlichem Artenbestand. Der Verlust der Artenfülle dieser über Jahrtausende hinweg kaum beeinträchtigten Tropenwälder ist somit irreversibel.

Die Erfolgsgeschichte moderner agrarischer Landnutzung in den hoch entwickelten Regionen wie Mitteleuropa ist mit einer enormen Ertragssteigerung insbesondere in den vergangenen 25 Jahren verknüpft. Im Ackerbau ist diese Entwicklung verbunden mit Meliorationen (Bodenverbesserungen), einer effektiveren Nutzung leistungsfähigerer Landmaschinen, der Vergrößerung der bewirtschafteten Schläge, einer Erhöhung der Düngergaben und verstärkter mechanischer wie chemischer Bekämpfung der konkurrierenden Unkräuter, schädigenden Pilze und Insekten mit Bioziden. In der Tierhaltung wurde die Fleisch- und Milchproduktion insbesondere durch die Verwendung eiweißreicher Nahrung beträchtlich gesteigert. Hierbei hängt der Einsatz von Dünge- und Futtermitteln in erheblichem Maße von Importen ab. So führt Deutschland unter anderem jährlich etwa sieben Millionen Tonnen Sojaschrot ein, überwiegend aus Südamerika. Nur ein geringer Anteil davon dürfte zu Tofu für Vegetarier verarbeitet werden, das meiste zu Schweinefutter.[9] Allein für die 3,1 Millionen Tonnen Sojaschrot, die jährlich aus Brasilien nach Deutschland exportiert wurden, sind im Erzeugerland mehr als 1,2 Millionen Hektar Anbaufläche erforderlich.

Solche Entwicklungen haben ihren Preis. Während ein mit intensiver Handarbeit verknüpfter Ackerbau und eine regional stark differenzierte Grünlandnutzung in vielen Regionen Europas bis zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zu einer deutlichen Steigerung der Artendichte in vielgestaltigen und für die verschiedenen Naturräume authentischen Kulturlebensräumen geführt hat, ist diese Entwicklung derzeit eindeutig gegenläufig: Flurbereinigungen, Melioration durch Drainagen und Grabenentwässerungen, Wind- und Wassererosion, Düngereinsatz und Stallhaltung wirken durchweg nivellierend und beeinträchtigen die strukturelle Vielfalt der Landschaften ebenso wie die Artenvielfalt zahlreicher Lebensräume. Auch eine Biologische Landwirtschaft trägt aufgrund ihres im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft größeren Flächenbedarfs zu einer Reduktion unbewirtschafteter oder der "Naturschutznutzung" vorbehaltener Flächen bei, ohne bei insgesamt ebenfalls angestiegener Bewirtschaftungsintensität nennenswert zur Erhaltung und Entwicklung der Artenvielfalt in der Fläche beizutragen.

Vollkommen andersartig verläuft demgegenüber die Entwicklung in den ariden (trockenen) und semiariden Regionen der Erde oder in Monsungebieten. Die weltweiten, wesentlich mit vom Menschen ausgelösten klimatischen Veränderungen verursachen beträchtliche Schäden, vor allem infolge von Dürren, Unwetterschäden und erosionsbedingten Einbußen der Produktivität an Ackerstandorten, und die damit verknüpften Umweltbeeinträchtigungen werden weltweit mit etwa 400 Milliarden US-Doller beziffert.[10]

Die Konvention zur Biologischen Vielfalt



'Nachhaltige' Lösungen für derartige weltweite Probleme lassen sich nur in internationaler Zusammenarbeit finden. Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) wurde am 5. Juni 1992 bei der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro zur Signatur ausgelegt und trat 90 Tage später in Kraft. Neben der Europäischen Kommission haben auch alle EU-Mitgliedsstaaten die Konvention rechtlich umgesetzt. Sie ist das erste völkerrechtlich verbindliche internationale Abkommen, das den Schutz der Biodiversität global umfassend behandelt, und sie zielt auf die Erhaltung der biologischen Vielfalt gleichermaßen von Ökosystemen, deren Arten beziehungsweise auf die ihren Populationen eigene genetische Variabilität. Gleichrangig soll die Konvention eine nachhaltige Nutzung von Teilen der biologischen Vielfalt sowie eine ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen ergebenden Vorteile sichern.

Diese Biodiversitätskonvention ist in einen breiteren Kontext eingebettet: Dieser umfasst die Dynamik der weltweiten menschlichen Bevölkerungsentwicklung und, unmittelbar damit zusammenhängend, die künftige Energieversorgung, den Ressourcenverbrauch sowie die Flächennutzung. Ohne eine nachhaltige Bevölkerungspolitik lassen sich die übrigen Probleme der Menschheit nicht lösen.[11]

Ein entscheidender Schritt für die praktische Umsetzung der Konvention ist der so genannte "Ökosystemare Ansatz" (Ecosystem Approach (ESA)). Er wurde im Mai 2000 auf der 5. Vertragskonferenz in Nairobi verabschiedet. Als Handlungsanweisung umfasst er zwölf Prinzipien und fünf operationale Leitlinien, die von einer Arbeitsgruppe in Malawi präzisiert wurden. Dieses Konzept löst sich von einem lupenreinen Biodiversitätsschutz und fokussiert auf zusammenhängende Ökosysteme sowie deren Nachhaltige Nutzung` und Entwicklung, unter anderem auch großer, zusammenhängender Schutzgebiete.

Das Programm ist gleichermaßen anspruchsvoll wie aufgrund seiner notwendigerweise allgemein gefassten Aussagen interpretationsbedürftig. Wesentliche Elemente sind:

  • Die Entwicklung konsensfähiger, gesellschaftlich getragener Entscheidungen über das Management der unbelebten Ressourcen sowie der Organismen in den betroffenen Gebieten sollen gefördert werden.
  • Die Wahrung der strukturellen und funktionalen Authentizität der betroffenen Räume und der ihnen eigenen zeitlichen und räumlichen Wechselbeziehungen und Zusammenhänge sollen gewährleistet werden.
  • Ein funktional nachhaltiges, angepasstes Management der Ökosysteme unter Berücksichtigung der Entwicklung vorwiegend geschützter zu vorrangig genutzten angrenzen- den Gebieten sowie zeitliche und räumliche Skalen sollen in ihrer Dynamik erkannt, verstanden und ihre inhärente Dynamik und die daraus folgenden Veränderungen akzeptiert werden.
  • Bewahrender Schutz und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt sollen ausgewogen behandelt werden.
  • Eine umsichtige Integration ökonomischer Zusammenhänge ist zu gewährleisten.
  • Ein integratives Monitoring soll ökosystemare Prozesse und Veränderungen verfolgen.
  • Die transdisziplinäre Forschung soll mit breiter Perspektive sowie in enger Zusammenarbeit mit der ortsansässigen Bevölkerung und Entscheidungsträgern möglich sein.
  • Außerdem wird eine kooperative, möglichst dezentrale Entscheidungsfindung unter Einbeziehung von Wissenschaftlern, Planern, Entscheidungsträgern und Betroffenen angestrebt.
  • Wichtige Informationen, lokales Wissen und bodenständige Arbeitsweisen der ortsansässigen Bevölkerung sollen angemessen berücksichtigt werden.

    Die operationalen Leitlinien betreffen die praktischen Umsetzungsschritte bei der Ausweisung von Schutzflächen und den notwendigen Absprachen mit wesentlich betroffenen Landeigentümern, eine Beschreibung der Struktur und Funktion der betroffenen Gebiete, die Identifikation der wichtigsten ökonomischen Randbedingungen, externer Störgrößen sowie das Definieren langfristiger Ziele und Maßnahmen zu deren flexibler Umsetzung.

    Keineswegs alle Kernbotschaften der CBD sind in der Öffentlichkeit unmittelbar verständlich.[12] Dies mag zum einen daran liegen, dass die wenigen Wissenden bislang vorwiegend dem (eigenen) Chor gepredigt haben - und damit die Unbekehrten kaum erreichen konnten:[13] So intensiv das vielschichtige Problem des Biodiversitätsverlustes bereits seit langem im wissenschaftlichen Diskurs behandelt und unter Naturschützern diskutiert wird, so gering ist bislang das Bemühen, die Botschaft einer breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen. Einen Hinweis darauf, welch geringe Rolle die CBD im öffentlichen Bewusstsein spielt, liefert das Ergebnis einer telefonischen Umfrage, die 2002 (und damit immerhin zehn Jahre nach Inkrafttreten des Übereinkommens) unter 1 500 US-Amerikanern durchgeführt wurde:[14] Mehr als zwei Drittel aller Befragten gaben an, niemals etwas von dem Verlust an Biodiversität - oder von Biodiversität als solcher - gehört zu haben, und nur ein Drittel assoziierte Artenrückgang mit diesem Begriff. Nun bedeutet das Unvermögen, eine Vokabel zu definieren, nicht notwendigerweise einen Mangel an Interesse an dem (oder die Sorge um das), wofür sie steht; gleichwohl scheint die Befürchtung berechtigt, dass kollektive Unwissenheit letztlich kollektive Gleichgültigkeit zur Folge haben wird.[15] Mit anderen Worten: Um die Wertschätzung der biologischen Vielfalt als notwendige Voraussetzung für eine breite öffentliche Unterstützung der CBD zu stärken, gilt es zunächst, ihre Bedeutung und ihre Wichtigkeit angemessen zu vermitteln. Von jemandem, der nicht weiß, was Biodiversität bedeutet, kann kaum erwartet werden, dass er sich für ihre Erhaltung einsetzen wird.

    Ein zweiter Faktor, dem in diesem Zusammenhang eine nicht unwesentliche Bedeutung zukommt, ist die zunehmende, vor allem in den industrialisierten Ländern und urbanen Regionen zu beobachtende Entfremdung des Menschen von der Natur. Die meisten US-Bürger können Hunderte von Firmenlogos identifizieren - aber weniger als zehn einheimische Pflanzenarten.[16] Vor allem bei Kindern und Jugendlichen nehmen die Folgen einer schwindenden Naturerfahrung bisweilen bizarre Formen an. Das Fehlen selbst einfachster Konnexe wie zwischen Kuh und Milch oder Kleidung und Baumwollpflanzen - signalisiert ein wachsendes Unverständnis über den Bedeutungshintergrund des Begriffes 'Biodiversität'. Die hierin zum Ausdruck kommende Abnahme des Natur-Bezuges verstärkt sich sprunghaft mit jeder neuen Generation, eine Entwicklung, die Biologen und Psychologen gleichermaßen beobachtet und als Generationsamnesie ([environmental] generational amnesia),[17] Grundlinienverschiebung (shifting baseline syndrom)[18] oder einfach als das Aussterben der Erfahrung (extinct of experience)[19] beschrieben haben. Diese unterschiedlichen Begriffe meinen im Kern dasselbe: In jeder Generation bildet die als Kind erfahrene Umwelt den Maßstab, an Hand dessen die Veränderungen fortan gemessen werden.

    Bei stetiger Abnahme der biologischen Vielfalt wächst jede neue Generation in einer weniger "biodiversen" Umwelt heran, deren vergleichsweise "armen" Zustand sie mangels Erfahrung eines "reicheren" für "normal" hält - die "Basislinie" hat sich verschoben. Es liegt auf der Hand, dass dieser Effekt nicht nur den Rückgang der Artenvielfalt betrifft, sondern darüber hinaus auch alle anderen Veränderungen, die mit dem Biodiversitätsverlust verknüpft sind, wie etwa die Abnahme der Zahl von Lebensraumtypen, den zunehmenden Verlust struktureller landschaftlicher Vielfalt oder die Zunahme allgegenwärtiger Umweltverschmutzung.

    Der Ökologische Fußabdruck und Nachhaltige Nutzung



    Wie lassen sich die Güter und Dienstleistungen von Ökosystemen, die 'Biokapazität', für künftige Generationen, bewahren beziehungsweise nachhaltig nutzen? Hier sind gleichermaßen vor allem landwirtschaftliche, forstliche und fischereiwirtschaftliche Ressourcen in all ihren Facetten angesprochen. Der 'Ökologische Fußabdruck' beschreibt den auf jeden Menschen entfallenden, durchschnittlichen Anteil an fruchtbarem Land und Küstengewässern zur Befriedigung seiner grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Wohnen, Energie, Handel und Abfallentsorgung. Er beträgt etwa einen Hektar in den Entwicklungsländern und 9,6 Hektar in den Vereinigten Staaten.[20]

    Nach aktuellem und sicher unvollständigem Wissensstand wächst derzeit der weltweite Druck sowohl auf nicht erneuerbare als auch auf nachwachsende Ressourcen, vor allem die Nachfrage bei Energie, Nahrungsmitteln, Baumaterial und Trinkwasser. Das Verhältnis zwischen dem Bedarf der Menschen und der Biokapazität der Erde verschiebt sich auf diese Weise dramatisch. Seit 1960 ist die Nettonutzung von etwa der Hälfte der Biokapazität auf aktuell das 1,2-fache angestiegen. Mit anderen Worten: Die weltweite Ressourcennutzung übersteigt die biologisch mögliche Ressourcenerneuerung deutlich und mit wachsender Tendenz. Ein derartiges 'Überziehen des Ökokontos' verringert so das zukünftig verfügbare Potenzial an erneuerbaren Ressourcen. Derzeit erfolgt eine solche globale Übernutzung zu etwa zwei Dritteln in den Vereinigten Staaten, den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sowie in China, Indien und Japan - zu Lasten der übrigen Regionen weltweit.[21] Betroffen sind vor allem die Ärmsten der Welt, deren Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Trinkwasser kontinuierlich sinkt. Seit 1996 ist die Anzahl der unterernährten Menschen von 840 auf 854 Millionen angestiegen.[22]

    Die Kosten der Erhaltung der Biologischen Vielfalt



    Makroökonomische Schätzungen der von der Natur der menschlichen Bevölkerung gratis zur Verfügung gestellten ökologischen Dienstleistungen haben etwas Abstruses, obgleich ein solches Gedankenexperiment beflügeln mag. R. Costanza und ein aus Naturwissenschaftlern und Ökonomen zusammengesetztes internationales Expertenteam kamen 1997 bei der umfassenden Auswertung zahlreicher statistischer Erhebungen auf eine jährliche Summe von 18 Billionen US-Dollar.[23] Eine solche Betrachtung geht freilich weniger auf die biologische Vielfalt in engem Sinne ein als vielmehr auf die Funktionsweise von Ökosystemen zur Bereitstellung für das Leben der Menschen essenzieller Dienstleistungen und Güter. Sind in diesem Zusammenhang artenreichere Systeme wertvoller, effektiver oder weniger störungsanfällig als artenärmere?

    Wie bei vielen schlichten Fragen zur Funktion von Ökosystemen müssen seriöse Wissenschaftler eine einfache und eindeutige Antwort schuldig bleiben, weil Modelle keine Prognosen sein können, weil die betroffenen ökologischen und ökonomischen Systeme extrem komplex sind sowie räumliche wie zeitliche Schwankungen bei den Populationen der Organismen variieren. Die in der Vergangenheit häufig verwendete Metapher, dass mit wachsendem Artenreichtum die 'Stabilität' von Ökosystemen anstiege, lässt sich somit nicht verallgemeinern. Zutreffend ist dagegen, das einzelne Schlüsselarten ('keystone species') sehr wohl unter definierten Bedingungen wesentlich die Funktionalität von Ökosystemen bestimmen können, was sich allerdings nur experimentell und mit einigem Aufwand prüfen lässt. Bei wechselnden Umweltbedingungen können solche Arten wesentlich zur Stabilität von Ökosystemen beitragen. Da wir bei fluktuierenden Randbedingungen die stabilisierenden Wirkungen nicht prognostizieren können, ist die Erhaltung von 'Vielfalt`, so der logische Schluss, gleichsam eine 'Versicherung' bei nicht prognostizierbaren Veränderungen ('Versicherungs-Metapher'). Bewahrung von Diversität auf globaler Ebene ist somit eine Versicherung gegenüber nicht prognostizierbaren, unspezifischen ökologischen Risiken.

    Ausblick



    Drei wesentliche umweltbezogene Aufgaben gewinnen weltweit wachsende Bedeutung:

  • das bessere Verständnis und eine sorgsame Einflussnahme auf den globalen Kohlenstoffkreislauf, um weltweite, von menschlichen Aktivitäten ausgelöste Klimaveränderungen zu dämpfen,
  • der Schutz von Oberflächengewässern und Böden vor zu hohen Belastungen durch Nähr- und Schadstoffe sowie
  • die Erhaltung der Biodiversität in ihren verschiedenen Facetten.

    Alle drei Aufgaben hängen unmittelbar zusammen. Der ökosystemare Ansatz der Biodiversitätskonvention bietet für eine Bewältigung diese Herausforderungen ein trag- und ausbaufähiges Konzept.

    Mit dem Millenium Ecosystem Assessment[24] liegt die bislang umfangreichste Studie zur weltweiten Entwicklung der wichtigsten Ökosysteme vor. In dieser Bestandsaufnahme werden der aktuelle Zustand, der gesellschaftliche Nutzen und der Zustand der Biodiversität detailliert erläutert - eine verständliche Grundlage für die anstehenden notwendigen und umfassenden politischen Entscheidungen weltweit. Die prognostizierten Veränderungen und deren Intensität für unterschiedliche Lebensräume und Regionen, des Klimas, der Übernutzung und Verschmutzung von Ökosystemen werden regional und global synoptisch detailliert präsentiert. Deutlich wird, dass Ressourcen und Risiken weltweit unausgeglichen verteilt sind. Ausreichende Orientierungsmöglichkeiten sind also gegeben, um die gesellschaftlich notwendigen Entscheidungen zu treffen. Die Bevölkerungsentwicklung, die Technologie und der Lebensstil werden sich in unterschiedlichen Erdteilen verschiedenartig auf die Biodiversität auswirken: Der Übernutzung fossiler und nachwachsender Ressourcen in der klimatisch begünstigten Gemäßigten Zone der Nordhemisphäre stehen beträchtliche Beeinträchtigungen der Landnutzung und Trinkwasserversorgung in tropischen und subtropischen Gebieten bei zugleich stark anwachsender Bevölkerung gegenüber. Global dürfte der Artenrückgang in den tropisch-subtropischen Regionen am stärksten ausfallen. Ein fairer Interessensausgleich weltweit kann nicht darin bestehen, in den ökonomisch 'armen' Ländern Ökosysteme zu schützen und in den 'reichen' lebensnotwendige Ressourcen zu vergeuden. Ökologisch wie ökonomisch nachhaltige Ressourcennutzung und fairer Interessensausgleich im weltweiten Verbund bestimmen die wesentlichen Handlungsfelder:

  • Maßnahmen gegen weltweite Nähr- und Schadstoffbelastungen vor allem im Landbau und in Gewässern,
  • Begrenzung der weiteren Vernichtung vom Menschen bislang wenig beeinträchtiger Lebensräume sowie
  • Schutz der Biodiversität im Sinne des 'Ökosystemaren' Ansatzes.

    Deutschland kommt wie den übrigen Ländern der Nordhemisphäre in wachsendem Maße die Aufgabe zu, die ärmeren Länder der Erde langfristig dabei zu unterstützen, einer anhaltenden Beeinträchtigung von Ökosystemen entgegenzuwirken.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. E. O. Wilson (ed.), BioDiversity, Washington, D. C. 1988.
    2.
    Vgl. R. M. May, The dimensions of life on earth, in: Nature and Human Society, (1999), S. 30-45,
    3.
    Vgl. International Union for Conservation of Nature and Natural Resources, http://www.redlist.org.
    4.
    Vgl. www.taxonomie-initiative.de.
    5.
    Vgl. H. Markl, Kultur der Nachhaltigkeit, in: Verband deutscher Biologen und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften (vdbiol), 1(2007), S. 2 - 11.
    6.
    Vgl. H. Bartlott/W. Küper, Biodiversität - eine Herausforderung für Wissenschaft und Politik, in: R. Dolzer et al. (Hrsg.), Biowissenschaften und ihre völkerrechtlichen Herausforderungen., Freiburg 2007, S. 37 - 68.
    7.
    Vgl. J. H. Reichholf, Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends, Frankfurt/M. 2007.
    8.
    Vgl. ebd.
    9.
    Vgl. Forum AG biodiv vom 14. 2. 2007.
    10.
    Vgl. A. J. Jones/ R. Lal/D. R. Huggins, Soil erosion and productivity research: A regional approach, in: American Journal of Alternative Agriculture, (1997) 12, S. 185 - 192.
    11.
    Vgl. H. Markl (Anm. 5).
    12.
    Vgl. A. Huckauf, Biodiversity Conservation and the Extinction of Experience. Term Paper Master`s Programme Environmental Management. 10 Seiten, Ökologiezentrum (ÖZK), Kiel 2006.
    13.
    Vgl. J. R. Miller, Biodiversity conservation and the extinction of experience, in: Trends in Ecology & Evolution, 20 (2005) 8, S. 430-434.
    14.
    Vgl. Belden Russonello & Stewart, Americans and biodiversity: New Perspectives in 2002: http://www.biodiverse.org/02toplines.PDF (28. 11. 2007).
    15.
    Vgl. R. M. Pyle, Eden in a vacant lot: special places, species, and kids in the neighbourhood of life, in: Children and Nature: Psychological, Sociocultural, and Evolutionary Investigations, P. H. Kahn/S. R. Kellert (eds.), Cambridge, Mass. 2002, S. 305-327.
    16.
    Vgl. P. Hawken, The Ecology of Commerce: A Declaration of Sustainability, New York, NY 1993.
    17.
    P. H. Kahn Jr./B. Friedman , Environmental Views and Values of Children in an Inner-City Black Community, in: Child Development, 66 (1995), S. 1403-1417.
    18.
    D. Pauly, Anecdotes and the shifting baseline syndrome of fisheries, in: Trends in Ecology & Evolution, 10 (1995)10, S. 430.
    19.
    R. M. Pyle, Nature matrix: reconnecting people and nature, in: Oryx, 37 (2003) 2, S. 206-214.
    20.
    Vgl. W. E. Rees/M. Wackernagel, Ecological footprints and appropriated carrying capacity: Measuring the natural capital requirements of the human economy, in: A. M. Jansson et al. (eds.), Investing in Natural Capital: The Ecological Economics Approach to Sustainability, Washington, D.C. 1994.
    21.
    Vgl. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.), Die Lage der Biologischen Vielfalt 2. Globaler Ausblick. Naturschutz und Biologische Vielfalt 44, Bonn 2007, S. 95; J. Loh/M. Wackernagel (eds.), Living Planet Report, Gland/Schweiz 2004.
    22.
    Vgl. FAO, Assessment of the world food security situation, in: CSF, (2007) 2.
    23.
    Vgl. R. Costanza et al., The value of the world`s ecosystem services and natural capital, in: Nature, 387 (1997), S. 253 - 260.
    24.
    Vgl. Millennium Ecosystem Assessment, Synthesis Report (MASR),Washington, DC. 2005; W. Beck et al., Die Relevanz des Millennium Ecosystem Assessment für Deutschland., Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), UFZ-Bericht 2/2006.

    Klaus Dierßen, Aiko Huckauf

    Zur Person

    Klaus Dierßen

    Dr. rer. nat., geb. 1948; Professor an der Universität Kiel, Ökologiezentrum, Olshausenstr. 40, D-24098 Kiel.
    E-Mail: kdierssen@ecology.uni-kiel.de


    Zur Person

    Aiko Huckauf

    Dr. rer. nat., geb. 1970; Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel, Ökologiezentrum.
    E-Mail: ahuckauf@ecology.uni-kiel.de


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