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31.7.2009

Wahres Glück im Waren-Glück?

Konsumgüter erweisen sich zunehmend als ein Belohungssystem, das nicht zuletzt der Kompensation psychosozialer Mangelzustände dient. Doch nur wer kompetent konsumiert, hat die Chance einer bedürfnisgerechten Befriedigung.

Einleitung

Wenn moderne Gesellschaften als Konsumgesellschaften beschrieben werden, dann impliziert dies eine Reihe von Bestimmungsmerkmalen: Nicht jeder Gebrauch und Verbrauch von Gütern ist Konsum. Zum Konsum gehört, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht mehr um ihr Überleben kämpfen muss. Stattdessen geht es jetzt um die Gestaltung des Lebens mit Hilfe von Gütern, für die keine Notwendigkeit, dafür aber die Freiheit der Wahl besteht. Vorsichtiger formuliert: Die Notwendigkeit physischer Existenzsicherung wird von der Notwendigkeit sozial-distinktiver Existenzsicherung abgelöst. Damit verbunden ist die Massenproduktion von Gütern für einen anonymen Markt kaufkräftiger Kundinnen und Kunden, was heißt: Konsumgesellschaften sind immer auch Gesellschaften des Warentausches, der Monetarisierung und des (relativen) Wohlstandes.






In einer entwickelten Konsumgesellschaft werden nicht nur Güter als Waren produziert, sondern gleichzeitig wird auch der Versuch unternommen, die Bedürfnisse zu produzieren, die eine steigende Nachfrage nach den betreffenden Waren sichern. Psychostrukturell setzt dies Konsumenten voraus, die keine dauerhaften Bindungen an Güter entwickeln, sondern stets bereit sind, sogar gebrauchsfähige alte Güter durch neue zu ersetzen. In dieser Hinsicht ist die Konsumgesellschaft immer auch eine Wegwerfgesellschaft, deren Müllberge mindestens so schnell wachsen wie ihre Warenlager.

Spätestens dieses Bestimmungsmerkmal fordert zu einer wertenden Stellungnahme des Begriffes der Konsumgesellschaft heraus. Deshalb führt die Konsumkritik,[1] die den Siegeszug der Konsumgesellschaft bis heute begleitet, Bestimmungsmerkmale an, die diesen Typ moderner Gesellschaften und seine Befürworterinnen und Befürworter zu ächten suchen. So gilt ihr die Konsumgesellschaft als eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich nicht dafür interessieren, unter welchen Bedingungen die Waren, die sie kaufen, produziert worden sind: Statt der globalen Ausbeutung nicht erneuerbarer Rohstoffe und billiger Arbeitskräfte entgegenzutreten, stehlen sich die Konsumenten aus ihrer Mitverantwortung. Faktisch in einen globalen Schuldzusammenhang verstrickt, ignorieren sie alles, was ihre narzisstische Lebensführung in Frage stellen könnte.

Für Konsumgesellschaften ist der Glaube konstitutiv, dass das subjektive Wohlbefinden der Bürger maßgeblich davon abhängt, wie gut sie mit Konsumgütern ausgestattet sind. Die Konsumkritik stellt diesen Glauben unter Ideologieverdacht: Er diene dazu, dass sich die Bürger von der politischen Öffentlichkeit fern halten; dass sie sich mehr für eine Demokratisierung des Konsums als für eine demokratische Kontrolle der Herrschenden einsetzen und damit letztlich blind für die politische Partei votieren, die ihnen eine Glück verheißende Güterausstattung verspricht.

Sehnsucht nach Glück

Wer aus einer psychoanalytischen Perspektive auf das Glück blickt, sieht sich mit einer tiefen Skepsis des Ur-Vaters der Psychoanalyse Sigmund Freud konfrontiert: "Dass der Mensch glücklich' sei, ist im Plan der Schöpfung' nicht enthalten."[2] Denn es gibt vieles, was sein Glück vereitelt und sich seiner Kontrolle entzieht, nicht zuletzt seine Hinfälligkeit und Sterblichkeit. Der Tod beendet alles Streben und Sehnen nach Lust. Aber nicht nur der Tod setzt dem Lustprinzip die Grenzen. Keine Kultur kommt ohne Triebverzicht aus, auch wenn mehr oder weniger Verzicht möglich ist. Freud selbst tritt in Folge seiner Erfahrungen mit der Triebfeindlichkeit seiner eigenen Kultur am Ende des 19. Jahrhunderts zwar für eine Lockerung der Repression ein, an eine triebfreundliche Kultur vermag er aber nicht zu glauben.

Ungeschmälerte Lust gibt es nur im Naturzustand des Menschen, der aber erweist sich als eine retrospektive Phantasie, da erst die Kultur den Menschen zum Menschen macht. Der Mensch weiß, dass er nie ungeschmälerte Lust erlangen wird, so wie er weiß, dass er sterben muss. Und das kränkt ihn, da das Lustprinzip, das ihn als einziger "Lebenszweck"[3] antreibt, kein anderes Ziel als das der Maximierung von Lust verfolgt. So gesehen, ist Glück ein Moment ungeschmälerter Lust, das aber in der Realität unerreichbar bleibt. Deshalb gehört alles, wovon sich der Mensch Glück verspricht, in das Reich wunscherfüllenden Denkens.

Da der Mensch diese Situation schwer erträgt, ersinnt er beständig neue "Linderungsmittel",[4] die ihm seinen existenziellen Mangel an ungeschmälerter Triebbefriedigung erträglich(er) machen. "Solche Mittel", schreibt Freud, "gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgendetwas in dieser Art ist unerlässlich."[5] Mit dieser Aufzählung wird ein Rahmen aufgespannt, in dem alle Güter dreidimensional beurteilt werden können: Inwieweit dienen sie der Zerstreuung, der Narkotisierung und der Ersatzbildung?

Ersatz wofür? Solange das Lustprinzip regiert, gibt es keinen Ersatz für das erstrebte und ersehnte Ziel einer ungeschmälerten Triebbefriedigung. Ersetzt werden kann lediglich das Gut, das mehr oder weniger bewusst die Hoffnung nährt, mit ihm lasse sich ungeschmälerte Triebbefriedigung erreichen. Und der vom Lustprinzip regierte Mensch glaubt gern, dass jedes neue Gut endlich das Glück bringt, das alle vorhergehenden nicht gebracht haben. Denn Menschen sind und bleiben anfällig für Glücksversprechen und damit auch all denen hörig, die ihnen Glück versprechen. Verführbarkeit ist ein konstitutives Merkmal der Menschheit, die auch durch die Anerkennung des Realitätsprinzips, das Einsicht in die Kultur stiftende Notwendigkeit eines Verzichts auf ungeschmälerte Triebbefriedigung verlangt, nicht dauerhaft verhindert werden kann.

Glück und Zufriedenheit

Die empirische Forschung differenziert in der Regel nicht oder nur unzureichend zwischen Glück und Zufriedenheit. Beides ist aber nicht dasselbe, weshalb wir jemandem, dem wir alles Gute wünschen, eigentlich wünschen, er möge "glücklich und zufrieden" sein. Während Glück - ganz so, wie es Freud denkt - ein emotionales Spitzenerlebnis meint, klingt Zufriedenheit sehr viel abgeklärter und bescheidener. Wer zufrieden ist, hat seinen Frieden gefunden, verlangt nicht mehr Befriedigung, als er erhält. Demnach ist Zufriedenheit mehr als Unglücklichsein, aber weniger als Glücklichsein. Glück und Zufriedenheit in einem Atemzug zu nennen, verweist darauf, dass beide zusammen das Optimum ergeben. Auf der einen Seite steht das Streben nach Glück: danach, mehr als die derzeit möglichen Befriedigungen vom Leben zu erwarten; auf der anderen Seite das gegenläufige Streben, sich mit den erreichten Befriedigungen zufrieden zu geben, ohne in Enttäuschung zu versinken. Das Streben nach Glück treibt an, das nach Zufriedenheit mäßigt: Wer seine Ansprüche, glücklich zu werden, sehr hoch setzt, dem fällt es schwer, sich mit dem zufrieden zu geben, was er erreicht. Wer sie zu gering ansetzt, der gibt sich zu schnell zufrieden, ohne das, was ihm zu erreichen möglich wäre, auch nur anzustreben. Wer bei seinem Glücksstreben die Zufriedenheit aus den Augen verliert, der riskiert, mit nichts zufrieden und deshalb ständig getrieben zu sein, wodurch letztlich das Glück dahin geht, dem er nachjagt. Wer bei seinem Zufriedenheitsstreben das Glück aus den Augen verliert, der erniedrigt sein Glücksstreben zur bloßen Unglücksvermeidung - und riskiert mit dieser defensiven Haltung, arm an Lebenslust und Lebensfreude zu bleiben. Obgleich also die Unterscheidung zwischen Glück und Zufriedenheit psychologisch triftig ist, soll sie im vorliegenden Zusammenhang nicht weiter verfolgt werden. Stattdessen wird, wie in vielen Untersuchungen üblich, von subjektivem Wohlbefinden die Rede sein.

Wohlstand und subjektives Wohlbefinden

Viele Bürgerinnen und Bürger einer Konsumgesellschaft glauben, ihr subjektives Wohlbefinden wäre größer, wenn sie über mehr Geld und damit auch mehr Möglichkeiten verfügten, sich Konsumgüter zu kaufen. Forschungsbefunde belegen jedoch, dass dies nur mit Einschränkungen gilt.[6] Wächst in einem Land das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, dann nimmt auch das durchschnittliche subjektive Wohlbefinden zu, allerdings nicht linear. Vielmehr lässt sich ein abnehmender Grenznutzen feststellen: Je höher das Ausgangseinkommen ist, desto geringer fällt der Zuwachs an subjektivem Wohlbefinden aus. Damit gilt zwar immer noch, dass die Bürger reicher Länder ein höheres subjektives Wohlbefinden aufweisen als jene armer Länder und dass sich in jedem Land, ob arm oder reich, die Reichen subjektiv wohler befinden als die Armen; für den Glauben, subjektives Wohlbefinden sei in erster Linie ein Effekt des finanziellen und davon abhängigen materiellen Wohlstandes, fehlt es aber an Belegen. Neben dem Pro-Kopf-Einkommen ist mit anderen Faktoren zu rechnen, die das subjektive Wohlbefinden positiv beeinflussen.

Zu den Faktoren, für die es empirische Bestätigungen gibt, gehören: sichere Arbeitsplätze, physische und psychische Gesundheit, Zugehörigkeit vermittelnde soziale Beziehungen, eine sinnstiftende (religiöse) Weltanschauung, eine unzerstörte Umwelt und - nicht zuletzt - eine freiheitliche gesellschaftliche Ordnung. So ist festzustellen,[7] dass die Liberalität eines Landes in den Facetten politische (Bürgerrechte, Meinungsfreiheit), ökonomische (freier Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Arbeitskraft) und persönliche Freiheit (Religionsfreiheit, Reisefreiheit, freie Partnerwahl) hoch mit dem subjektiven Wohlbefinden seiner Bürgerinnen und Bürger korreliert. Während in ärmeren Ländern die ökonomische Freiheit den vergleichsweise größeren Einfluss hat, ist es in reicheren Ländern die politische Freiheit.

Je mehr solcher Faktoren in eine Analyse einbezogen werden, desto mehr relativiert sich - vor allem in reiche(ren) Ländern - der Einfluss, den der (finanzielle, materielle) Wohlstand auf das subjektive Wohlbefinden hat. Damit stellt sich dann auch die Frage, ob das Entwicklungsniveau eines Landes wirklich am besten durch sein wirtschaftliches Wachstum zu kennzeichnen ist. So wird etwa dafür plädiert, einen differenzierten "Happiness-Index" einzuführen, der das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maßstab der politischen Gestaltung einer wohlgeordneten Gesellschaft ablösen soll.[8] Dieser Vorschlag sollte schon deshalb ernsthaft geprüft werden, weil es Hinweise darauf gibt, dass Menschen, die sich subjektiv wohl befinden, die "besseren" Bürger sind: informierter, sozial engagierter und politisch gemäßigter.[9]

Kompetent Konsumieren

Keine noch so starke Ausdifferenzierung der Einflussfaktoren aber kann das subjektive Wohlbefinden der Bürger allein auf ihre objektiven Lebensbedingungen zurückführen. Vielmehr kommt es immer auch auf die psychische Verarbeitung dieser Bedingungen an. Vier Fälle lassen sich unterscheiden: Sind die objektiven Lebensbedingungen und das subjektive Wohlbefinden beide (1) gut oder beide (2) schlecht, dann ist das in sich stimmig oder konsistent. Es können aber auch Inkonsistenzen vorkommen: Dann sind (3) die objektiven Lebensbedingungen gut, aber das subjektive Wohlbefinden schlecht, oder aber (4) das subjektive Wohlbefinden gut, obwohl die objektiven Lebensbedingungen schlecht sind.

Die Fälle (3) und (4) verweisen darauf, dass das Erleben und Handeln von Menschen nicht allein durch äußere Faktoren determiniert ist, vielmehr erleben und handeln sie nach ihren Wahrnehmungen, und diese sind selektiv, wobei bewusste, aber auch vor- und unbewusste lebensgeschichtliche Erfahrungen, die sich als bestimmte Persönlichkeitsstrukturen niedergeschlagen haben, die Selektionsparameter sein können. Das erklärt, warum Menschen mit gleichen objektiven Lebensbedingungen ein sehr unterschiedliches Ausmaß subjektiven Wohlbefindens aufweisen können.[10]

Wie groß dieses Ausmaß ist, hängt von einer Kompetenz ab, die man "Lebenskunst"[11] nennen kann. Zu dieser Kunst gehört es, sich durch schlechte objektive Lebensbedingungen nicht die Lebenslust und -freude nehmen zu lassen, und sich gute objektive Lebensbedingungen angemessen subjektiv anzueignen. Um ihr eigenes subjektives Wohlbefinden nachhaltig zu optimieren, tun die Bürger gut daran, sich bestimmter Fallen bewusst zu werden, die es bei der Nutzung von Konsumgütern zu beachten gilt.[12] Freilich müssen Bedürfnisse nicht zwangsläufig durch den Erwerb und den Gebrauch von Konsumgütern befriedigt werden. Dass es in einer Konsumgesellschaft eine Präferenz für diese Art der Bedürfnisbefriedigung gibt, hängt mit dem Glauben zusammen, es seien die Güter, die aus sich selbst heraus befriedigten. Der Befriedigungswert eines Konsumgutes hängt jedoch davon ab, wie Konsumenten es gebrauchen, und ist somit das Resultat eines Aneignungsprozesses. Je besser Konsumenten ihre eigene Bedürfnisstruktur und die Gebrauchsbedingungen eines bedürfnisspezifischen Konsumguts kennen, desto mehr Befriedigung können sie gewinnen.

Traumarbeit im Warenparadies

Wenn die Konsumgesellschaft dazu tendiert, subjektives Wohlbefinden bevorzugt über Konsumgüter herstellen zu wollen, dann wird Enttäuschungsprophylaxe und -bewältigung zu einer Schlüsselqualifikation von Konsumenten, weil Konsumgüter oft nicht halten, was sie versprechen. Insofern trifft die Konsumkritik den Punkt, wenn sie die notwendige Ent-Täuschung als Resultat eines täuschenden "Gebrauchswertversprechens"[13] begreift: Der Gebrauchswert wird enttäuscht, sei es durch Aufklärung oder einfach deshalb, weil die alltägliche Erfahrung des Gebrauchs das Versprechen widerlegt. Dabei wird allerdings unterstellt, Konsumenten erwarteten, dass das Versprochene wahr und das Versprechen bindend sei. Solche Konsumenten mag es geben. Freilich waren sie schon früher nicht auf der Höhe der Zeit und sind es heute weniger denn jemals zuvor.

Ein Begriff wie "Gebrauchswertversprechen" unterstellt, Konsumenten gebrauchten das erworbene Gut tatsächlich im Sinne des ihm von der Werbung zugeschriebenen Zweckes. Wofür wirbt beispielsweise ein Anti-Aging-Produkt, das verspricht, sein Gebrauch hebe die Zeit auf? Sollen die Konsumentinnen und Konsumenten wirklich glauben, mit Hilfe dieses Produktes könnten sie ihr Altern hinauszögern oder gar verhindern? So dumm werden die meisten nicht sein, unter Umständen aber dennoch Gefallen an dem Versprechen finden!

Je mehr sich die Konsumgesellschaft von einer Güterproduktion entfernt, die der physischen Selbsterhaltung dient, desto psychologisch aufgeladener wird der Nutzen sein, den sich Konsumenten von den Konsumgütern versprechen, die sie erwerben. Zugespitzt formuliert, bemisst sich der Gebrauchswert eines Gutes für Konsumenten immer häufiger danach, welchen Imaginations- und Inszenierungswert es für sie hat[14] und inwieweit es sich für sie als Stimmungsmacher[15] eignet.

Um bei dem gewählten Beispiel zu bleiben: Das Anti-Aging-Podukt wird nicht daran gemessen, ob es das Altern tatsächlich hinauszögern oder gar verhindern kann, sondern daran, ob es Konsumenten hilft, einen emotional stimulierenden Tagtraum über eine Welt anzuregen und in Gang zu halten, in dem die Zeit aufgehoben ist. Mit dem Erwerb und dem Gebrauch eines solchen Produktes treten die Konsumenten als Figur in diese Tagtraumwelt ein, ohne zwangsläufig realitätsflüchtig werden zu müssen. "Schön wäre es, wenn ..., aber es ist nicht so und muss auch nicht so sein."

Die Konsumgesellschaft produziert von Anfang an Tagträume. Schon die Metropolen des späten 19. Jahrhunderts waren Tagtraumfabriken, in denen der Einkauf hinter dem Einkaufsbummel zurücktreten konnte und die erworbenen Konsumgüter als Erinnerungssymbole einer entfesselten Sinnlichkeit dienten. Was sich seit jener Zeit in erster Linie verändert hat, ist die Anstrengung, das durch Konsumgüter gestützte Tagträumen zu verwissenschaftlichen, das heißt: die psychologische Funktion von Konsumgütern durch einen Zugriff auf die geheimen, womöglich sogar unbewussten Wünsche der Konsumentinnen und Konsumenten zu steigern.[16] So entsteht eine "Erlebnisökonomie",[17] die zwar mit dem finanziellen Wohlstand einer Gesellschaft verbunden ist, aber vermutlich auch Zeiten eines ökonomischen Abschwungs übersteht, in denen es an Kaufkraft fehlt.

In letzter Konsequenz wird Konsum zum Therapeutikum. So findet sich in einer Ausgabe der "Oncology Times"[18] ein bemerkenswerter Erfahrungsbericht. Eine geheilte Krebspatientin berichtet über ihre alltäglichen Strategien des Umgangs mit den psychischen Belastungen der Erkrankung und deren Behandlung. Der Bericht trägt den Titel "Retail Therapy", was am ehesten mit "Einkaufstherapie" übersetzt werden kann. Angesichts ihrer psychischen Belastungen schlägt der Ehemann der Krebspatientin vor, sie solle einen bestimmten Geldbetrag dafür reservieren, ihn auszugeben, ohne daran zu denken, ob sie die Konsumgüter brauche oder nicht. Anfangs empfindet sie dies als Verschwendung, dann aber findet sie Gefallen daran, weshalb sie von ihren Einkäufen als einer "Konversion" spricht. Demgemäß ist ihr Erlebnisbericht nahezu euphorisch: Einkaufen sei ein Therapeutikum "ohne Nebeneffekte", das ihr geholfen habe, sich auch in Zeiten der Chemotherapie und deren Nebenwirkungen zu entspannen: "Nach 15 oder mehr Minuten glückseligen Einkaufens habe ich mich entspannter und zufriedener gefühlt." Während die Chemotherapie die Lebenslust und Lebensfreude reduziert, erlebt die Patientin ihre Einkaufstherapie als eine "Übung in Fülle", die ihren "Selbstwert stärkt und ihre psychischen Übel lindert".

Konsum als Lebensversicherung

Die zitierte Krebspatientin betont in ihrem Erfahrungsbericht nachdrücklich, dass sie keine zwanghafte oder süchtige Käuferin sei. Vielleicht betreiben aber auch pathologische Käuferinnen und Käufer[19] eine "Einkaufstherapie", mit der sie gegen eine Bedrohung ihrer psychischen Integrität kämpfen. Dafür spricht einiges, nicht zuletzt der Befund, dass sie im Vergleich mit einer Gruppe gemäßigter Käufer signifikant materialistischer eingestellt sind.[20] Ein weiterer Befund belegt, dass junge Erwachsene, die in nicht-intakten Familien aufwachsen, etwa in Scheidungsfamilien, sehr viel materialistischer eingestellt sind als junge Erwachsene aus intakten Familien. Dabei fällt der Unterschied um so größer aus, je gravierender die innerfamiliären Konflikte sind.[21] So gesehen, lässt sich behaupten, dass die Konsumgesellschaft mit den Konsumchancen, die sie bietet, ein Belohnungssystem zur Verfügung stellt, das mit dem Versprechen lockt, subjektives Missbefinden zu mildern oder zu beseitigen. Das Beispiel der pathologischen Käufer verweist allerdings eher auf eine "Abwärtsspirale": Statt mangelndes subjektives Wohlbefinden zu kompensieren, enttäuschen die Konsumgüter, so dass das subjektive Wohlbefinden weiter sinkt.

Zu guter Letzt schließt sich der Kreis, und Sigmund Freud bekommt Recht. Denn ausgeklügelte Experimente zeigen, dass Bürgerinnen und Bürger mit einer starken materialistischen Einstellung, die mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert werden, verstärkt materialistisch handeln:[22] Statt die eigene Lebensführung zu überdenken, gieren sie nach mehr Geld und Besitz. Damit stellen sie unter Beweis, dass Konsum zu den "Technik(en) der Leidabwehr"[23] gehört, mit denen die Mitglieder der Konsumgesellschaft versuchen können, ihre Todesangst zu besänftigen: "Ich konsumiere, deshalb weiß ich, dass ich (noch) bin (...)."[24]

Fußnoten

1.
Vgl. Detlef Briesen, Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral, Frankfurt/M. - New York 2001.
2.
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: ders., Gesammelte Werke Bd. XIV, London 1948, S. 434.
3.
Ebd.
4.
Ebd., S. 432.
5.
Ebd.
6.
Vgl. Luigino Bruni/Pier Luigi Porta (eds.), Handbook of the Economics of Happiness, Cheltenham 2007.
7.
Vgl. Ruut Veenhoven, Freedom and happiness: a comparative study in forty-four nations in the early 1990s, in: Ed Diener/Eunook M. Suh (eds.), Culture and Subjective Well-Being, Cambridge 2000, S. 257 - 288.
8.
Vgl. Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft, Frankfurt/M. - New York 2005.
9.
Vgl. Barbara L. Fredrickson, The broaden-and-build theory of positive emotions, in: Philosophical Transactions, Biological Sciences, 359 (2004), S. 1367 - 1377.
10.
Vgl. Bruce Headey/Alex Wearing, Understanding Happiness: a theory of subjective well-being, Melbourne 1992
11.
Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst, Frankfurt/M. 1999.
12.
Vgl. Gregory Berns, Satisfaction - Warum nur Neues uns glücklich macht, Frankfurt/M. - New York 2006; Matthias Binswanger, Die Tretmühlen des Glücks - Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher. Was können wir tun?, Freiburg 2006.
13.
Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik, Frankfurt/M. 1971.
14.
Vgl. Morris B. Holbrook/Elizabeth C. Hirschman, The experimental aspects of consumption: consumer fantasies, feelings, and fun, in: Journal of Consumer Research, 9 (1982), S. 132 - 140.
15.
Vgl. Rolf Haubl, Consumo ergo sum. Geld und Konsum als Stimmungsmacher, in: Stephan Uhlig/Monika Thiele (Hrsg.), Rausch - Sucht - Lust, Gießen 2002.
16.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Hans-Georg Häusel in dieser Ausgabe.
17.
B. Joseph Pine/James H. Gilmore, The Experience Economy, Harvard 1999.
18.
Wendy S. Harpham, Retail therapy, in: Oncology Times, (2008) June 25, S. 50.
19.
Vgl. Rolf Haubl, Geld, Geschlecht und Konsum, Gießen 1998, S. 110 - 147; ders., Geldpathologie und Überschuldung. Am Beispiel Kaufsucht, in: Psyche, 50 (1996) S. 916 - 953; Astrid Müller/Hans Reinecker/Corinna Jacobi/Lucia Reisch/Martina de Zwaan, Pathologisches Kaufen - eine Literaturübersicht, in: Psychiatrische Praxis, 32 (2005), S. 3 - 12.
20.
Vgl. Thomas C. O'Guinn/Ronald J. Faber, Compulsive buying: A phenomenological exploration, in: Journal of Consumer Research, 16 (1989), S. 147 - 157.
21.
Vgl. Aric Rindfleisch/James E. Burroughs/Frank Denton, Family structures, materialism, and compulsive consumption, in: Journal of Consumer Research, 23 (1997), S. 312 - 325.
22.
Vgl. Tim Kasser, T./Kennon M. Sheldon, Of wealth and death: materialism, mortality salience, and consumption behaviour, in: Psychological Science, 11 (2000) 4, S. 348 - 351.
23.
S. Freud (Anm. 2), S. 437.
24.
Collin Campbell, "I shop therefore I know that I am": the metaphysical basis of modern consumerism, in: Karin M. Ekström/Helene Brembeck (Hrsg.), Elusive Consumption, Oxford 2004.

Rolf Haubl

Zur Person

Rolf Haubl

Dr. phil. Dr. rer. pol., geb. 1951; Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts.
E-Mail: haubl@soz.uni-frankfurt.de


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