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31.7.2009

Wiederverkaufskultur im Internet: Chancen für nachhaltigen Konsum

Online-Handels- und Auktionsplattformen wie eBay eröffnen Chancen für einen nachhaltigen Konsum. Durch die Vermarktung gebrauchter Güter können die Lebens- und Nutzungsphase von Produkten verlängert und Umweltbelastungen vermieden werden.

Einleitung

Elektronische Auktionsmärkte und Handelsplattformen eröffnen neue Spielräume: vor allem mit Blick auf einen nachhaltigen Konsum. Chancen zur Erschließung bisher nicht genutzter Umweltentlastungspotenziale bestehen bei der Weiterentwicklung internetgestützter Gebrauchtwarenmärkte. Dieses Potenzial beruht im Wesentlichen auf der Möglichkeit, durch Vermarktung gebrauchter Güter die Lebens- und Nutzungsphase von Produkten zu verlängern und so zusätzliche Umweltbelastungen durch Neuanschaffungen zu vermeiden.





Bisher scheiterte die Ausschöpfung der Wiederverwendungsmöglichkeiten im Bereich privater Haushalte oftmals an zu hohen Transaktionskosten, so dass der Handel mit gebrauchten Produkten auf regionale Märkte beschränkt blieb. Aufgrund dieser Hemmnisse wurde oftmals weder lokal noch regional eine kritische Größe für Gebrauchtgütermärkte erreicht, die sowohl für Anbieter als auch Nachfrager attraktiv sein konnte. Durch die rasant gestiegene Nutzung des Internets und durch große Handelsplattformen wie eBay haben sich die Rahmenbedingungen in den zurückliegenden Jahren allerdings grundlegend gewandelt.




Die Nachhaltigkeitspotenziale, die mit dem elektronischen Handel und dem Rollenwandel vom Konsumenten zum Prosumenten verbunden sind, werden in einem aktuellen, transdisziplinär angelegten Forschungsprojekt untersucht.[1] In dem Projekt werden in Kooperation mit und am Beispiel von eBay erstmalig umfassend die Auswirkungen des Online-Handels mit Gebrauchtgütern analysiert und Ansatzpunkte aufgezeigt, wie Nachhaltigkeitspotenziale erschlossen werden können. Mit dem Begriff "Prosuming" ist dabei, in Anlehnung an Alvin W. Toffler (1980), die Kopplung von Produktion und Konsumption gemeint.




Um die Nachhaltigkeitseffekte von onlinegestütztem Gebrauchtwarenhandel bestimmen zu können, sind folgende Faktoren von Bedeutung: das Wissen um das Vorhandensein ungenutzter Güter im Haushalt; die Kenntnis der Bedingungen dafür, dass private Haushalte, verstärkt internetgestützten Gebrauchtwarenhandel betreiben; das Wissen über die ökologischen Effekte onlinegestützten Gebrauchtwarenhandels; die Identifikation von Aspekten des Prosuming durch onlinegestützten Gebrauchtwarenhandel; und schließlich die Kenntnis der Bedingungen individueller Nachhaltigkeit im Kontext onlinegestützten Gebrauchwarenhandels.






Online-Plattformen: Chance für einen nachhaltigen Konsum

In den vergangenen Jahren wurde weitgehend unabhängig von Fragen eines nachhaltigen Konsums eine Vielzahl neuer Geschäfts- und Erlösmodelle für internetgestützte Dienstleistungen und Vertriebsformen entwickelt. Zunehmend wird deutlich, dass diese als Medium und Markttransaktionsform zukünftig von zentraler Bedeutung für einen nachhaltigen Konsum sind. Chancenpotenziale zur Erschließung nicht genutzter Potenziale zur Entlastung der Umwelt erstrecken sich auf eine Verlängerung der Nutzungsdauer und die Ausschöpfung von Effizienzpotenzialen.

Neuere explorative Studien[2] und erste Fallanalysen[3] über elektronische Märkte lassen positive Effekte auf die Ressourcenproduktivität erkennen. Die Entlastungseffekte basieren im Wesentlichen auf der Vermarktung gebrauchter Güter, wodurch sich die Lebens- und Nutzungsphase von Produkten verlängert und so zusätzliche Umweltbelastungen durch Neuanschaffungen vermieden werden. Zwar werden auch Umweltbelastungen (etwa durch Logistik und Transporte) induziert. Erste Fallanalysen stützen aber auch die These, dass insgesamt (vergleichbar dem Car-Sharing) positive Nettoeffekte vermutet werden können - auch wenn sich im Einzelfall positive oder negative Effekte ergeben.

"Quantensprung" im Gebrauchtwarenhandel

Online-Handels- und Auktionsplattformen führen zu einem "Quantensprung" im Gebrauchtwarenhandel. Durch das Internet werden nicht nur lokale oder regionale Reichweiten erzielt, sondern es werden erheblich mehr Nutzerkreise erreicht, als dies bisher über Second-Hand-Märkte der Fall war. Der große Zuspruch erklärt sich aber nicht nur aus geringen Transaktionskosten. Für die zunehmende Bedeutung von Gebrauchtgütermärkten sind auch sekundäre Funktionen wie Spaß am Kaufen und Verkaufen sowie Community-Effekte ausschlaggebend. Denkbar ist dann eine ganz neue Art des Umgangs mit privaten Gütern. Daniel Nissanoff[4] beobachtet, dass die Auktionskultur (via Internet) die Vorstellungen von Besitz verändert. "Inzwischen habe ich durch die Mentalität dessen, was ich Auktionskultur nenne, einen neuen Standard an Komfort erreicht. Ich nutze ihn, um die Menge an altem Kram zu reduzieren und zugleich meiner Leidenschaft für neue technische Spielereien zu frönen ..."[5]. Das Kaufen etwa der Wohnungseinrichtung kann unter der Prämisse erfolgen, dass diese in einigen Jahren relativ leicht ausgetauscht werden kann. Eine "nachhaltige Auktionskultur", die bestimmten Lebensstilgruppen die Möglichkeit bietet, ihren Drang nach Neuerung und Modernität mit Ressourcenschonung zu verbinden, scheint machbar. Dies führt auch zu der Frage, inwieweit Dinge vorsorglich schonender behandelt werden, um sie eventuell später verkaufen zu können, oder, ob gezielt wertvollere bzw. beständigere Produkte neu gekauft werden, um sie später bei eBay versteigern zu können. Hier zeigt sich eine Stärke des eBay-Konzepts (gegenüber früheren primär ökologisch motivierten Versuchen zur Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung): die gleichzeitige Ansprache unterschiedlichster Motive. Dies unterstützt die These von Nico Paech, dass eBay Motivallianzen ermöglicht, durch "die sich ein gewisser Grad an ökologischer Aufklärung mit anderen Interessen auf neuartige Weise verbinden lässt. Das Ersteigern eines gebrauchten Artikels wird eben nicht als Beschränkung von Freiheiten oder Zumutung, sondern als bereichernde Erfahrung empfunden."[6]

Unausgeschöpfte Potenziale bestehen im Handel mit Gebrauchtprodukten: In deutschen Haushalten werden einer im Auftrag von eBay durchgeführten Erhebung zufolge Gebrauchtgüter mit einem durchschnittlichen Wert von 1013 Euro aufbewahrt. Hochgerechnet sind das über 40 Milliarden Euro. Spitzenreiter sind hier Medien (Bücher, CDs, DVDs etc.), Sammlerartikel sowie an dritter Stelle Unterhaltungselektronik und Produkte aus dem Bereich Hobby und Sport. Über die Hälfte der Probanden geben in einer Befragung an, diese Gegenstände zu Hause zu lagern, nicht mehr zu benutzen und eigentlich weitergeben zu können.[7]

eBay als Forschungsgegenstand nachhaltigen Konsums

Der Onlinehandel ist dabei, aus seiner Nische herauszuwachsen. Allein eBay dokumentiert bei über 14,5 Millionen aktiven Mitgliedern in Deutschland im März 2009 17 768 000 Besucher. Die monatliche Nutzungsdauer der eBay-Website beträgt durchschnittlich zwei Stunden pro Kopf. Deutsche eBay-Nutzer und -nutzerinnen verbringen im Durchschnitt 14,2 Prozent ihrer Online-Zeit bei eBay.[8] Im Durchschnitt waren im Jahr 2008 ständig mehr als 30 Millionen Artikel im Angebot.[9] Damit ist eBay in der Gruppe der Plattformen, auf denen mit gebrauchten Produkten gehandelt wird, dominierend. eBay ist der einzige erlektronische Markt für Gebrauchtwaren, auf dem nichtgewerbliche Anbieter durchweg hohe Anteile der Angebote einstellen. Für die Analyse des Gebrauchtwarenhandels von Prosumern,[10] im Sinne des privaten Erbringens von Produktionsleistungen, ist eBay die mit Abstand am besten geeignete Plattform.

Beim Gebrauchtwarenhandel lässt sich eine Reihe von Produktgruppen unterscheiden, deren Unterscheidung deshalb von besonderer Bedeutung ist, weil durch ihren Neu- oder Gebrauchtverkauf unterschiedliche Aspekte der Nachhaltigkeit berührt werden: Die Frage der Vermeidung von Neuproduktion ist bei der Verbrauchsware eindeutig positiv zu beantworten; da sie aber eben "verbraucht" wird, hat sie quasi keine Lebensdauer. Letztlich handelt es sich daher im Handel immer um Neuware, die unter Umständen aus zweiter Hand verkauft wird.

Mit Blick auf die Hebung von Nachhaltigkeitspotenzialen durch Lebensdauerverlängerung und Vermeidung von Neuproduktion durch den Gebrauchtwarenhandel scheinen aus diesem Spektrum besonders die Gebrauchsware und die Technologieware interessant zu sein. Auch bestimmte Kategorien der kurzlebigen Ware und der Kulturware bieten - vermutlich geringere - Nachhaltigkeitspotenziale.

Ökologische Abschätzung des eBay-Handels

Es können folgende relevante Einflussfaktoren, die sich auf die ökologische Bilanz des Online-Handels mit Gebrauchtgütern auswirken, identifiziert werden: Entscheidend für den Aspekt der Lebensdauerverlängerung und Vermeidung von Neuproduktion ist (wie oben erläutert) die Frage, welche Produkte gehandelt werden. Bei bestimmten Produkten, deren ökologische Effekte primär in der Gebrauchsphase entstehen, kann die Anschaffung eines verbrauchsarmen Neugerätes ökologisch sinnvoller sein als die Weiternutzung eines alten Gerätes (Beispiel Waschmaschine oder Kühlschrank), während bei Produkten, bei denen die Herstellung den größten Anteil an den Umweltwirkungen einnimmt, eine Weiternutzung erhebliche ökologische Vorteile (vor allem Ressourceneinsparungen durch die Vermeidung von Neukäufen) bieten kann (z.B. Möbel, Kleidung, Bücher).

Wesentlichen Einfluss auf die ökologische Bilanz hat auch die Entfernung, über die das gehandelte Produkt transportiert werden muss. Daneben spielen auch die Transportstrukturen und die Wahl des Verkehrsmittels eine Rolle (Versendung des Produkts mittels Flugzeug, LKW oder Bahn? Wie hoch ist die Auslastung des Verkehrsträgers?). Maßgeblich für die ökologischen Effekte ist auch die für die Versendung des Produktes notwendige Verpackung, da im Online-Handel die Produkte (im Gegensatz zum Einkauf im Geschäft) einzeln bzw. in sehr geringen Stückzahlen verpackt an die KäuferInnen geschickt werden. Eine weitere zu berücksichtigende Größe beim Online-Handel ist schließlich der Energieverbrauch durch den PC-Betrieb und die Netz-Infrastruktur. Pro Auktion werden durchschnittlich 18 Gramm CO2 freigesetzt.[11] Neben diesen "harten" Faktoren spielt das Nutzerverhalten eine zentrale Rolle für die Umweltwirkungen des Gebrauchthandels. Werden durch den Kauf von gebrauchten Produkten Neukäufe substituiert oder kommen sie - additiv - hinzu? Werden durch den Online-Einkauf private Einkaufsfahrten ersetzt oder kommt das Internet nur als eine weitere Bezugsquelle hinzu?

Wandel der Konsumentenrolle durch elektronische Märkte

Die durch elektronische Märkte wie eBay eröffneten Spielräume sind mehr als eine bequeme Einkaufsmöglichkeit, weil neben dem Konsumobjekt zunehmend der Konsumakt und damit zugleich Aspekte des Lebensstils in den Vordergrund rücken. Gleichzeitig verändert sich die Rolle der KonsumentInnen. Neu entstehende elektronische Märkte haben zur Folge, dass die herkömmliche Rollenaufteilung zwischen Konsumenten und Produzenten unscharf wird. Durch Tauschbörsen, Auktionsplattformen und andere Handelsmodelle, bei denen die Nutzer nicht nur als Käufer sondern gleichzeitig auch als Anbieter von Produkten oder Dienstleistungen auftreten, verschiebt sich die Rolle des Verbrauchers vom reinen Konsumenten hin zum aktiven Verkäufer. Diese aktivere Rolle der Kunden kann mit dem oben bereits erwähnten Begriff des "Prosumers" beschrieben werden.[12] Dieser setzt sich aus "Pro-ducer" und "Con-sumer" zusammen. Verstanden werden darunter Verbraucher, die in die Planung, Gestaltung und Herstellung von Produkten aktiv involviert sind oder als Anbieter von Produkten und Dienstleistungen auftreten und damit klassische Produzentenfunktionen übernehmen. Das Phänomen des "aktiven Kunden" und "selbstproduzierenden Konsumenten"[13] wurde in Zusammenhang mit der Diskussion um den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft beobachtet.[14] Alan Gartner und Frank Riessman beschreiben vor allem für den Bildungs- und für den Gesundheitssektor im Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft eine zunehmende Einbeziehung der Konsumenten und Konsumentinnen in die Produktion von Dienstleistungen. Toffler bezieht sich auf diese Studien, hebt jedoch die Eigenarbeit hervor, das heißt die Privatarbeit im Gegensatz zur Erwerbsarbeit.[15]

eBay-Nutzerinnen und -Nutzer als Prosumer

eBay-Nutzerinnen und -nutzer als Prosumer bewegen sich nicht nur in einem Hybridbereich zwischen Produzent und Konsument/Nutzer, sondern auch zwischen klassischem, eher handarbeitsbasiertem, und modernem, eher kopfarbeitsbasiertem Prosuming. Einerseits findet eine Nutzung der virtuell angebotenen Dienstleistung (eBay-Marktplatz) statt, indem Nutzer auf den virtuellen Produktkatalog zugreifen, auswählen und dort mitbieten. Andererseits erwerben sie durch die Nutzung des eBay-Marktplatzes Waren: Es findet also ein Konsum der ersteigerten Gegenstände statt. Sie gestalten als Nutzer oder Nutzerin den Auftritt und das Angebot der Plattform mit und konsumieren gleichzeitig durch Nutzung der Plattform die dort angebotenen Waren. Im Folgenden werden drei Produktionsformen im Rahmen des Prosuming im Zusammenhang mit Online-Handel und speziell Online-Auktionen unterschieden:

Typ 1: Die Produktion durch den Verkäufer als Prosumer liegt "lediglich" im Einstellen des Produktes auf dem Online-Marktplatz.

Typ 2: Die Produktion durch den Verkäufer als Prosumer liegt darin, dass das Produkt durch den Vornutzer derart verändert wurde, dass diese Veränderung die - oder zumindest eine - Kaufmotivation der Käufer darstellt. Diese Veränderung kann auch nur in der Tatsache liegen, dass eine Nutzung oder Aufbewahrung (auch Alterung) stattfand, die das Produkt als gebrauchtes Produkt für Käufer interessant macht.

Typ 3: Die Produktion durch den Verkäufer als Prosumer liegt darin, dass dieser das Produkt tatsächlich im weiteren Sinne hergestellt hat (Handarbeit, Bastelarbeiten etc.). Diese Produkte haben eher Neuwarencharakter und sind damit im Projektzusammenhang mit Nachhaltigkeit wahrscheinlich von geringerem Interesse, weshalb der Typ 3 hier lediglich als Möglichkeit genannt werden soll.


Gleich welcher der (bisher) drei Typen von Produktion vorliegt, gemeinsam ist allen, dass eine Privatperson außerhalb ihres Erwerbslebens - im Konsumkontext - als Verkäufer oder Verkäuferin auftritt. Somit wäre ein möglicher kleinster Nenner eines Produktionsmerkmals für eBay-Nutzer im Verkaufen zu vermuten. Denkbar wären neben den drei oben genannten Produktionsdifferenzierungen hinsichtlich des Verkaufs auch Tätigkeiten im Bereich von Innovation (bspw. Verbesserungsvorschläge in verschiedenen Bereichen der Online-Plattform). Es bleibt festzuhalten, dass eBay-Nutzer durchaus als Prosumer gesehen werden können. Sie konstituieren ein Zwischenfeld, das durchaus in ursprünglichen Prosumingformen verankert bleibt, jedoch auch zahlreiche Spezifika moderner Prosumingformen enthält.

Erfassung von Konsummustern auf eBay - erste Erkenntnisse

Um Aufschluss über die Konsummuster von eBay-Nutzern sowie über die Nachhaltigkeitseffekte des Gebrauchtwarenhandels auf eBay zu erhalten, wurde im November 2008 eine Online-Befragung bei privaten eBay-Nutzern durchgeführt. Eine erste Auswertung der gewonnenen Daten führt zu folgenden Ergebnissen (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version): Es zeigt sich, dass die eBay-Nutzer zwar generell umweltsensible Einstellungen aufweisen, beim Handel mit gebrauchten Produkten auf eBay spielen Umweltaspekte bisher aber nur eine sehr geringe Rolle. Umweltschutz taucht in der Rangfolge der Motive - sowohl beim Kauf als auch beim Verkauf - erst im letzten Drittel auf. An erster Stelle stehen für die Nutzerinnen und Nutzer praktische Erwägungen ("es ist praktisch und bequem") sowie finanzielle Motive ("Geld sparen"). Auch der Spaß am eBay-Handel wird als wichtiges Motiv angegeben.

Es zeigt sich weiterhin, dass die große Mehrheit der eBay-Nutzer den Handel mit gebrauchten Produkten nicht mit Umweltschutz in Verbindung bringt. Chancen zur Ökologisierung des eBay-Handels könnten darin bestehen, direkt auf der eBay-Plattform Informationen über die ökologische Relevanz des Gebrauchtgüterhandels bereit zu stellen. Die Ergebnisse der Befragungen bestätigen aber auch die These, dass eBay eine Vielzahl unterschiedlicher Motive anspricht und so unterschiedliche Nutzertypen und Konsumstile unter einem Dach zu vereinen vermag. Hier bieten sich gute Anknüpfungspunkte für die Schaffung von Motivallianzen, die ökologische Aspekte mit anderen Nutzungsaspekten verbinden. In der Befragung wurde auch festgestellt, dass die Nutzung von eBay zum Teil erheblichen Einfluss auf das allgemeine Konsumverhalten hat: 13,6 Prozent der Befragten gaben an, dass sich durch die Nutzung von eBay ihr Konsumverhalten stark oder sogar sehr stark verändert habe. Weitere 36,5 Prozent sagten, ihr Konsumverhalten habe sich zum Teil verändert. Dieses Thema und insbesondere die Frage, in welche Richtung sich das Kaufverhalten ändert, muss im Hinblick auf die ökologischen Effekte des eBay-Handels noch vertieft untersucht werden (Werden durch eBay mehr Gebrauchtprodukte und weniger neue Produkte gekauft? In welchen Konsumbereichen hat eine Veränderung stattgefunden? Einige Hinweise liefert die Befragung dazu bereits (vgl. Abbildung der PDF-Version 2): Eine große Gruppe gibt an, dass sie durch eBay mehr Gegenstände besitzt als früher (23,5 Prozent gegenüber einer Gruppe von 11,2 Prozent, die angibt weniger Gegenstände zu besitzen).

Vor dem Hintergrund der aufgestellten These, dass der Handel auf eBay zu Ressourceneinsparungen führen kann, ist dieses Thema noch genauer zu analysieren. Zumindest bei einem Teil der User scheint eBay zu einem vermehrten Konsum anzuregen. Hier ist zu prüfen, um welche Produkte es sich dabei handelt (betrifft es ressourcenintensive Produkte wie Einrichtungsgegenstände oder Haushaltsgeräte oder betrifft es beispielsweise Sammlerprodukte?) und ob es sich um Neu- oder Gebrauchtprodukte handelt.

Wesentliche Umwelteffekte entstehen beim Gebrauchtgüterhandel durch den Transport der Produkte. Ein Nachdenken über lange Transportwege findet bislang allerdings erst bei einer kleinen Gruppe statt: Lediglich 16 Prozent denken häufig, weitere 2,9 Prozent immer darüber nach, dass es für die Umwelt besser ist, lange Transportwege zu vermeiden. Andererseits gibt eine deutliche Mehrheit (64 Prozent) der Befragten an, dass sie sich vorstellen können, klimaneutrale Versandoptionen zu nutzen. Und ein großer Teil derjenigen wäre auch bereit, hierfür eine geringe Gebühr zu bezahlen. Ein Ansatzpunkt zur ökologischen Optimierung des eBay-Handels könnte daher die Bereitstellung von Angeboten zum klimaneutralen Versand sein. Auch im Hinblick auf eine weitere Aktivierung des Gebrauchtgüterhandels lässt die Befragung erhebliche Potenziale erkennen. Bereits heute handelt ein Großteil der privaten eBay-Nutzer mit gebrauchten Produkten, und eine große Mehrheit (86,8 Prozent) kann sich vorstellen, in Zukunft häufiger gebrauchte Produkte bei eBay zu verkaufen. Hier muss v.a. untersucht werden, welche Barrieren bisher dem Verkauf entgegenstehen und wie dieses Potenzial zu erschließen ist.

Schlussfolgerungen

Die Marktdaten zeigen, dass elektronische Märkte zu einem Quantensprung im Gebrauchtwarenhandel geführt haben. Große Potenziale für einen nachhaltigen Konsum bestehen dabei vor allem durch die Weiternutzung gebrauchter Produkte und die Vermeidung von Neuproduktion. Befragungen haben ergeben, dass eine große Menge an Gütern in den Haushalten brach liegt, die nicht mehr genutzt und eigentlich weiterverkauft werden könnten. Bei näherer Betrachtung stellen sich die ökologischen Effekte (v.a. durch die Umweltwirkungen, die durch die Transaktion, den Versand sowie durch eine Veränderung von Konsummustern entstehen) als ambivalent dar. Es ist durchaus offen, ob auf der Makroebene positive Nettoeffekte zu verzeichnen sind. Auch werden die Ergebnisse je nach betrachteter Produktgruppe unterschiedlich ausfallen. Erste Fallanalysen stützen jedoch die These, dass insgesamt positive Nettoeffekte vermutet werden können.

Elektronische Gebrauchtgütermärkte sowie der Wandel der Konsumentenrolle, der auf diesen Märkten stattfindet, bergen neue Potenziale für nachhaltigen Konsum:
Internet-Empfehlungen der Autorinnen und Autoren:
www.izt.de/prosumer
www.auktionskultur.de
www.prosumer-research.de

Fußnoten

1.
Unter Mitarbeit von Saskia-Fee Bender, Dirk Dalichau, Lorenz Erdmann, Klaus Fichter, Merle Rehberg und Wiebke Winter. Das Projekt "Vom Consumer zum Prosumer - Entwicklung neuer Handelsformen und Auktionskulturen zur Unterstützung eines nachhaltigen Konsums" wird vom IZT, dem Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit und der Johann Wolfgang Goethe-Universität durchgeführt und vom BMBF im Rahmen der sozial-ökologischen Forschung gefördert (siehe: http://www.izt.de/prosumer).
2.
Vgl. Siegfried Behrendt/Christine Henseling/Klaus Fichter/Willy Bierter, Chancenpotenziale für nachhaltige Produktnutzungssysteme im E-Business, IZT WerkstattBericht Nr. 71, Berlin 2005.
3.
Vgl. Nico Paech, eBay: Institutionelle Innovationen im Konsumbereich, in: Klaus Fichter/Nico Paech/Reinhard Pfriem, Nachhaltige Zukunftsmärkte - Orientierungen für unternehmerische Innovationsprozesse im 21. Jahrhundert, Marburg 2005, S. 203 - 237.
4.
Vgl. Daniel Nissanoff, Die Auktionskultur verändert unsere Vorstellung von Besitz, in: GDI Impuls. Wissensmagazin für Wirtschaft, Gesellschaft, Handel, (Frühling 2007), S. 56 - 63.
5.
Ebd., S. 57.
6.
N. Peach (Anm. 3), S. 224.
7.
Vgl. eBay GmbH (Hrsg.), Auktionskultur: Leben im Jetzt, Besitzen auf Zeit, Dreilinden 2008.
8.
Vgl. Nielsen NetRatings, NetRating March 2009. Zitiert nach: eBay Deutschland in Fakten. Online unter http://presse.ebay.de/news.exe?content=FD ( 7.5. 2009).
9.
Vgl. eBay GmbH, eBay Deutschland in Fakten. Online: http://presse.ebay.de/news.exe?content=FD (7.5. 2009).
10.
Der Begriff des "Prosumers" wurde von Alvin W. Toffler eingeführt: Alvin W. Toffler, The Third Wave, London 1980.
11.
Vgl. Rolf Kersten, Zur CO2-Bilanz des Internets. Präsentation auf der Fachtagung "Grüner Surfen" am 25. Oktober 2007 in Berlin. Online unter: www.dialogprozess-konsum.de/index.php?option = co m_content&view=article&id=5&Itemid=4 (7.5. 2009).
12.
Vgl. A. Toffler (Anm. 10).
13.
Vgl. Willy Bierter, Der selbstproduzierende Konsument, in: Rudolf Brun (Hrsg.), Der neue Konsument, Frankfurt /M. 1983, S. 115 - 141.
14.
Vgl. u.v.a. Jean Fourastié, Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts, Köln 1954; Jonathan Gershuny, Die Ökonomie der nachindustriellen Gesellschaft. Produktion und Verbrauch von Dienstleistungen, Frankfurt/M. 1981; Alan Gartner/ Frank Riessman, Der aktive Konsument in der Dienstleistungsgesellschaft. Zur politischen Ökonomie des tertiären Sektors, Frankfurt /M.1978.
15.
Vgl. Wolfgang Bonß, Zwischen Erwerbsarbeit und Eigenarbeit - Ein Beitrag zur Debatte um die Arbeitsgesellschaft, in: Arbeit, 11 (2002) 14, S. 5-20. Online unter: www.zeitschriftarbeit.de/docs/1 - 2002/bonss. pdf (7.5. 2009).

Christine Henseling, Birgit Blättel-Mink, Jens Clausen, Siegfried Behrendt

Zur Person

Christine Henseling

Soziologin MA (UK), geb. 1972; Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), Schopenhauerstraße 26, 14129 Berlin.
E-Mail: c.henseling@izt.de


Zur Person

Birgit Blättel-Mink

Dr. Dipl.-Soz., geb. 1957; Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Politik- und Gesellschaftsanalyse, Robert-Mayer-Straße 5, 60054 Frankfurt am Main.
E-Mail: b.blaettel-mink@soz.uni-frankfurt.de


Zur Person

Jens Clausen

Dr. rer. pol., geb. 1958; Senior Researcher beim Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit, Hausmannstraße 9 - 10, 30159 Hannover.
E-Mail: clausen@borderstep.de


Zur Person

Siegfried Behrendt

Dipl.-Pol., Dipl.-Biol., geb. 1960; Projektleiter am IZT (s.o.)
E-Mail: s.behrendt@izt.de


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