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12.6.2009

Die Rolle von Geld und Kapital in unserer Gesellschaft - Essay

Die Aufblähung der Geldmenge zu einer Spekulationsblase sollte verhindert und die Wachstumstendenz soweit in Grenzen gehalten werden, dass eine ökologische Qualifizierung des Wachstums möglich ist. Reformen des Geldsystems sind unabdingbar.

Einleitung

Die Entwicklung der modernen Gesellschaft wird geprägt durch die ständige Tendenz zum Wirtschaftswachstum. Sie ist zur Generallinie der Entwicklung geworden. Das Wachstum beruht in einem wesentlichen Ausmaß auf der sich ins Unendliche fortsetzenden Geldschöpfung und des Einsatzes des Geldes zur Kapitalbildung. Um die sich daraus ergebende Dynamik zu verstehen, ist es notwendig, die Funktionsweise des Geldes genauer unter die Lupe zu nehmen.






Zuerst muss man wissen, was Geld ist, was heute Geld ist. Geld ist alles, womit man zahlen kann: Banknoten, also Papiergeld, sowie Sichtguthaben bei den Banken, das heißt Guthaben, die auf den Girokonten bei den Banken verbucht werden; man spricht daher auch von Buchgeld. Es kann in Banknoten eingelöst, aber die Banknoten können nicht mehr wie früher in Goldmünzen umgetauscht werden. Die letzten Reste einer solchen Einlösungspflicht sind anfangs der 1970er Jahre dahin gefallen. Seither kann die Zentralbank ohne Rücksicht auf irgendwelche Goldreserven den Banken Papiergeld in beliebiger Menge zur Verfügung stellen. Auf diese Weise kann die Menge des Geldes - des Buchgeldes und des Zentralbankgeldes - von Jahr zu Jahr erhöht werden. Man spricht von Geldschöpfung. Diese kann unendlich weitergehen, ohne an Grenzen zu stoßen, die früher durch die begrenzten Goldvorräte gegeben waren. - Heute sind ca. 95 Prozent der Geldmenge Buchgeld und 5 Prozent Banknoten inkl. Münzen.

Die Geldschöpfung erfolgt durch die Kreditgewährung der Banken an Unternehmen, an den Staat und an die Haushalte - zur Hauptsache an Unternehmen. Die Banken sind Produzenten von Geld. Sie schaffen Geld - Buchgeld - durch die Gewährung von Krediten. Dies geschieht, indem die Banken den Kreditnehmern einen dem Kredit entsprechenden Betrag auf einem Girokonto bei sich gutschreiben. Diese Gutschrift ist Buchgeld. Es ist zu 100 Prozent neues Geld, denn es wird kein Betrag auf einem anderen Konto dadurch reduziert. Nur ein kleiner Teil davon - eben ca. 5 Prozent - wird in Banknoten eingelöst. Diesen Teil müssen die Banken daher in genügender Menge bereithalten. Die Zentralbanken können sie den Banken stets nachliefern, indem sie von den Banken Kredite, die diese gegeben haben, und unter Umständen auch andere Aktiva der Banken, übernehmen, und dafür den Banken die Banknoten, das Papiergeld, in gewünschter Menge zur Verfügung stellen.

Weil die Vermehrung der Geldmenge durch Vermehrung der Kredite erfolgt, und die Unternehmen das Geld, das sie als Kredit von den Banken erhalten, also das Buchgeld, investieren: es ausgeben, um damit Produktionsleistungen zu kaufen - Arbeitsleistungen, Energie, Rohstoffe - und mit diesen die Produktion zu erhöhen, steigt damit auch die Produktion von Gütern. Auf diese Weise wird das neu geschöpfte Geld doch einlösbar, allerdings nicht mehr in Gold, sondern - auch wenn erst nachträglich - in zusätzlich produzierte Güter. Die Geldschöpfung, die durch Kreditschöpfung erfolgt, führt daher zu einer realen Wertschöpfung. Dies ist der Weg, auf dem das Bruttoinlandprodukts, das BIP, wächst.

Das Wachstum hat sich zu einem Perpetuum mobile entwickelt, zu einem Prozess, der sich selbst in Gang hält, indem er selbst die Voraussetzung schafft, die seine ständige Fortsetzung ermöglichen. Wie geschieht dies?

Um dies zu erklären, gilt es, in einem ersten Schritt die Notwendigkeit der Kapitalbildung zur Gründung und Erweiterung der Unternehmungen und der Erzielung von Gewinnen, die die Kapitalbildung rechtfertigen, aufzuzeigen. Zu beachten ist, dass die Unternehmen die Güter - die Produkte - erst verkaufen können, wenn sie produziert worden sind. Die Produktion braucht Zeit. Die Unternehmen müssen aber die Produktionsleistungen schon zu dem Zeitpunkt bezahlen, zu dem sie eingesetzt werden. Sie benötigen daher einen Vorschuss an Geld. Dieser Vorschuss ist das Kapital der Unternehmung. Es setzt sich zusammen aus Fremdkapital - das sind die Kredite, die vor allem die Banken geben - und aus Eigenkapital. Es wird den Unternehmen von den Haushalten zur Verfügung gestellt, heute vor allem durch Kauf von Aktien; es ist entweder erspartes Geld oder der Teil des Gewinnes, der reinvestiert wird.

Das Kapital beansprucht einen Gewinn. Warum? Weil der Einsatz des Kapitals ein Risiko birgt, das entgolten werden muss. Das Risiko ergibt sich daraus, dass die Kapitalgeber - die Banken und die Haushalte - im Moment, da sie das Kapital, das heißt den Geldvorschuss zur Verfügung stellen, um es den Unternehmen zu ermöglichen, die benötigten Produktionsleistungen zu kaufen, nicht wissen können, in welchem Ausmaß dieses Geld durch den Verkauf der Produkte wieder zurückfließt. Denn der Rückfluss erfolgt erst in der Zukunft. Damit die Kapitalgeber das entsprechende Risiko eingehen, müssen sie - berechtigterweise - einen Gewinn erwarten dürfen, aus dem sowohl der Zins für das Fremdkapital bezahlt werden kann als auch ein genügend großer Reingewinn für das Eigenkapital übrig bleibt.

Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Das heißt: Die Chance eines Gewinns muss stets grösser sein als das Risiko eines Verlusts. Der Erwartungswert des Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss also positiv sein. Dies ist nur dann der Fall, wenn die Häufigkeit des Gewinns insgesamt stets größer war und weiterhin größer ist als die Häufigkeit des Verlusts, wenn also die Unternehmungen im Saldo stets Gewinne gemacht haben und machen, also aus der Summe von Gewinnen und Verlusten aller Unternehmen ein Gewinnüberschuss resultiert.

In einem zweiten Schritt ist nun erklären, wie ein solcher gesamtwirtschaftlicher Gewinnüberschuss entstehen kann. Die Gewinne der Unternehmungen sind grundsätzlich gleich der Differenz zwischen den Einnahmen und den Ausgaben der Unternehmungen - genauer: zwischen den Einnahmen und den Ausgaben der Unternehmungen für die Herstellung der Produkte, aus denen die Unternehmungen die Einnahmen erzielen, also gleich der Differenz zwischen Ertrag und Kosten. Damit die Unternehmungen zusammen im Saldo stets Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen der Unternehmungen zusammen stets größer sein als die Ausgaben der Unternehmungen. Wie soll dies vor sich gehen? Es ist offensichtlich nicht möglich, dieses Ziel zu erreichen, wenn das Geld nur im Kreis läuft, das heißt wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezahlen, einfach wieder von den Haushalten dazu verwendet wird, um die Produkte zu kaufen, welche die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben. Denn dann würden sich Einnahmen und Ausgaben der Unternehmungen nur immer gerade ausgleichen. Es ergäbe sich also in der Summe von Gewinnen und Verlusten kein positiver Gewinnsaldo. Ein solcher kann somit gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn ständig Geld zufliesst.

Wie fließt aber in der modernen Wirtschaft Geld zu? Wir wissen es bereits: indem die Unternehmungen bei den Banken Kredite aufnehmen, welche die Banken mindestens zum Teil durch Geldschöpfung bereitstellen, also durch Vermehrung der Geldmenge auf dem Kreditweg. Die Unternehmungen brauchen die Kredite - es sei wiederholt -, um zu investieren, um das aufgenommene Geld, zusammen mit dem reinvestierten Reingewinn, für den Kauf von zusätzlichen Produktionsleistungen zu verwenden: um zu wachsen. Die Einkommen der Haushalte als Anbieter dieser Arbeits- und Produktionsleistungen, als Arbeitskräfte, steigen auf diese Weise mit dem Wachstum des BIP, und die Gewinne der Unternehmungen mit dem Wachstum der Einkommen der Haushalte, indem diese das Einkommen für den Kauf der Produkte ausgeben, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben.

Der "Trick" dabei ist: Die Haushalte geben ihr Einkommen für den Kauf der Produkte, welche die Unternehmungen mit ihrer Hilfe herstellen, sofort aus, denn die Haushalte müssen ja überleben. Sie werden daher sofort zu Einnahmen der Unternehmungen. Zu diesem Zeitpunkt können die Unternehmungen aber nur die Produkte verkaufen, die schon produziert worden sind, die sie also vor der neuen Investition hergestellt haben. Dies bedeutet, dass die Einnahmen der Unternehmungen vor den Ausgaben für die Produkte, die sie verkaufen, steigen und so die Erträge größer sind als die Kosten. So entsteht in der Volkswirtschaft gesamthaft im Saldo von Gewinnen und Verlusten immer ein Gewinn, wenn sich das Wachstum der Wirtschaft fortsetzt.

Auf diese Weise entwickelt sich der Wirtschaftskreislauf zu einer Wachstumsspirale, zu einem Perpetuum mobile, indem das Wachstum der Produktion mit Hilfe der Geldschöpfung die Voraussetzung dafür schafft, dass Gewinne entstehen, und mit den Gewinnen wieder die Voraussetzung dafür, dass Geld als Kapital eingesetzt und so ein weiteres Wachstum möglich wird. Die Voraussetzung für das Funktionieren des Perpetuum mobile ist allerdings, dass sich ihm keine Hindernisse entgegenstellen. Dies ist nicht garantiert. Es wird durch Krisen gefährdet, die immer akuter werden, je stärker sich die Dynamik des Wachstums entwickelt.

Im Vordergrund steht die Gefahr von Finanzkrisen.[2] Sie sind eine Folge einer übertriebenen Geldschöpfung, die nicht zur Finanzierung realer Produktionszuwachse dient, sondern zum spekulativen Kauf von Vermögenswerten - in Erwartung, dass deren Preise gerade wegen der ständigen Geldvermehrung steigen werden. Wenn die erwartete künftige Preissteigerung höher ist als der Zins, nimmt man auch Kredite auf, um die Vermögenswerte zu kaufen und sich so quasi umsonst bereichern zu können. Die Spekulation ist aber dadurch gefährdet, dass die Zinsen steigen können. Dies tritt dann ein, wenn die Zentralbanken wegen der durch die spekulativen Kredite aufgeblähten Geldmenge eine inflationäre Entwicklung befürchten, und, um dies zu verhindern, die Zinsen erhöhen. Dann kommt es, weil sie Zinsen zu hoch werden, um die spekulativen Kredite zu rechtfertigen, zur Finanzkrise.

Was ist aber, wenn es keine Finanzkrisen geben würde? Wäre dann alles in Ordnung? Nein, weil sich der Wachstumstendenz nur durchsetzen lässt, wenn genügend natürliche Ressourcen vorhanden sind, aus denen die Rohstoffe und die Energie gewonnen wird, welche die Basis der Mehrproduktion bilden. Mehr und mehr wird das Wirtschaftswachstum mit der langfristigen Knappheit der Natur konfrontiert. Ihre Nutzung kann daher nicht beliebig ausgeweitet werden. Es entsteht eine kontinuierlich akuter werdenden Umweltkrise. Der Mensch sollte daher haushälterisch mit der Natur umgehen, das heißt die Natur nachhaltig bewirtschaften. Diesem Imperativ steht aber die im Geldsystem verankerte Wachstumstendenz entgegen.

Was ist angesichts dieser doppelten Krisenanfälligkeit unserer Wirtschaft zu tun? Den Wachstumsdrang kann man nicht grundsätzlich beseitigen, solange wir aus guten Gründen eine Wirtschaft aufrechterhalten wollen, die auf selbständigen Unternehmungen basiert, welche im Markt auf eigene Initiative investieren, dafür aber auch einem Risiko ausgesetzt sind. Niemand wird Geld als Kapital, das heißt als Vorschuss zur Verfügung stellen, wenn er nur gerade erwarten darf, dass er gleich viel zurückerhält als er eingesetzt hat. Dann behält er doch lieber gleich das Geld in der Hand als es einem Risiko auszusetzen!

Wir sollten aber die Geld- und Kreditschöpfung durch entsprechende Reformen soweit kontrollieren können, dass die Aufblähung der Geldmenge zu einer Spekulationsblase verhindert und zudem die Wachstumstendenz soweit in Grenzen gehalten werden, dass eine ökologische Qualifizierung des Wachstums möglich ist. Die Schaffung entsprechender Reformen des Geldsystems wird die große Aufgabe unserer Gesellschaft in der Zukunft sein.

Fußnoten

2.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Stephan Schulmeister in diesem Heft.

Hans Christoph Binswanger

Zur Person

Hans Christoph Binswanger

Dr. oec., geb. 1929; emerit. Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen; 1967 bis 1992 Direktor der Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie (FGN-HSG); 1992 bis 1995 Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG), Tigerbergstrasse 2, 9000 St. Gallen/Schweiz.
E-Mail: hans-christoph.binswanger@unisg.ch


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