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12.6.2009

Wie gehen die Deutschen mit Geld um?

Das Leben in modernen Gesellschaften ist stark davon abhängig, wie die Menschen mit Geld umgehen, wie sie darüber reden und schweigen. Einige Befunde dazu werden im Beitrag vorgestellt.

Einleitung

Geld spielt in modernen, privatwirtschaftlichen Gesellschaften eine zentrale Rolle. Jeder geht tagtäglich und selbstverständlich mit Geld um. "Es hat eine höhere Auflage als das gängigste Druckwerk, eine größere Einschaltquote als die beliebteste Sendung und eine Spannbreite über Generationen und soziale Gruppen, die ihresgleichen sucht."[1]




Wie wir mit Geld umgehen, hat Folgen: Erfolg, Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück - obschon Geld allein ja nicht glücklich machen soll - kann der erlangen, der Geld souverän einsetzt. Wer dazu nicht in der Lage ist, wird zum Opfer seiner Lebensumstände, seines Verhaltens, mitunter auch seiner Anhäufung von Finanzmitteln. Obwohl, oder vielleicht gerade weil uns das so selbstverständlich erscheint, hält sich das sozialwissenschaftlich gesicherte Wissen darüber, wie wir mit Geld umgehen, in Grenzen. Im folgenden Beitrag sind einige dieser Bestände zusammengetragen. Der Blick richtet sich dabei auf die Einstellungen, das Handeln und das Kommunizieren der Einzelnen. Diese Perspektive wird nur dann verlassen, wenn wir übergreifende Strukturen (etwa Sparquoten) kennen müssen, um das individuelle Umgehen mit Geld zu verstehen.

Erklärungsansätze

Ökonomische Theorien: Das Umgehen mit Geld ist aus der Sicht ökonomischer Theorien eine Frage der Rationalität. Gerade Geld ist ein Medium dafür, die eigenen Zielsetzungen mit möglichst geringen Kosten zu erreichen. Im Hinblick auf dieses Zahlungsmittel wird der Mensch als rational kalkulierendes Wesen gesehen, das seinen Nutzen mehrt.

Mit dieser Sichtweise verbunden ist üblicherweise eine Uniformierungsthese: Das Denken und Verhalten der vielen Menschen in einer Gesellschaft im Hinblick auf Geld werde im Laufe der Zeit gleichförmiger. In einer Gesellschaft, in der fast alle materiellen und viele immateriellen Bedürfnisse auf Märkten durch Kaufakt zu befriedigen seien, in der Geld eine so prominente Rolle spiele, sei jeder von uns gezwungen, sein Verhalten zu rationalisieren.

Rationales Umgehen mit Geld und entsprechendes Konsumverhalten vereinheitlichen der Uniformierungsthese zufolge auch unsere Kultur. Eine "McDonaldisierung"[2] ebnet kulturelle Vielfalt ein: "Zumindest oberflächlich wird behauptet, dass die Ökonomie langfristig in der Lage ist, innerhalb einer standardisierten Kultur des Konsums eine wachsende Verbundenheit und Uniformität hervorzubringen."[3]

Aus Sicht von Systemtheoretikern handelt der Mensch jedoch nicht in allen Bereichen gleich. Denn Subsysteme differenzieren sich aus. Im Wirtschaftssystem ist Geld das zentrale Medium; eine entsprechende Rationalität wird vorausgesetzt. Es gibt jedoch auch andere Subsysteme, in denen etwa Macht oder Liebe zentrale Medien sind, in denen also ganz andere Rationalitäten und Kommunikationsweisen herrschen. Mit dieser Sicht geht die Behauptung einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft einher, wonach die "Geldsphäre" scharf getrennt von und häufig unvereinbar mit anderen Bereichen ist, etwa mit Liebesbeziehungen.

Wer das Umgehen mit Geld aus der Sicht wirtschaftlicher Theorien betrachtet, konzentriert sich auf die ökonomischen Standardfunktionen. Geld ist hiernach ein Mittel, Werte zu standardisieren oder zu bemessen, ein Tausch- oder Zahlungsmittel sowie ein Mittel, Werte aufzubewahren oder zu übertragen. Wir werden sehen, dass andere Erklärungsansätze weitere Funktionen hervorheben.

Soziologische Theorien: Ökonomische Erklärungsansätze betonen die effiziente und Nutzen maximierende Verwendung von Geldmitteln, sind theoretisch also vor allem von den "objektiv" verfügbaren Ressourcen her konstruiert. Dagegen konzentrieren sich genuin soziologische Erklärungsansätze auf die Bedeutungen, die Dinge für Menschen haben. Sie handeln subjektiv sinnvoll in vielerlei, auch in irrationaler Hinsicht, sie handeln Werten und Normen gemäß oder setzen sich mit ihnen auseinander.

Wie schon der Klassiker Georg Simmel[4] hervorhob, ist Geld aus soziologischer Sicht kein neutrales Tauschmittel, sondern ein Symbol und daher mit Bedeutungen versehen, die ihm kulturell und kommunikativ zugeschrieben werden: "Geld ist durch die menschlichen Interaktionen geprägt, es hat aber auch eine enorme Auswirkung auf die menschlichen Formen des Zusammenlebens."[5]

Aus dieser Sicht ist die Uniformierungsthese fehl am Platze. Wie Viviane Zelizer immer wieder betonte, hindern Normen und kulturelle Definitionen das Geld daran, "überall dieselben rationalen Funktionen zu erfüllen. Wenn das Geld die Hände wechselt, wird seine Bewegung mit Sinn belegt. Wenn ein falsches Quantum gegeben wird, wenn es an die falsche Person oder zu einem falschen Zeitpunkt gegeben wird, kann eine soziale Beziehung irreparabel zerstört werden."[6] So gesehen sind zum Beispiel auch Geld und Liebe keine funktional getrennten, sondern miteinander verwobene Sphären.

Aus der Sicht dieser soziologischen Erklärungsansätze erscheinen Gesellschaften weder uniform noch funktional differenziert, sondern soziokulturell unterschiedlich. Auch und gerade Geldkulturen diefferenzieren sich, sind pluralistische Kulturen. Insbesondere die kapitalistischen modernen Märkte haben diese Vergößerung der Vielfalt bewirkt. Geld ermöglicht es uns zum Beispiel, Statusansprüche freier, unabhängig vom ererbten Status, zu erheben. Nicht mehr adliger Besitz, Familiengeschichte oder Privilegien sind entscheidend, sondern die zur Verfügung stehende Geldmenge und unser Geschmack bestimmen unseren Lebensstil. Ähnlich wirkt der Massenkonsum: "Jeder Schritt in Richtung weiterer Standardisierung und Vereinheitlichung bringt auf der Gegenseite Menschen hervor, die sich absondern und sich in begrenzte Zusammenhänge begeben."[7]

An dieser Stelle kann noch nicht entschieden werden, ob die ökonomischen oder die soziologischen Erklärungsansätze zutreffen, ob beide ein Stück weit realistisch sind, oder ob sie in einem Wechselverhältnis stehen, wie es das zuletzt aufgeführte Zitat nahe legt. Diese Fragen können erst nach Interpretation der empirischen Befunde beantwortet werden, die im dritten Teil des Beitrags vorgetragen werden.

Vom Umgehen mit Geld in der Belletristik: In zahlreichen Werken der schönen Literatur (von Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Theodor Fontane, Jules Verne, Thomas Mann, Elias Canetti, John Updike und vielen anderen) geht es - keineswegs nur am Rande - um Einstellungen zum Geld und dessen Verwendung. Die betreffenden Werke enthalten erkenntnisreiche Theorien und informative "empirische Befunde". Die Romanautoren schürfen oft tiefer, unterscheiden genauer und schildern ohnehin weit anschaulicher als die Verfasser der weithin dürren wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Werke.

Auch der erwähnte Gegensatz zwischen der ökonomisch-rationalen Uniformierungssicht und der soziologisch-bedeutungsgeladenen Pluralisierungsperspektive findet sich in der Belletristik wieder. Die erstgenannte Sichtweise geht oft mit Pessimismus und scharfer Kritik einher. So war beispielsweise Jules Verne um 1860 der Meinung, Paris werde in 100 Jahren von der Macht des Geldes und der Technologie vollkommen beherrscht sein. "Liebespaare" würden sich in interessengetriebene indifferente Partner verwandelt haben, denen sogar das Vokabular für Zuneigung verloren gehen werde. Die zweitgenannte Sichtweise finden wir unter anderem in den Romanen Flauberts, Fontanes und Thomas Manns. Sie führen uns die Kultur des Bürgertums und die Bedeutung bzw. Verwendung von Geld für bzw. durch die Angehörigen dieser Kultur eindringlicher vor Augen, als es ein Soziologe je könnte - und sie kritisieren diese Kultur schärfer, als es ein Soziologe dürfte.

Empirie

Erfahrungen im 20. Jahrhundert und Generationenunterschiede: Das 20. Jahrhundert war ein auch "in Geldangelegenheiten" sehr bewegtes Jahrhundert. Erfahrungen mit zahlreichen Finanzkrisen und Währungsreformen haben Einstellung und Verhalten der deutschen Bevölkerung maßgeblich geprägt. Vielfach mussten herbe Verluste hingenommen werden. Die vordem sicher geglaubte Zukunft großer Bevölkerungsteile wurde zerstört. Das starke Streben der Deutschen nach Stabilität und Sicherheit hat hier seine Wurzeln. Nach der Währungsreform von 1948 wurde die D-Mark zum Symbol dafür.[8] Seither haben die Realeinkommen und der Wohlstand in Westdeutschland stetig zugenommen. Ende 1949 lag das Geldvermögen der privaten Haushalte bei 20,6 Milliarden DM; bis 2000 war es schon auf fast 18 Billionen DM[9] und bis 2006 auf 10,4 Billionen Euro[10] angestiegen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Sparsamkeit eine Pflicht, Verschuldung tabu. Entsprechende Einstellungen und ein entsprechendes Verhalten sind bis heute in der älteren Generation weit verbreitet. In den jüngeren Kohorten haben sie sich indes relativiert. Verschuldung und Ratenkäufe sind weit verbreitet und gelten nicht mehr als anstößig. Hedonistische Einstellungen und "Geld als Mittel zu Konsum und Lebensgenuss"[11] spielen heute eine größere Rolle.

Deutsche Besonderheiten: Verglichen mit anderen Nationen haben die Deutschen einen ausgeprägten Hang zur Sparsamkeit, zumindest was ihre Normen und Einstellungen betrifft. Diese Neigung ist zwar zurückgegangen, aber im internationalen Vergleich immer noch stark ausgeprägt. Der Hintergrund dafür ist die oben angesprochene Erfahrung mit Inflationen und Geldentwertung.[12] Das Wollen und Sollen der Deutschen unterscheidet sich jedoch mittlerweile von ihrem Tun. Die Sparquote ist zwar relativ hoch, international aber keineswegs überragend. 2008 haben die Deutschen 11,6 Prozent ihres verfügbaren Einkommens gespart, und für 2009 wird wegen der Verunsicherung durch die Finanzkrise eine noch höhere Sparquote erwartet. In Österreich, Frankreich, Irland, Spanien und der Schweiz wurde aber 2008 gleich viel oder sogar mehr gespart.[13]

Alt und Jung: Unabhängig vom Geburtszeitraum und den oben dargestellten historischen Erfahrungen der einzelnen Generationen (Kohorten) ist der Umgang mit Geld aber auch eine Frage des Lebensalters. Untersuchungen[14] belegen, dass ältere Menschen im Vergleich zu jüngeren weniger gern Schulden machen, zufriedener mit der eigenen finanziellen Lage und mit dem erreichten Besitzstand sind, weniger Risikolust verspüren, sparsamer mit Geld umgehen, ihren Finanzhaushalt disziplinierter führen und Geld strenger kontrollieren, ehrlicher in Geldgeschäften sind, mit Geld positivere Assoziationen verbinden.[15]

Im Alter nimmt der Wunsch nach Sicherheit und Risikovermeidung zu: Ältere Menschen kaufen daher preiswerte Qualitätsprodukte, Produkte mit Garantiezertifikaten, möglichster einfacher Bedienung und Gesundheitsprodukte. Demgegenüber nimmt für sie die Bedeutung von Gütern mit hohem Prestigewert ab: Weniger gekauft werden so beispielsweise teure modische Kleidung und große Autos. Die Lust an Genuss und Reizen bleibt indessen auch im Alter lange erhalten: Genuss vermittelnde Lebensmittel, Reisen und der Besuch gepflegter Gaststätten dürfen daher ruhig Geld kosten.[16]

Jugendlichen wird heute oft nachgesagt, sie gäben sehr viel Geld für unvernünftige Dinge aus (insbesondere für das Telefonieren, für Computerspiele etc.), sie könnten nicht mit Geld umgehen und gerieten daher oft in Schulden. Hier träfen sich, so eine verbreitete Meinung, der generelle Leichtsinn der Jugend mit den spezifischen, oft technologischen Versuchungen unserer Zeit.

Demgegenüber bescheinigten Studien[17] 2002 drei Viertel der Jugendlichen ein weitgehend rationales und marktkonformes Konsumverhalten. Dieser Anteil der "vernünftigen" Jugendlichen hat seit 1990 zugenommen. Ein "demonstratives", also schon recht kostspieliges Kaufverhalten, wies etwa ein Fünftel der Jugendlichen auf. Dieser Prozentsatz hatte sich seit 1990 kaum verändert. Ein "kompensatorisches", also weitgehend "unvernünftiges" Konsummuster ließ 2002 jeder siebte Jugendliche erkennen. Die Hälfte (etwa sieben Prozent) musste als "kaufsüchtig" eingestuft werden. Dieser Anteil von Jugendlichen mit problematischem Verhalten ist seit den 1990er Jahren konstant geblieben.

Verschuldet waren 2002 etwa 20 Prozent, überschuldet ca. 7 Prozent der Jugendlichen. Damit konnten etwa gleich viele Jugendliche wie Erwachsene ihre Verbindlichkeiten in absehbarer Zeit nicht begleichen.[18] Entgegen vieler Befürchtungen nahm die Überschuldung von Jugendlichen seit 1990 ab - nicht etwa zu. Mobiltelefone waren übrigens nur zu einen minimalen Anteil die Ursache für Überschuldungen.[19] Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Überschuldung meist vorübergehend war: eine Übergangsphase im Leben der Jugendlichen. Je höher sich die Einkünfte von Jugendlichen beliefen, insbesondere die selbst verdienten, desto rationaler war ihr Konsumverhalten.[20]

Geld als Tabu-Thema: Der richtige Umgang mit Geld ist auch von Normen geprägt, etwa Normen, wie über Geld zu sprechen (oder nicht zu sprechen) ist. Zahlreiche Sprichworte wie "Über Geld spricht man nicht, man hat es," sind ein Hinweis darauf, dass das Thema Geld in Deutschland weitgehend tabuisiert ist.

Jeder empirische Sozialforscher weiß, dass Fragen zum persönlichen Einkommen von großen Bevölkerungsteilen nicht beantwortet werden, vor allem dann, wenn die genaue Einkommenshöhe genannt werden soll. Auch wenn dieser Tabuisierungsnorm nicht durchgehend gefolgt wird, ist sie noch lange außer Kraft. Bittet man Befragte, sich in Einkommensklassen einzuordnen, ist die Antwortbereitschaft etwas höher.

In Familien ist das Thema Geld kein absolutes Tabuthema. Mindestens zwei Drittel der Eltern geben an, häufig oder zumindest manchmal über Geld zu sprechen, ein Drittel in Westdeutschland tut dies auch im Beisein ihrer Kinder.[21] Wenn in Familien über Geld gesprochen wird, geht es allerdings hauptsächlich um Ausgaben und finanzielle Probleme. "Konstruktive" Gespräche über das Haushaltsbudget, Anlage- und Versicherungsmöglichkeiten oder bestehende Schulden und deren Bewältigung kommen demgegenüber selten vor. "Nur die wenigsten (Kinder) wissen, was ihre Eltern genau verdienen oder wie deren Vermögen aufgebaut und angelegt ist".[22]

Paare unterhielten sich im Verlauf des Jahres an 40 Prozent der Tage, an denen sie miteinander sprachen, über das Thema "Ausgaben". Über "Sparen" wurde an 5 Prozent der Tage gesprochen. Andere Geldangelegenheiten standen an 15 Prozent der Tage zur Diskussion.[23] Geld ist in Partnerschaften und Familien ein brisantes Thema, das nicht selten zu Konflikten führt. Das Geld des eigenen Haushalts trat als Gesprächsthema zwar seltener auf als "Kinder", "Freunde und Freizeit", "Berufs- und Hausarbeit" und "Beziehungsprobleme", aber die Gespräche über Geld führten am häufigsten zu Konflikten.[24]

Geld ist übrigens keineswegs jenes ökonomische neutrale Zahlungsmittel, das mit Liebe nichts zu tun hat. In vielen Beziehungen wird Geld teils gemeinsam, teils getrennt verwaltet. Die Bedeutung von Geld ist dabei je nach der jeweiligen Beziehung und den darin ablaufenden Definitions- und Aushandlungsprozessen der Partner sehr unterschiedlich. Wessen Geld wem gehört und wozu beiträgt, das kann, ja muss durch "Bedeutungsarbeit" ausgehandelt werden. Daraus resultieren nicht selten Spannungen.[25]

"Das selbst verdiente Geld wird nicht von selbst zum eigenen, individualisierten und individualisierenden Geld. Sondern es kann gerade in seiner spezifischen Verknüpfung mit Liebe immer schon als gemeinsames Geld erscheinen (...), welches nur das Paar als Paar dann der individuellen Verfügbarkeit zuordnen kann."[26] Auch ist das von Männern verdiente Geld nicht unbedingt das finanzielle Fundament des Familienhaushalts, jenes der Frau ist nicht unbedingt "zusätzliches" Geld. Das Geldverhältnis resultiert aus komplexen wechselseitigen und die Beziehung insgesamt charakterisierenden Zuschreibungen, zum Beispiel, was die Beziehung stiftet oder zusammenhält.[27] Beim Reden über Geld in Partnerschaften zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie sehr das Umgehen mit Geld eine Frage der jeweiligen sozialen Beziehungen und der darin geltenden Werte ist. Gespräche über verfügbares Geld, die Ausgaben der Familie und den Verdienst werden in Paarbeziehungen und Familien also durchaus geführt, vor allem dann, wenn das Geld knapp ist.[28] Diese Befunde widersprechen keineswegs der Diagnose, wonach Geld ein "Tabuthema" ist.[29]

Im Freundes- und Bekanntenkreis scheint Geld, vor allem das eigene, allerdings tatsächlich ein Tabuthema zu sein. So stimmten 66 Prozent der Befragten der Aussage zu "Ich gewähre anderen Menschen nur ungern Einblick in meine Geldangelegenheiten".[30] Das Tabu wird auch dadurch genährt, dass es viele Arbeitgeber verbieten, im Kollegenkreis über Gehalt oder Prämien zu sprechen. Die Auseinandersetzung über Leistung und Lohn bleibt so im Bereich des Spekulativen, und damit auf der Gefühls- und nicht selten auch der Neidebene.

Es wird also sehr wohl über Geld gesprochen, allerdings bleiben das "eigene Geld" und die Art und Weise des konstruktiven Umgangs mit diesem außen vor, selbst im privaten Bereich, erst Recht im Bekannten- und Kollegenkreis.

Die Tabuisierung hat Folgen: Die Art und Weise des Umganges mit Geld wird (objektiv) immer wichtiger. Alters- und Gesundheitsvorsorge sind mittlerweile teilweise davon abhängig, wie vorhandenes Geld angelegt wird. Sparbücher sind kaum noch rentabel. Die Fülle der sonstigen Geldanlagemöglichkeiten wird immer unüberschaubarer. Die Finanzkrise hat viele der angepriesenen Möglichkeiten als Fallen entlarvt. Kompetenz in Gelddingen gilt daher immer mehr als (normative) Messlatte für eine souveräne Lebensgestaltung. Wer nicht mit Geld umgehen kann, fällt der Missachtung vieler Mitmenschen anheim, wird möglicherweise gar als lebensuntüchtig bezeichnet. Dessen ungeachtet ist souveränes Umgehen mit Geld kein Thema. Selbstzweifel und Unsicherheiten müssen die betroffenen Menschen in der Regel mit sich selbst austragen. Lernen, mit Geld umzugehen und Geldkompetenz werden so nicht gefördert.

Aber nicht nur die Tabuisierung trägt dazu bei, dass Wissen über kompetentes Umgehen mit Geld sich so zögernd verbreitet. Hinzu kommt:[31] Geldmilieus und Geldtypen: Freilich treffen diese Hindernisse nicht für alle Bevölkerungsteile gleichermaßen zu, für manche überhaupt nicht. Dies ist eine Frage der jeweiligen Geldkultur. In einer groß angelegten einschlägigen Untersuchung[32] werden acht Geldmilieus bzw. acht Geldtypen mit unterschiedlichen Einstellungen in Deutschland unterschieden:

Die Resignierten und Überforderten (19 Prozent der Bevölkerung) sehen sich am Rand der Gesellschaft und ohne Möglichkeiten, an ihrer finanziellen Situation selbst etwas zu ändern. Sie grenzen sich stark nach oben ab und empfinden sich als "underdog" bzw. als Opfer. Sie kümmern sich nicht um Geldangelegenheiten, verdrängen oft sogar ihre finanziellen Probleme, und befassen sich nicht konstruktiv mit ihren Finanzen. In dieser Gruppe sind Frauen häufiger vertreten als Männer, eher junge Menschen und Menschen mittleren Alters, besonders häufig Arbeiter und Arbeitslose, Bezieher niedriger Einkommen.

Die Sorglosen und Leichtfertigen (16 Prozent) leben "hier und jetzt", haben Freude am spontanen Konsumieren. Trotz begrenzter Geldmittel denken sie nicht an die finanzielle Zukunft und verdrängen eventuelle Probleme. Sie kümmern sich nicht um Finanzthemen und begegnen Finanzexperten mit großem Misstrauen. In diesem Milieu sind Männer und Frauen gleichermaßen zu finden, meist Menschen mit einfacher Bildung, häufig Menschen im Alter von über 50 Jahre, relativ viel Arbeiter und Rentner, wenige Bezieher überdurchschnittlicher Einkommen.

Die Bescheidenen (10 Prozent) weisen die traditionelle Sparmentalität auf. Sie agieren sehr vorsichtig mit ihren Finanzen. An Finanzanlagen jenseits herkömmlicher Sparformen wagen sie sich selten. Für sie ist Geld eine sehr privates Thema, über das sie kaum sprechen. Unter den Bescheidenen sind meist ältere Menschen zu finden, häufig Menschen mit einfacher Bildung, viele Rentner, aber auch nicht wenige Arbeitslose, in der Regel Bezieher unterdurchschnittlicher Einkommen.

Die Delegierer (10 Prozent) sind meist finanziell gesichert. Sie blicken unbekümmert und mit Zuversicht in die Zukunft und vertrauen die Verantwortung für das Management ihres Geldes Familienangehörigen oder Bankberatern an. Sie sehen keinen Grund, sich selbst damit zu befassen. Delegierer sind typischerweise Frauen, oft jüngeren bis mittleren Alters, Bezieher ausreichender Einkommen, versehen mit einer soliden Ausbildung, ausführende Angestellte bzw. Beamte und Personen in Ausbildung.

Die Pragmatiker (16 Prozent) betrachten Geld ausschließlich als Mittel zum Zweck und konzentrieren sich auf andere Lebensbereiche. Die öffentliche Diskussion über die Sicherungssysteme hat ihnen zwar die Notwendigkeit der aktiven Vorsorge vor Augen geführt, der sie aber nur sehr zögerlich Folge leisten. Unter den Pragmatikern finden sich Männer und Frauen gleichermaßen, eher junge Menschen mit mittlerer und gehobener Bildung aus allen Berufsgruppen, Bezieher sehr unterschiedlicher Einkommenshöhen.

Die Vorsichtigen (11 Prozent) legen besonderen Wert auf die Wahrung ihrer meist komfortablen finanziellen Situation. Sie befassen sich mit den Entwicklungen auf dem Finanzmarkt. Das veranlasst sie auch zu Veränderungen ihres Finanzverhaltens. Unter den Vorsichtigen befinden sich Männer und Frauen sowie Junge und Alte gleichermaßen; sie weisen häufig mittlere und gehobene Bildungsgrade auf und sind Bezieher gehobener Einkommen, typischerweise ausführende Angestellte und Beamte sowie Hausfrauen.

Für die Ambitionierten (7 Prozent) ist Geld der zentrale Gradmesser persönlichen Erfolgs. Sie beschäftigen sich intensiv mit Finanzfragen. Das dient nicht allein der Vermögensmehrung, sondern hat für sie auch einen hohen Freizeit- und Erlebniswert. Im Milieu der Ambitionierten finden sich fast nur Männer, oft recht junge mit mittelhohen Bildungsgraden und Einkommen, etwas häufiger Selbstständige, Freiberufler sowie leitende Angestellte und Beamte.

Souveräne (11 Prozent) sind in Finanzangelegenheiten sehr kompetent und interessiert. Sie informieren sich regelmäßig über die Finanzmärkte. Keine der oben genannten Hindernisse, sich mit Geld zu befassen, treffen auf sie zu. Souveräne sind meist Männer, meist im Alter zwischen 40 bis 59 Jahren, gut ausgebildet, häufig Selbstständige, Freiberufler sowie leitende Angestellte und Beamte, überwiegend Bezieher hoher Einkommen.

Es fällt auf, dass die Auflistung mit der Stellung der einzelnen Milieus bzw. "Geldtypen" im Gefüge sozialer Schichten zusammenfällt: Je positiver die "Geldeinstellung" ist, desto höher ist die Stellung in der Rangordnung von Qualifikation, beruflicher Stellung und Einkommen. Reiche verachten das Geld also nicht.

Es drängt sich die Frage auf, ob es die soziale Stellung ist, welche die Einstellung zum Geld prägt, oder ob - umgekehrt - bestimmte Einstellungen zum Geld mehr oder weniger erfolgsträchtig sind. Vieles spricht dafür, dass an der erstgenannten Kausalitätshypothese "mehr dran" ist als an der zweiten, so genannten "Selektionshypothese". Aber beweisen ließe sich das nur durch Längsschnittuntersuchungen, über die wir bislang auf diesem Gebiet nicht verfügen.

Schwierig ist auch die Frage zu beantworten, ob die zuletzt dargestellten Milieubefunde die soziologischen Pluralisierungstheorien oder die ökonomischen Theorien bestätigen. Auf den ersten Blick scheinen die Spannweite und die Unterschiedlichkeit der gezeigten Geldkulturen klar für die soziologischen Pluralisierungstheorien zu sprechen. Aber die Struktur der Milieus insgesamt zeigt auch, dass der Rationalitätsgrad des Umgehens mit Geld stark damit einher geht, in welchem Ausmaß über Geld verfügt werden kann. Das kommt dem Geist der ökonomischen Geldtheorien wieder sehr nahe.

Offene Fragen

Es wäre verfehlt, das Umgehen mit Geld vor dem bloßen Hintergrund eines Konkurrenzkampfs zwischen einer ökonomischen und einer kulturellen Sphäre bzw. zwischen ökonomischen und soziologischen Perspektiven zu deuten. Viel aufschlussreicher scheint es, den Wechselwirkungen nachzugehen, die zwischen der expandierenden ökonomischen Welt des Geldes und Konsums einerseits und den vielleicht gerade dadurch angeregten und ermöglichten Kulturen von Partnerschaften, sozialen Milieus und Ethnien andererseits entstehen. Darüber wissen wir noch nicht sehr viel.

Fußnoten

1.
Rainer-W. Hoffmann, Der schwierige Abschied von der D-Mark. Sozialwissenschaftliche Aspekte der Europäischen Währungsunion (EWU), WSI-Mitteilungen, 3 (1996), S. 176.
2.
George Ritzer, Die McDonaldisierung unserer Gesellschaft, Frankfurt/M. 1995.
3.
Viviane A. Zelizer 2000, Die Farben des Geldes. Vielfalt der Märkte, Vielfalt der Kulturen, in: Berliner Journal, 10 (2000) 3, S. 316.
4.
Vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frankfurt/M. 19012.
5.
Helena Flam/Gunter Göbel, Soziologie des Geldes: Arbeit Staat und Geld, in: Regina Metze/Kurt Mühler/Karl-Dieter Opp (Hrsg.), Der Transformationsprozess. Analysen und Befunde aus dem Leipziger Institut für Soziologie, Bd. 1, Leipzig 1998, S. 54.
6.
Vgl. ebd., S. 55.
7.
Vgl. V. A. Zelizer (Anm. 3), S. 328.
8.
Vgl. R.-W Hoffmann (Anm. 1).
9.
Vgl. Manfred Weber, Finanzmarkt und Finanzkultur, in: Karl-Rudolf Korte/ Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland Trend Buch. Fakten und Orientierungen, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2001, S. 330.
10.
Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Die soziale Situation in Deutschland, CD, 2008.
11.
Vgl. Rainer-W. Hoffmann, Geldkultur in Haushalt und Gesellschaft. Ausgewählte Facetten, in: Sylvia Gräbe, Vom Umgang mit Geld. Finanzmanagement in Haushalten und Familien, Stiftung der privaten Haushalte, Frankfurt/M. 1998, S. 23.
12.
Vgl. Tilman Heisterhagen/Rainer-W. Hoffmann/Frank Mußmann/Marc Pleimann/Sybill-Anett Strecker, Geld-Krise-Generation. Soziomonetäre Streifzüge im 20. Jahrhundert, Soziale Welt, 51 (2000), S. 463 - 486.
13.
Vgl. OECD, Database Economic Outlook 84, 2008.
14.
So schon Günter Schmölders, Psychologie des Geldes, Reinbek 1966.
15.
Vgl. Hans-Georg Häusel, Der Umgang mit Geld und Gut in seiner Beziehung zum Alter, Manuskript, 2001.
16.
Vgl. ebd.
17.
Vgl. Elmar Lange, Jugendkonsum im 21. Jahrhundert. Eine Untersuchung der Einkommens-, Konsum-, und Verschuldungsmuster der Jugendlichen in Deutschland, Wiesbaden 2004, S. 167ff.
18.
Vgl. ebd., S. 168f.
19.
Vgl. Karin R. Fries/Peter H. Göbel/Elmar Lange, Teure Jugend. Wie Teenager kompetent mit Geld umgehen, Opladen-Farmington Hills 2007, S. 145 - 157.
20.
Vgl. E. Lange (Anm. 17), S. 168f
21.
Vgl. Tatjana Rosendorfer, Kinder und Geld. Gelderziehung in der Familie, Stiftung der privaten Haushalte, Frankfurt/M. 2000.
22.
Marc Brost/Marcus Rohwetter, Das große Unvermögen. Warum wir beim Reichwerden immer wieder scheitern, Manuskript, Weinheim 2003.
23.
Vgl. Erich Kirchler/Christa Rodler/Eric Hölzl/ Katja Meier, Liebe, Geld und Alltag. Entscheidungen in engen Beziehungen, Göttingen 2000, S. 144.
24.
Vgl. ebd., S. 147.
25.
Vgl. Christine Wimbauer/Werner Schneider/ Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Prekäre Balancen - Liebe und Geld in Paarbeziehungen, in: Leviathan, 21 (2002), S. 268.
26.
Vgl. ebd., S. 282.
27.
Vgl. ebd., S. 282f.
28.
Vgl. T. Rosendorfer (Anm. 21).
29.
Vgl. M. Brost/M. Rohwetter(Anm. 22).
30.
Vgl. Spiegel-Verlag, Soll und Haben 3, Hamburg 1989.
31.
Vgl. Sinus Sociovision, Die Psychologie des Geldes. Qualitative Studie, Manuskript, Heidelberg 2004a.
32.
Vgl. dies., Die Psychologie des Geldes. Die acht Geldtypen und ihre Verteilung in Deutschland, Manuskript, Heidelberg 2004b.

Stefan Hradil

Zur Person

Stefan Hradil

Dr. Dr. h.c. 1946; Professor an der Johannes Gutenberg- Universität, FB 02 - Institut für Soziologie, 55099 Mainz.
E-Mail: hradil@uni-mainz.de


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