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5.6.2009

Architektur und soziale Selektivität

Die vielfältigen gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen erschweren es, allgemein akzeptierte ästhetisch-architektonische Standards zu setzen. Vielmehr wird die postmoderne Architektur zunehmend instrumentalisiert, um partikularen Interessen zu dienen.

Einleitung

Architektur und Städtebau haben - anders als die Stadtplanung - in den vergangenen drei Jahrzehnten verstärkte gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. Die Gründe dafür liegen zum einen in den veränderten Architekturstilen und dem gebauten Raum selbst, zum anderen in der gestiegenen Bedeutung von Architektur innerhalb gesellschaftlicher Diskurse und den damit verbundenen Positionierungen und Instrumentalisierungen. Diese wiederum sind Folgen eines komplexen wirtschaftlichen, technologischen, kulturellen und administrativen Wandels. Vor dem Hintergrund einer sich wieder stärker ausdifferenzierenden Gesellschaft haben die Produktion von Architektur und der Diskurs über diese zunehmend sozial selektive Wirkungen, die sich keinesfalls allein in Geschmacksfragen äußern, sondern auch bestehende soziale Inklusions- und Exklusionsprozesse unterstützen, ermöglichen und legitimieren.




In diesem Beitrag wird darüber reflektiert, dass Architektur und Städtebau in ihren bzw. seinen sozial selektiven Auswirkungen und Bedeutungen strategisch bewusst eingesetzt werden (beispielsweise beim "branding" eines Standortes oder beim "designing out" sozialer Problematik[1] aus dem innenstadt- nahen öffentlichen Raum). Meine These ist, dass die Instrumentalisierung der Architektur zur "Reinigung" des öffentlichen Raumes resp. zur Markenbildung von Städten, Regionen und Nationalstaaten eine ausgrenzende Wirkung gegenüber weniger erwünschten sozialen Gruppen entfaltet. Dazu steht nicht im Widerspruch, wenn ex-post dieser Fakt entschuldigend resp. schulterzuckend zur Kenntnis genommen wird. Mit diesem Beitrag wird das Ziel verfolgt, die Zusammenhänge zwischen dem Bau spektakulärer Gebäude, dem internationalisierten Architekturdiskurs und der ausgrenzenden Wirkung semiotischer Signale zu verdeutlichen.

Ökonomische Umstrukturierung, gesellschaftliche Ausdifferenzierung und Postmoderne

Über das Ausmaß, den Tiefgang, die Komplexität und Reichweite der aktuellen Prozesse des gesellschaftlichen Wandels besteht insofern Konsens, als diese gegenwärtig als intensiv eingeschätzt werden. Dennoch gibt es eine kaum übersehbare Breite an Deutungsangeboten seitens der Sozialwissenschaften, die sich zum einen hinsichtlich der Betonung der positiven resp. der negativen Effekte grundsätzlich unterscheiden, und die zum anderen bei der Betonung der wichtigsten "driving forces" sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen.[2]

Neben der verwirrenden Vielzahl unterschiedlicher Deutungsangebote sehe ich vor allem das Problem, dass die Vielfalt einzelner Aspekte und die noch größere Zahl an Zusammenhängen oftmals auf nur eine Kategorie reduziert werden. Wissenschaftliche Deutungsangebote einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft sind damit ähnlichen Prozessen unterworfen, wie die Architekturproduktion und Positionierung von Gebietskörperschaften: Prozessen der "Ökonomie der Aufmerksamkeit",[3] das heißt der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen.

Dieses zu kritisieren und gleichzeitig unzulängliche Verkürzungen weitgehend zu vermeiden, ist eine Gratwanderung auf engem Raum. Zentral sind sicherlich die Auswirkungen der Globalisierung als Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklungen, die vor Ort unterschiedliche Auswirkungen haben: hinsichtlich des Arbeitsmarktes, der Arbeitsbedingungen, der Lohnniveaus, der Prestige von Berufen sowie die daran eng gekoppelten sozialstaatlichen Leistungen, deren Möglichkeiten selbst an die ökonomische Entwicklung gebunden sind. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft ist davon analytisch zu trennen, auch wenn es intensive Durchdringungen mit Globalisierungseffekten gibt. In dessen Folge verändern sich Arbeitsinhalte, -motivationen und Identifikationsprofile, was sich wiederum in veränderten Wertvorstellungen, Rollenbildern und Sozialisationsmustern niederschlägt.

Beide Veränderungen führen dazu, dass die Differenzen der Entlohnungen größer werden, die Arbeitsplatzsicherheit in spezifischen Branchen und für bestimmte Bildungsniveaus abnimmt, mit der Folge, dass die sozioökonomischen Ungleichheiten seit den 1980er Jahren wieder zunehmen.

Schließlich verändern sich auch soziodemographische Faktoren, was gegenwärtig vor allem als Überalterung resp. "Unterjüngung" diskutiert wird.[4] Bedeutsam ist darüber hinaus die Tatsache, dass die Scheidungsraten weiter ansteigen und - letztlich auch deshalb - der Anteil Alleinerziehender und kleiner Haushalte zunimmt. Ein dritter Faktor ist die Zunahme der Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund.

Sozioökonomische und soziodemographische Umstrukturierungen bewirken ihrerseits soziokulturelle Veränderungen: der Geschlechterrollen aufgrund der gerade für Frauen veränderten Bildungsniveaus, der berufsfeldbezogenen Sozialisationsmuster der modernen Dienstleistungsbranchen sowie der gesellschaftlichen Trends aus den Öffnungstendenzen der 1970er Jahre, aber auch der Individualisierung, die in den 1990er Jahren (erneut) ihren Anfang nahmen.[5] Für die soziokulturellen Ausdifferenzierungen wurde das Milieu- resp. das Lebensstil-Modell entwickelt.[6]

Die gesellschaftlichen Umbrüche, die in den 1980er Jahren ihren Anfang nahmen, werden zudem unterschiedlich interpretiert. Für die Analyse der komplexen Formen des Wandels erscheinen mir die Postfordismus-Thesen, insbesondere die regulationstheoretischen Ansätze am plausibelsten. Für die veränderten Formen, Wahrnehmungen und Instrumentalisierungen von Architektur bietet sich die Bandbreite an Postmoderne-Thesen an, die vor allem unter Künstlern und Architekten einen erheblichen Einfluss auf den Diskurs haben.[7]

Diese Diskurse werden in der Regel voneinander getrennt geführt, beschreiben jedoch aus der jeweils spezifischen Sicht Umbrüche mit zumindest zeitlicher Parallelität, ohne jedoch auf die Wechselbeziehungen zwischen ökonomischer Umstrukturierung und neuen Steuerungsmodellen im zunehmend internationalen Maßstab auf der einen Seite und lokal ausgebildeten Auf- und Umbruchtendenzen im künstlerischen und kulturellen Bereich auf der anderen Seite einzugehen. Erst die Inkorporierung der Breite postmoderner kultureller "Glocalitäten" in flexible Formen der Kapitalverwertung macht den Übergang zur "Ökonomisierung der Kultur" in ihren standortbildenden Wirkungen verständlich.

Die flexiblen Formen der gesellschaftlichen Steuerung treffen ebenso wie die Postmoderne-Thesen zudem auf multiple gesellschaftliche Ausdifferenzierungen. Dabei entspricht die Sichtweise auf eine neue Vielfalt von architektonischen Möglichkeiten und Ausdrucksformen ("form follows fiction", "anything goes") am ehesten dem Lebensstil-Modell (Raum der Lebensstile), steht allerdings den Klassenmodellen fundamental gegenüber (Raum der sozialen Positionen).[8]

Doch nicht nur der Diskurs über die unterschiedlichen Aspekte des umfangreichen Sozialen Wandels[9] hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert, sondern auch die Gesellschaften und insbesondere die Relationen zwischen sozialen Gruppen selbst. Mit der Zunahme der Beschleunigung der Aspekte des Sozialen Wandels wachsen zugleich die Verunsicherungen und Ängste über die eigene soziale Lage und die künftige Entwicklung.

In diesem Zusammenhang nimmt die Möglichkeit, sich mit dem jeweiligen (Wohn-)Ort identifizieren zu können, deutlich zu (auf der regionalen Ebene, der Gemeinde, des Stadtteils und Kiezes) und wird für immobile Gruppen sogar zur Notwendigkeit. In dieser Situation wird eine Zuspitzung der Auseinandersetzung um die kulturelle Hoheit - gegenüber Fremden, die Menschen mit Zuwanderungshintergrund sein können ebenso wie Bourgeois Bohemians (BoBos) -, um neue Einrichtungen des Einzelhandels und der Gastronomie, aber auch neue Architektur resp. städtebauliche Gestaltung des öffentlichen Raumes zu einem wesentlichen Element der Identifikation mit dem Ort. Vor diesem Hintergrund ist die zunehmende Tendenz des Rückzugs in "geschützte Quartiere" nachvollziehbar (über die "gated community", die "edge city" zum Themenwohnen resp. den zahlreichen Projekten des Gemeinschaftswohnens).[10]

Architektur im "Zeitalter der Ästhetisierung"

Architektur ist als gebaute und rhetorische Symbolisierung in spezifische gesellschaftliche Diskurse eingebettet[11] und trifft mit ihren aktuellen Ausdifferenzierungen und Distinktionsformen des Gebauten auf gesellschaftliche Ausdifferenzierungen entlang von sozialen Lagen, sozialen Milieus, Habitusformen (Geschmack)[12] und Lebensstilen. In diesem Zusammenhang kommt der Inszenierung über Marken, Symbole und über die Ästhetisierung besondere Bedeutung zu (in den Kategorien Bourdieus: symbolisches Kapital).[13]

Gerade die "ModernisierungsgewinnerInnen" und VertreterInnen der neuen, kreativen Dienstleistungsberufe[14] nutzen die distinktive Kraft des symbolischen Kapitals. Das setzt allerdings voraus, dass die Codes der Symbole erkannt, in ähnlicher Weise hierarchisiert und schließlich so angewandt werden, dass die eigene soziale Lage in der Gesellschaft günstig positioniert, das heißt "nach oben" resp. in eine als attraktiv anerkannte Nische verschoben werden kann.

Diese postmaterielle und -moderne Positionierung ist die Voraussetzung dafür, dass die Ökonomie der Aufmerksamkeit ihre Bedeutung gewinnt und sich vom Ort des Gebäudes lösen kann: "Den eigentlichen Durchbruch der Medienästhetik signalisiert in der Architektur der Umstand, daß es wichtiger geworden ist, wo die Publikation des Hauses erscheint, als wo es steht."[15]

Die dort ausgetauschten, vor allem ästhetischen Codes dienen der Positionsbestimmung in einer Gesellschaftsinterpretation (Bedeutung), die im Diskurs als bedeutsam durchgesetzt wurde. Vor diesem Hintergrund sind postmoderne Architekturformen, resp. der Diskurs über "gute Architektur" eine (wichtige) "Währung" des Tauschs von Positionierungen und - unter "Gleichen" - der Distinktion (Suche nach Individualität).

Architektur und Städtebau als Standortfaktor

Spätestens seit dem Bau des Guggenheim Museums in Bilbao (Frank O. Gehry, 1997)[16] gehen WissenschaftlerInnen und insbesondere VertreterInnen von Gebietskörperschaften davon aus, dass sich eine spektakuläre Architektur als attraktiv für TouristInnen und letztlich auch für Auslands-Direktinvestitionen erweist (die wichtigsten Indikatoren für Attraktivitätsüberschüsse). Mittels Kulturbauten, zunehmend auch durch Bürohochhäuser oder im Geschosswohnungsbau "verwirklichen" sich nicht nur Star-ArchitektInnen, sondern auch DeveloperInnen, InvestorInnen, BauträgerInnen und letztlich auch die Städte selbst: "Die Ästhetik, die der organisierte Kampf um die Aufmerksamkeit eines tendenziell weltweiten Publikums hervorbringt, ist weniger ein Kunst- als ein Überlebensstil."[17]

Durch die Verschiebungen des Kräfteverhältnisses zwischen InvestorInnen und Stadtverwaltungen gerät die Architektur der Profanbauten in ein weiteres Spannungsverhältnis. ArchitektInnen verkleiden durch Fassadengestaltung häufig nur noch die Innenorganisation der Gebäude, deren Struktur vor allem betriebswirtschaftlich bestimmt wird.[18] Sie selbst - Ihr Namen - verschwinden zunehmend hinter der Darstellung der Gebäude, während sich die Städte, die DeveloperInnen und InvestorInnen zunehmend preisen.[19]

Das Guggenheim-Museum ist die "Spitze des Eisbergs" eines Trends, möglichst viele Gebäude unterschiedlicher "Star"-ArchitektInnen[20] innerhalb der eigenen Mauern zu errichten. Vor dem Hintergrund eines zunehmenden Wettbewerbs von Städten und Stadtregionen um Wirtschaftswachstum, Auslands-Direktinvestitionen, Positionen in "rankings", TouristInnen und um die Identifikation der BürgerInnen mit ihrem Wohnort werden Architektur und Städtebau (des öffentlichen Raumes) zunehmend lediglich als Standortfaktor genutzt - eine neue Variation der Nutzung von Architektur zu Zwecken der Sicherung von Herrschaft und Macht.[21]

Paradox erscheint in diesem Wettbewerb, dass die Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal (usp - unique selling preposition) zu immer gleichen Strategien (Star-Architektur, Städtebau nach den jeweiligen Modeströmungen) und Personen führt, das heißt, dass lediglich "Erfolgsmodelle" kopiert werden.

Die Bedeutung von Architektur und Städtebau für die Verstärkung von Inklusions- und Exklusionstendenzen

Architektur - das ist nicht neu - kann als Identifikationsgegenstand genutzt werden. Ebensowenig neu ist, dass Architektur auch verwendet wird, um Herrschaft und Macht über das Territorium zu bestätigen oder zu erringen, wobei dies nicht nur auf die Gebäude mit ihrer Funktion zutrifft, sondern auch auf die damit verbundenen Symbole (die 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr "senden") resp. die damit verbundenen Diskurse um Urbanität, Moderne, Wettbewerbsfähigkeit, Kreativität etc.[22]

Wenn Architektur und der Städtebau mit ihren Produkten auf spezifische soziale Gruppen zielen, gibt diese Architektur nur diesen Gruppen die Gelegenheit, sich mit deren Ergebnissen über die Ästhetik resp. diskursive Logik zu identifizieren, das heißt, diese Orte zu Ihren Bühnen zu machen.[23]

Augenfälltig wird die in der "zweiten Gründerzeit" an den Orten der frühen Industrialisierung, die nach langer Brache einer neuen Nutzung zugeführt werden. In den alten Hafen- und Industrieanlagen, auf den Bahn- und Postflächen wurden die gegenwärtig größten Baustellen eingerichtet, und diese Flächen wurden mit erstaunlich homogener Ästhetik entwickelt. Statt sich - wie in der Vergangenheit - um soziale Mischung bei funktionaler Trennung zu bemühen, sind diese neu entwickelten Gebiete bei funktionaler Heterogenität sozial eher homogen (nach sozialer Lage und dem sozialen Milieu).

Nicht nur Kaufpreis und Mieten sowie das Preisniveau der Waren machen diese Orte nur für einen Teil der StadtbewohnerInnen zugänglich, sondern auch die architektonischen Formen und gewählten Materialien. Der "teure" Eindruck führt dazu, dass diese Orte von vielen sozialen Gruppen gemieden werden: "In vielen Fällen ist die Semiotik des sogenannten zu verteidigenden Raumes ungefähr so subtil wie ein großspuriger weißer Polizist. Die schicken, pseudoöffentlichen Räume von heute - Luxus-Einkaufspassagen, Bürozentren usw. - sind voll unsichtbarer Zeichen, die den Anderen aus der Unterschicht zum Gehen auffordern. Architekturkritikern entgeht zwar meist, wie die gebaute Umwelt zur Segregation beiträgt, aber die Parias - arme Latinofamilien, junge schwarze Männer oder obdachlose alte weiße Frauen - verstehen ihre Bedeutung sofort."[24]

Eine besondere Bedeutung kommt dem Umbau der Bahnhöfe zu, der in fast jeder deutschen Großstadt durchgeführt wird.[25] Da öffentlicher Personentransport zunehmend mit einem gestylten Einkaufserlebnis verbunden wird, die Pflege und der Unterhalt der "öffentlichen Raume" privatisiert wurden, sind spezifische SSS-Konzepte (Sicherheit, Sauberkeit, Service) entwickelt worden. Sie haben das Ziel, die teilweise sehr umfangreichen Szenen (Obdachlosigkeit, Drogenkonsum und -handel, Beschaffungskriminalität und Prostitution) aufzulösen und vom Ort zu verweisen.

Vor etwa 20 Jahren setzte ein Sicherheitsdiskurs in deutschen Großstädten ein, verursacht durch den Konsum und Handel illegaler Drogen sowie der damit einhergehenden Beschaffungskriminalität und Prostitution. In dieser Situation suchten Kommunen die "Lösung" ihrer Probleme durch den Import von Strategien, die in New York "erfolgreich" eingesetzt wurden. Auf den broken windows-Thesen[26] aufbauend, wurde argumentiert, dass eine bauliche Verwahrlosung (urban decay) Hand in Hand mit sozialem Niedergang gehe und es daher angebracht sei, frühzeitig und konsequent präventive Maßnahmen auch gegen unerwünschte soziale Gruppen zu ergreifen.

Ohne länger über Ursachen und Folgen nachzudenken, geht es in der Strategie darum, die Kontrolle über den Raum zurückzugewinnen. Da die sozialen Gruppen mit eigenständiger sozialer Kontrolle überfordert schienen, trat an ihre Stelle eine institutionelle Kontrolle - meist in Zusammenarbeit von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten unter Einsatz technischer Hilfsmittel wie Kameras und Abhöranlagen.[27] Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist Crime Prevention Through Environmental Design auf der Basis architektonischer, städtebaulicher und landschaftsplanerischer Maßnahmen, durch: ? Optimierung der Sichtbarkeit an Parkplätzen, Garagen, Unterführungen, Hauseingängen (natural surveillance); ? klare rechtliche und organisatorische Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum (territorial reinforcement); ? eindeutige Wegführung sowie Kontrolle von Eingangssituationen (natural access control) und ? Maßnahmen zum Schutz vor Einbrüchen (target hardening).

Mit städtebaulichen und architektonischen Maßnahmen soll also die Ordnung im öffentlichen Raum im Sinne einzelner Gruppen hergestellt werden. Mit diesem "designing out" sozialer Problematik, die sich an bestimmten Orten "mit guten Gründen" zeigt, wird zwar der Ort sozial gereinigt, nicht aber das soziale Problem gelöst - es wird allenfalls verlagert.[28]

Subtiler, aber im Ergebnis ähnlich, wirken die "business improvement districts" (BID). Hier finanzieren GrundstückseigentümerInnen sowie Einzelhandels- und Gastronomiebetriebe (bisweilen auch die Kommunen resp. das Bundesland) Maßnahmen zur Verschönerung und Aufwertung des öffentlichen Straßenraumes. Mit architektonischen und gestalterischen Mitteln wird ein Image geprägt, über SSS-Strategien werden "Ordnung und Sauberkeit" gesichert und schließlich über ein gemeinsames Marketing wird die Adresse "gebrandet".

Diese Strategien bilden eine neue "Politik der Lebensstile",[29] das heißt, Architektur und Design werden als Image genutzt, um ökonomische Ziele durchzusetzen. Dies führt in letzter Konsequenz vor dem Hintergrund einer ausdifferenzierten Gesellschaft zu einer sozialen Homogenisierung urbaner Räume, um zielgruppenspezifische Formen des Einkaufserlebnisses ebenso abzusichern, wie der Verunsicherung gegenüber der wachsenden Zahl der "Anderen" vorzubeugen. Das Ergebnis ist eine Fülle von Parallelgesellschaften, deren Mitglieder einander teilweise benötigen, um sich zu inszenieren, einander teilweise aber auch in Konfrontation gegenüberstehen. Ein über Design und Architektur geprägter städtischer Raum verliert damit an Möglichkeiten einer breiten Identifizierung und damit an Integrationspotenzial einer urbanen Gesellschaft.

Fußnoten

1.
Schon die Definition dessen, was von wem in welcher sozial-räumlichen Konfiguration als "sozial problematisch" definiert wird, bedarf einer Reflektion, weil im Namen eines "öffentlichen Interesses" gegenwärtig soziale "Randgruppen" aus zentralen Orten des öffentlichen Raumes abgedrängt werden, mit dem Ergebnis, dass die gleichen Menschen mit den gleichen Verhaltensweisen an anderen Orten wieder auftreten und im Extremfall dort relativ unkontrolliert ihr Verhalten leben. Es wird also nicht mehr das abweichende Verhalten per se verfolgt, sondern zentrale Orte werden sozial "gereinigt".
2.
Vgl. Armin Pongs, In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?, München 1999 (Band 1), 2000 (Band 2).
3.
Vgl. Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München 1998.
4.
Diese sprachliche Unterscheidung verweist auf die beiden Anlässe - die zunehmende Lebenserwartung und die zurückgehenden Geburtenraten.
5.
Gerade hinsichtlich der Deutungen der neuen gesellschaftlichen Trends wirkt sich die Orientierung an Alleinstellungsmerkmalen auch von WissenschaftlerInnen aus (Kreation von Begriffen, die mit dem eigenen Namen verbunden werden, Überbetonung der neuen Trends). Zudem werden in der Ungleichheitsforschung die "alten Modelle" vorschnell zur Seite gelegt und neue als allein gültig und für alle Gruppen als verbindlich erklärt; ein angemessener Ansatz wäre die Annahme der Überlagerung der Ungleichheitsfaktoren, die immer noch vom Ständestaat bis zum Lebensstil-Modell reichen (gerade offizielle Vertreter statushoher Berufsgruppen wie ArchitektInnen bemühen sich nach wie vor, ihren Berufsstand in ständestaatlichen Mustern zu definieren: Rekrutierung, Initialisierung etc.).
6.
Vgl. Jens S. Dangschat, Soziale Ungleichheit, gesellschaftlicher Raum und Segregation, in: ders./Alexander Hamedinger (Hrsg.), Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen, Hannover 2007, S. 21 - 50.
7.
Postfordismus: Vgl. Joachim Hirsch/Roland Roth, Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Postfordismus, Hamburg 1986; Regulationstheorie: Lars Kohlmorgen, Regulation, Klasse, Geschlecht - Die Konstituierung der Sozialstruktur im Fordismus und Postfordismus, Münster 2004; Postmoderne: Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen, Wien 1999 oder David Harvey, The Condition of Postmodernity, Cambridge 1995; Postmoderne Architektur: Charles Jencks, Die Sprache der postmodernen Architektur. Die Entstehung einer alternativen Tradition, Stuttgart 1978.
8.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982, Kap. 5 - 7.
9.
Dieser umfasst alle wirtschaftlichen, technologischen, politischen, institutionellen, demographischen und kulturellen Aspekte. Wäre das nicht so, müsste man alle wirtschaftlichen, technologischen etc. Trends als außerhalb der Gesellschaften verstehen - eine wohl absurde Annahme.
10.
Mit dieser Aufzählung soll nicht das unterschiedliche Ausmaß der Rigidität des sozialen Rückzugs übersehen, vielmehr auf die Gemeinsamkeit hingewiesen werden, dass solche Wohnformen die urbane Toleranz im öffentlichen Raum nicht gerade fördert, was wiederum dazu führt, dass dieser für eine breite Bürgerlichkeit sozial homogenisiert wird. Vgl. Jens S. Dangschat, Segregation und Sicherheitsaspekte in Städten, in: Der Städtetag, (2007) 2, S. 12 - 16.
11.
Betrachtet man die soziale Lage von Architekturschaffenden, so spiegelt sich hier ein im Architekturdiskurs vernachlässigter Mikrokosmos gesellschaftlicher Ausdifferenzierung wider. Die Architektur,stars (big ten), deren Zahl bisweilen auch auf 20 oder 30 Personen ausgeweitet wird, sind (Mit-)Eigentümer großer Unternehmen von Personen, die meist als ausgebildete ArchitektInnen und oft prekären Arbeitssituationen temporär beschäftigt sind. Dahinter folgen die "Auffüller", "Aufsteiger", "Kurz-Bekannten", gesettelten jungen Wilden, die sich regional und lokal behaupten können, begleitet und unterfüttert von den creative workern, SelbstausbeuterInnen in Kreativ-Fabriken, start-up-Lofts oder im nowhere land.
12.
Vgl. Pierre Bourdieu/Jean Claude Passeron, Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt, Frankfurt/M. 1973.
13.
Vgl. Pierre Bourdieu, Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt/M. 1974.
14.
Vgl. Richard Florida, The Rise of the Creative Classes. And How It's Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, New York 2002.
15.
Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München 1998, S. 177.
16.
In Wahrheit haben sich diese Tendenzen bereits mit den ersten postmodernen Kultur- und anderen öffentlichen Gebäuden gezeigt - das städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach (Hans Hollein 1982), Staatsgalerie Stuttgart (James Stirling 1984).
17.
G. Franck, (Anm. 15), S. 174.
18.
Vgl. Christian Kühn, Strategie des Anpickens, in: ders. (Hrsg.), Ringstraße ist überall. Texte über Architektur und Stadt 1992 - 2007, Wien 2008, S. 135 - 138.
19.
Ein besonders markantes Beispiel stellt die 80-seitige Beilage der Tageszeitung Österreich vom 29.3. 2009 dar: Dort wird - u.a. auf 45 Seiten bezahlter Werbung durch Unternehmen der Baubranche und von Gebietskörperschaften - dargestellt, wie die Baubranche mit ca. 50 Milliarden Euro in 2009 an Fördergeldern und privaten Investitionen zur "Konjunkturlokomotive" werden solle, "die Österreich aus der Krise zieht". "Dabei entwickeln mutige Bauherren eindrucksvolle Projekte, die schon jetzt zu den neuen Architektur-Juwelen Europas zählen." (S. 4) Genannt werden in der Bilderflut moderner Architektur von etwa 50 Projekten jedoch lediglich zwei Namen aus der Liste der top ten: Jean Nouvel und Zaha Hadid.
20.
Die einzige Frau in dieser "Phalanx der Männer" ist Zaha Hadid, Büro in London, Lehrstuhl in Wien.
21.
Vgl. Pierre Bourdieu, Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum, in: Martin Wentz (Hrsg.), Stadt-Räume, Frankfurt/M. - New York 1991, S. 25 - 34.
22.
Vgl. den Kampf um die Hegemonie als Vorherrschaft über die Köpfe der Massen bei Antonio Gramsci, Philosophie der Praxis, in: Gefängnishefte 10 und 11, Hamburg 1995.
23.
Um diese Aspekte von In- und Exklusion kann es an dieser Stelle nur gehen - die weit bedeutsameren Formen von gesellschaftlichen Integrationsmöglichkeiten liegen in den Bereichen Bildung und Erwerbsarbeit, staatsbürgerliche Rechte und gesellschaftliche Diskriminierung.
24.
Mike Davis, Cities of Quartz, Berlin 1994, S. 262.
25.
In Wien wurden und werden in kurzem Abstand fünf Fernbahnhöfe umgebaut und die Freiflächen um zwei wichtige Umsteigebahnhöfe der U-Bahn neu gestaltet.
26.
Diese gehen auf James Q. Wilson/George L. Kelling, Broken Windows: The Police and Neighbourhood Safety (1982) zurück, in: www.manhattan-institute.org/pdf/_ atlantic_monthly-broken_windows.pdf (27.3. 2009).
27.
Vgl. Jan Wehrheim, Von der Urban Underclass zu Zero Tolerance. Über Armut und Polizei in US-amerikanischen Städten, in: Forum Wissenschaft, (1999) 2, S. 6 - 11.
28.
Die Wiener Kommunalpolitik meint, die räumliche Konzentration von Menschen mit unterschiedlichen Formen von Suchtkrankheiten, Sichtbarkeit von Armut, Obdachlosigkeit und Verwahrlosung sowie Drogenhandel am Karlsplatz dadurch lösen zu können, dass ein ArchitektInnen-Wettbewerb ausgeschrieben und das Einzelhandelsangebot in der zur U-Bahn führenden Passage korrigiert wird. Vgl. Jens S. Dangschat, Symbolische Macht und Habitus des Ortes. Die Architektur der Gesellschaft aus Sicht der Theorie(n) sozialer Ungleichheit von Pierre Bourdieu, in: Joachim Fischer/Heike Delitz (Hrsg.), Die ,Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld, 2009, 2. 311-341.
29.
Damit ist eine bewusste Inszenierung von Orten mittels der Lebensstile gemeint, die dazu dient, die eigenen Werte und Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Vgl. Jens S. Dangschat, Raum als Dimension sozialer Ungleichheit und Ort als Bühne der Lebensstilisierung? - Zum Raumbezug sozialer Ungleichheit und von Lebensstilen, in: Otto G. Schwenk (Hrsg.), Lebensstil zwischen Sozialstrukturanalyse und Kulturwissenschaft, Opladen 1996, S. 99 - 135.

Jens S. Dangschat

Zur Person

Jens S. Dangschat

Dr. phil., geb. 1948; o. Univ.-Professor für Stadt- und Regionalsoziologie; seit 1998 Professor für Siedlungssoziologie und Demographie an der Technischen Universität Wien, Fakultät für Architektur und Raumplanung.
E-Mail: jens-dangschat@tuwien.ac.at


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