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1.4.2009

Kindheiten in Stadt(teil) und Familie

Kinder wachsen in Städten in unterschiedlichen räumlichen Umwelten mit ungleichen Lebenschancen auf. Anhand zweier Beispielstädte wird dies exemplarisch gezeigt; und es werden die Folgen für Familienpolitik benannt.

Einleitung

In den Städten wachsen Kinder in unterschiedlicher Nachbarschaft auf. Viele Familien leben in den engen, armen Vierteln in Innenstadtnähe und in den Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Andere (und zwar deutlich weniger) Familien leben in den bürgerlichen Wohnvierteln der großen Städte; die meisten Mittelschichtfamilien hat es in den letzten Jahren in das suburbane Umland der Vorstädte gezogen. Verbunden mit diesen verschiedenen Milieus sind unterschiedliche alltagsweltliche "Normalitäten" des Familienlebens, in die Kinder hineinwachsen, und unterschiedliche Benachteiligungen und Privilegien, die Kinder und Jugendliche erfahren und die ihren Start ins Erwachsenleben nachhaltig prägen. Wir wissen zum Beispiel aus der empirischen Bildungsforschung und der Gesundheitsforschung, dass Armut die Lebenschancen von Kindern nachhaltig negativ beeinflusst. Neuere Studien zeigen aber auch, dass die räumliche Konzentration ("Segregation") von Menschen in ähnlichen Lebenslagen solche individuellen Benachteiligungen (beziehungsweise Privilegierung) verstärkt.

Diese Zusammenhänge werden wir im vorliegenden Beitrag empirisch anhand von Ergebnissen der kommunalen Familienberichterstattung in Nordrhein-Westfalen untersuchen.[1] Wir werden zeigen, dass sich die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche in Deutschland aufwachsen, tatsächlich im kleinräumigen Vergleich erheblich voneinander unterscheiden. Dabei sehen wir, dass es signifikante Unterschiede der Bedingungen des Aufwachsens von Kindern im Vergleich von Städten gibt, dass aber auch innerhalb der Grenzen einer einzigen Stadt ein hohes Maß an kleinräumiger Differenzierung von "Familienwelten" festzustellen ist. In diesem Zusammenhang wird zu untersuchen sein, ob eine sozialräumliche Perspektive zur Differenzierung unterschiedlicher Familienwelten und unterschiedlicher Kindheiten in den Städten ausreicht oder ob weitere Kriterien zur Unterscheidung herangezogen werden müssen.

Wir gehen diesen Fragen exemplarisch anhand von Ergebnissen einer kleinräumigen Familienberichterstattung durch repräsentative, schriftliche Familienbefragungen in den NRW-Städten Mülheim an der Ruhr und Gladbeck nach. Mülheim an der Ruhr ist die Stadt mit den meisten Einkommensmillionären in diesem Bundesland und einem von Dienstleistungsberufen geprägten Arbeitsmarkt. Gladbeck ist eine vom Strukturwandel gebeutelte alte Industriestadt in der Emscherzone mit hoher Arbeitslosigkeit. Nur auf den ersten Blick sind die im Folgenden dargestellten Strukturen Besonderheiten des Ruhrgebiets.[2] Tatsächlich haben wir es mit Zusammenhängen zu tun, die wir überall in den großen Städten in Deutschland finden.[3]

Zwei Städte: Zwei Kindheiten?

Vergleichen wir zunächst die Lebenslagen und die Alltagsbedingungen des Familienlebens in der "reichen" Stadt Mülheim und dem "ärmeren" Gladbeck. Erwartungsgemäß unterscheiden sich die typische Mülheimer und die typische Gladbecker Familie signifikant voneinander.

Die wirtschaftliche Lage der Familien hat einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung und die Zukunftschancen von Kindern. Welches Einkommen eine Familie zur Verfügung hat, hängt in der Regel neben dem Arbeitsplatzangebot auch vom Qualifikationsniveau der Familienmitglieder ab, die Arbeit nachfragen. Das Niveau der Arbeitslosigkeit und des Arbeitsplatzangebotes unterscheidet sich zwischen beiden Städten. In Mülheim an der Ruhr gibt es weniger Arbeitslose und deutlich mehr Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich als in Gladbeck. Diese Unterschiede sollen nicht weiter kommentiert werden. Ihnen entsprechen aber deutlich unterschiedliche formale und am Arbeitsmarkt verwertbare Qualifikationsniveaus der erwachsenen Familienmitglieder in den jeweiligen Kommunen.

Der Einkommensvergleich ergibt, dass den Gladbecker Familien im Schnitt ein monatliches Äquivalenzeinkommen von 904 Euro zur Verfügung steht, während Familien in Mülheim an der Ruhr mit 1181 Euro 30 Prozent mehr Einkommen zur Verfügung haben. Mehr als 40 Prozent der Gladbecker Familien leben in Armut oder in armutsnahen Verhältnissen. In Mülheim an der Ruhr sind es nur 21 Prozent. In etwa vier von zehn Familien in Mülheim an der Ruhr hat mindestens ein Elternteil einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss, während in Gladbeck nur jede sechste Familie eine Akademikerfamilie ist. Schließlich sind die Gladbecker Eltern im Durchschnitt ein Jahr kürzer zur Schule gegangen als die Mülheimer Eltern.

Unter den Alleinerziehenden, den kinderreichen Familien und den Familien mit Migrationshintergrund findet man überdurchschnittlich häufig auch ein formal niedrigeres Bildungsniveau und ein geringeres Einkommen bzw. eine schwierigere wirtschaftliche Lage.[4] Aus den besonderen Belastungen dieser Lebensformen - auch vor dem Hintergrund fehlender materieller Ressourcen - ergeben sich Belastungen, die sich auch in unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebenschancen der Kinder äußern. In der kommunalen Familienberichterstattung bezeichnen wir diese Familien daher als Familien mit "besonderem Unterstützungsbedarf".

In allen großen Städten ist die Familie mit Kindern die Lebensform einer Minderheit, und große Teile dieses "Familiensektors" sind Alleinerziehende, in Armut lebende Familien und Familien mit einem Migrationshintergrund. Betrachten wir exemplarisch unsere beiden Beispielkommunen: Im "armen" Gladbeck weist mit 52 Prozent mehr als die Hälfte der Familien einen besonderen Unterstützungsbedarf auf. In Mülheim an der Ruhr sind es immerhin noch 44 Prozent. Allerdings sind die Unterschiede von Lebenssituationen innerhalb dieser Gruppen von Familien in potentiell problematischen Lebenslagen im Städtevergleich beträchtlich. In Mülheim an der Ruhr ist nur jede fünfte Familie eine Migrantenfamilie, in Gladbeck dagegen jede dritte. Entsprechend unterscheiden sich die Anteile der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren, die in einer Familie mit Migrationshintergrund leben. Während 21 von 100 Mülheimer Kindern einen Migrationshintergrund aufweisen, trifft dies in Gladbeck auf 40 von 100 Kindern zu.

Für eine passgenaue Familienpolitik gilt es aber auch innerhalb dieser Gruppe noch einmal zu differenzieren und die unterschiedlichen Herkunftsländer bzw. Wanderungsgeschichten zu berücksichtigen. Der Anteil der Familien, die mit einem türkischen Migrationshintergrund in Deutschland leben, ist in Gladbeck mehr als doppelt so hoch wie in Mülheim an der Ruhr. Hier sprechen knapp 28 Prozent der Kinder, die im Alltag überwiegend nicht deutsch sprechen, türkisch oder kurdisch. In Gladbeck ist dieser Anteil mit knapp 60 Prozent mehr als doppelt so hoch. Die Zahl der kinderreichen Familien ist in Gladbeck wesentlich höher als in Mülheim an der Ruhr. Jede fünfte Familie in Gladbeck hat drei oder mehr Kinder. In Mülheim an der Ruhr ist dagegen nur jede achte Familie kinderreich. Die Hälfte der vielen Kinderreichen in Gladbeck weist auch einen Migrationshintergrund auf (in Mülheim an der Ruhr hat nur ein Fünftel der kinderreichen Familien zusätzlich einen Migrationshintergrund). Dafür gibt es dort deutlich mehr alleinerziehende Eltern.

Die Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf weisen insgesamt ein überdurchschnittliches Armutsrisiko auf. In Gladbeck lebt von allen Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf fast die Hälfte in Armut.[5] In Mülheim an der Ruhr ist es dagegen nur ein Fünftel der Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf, das in Armut lebt (vgl. Tabelle auf Seite 28 der PDF-Version).

Erwartungsgemäß unterscheiden sich die Lebenschancen der Kinder in beiden Städten stark. Ein Beispiel, auf das wir uns hier beschränken wollen, ist die Bildungsbeteiligung. Betrachtet man nur die Anteile der Kinder von elf bis unter 17 Jahren, die auf eine Hauptschule oder ein Gymnasium gehen, so zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Kommunen, die sich zum Teil auf die unterschiedlichen Bildungsniveaus der Eltern in den beiden Kommunen zurückführen lassen.[6] In Mülheim an der Ruhr gehen nur fünf Prozent der Kinder dieser Altersgruppe auf eine Hauptschule. In Gladbeck ist der Anteil mit 15 Prozent dreimal so groß. Umgekehrt verhält es sich mit dem Anteil der Gymnasiasten. Während in Gladbeck ein knappes Viertel der Kinder zwischen elf und 17 Jahren ein Gymnasium besucht, sind es in Mülheim an der Ruhr mit 44 Prozent fast doppelt so viele. Der Bildungsstatus der Eltern wird hier an den Nachwuchs weitergegeben: Je höher die formale Bildung der Eltern ist, desto besser sind die Chancen ihrer Kinder auf eine gute Schul- und Berufsausbildung. Ganz konkret: Je niedriger das Bildungsniveau der Eltern ist, desto seltener besuchen die Kinder und Jugendlichen aus diesen Familien das Gymnasium und desto häufiger die Hauptschule. Eine Besonderheit des Ruhrgebiets besteht darin, dass die Mehrheit der Migrantenkinder die Gesamtschule besucht.

Unsere "Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf" vererben also ihre reduzierten Lebenschancen an ihre Kinder. Diese Berücksichtigung der Kinderperspektive ist auch deshalb wichtig, weil in Familien in schwierigen Lebenslagen häufig mehr Kinder leben als in anderen Familien. "Nur" ein Viertel der Familien in Gladbeck ist arm, aber mit 36 Prozent ist der Anteil der armen Kinder in der Stadt mehr als neun Prozentpunkte höher als der Anteil der armen Familien.

Die wirtschaftliche Lage hat Einfluss auf die Freizeitgestaltung und auf die Wohnsituation der Familien. Hierfür sollen beispielhaft zwei Indikatoren herangezogen werden: die Ausgaben der Familien für Freizeit, Kultur und Bildung (als Bewertung ihres Spielraums bei Freizeitaktivitäten) sowie der Anteil der Familien, in denen weniger als ein Raum pro Person zur Verfügung steht (wobei wir mindestens einen Raum pro Person als "familiengerechten Wohnraum" ansehen). In Mülheim an der Ruhr geben Familien durchschnittlich 3,5 Prozent ihres Nettoeinkommens für Freizeit, Kultur und Bildung aus. Dies entspricht einem Absolutbetrag von etwa 105 Euro pro Monat. In Gladbeck werden knapp 10 Euro weniger ausgegeben; aufgrund des geringeren durchschnittlichen Nettoeinkommens in Gladbeck entspricht dies allerdings gut vier Prozent des Einkommens. Trotz ihrer schwierigeren Finanzsituation geben die Gladbecker Familien relativ betrachtet also mehr für ihre Freizeitgestaltung aus als die Familien in Mülheim an der Ruhr.

Der Anteil von Familien, denen pro Person weniger als ein Raum in der Wohnung zur Verfügung steht, kann als Hinweis auf eine beengte Wohnsituation betrachtet werden. In Gladbeck lebt ein knappes Drittel der Familien in zu kleinen Wohnungen. Damit sind unter anderem Abstriche beim Wohnkomfort und bei der Wahrung der Privatsphäre gegeben. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sich dies auch nachteilig auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann.

Eine Stadt: Verschiedene Kindheiten?

Bisher haben wir Unterschiede zwischen Kommunen beschrieben. Aber auch innerhalb der Kommunen gibt es eine entsprechende Differenzierung von Lebenslagen der Familien und damit verbunden von unterschiedlichen Lebenschancen der Kinder.

Um solche Unterschiede aufzudecken, verwenden wir in diesem Abschnitt die bereits oben eingeführten Indikatoren. Um darüber hinaus deutlich zu machen, dass das Ausmaß der innerstädtischen Unterschiede im Vergleich von Kommunen unterschiedlich groß sein kann, verwenden wir die Methode der Standardisierung. Dieses Verfahren ermöglicht den direkten Vergleich von verschieden dimensionierten Daten und macht Abweichungen vom Durchschnitt direkt sichtbar.[7] Dieses Verfahren wurde getrennt für Mülheim an der Ruhr und Gladbeck durchgeführt.

Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) zeigt das Ergebnis der Standardisierung. Die Unterschiede sind für die Anteile der Alleinerziehenden und der Kinderreichen sowie für die durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs in Gladbeck größer als in Mülheim an der Ruhr. In Mülheim an der Ruhr gibt es dagegen im Stadteilvergleich größere Disparitäten beim durchschnittlichen Äquivalenzeinkommen und dem Anteil der Familien mit Migrationshintergrund. Das heißt, in dieser Stadt finden wir ein besonders hohes Maß an Einkommenssegregation (Arm und Reich leben jeweils unter sich) sowie an ethnischer Segregation (Zugewanderte und Einheimische leben jeweils in getrennten Nachbarschaften).

Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) verdeutlicht, dass die Betrachtung von Ergebnissen für die Gesamtstadt den Blick auf intrakommunale Disparitäten verstellt. Am Beispiel Mülheim an der Ruhr beschreiben wir im Folgenden exemplarisch, dass die Differenzierung von Familien- und Kinderwelten innerhalb ein und derselben Kommune sehr wichtig ist. Wir unterscheiden dafür die Mülheimer Stadtteile Altstadt I, Altstadt II und Styrum von den restlichen sechs Mülheimer Stadtteilen. Bei den drei genannten Stadtteilen handelt es sich um die Stadtteile, die durch eine deutliche ethnische Segregation der Bevölkerung und eine Konzentration sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen geprägt sind. Hier leben zusammen mehr als die Hälfte (56 Prozent) aller in Mülheim an der Ruhr gemeldeten Nichtdeutschen. Von allen Deutschen in der Stadt wohnt hier nur ein knappes Drittel.

In Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) haben wir mit dem gleichen Verfahren wie in Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) die Lebenslagen für die Familien in den segregierten Stadtteilen Altstadt I, Altstadt II und Styrum im Vergleich zu den restlichen Stadtteilen anhand von ausgewählten Indikatoren dargestellt. Man erkennt, dass sich die Familien in den beiden Gebietstypen deutlich voneinander unterscheiden.

Betrachten wir zuerst wieder die Bildungs- und Einkommenssituation der Familien: In den armutssegregierten Stadtteilen Altstadt I, Altstadt II und Styrum wachsen mehr Kinder in Familien auf, deren Eltern ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau (Säule ganz links) und - damit zusammenhängend - ein niedrigeres Äquivalenzeinkommen (zweite Säule von rechts) aufweisen. Schauen wir uns die oben beschriebene Gruppe der "Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf" an, so finden wir relativ betrachtet in den armutssegregierten Stadtteilen nicht mehr oder weniger Alleinerziehende als in den restlichen Stadtteilen. Unterschiedliche Anteile finden wir allerdings bei den kinderreichen Familien und noch sehr viel deutlicher bei den Familien mit Migrationshintergrund. Letztere konzentrieren sich in den drei armutssegregierten Gebieten. Die Profile der beiden Gebietstypen weichen also deutlich vom Mittelwert der Gesamtstadt ab.

Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) zeigt, dass wir es in den drei armutssegregierten Stadtteilen unterdurchschnittlich häufig mit kinderreichen Familien zu tun haben. Besonders viele haben hier jedoch einen Migrationshintergrund. Zudem sind diese Familien in besonderem Maße von Armut betroffen, weisen ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau auf und leben in beengten Wohnsituationen. Damit sind gewissermaßen aggregierte Merkmale der Lebenssituation der Familien zur Charakterisierung der Stadtteile verwendet worden. Aber auch innerhalb solcher armutssegregierten (oder eben nicht segregierten) Stadtteile gibt es noch Differenzierungen von Lebenslagen der Familien (und von Lebenschancen der Kinder), die mit dieser sozialräumlichen Perspektive alleine nicht erfasst werden können. Wir können dies im Folgenden nur exemplarisch untersuchen und betrachten zu diesem Zweck die Lebenslagen von Familien mit und ohne Migrationshintergrund in den beiden betrachteten Mülheimer Gebietstypen. Dahinter steht die Hypothese, dass es einen Unterschied macht, ob zum Beispiel eine Familie mit Migrationshintergrund in einem ethnisch segregierten Quartier lebt oder ob sie mit Minoritätsstatus in einer überwiegend "deutschen" Nachbarschaft wohnt.

Deshalb unterscheiden wir im Folgenden die Familien nicht nur nach ihrem Wohnort (armutssegregierte Stadtteile vs. nicht segregierte Stadtteile), sondern berücksichtigen zudem, ob in den betrachteten Familienhaushalten ein Migrationshintergrund vorliegt oder nicht.[8]

In Abbildung 3 (vgl. PDF-Version) haben wir dazu die Lebenslagen der verschiedenen Gruppen anhand der bereits bekannten Indikatoren dargestellt. Schon auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass Familien mit Migrationshintergrund in Altstadt I, Altstadt II und Styrum, wo sie quasi "unter sich" sind, besonders benachteiligt sind (gruppierte Säulen ganz links in der Abbildung - vgl. PDF-Version). Sie verfügen über ein besonders niedriges Äquivalenzeinkommen, haben eine deutlich unterdurchschnittliche Schulbildung genossen und es leben hier besonders viele Familien in beengten Wohnverhältnissen. Gleichzeitig findet man in dieser Gruppe vergleichsweise viele kinderreiche Familien, während Alleinerziehende seltener anzutreffen sind als im stadtweiten Schnitt. Und die Familien geben besonders wenig Geld für Freizeit, Kultur und Bildung aus. Die Familien mit Migrationshintergrund in den nicht segregierten Vierteln weisen ein ähnliches, allerdings weniger extremes Merkmalsprofil auf. Unterschiede zwischen den beiden Gruppen finden wir bezüglich der Einordnung "überdurchschnittlich" bzw. "unterdurchschnittlich" bei den Ausgaben für Freizeit, Kultur und Bildung sowie dem Anteil der kinderreichen Familien. Die Ausgaben für Freizeit, Kultur und Bildung sind bei den Migrantenfamilien in den nicht segregierten Stadtteilen eher durchschnittlich und im Unterschied zu den Migrantenfamilien in Altstadt I, Altstadt II und Styrum gibt es in den restlichen Stadtteilen nur wenige Kinderreiche unter den Migrantenfamilien. Ein ähnliches Profil wie die Familien mit Migrationshintergrund außerhalb der segregierten Stadtteile weisen die Familien ohne Migrationshintergrund in den segregierten Stadtteilen auf. Zwar unterscheiden sie sich beim Anteil der Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf, aber beide Gruppen weisen ein geringes Bildungsniveau und ein unterdurchschnittliches Einkommen auf. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist bei der Wohnsituation auszumachen: Familien mit Migrationshintergrund wohnen wesentlich beengter. Ein gänzlich anderes Profil weisen die Familien ohne Migrationshintergrund in den nicht segregierten Stadtteilen auf (gruppierte Säulen ganz rechts in Abbildung 3 - vgl. PDF-Version). Im Vergleich zu den Familien aus den drei anderen Gruppen ist die Bildung der Elterngeneration in diesen Familien überdurchschnittlich hoch und sie verfügen über ein höheres Äquivalenzeinkommen. Verbunden damit stellt sich unter anderem ihre Wohnsituation komfortabler dar.

Diese Ergebnisse der Familienbefragung in Mülheim an der Ruhr zeigen, dass es nicht nur deutliche Unterschiede zwischen den armutssegregierten und den nicht bzw. weniger segregierten Stadteilen gibt, sondern dass wir darüber hinaus die Familien nach zusätzlichen Kriterien unterscheiden müssen, um tatsächlich ein realistisches Bild der Lebenssituation und der Bedarfslagen der Familien zu erhalten.

Mit Blick auf den Alltag und die Lebenschancen der Kinder wird deutlich, dass sich der Lebensalltag von Kindern in den segregierten Stadtteilen klar vom Lebensalltag der Kinder in den anderen Stadtteilen unterscheidet und dass es hier darüber hinaus eine deutliche Differenzierung von Lebenslagen etwa zwischen den Kindern mit und ohne Migrationshintergrund in den Stadtteilen gibt.

Es gibt also nicht nur zwei Kindheiten in der Stadt, wie sie etwa die von Klaus Peter Strohmeier und Safet Alic gebrauchte Metapher von der "Oberstadt" und der "Unterstadt" nahelegt.[9] Tatsächlich können wir anhand der hier gewählten integrierten sozial- und zielgruppenorientierten Betrachtung in Mülheim an der Ruhr mindestens drei "Familienwelten" unterscheiden,[10] die jeweils unterschiedliche Rahmenbedingungen für das Aufwachsen der Kinder in diesen Familien mit sich bringen. Die Entwicklung von Kindern in der Stadt wird gleichzeitig geprägt durch die Lebenslagen der Familien und das Milieu des sozialräumlichen Kontexts, also der Nachbarschaft, in der die Familie lebt.

Folgen für Familienpolitik

Familienwelten und Kindheiten unterscheiden sich zwischen den Städten und im Vergleich der Stadtteile innerhalb einer Stadt. Wie in Mülheim an der Ruhr finden wir in fast allen Städten Stadtteile, in denen Familien mit bestimmten Alltagsproblemen und "besonderem Unterstützungsbedarf" das Bild stärker bestimmen als in anderen Stadtteilen. Die genaue Kenntnis darüber, welche Familien mit welchen Problemen wo in der Stadt leben, ist wichtig, damit passgenaue Angebote für diese Familien von den örtlichen Akteuren entwickelt werden können. Denn das, was Familien brauchen, damit Kinder nicht mit ungleichen Startchancen aufwachsen, und das, was diesen Familien und ihren Kindern angeboten wird, ist häufig zu wenig aufeinander abgestimmt. Wie viele Familien in der Stadt leben, bei wie vielen Familien es sich zum Beispiel um alleinerziehende Elternteile handelt, ob diese Alleinerziehenden gering oder hoch qualifiziert sind, in welchen Stadtteilen sie leben, und wo man gegebenenfalls Qualifizierungsmaßnahmen mit Kinderbetreuung (für die gering Qualifizierten) oder flexible Angebote der Kinderbetreuung (für die höher Qualifizierten) anbieten müsste, sind wichtige Informationen für die Akteure örtlicher Familienpolitik. Ohne diese Informationen basiert kommunale Familienpolitik oft auf gefühlten sozialen Lagen und ist Politik im Blindflug.

Welche Konsequenzen haben unsere Ergebnisse für die strategische Ausrichtung (kommunaler) Familienpolitik? Die Botschaft ist ebenso eindeutig wie schwierig umzusetzen: Es gibt keine Familienpolitik "von der Stange". Familienpolitik in Gladbeck muss anders aussehen als in Mülheim an der Ruhr. Und Familienpolitik für Familien mit Migrationshintergrund, die in den armutssegregierten Mülheimer Stadtteilen oft in dichte Familiennetzwerke eingewoben sind, muss eine andere sein als jene für Familien ohne Migrationshintergrund in diesen Stadtteilen, deren Problem vielfach soziale Isolation ist.

Familien bilden "Humanvermögen". In ihnen soll die Generation heranwachsen, die als Erwachsene diese Gesellschaft fortsetzen soll und dazu elementare Motive und Kompetenzen erwerben muss (Solidarität, Empathie, Partizipationsbereitschaft, Bildungsfähigkeit). Um die jeweiligen Benachteiligungen und Beschränkungen der Familien im Familienalltag auszugleichen und um damit möglichst gleiche Startchancen für alle Kinder sicherzustellen, muss kommunale Familienpolitik sozialräumlich und zielgruppenorientiert ausgerichtet sein. Die Lösung sind differenzierte Angebote für unterschiedliche Familien in den jeweiligen Stadtteilen. Kurz gefasst bedeutet dies, dass Ungleiches auch ungleich behandeln werden muss. Familien in den benachteiligten Stadtteilen (und unterschiedliche Zielgruppen in diesen Stadtteilen) benötigen andere Unterstützungen und fragen andere Angebote der kommunalen Infrastruktur nach als Familien in weniger benachteiligten Stadtteilen.

Fußnoten

1.
Informationen zur kommunalen Familienberichterstattung gibt es im Internet unter www.faktor-familie.de.
2.
Weitere Ergebnisse zu Familien im Ruhrgebiet vgl. Klaus Peter Strohmeier/Annett Schultz/Holger Wunderlich, Familien im industriellen Ballungsraum - Lebensformen, Lebenslagen und stadträumliche Differenzierungen im Ruhrgebiet, in: Ursula von der Leyen/Vladimír Spidla (Hrsg.), Voneinander lernen - miteinander handeln. Aufgaben und Perspektiven der Europäischen Allianz für Familien, Baden-Baden 2009.
3.
Vgl. Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.), Demographie konkret - Soziale Segregation in deutschen Großstädten. Daten und Handlungskonzepte für eine integrative Stadtpolitik, Gütersloh 2008.
4.
Von "Migrationshintergrund" sprechen wir, wenn mindestens ein Elternteil eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit hat, mindestens ein Elternteil neben der deutschen eine zweite Staatsangehörigkeit hat oder aber mindestens ein Elternteil außerhalb Deutschlands geboren ist. Eine Differenzierung nach Migrationshintergrund, der sich in der Regel nur über Befragungen generieren lässt, ist deshalb wichtig, weil durch das neue Staatsbürgerschaftsrecht der Anteil von Personen ohne deutschen Pass sinkt, obwohl der Anteil von Personen mit einer Zuwanderungsgeschichte (deutlich) ansteigt. Als kinderreich gelten Familien, in deren Haushalt drei oder mehr Kinder unter 18 Jahren leben.
5.
Als "arm" haben wir - gemäß der Landessozialberichterstattung NRW 2007 - Familien mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von unter 615 Euro klassifiziert.
6.
Vgl. bspw. Holger Wunderlich, Soziale Lage von Familien mit Zuwanderungsgeschichte und Bildungsbeteiligung von Kindern, in: www.familie-in-nrw.de/1878.0.html (12.02. 2009).
7.
Alle Merkmalswerte werden dabei auf einen Mittelwert von null normiert. Die Maßeinheit eins entspricht der jeweiligen Standardabweichung beziehungsweise der durchschnittlichen Streuung der Einzelwerte um diesen Mittelwert.
8.
Aufgrund der kleinen Fallzahl der Familien mit Migrationshintergrund, die in den segregierten Stadtteilen befragt wurden, sind die Ergebnisse hier vorsichtig zu interpretieren. Die Tendenz ist aber eindeutig. Unberücksichtigt bleibt die Frage nach dem Vorhandensein von Kompositionseffekten, also die Frage, ob es sich bei den Migranten in den armutssegregierten Stadtteilen um andere Gruppen von Migranten handelt als in den nicht armutssegregierten Stadtteilen.
9.
Klaus Peter Strohmeier unter Mitarbeit von Safet Alic, Segregation in den Städten, Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesprächskreis Migration und Integration, Bonn 2006.
10.
Wie wir festgestellt haben, ähnelt das Sozialprofil der Familien ohne Migrationshintergrund in den armutssegregierten Stadtteilen dem Profil der Familien mit Migrationshintergrund in den restlichen Stadteilen.

Klaus Peter Strohmeier, Holger Wunderlich, Philipp Lersch

Zur Person

Klaus Peter Strohmeier

Dr. rer soc., geb. 1948; Professor an der Ruhr-Universität Bochum, Lehrstuhl für Soziologie / Stadt und Region, Familie, Universitätsstr. 150, Gebäude GC 05/709, 44780 Bochum.
E-Mail: peter.strohmeier@ruhr-uni-bochum.de
Internet: www.rub.de; www.faktorfamilie.de


Zur Person

Holger Wunderlich

Dipl. Soz.-Wiss., geb. 1976; Geschäftsführer der Faktor Familie GmbH, Lokale Familienforschung und Familienpolitik, Im Lottental 38, 44801 Bochum.
E-Mail: holger.wunderlich@faktor-familie.de
Internet: www.faktorfamilie.de


Zur Person

Philipp Lersch

stud. Soz.Wiss., geb. 1984; studentischer Mitarbeiter bei der Faktor Familie GmbH, Lokale Familienforschung und Familienpolitik, Im Lottental 38, 44801 Bochum.
E-Mail: philipp.lersch@faktor-familie.de
Internet: www.faktorfamilie.de


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