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27.1.2009

Mit ökologischer Landwirtschaft gegen den Hunger?

Mit ökologischer Landwirtschaft können Ernteerträge gesteigert und Betriebskosten gesenkt werden. Nur mit einer ökologisch nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft ist eine wachsenden Weltbevölkerung zu ernähren.

Ein Getreidefeld bei Welzow in Brandenburg. Um der wachsenden Weltbevölkerung gerecht zu werden, muss die landwirtschaftliche Produktivität vor allem in ärmeren Regionen der Welt langfristig erhöht werden. (© picture-alliance)


Einleitung

Die globale Nahrungsmittelkrise, welche im Frühjahr des Jahres 2008 einen medialen Höhepunkt erreichte, rückte auch ökologische Landwirtschaft in den Blickpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Frage, ob angesichts von Armut und Hunger in Entwicklungsländern die ökologische Landwirtschaft effektive Lösungen zur Beseitigung von Ernährungsunsicherheiten anbieten kann.[1] Die Antworten auf diese Frage sind widersprüchlich - ideologische Verortung, Wertvorstellungen und Interessen der Betrachter sind mitunter wesentliche Faktoren, die Stellungnahmen zu diesem Themenkomplex beeinflussen. Der rund um das Ernährungssicherungspotential von ökologischer Landwirtschaft entfachte Richtungsstreit ist nicht neu. Er trennt seit langem Anhänger konventioneller und ökologischer Landwirtschaft und bekommt durch den antizipierten Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen als Strategie zur Hungerbekämpfung eine neue konfliktbehaftete Dimension.

Sowohl konventionelle als auch ökologische Landwirtschaft nehmen für sich in Anspruch, durch Produktivitätssteigerung bei gleichzeitiger Erhaltung natürlicher Ressourcen einen substantiellen Beitrag zur Hungerbekämpfung zu leisten. Angesichts der geringen Ernteerträge und des nicht ausgeschöpften Ertragspotentials wichtiger Kultur-pflanzen ("yield gap"), insbesondere in Afrika südlich der Sahara, besteht wenig Zweifel an der Notwendigkeit, landwirtschaftliche Produktivität langfristig zu erhöhen.[2] Diese Notwendigkeit ergibt sich durch das prognostizierte Nahrungsmittelbedürfnis einer ständig wachsenden Weltbevölkerung - unabhängig von der Tatsache, dass gegenwärtig noch genügend Nahrungsmittel für alle Menschen dieser Erde verfügbar sind und es sich bei Hunger vor allem um ein Verteilungsproblem handelt. Geprägt durch die negativen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen von agro-industrieller Landwirtschaft in Industriestaaten und der Grünen Revolution in Südasien (in Afrika konnte sie kaum Fuß fassen), postulieren im Besonderen zivilgesellschaftliche Vertreter ökologische Landwirtschaft als dritten Weg. Ist ökologische Landwirtschaft eine Alternative? Welche langfristigen Ernährungssicherungseffekte sind von dieser Bewirtschaftungsweise zu erwarten?

Systemverständnis als Basis

Ökologische Landwirtschaft ist eines von mehreren Konzepten der nachhaltigen Landwirtschaft, die als Gegenbewegung zu agro-industriellen Ansätzen der Landbewirtschaftung und der Grünen Revolution begriffen werden können (andere Konzepte sind z.B. Low External Input Sustainable Agriculture, Eco Farming). Ökologische Landwirtschaft gilt als eine an die Standortbedingungen angepasste, sozial verträgliche und wirtschaftlich tragfähige Form der Landwirtschaft.[3] Die internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) definiert ökologische Landwirtschaft über vier klimazonenunabhängige Prinzipien (Prinzip der Gesundheit, Prinzip der Ökologie, Prinzip der Gerechtigkeit, Prinzip der Fürsorge),[4] welche die Wertebasis für in der ökologischen Landwirtschaft übliche Bewirtschaftungsformen beschreiben. Die zur Anwendung kommenden Produktionsmethoden und betrieblichen Prozesse orientieren sich an dieser Wertebasis, sind aber agrarökosystemspezifisch und variieren je nach Standortbedingungen.

Ökologische Landwirtschaft ist mehr als nur eine landwirtschaftliche Technologie oder Produktionsmethode, die auf Mineraldünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet. Das Grundverständnis von ökologischer Landwirtschaft charakterisiert sich durch die ganzheitliche Sichtweise von komplexen sozio-ökologischen Systemen und die bewusste Nutzung agrarökologischer Synergien. Die Erhaltung und Verbesserung der Bodengesundheit ist das Fundament ökologisch nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktion. Die Schließung von Nährstoffkreisläufen, die Nutzung von stickstofffixierenden Hülsenfrüchtlern (Leguminosen) in Mischkulturen, ausgewogene Fruchtfolgen, der Einsatz biologischer Pflanzenschutzmaßnahmen sowie die Verbindung von Pflanzenproduktion und Tierhaltung sind wichtige Bewirtschaftungsmaßnahmen. Ökologische Landwirtschaft besteht aus einem Paket von flexiblen und aufeinander abgestimmten Einzelmaßnahmen, die in ihrem Zusammenwirken dem Ziel der Nachhaltigkeit zuarbeiten.

Zertifizierung legitimiert ökologische Landwirtschaft als solche, grenzt sie von anderen Systemen nachhaltiger Landwirtschaft ab und verschafft Konsumentinnen und Konsumenten ein eindeutiges Erkennungsmerkmal für Bioprodukte durch ein Gütesiegel. Trotz eindeutiger Rechtslage innerhalb Europa sollte der Begriff "Ökologische Landwirtschaft" nicht ausschließlich auf zertifizierte Systeme angewandt werden. Viele Bauern in Entwicklungsländern wirtschaften aktiv nach den IFOAM-Prinzipien, jedoch ohne kostspielige und administrativ aufwendige Zertifizierung und Inspektionen.[5]

In Entwicklungsländern entstanden lokale Formen der ökologischen Landwirtschaft völlig unabhängig von der Ökolandwirtschaftsbewegung der Industriestaaten, "indigene" landwirtschaftliche Systeme dienten mitunter als Vorlage (wie z.B. Anbausysteme der Chagga in Tansania Beispielwirkung für heutige agroforstwirtschaftliche Systeme hatten). Grundlage für das Entstehen lokaler Formen ökologischer Landwirtschaft sind lokales Ökosystemwissen und die kontinuierliche Weiterentwicklung agronomischer Maßnahmen durch die Bauern selbst. Ernährungssicherung war seit jeher ein explizites Ziel dieser "indigenen" Formen ökologischer Landwirtschaft. Nichtstaatliche Netzwerke (wie das Participatory Ecological Land Use Forum oder Africa 2000 Network, beide Afrika) sehen ihre Aufgabe in der Stärkung diesbezüglicher Systeme durch Beratung von Bauern, nicht nur in produktionstechnischer Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf inhärente kulturelle, soziale und wirtschaftliche Fragen zu Landwirtschaft und Ernährungssicherung.

Erschwerte Bedingungen

Pauschale Aussagen über die heterogenen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauern in Entwicklungsländern ohne Berücksichtigung unterschiedlicher Armutsgruppen sind problematisch, trotzdem lassen sich einige Grundmuster festhalten. Bauern in Entwicklungsländern leben und arbeiten in ausgesprochen komplexen und risikoanfälligen Umfeldern. Ihre landwirtschaftliche Strukturen sind kleinräumig, oftmals stehen ihnen nur ein bis zwei Hektar Land zu Verfügung, um Nahrungsmittel für den Eigenbedarf und den Verkauf zu produzieren. Zugang zu Betriebsmitteln wie verbessertes Saatgut und Bewässerung ist nur in seltenen Fällen gegeben - Bedingungen, die insbesondere in Afrika südlich der Sahara zu beobachten sind. Zugriff auf Mineraldünger haben nur Eliten, der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln erfolgt, wenn überhaupt, nicht notwendigerweise vorschriftsgemäß; unsachgemäße Handhabung von Pflanzenschutzmitteln ist beispielsweise ein ernst zu nehmendes Problem in Westafrika und Südasien. Hinzu kommt, dass landwirtschaftliche Beratungswesen personell und finanziell schlecht ausgestattet sind, sehr oft fehlt es an Transportmitteln, Anschluss an die nationale und internationale Agrarforschung. Die Adaption neuer landwirtschaftlicher Technologien und Verfahren durch Bauern erfolgt selten, besonders an marginalen Standorten Afrikas. In diesbezüglichen Lebenswelten sind Ernährungsunsicherheiten und Hunger sehr oft die Folgen unzureichender landwirtschaftlicher Produktion, geringer Haushaltseinkommen und fehlenden Zugangs zu Märkten.

Wachsender Sektor

Ökologische Landwirtschaft ist ein rasch wachsender Sektor. Nach letzten Schätzungen befanden sich im Jahr 2006 rund 30,4 Millionen Hektar unter zertifizierter ökologischer Bewirtschaftung; der globale Markt für Bioprodukte wurde erstmals mit 38,6 Milliarden US-Dollar beziffert.[6] Ökologische Landwirtschaft wird in fast allen Staaten dieser Erde betrieben, wenn auch in unterschiedlicher Form und Intensität. Die größten auf ökologische Landwirtschaft umgestellten Flächen liegen in Australien, China und Argentinien.

Trotz teilweise ausgeprägter Berührungsängste gegenüber ökologischer Landwirtschaft innerhalb der Entwicklungsgemeinschaft errang diese in der letzten Entwicklungsdekade einen festen Platz auf der internationalen entwicklungspolitischen Agenda. Nicht nur nationale Regierungen in Entwicklungsländern befassen sich mit der möglichen zukünftigen Rolle von ökologischer Landwirtschaft zur Ernährungssicherung, sondern auch Einrichtungen der Vereinten Nationen, wie die FAO (Food and Agriculture Organisation),[7] UNEP (United Nations Environmental Programme) oder UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development)[8] erkannten ihre Bedeutung und Chancen. Trotz des Richtungsstreits zwischen unterschiedlichen Denkschulen landwirtschaftlicher Entwicklung sind einige bi- und multilaterale Institutionen dazu übergegangen, ökologische Landwirtschaft durch Projekte und Programme zu fördern. Mit Hilfe der europäischen Entwicklungszusammenarbeit stellten in den vergangenen zehn Jahren allein in Ostafrika mehr als hunderttausend Bauern ihre Bewirtschaftung auf zertifizierte ökologische Landwirtschaft um.[9] Ähnliche Entwicklungen sind in Asien und Lateinamerika zu beobachten, wodurch ökologische Landwirtschaft zu einer globalen Bewegung heranwuchs.

Zehn Beiträge zur Ernährungssicherung

Um das Potential "idealtypischer" Formen ökologischer Landwirtschaft zur Ernährungssicherung zu begreifen, ist es notwendig, die diesbezügliche Diskussion auf eine breite konzeptionelle Grundlage zu stellen. Ökologische Landwirtschaft ist multifunktional und erwirkt dadurch eine Vielfalt von Mechanismen möglicher Ernährungssicherungsbeiträge.

Wissensintegration. Ökologische Landwirtschaft und die zur Anwendung kommenden agronomischen Methoden bauen auf traditionellem, lokalem Wissen von Bauern auf, wodurch sich deren "kulturelle Anschlussfähigkeit" zu ökologischen Technologien bedeutend erhöht. Neue agronomische Verfahren werden hierdurch leichter in existierende Wissenssysteme integriert, was die institutionelle Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Technologien erhöht. Die Verbindung von traditionellen und modernen Wissenssystemen in der ökologischen Landwirtschaft und das daraus resultierende verbesserte Agrarökosystemmanagement ist eine Grundvoraussetzung für die Realisation des Eigenversorgungspotentials und der Versorgungsautonomie mit Nahrungsmitteln.

Betriebskostenreduktion. Das generell hohe Energiepreisniveau sowie die damit verbundene Verteuerung landwirtschaftlicher Betriebsmittel (insbesondere Mineraldünger) schließen finanzschwache Bauern von deren Verwendung aus. Die Nutzung lokal verfügbarer Ressourcen anstatt teurer Betriebsmittel führt zu einer spürbaren Entlastung der Haushaltsbudgets. So werden finanzielle Mittel frei, die in den Zukauf von Nahrungsmitteln investiert werden können.

Produktionsrisikominimierung. Millionen von Kleinbauern in Entwicklungsländern leben und arbeiten auf marginalen Standorten, die landwirtschaftlichen Hochrisikozonen gleichen. Unerwartete Dürreperioden oder Extremwetterereignisse wie Starkregen vernichten ganze Ernten, wie zuletzt im südlichen Afrika. Die in der ökologischen Landwirtschaft üblichen Bodenbedeckungsmaßnahmen (wie die Nutzung von Mulch oder bodenbedeckenden Pflanzen) reduzieren das Risiko von wassermangelbedingten Ernteausfällen.

Ertragssteigerung. Die nachhaltige Bewirtschaftung von Böden und die Erhöhung von Bodenfruchtbarkeit sind zentrale Anliegen der ökologischen Landwirtschaft. Durch umsichtig angelegte Fruchtfolgen, Ausbringung von Kompost und Einsatz von stickstofffixierenden Leguminosen lassen sich die Qualität von Böden und die Nährstoffverfügbarkeit für Kulturpflanzen verbessern,[10] was insbesondere bei niedrigen Ausgangserträgen zu beobachten ist. Anders als in Hochertragslagen der Industriestaaten, bei denen Erträge während der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft tendenziell sinken, kommt es auf marginalen Standorten in Entwicklungsländern zu einem Anstieg der Erträge, was die Eigenversorgung erhöht und den Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten ermöglicht.

Neue Vermarktungswege. Die steigende Nachfrage nach Bioprodukten auf europäischen und nordamerikanischen Märkten erhöht in Entwicklungsländern das Vermarktungspotential für Produkte aus zertifizierter ökologischer Landwirtschaft. Ökologische Landwirtschaft eröffnet Bauern den Zugang zu neuen Märkten und löst sie aus der einseitigen Abhängigkeit von klassischen Exportmärkten (wie jene für Kaffee, Tee und Baumwolle).[11] In einigen urbanen Zentren Afrikas und Asiens konnten sich erste lokale Märkte für Bioprodukte etablieren.

Höhere Produktpreise. Durch den Verkauf von zertifizierten Produkten aus ökologischer Landwirtschaft entsteht für Kleinbauern ein substantieller Einkommenszuwachs, welcher auf konventionellen Märkten nicht erreichbar ist.[12] Für zertifizierte Bioprodukte wird im Regelfall eine Bioprämie erzielt, die zwischen zehn und 100 Prozent über dem konventionellen Produktpreis liegt. Dieser Einkommenszuwachs kann dann in Bildung und Gesundheit reinvestiert werden.

Positive Beschäftigungseffekte. Ökologische Landwirtschaft gilt als arbeitskraftintensives Verfahren. Grundsätzlich hat die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft aufgrund des höheren Arbeitskräftebedarfs positive Arbeitsmarkteffekte, wenn auch lokal begrenzt. Durch die Lokalisierung von Wertschöpfung, wie zum Beispiel die Solartrocknung von Obst und Gemüse am Produktionsstandort, werden Arbeitskräfte aus der unmittelbaren Umgebung gebunden. All dies führt zu einer stärkeren Einkommensdiversifizierung ländlicher Haushalte.

Verbesserte Humangesundheit. In einer umfassenden Form leistet ökologische Landwirtschaft wichtige Beiträge zur Weiterent-wicklung traditioneller Ernährungsgewohnheiten (z.B. durch die Diversifizierung von Diäten). Durch Ausbildungsprogramme in Ernährung und Gesundheitsvorsorge erfolgen relativ weitreichende Änderungsprozesse, welche direkt und indirekt zum Wandel von Ernährungsverhalten führen. Der Wegfall von umwelt- und gesundheitsschädlichen Pflanzenschutzmitteln ist ein weiterer Beitrag zum Schutz der Gesundheit der Bauern.

Autonomieerhöhung. Beratungsprogramme in der ökologischen Landwirtschaft, insbesondere jene von Nichtregierungsorganisationen (NROs), unterstützen die Heranbildung von sozialem Kapital - eine Grundvoraussetzung für autonomes kollektives Handeln von Bauern in Produktions- und Vermarktungsangelegenheiten. So wird die Autonomie und Entscheidungsfähigkeit und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit von Bauern erhöht.

Umweltschutz. Ökologische Landwirtschaft pflegt natürliche Ressourcen und erhält damit die Lebensgrundlage von Menschen auch jenseits der Hofgrenzen. Umweltleistungen wie Bodenschutzmaßnahmen verringern den Abtrag von Oberböden und den Eintrag von Sedimenten in Fließgewässer. Wenn richtig praktiziert, verhindert ökologische Landwirtschaft durch die im Regelfall vollständige Bodenbedeckung die Gefahr von Bodenzerstörung.

Die Effektivität "idealtypischer" Formen der ökologischen Landwirtschaft hinsichtlich von Ernährungssicherung beruht auf der Kombination der skizzierten Mechanismen. Vor allem in Afrika, dem am meisten von Hunger betroffenen Kontinent, ist ökologische Landwirtschaft eine praktikable Strate- gie, die Menschen dauerhaft aus Ernährungsunsicherheiten herausführen kann.[13]

Grenzen erkennen

Natürlich sind auch "idealtypischen" Formen der ökologischen Landwirtschaft hinsichtlich ihres Ernährungssicherungspotentials Grenzen gesetzt. Diese definieren sich einerseits durch die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Standortbedingungen. Grenzen entstehen andererseits durch die begrenzte Hebelwirkung von ökologischer Landwirtschaft für jene Entwicklungsherausforderungen, für die sie nicht das geeignete Instrumentarium ist.

Grenzen des Standorts. Die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft ist nicht immer einfach. In Produktionszonen mit extremen Bodennährstoffdefiziten und geringer Biomasseproduktion benötigt es größere Zeiträume, um das ökologische Gleichgewicht im System wieder herzustellen. Wassermangel kann zu einem wichtigen limitierenden Produktionsfaktor für Leguminosen werden, ebenso für die Kompostierung von Biomasse als Vorbereitung auf organische Düngemittel. Für langfristige Investitionen in ökologische Landwirtschaft - wie z.B. die Anpflanzung von Bäumen - ist zudem ein ausreichender und sicherer Zugang zu produktiven natürlichen Ressourcen wie Land eine Grundvoraussetzung. Unerlässlich ist des Weitern die gute Anbindung an Verkehrsinfrastruktur und Transportsysteme, insbesondere für leicht verderbliche Güter wie Frischobst und -gemüse. Bauern, welche fern von größeren Städten und befestigten Straßen leben, haben eine schlechte Startposition für die Umstellung auf zertifizierte (marktorientierte) ökologische Landwirtschaft. Darüber hinaus ist zertifizierte ökologische Landwirtschaft in Entwicklungsländern vom aktuellen Bedarf an Bioprodukten in Industriestaaten abhängig.

Begrenzte Hebelwirkung. Hunger und Unterernährung haben ihre Ursache nicht allein in geringer landwirtschaftlicher Produktion. Ernährungsunsicherheiten sind komplexe Phänomene, deren Ursachen meist strukturell verankert sind und für die ökologische Landwirtschaft kein Allheilmittel darstellt. Ökologische Landwirtschaft als Lösung für alle Entwicklungsprobleme anzubieten, ist genauso unseriös, wie dies von ihr zu erwarten (wie im Übrigen auch von jeder anderen Form der Landwirtschaft). Die Ursachen für Nahrungsmittelversorgungskrisen auf lokaler und regionaler Ebene liegen oft jenseits jener Bereiche, die ökologische Landwirtschaft direkt zu beeinflussen vermag (naturkatastrophenbedingte Ernteausfälle, soziale oder politische Unruhen, Spekulationen mit Nahrungsmitteln).

Konventionalisierung auch in Entwicklungsländern

Ähnlich wie in Europa[14] ist auch in Entwicklungsländern ein Trend zur Konventionalisierung zertifizierter ökologischer Landwirtschaft im Sinne einer Verwässerung von Prinzipien und Managementmaßnahmen zu beobachten.[15] Dieser Trend drückt sich unter anderem in der zunehmend undifferenzierten Definition von ökologischer Landwirtschaft aus, insbesondere dann, wenn sie explizite Marktorientierung ohne Bezüge zur umfassenden Entwicklungsagenda (und den vier Prinzipien) aufweist. Oftmals definiert sich ökologische Landwirtschaft einzig über die Nichtnutzung von verbotenen Betriebsmitteln (was als "organic by default" oder "organic by neglect" in die entwicklungspolitische Diskussion eingeführt wurde). Eine logische Folge dieser Definition ist, dass jede Form der Nichtverwendung verbotener Betriebsmittel automatisch mit der Erfüllung der in der ökologischen Landwirtschaft üblichen Bewirtschaftungsstandards gleichgesetzt wird. Langfristig schaden Minimalauslegungen von Prinzipien/Standards der ökologischen Landwirtschaft insofern, als sie dadurch die Verwundbarkeit des Agrarökosystems und ländlicher Haushalte gegenüber ökologischen und wirtschaftlichen Risikofaktoren erhöhen. Gerade vor dem Hintergrund des Anliegens vieler Bauern in Entwicklungsländern, Produktionsrisiken zu minimieren (anstatt einzig und allein Erträge zu maximieren), erscheint die stille Konventionalisierung von "idealtypischen" zu "realtypischen" Formen ökologischer Landwirtschaft in Entwicklungsländern nicht nachhaltig.

Lokalisierung notwendig

Um das volle Potential von ökologischer Landwirtschaft hinsichtlich Ernährungssicherung in Entwicklungsländern zu nutzen, sind Förderstrategien notwendig, welche ökologische Landwirtschaft umfassend begreifen. Dreh- und Angelpunkt für eine solche Förderung sind Bauern als Entscheidungsträger, welche nicht zuletzt durch das Desinteresse der globalen Gebergemeinschaft für landwirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen beiden Entwicklungsdekaden "vergessen" wurden.[16]

Ein wichtiges strategisches Ziel ist die Entwicklung von Maßnahmen zur Erhöhung der Handlungsfähigkeit von Bauern. Daraus leitet sich für die ökologische Landwirtschaft der Anspruch ab, das Konzept der Ernährungssicherheit als Ernährungssouveränität zu realisieren und Bauern in ihrer Selbstbestimmtheit zu stärken. Sie sollen insbesondere zur informierten Entscheidungsfindung auf der Produktions-, Konsumptions- und Vermarktungsebene befähigt werden. Erst wenn informierte Entscheidungsautonomie sichergestellt ist, wird die Grundlage für langfristige Innovationssouveränität geschaffen, welche für die Weiterentwicklung von ökologischer Landwirtschaft essentiell ist.[17] Staatlicher und nichtstaatlicher landwirtschaftlicher Beratung kommt hierfür eine wichtige Rolle zu.

In vielen Entwicklungsländern sind lokale und regionale Märkte für Produkte aus ökologischer Landwirtschaft schlecht entwickelt. Die Bedeutung von ökologischer Landwirtschaft für die lokale Ernährungssicherung und den Schutz natürlicher Ressourcen wird im Vergleich zu Europa sehr selten erkannt. Deshalb ist es notwendig, lokale und regionale Märkte für ökologisch produzierte Produkte nachhaltig aufzubauen und die weit verbreitete Annahme zu überwinden, diese seien Luxusgüter der westlichen Welt. Damit einhergehend braucht es auch sehr umfassende Bildungs- und Aufklärungsmaßnahmen zu ökologischer Landwirtschaft, eine Notwendigkeit, die in vielen Entwicklungsländern kaum wahrgenommen wird. Gleiches gilt für Regierungen und politische Institutionen, die ökologische Landwirtschaft fast ausschließlich als Exportchance und selten als Strategie zur Erhöhung des Grades an Ernährungssouveränität begreifen.

Forschung spielt neben Entwicklung eine wichtige Rolle bei der Förderung ökologischer Landwirtschaft. Bisherige Investitionen in diesbezügliche Forschung, insbesondere im Hinblick auf Ernährungsfragen, stehen im direkten und oft ideologisch besetzten Wettstreit um finanzielle Ressourcen mit konventionellen Denkschulen der "Zweiten Grünen Revolution", also dem Versuch, die Grüne Revolution in Afrika nachzuholen. Umfassende Forschung in Entwicklungsländern scheitert mitunter am Fehlen ausreichender wissenschaftlicher Kapazitäten mit Erfahrungen in der ökologischen Landwirtschaft, sowohl an den Universitäten und den nationalen Agrarforschungszentren als auch in den öffentlichen landwirtschaftlichen Beratungssystemen. Kapazitätenaufbau in Forschung und Beratung ist ein Gebot der Stunde.

Schlussfolgerung

Langfristig führt für die internationale Gemeinschaft kein Weg an einer ökologisch nachhaltigen Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion in Entwicklungsländern vorbei, wenn sie authentisch Ernährungssicherheit für die wachsende Weltbevölkerung ermöglichen möchte. Hierzu zählt auch ein eindeutiges und klares Bekenntnis zu landwirtschaftlicher Entwicklung unter voller Berücksichtigung der multi-funktionalen Leistungen der ökologischen Landwirtschaft. Gleichzeitig werden nationale Regierungen und die Weltgemeinschaft um umfassende wirtschafts- und sozialpolitische Reformen nicht herumkommen. Erfolgreich mit ökologischer Landwirtschaft gegen den Hunger anzutreten funktioniert dann, wenn die dafür notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Cathrine Badgley u.a., Can organic agriculture feed the world?, in: Renewable Agriculture and Food Systems, 22 (2007), S. 80-85; Nadia Scialabba, Organic agriculture and food security. International conference on organic agriculture and food security (Food and Agriculture Organization of the United Nations), Rome 2007.
2.
Vgl. Jules Pretty, The sustainable intensification of agriculture, in: Natural Resources Forum, 21 (1997), S. 247 - 256.
3.
Vgl. Nadia Scialabba/Caroline Hattam, Organic agriculture, environment and food security (Environment and Natural Resources Service, Sustainable Development Department, Food and Agriculture Organization of the United Nations), Rome 2002.
4.
Vgl. IFOAM, Principles of organic agriculture. Uniting the organic world (International Federation of Organic Agriculture Movements), Bonn 2005.
5.
Vgl. Nicolas Parrott/Terry Marsden, The real green revolution. Organic and agro-ecological farming in the South (Department of City and Regional Planning, Cardiff University, Greenpeace Environmental Trust), London 2002.
6.
Vgl. Helga Willer/Minou Yussefi, The World of Organic Agriculture. Statistics and Emerging Trends 2007, Bonn 2008, S. 9 - 11.
7.
Vgl. FAO, International Conference on Organic Agriculture and Food Security 3-5 May 2007, Rome 2007.
8.
Vgl. UNEP-UNCTAD CBTF, Best practices for organic policy. What developing country governments can do to promote the organic agriculture sector, Geneva 2008.
9.
Vgl. UNCTAD, Ways to enhance the production and export capacities of developing countries [...], Part 2, Geneva 2001.
10.
Vgl. André de Jager u.a., Assessing sustainability of low-external-input farm management systems with the nutrient monitoring approach: a case study in Kenya, in: Agricultural Systems, 69 (2001), S. 99 - 118.
11.
Vgl. Rudy Kortblech-Olesen, Export opportunities of organic food from developing countries, London 2000.
12.
Vgl. Peter Gibbon/Simon Bolwig, The economics of certified organic farming in tropical Africa: A preliminary assessment, Copenhagen 2007, in: http://www.diis.dk/graphics/Publications/
WP2007/WP2007 - 3%20til%20web.pdf, S. 19 - 26 (12.12. 2008).
13.
Vgl. UNEP-UNCTAD CBTF, Organic Agriculture and Food Security, New York-Geneva 2008.
14.
Vgl. Henning Best, Organic agriculture and the conventionalization hypothesis: A case study from West Germany, in: Agriculture and Human Values, 25 (2008), S. 95-106.
15.
Vgl. Alma Amalia Gonzalez/Ronald Nigh, Smallholder participation and certification of organic farm products in Mexico, in: Journal of Rural Studies, 21 (2005), S. 449 - 460.
16.
World Bank, World development report 2008 - Agriculture for development, Washington DC 2007.
17.
Vgl. Michael Hauser/Robert Delve, Turning market-oriented organic agriculture upside down, in: Rural Development News, 1 (2007), S. 24 - 28.

Michael Hauser

Zur Person

Michael Hauser

Dr. nat. techn., geb. 1971; Wissenschaftler am Department für nachhaltige Agrarsysteme der Universität für Boden-kultur Wien, Gregor Mendel Strasse 33, 1180 Wien/Österreich.
E-Mail: Michael.hauser@boku.ac.at


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