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17.3.2010

Wandel durch Klimawandel? Wachstum und ökologische Grenzen in Brasilien

Brasiliens wirtschaftliche Entwicklung ist vom Wachstum des Agrarsektors geprägt, was zu Lasten der Tropenwaldfläche im Amazonasgebiet geht. Lassen sich wirtschaftliches Wachstum und Klimaziele miteinander vereinbaren?

Einleitung

Seit den 1940er Jahren gilt Brasilien als das "Land der Zukunft" - Stefan Zweig hatte sein Exilland so bezeichnet, unter dem Eindruck seiner Größe, seiner Vielfalt und des weitgehend friedlichen Zusammenlebens von Einwanderern aus vielen verschiedenen Ländern und von ehemaligen afrikanischen Sklaven. In der Nachkriegszeit schien auch die wirtschaftliche Entwicklung diesem Bild zu entsprechen, denn eine rasche Industrialisierung, hohe Wachstumsraten und die Erschließung des Landesinneren für die Landwirtschaft und den Bergbau prägten die Zeit bis in die 1970er Jahre. Darauf folgten 20 Jahre der Instabilität und Stagnation, hoher Inflation, grassierender Korruption, wachsender Umweltverschmutzung und extremer Einkommensunterschiede. Besonders die Zerstörung Amazoniens, die Bedrohung der Lebensräume indigener Völker und die ausbleibende Verbesserung der Lebensbedingungen für die dort lebenden Menschen zogen in den 1980er Jahren internationale Aufmerksamkeit auf sich.

Heute steht Brasilien in der öffentlichen Wahrnehmung anders da: Das Land gehört zu den führenden zehn Volkswirtschaften der Erde; "The Economist" bezeichnete seine wirtschaftliche Entwicklung im November 2009 als "Lateinamerikas große Erfolgsstory". Die jährlichen Wachstumsraten liegen zwar unter fünf Prozent und damit deutlich unter denen von China und Indien, aber Brasilien ist es in den vergangenen fünf Jahren gelungen, seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds zu begleichen, hohe Währungsreserven zu bilden, die öffentliche Haushaltsführung zu konsolidieren, die Steuereinnahmen zu steigern und die Armut zu verringern. Kürzlich entdeckte Erdölvorkommen vor der südlichen Küste des Landes - 40 Prozent der weltweit ungenutzten Offshore-Vorkommen - versprechen hohe zukünftige Einnahmen.[1]

Diese ökonomische Erfolgsstory beruht auf dem Wachstum der Exporte und des Agrarsektors, einer Währungsreform Mitte der 1990er Jahre und einer Wirtschaftspolitik, die auf eine aktive Weltmarktintegration setzt, auf Privatisierung der großen Staatsunternehmen und auf Deregulierung des Arbeitsmarktes. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 25 Prozent, wenn man vor- und nachgelagerte Bereiche dazuzählt. Der Sektor wächst schneller als die Wirtschaft insgesamt und stellt 36 Prozent der Exporte.[2] Brasilien ist der weltweit größte Produzent von Zuckerrohr, Kaffee, tropischen Früchten und Orangensaftkonzentrat und gehört außerdem zu den größten Produzenten von Sojabohnen, Mais, Baumwolle, Kakao, Tabak und Holz. Zudem verfügt das Land über die größte Rinderherde der Welt (170 Millionen Rinder) und ist stark in der Produktion von Geflügel und Schweinefleisch.[3] Die Stärke im Agrarbereich geht auf die Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Flächen seit den 1970er Jahren und wissenschaftliche Fortschritte zurück: Genetische Veränderungen des Saatgutes ermöglichten die Nutzung der Böden im mittleren Westen des Landes, die durch den Einsatz neuer Technologien nun für mehr als 40 Prozent der Getreideproduktion stehen. Etwa 60 Prozent der Produktivitätszuwächse des Sektors sind dem Landwirtschaftsministerium zufolge auf die Forschung zurückzuführen.[4] Es wäre aber falsch, Brasilien nur als Agrarproduzenten zu sehen: Auch der Industriesektor des Landes ist modernisiert worden, das Land exportiert unter anderem Flugzeuge, dauerhafte Konsumgüter, Autos, Zellstoff und Papier. Der Erfolg hat jedoch auch Schattenseiten. Eine davon ist die große ökonomische Ungleichheit: Brasilien gehört zu den zehn Ländern mit der höchsten Einkommenskonzentration weltweit;[5] außerdem sind Wirtschaftskraft und Einkommen regional höchst unterschiedlich verteilt. Amazonien macht etwa 50 Prozent der Fläche Brasiliens aus und hat knapp acht Prozent der Einwohner, trägt aber seit Jahrzehnten nur zu etwa fünf Prozent der Wirtschaftskraft bei. Der Nordosten stellt 27 Prozent der Bevölkerung und konnte erst in den vergangenen fünf Jahren seinen Beitrag auf etwa neun Prozent steigern.[6] In beiden Regionen liegen die Indikatoren für die menschliche Entwicklung nach Zahlen von 2005 unter dem brasilianischen Durchschnitt, und die generell schlechter versorgte ländliche Bevölkerung ist in diesen Datensätzen häufig noch gar nicht erfasst.[7]

Ein weiterer negativer Faktor sind die Umweltbelastungen, die mit dem brasilianischen Wachstum verbunden sind: Das Land gehört mit sieben Prozent der globalen Treibhausgasemissionen zu den vier größten Emittenten. Etwa 55 Prozent der brasilianischen Treibhausgasemissionen sind zurückzuführen auf die Entwaldung, die durch die Ausdehnung der Viehwirtschaft vor allem in Amazonien vorangetrieben wird und dort auch zum Biodiversitätsverlust beiträgt. Auf die Landwirtschaft sind etwa 14 Prozent der Emissionen zurückzuführen, vor allem wegen des hohen Viehbestandes. Sind diese Schattenseiten nur Nebenwirkungen, die mit der Fortsetzung des Modernisierungsprozesses der brasilianischen Wirtschaft behoben werden können, oder handelt es sich hier um systemische Fehlentwicklungen? Im September 2009 wurde in der Zeitschrift "Nature" ein Aufsatz mit der These veröffentlicht, dass "heute, vor allem wegen einer schnell wachsenden Verbreitung fossiler Energieträger und industrieller Formen der Landwirtschaft, die menschliche Naturnutzung ein Niveau erreicht hat, das die Systeme schädigen kann, die die Erde für menschliches Leben attraktiv machen. Das Ergebnis kann ein unwiderruflicher (...) Umweltwandel sein, der die Erde in einen Zustand versetzt, der mit menschlicher Entwicklung schwer vereinbar ist".[8] Diese systemischen Störungen umfassen den Klimawandel, den Biodiversitätsverlust, den Stickstoff- und Phosphorzyklus, das Ozonloch, die Versauerung der Meere, die globale Nutzung von Süßwasser, Veränderungen der Landnutzung, chemische Verschmutzung und die Luftverschmutzung. In all diesen Bereichen sind mögliche Grenzwerte für die Übernutzung entweder überschritten oder fast erreicht. Um diese Fehlentwicklungen aufzuhalten, fordern die Autoren des Artikels ein rasches und abgestimmtes Handeln der Staatengemeinschaft. Auf nationaler Ebene bedeutet dies, dass Gesetze und Anreize zur Begrenzung der Naturnutzung durch Produktion und Konsum dringend erforderlich sind. Die gescheiterten Klimaverhandlungen in Kopenhagen Ende 2009 zeigen, wie schwer es der internationalen Staatengemeinschaft fällt, entsprechende Vereinbarungen zu treffen. Die Emissionsverringerungen, zu denen sich die Industrieländer bisher verpflichtet haben, sind nicht ausreichend, um die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, ein Grenzwert, der allgemein mit einigermaßen beherrschbarem Klimawandel assoziiert wird und Zielgröße des Copenhagen Accord ist.[9] Nimmt man die Diagnose des zitierten Artikels jedoch ernst, sind nicht nur Begrenzungen der Treibhausgasemissionen notwendig, sondern auch andere Grenzziehungen. Im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz wurden große Hoffnungen auf Brasilien gesetzt. Das Land war 1992 Erstunterzeichner der Klimarahmenkonvention, und es hatte sich in den Folgejahren stets als engagierter, wenn auch harter Verhandler mit hohem wissenschaftlichem und diplomatischem Niveau ausgezeichnet. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte an hochrangigen EU-Initiativen teilgenommen, um die politische Basis für ein anspruchsvolles und konkretes Abkommen zu vergrößern, und er versicherte bis zum Schluss, nur ein solches unterzeichnen zu wollen.[10] Doch inwiefern spiegelt die brasilianische Klimapolitik ein Umdenken, das ökologische Grenzen für wirtschaftliches Handeln akzeptiert und berücksichtigt? Wo liegen Chancen und wo Spannungsverhältnisse zwischen Klima- und Wirtschaftspolitik?

Brasilianische Klimapolitik

Der Ende 2008 vorgelegte nationale Plan zum Klimawandel sieht folgende Ziele und Maßnahmen vor:[11]

Des Weiteren hat Brasilien in Kopenhagen angekündigt, einen Fonds mit fünf Milliarden US-Dollar aufzulegen, um Anpassungsmaßnahmen in klimatisch besonders bedrohten Entwicklungsländern zu unterstützen. Darüber hinaus bot es anderen amazonischen und afrikanischen Ländern die Nutzung seiner Satelliten für das Monitoring der Vegetationsdecke an. Außerdem sollen bis zu 20 Prozent der Mittel des genannten Amazonasfonds in anderen Amazonasstaaten investiert werden, um auch dort die Entwaldung zu reduzieren.[12]

Mit diesem klimapolitischen Paket hat Brasilien auf die Beschlüsse reagiert, die 2007 auf der Klimakonferenz in Bali gefasst worden waren. Hier hatten sich auch die Entwicklungsländer zu emissionsreduzierenden Aktivitäten verpflichtet, was ein erhebliches Umdenken auch in der brasilianischen Außenpolitik signalisierte. Denn seit der ersten UN-Umweltkonferenz 1972 in Stockholm hatte Brasilien stets die nationale Souveränität anstelle einer gemeinsamen Verantwortung für den Schutz und die Bereitstellung globaler öffentlicher Umweltgüter betont. So hatte es zum Beispiel stets abgelehnt, seine Waldpolitik auf internationalen Foren zu thematisieren. Ein weiteres Prinzip war die Forderung nach Vorleistungen der Industrieländer und die Bindung der Leistungen von Entwicklungsländern an eine angemessene internationale finanzielle Unterstützung. Als Verursacher von Umweltschäden wurden - vermittelt über die globalen ökonomischen und politischen Machtungleichgewichte [13]

Hier hat sich inzwischen ein Wandel vollzogen: Durch freiwillige nationale Maßnahmen, zu denen es sich allerdings international verpflichtet, leistet Brasilien nun aktive Beiträge zur Sicherung globaler öffentlicher Güter wie das Klima. Umweltziele sollten jetzt auch in Entwicklungsstrategien berücksichtigt werden, das heißt, Wachstum und Modernisierung werden nicht als vorrangig zu erbringende Leistung angesehen. Insgesamt erwartet die brasilianische Regierung, dass die genannten Maßnahmen bis 2020 zu einer Verringerung der Emissionen um mindestens 36 Prozent und maximal fast 39 Prozent gegenüber business as usual führen werden. Es ginge aber auch mehr: Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass es möglich ist, die brasilianischen Treibhausgasemissionen bis 2030 um 70 Prozent zu reduzieren. Das größte Vermeidungspotenzial wird dabei mit 72 Prozent im Bereich der Entwaldung gesehen.[14]

Klimapolitik vs. Wachstumsstrategie

Ende 2009 wurde in Brasilien eine Studie zur Ökonomie des Klimawandels veröffentlicht, die sich mit den Risiken für die brasilianische Wirtschaft befasst, die durch die Auswirkungen des Klimawandels entstehen. In ihr wurde auch berechnet, welche Auswirkungen die nationale Klimapolitik auf das Wirtschaftswachstum haben würde, und zwar auf Grundlage verschiedener, am Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) orientierter Szenarien. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass eine Wirtschaftspolitik mit klimapolitischen Maßnahmen insgesamt zu einer höheren Wirtschaftsleistung führt als ohne; die Zunahme der Armut hätte in beiden Fällen ein so geringes Ausmaß, dass sie vernachlässigt werden kann.[15] Insgesamt geht die Studie von einer Verfünffachung des Bruttoinlandsprodukts gegenüber 2008 aus. Der einzige explizite Parameter zur Begrenzung der Naturnutzung in dieser Studie sind Treibhausgasemissionen. Da die Entwaldung mehr als die Hälfte der Emissionen verursacht, gibt es auch einen indirekten Bezug zu Begrenzungen für den Schutz zwei weiterer Erdsysteme, der Biodiversität und der Vegetationsdecke. Die anderen Parameter bleiben unberücksichtigt, so dass nicht auszuschließen ist, dass negative Trends implizit fortgesetzt werden, ihre Wirkungen aber unsichtbar bleiben.

Es gibt aber auch innerhalb des klimapolitischen Maßnahmenpakets Spannungen mit der bisher dominierenden Wachstumsstrategie, vor allem in Bezug auf die weitere Ausdehnung des Agrarsektors. Die entscheidende Frage der nächsten Jahre wird sein, wie stark der politische Wille zur Bekämpfung der Entwaldung wirklich ist. In den Expansionsstrategien privater und öffentlicher Akteure spielen Amazoniens Ressourcen eine wichtige Rolle, vor allem der Boden, die Bodenschätze und die Wasserkraft. Das Gebiet wurde in den 1960er Jahren durch den Bau von Überlandstraßen erschlossen. Die Erschließung wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert und diente ihrer ökonomischen Inwertsetzung.[16] Zunächst wurde das Land großen Konzernen für die Viehzucht angeboten, dann sollte die überschüssige Landbevölkerung aus dem von Dürre geplagten Nordosten dort angesiedelt werden. Seit den 1970er Jahren wurden die Erzvorkommen ausgebeutet, große Wasserkraftwerke gebaut und die Ansiedlung von Kleinbauern gefördert. Das Ergebnis war ein Anwachsen der städtischen und ländlichen Bevölkerung und eine Verringerung der Waldfläche um etwa 19 Prozent.

Seit den 1990er Jahren entwickelt sich die Entwaldungsdynamik unabhängig von öffentlichen Investitionen. Überlandstraßen werden zunehmend von kapitalkräftigen Sägewerksbesitzern, Viehzüchtern und Sojafarmern angelegt. Letztere haben dabei die großen Exportmärkte im Auge, da die brasilianischen Fleisch- und Sojaexporte seit der BSE-Krise in Europa stark zugenommen haben. Gegenwärtig ist Amazonien jedoch kein wichtiger Produktionsstandort für den Export. Nachdem die Savanne im Süden Amazoniens durch Bodenverbesserungen für den Sojaanbau erschlossen wurde, werden nun im Trockengebiet um Santarém in Zentralamazonien große Flächen gerodet. Die massive Ausweitung der Bioethanolproduktion auf Zuckerrohrbasis im Süden und Südosten des Landes trägt zur Verdrängung der Viehzucht in das Amazonasgebiet bei. Aber auch für die Produktion von Agrartreibstoffen wird Amazonien in den Blick genommen.

Die Maßnahmen der brasilianischen Bundesregierung zum Schutz des Amazonasgebietes vor Raubbau haben sich verbessert; zwischen den umweltpolitischen Plänen für Amazonien (Schutzgebiete) und den Plänen in der Energie- und Verkehrspolitik (Bau von Wasserkraftwerken, Gaspipelines, Straßen) gibt es jedoch Unstimmigkeiten. Nachdem die Entwaldungsrate 2002 und 2003 enorm gestiegen war, wurde ein interministerielles Maßnahmenpaket für die Bekämpfung der Entwaldung beschlossen. Umgesetzt werden davon bisher nur die Kontrollmaßnahmen des Umweltministeriums; Verbesserungen bei der Landtitelvergabe und der Umweltverträglichkeitsprüfung sind noch nicht erreicht. Die Reichweite und Effektivität der Maßnahmen der Bundesregierung wird dabei durch allgemeine Governance-Schwächen in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung wesentlich beeinträchtigt.

Neuere Entwicklungen verschärfen die Spannungen: 2009 hat Präsident Lula da Silva die Nichtbeachtung der Auflagen für den Waldschutz für private Landeigentümer bis Ende 2011 straffrei gestellt. Anfang 2010 wurde der Bau des Wasserkraftwerks von Belo Monte, das 11000 Megawatt Strom generieren soll, am Fluss Xingu genehmigt. Obwohl die Stauseefläche im Vergleich zur Kapazität sehr gering ist, werden doch erhebliche Auswirkungen auf die flussabwärts gelegenen Ökosysteme erwartet. Hinzu kommt, dass dieser Bau die Anlage weiterer Staudämme nach sich ziehen kann - dies ist in den Originalplänen aus den 1980er Jahren vorgesehen und hat schon damals massiven Widerstand der indigenen Völker ausgelöst. Am Xingu befindet sich eines der größten Indigenenschutzgebiete Brasiliens: Dieses Gebiet wurde eingerichtet, nachdem im Zuge des Straßenbaus durch die Region ein bis dahin völlig zurückgezogen lebendes Indigenenvolk fast vollständig ausgerottet wurde. Die Asphaltierung dieser Straße (BR-163), einer inzwischen für den Sojaanbau und Export wichtigen Nord-Süd-Achse zwischen Santarém und Cuiabá, ist ebenfalls beschlossen.

An diesen Bauvorhaben wird sich zeigen, wie ernst es der brasilianischen Regierung mit dem Waldschutz ist - hier muss es ihr gelingen, die spontanen Zuwanderungs- und Entwaldungsprozesse zu verhindern, die bisher immer derartige Großprojekte in Amazonien begleitet haben. Dies erfordert zweierlei: Zum einen muss die Kontrolle von Schutzgebieten durch die Umweltbehörden und der Forstkonzessionen durch die Forstbehörde erheblich verstärkt und mit Kontrollen der Katasterämter integriert werden, um illegale Landnahme bzw. -nutzung zu verhindern. Gleichzeitig sind erhebliche Investitionen in die lokale Entwicklung nötig, also in den Ausbau und die Erhaltung lokaler Straßennetze in den Altsiedelgebieten, in deren Schulen und Gesundheitsversorgung, in lokale Stromnetze und in die Rechtssicherheit. Es geht darum, eine relativ kleine Anzahl von Menschen auf einer relativ großen Fläche besser bzw. angemessen zu versorgen. Eine Verbesserung der Lebens- und Wirtschaftsbedingungen in den bereits entwaldeten und besiedelten Gebieten Amazoniens könnte zum Schutz der restlichen Flächen beitragen.

2003 hatte sich Lula da Silva mit den Gouverneuren der amazonischen Bundesstaaten auf ein Programm zur nachhaltigen Entwicklung Amazoniens verständigt. In der mehrjährigen Investitions- und Budgetplanung der Bundesregierung (Plano Plurianual, PPA) und im Programm zur Wachstumsbeschleunigung (Programa de Aceleração do Crescimento, PAC) wurden vor allem Mittel für die Stromversorgung, Straßenbau, Wasserver- und Abwasserentsorgung in Amazonien vorgesehen. Die Mittel für die sozialen und umweltpolitischen Begleitmaßnahmen und die Entwicklung anderer amazonischer Regionen sind in den Budgets verschiedener Ministerien enthalten. Wesentlich für die Einhegung der negativen Umweltwirkungen des Ausbaus großer (nicht lokaler) Infrastrukturnetze wäre die sofortige Stärkung der Umweltverwaltung und des lokalen Rechtswesens. Das Umweltministerium hat jedoch zwischen 2005 und 2008 jährlich nur knapp 20 Prozent seiner Mittel für Amazonien auch wirklich ausgegeben, die Mittel für den Nordosten hingegen durchschnittlich zu etwa 44 Prozent.[17]

Der Befund zu Amazonien ist nicht positiv. Wie steht es um die Förderung der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien? Bisher war die Verminderung von Treibhausgasemissionen eher ein sekundärer Nebeneffekt von anders motivierten Politiken:[18]

Im PAC sind 65 Prozent der Ausgaben für den Ausbau der Infrastruktur im Bereich des Erdgases und des Erdöls vorgesehen, die Beträge für Wind- und Sonnenenergie und Energieeffizienz sind weitaus geringer. Fraglich ist auch, ob es gelingen wird, die sekundären Effekte der Ausweitung der Ethanolproduktion zu begrenzen. Der Zuckerrohranbau verdrängt schon heute die Rinderzucht aus dem Süden nach Amazonien. Dieser Risiken sind sich zumindest Teile der brasilianischen Politik und Verwaltung bewusst. So wurde 2008 im brasilianischen Finanzministerium eine permanente Arbeitsgruppe zum Thema "Wirtschaftspolitik im Zeichen der brasilianischen Klimapolitik" eingerichtet, die umwelt- und marktwirtschaftliche Instrumente zur Umsetzung der brasilianischen Klimapolitik entwickeln soll. Zudem gibt es ein interministerielles Komitee zu Fragen des Klimawandels, dessen Spielraum jedoch sehr begrenzt zu sein scheint - diesen Schluss legt zumindest die Rücksichtslosigkeit nahe, mit der 2008/2009 die umweltpolitische Genehmigungsbehörde umgestaltet wurde, um die Umweltlizenzen für die Wasserkraftwerke in Amazonien durchzusetzen.

Wachstumsgefährdungen durch den Klimawandel

Mit der Veröffentlichung des IPCC-Berichts im Januar 2007 sind die Folgen des Klimawandels auch in Brasilien zum innenpolitischen Thema geworden. 2009 wurde mit finanzieller Unterstützung durch das britische Außenministerium von den führenden brasilianischen Forschungseinrichtungen eine Studie erstellt, in der die Risiken und Kosten der Auswirkungen des Klimawandels für verschiedene Sektoren berechnet wurden, insbesondere in den Bereichen Energie, Wasser und Landwirtschaft.[19] Ihre wichtigsten Ergebnisse zeigen, wie sehr ein effektiver Klimaschutz im Interesse Brasiliens liegt:

Fazit

Das Umdenken, das in den bisherigen klimapolitischen Zielen Brasiliens sichtbar wird, ist vor dem Hintergrund kumulativer negativer Umwelttrends auch in anderen Bereichen nicht ausreichend, weil die energiepolitische Planung bis 2030 von einer Verdoppelung der energiebedingten Emissionen gegenüber 2006 ausgeht. Die energiebedingten Pro-Kopf-Emissionen Brasiliens entsprechen heute bereits 7,5 Tonnen CO2 - nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ist erforderlich, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Pro-Kopf-Werte unter zwei Tonnen erreicht werden, soll der Klimawandel auf zwei Grad Celsius begrenzt werden.[20] Eine wesentliche Steigerung von Wind- und Sonnenenergie und anderen erneuerbaren Energien am brasilianischen Energiemix wäre also auch in der kurzen Frist erforderlich.

Der Ausbau der Wasserkraft in Amazonien ist mit großen Risiken behaftet - für die indigenen Völker, die Kleinbauern, die lokalen Ökosysteme, die Artenvielfalt und den Waldschutz. Dies sollte daher nicht das Mittel der Wahl sein, um die Energieversorgung zu verbessern. Die Steigerung der Energieeffizienz und die Reduzierung des Verbrauchs bergen noch viele Möglichkeiten, insbesondere im Bereich der Gebäude. Energieeffizientes Bauen findet sich weder in der nationalen Klimapolitik noch in der Studie zur Ökonomie des Klimawandels in Brasilien. Agrartreibstoffe als Lösung im Transportbereich sind sicher teilweise notwendig - aber auch hier sollten stärker als bisher kollektive Transportsysteme und der Ausbau des Bahnverkehrs angestrebt werden. Schließlich wird es in Brasilien (und stärker noch in Deutschland) notwendig sein, über Lebensstile, Produktions- und Konsummuster nachzudenken, um Erwartungen an ein Leben im Wohlstand an die eingangs benannten Grenzen der Erdökosysteme anzupassen.

Fußnoten

1.
Vgl. IPEA, Brasil em desenvolvimento. Estado, planejamento e políticas públicas, Brasília 2009; OECD, Economic Survey of Brazil, 2009, Policy Brief, Juli 2009.
2.
Vgl. Embrapa/Unicamp (Hrsg.), Aquecimento global e a nova geografia da produção agrícola no Brasil, São Paulo 2008, S. 14.
3.
Vgl. US Department of State, Background Note: Brazil, February 2010, online: www.state.gov/r/pa/ei/bgn/35640.htm#econ (12.2.2010).
4.
Vgl. Aquecimento global (Anm. 2), S. 15f.
5.
Das Ranking bezieht sich auf Daten zwischen 1992 und 2007. Vgl. Angaben zum Gini-Koeffizienten im Human Development Report 2009, online: http://hdrstats.undp.org/en/indicators/161.html (12.2.2010).
6.
Vgl. IPEA (Anm. 1), Bd. 2, S. 396 und die Daten des letzten Zensus von 2007, online: www.ibge.gov.br/home/estatistica/populacao/contagem2007/defaulttab.shtm (12.2.2010).
7.
Vgl. List of Brazilian states by Human Development Index, online: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Brazilian_states_by_Human_Development_Index (12.2.2010).
8.
Johan Rockström u.a., A safe operating space for humanity, in: Nature vom 24.9.2009, S. 472-475 (Übersetzung: I.S.).
9.
Vgl. Climate Action Tracker, Ambition of only 2 developed countries sufficient for Copenhagen Accord meeting 2°C target, press release, 2.2.2010, online: www.climateactiontracker.org/pr_2010_02_02.pdf (11.2.2010).
10.
Vgl. Lulas Rede am 17.12.2009 in Kopenhagen, online: http://climatechange.thinkaboutit.eu/think2/post/pre (12.2.2010).
11.
Vgl. Governo Federal/Comitê Interministerial sobre Mudança do Clima, Plano Nacional sobre Mudança do Clima (PNMC) Brasil, Brasilia 2008.
12.
Vgl. Ronie Lima, Dilma e Minc anunciam US $5 bilhões do Brasil para países pobres, 17.12.2009, online: www.ecodebate.com.br/2009/12/17/cop-15-dilma-e-minc-anunciam-us-5-bilhoes-do-brasil-para-paises-pobres/ (24.2.2010).
13.
Vgl. Roberto Guimarães/Joana Bezerra/Roberto Pascarella, Agenda internacional de meio ambiente: continuidade e mudança da posição do Brasil nas negociações internacionais entre 1972 e os dias de hoje, Rio de Janeiro 2009 (unveröffentlichtes Ms.).
14.
Vgl. McKinsey & Company, Pathways to a Low-Carbon Economy for Brazil, March 2009, online: www.mckinsey.com/clientservice/ccsi/pdf/pathways_low_carbon_economy_brazil.pdf (23.2.2010).
15.
Vgl. Jacques Marcovitch, Economia da Mudança do Clima no Brasil: custos e oportunidades, Rio de Janeiro 2009, online: www.economiadoclima.org.br/files/biblioteca/RESUMO_FINAL.pdf (3.2.2010).
16.
Vgl. David Mahar, Government policies and deforestation in Brazil's Amazon region, Washington 1988.
17.
Vgl. IPEA (Anm. 1), Bd. 2, S. 382-396.
18.
Vgl. Mikael Román, What Order in Progress? Brazilian Energy Policies and Climate Change in the Beginning of the 21st Century, Linköping 2007.
19.
Vgl. Marcovitch (Anm. 15).
20.
Vgl. WBGU, Kassensturz für den Weltklimavertrag - der Budgetansatz, Berlin 2009, online: www.wbgu.de/wbgu_sn2009.pdf (24.2.2010).

Imme Scholz

Zur Person

Imme Scholz

Dr. phil., geb. 1964; stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), Leiterin der Abteilung "Umweltpolitik und Management natürlicher Ressourcen", Tulpenfeld 6, 53113 Bonn. imme.scholz@die-gdi.de


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