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7.5.2021

Korruption im Sport – auch eine Gefahr für den Sport

Dass das Phänomen Korruption ebenso wie in anderen Gesellschaftsbereichen auch im Sport existiert, ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der öffentlich bekannten Fälle – etwa im Zusammenhang mit der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen oder der Bestechung von Fußballschiedsrichtern – sicherlich unstrittig. Die bekannte Definition, nach der Korruption den Missbrauch eines Amtes beziehungsweise von anvertrauter Macht zum persönlichen oder zum Nutzen Dritter meint,[1] ist also auch im Bereich des Sports anzuwenden. Dennoch gibt es einige besondere Aspekte des Sports, die ihn von anderen Bereichen unterscheiden, weswegen zu vermuten ist, dass sich Korruption hier neben den bekannten Formen durchaus auch spezifisch manifestiert. So kommt es im Sport regelmäßig zu einem Widerspruch zwischen postulierten Normen und erkennbar abweichendem Verhalten, beispielsweise zur Erlangung eines Sieges. Ein regelwidriges Foul der letzten Frau im Zielschussspiel gegenüber einer angreifenden Athletin etwa wird, sofern es nicht allzu grob vonstattenging, von den Beteiligten gemeinhin als "notwendig" anerkannt sowie von Mitspielerinnen, Fans und KommentatorInnen als lobenswerter Einsatz für den Sieg gewürdigt.

Schriften aus dem Jahr 300 v. Chr. legen nahe, dass im Sport schon abweichendes Verhalten und Korruption praktiziert werden, seit er wettkampfmäßig betrieben wird. Demnach vergaben im antiken Griechenland Athleten, zum Teil auch auf Geheiß der Trainer, ihren Sieg gegen entsprechende Entlohnung. Dieses Verhalten wurde und wird damals wie heute als verwerflich bewertet, während gleichzeitig auf den in der Vergangenheit vermeintlich größeren Sportsgeist verwiesen wird.[2]

Typisierung von abweichendem Verhalten

Abweichendes Verhalten – also Handlungen, die geltenden Normen widersprechen – lässt sich in den unterschiedlichsten Kontexten finden. Zum besseren Verständnis dieser verschiedenen Facetten und ihrer Verbindungen zum Phänomen Korruption wollen wir zunächst eine Typisierung abweichenden Verhaltens vorschlagen.[3]

Zunächst kann, bezogen auf Regeln und Normen, zwischen sogenanntem über- und unterkonformem Verhalten unterschieden werden. Eingängig ist der Fall von abweichendem Verhalten, wenn Personen sich nicht an allgemeine Regeln und Normen halten. Entsprechend werden diese AbweichlerInnen meist sanktioniert – bei Gesetzes- oder Regelbruch durch die Instanzen der Judikative, bei Überschreitung von sozialen Normen eher durch gesellschaftliche Ächtung.[4] Doch auch überkonformes Verhalten kann und wird als von der Norm abweichend angesehen, wobei die Reaktionen hier von Bewunderung bis hin zu Abneigung reichen. Ein Beispiel sind etwa Athleten, die den Anforderungen des Sports durch eine besondere Ernährung und/oder extremes Training in einer Art und Weise nachkommen, die ihr Verhalten im Vergleich zu Normen der außersportlichen Welt als auffällig erscheinen lässt. Ein besonderes Verhalten einer Athletin kann aber auch im Widerspruch zu den innersportlichen Normen stehen, nämlich dann, wenn es durch Übertraining oder spezielle Diäten zu Ermüdungsbrüchen oder sonstigen, eventuell lebenslangen Einschränkungen kommt, die für den Erfolg in Kauf genommen werden.[5]

Zweitens kann der Bezug zum Sportgeschehen selbst differieren. Unterschieden werden können Regeln und Normen, die auf, am Rande oder außerhalb des Sportplatzes beziehungsweise des Wettbewerbs gelten. Innerhalb des Wettbewerbs existieren neben den grundlegenden "konstitutionellen" Regeln der jeweiligen Sportart die "Fertigkeitsregeln", worunter die "Kenntnisse, Fähigkeiten und Techniken" zur Ausübung der Sportart zu verstehen sind, sowie die "Hintergrundregeln" ("Fairness, Kameradschaft, Ehrlichkeit"),[6] deren Missachtung sich etwa in Fouls oder Doping ausdrückt. Darüber hinaus gibt es "strategische Regeln", durch deren Kenntnis erst eine erfolgreiche Wettbewerbsteilnahme möglich wird. Abweichendes Verhalten am Rande des Wettbewerbs bezieht sich auf Vorkommnisse, die mit dem Wettkampf nur indirekt zusammenhängen. Darunter fallen beispielsweise missbräuchliches Verhalten von TrainerInnen gegenüber ihren Schützlingen oder die Bestechung von SchiedsrichterInnen. Abweichendes Verhalten außerhalb des Wettbewerbs schließlich tritt dann auf, wenn AthletInnen oder andere Personen, die unmittelbar am Wettkampf teilnehmen, außerhalb des Wettkampfs abweichend handeln, aber auch, wenn Personen mit anderen Rollen im Sport (etwa Fans oder FunktionärInnen) abweichend agieren. Beispiele hierfür wären die Ausbeutung von AthletInnen durch deren Management, gewalttätige Fans, Steuerhinterziehung oder der berühmt-berüchtigte "Griff in die Vereinskasse". Diese Fälle beschreiben nicht zwingend sportimmanente Probleme der Korruption, vielmehr dient der Sport hier als Möglichkeitsraum für korruptes Verhalten.[7] Darüber hinaus gibt es im Sport Abweichungen von "gesatzten Sportregeln" (den Regelwerken des Wettbewerbs selbst), von "Regeln und Gesetzen mit übersportlicher Geltung" (etwa dem Verbot der Körperverletzung) und von "(sportbezogenen) ethisch-moralischen Standards" (zum Beispiel Regeln der Fairness).[8]

Abweichendes Verhalten kann auch nach den handelnden Personen typisiert werden. Hierbei sind es bei Weitem nicht nur die Sporttreibenden selbst, die deviant agieren, sondern es fallen regelmäßig auch SchiedsrichterInnen, TrainerInnen, der BetreuerInnenstab und auch Ehren- und Hauptamtliche in den Vereinen und Verbänden als regelbrechende oder -beugende Akteure auf.[9] Dabei sind auch die Akteurkonstellationen zu beachten: So konnte in der Vergangenheit in diversen Zusammenhängen, beispielsweise im Bereich des Dopings (staatlich angeordnete Dopingprogramme), der Manipulation von Sportwetten ("Wettmafia") oder auch bei der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen ("mafiöse Strukturen"),[10] organisationales abweichendes Verhalten mehrerer Individuen beobachtet werden. Eine Differenzierung in Individualakteure einerseits und kollektive beziehungsweise korporative Akteure andererseits ist hier insofern von Belang, als sie erlaubt, das Ausmaß der Professionalisierung und die damit einhergehenden Strukturen des Handelns besser zu erkennen.

Wichtig ist schließlich auch, die Art der Tauschgüter zu betrachten. So ist der Austausch von Stimmen oder Sieg gegen Geld der wohl üblichste, jedoch kann, insbesondere bezogen auf Sportfunktionäre, jede Form der Beeinflussung als Korruption bewertet werden.[11]

Folgt man dieser Typisierung, beschreibt Korruption im Sport also ein unterkonformes abweichendes Verhalten bezüglich allgemeingültiger, nicht-sportbezogener Normen durch am Wettkampf beteiligte und nicht beteiligte Akteure (zum Beispiel AthletInnen, FunktionärInnen, SchiedsrichterInnen), die einzeln oder im Kollektiv zum privaten oder zum Nutzen Dritter agieren, wobei dieser Nutzen monetärer oder nicht-monetärer Art sein kann.

Wenngleich es also prinzipiell eine Fülle von Handlungen gibt, die mit korruptem Verhalten verbunden sein können, können zwei zentrale Ausprägungsformen von Korruptionsfällen im Sport unterschieden werden: zum einen korruptes Handeln im Bereich der Sportpolitik und in den Gremien der Sportorganisationen, zum anderen im Bereich der Wettkampfereignisse selbst, und hier vor allem die Manipulation des Ergebnisses.[12] Konkrete Beispiele wären etwa Spielmanipulationen, Wettbewerbsbetrug, illegale Sportwetten, Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Großveranstaltungen sowie der Besetzung wichtiger Verbandspositionen, Bestechung beim Bau von Sportstätten und Schmiergeldzahlungen bei der Vergabe von TV-Rechten.[13]

Erwartungen an den Sport als besonderes Gut

Sport und Wettkampf und die dabei bestehende "Kooperenz" (die Gleichzeitigkeit von Kooperation und Konkurrenz) beruhen auf einem umfassenden Normenwerk, das über die formalen Regeln des Sports hinausgeht. Das "Geschäftsmodell" des Sports baut somit vornehmlich auf Vertrauen auf, das durch abweichendes Verhalten erheblich gestört werden kann.[14] Denn nur, wenn die "ethisch-moralische Integrität des Wettbewerbs" gewahrt bleibt, werden die SportlerInnen grundsätzlich darauf vertrauen können, dass es sich um einen fairen, regelkonformen Wettbewerb handelt – und damit bereit sein, die Kosten für die Teilnahme zu tragen. Aus Sicht der KonsumentInnen sind sportliche Leistung und Regeleinhaltung zudem komplementäre Güter, die erst zusammen das Produkt "Sportwettkampf" bilden, deren Wert sich am Eintrittspreis für den Stadionbesuch oder an der Zeit (und den eventuellen Pay-TV-Gebühren) am heimischen Fernseher bemisst.

Den ZuschauerInnen bleibt dabei nur die Möglichkeit, an die Regeleinhaltung durch die AthletInnen und die anderen Personen im Wettkampfumfeld zu glauben. Aufseiten der Organisationen sowie der WettkampfteilnehmerInnen ist es somit im Sinne von Nachfrage und Angebot wichtig, das Vertrauen der KonsumentInnen in das redliche Vorgehen im Sinne des Sportsgeistes nicht aufs Spiel zu setzen.[15] Kommt es doch zu einem solchen Ereignis, bleibt den VertreterInnen der betroffenen Sportart nichts anderes übrig, als zu beteuern, dass es sich dabei um einen Einzelfall handelt, den man rigoros aufzuarbeiten gedenke. Kann dieser Anschein nicht gewahrt werden, weil zum Beispiel in zeitlicher Nähe weitere Fälle bekannt werden, kann dies zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust führen. So beschlossen etwa ARD und ZDF das Ende der Tour-de-France-Berichterstattung (für 2009) nicht bereits nach dem "Festina-Skandal" von 1998, sondern erst, als sich in den Jahren danach (unter anderem in der sogenannten Fuentes-Affäre) zeigte, dass Doping im Radsport ein grundsätzliches Problem darstellt.

Das Vertrauen in beziehungsweise der Glaube an die Integrität des Wettbewerbs hat tiefgehende Wurzeln und nimmt zuweilen Züge einer Religion an. So ist Pierre de Coubertin, der sogenannte Vater der Olympischen Spiele der Neuzeit, der Ansicht, dass "das erste und wesentliche Merkmal des alten wie des modernen Olympismus (…) darin [besteht], eine Religion zu sein".[16] Auch wenn Coubertin diese Aussage vornehmlich auf den Athleten bezieht, wird deutlich, dass die entsprechende Bewunderung und Anerkennung beim Publikum, die dieser erfährt, zugleich die Basis für länderübergreifende Achtung und damit für Frieden sein sollen. Damit ist es auch nicht verwunderlich, dass das IOC als Organisator der Olympischen Spiele seine Aufgaben über den Wettkampf hinaus auch in der "Förderung der Moral und guten Verwaltungsführung im Sport"[17] sieht und "eine positive bleibende Wirkung der Olympischen Spiele in den Gastgeberstädten und Gastgeberländern"[18] erreichen möchte. Ähnlich normative Zielformulierungen finden sich auch in den Statuten anderer internationaler Dachorganisationen. Diese widersprechen nicht einfach nur korruptem Verhalten, sondern stehen sogar in einem starken Kontrast zu ihm.

Zumindest für einen Teil der ZuschauerInnen kann angenommen werden, dass für sie "nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch die Art und Weise, wie die Spitzenleistung zustande kam",[19] sie sich also als ethische Konsumenten für die Produktionsbedingungen interessieren und unter Umständen auch eine Konsumverweigerung in Betracht ziehen.[20] So sehr die hohen Normen im Sport dessen Alleinstellung ausmachen, so sehr stellt abweichendes Verhalten für den Sport eine besondere Gefahr dar, denn bereits ein Einzelfall kann, je nach Schwere, zu einem erheblichen "Ansehensschaden" führen,[21] wodurch der Sport seinen Zauber verliert. Es kommt dann zur Säkularisierung und damit zur Lossagung von der "Religion Sport". Die ZuschauerInnen treten aus ihrer mehr oder weniger vorhandenen Passivität heraus und wählen durch ihren Konsumverzicht die Exitstrategie.[22]

Auch politische Akteure sind sich seit jeher über die Bedeutung der Olympischen Spiele und anderer Sportveranstaltungen im Klaren – Bekenntnisse zu Sportgroßveranstaltungen seitens der Politik, etwa in Koalitionsverträgen, sprechen hier Bände – und nutzen diese Plattformen sowohl politisch als auch wirtschaftlich.[23] Gerade durch die Vermischung der sportlichen Sphäre mit politischen Interessen vergrößert sich jedoch der Möglichkeitsraum für abweichendes Verhalten. Gleichzeitig schadet korruptes Verhalten dem Ansehen des Sports nachdrücklich – mit der Folge, dass potenzielle KonsumentInnen in demokratischen Gesellschaften Sportgroßveranstaltungen zunehmend ablehnend gegenüberstehen. Die ablehnenden Volksentscheide zu den Olympiabewerbungen von Hamburg und München sind nur zwei Beispiele.

Zur Korruptionsanfälligkeit von Sportorganisationen

Abgesehen von den normativen Anforderungen an den Sport gibt es weitere Besonderheiten, durch die sich Sportorganisationen von anderen Organisationen unterscheiden. So sind Sportvereine und -verbände organisationstheoretisch eine Art Zwischenform zwischen formaler und nicht-formaler Organisation,[24] in denen Personen meist in langjährigen dichten Netzwerken agieren. Zudem sind in Sportorganisationen oftmals Ehrenamtliche tätig, bei denen die Trennung von Privatem und Beruflichem per Definition nicht gegeben ist. Zusammen mit den hehren Zielen des Sports führt dies zu einer besonderen Form der Organisationskultur im Sinne einer Vergemeinschaftung.[25]

Die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmende Kommerzialisierung im Wettkampfsport führt zu grundlegenden Spannungen zwischen der durch Normen und Werte geprägten inneren Kultur des Sports einerseits und der Marktorientierung nach außen gegenüber Fans, Sponsoren und Medienpartnern andererseits. Da die für das Außenverhältnis notwendige ordnungsgemäße Aktenführung einer rational agierenden Organisation nicht immer mit dem traditionellen, auf Vertrauen basierenden Handeln im Innenverhältnis vereinbar ist, kommt es zwangsläufig zu Interessenkonflikten. Mit der Kommerzialisierung geht zudem eine hohe Ökonomisierung einher, ohne dass der Sport als Markt bisher entsprechend reguliert wurde. Da die Kontrollinstanzen fehlen und die Normen der Organisation im Zuge der Kommerzialisierung geschwächt werden,[26] kann die moralzersetzende Kraft des Geldes[27] hier ohne größere Hindernisse durchschlagen. Bleiben Gegenmaßnahmen weiter aus, birgt die Transformation von "vergemeinschafteten" zu kommerziell agierenden Organisationen eine große Gefahr für korruptes Verhalten, so wie es sich in der Vergangenheit bereits in verschiedenen Verbänden, etwa der FIFA, dem IOC oder der IAAF (nun "World Athletics"), manifestiert hat.

Die Verankerung von Kontrollmechanismen in der Organisationsstruktur ist dabei keineswegs trivial. Zum einen herrscht noch die aus der Vergemeinschaftung herrührende Sportkultur des gegenseitigen Vertrauens, zum anderen könnten redlich agierende Akteure beim Entdecken von korruptem Verhalten wegen ihrer Enttäuschung über das Fehlverhalten den Ausstieg wählen ("Exit"), statt die Organisationsentwicklung voran zu treiben ("Voice").[28] Dies führt dann sogar zu einer Verschärfung des eigentlichen Problems, denn es verbleiben dann vornehmlich die Akteure in der Organisation, die kein Interesse an Kontrollen haben, wodurch Korruption wiederum begünstigt wird.[29]

Öffentliche Wahrnehmung

Berichte von korruptem Verhalten im Umfeld des Sports sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene gab es in den vergangenen Jahren häufig, daher ist es im Sinne der anekdotischen Evidenz nicht verwunderlich, dass Kommerzialisierung und Korruption neben Doping als große Gefahren für den (olympischen) Sport wahrgenommen werden.[30] Dabei kann angenommen werden, dass abweichendes Verhalten in Form von Dopingvergehen oder Wettbewerbsmanipulation vor allem den Sportinteressierten den Spaß verdirbt, während die Fälle von Korruption im Umfeld des Sports darüber hinaus auch die allgemeine Bevölkerung beschäftigen und zu einem generellen Misstrauen gegenüber den Dachverbänden und den von ihnen organisierten Sportgroßveranstaltungen wie Olympischen Spielen und Fußballweltmeisterschaften führen. So konnte etwa gezeigt werden, dass die Bevölkerung, speziell die sportinteressierten ZuschauerInnen, ein transparentes Vorgehen für überaus zentral bei der Ausrichtung von Olympischen Spielen hält, sie gerade hier jedoch auch eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erblickt.[31]

Auf nationaler Ebene scheint Korruption im Sportumfeld nach den Daten des Lageberichts des Bundeskriminalamts für 2019 kein besonderes Problem darzustellen.[32] In der Übersicht der von Korruption betroffenen Branchen, aber auch im gesamten Bericht, wird der Sport – im Gegensatz etwa zur Automobil-, Medizin- und Pharmabranche – nicht explizit erwähnt. Auch wenn sich natürlich etliche Korruptionsfälle im Sport finden lassen, scheint der Sport, gerade auch vor dem Hintergrund der vielen täglichen Wettkämpfe und Entscheidungen, nicht in besonderer Weise von Korruption betroffen zu sein.[33]

Nichtsdestotrotz wird die öffentliche Wahrnehmung von einigen großen Fällen dominiert, von denen zwei hier exemplarisch erwähnt werden sollen: So wird beispielsweise die Integrität des Vergabeprozesses der Olympischen Spiele seit den 1980er und 1990er Jahren immer wieder diskutiert und angezweifelt. 1998 konnten Bestechungsvorwürfe im Zuge der Vergabe der Olympischen Winterspiele an Salt Lake City erstmals bewiesen werden.[34] Die Vorsitzenden des US-Führungskomitees sollen "Mitglieder des IOC u.a. mit Reisen, Immobiliengeschäften, Operationen und Barzahlungen und sonstigen Vorteilsgewährungen wie Aufenthaltsgenehmigungen und Universitätsstipendien für Angehörige in Höhe von rund 1,2 Millionen US-Dollar beeinflusst haben", damit diese für eine Vergabe an die US-Stadt stimmen.[35]

Ein zweites Beispiel: Aufgrund sich häufender Korruptionsfälle innerhalb der FIFA kam das US-Justizministerium zu dem Schluss, dass die FIFA eine im Rahmen des RICO-Acts ("Anti-Mafia-Gesetz")[36] zu überwachende Organisation sei.[37] 2018 wurden im Zuge von Gerichtsverfahren wegen der Zahlung von Bestechungsgeldern für TV-Rechte in den USA in Höhe von 150 Millionen Dollar unter anderem der ehemalige Präsident des brasilianischen Fußballverbands zu vier Jahren Haft und 4,5 Millionen Dollar Strafe sowie ein früherer FIFA-Vizepräsident zu neun Jahren Haft verurteilt.[38]

Maßnahmen gegen Korruption

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Korruptionsbekämpfung auch im Sportbereich mehr und mehr in den Blick der internationalen politischen Organisationen gerückt, etwa der UNESCO, der Weltbank, der OECD sowie verschiedener NGOs wie Transparency International.[39] Auch die Europäische Union formulierte zur Verhinderung von Korruption entsprechende Ziele im Rahmen der Förderung von "Good Governance" im Sport. Unter dem Stichwort "Sport und Integrität" findet sich zudem eine Initiative zum Kampf gegen Wettbewerbsbetrug.[40] Die Vereinten Nationen verabschiedeten derweilen eine Resolution gegen Korruption im Sport.[41]

Da Korruption insbesondere durch die umfassenden Entscheidungskompetenzen der OrganisationsvertreterInnen begünstigt wird,[42] müssten zur Korruptionsbekämpfung in erster Linie die Kosten für abweichendes Verhalten erhöht (etwa durch Strafen) und der Nutzen aus redlichem Verhalten gesteigert werden (etwa durch Belohnung). So wird etwa eine höhere Entlohnung der SportfunktionärInnen und AthletInnen als Möglichkeit gesehen, die initiale Motivation für korruptes Verhalten zu verringern. Weitere Maßnahmen umfassen die Etablierung von Verhaltenskodizes und Wertesystemen, Jobrotationen und die Begrenzung von Amtszeiten sowie die Einbindung von mehreren Akteuren bei Entscheidungen, um das Gewicht eines Einzelnen zu verringern.

Spezifischere Maßnahmen zielen zum Beispiel auf die Machtasymmetrien zwischen dem IOC als Monopolist bei der Rechtevergabe für die Ausrichtung von Olympischen Spielen und den jeweiligen Bewerberstädten.[43] Derzeit liegt etwa die Verantwortung zur Umsetzung von Maßnahmen zur nachhaltigen Nutzung der Anlagen allein bei der Ausrichterstadt, während das IOC nahezu risikolos Einnahmen aus Vermarktungs- und Übertragungsrechten erhält. Mittels der Gründung einer Stiftung durch das IOC und die jeweilige Ausrichterstadt könnte ein Teil der Veranstaltungseinnahmen in ein Stiftungsvermögen überführt und vor Ort für zuvor vereinbarte Zwecke und zugunsten der Bevölkerung eingesetzt werden. Die Zweckbindung der finanziellen Mittel und die öffentliche Aufmerksamkeit könnte die Gefahr für korruptes Verhalten sowohl am Veranstaltungsort als auch innerhalb des IOC reduzieren. Das IOC würde dabei moralisch wie organisatorisch für die Zielerreichung in die Verantwortung genommen, was sich für die Organisation und die Marke "Olympische Spiele" auch in Form einer moralischen Stärkung positiv auswirken könnte. Und auch die Bevölkerung der Austragungsstätten könnte so langfristig davon profitieren.[44]

Fazit

Auch der Sport und sein Umfeld sind von Korruption betroffen – die teils aufsehenerregenden Fälle der vergangenen Jahre auf nationaler wie internationaler Ebene sprechen für sich. Korruption stellt jedoch kein grundsätzliches Problem des Sports dar, das in dieser Sphäre stärker oder häufiger aufträte als in anderen Bereichen. Der starke Fokus der Öffentlichkeit und der Medien auf den Sport sowie der deutliche Widerspruch zwischen selbstauferlegtem normativem Anspruch und der sportpolitischen Wirklichkeit vergrößern jedoch die Fallhöhe deutlich.

Bis vor wenigen Jahren – und in manchen Sportarten noch heute – formten die Werte des Sports eine Kultur, die von den Ehrenamtlichen im Breitensport bis weit in den professionellen Bereich hinein getragen wurde. Auch wenn es regelmäßig zu normabweichendem Verhalten kam und kommt (etwa durch Doping oder Wettbetrug), konnte doch weithin der Eindruck eines funktionierenden Sportsgeistes aufrechterhalten werden. Dieser Sportsgeist trifft heute jedoch auf verstärkte Kommerzialisierungsprozesse, die noch nicht überall in reglementierende Rahmenordnungen eingebettet wurden. Dies öffnet den Einfluss für solche Akteure im und im Umfeld des Sports, die mit Entscheidungskompetenzen und diskretionären Spielräumen ausgestattet sind – und macht Korruption im Sinne des Missbrauchs anvertrauter Macht zum eigenen Vorteil oder zum Nutzen Dritter möglich und wahrscheinlicher. Für den Sportbetrieb besteht so zum einen das Problem möglicher Misswirtschaft. Zum anderen aber läuft er Gefahr, dass das "Produkt Sport", das sich ja gerade als Verbindung von sportlicher Leistung mit dem hehren Ziel der Einhaltung von Regeln auszeichnet, an Vertrauen und Wert einbüßt.
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Fußnoten

1.
Vgl. Jens Ivo Engels, Die Geschichte der Korruption, Frankfurt/M. 2014.
2.
Vgl. Ingomar Weiler, Korruption und Kontrolle in der antiken Agonistik, in: Katja Harter-Uibopuu/Thomas Kruse (Hrsg.), Sport und Recht in der Antike, Wien 2014, S. 1–30.
3.
Vgl. hierzu Monika Frenger/Werner Pitsch, Abweichendes Verhalten im Sport, in: Arne Güllich/Michael Krüger (Hrsg.), Sport in Kultur und Gesellschaft, Berlin–Heidelberg 2018, https://doi.org/10.1007/978-3-662-53385-7_16-1«; Klaus Heinemann, Einführung in die Soziologie des Sports, Schorndorf 2007, S. 214ff.
4.
Vgl. Fritz Scharpf, Interaktionsformen, Opladen 2000.
5.
Vgl. Heinemann (Anm. 3).
6.
Vgl. ebd., S. 69.
7.
Vgl. ebd., S. 216.
8.
Vgl. Frenger/Pitsch (Anm. 3), S. 3.
9.
Vgl. Heinemann (Anm. 3).
10.
Vgl. Frank Daumann/Hannes Hofmeister, Die Vergabe der Olympischen Spiele durch das IOC – eine institutionenökonomische Analyse, in: Martin-Peter Büch/Wolfgang Maennig/Hans-Jürgen Schulke (Hrsg.), Zur Ökonomik von Spitzenleistungen im internationalen Sport, Hamburg 2012, S. 147–193, hier S. 147.
11.
Vgl. ebd., S. 171.
12.
Vgl. Wolfgang Maennig, Korruption im internationalen Sport, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 2/2004, S. 263–291.
13.
Vgl. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Korruption und Governance-Strukturen in internationalen Sportorganisationen, Berlin 2014, S. 17ff.
14.
Vgl. Eike Emrich/Freya Gassmann, Korruption und Sport, in: Peter Graeff/Tanja Rabl (Hrsg.), Was ist Korruption?, Baden-Baden 2019, S. 134–164.
15.
Vgl. Eike Emrich/Christian Pierdzioch/Werner Pitsch, Die "Marke" Olympia und die besondere Bedeutung von Vertrauenskriterien, in: Jan Haut (Hrsg.), Leistungssport als Konkurrenz der Nationen, Saarbrücken 2014, S. 89–116.
16.
Pierre de Coubertin, Die philosophischen Grundlagen des modernen Olympismus, in: Leistungssport 2/1972, S. 239–241, hier S. 239.
17.
Deutsche Olympische Akademie, Olympische Charta, Frankfurt/M. 2014, S. 9.
18.
Ebd., S. 10.
19.
Emrich/Pierdzioch/Pitsch (Anm. 15), S. 90.
20.
Vgl. Veronika Andorfer, Ethical Consumption in Germany. A Cross-Sectional Analysis of Determinants of Fair Trade Consumption (2000–2010), in: Zeitschrift für Soziologie 5/2013, S. 424–443.
21.
Vgl. Maennig (Anm. 12), S. 277.
22.
Vgl. Albert Hirschman, Exit, Voice, and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States, Cambridge 1970.
23.
Vgl. Eike Emrich et al., Medaillennachfrage in der Gesellschaft, in: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.), Sportgroßveranstaltungen in Deutschland. Bd. 2: Nachhaltige Bewegung, Bonn 2020 S. 80–93.
24.
Vgl. Eike Emrich/Freya Gassmann/Michael Koch, Korruption im Sport als spezielle Organisationsform zwischen Vormoderne und Rationalität, in: Jahrbuch für Denken, Dichten, Kunst 2019, S. 115–136.
25.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1980.
26.
Vgl. Emrich/Gassmann/Koch (Anm. 24).
27.
Vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frankfurt/M. 1989.
28.
Vgl. Hirschman (Anm. 22).
29.
Vgl. Berno Buechel/Eike Emrich/Stefanie Pohlkamp, Nobody’s Innocent: The Role of Customers in the Doping Dilemma, in: Journal of Sports Economics 8/2016, S. 767–789.
30.
Vgl. Emrich/Pierdzioch/Pitsch (Anm. 15), S. 99.
31.
Vgl. Freya Gassmann et al., Nachhaltigkeit, Menschenrechte und Transparenz für Olympische Spiele, in: Gerhard Nowak (Hrsg.), (Regional-)Entwicklung des Sports, Schorndorf 2018, S. 323–340.
32.
Vgl. BKA, Bundeslagebild Korruption 2019, http://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Korruption/korruptionBundeslagebild2019.pdf«.
33.
Vgl. Maennig (Anm. 12), S. 271.
34.
Vgl. Daumann/Hofmeister (Anm. 10), S. 172.
35.
Vgl. Maennig (Anm. 12), S. 267.
36.
Vgl. Klaus Zeyringer, Schwarzbuch Sport, Wiesbaden 2021, S. 166.
37.
Vgl. United States Department of Justice, Nine FIFA Officials and Five Corporate Executives Indicted, http://www.justice.gov/opa/pr/nine-fifa-officials-and-five-corporate-executives-indicted-racketeering-conspiracy-and«.
38.
Vgl. Zeyringer (Anm. 36).
39.
Vgl. Wissenschaftliche Dienste (Anm. 13), S. 22–29.
40.
Vgl. Europäische Union, Sport and Integrity, https://ec.europa.eu/sport/policy/integrity_en«.
41.
Vgl. United Nations, Corruption and Sports, http://www.unodc.org/unodc/en/corruption/sports.html«.
42.
Vgl. Daumann/Hofmeister (Anm. 10), S. 185.
43.
Vgl. Eike Emrich/Freya Gassmann/Michael Koch, Olympische Spiele: Das IOC in der Falle, in: André Armbruster/Cristina Besio (Hrsg.), Organisierte Moral. Zur Ambivalenz von Gut und Böse in Organisationen, Wiesbaden 2021 (i.E.).
44.
Vgl. ebd.

Freya Gassmann, Michael Koch

Zur Person

Freya Gassmann

ist promovierte Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sportökonomie und Sportsoziologie der Universität des Saarlandes. f.gassmann@mx.uni-saarland.de


Zur Person

Michael Koch

ist Ökonom und Sportwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sportökonomie und Sportsoziologie der Universität des Saarlandes. michael.koch@uni-saarland.de


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