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21.2.2011

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Der Beitrag behandelt die anhaltenden Auswirkungen der Gewalt des Baath-Regimes. Angesichts ausbleibender Unterstützung und Anerkennung sowie politischer Instrumentalisierung entfremden sich die Opfer vom politischen Prozess.

Einleitung

Acht Jahre nach der US-geführten Militärinvasion im Irak und dem Sturz des Baath-Regimes ist die irakische Gesellschaft tief gespalten. Die zunehmende Fragmentierung entlang religiöser und ethnisch-nationaler Trennungslinien ist nicht nur mit den Folgen des Krieges, der Besatzung und des Machtvakuums im Irak nach 2003 zu erklären. Sie spiegelt auch die lang anhaltende und zerstörerische Wirkung der massiven Gewalt wider, der weite Teile der irakischen Bevölkerung unter der Diktatur des Baath-Regimes über Jahrzehnte ausgesetzt waren und welche die sozialen Strukturen in allen Teilen des Irak zerstört hat. Zehntausende Überlebende von Folter und Verfolgung und Angehörige von Opfern aus allen Bevölkerungsgruppen und Regionen des Landes warten nach wie vor auf die Öffnung der zahlreichen Massengräber und fordern Gewissheit, Gerechtigkeit und Entschädigung. Aber die anhaltende Gewalt im Irak fordert täglich neue Opfer, darunter auch Angehörige der ehemaligen Tätergruppen.

Das Ringen um einen nationalen Kompromiss aller politischen Kräfte zur Beendigung der Gewalt hat die Debatte um einen institutionellen Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit von der politischen Tagesordnung verdrängt. Die Opfer des Baath-Regimes fühlen sich enttäuscht und marginalisiert und entfremden sich dem politischen Prozess im Irak.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen kurdische Frauen im Irak, welche die sogenannten Anfal-Operationen der irakischen Armee im Jahr 1988 überlebt haben. Ihr Beispiel zeigt die zerstörerische Wirkung massiver Gewalt und unterstreicht die zentrale Bedeutung gesellschaftlicher und politischer Anerkennung ihrer Gewalterfahrungen für die Entwicklung neuer Lebensperspektiven. Der Beitrag fasst einige bisherige Ergebnisse des Forschungsprojekts "Gewalt, Erinnerung und Aufarbeitung im Irak - Die Perspektive Anfal überlebender Frauen in Kurdistan" am Zentrum Moderner Orient in Berlin zusammen.[1] Er fußt zudem auf langjährigen Arbeitserfahrungen der Autorin in psychosozialen Projekten mit Anfal überlebenden Frauen, insbesondere im Rahmen des Projekts "Erinnerungsforum Anfal". Hier engagieren sich die Frauen für eine selbst gestaltete und verwaltete Gedenk- und Begegnungsstätte in der Stadt Rizgary.[2]

Anfal-Operationen gegen die kurdische Bevölkerung

Anfal ist der Name der achten Sure aus dem Koran, in der die im Krieg gegen Ungläubige erbeuteten Güter als "legitime" Beute bezeichnet werden. Unter dem Codewort "Anfal" hatte die irakische Armee im Jahr 1988 eine großangelegte Militäroperation gegen die kurdischen ländlichen Gebiete im Norden des Irak durchgeführt - öffentlich angekündigt und legitimiert als Vergeltungsaktion gegen die kurdische "Kollaboration" mit dem Kriegsgegner Iran.[3] Im Laufe weniger Monate wurden Tausende kurdischer Dörfer zunächst bombardiert (teilweise mit Giftgas) und dann von Bodentruppen vollkommen zerstört. Die Bevölkerung wurde zusammengetrieben. Mehr als 100.000 Männer zwischen 15 und 50 Jahren, in einigen Regionen auch zahlreiche Frauen, wurden vom Rest der Bevölkerung getrennt und an unbekannte Orte verschleppt. Die wenigen Zeugenaussagen und die inzwischen gefundenen Massengräber zeugen von Massenerschießungen. Das individuelle Schicksal der meisten Verschleppten aber ist bis heute ungeklärt.

Frauen mit Kindern und ältere Männer wurden über Monate in Lagern und Gefängnissen zusammengepfercht, gequält und gedemütigt. Viele, vor allem ältere Menschen und Kinder, starben hier. Im Herbst 1988 wurden die Überlebenden "amnestiert" und in Umsiedlungslager gebracht, die das irakische Regime als "Modernisierungsmaßnahme" für die kurdische Landbevölkerung propagierte.

Leben nach Anfal: 15 Jahre Ungewissheit und Provisorium

Bis 1991 lebten die Anfal-Überlebenden unter direkter Kontrolle des irakischen Militärs in den Umsiedlungslagern. Nach dem Zweiten Golfkrieg im Jahr 1991, dem Rückzug des irakischen Regimes aus einem Großteil der kurdischen Gebiete und der Entstehung einer provisorischen Autonomie in Kurdistan-Irak, wurden die während Anfal zerstörten Dörfer wieder aufgebaut. Viele Familien kehrten zurück und nahmen die landwirtschaftliche Produktion wieder auf. Vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern aber lehnten die Rückkehr in ihre Dörfer ab. Sie wollten nicht zurück an die Orte des Schreckens, wo sie zudem weder auf männliche Arbeitskraft noch auf Schutz bauen konnten. Sie verharrten in den Umsiedlungslagern, viele leben dort bis heute.

Die Autorin konzentriert sich auf Frauen in dem ehemaligen Umsiedlungslager Al Sumud (arabisch für Standhaftigkeit) in der ländlichen Region Germian im Südosten der kurdisch verwalteten Region. Sumud ist heute eine lagerähnliche Stadt oder ein stadtähnliches Lager und wurde inzwischen umbenannt in Rizgary (kurdisch für Befreiung). Ein Großteil der etwa 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner sind Anfal überlebende Frauen und ihre Kinder und Enkelkinder. Sie dominieren das Stadtbild, sitzen vor den Häusern, stehen Schlange vor Krankenhäusern und Regierungsbüros. Sie wirken wie öffentliche Symbole der Trauer.

In der kurdischen Sprache werden die Frauen "bewajini Anfal", alleinstehende Anfal-Frauen, genannt und so schon sprachlich über die Abwesenheit ihrer Angehörigen definiert. Aber diese Frauen haben alle selbst Gewalt erlebt: Den plötzlichen Einbruch massiver Gewalt in ihr Leben, die Zerstörung ihrer Dörfer und Lebensgrundlagen, die Trennung von ihren Verwandten, Erniedrigung und den Tod von Kindern, Eltern und Mitgefangenen in den Gefängnissen.

Überlebende Frauen erzählen unentwegt über Anfal. Der Begriff ist in den Sprachgebrauch der Opfer eingegangen. Über die Verschwundenen heißt es schlicht: "Mein Mann, meine Söhne, meine Töchter sind Anfal." Ihre Erzählungen sind detailliert, aber fragmentiert und unspezifisch in Zeit und Raum. Grausamkeiten werden oft fast emotionslos vorgetragen. Eigene Erinnerungen und die der Nachbarn und Verwandten werden zu einer kollektiven Leidensgeschichte verwoben. Diese Erzählungen spiegeln bis heute Entsetzen und Ohnmacht und das, was Judith Lewis Herman das zentrale Dilemma des Traumas[4] nennt, wider: den gleichzeitigen Wunsch zu schweigen und zu sprechen.

Zu den schrecklichsten Erinnerungen der Frauen gehört der Tod vieler Kinder im Gefängnis von Nugra Salman im Süden des Irak. Die Soldaten verboten den trauernden Müttern das Weinen. Die Körper der toten Kinder wurden auf das freie Feld geworfen, verscharrt und nachts von wilden Hunden zerrissen. Die Erzählung von den "Kindern, die von schwarzen Hunden gefressen wurden" ist zu einem zentralen Erinnerungstopos geworden, der unabhängig von der tatsächlichen Erfahrung erzählt und weitergetragen wird und so zum Synonym für die während Anfal erlittenen Grausamkeiten geworden ist. Viele Frauen werden von Schuldgefühlen gequält, weil sie ihre Kinder nicht schützen konnten.

Quälend ist aber vor allem der Gedanke an die Verschleppten. Der Moment der Trennung, des letzten Blicks, wird täglich von Neuem erinnert; die Ungewissheit über das Schicksal der Verschwundenen hält die Trauer um den Verlust lebendig und verhindert die Verarbeitung. Die Erzählungen der Anfal-Frauen über das ständige Oszillieren zwischen Hoffnung und Verzweiflung, das tägliche Horchen an der Tür, die Suche nach Bekanntem in jedem Gesicht, ähneln denen der Angehörigen von Verschwundenen in Argentinien, Chile, Nicaragua und Bosnien. Angehörige können keinen Trauerprozess durchlaufen und somit keinen Abschluss finden. Jeder Schritt in Richtung einer Veränderung, zur Reorganisation der Familie oder neuen Lebensplänen wird als Verrat an den Vermissten erlebt und ist mit Schuldgefühlen verbunden. Die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen macht das eigene Leben provisorisch.[5]

Während sich die Erzählungen von Angehörigen Verschwundener ähneln, unterscheiden sich die Wege der Bearbeitung und die Handlungsoptionen in den verschiedenen kulturellen und politischen Kontexten. Die "Mütter der Plaza de Mayo" in Argentinien und die "Samstagsmütter" in der Türkei haben ihren verschwundenen Söhnen und Töchtern in politischen Demonstrationen Namen und Gesichter gegeben und über die politische Organisierung soziale Netzwerke geschaffen. In Zimbabwe und Südafrika nutzen Angehörige von Verschwundenen traditionelle Rituale, um die "Geister der Toten" zu besänftigen und selbst einen symbolischen Abschluss zu finden.[6]

In Kurdistan-Irak haben politische Instabilität, ökonomische Not und traditionelle Geschlechterrollen die Möglichkeiten der Bearbeitung der Gewalterfahrung und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven, insbesondere für Frauen, unter den Anfal-Überlebenden eingeschränkt. Bis 2003 war das Baath-Regime an der Macht, und durch den ungesicherten Status der kurdischen Region war die Angst vor einer Fortsetzung der Gewalt ständig präsent.

Die Anfal-Operationen hatten die gesamte ökonomische und soziale Struktur der betroffenen ländlichen Gebiete zerstört. Die überlebenden Frauen konnten nicht auf die Unterstützung anderer Familienmitglieder zurückgreifen und lebten danach meist allein mit ihren Kindern in ökonomischen Notsituationen, bestimmt vom täglichen Kampf ums Überleben. Die meisten von ihnen sind Analphabetinnen und arbeiteten als Tagelöhnerinnen oder Schmugglerinnen an der kurdisch-irakischen Frontlinie. Ihr sozialer Bewegungsspielraum war eingeschränkt durch den Sitten- und Moralkodex und die Geschlechterrollen der patriarchalen und traditionellen kurdischen ländlichen Gesellschaft. Ein Lebensentwurf für Frauen ohne männliche Versorgung und Schutz ist hier nicht vorgesehen.

Der soziale und legale Status der hinterbliebenen Frauen war unklar. Sie waren alleinstehend, aber keine Witwen. Sie mussten die Ehre der verschwundenen Männer wahren und gleichzeitig für ihren Lebensunterhalt sorgen. Gingen sie arbeiten, wurden sie schnell der Prostitution verdächtigt. Die in den Gefängnissen erlittene oder auch nur vermutete sexuelle Gewalt haftete ihnen als Stigma an. Die ihnen sozial zugewiesene Rolle der wartenden und trauernden Frauen verstärkte und verlängerte ihren innerpsychischen Wartezustand. Sie wurden über die Abwesenheit ihrer Männer definiert, wobei ihre eigenen Gewalterfahrungen über die internalisierte soziale Rollenzuweisung in den Hintergrund traten. So war ihre Hoffnung und Perspektive bis 2003 wider alle Wahrscheinlichkeit fest auf die Rückkehr ihrer verschwundenen Angehörigen gerichtet.

Enttäuschte Hoffnungen nach 2003

Im April 2003 wurde die 30-jährige Diktatur des Baath-Regimes beendet. Unter den Anfal-Überlebenden flammte zunächst die Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Angehörigen erneut auf. Wie zahllose Angehörige von Verschleppten aus dem schiitischen Süden, den Marschgebieten und von politischen Gefangenen aller ethnischen und religiösen Gruppen im gesamten Irak, reisten auch viele der Frauen in den ersten Wochen nach dem Sturz des Regimes zu Polizeistationen, Gefängnissen und Behörden in der Hoffnung auf Aufklärung.[7] In den folgenden Monaten wurden fast 300 Massengräber im ganzen Irak gefunden, in denen bis zu 500.000 Opfer des Regimes aus allen ethnischen und religiösen Gruppen des Landes vermutet werden.

Dass die Verschwundenen nicht zurückkehren, ist nun sicher. Nach wie vor aber wurde ein Großteil der Massengräber nicht geöffnet und haben die Angehörigen keine individuelle Gewissheit. Angehörige Ermordeter und Verschwundener im gesamten Irak fordern die zügige Öffnung der Massengräber. Gewissheit ist für sie eine wichtige Voraussetzung für die Verarbeitung ihres Verlusts und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven. Weiter fordern sie die Bestrafung der Täter, Entschädigungen sowie ökonomische und soziale Unterstützung. Aber die Eskalation neuer Gewalt im Irak nach 2003, die anhaltende Besatzung und die zunehmende Fragmentierung der irakischen Gesellschaft entlang ethnisch-nationaler und religiöser Trennungslinien haben die Debatte um einen Prozess gesellschaftlicher Aufarbeitung der Vergangenheit auf regionaler und nationaler Ebene von der politischen Tagesordnung verdrängt.

Für alle politischen und ethnisch-nationalen Fraktionen im heutigen Irak spielen die eigenen Opfer vergangener und aktuell erlittener Gewalt eine große Rolle bei der Legitimation nationaler Machtansprüche. Es herrscht tiefe politische Konkurrenz um die Federführung und Verantwortung bei der Öffnung der Massengräber, der Dokumentation von Verbrechen und institutionellen Schritten zur Bearbeitung der Vergangenheit. Dabei werden die Opfer vergangener und heutiger Gewalt häufig gegeneinander ausgespielt und so statt nationalem Dialog die Konkurrenz zwischen verschiedenen Opfergruppen gefördert. Wenn heute von "Versöhnung" die Rede ist, meint das vor allem den Versuch der Einigung zwischen den aktuell um die politische Macht im Irak kämpfenden Gruppierungen.

Bis auf die noch von der US-Übergangsverwaltung vorangetriebene und später zum Teil revidierte De-Baathifizierung im öffentlichen und Sicherheitssektor und die national und international umstrittenen Tribunale gegen Saddam Hussein und seine engsten Gefolgsleute vor dem Irakischen Obersten Gerichtshof hat es bislang keine institutionellen Schritte des Umgangs mit der Vergangenheit gegeben. Angesichts ausbleibender Unterstützung und Anerkennung sowie gleichzeitiger politischer Instrumentalisierung entfremden sich die Opfer der Verbrechen des Baath-Regimes vom politischen Prozess im Irak und die Debatten um Erinnerung und Umgang mit der Vergangenheit bleiben auf die lokale und regionale Ebene begrenzt.

Transformation der Erinnerungen und Narrative

Für die Anfal-Überlebenden in Kurdistan hat der Sturz des Baath-Regimes dennoch entscheidende Veränderungen gebracht. Die Täter sind gestürzt. Der autonome Status der kurdischen Region hat sich stabilisiert: Kurdistan ist heute eine autonome Region in einem föderalen Irak. Die jahrelange Angst vor einer Wiederholung der erlebten Katastrophe ist gebannt. Die Hauptverantwortlichen für Anfal, Saddam Hussein und der Befehlshaber der Anfal-Operationen Ali Hassan Al Majid, wurden vom Obersten Irakischen Gerichtshof verurteilt und hingerichtet.

Jenseits der kontroversen Debatte um die Legitimität dieser Tribunale war für die Anfal überlebenden Frauen vor allem die landesweite TV-Ausstrahlung der detaillierten Zeugenaussagen über die Erfahrungen während der Operation ein wichtiger Schritt zur Anerkennung ihres Leids. Gleichzeitig waren sie enttäuscht über die übereilte Vollstreckung des Todesurteils von Saddam Hussein. Zum einen hatten sie gehofft, er würde noch Informationen über den Verbleib der Verschwundenen preisgeben. Zum anderen waren sie enttäuscht, dass seine Hinrichtung für das Massaker an 148 Schiiten in Dujail vor dem Ende des Anfal-Prozesses erfolgte. Ihr Wunsch nach Gerechtigkeit und Vergeltung für Anfal blieb so unerfüllt.

Seit 2003 hat sich die ökonomische Situation der Anfal-Frauen entscheidend verbessert. Die kurdische Regierung beginnt in die zerstörten Gebiete zu investieren; Überlebende erhielten Häuser, ihre monatlichen Renten wurden erhöht. Die Kinder der Anfal-Überlebenden sind heute erwachsen und haben Einkommen und Familien. Nach vielen Jahren, in denen die Frauen mit ihren Kindern auf sich allein gestellt waren, leben sie heute wieder in einer sozialen Gemeinschaft.

Mit der Gewissheit, dass die Verschleppten nicht zurückkommen, dem Nachlassen des ökonomischen Drucks und neuem Leben in den Häusern und Straßen verändern sich auch Erinnerungen und Narrative der Frauen. Die Konzentration auf die verschwundenen Männer nimmt ab, und es treten zunehmend eigene Gewalterfahrungen und Entbehrungen in den Vordergrund. Bei dieser Verlagerung des Schwerpunkts spielen auch die erwachsenen Kinder eine Rolle, die heute ihrer Empörung vor allem über die mangelnde Hilfe ihrer Mütter nach Anfal Ausdruck geben.

Bislang tabuisierte Erlebnisse sexueller Gewalt in den Gefängnissen werden nun, da viele Frauen älter sind und die Angst vor Sanktionen verloren habe, erzählt. Hier werden sie unterstützt von einer seit Ende der 1990er Jahre erstarkenden Frauenrechtsbewegung in Kurdistan-Irak, die das Thema Gewalt gegen Frauen enttabuisiert und in die öffentliche Diskussion gebracht hat. Anfal überlebende Frauen werden sich zunehmend ihrer Stärken und Ressourcen bewusst. Trotz der zerstörerischen Wirkung der Gewalt haben sie überlebt, haben in extremen Notsituationen und gegen alle sozialen Widerstände untereinander starke informelle Netzwerke geschaffen, sich gegenseitig unterstützt und gegen sozialen Druck und Sanktionen verteidigt. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kinder ohne Unterstützung groß gezogen haben und viele heute im Berufsleben stehen oder an Universitäten studieren.

Mit Verweis auf ihren Beitrag zum kurdischen Widerstand artikulieren Anfal-Frauen heute ihre Forderungen: Von der irakischen Regierung fordern sie die Öffnung der Massengräber, konsequente Bestrafung aller Täter und Entschädigung. Von der kurdischen Regierung fordern sie ökonomische und soziale Unterstützung und die Bestrafung kurdischer Kollaborateure, die aktiv an Anfal beteiligt waren. Auch dieser Teil der Erinnerung wurde erst mit dem Sturz des Baath-Regimes und der Stabilisierung der fragilen kurdischen Autonomie zum Thema in den Erzählungen der Überlebenden. All diese Beispiele zeigen, wie sich die Erinnerungen und Narrative der Frauen in enger Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen verändern.

Erinnerungsdiskurse im Konflikt

Dabei geraten die veränderten Narrative der Frauen zunehmend in Konflikt mit dem dominanten Diskurs über Anfal in der kurdischen Gesellschaft. Für die kurdischen politischen Parteien und die Regionalregierung sind der Giftgasangriff auf Halabdscha im Jahr 1988 und die Anfal-Operationen das "nationale Trauma" und zentral für die Legitimation ihrer Forderungen nach Autonomie und Machbeteiligung auf nationaler irakischer Ebene und in Bezug auf internationale Schutzgarantien. Anfal überlebende Frauen erscheinen in diesem Diskurs als hilflose Opfer und nationale Symbole für Trauer und Leid. Ihre konkreten Erfahrungen und Forderungen verschwinden dahinter. Das spiegelt auf der einen Seite den dominanten patriarchalen Diskurs der politischen Führung in Kurdistan wider. Auf der anderen Seite werden so auch unbequeme Erinnerungen ausgegrenzt: Kurdische Kollaborateure, die aktiv an Anfal beteiligt waren, wurden 1991 amnestiert und haben heute zum Teil hohe Positionen in der kurdischen regionalen Politik und Wirtschaft inne.

Ein Schauplatz dieser konfliktiven Diskurse ist die Debatte um öffentliches Gedenken an Anfal. Während offizielle Gedenkzeremonien - wie zum Beispiel zum Jahrestag von Anfal am 14. April - meist in den städtischen Zentren stattfinden und die kurdische Regierung dort nationale Mahnmale und Museen plant, fordern Anfal-Überlebende Erinnerungsstätten an den betroffenen Orten. 2006 brannten Demonstrantinnen und Demonstranten in Halabdscha während einer offiziellen Gedenkfeier an die Giftgasopfer einen Teil des dortigen Mahnmals nieder. Sie forderten Unterstützung beim Wiederaufbau ihrer Stadt statt großer monumentaler Gesten. Auch die Beisetzung von 187 (nicht individuell identifizierten) Anfal-Opfern aus einem Massengrab in Najaf in Rizgary im April 2009 war begleitet von Protesten Anfal-Überlebender gegen die Abwesenheit führender kurdischer Politiker und von der Forderung nach Bestrafung kurdischer Kollaborateure.

Auch das Projekt "Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen" entstand vor dem Hintergrund der Empörung der Frauen über ein in ihrem Ort ohne Abstimmung mit ihnen errichtetes Denkmal in Form eines traditionellen Hirtenkostüms. Die Frauen wiesen die Repräsentation als Schafhirten zurück und forderten eine Repräsentation ihrer eigenen Erfahrung mitsamt ihren Stärken und ihrem Beitrag zum kurdischen Widerstand. Mit dem Ziel der Errichtung einer selbst gestalteten und verwalteten Gedenk- und Begegnungsstätte in Rizgary kommen sie nun zusammen, tauschen ihre Erinnerungen aus, diskutieren diese mit Künstlerinnen und Künstlern, geben ihnen in Entwürfen für die Gedenkstätte Gestalt und verhandeln mit der kurdischen Regierung über die bauliche Umsetzung. Einige von ihnen haben im Rahmen des Projekts auch Gedenkstätten und Erinnerungsorte an die Opfer des Holocaust in Deutschland besucht.

Ihr Ziel ist ein Ort, an dem ihre verschwundenen Angehörigen Name und Gesicht bekommen, ein Ort des symbolischen Abschlusses, an dem sie trauern können und der ihre spezifische Erfahrung von Leid und Stärke repräsentiert. Damit machen sie einen weiteren Schritt aus ihrem Wartezustand heraus, setzen dem herrschenden Opferdiskurs ihre eigene Erzählung entgegen und engagieren sich aktiv in der Debatte um Aufarbeitung der Vergangenheit und Gestaltung öffentlicher Erinnerung in Kurdistan und im Gesamtirak.

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung

Der Widerspruch zwischen den Wünschen und Forderungen der Opfer von Gewalt nach Bestrafung der Täter sowie nach Gerechtigkeit, Entschädigung und Anerkennung ihrer spezifischen Gewalterfahrung auf der einen Seite und den Erfordernissen einer politischen Aussöhnung zwischen Opfern, Tätern und verschiedenen Konfliktparteien auf nationaler und gesamtgesellschaftlicher Ebene auf der anderen Seite ist allen Gesellschaften nach massiven Gewalterfahrungen inhärent. Selbst die häufig als politische Erfolgsgeschichte beschriebene Wahrheitskommission in Südafrika konnte der Wut und Trauer der Opfer der Apartheid keinen adäquaten Raum bieten und ließ ihr Bedürfnis nach Bestrafung der Täter und individueller Wahrheitsfindung unbefriedigt.[8]

Auf politischer Ebene erfordern die Ziele des sozialen Friedens und der Stabilität eine Balance zwischen Erinnern und Vergessen und den verschiedenen konfliktiven Diskursen von Opfer- und Tätergruppen sowie einen institutionellen und zeitlichen Rahmen für die Verarbeitung vergangener Gewalt. Die Gewaltopfer selbst haben hingegen keine Alternative zum Erinnern und sind ein Leben lang mit den Auswirkungen der Gewalt beschäftigt. Die Bestrafung oder zumindest Schuldanerkennung der Täter, Entschuldigungen, Entschädigungen und die gesamtgesellschaftliche Anerkennung und Repräsentation ihrer spezifischen Gewalterfahrung sind dabei wichtige Bedingungen für eine Bearbeitung dieser Erfahrungen. Öffentliche Erinnerungsräume wie Gedenkstätten oder -zeremonien sind für Angehörige von Verschwundenen als symbolische Abschlüsse besonders wichtig.[9]

Die irakische Gesellschaft steht heute vor der Herausforderung, unter den Bedingungen anhaltender Gewalt und neben der evidenten politischen Priorität eines nationalen Kompromisses zu ihrer Beendigung auch mit dem Erbe der Baath-Diktatur umzugehen. Die schnelle Öffnung der Massengräber, weitere juristische Schritte zur Bestrafung der Täter, Entschädigungen der Opfer und nationale Anerkennung der unter dem Baath-Regime erlittenen Gewalt sind nötig, um die Opfer der Verbrechen des Baath-Regimes für den heutigen nationalen politischen Prozess zu gewinnen.

Jenseits dieser institutionellen Aufarbeitung braucht die in allen Regionen von massiver vergangener und heutiger Gewalt gezeichnete irakische Gesellschaft vielfältige soziale und öffentliche Räume und Foren, in denen die kontrastierenden Opfer- und Erinnerungsdiskurse ausgedrückt und diskutiert werden können, um einer weiteren Fragmentierung entgegenzuwirken.

Fußnoten

1.
Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit den Erinnerungen, Narrativen und Handlungsmöglichkeiten Anfal überlebender Frauen in der Autonomen Region Kurdistan, deren Veränderung durch die politischen Umbrüche im Irak in den vergangenen 20 Jahren und mit der Frage, wie der zögerliche und konfliktreiche Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit auf die Überlebenden und ihre Möglichkeiten der Bearbeitung von Gewalt- und Verlusterfahrungen zurück wirkt. Es trägt bei zur psychologischen Forschung über die gesellschaftlichen Bedingungen für die Bewältigung von Traumata und zur politischen und sozialwissenschaftlichen Debatte um "Versöhnungsstrategien" und Erinnerungspolitik in Gesellschaften nach Gewalt und Konflikt. Vgl. online: www.zmo.de/forschung/projekte_2008/
mlodoch_memory_iraq_e.html (3.2.2011).
2.
Das Projekt wird von dem deutschen Verein Haukari e.V. unterstützt. Vgl. online: www.haukari.de/projekteKI/anfal_memorial.htm (3.2.2011).
3.
Vgl. Human Rights Watch, Genocide in Iraq, New York 1993.
4.
Vgl. Judith Lewis Herman, Die Narben der Gewalt, München 1994. Die Autorin dieses Beitrags bezieht sich auf einen sozial und politisch kontextualisierten Traumabegriff, der die soziale und gesellschaftliche Dimension sowohl des Erlebens der Gewalt als auch ihrer Bearbeitung einbezieht. Vgl. unter anderem David Becker, Ohne Hass keine Versöhnung, Freiburg 1992; Medico International (Hrsg.), Schnelle Eingreiftruppe "Seele", medico-report 20, Frankfurt/M. 1997.
5.
Vgl. D. Becker (Anm. 4); Diana R. Kordon et al., Psychological effects of political repression, Buenos Aires 1998; Sheila R. Tully, A painful purgatory. Grief and the Nicaraguan mothers of the disappeared, in: Social Sciences and Medicine, 40 (1994) 12, S. 1597-1610; Barbara Preitler, Ohne jede Spur. Psychotherapeutische Arbeit mit Angehörigen von Verschwundenen, Gießen 2006.
6.
Vgl. M. Mupinda, Loss and Grief among the Shona: The meaning of disappearances, Paper presented to the VIIth International Symposium on "Torture as a challenge to the Medical Profession", Kapstadt 1995; Usche Merk, Jenseits der Wahrheitskommission - Auf der Suche nach Formen der Bewältigung von Gewalterfahrungen in Südafrika, in: Zeitschrift für Politische Psychologie, 14 (2006) 1-2, S. 49-64.
7.
Der auf der Berlinale 2010 gezeigte Film "Son of Babylon" des irakischen Regisseurs Mohammed Al Daradji zeigt eindrucksvoll die verzweifelte Suche kurdischer und arabischer Frauen nach ihren verschwundenen Angehörigen in Gefängnissen und Massengräbern im Jahr 2003.
8.
Vgl. Medico International (Hrsg.), Der Preis der Versöhnung. Südafrikas Auseinandersetzung mit der Wahrheitskommission, in: medico-report 21, Frankfurt/M. 1998 sowie die umfangreichen Publikationen des Psychologen Brandon Hamber zu den Erfahrungen der südafrikanischen Wahrheitskommission, online: www.brandonhamber.com (3.2.2011).
9.
Vgl. Brandon Hamber/Richard Wilson, Symbolic Closure through Memory, Reparation and Revenge in Post-Conflicts-Societies, in: Journal of Human Rights, 1 (2002) 1.

Karin Mlodoch

Zur Person

Karin Mlodoch

Dipl.-Psych., geb. 1958; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient (ZMO). Sie arbeitet in psychosozialen Projekten für Opfer sozialer und politischer Gewalt in Kurdistan-Irak, zurzeit für den Verein Haukari e.V., ZMO, Kirchweg 33, 14129 Berlin. mlodoch@haukari.de


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