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21.2.2011

Hat die arabische Welt den Irak vergessen? - Essay

Der Fall Bagdads im Jahr 2003 schockierte die kollektive Seele der Araber. Acht Jahre danach zeigen sich die arabischen Öffentlichkeiten eher desinteressiert. Wie lässt sich ihre scheinbare Apathie gegenüber der Misere des Irak erklären?

Einleitung

Viel wurde schon über das Nachlassen der panarabischen Solidarität mit dem Irak gesagt. Einige Iraker haben das Gefühl, dass "nichts, was wir tun, das Interesse der arabischen Öffentlichkeit zu wecken scheint und wir uns weit von der arabischen Welt entfernt fühlen". Der Fall Bagdads an die von den USA angeführten internationalen Truppen im Jahr 2003 schockierte die kollektive Seele der Araber auf eine Art und Weise, die mit dem Verlust Palästinas (Al Nakba) nach dem Entstehen des Staates Israel im Jahr 1948 verglichen wurde. Bagdad galt als die Hauptstadt der islamischen Renaissance und als Symbol für den arabischen Stolz. Sein Verlust beschwor historische Bilder der Plünderung der Stadt durch die Mongolen im Jahr 1258 und des darauffolgenden Endes der islamischen Blütezeit unter der Abbasiden-Dynastie herauf. Es herrschte das Gefühl vor, dass die Besetzung des Landes durch westliche Mächte die arabische Welt geschwächt habe.




Doch acht Jahre danach zeigen sich die arabischen Öffentlichkeiten eher desinteressiert. Die andauernde Gewalt und die politische Zersplitterung des Landes scheinen vergessen zu sein. So führten beispielsweise die Bombenangriffe und der Tod irakischer Zivilisten, auch durch US-Truppen, zwischen 2003 und 2008 weder zu einer ernsthaften Verurteilung des Vorgehens der Amerikaner durch arabische Regierungen noch zu Massenprotesten in den Straßen arabischer Hauptstädte. Es war und bleibt ein völlig anderes Bild als jenes, das die arabische Welt während der Bombardierungen des Irak in den Jahren 1991 und 2003 erfasste. Damals kam es zu Massendemonstrationen für die Solidarität mit dem Land und gegen die von den USA geführte Militärintervention. Wie lässt sich das heutige Desinteresse der arabischen Öffentlichkeiten gegenüber der Misere des Irak erklären?

Unübersichtliche Lage

Viele Faktoren könnten die scheinbare Apathie der Araber gegenüber dem Irak erklären. Zu der Demoralisierung durch die Tatsache, dass ein Mitglied der Arabischen Liga sowohl durch ausländische Besatzung als auch durch sozialen Unfrieden im Innern zerstört wurde, kam hinzu, dass die Situation im Irak durch Entwicklungen, die der Besetzung des Landes folgten, noch unübersichtlicher wurde.

Zunächst einmal schienen die aufeinanderfolgenden Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, welche die Anwesenheit ausländischer Truppen bewilligten, die andauernde Besetzung des Irak zu legitimieren. Im Jahr 2005 verzichtete "Al Jazeera" - einer der populärsten und kritischsten arabischen Nachrichtenkanäle - beispielsweise auf den Begriff "Besatzung" in seiner Berichterstattung über die Anwesenheit westlicher Truppen im Irak - in Übereinstimmung mit der UN-Resolution 1483 aus dem Jahr 2003, welche die USA und Großbritannien als Besatzungsmächte (Authority) im Irak anerkannte.[1] Der Verzicht auf das Wort "Besatzung" konnte die Wirkung der aufgeheizten Situation im Irak auf die Gefühle und Reaktionen des arabischen Publikums lediglich mindern. Größere Auswirkungen hatten dagegen die regelmäßigen Einschränkungen des Sendebetriebs durch das irakische Informationsministerium für "Al Jazeera", aber auch andere unabhängige Medien wie "Al Arabija", wodurch das Land seiner wichtigsten Verbindungen mit dem Rest der arabischen Welt beraubt wurde.

Die Zusammenarbeit zwischen vielen Exilirakern und eines Großteils der irakischen Parteien mit den ausländischen Truppen während oder auch nach der Invasion trug zu der Verwirrung bei, die sich in der arabischen Opposition gegen die Besatzung breit machte. Die Wahrnehmung, dass eine erhebliche Anzahl Iraker, wenn auch unter Druck, den Bedingungen der Besatzung zustimmte, vertiefte sich nach den Parlaments- und Kommunalwahlen in den Jahren 2005 und 2009. Kurzum: Viele Araber fragten sich, gegen was genau sie protestieren könnten, wenn die Iraker selbst dazu bereit waren, sich auf ein politisches System unter ausländischer Kontrolle einzulassen.

Panarabismus ade?

Selbst auf seinem Höhepunkt gelang es dem irakischen Widerstand nicht, die arabische Aufmerksamkeit so zu gewinnen wie beispielsweise der Widerstand der Palästinenser Jahrzehnte vorher - eine Entwicklung, die breitere Tendenzen im Hinblick auf den Panarabismus und die innerarabische Solidarität widerspiegelt.

In den 1950er Jahren beobachtete man das Entstehen eines panarabischen Nationalismus, der die Solidarität mit den Palästinensern förderte. Und auch wenn die arabischen Nationalisten letztendlich scheiterten - der Höhepunkt war die Niederlage im Sechstagekrieg 1967 -, fand der Widerstand der Palästinenser dennoch seinen natürlichen politischen Platz in einer revolutionären Atmosphäre, die von Panarabismus und Antikolonialismus durchzogen war.

Im Gegensatz dazu entstand der irakische Widerstand in einer Ära totaler amerikanischer Hegemonie im Nahen Osten, in der die meisten arabischen Staaten entweder von den USA unterstützt wurden oder versuchten, sich ihnen anzupassen, um sich nicht ihren Zorn zuzuziehen. Aber während der Fall Palästina sich seinen festen Platz in der "arabischen Seele" gesichert hatte, war die Reaktion arabischer Regierungen auf die Invasion in den Irak nur eine weitere Demonstration der Ohnmacht, welche die Region seit Jahrzehnten kennzeichnet.

Diskreditierung durch Al Qaida

Gleichwohl sah man in der arabischen Welt nicht viele organisierte Kundgebungen zur Unterstützung des irakischen Widerstandes verglichen mit den Bekundungen öffentlicher Unterstützung für die Palästinenserbewegungen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Widerstandsbewegungen Palästinas und dem irakischen Widerstand ist die Rolle Al Qaidas im Irak, die externe Beobachter verwirrt und der Außenwirkung des irakischen Kampfes massiv geschadet hat. Durch die US-Invasion erhielt Al Qaida einen neuen Mobilisierungsschub für Kämpfer im Irak und in anderen arabischen Ländern. Ihre Rolle wurde sichtbar, als das Terrornetzwerk anfing, die Verantwortung für Angriffe auf amerikanische Soldaten zu übernehmen. Etwa zur selben Zeit entstanden auch irakisch-nationalistische und islamische Widerstandsgruppen im Land.

Zu Beginn versuchten irakische Gruppen, besonders die mit religiösem Hintergrund, nicht, sich dem Terrornetzwerk entgegenzustellen. Tatsächlich kam es zu Abstimmungen mit Al Qaida. Ein irakischer Anführer, der den "Revolutionsbrigaden von 1920" (eine der bewaffneten Gruppen) nahe stand, sagte der Autorin, dass sie ursprünglich nicht bereit waren, "auf Konfrontationskurs zu einer Gruppe zu gehen, die Angriffe auf die ausländischen Truppen verübte, auch wenn wir mit ihr nicht einverstanden waren".

Doch die Tatsache, dass die Angriffe im Irak sowohl auf irakische Zivilisten als auch auf ausländische Truppen zielten, diskreditierte im Ergebnis alle Widerstandsgruppen - wenn man sich nicht näher mit dem Irak beschäftigte, war es schwierig, zwischen Al Qaida und den irakischen Widerstandsgruppen zu unterscheiden. Erst gegen Mitte 2007 traten die Differenzen in den Strategien Al Qaidas und der anderen Widerstandsgruppen offen zutage, als erstere versuchte, die vollständige Kontrolle über die Widerstandsgruppen zu erlangen. Die Meinungsverschiedenheiten schlugen in Gewalt um, als Al Qaida-Mitglieder damit begannen, auch Anhänger der "Islamischen Armee" und der "Revolutionsbrigaden von 1920" zu töten, nachdem diese die Hegemonie des Terrornetzwerks über den Widerstand abgelehnt hatten. Es wurde für Außenstehende zunehmend schwieriger, die Dynamiken im Land zu verstehen, was auch das Entstehen einer einheitlichen irakischen Front, mit der die arabische Welt sich hätte identifizieren können, verhinderte.

Zweifelsohne hat das Scheitern des irakischen Widerstands beim Schaffen einer einheitlichen politischen Führung seine Wirkung im Irak und darüber hinaus geschwächt, während ihm durch das Fehlen eines politischen Programms auch keine Botschaft zur Mobilisierung der arabischen Massen zur Verfügung stand. Letztendlich war es aber die Tatsache, dass der Irak in eine Spirale ethnisch-konfessioneller Gewalt, insbesondere zwischen Schiiten und Sunniten geriet - und dies sogar auf dem Höhepunkt seines Widerstandes gegen die ausländischen Truppen -, welche die Kluft zwischen dem Land und der arabischen Welt noch vergrößerte.

Rolle der Konfessionen

Direkt von Anbeginn an stellten sich die USA als Beschützer der Schiiten gegen die Sunniten dar, während zur selben Zeit auch der benachbarte Iran konfessionell orientierte schiitische Parteien unterstützte, die mit den amerikanischen Invasoren im Irak kollaborierten. Die neue Situation entzweite die Iraker in nie da gewesener Weise entlang der Konfessionsgrenzen. Deshalb war es nicht überraschend, dass der Widerstand gegen die ausländischen Streitkräfte zwar nicht ausschließlich, aber hauptsächlich von sunnitischen Gruppen ausging. Die zunehmende konfessionelle Polarisierung innerhalb der Gesellschaft wurde auch von Al Qaida instrumentalisiert, die eine dezidiert sunnitische Botschaft vertrat, welche sich auch gegen die irakischen Schiiten richtete. Konfessionell begründete Gewalt erhielt Auftrieb. Auf politischer Ebene förderte die konfessionelle Fragmentierung die Bildung von Regierungen, die auf sektiererischen Ideen basierten.

Die Dominanz der vom Iran unterstützten schiitischen Parteien in Bagdad rief Befürchtungen in den überwiegend sunnitischen arabischen Regierungen und Bevölkerungen hervor. Denn während die schiitische Hisbollah im Libanon wegen ihres Widerstands gegen Israel weithin geachtet wird, werden die schiitischen Parteien im Irak als "Kollaborateure" mit den amerikanischen Invasoren und darüber hinaus auch als verlängerter Arm des Iran angesehen. Arabische Regierungen wiederum betrachteten die Programme der vom Iran unterstützten schiitischen Parteien im Irak mit Misstrauen.

Viele Analysten sind der Überzeugung, dass der Argwohn der Araber daher rührt, dass der Iran versuche, "den Irak von der arabischen Welt abzusondern und seiner arabischen Identität zu berauben". Während von Teilen der arabischen Öffentlichkeiten der Iran als willkommene regionale Gegenmacht zu Israel gesehen wird, führt seine Rolle im Irak zu Bedenken vor einer persischen Hegemonie in der Region. Besonders prowestliche Regierungen befürchten, dass er den Irak als Brücke benutzen könnte, um seinen Einfluss Richtung Levante auszudehnen und damit die Stabilität in der Region zu untergraben. Daher haben benachbarte arabische Regierungen hauptsächlich sunnitische Parteien und Koalitionen im Irak unterstützt, um dem iranischen Einfluss entgegenzutreten. Dies sei ein wesentlicher Faktor in den anfänglich kühlen Beziehungen zwischen arabischen und den aufeinanderfolgenden irakischen Regierungen gewesen.

Dieses auf ihre Weise sektiererische Vorgehen der arabischen Regierungen wurde von den irakischen Politikern kritisiert: Die schiitischen Parteien (wie auch einige sunnitische Politiker) warfen den arabischen Ländern vor, den Zustrom von Al Qaida-Kämpfern in den Irak unterstützt oder zumindest wissentlich ignoriert zu haben. Statt sie politisch zu unterstützen, hätten die arabischen Länder den Irak als "Spielwiese für ihre Rivalität mit dem Iran" angesehen.

Die arabische Welt und die Parlamentswahlen von 2010

Der einzige ernsthafte politische Versuch der arabischen Regierungen, den sektiererischen Parteien in Bagdad entgegenzutreten, zeigte sich, als sie bei den Parlamentswahlen im März 2010 die "Irakische Allianz" (Iraqiya) unterstützten, die vom ehemaligen Ministerpräsidenten Iyad Allawi angeführt wurde. Allawi, ein schiitischer, aber säkularer irakischer Politiker, war für viele Iraker trotz seiner Nähe zu den Amerikanern ein guter Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. So wurde schließlich der Wahlsieg der Irakischen Allianz von ihren Unterstützern, Sunniten und besonders säkularen Irakern, als eine Niederlage des konfessionellen "sektiererischen Projekts im Irak" angesehen.

Trotz des minimalen Vorsprungs der Allianz Alawis (seine Liste errang 91 Sitze von insgesamt 325, während Nuri al Malikis Rechtsstaatskoalition 89 Sitze erhielt) und nach monatelangen mühsamen Koalitionsverhandlungen mussten alle arabischen Länder und Allawi akzeptieren, dass der schiitische Ministerpräsident Nuri al Maliki - ihm wird vorgeworfen, ethnische Gegensätze geschürt zu haben - im Amt bleiben würde. Zwar schrieb der Koalitionsvertrag fest, dass einige Schlüsselposten an Mitglieder der Irakischen Allianz vergeben wurden. Dennoch gehen Beobachter davon aus, dass sich der iranische Einfluss im Irak auch unter der neuen Koalitionsregierung Malikis verfestigen wird und - was noch schwerer wiegt - die Errichtung eines Systems der Machtteilung nach Konfessionen im Irak unumkehrbar sein könnte.

Das gegenwärtige politische System führt immer noch zu Befürchtungen, dass es nur ein Vorspiel zur Aufteilung des Irak entlang konfessioneller und ethnischer Linien ist, vor allem, da die Kurden im Norden bereits Autonomie genießen. Viele Araber sind überzeugt, dass der Vorschlag für ein loses föderales System im Irak, den der damalige Senator und heutige US-Vizepräsident Joseph Biden im September 2007 in Form einer nicht bindenden Resolution des US-Senats vorlegte, immer noch den Entwurf und die Zukunft für das Land darstellt. Schließlich war die Aufteilung des Irak eine der Hauptsorgen innerhalb der arabischen Welt, weil dies eine Auslöschung der arabischen Identität des Landes bedeuten würde.

Dilemma: Einbindung versus Isolation

Allerdings haben auch arabische Regierungen nicht viel getan (oder sich in der Lage gesehen, etwas zu tun?), um einer möglichen Aufspaltung des Irak Einhalt zu gebieten. Sogar unter Intellektuellen hat sich kein klares Bild davon entwickelt, wie man am besten mit dem Irak umgeht, um sicherzustellen, dass er ein Teil der arabischen Welt bleibt. Im Gegenteil: Es gab - und dies ist in vielen Kreisen immer noch der Fall - eher eine Abneigung gegen die Pflege enger Beziehungen zu den irakischen Regierungen aus Sorge, dadurch die politischen Verhältnisse, insbesondere den amerikanischen und iranischen Einfluss in Bagdad zu legitimieren.

Heute dagegen wiegen die Beziehungen zwischen arabischen Regierungen und der irakischen Regierung schwerer als diese Sorge. Es gibt sogar Stimmen, die der Auffassung sind, dass das Ignorieren, um nicht zu sagen die Isolation des Irak seine Loslösung von der arabischen Welt und sogar seine Aufspaltung entlang ethnisch-konfessioneller Grenzen beschleunige. Dennoch gibt es keine Strategie - weder bei arabischen Oppositionsparteien noch bei Regierungen -, die das Dilemma lösen könnte, in dem sich viele sehen: Einerseits wird eine zu enge Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung abgelehnt mit der Begründung, dass man sich nicht an der Legitimierung des Status quo (das heißt der Konfessionalisierung und Fragmentierung der Gesellschaft und Politik des Landes) beteiligen möchte. Andererseits setzt sich immer mehr die Einsicht durch, dass eine Isolation des Landes zum Verlust der emotionalen Verbindungen wie auch der Kommunikations- und Kooperationsforen führt.

Die Zukunft

Es wird erwartet, dass das für dieses Jahr geplante Gipfeltreffen der Arabischen Liga im Irak stattfindet oder, falls die Sicherheitsbedingungen eine Veranstaltung im eigenen Land unmöglich machen sollten, es zumindest seitens der irakischen Regierung geleitet wird. Aufgrund der Vorbereitungen zum Gipfeltreffen wird der Irak dieses Jahr eine wichtige koordinierende Rolle zwischen den Mitgliedstaaten übernehmen. Die Frage, wie er diese Rolle wird ausfüllen können, wird auch Aufschluss über seine Position in der arabischen Welt geben.

Übersetzung aus dem Englischen von Kerstin Steimer, Bonn.

Fußnoten

1.
Vgl. Text der UN-Resolution vom 25.5.2003, online: www.un.org/News/Press/docs/2003/sc7765.doc.
htm (2.2.2011).

Lamis Andoni

Zur Person

Lamis Andoni

Freie Journalistin, arbeitet unter anderem für "Middle East International", "Le Monde Diplomatique", "Jordan Times", "Al-Ahram", "Al-Hayat". Sie war Dozentin für Journalismus an der University of California, Berkeley/USA und politische Analystin bei "Al Jazeera". lamisandoni@yahoo.com


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