zurück 
30.11.2011

22. Juni 1941: Kriegserinnerung in Deutschland und Russland

Die deutsche Erinnerung an den Vernichtungskrieg verschob sich vom Opferbild zu einer kritischeren Sicht; die russische ist vom Triumph des Sieges dominiert. Leid und Terror erhalten indes mehr Raum.

Einleitung

Vor allem mit drei Daten verbindet sich unsere Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg: dem 1. September 1939, als das Deutsche Reich mit dem Angriff auf Polen den Krieg auslöste, mit dem 22. Juni 1941, als das Deutsche Reich mit einem Überfall den Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begann, und dem 8./9. Mai 1945, dem Tag von Kapitulation und Kriegsende. Unbestritten ist die Bedeutung des Mai-Datums. An das September-Datum wird heute vor allem in Polen, aber auch in Frankreich und Großbritannien erinnert. Für Deutschland und die Sowjetunion bzw. deren Nachfolgestaaten war dagegen der 22. Juni 1941 der tiefe Schnitt, begann erst dann jener Krieg, der die größte Verwüstung in der Geschichte Europas anrichtete. Zwischen dem 1. September 1939 und dem 22. Juni 1941 wurden weniger als zwei Millionen Menschen getötet, auch das gewiss eine Schrecken erregende Zahl. Zwischen Juni 1941 und Mai 1945 verloren in Europa mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben - als Soldaten im Kampf, als Zivilisten in Kriegshandlungen, als Opfer von Völkermord und Massenmord. Stärker als alle anderen waren mit 27 Millionen Toten die Bewohner der Sowjetunion getroffen.

Vom Landserelend zum Völkermord

Während in Deutschland der 1. September als "Weltfriedenstag" eher ein Schattendasein führt, wird vor allem an "runden" Jahrestagen des 8. Mai die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als deutsche, aber auch als europäische Katastrophe wachgerufen. Da, anders als im Fall des Ersten Weltkriegs, nach dem totalen Krieg an der totalen Niederlage nicht zu zweifeln war, bot der 8. Mai wie auch das ganze Jahr 1945 der Bundesrepublik einen festen Punkt, um an die Deutschen auch als Opfer des Krieges zu erinnern. Dass mit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 anstelle der "Niederlage" dieses Datum als Moment der Befreiung erinnert wurde, war zu jener Zeit ein einschneidender Perspektivwechsel. Dieser Wechsel erfolgte nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, an dem der epochale "Zivilisationsbruch", der Völkermord an den europäischen Juden, als zentrales Charakteristikum der NS-Herrschaft im öffentlichen Geschichtsbewusstsein angekommen" war.[1]

Damit war auch ein Stück deutsch-deutscher Gemeinsamkeit hergestellt, denn seit der Staatsgründung hatte, mit durchaus anderem Akzent, der 8. Mai als "Tag der Befreiung" zum Selbstverständnis der DDR gehört. Dieses Verständnis ist inzwischen deutsches Gemeingut. Die Problematik einer historischen Erinnerung an das Kriegsende als Befreiung, die - sieht man von den letzten Kriegsmonaten ab - von der großen Mehrzahl der Befreiten gar nicht gewünscht und für lange Zeit nur als Niederlage gesehen wurde, kann damit allerdings verdeckt werden. Einem solchen Bild wohnt die Tendenz inne, am Ende auch der Deutschen kollektiv als Opfer Hitlers und der Nationalsozialisten, eben der anderen, zu gedenken. Der eigene Anteil an diesem System verschwindet dahinter.

An den 22. Juni 1941 wurde über Jahrzehnte in der Bundesrepublik nur als Beginn eines historisch unvergleichlichen militärischen Ereignisses erinnert, das vor allem durch die Leistungen und Leiden der deutschen "Landser" gekennzeichnet war. In der Fokussierung auf die Schlacht von Stalingrad fand diese Sicht ihren deutlichsten Ausdruck.[2] In den "erschriebenen Siegen" der Generalsmemoiren war zu lesen, dass sie durch die Fehler Hitlers um ihren Sieg gebracht worden seien.[3] Auch sei man einer sowjetischen Offensive nur zuvorgekommen, die Wehrmacht habe gegen einen tückischen Gegner ehrenhaft gekämpft und keine Verbrechen begangen, sei vielmehr Opfer der Stalin'schen Verbrechen geworden. Die schon bald nach Kriegsende neu errichteten Fronten des Kalten Krieges erlaubten es einer breiten Öffentlichkeit, den rassistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg als Prävention gegen kommunistische Expansion umzudeuten. Opfer waren in diesem reduzierten Bild die deutschen Soldaten im Leid von Krieg und lange dauernder Gefangenschaft sowie die bei Kriegsende von Flucht, Racheexzessen und Vertreibung betroffenen deutschen Zivilisten.[4] Diese Sicht beherrschte die Trivialdarstellungen, wie sie in den "Landser"-Heften der Bahnhofsbuchhandlungen bis heute zu finden sind.[5]

Erst Ende der 1970er Jahren begannen deutsche Historiker die andere Realität dieses Krieges zu erforschen: die Kriegsplanung, die durch die Vernichtung von bis zu fünfzig Millionen Menschen ein deutsches Kolonialreich schaffen wollte, die verbrecherischen Befehle wie Kommissarbefehl und Kriegsgerichtsbarkeitserlass, die Vernichtung von drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen durch Hunger und Erschießungen, den millionenfachen Mord der Einsatzgruppen an den sowjetischen Juden, die Belagerung Leningrads mit dem Ziel, drei Millionen Einwohner verhungern zu lassen (800.000 starben), die Vernichtung hunderter Dörfer samt ihrer Bewohner im Kampf gegen echte und vermeintliche Partisanen, die Deportation von 2,8 Millionen Zivilisten zur Zwangsarbeit in Deutschland, die Strategie der "verbrannten Erde", mit der riesige Landstriche verwüstet und ihre Bewohner vertrieben wurden. Waren diese Forschungsergebnisse in den 1980er Jahren noch eine weitgehend akademische Angelegenheit, so wurde im Juni 1991 - nach dem Ende des Kalten Krieges - mit der Berliner Ausstellung "Der Krieg gegen die Sowjetunion" erstmals ein breiteres Publikum mit dieser historischen Realität konfrontiert.[6]

Die Resonanz auf die Ausstellung war positiv, blieb allerdings ohne Nachhall. Erst mit der provokant zuspitzenden ersten Wehrmachtausstellung, die 1995 eröffnet wurde, fand das Thema der Mordpolitik im Osten aufgrund der heftigen Kritik breite Resonanz. Die Ausstellung zählte bis 1999 rund 900.000 Besucher, wurde dann wegen etlicher sachlicher Fehler zurückgezogen. Die 2001 darauf folgende, geradezu enzyklopädisch erweiterte zweite Wehrmachtausstellung bot nicht mehr Anlass für Kontroversen, ihre Aussagen galten inzwischen als wissenschaftlich unstrittig.[7] Zugleich zeichnete seit 1995 das deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst in seiner Dauerausstellung ein umfassendes Bild dieses Krieges, in dem die Zivilisten als Opfer denselben Platz erhalten wie die Soldaten. Mehr als 600.000 Besucher sahen bisher diese Ausstellung.[8] Die historische Forschung hat seitdem mit zahlreichen Einzeluntersuchungen nicht nur den zentralen Anteil der Wehrmacht an Kriegsverbrechen und Völkermord nachgewiesen, sondern auch deutlich werden lassen, dass jenseits des Völkermordes an den Juden auch die nichtjüdischen Bewohner des Landes in Millionenzahl als "slawische Untermenschen" ermordet wurden, um das Land als deutschen "Lebensraum" in Besitz nehmen zu können.[9]

Diese schrittweise Hinwendung der Aufmerksamkeit auf den Vernichtungskrieg im Osten wurde im Fall der Kontroversen um die erste Wehrmachtausstellung zu einem Medienereignis, fand aber darüber hinaus nur schwache Resonanz. Die politischen Repräsentanten zeigen wenig Neigung, sich zu engagieren. So begnügte sich am 22. Juni 2001, dem 60. Jahrestag des Überfalls, der Präsident des Deutschen Bundestages bei Eröffnung der Plenarsitzung mit einem kurzen einleitenden Hinweis auf den Jahrestag.[10] Es hat bis zum 70. Jahrestag des Überfalls in diesem Jahr gedauert, dass der Deutsche Bundestag der Erinnerung an diesen Krieg einen eigenen Tagesordnungspunkt mit Beiträgen aller Parteien zugestand. "Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein rassistischer Vernichtungskrieg. Er sollte für die Deutschen Lebensraum im Osten erobern, die angebliche Judenherrschaft in Russland brechen und die minderwertige slawische Rasse dezimieren und hinter den Ural verdrängen", so mit deutlichen Worten der Bundestagsabgeordnete Gernot Erler.[11]

Wie auch andere Aktivitäten rund um den 70. Jahrestag des Überfalls zeigt diese Einschätzung als konsensfähige Aussage des Parlaments, dass der nationalsozialistische Verbrechenskomplex eines millionenfachen Völkermordes an der slawischen Bevölkerung der Sowjetunion und auch Polens sehr allmählich Teil des deutschen Geschichtsbewusstseins wird, wenn er auch noch einen eher peripheren Platz einnimmt. Es ist bezeichnend, dass wir über Dokumentationen und "Sachliteratur" hinaus in Literatur, Theater und Film nur selten künstlerische Auseinandersetzungen mit diesen Verbrechen und noch seltener Empathie mit den Opfern finden. Bis jetzt blieben sie fremd, bewegten nicht unsere Imagination.[12]

"Großer Vaterländischer Krieg"

Die Annahme liegt nahe, dass in einem Land, das durch diesen Krieg 27 Millionen Menschen, davon mehr als die Hälfte Zivilisten, verloren hat, dem 22. Juni 1941 und der Erinnerung an das durch die deutschen Angreifer erlittene Leid ein herausragender Platz eingeräumt worden wäre. Die Realität ist davon weit entfernt. Im Rückblick auf die 66 Jahre seit Ende des Krieges war und ist in Russland, alles andere weit in den Schatten stellend, der 9. Mai, der "Tag des Sieges", das Datum der Erinnerung an diesen Krieg. Aber selbst dieser Gedenktag wurde nicht gleich nach dem Krieg begangen. Erinnerlich sind gewiss die Fotos, auf denen eine riesige Zahl von Moskauern zu sehen ist, die am 9. Mai 1945 nach der Verkündung des Sieges über den Rundfunk auf den Roten Platz geströmt waren, um gemeinsam das Ende des Blutvergießens und den Triumph des Sieges über das faschistische Deutschland zu feiern. Die Zahl der Fotos von diesem Volksfest ist allerdings begrenzt, weitaus mehr Fotografen waren auf dem Roten Platz, als am 24. Juni die Siegesparade vor der Tribüne Stalins ebenfalls auf dem Roten Platz zelebriert wurde. Mit dem Niederwerfen erbeuteter Wehrmachtsfahnen und SS-Standarten an der Kremlmauer hatte diese Siegesinszenierung damals ihren Höhepunkt erreicht.[13]

Noch ein Jahr lang wurde der 9. Mai als Feiertag begangen, dann hatten die Helden des Krieges sich endgültig als Helden der Arbeit zu bewähren, die angesichts der immensen Zerstörungen keinen Arbeitstag versäumen durften. Unter der Stalin'schen Herrschaft der Nachkriegsjahre war der Krieg jedoch keineswegs aus der Öffentlichkeit verbannt worden. In dieser Zeitspanne grenzenlosen Personenkults fokussierte sich alle Erinnerung auf die Person Stalins: "Stalin zog auf diesen Wegen [des Krieges, P.J.] gemeinsam mit den Soldaten, gemeinsam mit ihnen schwieg er, als das Herz vor Gram stockte, gemeinsam mit ihnen sang er Soldatenlieder, schleppte er Geschütze aus dem Schlamm (...), räumte er Minenfelder, ging er auf Erkundung und betrat als Erster die erste Straße von Berlin."[14] Die Heldenerinnerung an den Krieg wurde entweder in die Arbeitswelt verschoben oder für die neue Konfrontation des Kalten Krieges aufgerufen.

So, wie bis zur Geheimrede Nikita Chruschtschows im Jahre 1956 die geniale Kriegslenkung durch den "Führer" Stalin alles bestimmendes Axiom der öffentlichen Kriegserinnerung war, so blieb der Preis des Sieges ungenannt, wurden die Kriegsverluste erst auf sieben, dann auf zehn Millionen Menschen herunterdekretiert, durfte das Land zu keinem Zeitpunkt am Rande der Niederlage gestanden haben.[15] So erschien der Kriegsverlauf des Jahres 1941 bis zum ersten Sieg, der Gegenoffensive vor Moskau im November/Dezember, eher als Episode; die millionenfachen Verluste in den Kesselschlachten nicht einmal einen Nebensatz wert. Allein die mehrwöchige Verteidigung der Grenzfestung Brest im Juni/Juli 1941 wurde trotz des Todes aller Verteidiger als Zeichen für den kollektiven Widerstandswillen der ersten Stunde gefeiert.

Eine genauere Darstellung der Katastrophen des ersten Kriegsjahres wie auch der enormen Verluste der folgenden Jahre verbot sich bis zum Tode Stalins vor allem deswegen, weil damit das Bild des Führers als souveränen Lenkers zum historisch gesetzmäßigen Sieg unglaubwürdig geworden wäre. Nun nahmen in der Chruschtschow'schen Verurteilung des Stalin'schen Personenkults im Jahr 1956 seine Fehler im Krieg einen wichtigen Platz ein, vor allem seine Weigerung im Frühjahr 1941, Vorbereitungen für die Abwehr des Überfalls zu ergreifen. Damit war ein Schuldiger benannt, ohne dass die Partei und vor allem ihre Führung sich selbst der Kritik aussetzen mussten. Es charakterisiert das System, dass jetzt durch den Generalsekretär der Partei, Chruschtschow, die sowjetischen Verluste von zehn auf zwanzig Millionen Menschen heraufgesetzt wurden, eine weiterhin nicht der Forschung und Kritik ausgesetzte Zahl, die immer noch deutlich unter der realen Opferzahl blieb.

Immerhin ergab diese interne Kritik an der Stalin'schen Führung für die nächsten Jahre einen Freiraum, der kaum von der extrem angepassten historischen Forschung, aber doch von Film und Literatur genutzt wurde, um vor allem die Leidensgeschichte des Krieges zu thematisieren, etwa das Schicksal der Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gefallen waren (von 5,6 Millionen hatten drei Millionen nicht überlebt) und in der Stalinzeit teils als Verräter, teils als Feiglinge stigmatisiert wurden - so im Film "Ein Menschenschicksal" (Sergei Bondartschuk, 1959). Frauen und Kinder als Opfer des Krieges erhielten in Filmen wie "Iwans Kindheit" (Andrei Tarkowski, 1962) oder "Die Kraniche ziehen" (Michail Kalatosow, 1956) Gesichter und Geschichten.[16]

Schon Mitte der 1960er Jahre beschnitt die kommunistische Partei unter dem neuen Generalsekretär Leonid Breschnew die Freiheiten der Tauwetterperiode, die es erlaubt hatten, auch die dunklen Seiten des Sieges zu thematisieren. Jetzt wurde das Gedenken an den Triumph des "Großen Vaterländischen Krieges" zum zentralen Element für das Selbstverständnis der sowjetischen Führung. 1965, 20 Jahre nach Kriegsende, wurde der 9. Mai als "Tag des Sieges" zum Feiertag, in jedem Jahr vom Staat mit Militärparaden, von der Bevölkerung mit zahllosen Feiern begangen.[17]

Heroisierendes Gedenken an den Krieg erhielt seit den 1960er Jahren einen immer größeren Platz in der sowjetischen Öffentlichkeit, etwa durch die Tätigkeit der erst jetzt sich organisierenden Veteranen, die in zahlreichen Veranstaltungen als Zeitzeugen Heldenbilder an die nächsten Generationen weitergaben, durch Monumentalfilme wie den Fünfteiler "Befreiung" (Juri Oserow, 1969-1974), der auf Breitwand den Krieg von der siegreichen Schlacht bei Kursk bis zur Eroberung Berlins erzählte. Vor allem aber zeigen monumentale Denkmäler den neuen Stellenwert, den der "Große Vaterländische Krieg" in diesen Jahren erhielt. Mehr als 10.000 Denkmäler waren bis dahin errichtet worden. Aber bemerkenswert sind die kleinen Dimensionen der meisten Stätten (Säulen, Obelisken) in einer Kultur, die sonst durch Monumentalität Bedeutung herzustellen pflegte. Nur in den befreiten bzw. besetzten Ländern waren etliche monumentale Sieges- und Grabmemoriale errichtet worden. Der riesige Denkmalkomplex auf dem Mamajew-Hügel (Mamajev Kurgan) nördlich von Wolgograd, der 1967 eröffnet wurde und in dessen Zentrum eine 85 Meter hohe Skulptur der "Mutter Heimat" steht,[18] bildete den Auftakt für eine Serie von Großbauten.

Von den Großmonumenten, die eine sowjetische Übersicht aus dem Jahr 1984 registriert,[19] waren bis zum Ende der 1950er Jahre nur 18 größere Denkmäler errichtet worden. Aber 59 Großmonumente wurden in den 1960er Jahren und 67 in den 1970er Jahren gebaut - bei sinkender Finanzkraft des Staates. Von 1980 bis 1984 zählt diese Übersicht nur noch 15 neue Denkmäler auf, vermutlich ließ die ökonomische Lage derartige Ausgaben nicht mehr zu. Dafür spricht, dass der als krönender Höhepunkt aller Memoriale des "Großen Vaterländischen Krieges" für den 40. Jahrestag des Sieges im Jahr 1985 geplante zentrale Museums- und Denkmalskomplex auf dem Moskauer Verneigungshügel (Poklonnaja Gora), nicht mehr gebaut wurde. Gemeinsam ist diesen Denkmälern, dass in ihnen zwar auch Kriegsleid und Schmerz um die Toten angesprochen werden, diese Themen aber der Demonstration von Heldentum und Triumph deutlich nachgeordnet sind. Nur bei zwei der großen Denkmäler stehen die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs im Mittelpunkt, auf dem Piskarew-Friedhof in Leningrad/St. Petersburg, auf dem 470.000 der über 800.000 Blockadeopfer bestattet sind, und in der Gedenkstätte Chatyn in Belarus, wo der zivilen Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft gedacht wird.

Mehrere Motive verknüpften sich, um zwanzig Jahre nach seinem Ende eine derartige Fokussierung auf den Krieg anzustoßen. Zum einen begann der Krieg, Geschichte zu werden, wurde jetzt eine Generation erwachsen, die ihn nicht mehr erlebt hatte. Das große kollektive Erleben von Leid und Triumph sollte an die kommende Generation vermittelt werden. Dass Partei und Staat immer stärkere Akzente auf die Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" setzten, korrespondierte aber vor allem mit der sinkenden Glaubwürdigkeit der Zukunftsvision einer kommunistischen Überflussgesellschaft. In den 1950er und frühen 1960er Jahren, als sich der Lebensstandard spürbar verbesserte, schien sich diese Fortschrittshoffnung noch zu erfüllen. Die anhaltende Stagnation und sogar Verarmung der folgenden Jahrzehnte ließ das Zukunftsbild verblassen. Legitimation schöpfte die Parteiherrschaft jetzt vor allem aus der Vergangenheit, meinte sie doch, das Land trotz einiger Fehler vor der faschistischen Bedrohung bewahrt und zum triumphalen Sieg geführt zu haben.

Die heroisierende Akzentuierung des "Großen Vaterländischen Krieges" stieß durchaus auf Resonanz in der breiten Bevölkerung. Denn angesichts der Leidensdimension entsprach solche rückblickende Reduktion der Kriegserinnerung auf die Siege und Erfolge auch einem Bedürfnis nach psychischer Kompensation, war lindernde Salbe auf die fortwirkenden Traumatisierungen der Kriegszeit. So fand die Öffnung der Sicht auf den Krieg nach 1985, in den Jahren von Glasnost und Perestroika, nicht bei allen Zustimmung. Natürlich wurde die Benennung und erste Bearbeitung der zahlreiche weißen Flecken in der kanonisierten Darstellung des Krieges begrüßt: die Thematisierung der Kriegsverluste, die jetzt annähernd ehrlich mit 27 Millionen beziffert wurden, der breiten Kollaboration in den besetzten Gebieten, der Deportation vieler nationaler Minderheiten, der Rücksichtslosigkeit gegen die eigene Bevölkerung und die Soldaten, das Schicksal der vielen Strafsoldaten, der sowjetischen Massenmorde, für die die Hinrichtungsstätte Katyn steht, des fortgesetzten Terrors, der lediglich abgemildert worden war. Aber wichtiger als diese Revision der Kriegserinnerung in der Periode von Glasnost war für die meisten die erste offene und umfassende Darstellung des immensen Terrors der Obrigkeit in den 1930er Jahren. Den moralisch grundsätzlich gerechtfertigten Krieg und Sieg über den Faschismus mit den Verbrechen des Stalinismus zu kontaminieren, fiel (und fällt noch immer) weitaus schwerer.[20]

Kriegserinnerung in der Russischen Föderation

Der Zusammenbruch der Sowjetunion berührte zunächst kaum das kollektive Gedächtnis an den "Großen Vaterländischen Krieg", aber der Kontext hatte sich verändert. Bis dahin war der Krieg zum einen ein wesentliches Kapitel der heilsgeschichtlichen Erzählung vom Weg zum Kommunismus gewesen. Aber es gab schon seit den Kriegsjahren eine andere, rückwärtsgewandte Sicht des Krieges als glorifizierte Nationalgeschichte. Schon bei Stalin waren militärische Heldentaten seit Alexander Newskis Sieg über die deutschen Ordensritter als fortschrittliche Tradition erinnert worden.[21] Diese traditionale Herrschaftslegitimation blieb jetzt übrig und erlaubte es, die Erinnerung an den Krieg weiterhin als Glanzpunkt der eigenen Geschichte zu pflegen.

Das Bedürfnis danach war umso stärker, als sich die Gegenwart als Trümmerfeld präsentierte. Die Sowjetrepubliken gingen eigene Wege und zimmerten sich mehr oder weniger realitätsnahe historische Identitäten, in denen der "Große Vaterländische Krieg" (oder jetzt der Zweite Weltkrieg) eine veränderte Rolle spielte. Übrig blieb Russland, das einen auch innerstaatlichen Zerfallsprozess durchlief. Wirtschaftlicher Kollaps, rapide Verarmung bei extremer sozialer Spaltung, Zerfall staatlicher Ordnung sowie fragwürdige Repräsentanten der Politik diskreditierten schnell das Demokratieangebot. Als politische Alternativen boten sich Boris Jelzin in seiner Abhängigkeit von den Wirtschaftsoligarchen oder die rückwärtsgewandten Kommunisten an. Auch der Rückblick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts bot kaum Trost, war doch die russische Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg bis zum Tod Stalins nicht nur die Geschichte einer fehlgelaufenen Modernisierung, sondern auch millionenfacher Opfer von Terror und Kriegen. Dazu gehören die Jahre 1941 bis 1945 - mit einem wesentlichen Unterschied: Hier konnte und kann die Mehrheit der russischen Bevölkerung eine Rechtfertigung für die immensen Opfer finden, hatte man doch den deutschen Faschismus besiegt und nach eigenem Verständnis Europa von dessen Herrschaft befreit. So fand man in einer desolaten Gegenwart in dieser historischen Erinnerung Selbstwert und Trost.[22]

Seitdem ist der Blick auf den Krieg längst nicht mehr so eindeutig wie in der sowjetischen Zeit bis 1985. Zweifellos ist bis heute ein Blick auf die Jahre 1941 bis 1945 als erfolgreicher Kampf gegen die mörderische deutsche Fremdherrschaft geblieben und wird angesichts der düsteren Gesamtbilanz russischer Geschichte im 20. Jahrhundert auch weiterhin im Kern die Erinnerung bestimmen. Dabei ist bemerkenswert, dass sich die Kriegserinnerung vollständig vom Blick auf das Deutschland der Gegenwart gelöst hat: Deutsche zählen in Umfragen zu den beliebtesten Ausländern.

Gedenkrituale der Sowjetunion sind fortgeschrieben oder wieder aufgenommen worden: Jugendliche (jetzt nicht mehr Pioniere) halten an städtischen Kriegsdenkmälern bewaffnete Ehrenwache, am 9. Mai paradieren Soldaten über den Roten Platz. Aber selbst in dieser Kontinuität sind Veränderungen zu bemerken: So nahmen 2010 Militäreinheiten der ehemaligen Verbündeten wie auch polnische Verbände an der Parade teil, saß die deutsche Bundeskanzlerin auf der Tribüne. Und auch der 22. Juni 1941 wird seit 1996 zwar nicht als gleichrangiger Feiertag, aber doch als Gedenk- und Trauertag begangen - an diesem 70. Jahrestag mit einer Adresse des Präsidenten und zahlreichen Gedenkveranstaltungen.

Einen einheitlichen, vorgeschriebenen Blick auf den Krieg gibt es endlich nicht mehr, divergierende und widersprüchliche Formen der Kriegserinnerung finden sich allenthalben. Der Buchmarkt bietet Verherrlichungen Stalins als Feldherr wie auch "Enthüllungen", nach denen Hitler Stalin nur um Wochen mit dem Angriff zuvorgekommen sei.[23] Die staatlich gesteuerten Fernsehkanäle zeigen Filmserien, die den Terror gegen die eigene Bevölkerung in der Kriegszeit zwar nicht leugnen, aber als notwendig für den Sieg rechtfertigen (Govorit Moskva, 2006), wie auch eine aufwändig produzierte elfteilige Serie über Strafeinheiten der Roten Armee, in denen der Kampf der "Helden" gegen den deutschen Feind als selbstverständliche Routine gezeigt wird, während der zentrale Konflikt mit einem schurkischen NKWD-Offizier ausgetragen wird (Strafbat, 2004).[24] Der Denkmals- und Museumskomplex auf dem Verneigungshügel in Moskau, eine letzte monumentale Stätte ungebrochener Heldenverehrung, wurde 1995 mit zehnjähriger Verspätung eröffnet, womit Jelzin die Veteranenverbände im Wahlkampf auf seine Seite ziehen konnte.[25] Auf der anderen Seite hat sich die während der Perestroika gegründete Organisation "Memorial" für Opfer der stalinistischen Herrschaft mit einigem Erfolg für verschwiegene Opfer des Krieges wie Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt. Oral-history-Projekte, in denen junge Russinnen und Russen ihre Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts fern der Heldenlegenden aufspürten, fanden große Resonanz.[26]

Dass dieser Krieg auch in Jahrzehnten noch einen wesentlichen Platz in der kollektiven Erinnerung Russlands einnehmen wird, ist nicht zu bezweifeln. Das Nebeneinander von rückwärtsgewandter Verklärung von Kriegshelden und diktatorischer Herrschaft einerseits und grundsätzlicher Bejahung des von Hitlerdeutschland aufgezwungenen Krieges bei kritischer Sicht auf die Verbrechen des Regimes andererseits wird fortleben. Die Formung der Kriegserinnerung wird nicht zuletzt davon abhängen, ob sich die Gesellschaft wirtschaftlich und politisch konsolidiert und damit nach Umbruch und Krise neue Identität und Selbstwertgefühl aus Leistungen der Gegenwart schöpfen kann.

Auch von den Handlungsmustern des Staates wird abhängen, ob der Sieg in autoritärer Deutung eher aus der straffen politischen Führung oder stärker aus dem kollektiven Willen der Bevölkerung abgeleitet wird. In dieser offenen Entwicklung wird sich zeigen, wie weit der unzweifelhafte Zusammenhang zwischen dem opferreichen und moralisch gerechtfertigten Sieg und der mörderischen Diktatur Stalins akzeptiert und diese Ambivalenz ausgehalten wird.[27]

Fußnoten

1.
Vgl. Norbert Frei, 1945 und wir. Die Gegenwart der Vergangenheit, in: ders., 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2009.
2.
Vgl. Peter Jahn (Hrsg.), Stalingrad erinnern. Stalingrad im deutschen und im russischen Gedächtnis, Berlin 2003.
3.
Bernd Wegner, Erschriebene Siege. Franz Halder, die "Historical Division" und die Rekonstruktion des Zweiten Weltkrieges im Geiste des deutschen Generalstabes, in: Ernst Willi Hansen et al. (Hrsg.), Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit, München 1995.
4.
Vgl. Martin Sabrow, Den Zweiten Weltkrieg erinnern, in: APuZ, (2009) 36-37, S. 14-21.
5.
Vgl. Bernd Lemke/Reiner App, Der Weltkrieg im Groschenheft-Format. Über den Lektüre-Reiz der Landser-Romane und ihre Verherrlichung des Zweiten Weltkriegs, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, (2005) 11, S. 636-641.
6.
Vgl. Reinhard Rürup (Hrsg.), Der Krieg gegen die Sowjetunion. Eine Dokumentation, Berlin 1991.
7.
Rückblick auf die Diskussionen in: Christian Hartmann/Johannes Hürter/Ulrike Jureit (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, München 2005.
8.
Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.), Erinnerung an einen Krieg, Berlin 1997.
9.
Zusammenfassung des Forschungsstandes bei Christian Hartmann, Unternehmen Barbarossa, München 2011.
10.
Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, 177. Sitzung, 22.6.2001, S. 17389.
11.
Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, 117. Sitzung, 30.6.2011, S. 13465.
12.
Vgl. Elena Stepanova, Den Krieg beschreiben. Der Vernichtungskrieg im Osten in deutscher und russischer Gegenwartsprosa, Bielefeld 2009.
13.
Vgl. Peter Jahn (Hrsg.), Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941-1945, Berlin 2005, S. 48-51; vgl. auch Jutta Scherrer, Sowjetunion/Russland. Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung, in: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen, Bd. 2, Berlin 2004, S. 619ff.
14.
Ilja Ehrenburg, Große Gefühle, 1949, zit. nach: Peter Jahn (Hrsg.), Ilja Ehrenburg und die Deutschen, Berlin 1997, S. 78.
15.
Vgl. P. Jahn (Anm. 13), S. 78-83.
16.
Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. (Hrsg.), Der Krieg gegen die Sowjetunion im Spiegel von 36 Filmen, Berlin o.J. (1991), S. 68-71, S. 83-87, S. 93-98. Vgl. auch Christine Engel (Hrsg.), Geschichte des sowjetischen und russischen Films, Stuttgart 1999, S. 118-128.
17.
Vgl. Bernd Bonwetsch, Der "Große Vaterländische Krieg". Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Breschnew, in: Babette Quinkert (Hrsg.), "Wir sind die Herren dieses Landes". Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, Hamburg 2002, S. 166-187.
18.
Vgl. P. Jahn (Anm. 2), S. 146-151.
19.
Vgl. V.A. Golikov, (Hrsg.), Podvig naroda. Pamjatniki velikoj oteestvennoj vojny (Ruhmestat des Volkes. Denkmäler des Großen Vaterländischen Krieges), Moskau 1984.
20.
Vgl. Nina Tumarkin, The Living and the Dead. The Rise and Fall of the Cult of World War II in Russia, New York 1994, S. 158-202; vgl. auch B. Bonwetsch (Anm. 17), S. 183-187.
21.
Vgl. Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 658-669.
22.
Vgl. Peter Jahn, Stütze der Erinnerung - Last der Erinnerung, in: ders. (Anm. 13), S. 8-19.
23.
Vgl. P. Jahn (Anm. 13), S. 202-211.
24.
Vgl. Peter Jahn, Patriotismus, Stalinismuskritik und Hollywood. Der "Große Vaterländische Krieg" in russischen TV-Serien der Gegenwart, in: Beate Fieseler/Jörg Ganzenmüller (Hrsg.), Kriegsbilder. Mediale Repräsentationen des "Großen Vaterländischen Krieges", Essen 2010, S. 115-130.
25.
Vgl. J. Scherrer (Anm. 13), S. 648ff.; vgl. auch P. Jahn (Anm. 13), S. 190-193.
26.
Auszüge in deutscher Übersetzung: Irina Scherbakowa (Hrsg.), Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten, Hamburg 2004³.
27.
Vgl. Maria Ferretti, Unversöhnliche Erinnerung, in: Osteuropa, 55 (2005) 4-6, S. 46-54.

Peter Jahn

Zur Person

Peter Jahn

Dr. phil., geb. 1941; Osteuropahistoriker, 1995 bis 2006 Direktor des deutsch-russischen Museums Berlin-Karlshorst. kl.peter.jahn@gmx.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln