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10.11.2011

Von Risikoabschätzungen zum "guten Leben" - oder umgekehrt?

Die Debatte um eine sichere Energieversorgung ist in erster Linie ein Risikodiskurs. Es bedarf sowohl einer ethischen Bewertung, die künftige Generationen einbezieht, als auch einer Besinnung darauf, was wir unter "gutem Leben" verstehen.

Einleitung

Moderne Techniken bestimmen heute unseren Alltag und sichern nicht nur unseren Wohlstand, sondern auch unser Überleben als Gattung "Mensch". Auch in Zukunft macht insbesondere eine steigende Weltbevölkerung technologischen Fortschritt unabdingbar. Nur so können in den Industrieländern Lebensstandard, Lebenserwartung und Gesundheit erhalten und in Schwellen- und Entwicklungsländern vergleichbare Standards erreicht werden. So unstrittig es ist, dass Technik zur Lösung vieler Probleme in der Vergangenheit beigetragen hat und in Zukunft beitragen wird, ist ebenso unstrittig, dass Technik nicht nur Segen bringt. Alle Techniken sind nicht nur mit Nutzen und Chancen verknüpft, sondern auch mit Risiken. Der Unfall in den Kernreaktoren von Fukushima oder die prognostizierte Erderwärmung als Folge der Verbrennung fossiler Rohstoffe zeigen dies überdeutlich und haben dazu geführt, dass insbesondere in der deutschen Öffentlichkeit das Risiko einiger technologischer Entwicklungen eher hoch, der mit ihnen verbundene Nutzen dagegen eher niedrig eingeschätzt wird.[1]

Aber es ist nicht allein das hohe Gefährdungspotenzial, das der Akzeptanz bestimmter Techniken entgegensteht; erschwerend kommt hinzu, dass der Einzelne hier kaum Einfluss auf eine Entscheidung hat und sich auf die Risikoabwägung von Staat und Recht verlassen muss. Die Risiken vieler Techniken etwa im Bereich der Stromerzeugung tragen allerdings nicht allein diejenigen, die deren Nutzung zustimmen und von deren Chancen profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft - heute wie in Zukunft.

Dabei ist die Risikoeinschätzung von Individuen sehr unterschiedlich, sie reicht von risikoavers bis zu hochgradig riskant. Der Eine geht einer risikoreichen Sportart nach, der Andere nicht. Bei großtechnischen Anlagen kann individuelles Risikoverhalten aber nicht berücksichtigt werden; der Einzelne muss sich auf die politischen Entscheidungsträger verlassen, dass diese in seinem Interesse die Abwägung von potenziellem Schaden und Nutzen nach gewissen objektiven Kriterien vorgenommen haben. Aber kann es denn überhaupt eine objektive Risikobewertung geben? Die Auslagerung des politischen Diskurses auf Expertendebatten gerade dort, wo es um durch Technik geschaffene Risiken geht, scheint dies zumindest nahezulegen.[2]

Aber wer sind denn angesichts komplexer technischer Entscheidungssituationen überhaupt die relevanten Experten? Nicht zuletzt die Besetzung der Ethikkommission für sichere Energieversorgung, die nach den Unfällen in Fukushima ins Leben gerufen wurde, warf diese Frage auf. Und wo bleiben die individuellen Risikopräferenzen und die demokratische Beteiligung des Individuums bei all diesen Entscheidungen? Diesen Fragen soll im Folgenden am Beispiel der Energieversorgung nachgegangen werden.

Risiko als vielschichtiger interdisziplinärer Begriff

Auch wenn die unerwünschten Risiken bei der Nutzung der Kernenergie oder bei der Verbrennung fossiler Energieträger offensichtlicher und unter Umständen gravierender sind als bei anderen Energietechniken, so sind auch regenerative Energiequellen nicht völlig frei von Risiken. Den nicht-brennbaren Brennstoff gibt es schlicht nicht. Die Debatte um eine sichere Energieversorgung ist deshalb in erster Linie ein Risikodiskurs, bei dem die Vor- und Nachteile verschiedener Energieträger gegeneinander abgewogen werden müssen. Was wiegt schwerer: Die Sicherheit der jetzt Lebenden, die durch einen Unfall in einem Kernkraftwerk bedroht wird, oder die Lebensgrundlage für zukünftige Generationen, die durch eine globale Erwärmung auf dem Spiel steht? Dabei bedeutet die Entscheidung gegen eine bestimmte Form der Energieumwandlung - unter den (derzeit realistischen) Annahmen, dass keine wesentliche Steigerung der Energieeffizienz sowie keine wesentlich Änderung in der Energienutzung (etwa starker Rückgang des Energieverbrauchs) zu erwarten sind - immer einen Einstieg in eine vermehrte Nutzung anderer Energieformen. Die Risikoanalyse einer einzelnen Technik bleibt damit immer unvollständig; sinnvoll sind nur Risikoanalysen ganzer Energieszenarien. Die Risiken der Energieversorgung sind hier insbesondere auch gegen die Risiken der Nichtversorgung abzuwägen. Ein Zusammenbruch der Stromnetze hat gravierende Auswirkungen in den Großstädten hochentwickelter Länder (Intensivstationen in Krankenhäusern, Aufzüge in Hochhäusern, Verkehrsampeln und vieles mehr); in ländlichen oder weniger entwickelten Regionen wiegt ein Ausfall der Stromversorgung dagegen weniger schwer.

Was genau ist dabei überhaupt unter dem Begriff "Risiko" zu verstehen? Während in der Umgangssprache Risiko sowohl synonym für einen bestimmten Schaden (etwa in "Rauchen stellt ein Risiko dar") oder für dessen Wahrscheinlichkeit ("Rauchen erhöht das Risiko an Krebs zu erkranken") steht, umfasst der Risikobegriff in der Fachliteratur immer beides, Schaden wie seine Eintrittswahrscheinlichkeit. In der einfachsten Definition wird Risiko als gemittelter Schaden bestimmt, das heißt als Produkt aus Schaden mal Eintrittswahrscheinlichkeit.

Diese Wahrscheinlichkeiten lassen sich oftmals in gewissen Grenzen im Rahmen der technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen abschätzen. Was aber für wen und warum einen Schaden darstellt, können die Natur- und Technikwissenschaften alleine nicht beantworten. So ist eine globale Erderwärmung um zwei Grad Celsius nicht per se moralisch problematisch, zumindest nicht in einer anthropozentrischen Ethik. Erst bestimmte Auswirkungen auf die Lebensumstände jetziger und zukünftiger Generationen machen sie zu einem ethischen und damit politischen Problem. Klimamodelle liefern zwar beispielsweise Informationen über die erwartete Zunahme tropischer Zyklone und anderer extremer Wetterereignisse; die Frage aber, warum derartige Ereignisse ethisch relevant sind und im heutigen politischen Diskurs berücksichtigt werden müssen, weist aus den Naturwissenschaften hinaus in den Bereich der Ethik.

Der Begriff des Schadens setzt immer Werturteile voraus, Risikodiskurs und Risikoabschätzungen finden damit niemals allein auf dem Feld der rein deskriptiven Wissenschaften statt, sondern im interdisziplinären Bereich, in dem insbesondere normative Setzungen von Bedeutung sind. Bereits die Frage (und nicht erst die Lösung) nach einer nachhaltigen Energieversorgung ist damit interdisziplinär formuliert und kann entsprechend - wie viele der drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts - auch nur im interdisziplinären Diskurs beantwortet werden.

So hat sich der wissenschaftliche Risikodiskurs in den vergangenen Jahrzehnten von der ursprünglichen Fixierung auf technisch-naturwissenschaftliche Fragen emanzipiert.[3] Insbesondere seit den bahnbrechenden Arbeiten von Daniel Kahnemann und Amos Twersky zur sogenannten Prospect Theory oder Neuen Erwartungstheorie, die 2002 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet wurde und die Abweichung realer Akteure bei Risikoentscheidungen vom idealen Nutzenmaximierer beschreibt, werden vermehrt auch sozialwissenschaftliche und psychologische Erkenntnisse über den Umgang mit Risiken rezipiert.[4] Jedoch wird der grundsätzlichen Wertbeladenheit des Risikobegriffes durch die Einbeziehung anderer empirisch-deskriptiver Disziplinen wie den Sozialwissenschaften nicht Rechnung getragen.

Ethische wie politisch-gesellschaftliche Überlegungen von vornherein in die Risikoanalyse einzubeziehen, erfordert einen grundlegenden Paradigmenwechsel gegenüber der gegenwärtig üblichen Praxis. Heute werden zunächst durch die Natur-, Technik- und Sozialwissenschaften wie die Ökonomie die Folgen technischer Eingriffe abgeschätzt, und erst in einem zweiten Schritt wird die ethische Bewertung, sei es durch spezielle Ethikkommissionen oder durch politische Entscheidungsträger, nachgeschaltet. Das hat unter Umständen negative Konsequenzen. So wird derzeit etwa sehr viel Geld und Energie darauf verwendet, die wissenschaftlichen Klimamodelle zu verbessern. Nur ist mit einer genaueren Prognose der globalen Mitteltemperatur im Jahre 2100 für die politisch-ethische Debatte noch nicht allzu viel gewonnen; relevant ist im Rahmen eines anthropozentrischen Ansatzes vielmehr, wie sich die globale Erwärmung auf die Betroffenen auswirkt. Um dies abzuschätzen, bedarf es allerdings in erster Linie nicht besserer Klimamodelle, sondern besserer (wohlfahrtsökonomischer) Impaktmodelle.[5] Was genau in derartigen Impaktmodellen modelliert werden soll, kann jedoch nur nach gewissen normativen Entscheidungen beantwortet werden. Hier kann Technikkommunikation nicht darauf reduziert werden, einseitig die breite Bevölkerung über Chancen und Risiken lediglich zu informieren, denn was Chancen und Risiken darstellt, ergibt sich erst aus den individuellen und kollektiven Wünschen und Ängsten in einer Gesellschaft.

Jenseits von Naturwissenschaft und Technik

Wenn individuelles Risikoempfinden aber derart unterschiedlich ist, wie kann vermieden werden, dass Risikoanalysen beliebig werden - schließlich müssen im Fall umweltpolitischer Maßgaben sowohl risikoscheue als auch risikofreudige Einzelpersonen mit der jeweiligen Entscheidung leben. Die normativen Wissenschaften können hier eine Grammatik für den gesellschaftspolitischen Diskurs, etwa für den über eine nachhaltige Energieversorgung, liefern. Diese Grammatik ist intersubjektiv vermittelbar, schränkt individuelle Risikoentscheidungen ein, ermöglicht jedoch die Äußerung und Berücksichtigung individueller Aspekte im demokratischen Diskurs.

Eine wesentliche Aufgabe einer solchen Grammatik besteht darin, Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Diskurses abzustecken, der als ethischer Diskurs gewissen Regeln der Unparteilichkeit zu genügen hat. Für Energietechniken, deren negative Folgen global wirksam und zum Teil nachfolgende Generationen treffen werden, erfordert dies Rahmenbedingungen, welche die Behandlung inter- wie intragenerationeller Gerechtigkeitsaspekte gewährleisten. Die Bedürfnisse der zukünftig Lebenden müssen sinnvoll gegenüber den jetzt Lebenden etwa hier in Deutschland, aber ebenso gegenüber denen in weniger entwickelten Teilen der Welt abgewogen werden.

Weiterhin muss der ethische Diskurs sicherstellen, dass alle auch über das Gleiche reden. Dies erscheint zunächst als Selbstverständlichkeit, ist aber bei Risikodiskursen nicht unbedingt einfach zu gewährleisten. So ist oft zu beobachten, dass etwa die Befürworter der Kernenergie auf die niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit eines Störfalls oder Unfalls fokussieren, während die Gegner hingegen ausschließlich über das hohe Schadensausmaß reden. Jedoch umfasst Risiko immer beides, Schaden wie Unsicherheit darüber, ob er eintritt. Eine Aufgabe des ethischen Diskurses besteht somit darin, beide Sichtweisen zu berücksichtigen und sowohl den Schaden als auch die Unsicherheit desselben (gegebenenfalls quantifiziert in Form von Wahrscheinlichkeit) in den Blick zu nehmen. Dies mag über die oben genannte Produktformel, durch unterschiedliche Gewichtung von Schaden und Eintrittswahrscheinlichkeit oder durch Einbeziehung weiterer Informationen über die Wahrscheinlichkeitsverteilung (und nicht allein über ihren Mittelwert) geschehen.[6] Wichtig ist hierbei zu beachten, dass somit völlig unabhängig von dem Schadensbegriff die Definition von Risiko bereits eine Wertung beinhaltet. Damit beschränkt sich die Grammatik des Diskurses, den eine ethische Diskussion zu entwerfen hat, nicht nur auf gewisse Gerechtigkeits- und Fairnessaspekte, sondern muss sich auch Fragen nach der Natur von Risiko und Unsicherheit stellen.

Metrik der Gerechtigkeit: Alternative Wohlstandsindikatoren

Da Risiken in der Energieversorgung nicht völlig vermieden werden können, geht es hier letztlich um die Frage, welches Risiko für wen tragbar ist, oder vielmehr: Welches Risiko muss von wem getragen werden? Inwieweit müssen die Anwohner um ein Kernkraftwerk ein größeres Risiko tragen als alle Anderen, die ebenfalls von der Stromerzeugung durch dieses Kraftwerk profitieren? Inwieweit dürfen wir heute durch Verbrennung fossiler Brennstoffe und der damit einhergehenden Erderwärmung zukünftigen Generationen Lebensraum und Lebensqualität nehmen? Die Frage, die hier schlussendlich dahinter steht ist die, welche Verteilung von Risiken und Chancen gerecht ist.

Bevor wir uns aber sinnvoll darüber verständigen können, welche Verteilung fair oder gerecht ist, muss klar sein, was eigentlich verteilt werden soll. Auch wenn es bei einer nachhaltigen Energieversorgung um die Allokation von Energie geht, so steht diese hier nicht im Zentrum. Auch um die gerechte Verteilung von Strom oder anderen Energiedienstleistungen geht es nicht. Wie in der durch den Brundtlandreport[7] angestoßenen Debatte um Nachhaltigkeit geht es bei der Verteilungsfrage um intrinsisch wertvolle Güter und damit letztendlich um menschliches Wohlbefinden oder zumindest die Voraussetzungen dafür.

Auch wenn in den meisten Bewertungen verschiedener Energieszenarien Schaden und Nutzen ausschließlich in monetären Einheiten, gewöhnlich über das Bruttoinlandsprodukt (BIP), erfasst werden, sind weder Dollar noch Euro geeignete Einheiten, um menschliches Wohlbefinden zu messen. So geriet auf der volkswirtschaftlichen Ebene in den vergangenen Jahren das BIP als Indikator für den Wohlstand von Nationalstaaten vermehrt in die Kritik. Heute werden alternative Wohlstandsindikatoren diskutiert, die neben ökonomischen Aspekten auch andere Dimensionen des menschlichen Lebens erfassen. Derartige Dimensionen können zum Beispiel Freizeit sein, Zufriedenheit in der Stille der Kontemplation, Freude, am Leben Anderer teilhaben zu dürfen, und viele andere mehr.

Der schönste Name, den ein solcher Wohlstandsindikator bekam, ist sicherlich der des Landes Bhutan, das seit einigen Jahren den Gross National Happiness Index aufstellt. Die Vereinten Nationen geben seit nunmehr zehn Jahren den Human Development Index (HDI) als Wohlstandsindikator für den Vergleich verschiedener Länder heraus. Der HDI ergänzt das BIP um Lebenserwartung und Bildungsrate. Zwar ist der HDI zur Bewertung der Energieversorgung noch zu allgemein, er fußt jedoch auf Ideen des Ökonomie-Nobelpreisträgers Amartya Sen, die sich hierfür gut eignen.[8] Die Metrik der Gerechtigkeit, also das, was verteilt werden soll, bilden Sen zufolge sogenannte capabilities bzw. Fähigkeiten, ein glückliches Leben zu führen. Diese lassen sich ganz grob mit den grundlegenden Voraussetzungen identifizieren, die erfüllt sein müssen, damit jemand überhaupt die Konzeption eines nach individuellen Maßstäben glücklichen Lebens ausbilden kann. Was wären solche Voraussetzungen? Die Vereinten Nationen nennen in ihrem Human Development Report Bildung, materiellen Wohlstand sowie Gesundheit.

Was Sens Ansatz nun gerade für die Bewertung der verschiedenen Energieoptionen interessant macht (und vom HDI nicht erfasst wird), ist, dass er verschiedene Energieszenarien nicht allein danach bewertet, wie sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf sämtliche hier aufgelistete Aspekte menschlichen Lebens auswirken. Vielmehr müssen weitere noch bestehende alternative Handlungsoptionen berücksichtigt werden, das heißt Energieszenarien, in denen materieller Wohlstand, Gesundheit und Bildung anders ausgestaltet und verteilt sind.

Ein einfaches Beispiel mag dies verdeutlichen: Jede Technik birgt Gefahren. Sollten wir in naher Zukunft feststellen, dass die Windenergie unabwägbare Risiken darstellt, dann können wir oder nachfolgende Generationen mehr oder weniger einfach die Windräder abbauen. Für das Wasserkraftwerk Belo Monte in Brasilien, das den Rio Xingu zu einem Stausee von der Größe des Bodensees wandelt, wird dies schon schwieriger. Bei einem Lager für hochradioaktive Abfälle ist diese Handlungsoption, das einfache Beseitigen der Gefahr, selbst wenn eine Transmutation der langlebigen Radionuklide (deren Umwandlung in kürzer radioaktiv strahlende Isotope) in naher Zukunft großtechnisch realisiert wird, nicht möglich, was eine Einschränkung nicht nur für uns, sondern auch für zukünftige Generationen bedeutet. Eben diesen Verlust an Freiheit gilt es in einer ethischen Bewertung ebenso zu berücksichtigen wie den tatsächlich realisierten materiellen Wohlstand, Gesundheit oder Bildung.

Sen zufolge sind es also capabilities, die gerecht zu verteilen sind. Wie und für was dann der Einzelne diese Fähigkeiten nutzt, ist Sache des Individuums, nicht eines gesellschaftlichen Energiediskurses. Dieser steckt lediglich den Rahmen ab, innerhalb dessen sich das Individuum bewegt. Anders als die gängigen sozialwissenschaftlichen Ansätze, die auf die Interessen und Handlungen der direkt betroffenen Personen fokussieren, bietet Sens Ansatz zudem den Vorteil, Aspekte der intergenerationellen Gerechtigkeit besser berücksichtigen zu können. Da die Interessen der zukünftigen Generationen schlicht nicht bekannt sind, sind interessenbasierte Ansätze immer zugunsten der jetzt Lebenden verzerrt. Der Fähigkeitsansatz Sens ist hier bescheidener und fokussiert lediglich auf die grundlegenden Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um eine individuelle Konzeption eines guten Lebens ausbilden zu können. Ein Aspekt, der neben dem Verlust an Handlungsoptionen im öffentlichen Diskurs gerne übersehen wird, ist etwa die Bedeutung einer sicheren Energieversorgung für die zukünftige Gesundheitsversorgung. Es darf nicht vergessen werden, dass in der einen oder anderen Form ein ethisches Desiderat besteht, Energie, insbesondere elektrische, billig und damit für alle verfügbar anzubieten.[9]

Gerechtigkeit als offenes Verfahren

Ein wichtiges Ziel des ethischen Diskurses ist es, die Metrik der Gerechtigkeit festzulegen und damit den öffentlichen Diskurs dahingehend zu ergänzen, dass alle als relevant erachteten Aspekte menschlichen Wohlbefindens Berücksichtigung finden, unabhängig davon, ob sie heute oder in 100 Jahren lebende Menschen betreffen. Der Fähigkeitsansatz Sens bietet eine mögliche diskursive Grammatik, um die Grenzen des politisch-gesellschaftlichen Diskurses abzustecken.[10]

Nun scheint die Erweiterung des Expertenkreises bezüglich des Risikodiskurses - neben natur- und technikwissenschaftlicher Expertise gilt es auch normative Sachkenntnis zu berücksichtigen - zunächst kaum noch Raum für die Berücksichtigung individueller Risikopräferenzen zu lassen. Jedoch bedeutet die zentrale Rolle von Experten bei Risikodiskursen nicht notwendig eine "Expertendiktatur". Ein Vorteil von Sens capabilities-Ansatz ist gerade, dass er durch das Maß der Gerechtigkeit einen Balanceakt meistert, der die Diversität menschlicher Lebensentwürfe berücksichtigt ohne in einen ethischen Subjektivismus abzugleiten. Der Expertendiskurs gibt hier zwar (in Grenzen) vor, was gerecht zu verteilen ist (nämlich die erwähnten, grundlegenden Fähigkeiten). In Sens Ansatz lässt dieser Expertendiskurs aber wichtige Entscheidungen offen: Wie die verschiedenen Dimensionen menschlichen Lebens zu gewichten sind, obliegt nicht der Entscheidung von Experten, sondern einem demokratischen Entscheidungsverfahren.

Um die Frage nach Gerechtigkeit beantworten zu können, gilt es also zum Beispiel zu eruieren, ob Sicherheit oder Gesundheit schwerer wiegt, wie viel Wohlstand einen gewissen Verlust an Freiheit aufwiegt und anderes mehr. Erst durch diese Gewichtung kann der multidimensionale Raum der verschiedenen Fähigkeiten auf eine kardinale Größe und damit auf eine Aussage wie Ja oder Nein zu einem bestimmten Energieszenario abgebildet werden. Erst der öffentliche Diskurs vermag somit die Frage zu beantworten, ob ein Energieszenario ohne Kernenergie gegenüber einem mit Kernenergie zu bevorzugen ist.

Da sich demokratische Entscheidungen zu Energiefragen meist im Rahmen von Nationalstaaten abspielen, kann dies dazu führen, dass einige Länder bestimmte Risikoaspekte höher werten als ihre Nachbarländer und im nationalen Alleingang aus der Kernenergie aussteigen. Eine solche Entscheidung kann somit auch dann durchaus rational sein, wenn das individuelle Gefahrenrisiko dadurch nicht abnimmt, weil die Nachbarländer weiterhin Kernenergie nutzen und Strahlenwolken an Staatsgrenzen nicht halt machen.

Partizipation ist mehr als Technikkommunikation

Die großen technischen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts haben gezeigt, dass technische Risiken oftmals nur durch mehr Technik in den Griff zu bekommen sind. Die "autonome" Technik avancierte Ende des 20. Jahrhunderts zum Schlagwort, das technische Notwendigkeit suggeriert. Technik ist indes mehr als angewandte Naturwissenschaft; technische Notwendigkeiten sind niemals naturgesetzlich. Die Notwendigkeit zur technischen Umgestaltung der Natur ergibt sich immer in Kombination aus dem Machbaren mit dem Gewünschten. Individuelle oder, im Fall von Großtechniken, kollektive gesellschaftliche Präferenzen müssen von vornherein in die Technikgestaltung einbezogen werden. Wirklich partizipative Technikgestaltung ist unerlässlich für technischen Fortschritt, und sie unterscheidet sich grundlegend von einer Technikkommunikation, in der Technikakzeptanz oftmals lediglich als Standortvorteil in einer rein ökonomischen Bewertung gesehen wird.[11]

Es geht weniger darum, durch Experten - seien sie nun aus den Natur- und Technikwissenschaften oder aus den normativen Disziplinen - die Bevölkerung über "objektive" Risiken und Chancen aufzuklären, als darum, einen Raum für eine transparente Kommunikation zu schaffen, in der überhaupt erst Chancen und Risiken im gleichberechtigten Gespräch eruiert werden. Neben einer Öffnung des Expertendiskurses setzt dies auch die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger voraus, sich jenseits von Klischees und Vorurteilen in vollem Umfang über Potenziale und Gefahren der Nutzung wie der Nichtnutzung einer Technik zu informieren. Ein stärkerer Fokus auf das, was menschliches Wohlergehen ausmacht, kann der ökonomischen Engführung des Begriffs ebenso entgegenwirken wie der Verkürzung des Schlagworts "Nachhaltigkeit" auf den Erhalt natürlicher Ressourcen.

Die Debatte um alternative Wohlstandsindikatoren, die heute nicht mehr allein in Fachjournalen geführt wird, sondern in vielen Ländern durch die Exekutive angestoßen wurde,[12] mag als Rahmen für transparente Kommunikation gesehen werden, der allerdings noch durch eine stärkere Bürgerbeteiligung zu füllen ist. Das 21. Jahrhundert gilt es als Chance zu begreifen, sich wieder auf die Notwendigkeit von Technik für das gute menschliche Leben zu besinnen. Nur wenn eine Reflexion über Letzteres stattfindet, kann Technik als Gesamtheit der Maßnahmen, Einrichtungen und Verfahren dazu dienen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen, um zu einer - im wirklichen Sinne - nachhaltigen Umgestaltung unserer Lebenswelt beizutragen.

Fußnoten

1.
Die Nanotechnologie stellt eine der wenigen Ausnahmen dar, bei der Fachleute die Risiken höher einschätzen als die breite Bevölkerung.
2.
Die Einbeziehung der Exekutive in technik- und umweltrechtliche Fragen, die wiederum externe Berater heranzieht, wird diskutiert in: Liv Jaeckel, Risiko-Signaturen im Recht, in: Juristen Zeitung, 66 (2011) 3, S. 116-124.
3.
Vgl. Sabine Roeser et al. (eds.), Handbook of Risk Theory. Epistemology, Decision Theory, Ethics and Social Implications of Risk, Springer 2011.
4.
Vgl. Amos Tversky/Daniel Kahneman, Judgment under Uncertainty. Heuristics and Biases, in: Science,185 (1974), S. 1124-1131. Neben den ökonomischen Arbeiten zu Risiko sind auch die soziologischen Untersuchungen Ulrich Becks zur "Risikogesellschaft" zu erwähnen und die Forschung innerhalb der Psychologie, die insbesondere angestoßen wurde durch Paul Slovic, The Perception of Risk, London 2000.
5.
Vgl. z.B. Nicholas Stern, The Economics of Climate Change. The Stern Review, Cambridge 2007; William Nordhaus, A Question of Balance. Weighting the Options on Global Warming Policies, Yale 2008.
6.
Vgl. Stan Kaplan/B. John Garrick, On The Quantitative Definition of Risk, in: Risk Analysis 1 (1981) 1, S. 11-27.
7.
Vgl. World Commission on Environment and Development, Our Common Future, Oxford 1987.
8.
Vgl. Amartya Sen, Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, München 2001.
9.
So berücksichtigen auch die Nachhaltigkeitsindikatoren der International Atomic Energy Agency (IAEA) - Energy Indicators for Sustainable Development (EISD) - den Aspekt der Bezahlbarkeit der Energieversorgung. Vgl. IAEA, Energy Indicators for Sustainable Development: Guidelines and Methodologies, Wien 2005, online: www-pub.iaea.org/MTCD/publications/PDF/
Pub1222_web.pdf (28.9.2011).
10.
Eine Frage, die damit noch nicht beantwortet ist und die den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, ist die nach der institutionellen Umsetzung und genauen Gestaltung dieser Partizipation. Der Bericht der Ethikkommission für sichere Energieversorgung liefert dafür Ansatzpunkte, online: www.bundesregierung.de/Content/DE/
__Anlagen/2011/05/2011-05-30-abschlussbericht-ethikkommission,property=publicationFile.pdf (28.9.2011).
11.
Vgl. etwa den Abschlussbericht an das Bundesministerium für Bildung und Forschung zum Thema "Technikakzeptanz und Nachfragemuster als Standortvorteil", Dezember 2002, online: www.bmbf.de/pubRD/Akzeptanz_
Nachfrage_Standort.pdf (28.9.2011).
12.
Auf Initiative der französischen Regierung wurde eine Kommission unter anderem mit dem Ziel gegründet, sozialen Fortschritt jenseits des BIP messbar zu machen. Vgl. Joseph E. Stiglitz/Amartya Sen/Jean-Paul Fitoussi, Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, September 2009, online: www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/documents/rapport_anglais.pdf (28.9.2011). Mit ähnlicher Zielsetzung hat der Deutsche Bundestag 2010 die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der sozialen Marktwirtschaft" eingesetzt. Vgl. online: www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17
/gremien/enquete/wachstum/index.jsp (6.10.2011).

Rafaela Hillerbrand

Zur Person

Rafaela Hillerbrand

Dr. phil., Dr. rer. nat., geb. 1976; Juniorprofessorin für Philosophie an der RWTH Aachen und Leiterin der interdisziplinären Arbeitsgruppe Ethics for Energy Technology (EET) am Human Technology Centre, Theaterplatz 14, 52062 Aachen. rafaela.hillerbrand@rwth-aachen.de


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