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30.10.2020

Das europäische Care-Grenzregime in einem "Europa ohne Grenzen"

Wegen der Corona-Pandemie wurden Care-Arbeiterinnen und -Arbeiter plötzlich als unverzichtbar für das Funktionieren der Gesellschaft wahrgenommen. Ärztinnen und Ärzte und medizinisches Personal wurden für ihre harte Arbeit gelobt, die sie trotz des hohen Infektionsrisikos leisteten. Der Gesellschaft kamen auch die Pflegekräfte ins Bewusstsein, die zu Tausenden in Seniorenheimen und in der privaten Pflege arbeiten und normalerweise unsichtbar sind. Zusätzlich machte eine abrupte Schließung der Grenzen deutlich, dass es sich bei den Pflegekräften oft um Arbeitsmigrantinnen und -migranten handelt, die aus den EU-Mitgliedsstaaten in Mittel- und Osteuropa, aber auch von außerhalb der EU kommen. Einreisegarantien für Pflegekräfte wurden über Nacht zur Top-Priorität zwischenstaatlicher Verhandlungen, da in vielen wohlhabenderen europäischen Ländern ein akuter Mangel drohte.[1] Viele europäische Medien forderten Solidarität von den EU-Mitgliedsstaaten ein, aus denen die regelmäßig pendelnden Care-Migrantinnen und -Migranten kommen, etwa Bulgarien, Rumänien, die Slowakei, Polen oder Tschechien. Diese wurden als heroisch und selbstlos dargestellt, allerdings wurden die prekären Arbeitsbedingungen, die schlechte Bezahlung und die emotionale Belastung, fern der Heimat und getrennt von der eigenen Familie zu leben, meist nicht erwähnt.[2]

Die Pandemie hat gezeigt, dass die offenen Grenzen im europäischen Schengen-Raum ein spezielles europäisches Grenzregime für Care-Arbeiterinnen und -Arbeiter geschaffen haben, das reichere EU-Länder insbesondere nutzen, um den "Nachschub" an gering entlohnten Pflegekräften sicherzustellen. Dies geschieht oft über Vermittlungsagenturen, die von älteren Menschen oder Familien, die es sich leisten können, beauftragt werden, oder die für Pflegeeinrichtungen tätig sind, in denen die Arbeitskosten gedrückt werden, um das Geschäft der Altenpflege profitabel zu machen. Wie kam es zu dieser Situation?

Von der stagnierenden Geschlechterrevolution zur verzerrten Emanzipation

Im 20. Jahrhundert vollzogen sich bedeutende Veränderungen in Hinblick auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die wirtschaftlichen und soziokulturellen Geschlechtermuster. Diese waren eng verbunden mit dem Übergang von der industriellen zur spätkapitalistischen Gesellschaft, allerdings werden ihre Bedeutung und Folgen in weiten Teilen vom gesellschaftlichen Kontext definiert. Die neu etablierte Norm der Doppelverdiener-Familie und die veränderte gesellschaftliche Stellung der Frau gingen nicht einher mit einer Sozialisierung der Verantwortlichkeit bei der Care- und Reproduktionsarbeit oder einer Umverteilung der Aufgaben vom privaten auf den öffentlichen Bereich. Auch die entsprechenden Veränderungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Sinne einer gleichmäßigeren Verteilung von Care- und Reproduktionsarbeit zwischen Männern und Frauen blieben aus.

Folgerichtig bezeichnet etwa die Soziologin Arlie Hochschild die gesellschaftlichen Veränderungen in der westlichen kapitalistischen Gesellschaft in Hinblick auf die Geschlechterrollen als "stalled gender revolution", als eine stagnierende Geschlechterrevolution.[3] Die Philosophin Zuzana Kiczková sieht im Zusammenhang mit der Doppelbelastung der Frauen durch Berufstätigkeit und unbezahlte Arbeit im "real existierenden Sozialismus" eine gescheiterte Emanzipation.[4] Die Soziologin Paula England diagnostiziert eine sozial ungerechte und stagnierende Geschlechterrevolution,[5] während der Politikwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen von einer "unvollendeten Geschlechterrevolution" spricht.[6] Während Hochschild die Probleme beschreibt, die aus dem Konflikt zwischen den relativ stabilen Strukturen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und den sich rasch wandelnden emanzipatorischen Bestrebungen der Frauen und ihrem Verhalten entstehen, beschäftigt sich Kiczková mit dem gescheiterten Projekt der Gleichstellung der Geschlechter in den damaligen sozialistischen Ländern aufgrund der unzureichend verfügbaren staatlichen Kinderbetreuung und ihrer verschiedenen Nachteile. England und Esping-Anderson betrachten die Unterschiede zwischen Frauen aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit und der sozialen Ungleichheiten, die sich von Generation zu Generation fortpflanzen. Nicht alle profitieren gleichermaßen von geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Veränderungen.

Hinzu kommt, dass mit dem allmählichen Abbau des Wohlfahrtsstaates in Europa, der seit den 1990er Jahren und der Auflösung des ehemaligen Ostblocks zu einem dominierenden Trend geworden ist, die Unterstützung für öffentliche Einrichtungen zur Betreuung und Pflege zurückgegangen ist und man stattdessen auf den Markt setzte, der die Defizite beheben sollte. Care-Arbeit und gesellschaftliche Reproduktion werden nicht als allgemeingesellschaftliche Aufgabe betrachtet, sondern marktwirtschaftlichen Prinzipien unterworfen und bleiben Aufgabe der Privatpersonen und damit Teil des Privatsektors.

Auch die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung speziell der unbezahlten Care-Tätigkeiten, aber auch der Reproduktionsarbeit und Care-Arbeit allgemein haben sich nicht maßgeblich verändert. Was in der spätkapitalistischen Gesellschaft als sinnvolle und wertvolle Arbeit gilt, wird nach wie vor von dem begrenzten Verständnis von sinnvoller Arbeit als bezahlter Beschäftigung definiert; eine Vorstellung, die während der Etablierung des kapitalistischen Systems institutionalisiert wurde. Das Missverständnis, dass sozial nützliche Aktivitäten nur dann eine finanzielle Belohnung "verdienen", wenn sie im Rahmen einer bezahlten Beschäftigung ausgeübt werden, ist tief in den Strukturen unserer Gesellschaft verwurzelt.[7] Darüber hinaus unterscheidet sich der Arbeitsmarkt, in den Frauen in Europa heute eintreten, grundlegend vom Arbeitsmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg, der in westlichen Ländern auf dem Fordismus gründete und im Osten Europas auf dem Sozialismus; typisch für beide war dabei eine relative soziale Aussöhnung durch den Wohlfahrtsstaat. Mittlerweile sind Phänomene wie die Deformalisierung, die wachsende Unsicherheit, die "negative Flexibilisierung" und die Intensivierung der Arbeit typische Kennzeichen der heutigen Marktwirtschaft.[8]

Die Unterscheidung zwischen bezahlter produktiver und unbezahlter reproduktiver Arbeit ließ eine Hierarchie der bezahlten Arbeit entstehen. Die politische Ökonomie der gesellschaftlichen Reproduktion in der spätkapitalistischen Gesellschaft umfasst nicht nur, dass sorgende, erhaltende und reproduktive Arbeit, die vorwiegend von Frauen geleistet wird, zum Nutzen der Allgemeinheit unentgeltlich erfolgt, sondern auch, dass die bezahlte Care-Arbeit ökonomisch unterbewertet wird. Die soziale Reproduktion ist für die Gesellschaft unverzichtbar. Dennoch wird sie systematisch missachtet, entwertet und für selbstverständlich genommen. Und sie ist zunehmend an Migration gebunden, obwohl soziale Reproduktion viel mehr umfasst als die von Migrantinnen verrichtete Care-Arbeit.[9] Die Philosophin Nancy Fraser argumentiert, dass dieser "sozial-reproduktive Widerspruch des Kapitalismus der Grund für die sogenannte Care-Krise ist".[10] Mit der zunehmenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung sozialer Bereiche, die früher dem Markt entzogen waren, wird Care-Arbeit zur Beschäftigung für Frauen, die auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt sind oder Mühe haben, aus der Langzeitarbeitslosigkeit herauszukommen und im Bereich Care aufgrund des ständigen Mangels an Arbeitskräften Arbeit finden, und für Migrantinnen, die aufgrund der Strukturen gezwungen sind, sich mit prekären Arbeitsbedingungen abzufinden.

Das Konzept der Grenzen und institutionalisierter Grenzregime ist entscheidend für die Entstehung und Bewahrung von Strukturen, in denen Care-Arbeit geringgeschätzt und schlecht entlohnt wird. Grenzen werden selektiv geöffnet, um den "Nachschub" an Care-Migrantinnen zu sichern. Gleichzeitig tragen die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Ländern und deren unterschiedliche Einbindung in die globale Ökonomie dazu bei, die tagtägliche Macht der Grenzen zu wahren, mit der Menschen kategorisiert werden, und die bestehende geopolitische Hierarchie zu erhalten. Grenzen sorgen dafür, dass Arbeitskräfte in Gestalt von Migranten verfügbar sind, aber nur unzureichend von der Gesellschaft aufgenommen werden und daher eine untergeordnete Stellung einnehmen.[11] Nicht alle Care-Arbeiterinnen sind zwangsläufig Migranten, doch das Grenzregime verstärkt die Verbindung zwischen der Ökonomisierung von Care und der Prekarisierung. Eine ähnliche Wirkung besteht in Hinblick auf die strukturelle Verwundbarkeit der migrantischen Arbeitskräfte, auch wenn ihre besondere Stellung durch ihren speziellen Migrationsstatus und andere ihnen zugeschriebene soziale Kategorien bestimmt wird.[12] Care-Migranten und -Migrantinnen werden in Europa in zunehmendem Maße im formellen Care-Sektor eingesetzt, und häusliche Pflege- und Betreuungskräfte sowie Haushaltshilfen sind mittlerweile ein unverzichtbarer Bestandteil der politischen Ökonomie der gesellschaftlichen Reproduktion in Europa.[13] Genau wie die Beschäftigung von Hausangestellten in Privathaushalten eine lange Geschichte hat, ist auch die Tatsache, dass diese Arbeit weitgehend von Migranten erledigt wird, nicht neu.[14] Doch während die bezahlten Hausangestellten im Verschwinden begriffen schienen, als sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Sozialstaat europäischen Zuschnitts entwickelte, erleben sie nun ihr Comeback. Die unterschiedliche Bezahlung lokaler und migrantischer Arbeitskräfte macht es möglich, die Illusion einer familiären Pflege und Sorge zu Hause aufrechtzuerhalten, auch wenn sie heute durch den Markt erfolgt. Die Etablierung eines transnationalen privatisierten Care-Sektors ist daher ambivalent zu bewerten. Bestimmte Gruppen von Frauen, die aufgrund der geopolitischen Situation und ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse und Ethnie im Vorteil sind, erhalten mehr Freiräume und können autonome Entscheidungen für ihr Leben treffen, indem sie Care-Leistungen kaufen oder Haushaltshilfen beschäftigen. Das führt dazu, dass Frauen aus niedrigeren Schichten und Angehörige von Randgruppen zusätzlich zu ihrer eigenen unbezahlten Arbeit im Haushalt und in der Familie unterbezahlte Reproduktionsarbeit verrichten und dadurch beim Kampf um ihren Lebensunterhalt in einem Teufelskreis der Ausbeutung gefangen sind.[15]

Ich bezeichne diese Entwicklung als "verzerrte Emanzipation".[16] Während sich der Begriff der "stagnierenden Geschlechterrevolution" auf eine Veränderung der geschlechtsspezifischen Strukturen in der Bildung und die Teilhabe am Arbeitsmarkt bezieht, die in Konflikt steht zur traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Familie, geht es bei der verzerrten Emanzipation um die gesellschaftliche Ungleichheit, die aufgrund der Ökonomisierung und Kommodifizierung der sozialen Reproduktion in der spätkapitalistischen Gesellschaft besteht. Dadurch wird eine Situation geschaffen, in der die Emanzipation bestimmter Gruppen von Frauen tatsächlich von ihrem Geschlecht und der sozialen Ungleichheit anderer Gruppen abhängt. Das hat zur Folge, dass sich die für einen Teil der Frauen positiven Aspekte auf die langfristige globale wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheit auswirken. Die "verzerrte Emanzipation" bezeichnet eine Situation, in der die Emanzipation der Frauen in der Form, in der sie heute gefördert wird, untrennbar mit den Strukturen globaler Ungleichheit verbunden ist. Aufgrund der daraus erfolgenden Reproduktion der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung behindert sie eine Fortführung der stagnierenden Geschlechterrevolution. Sie reproduziert eine traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, bei der sich die meisten Männer aus der Care-Arbeit heraushalten und diese privat bleibt.

Grenzüberschreitender Care-Markt

Die geopolitischen Herausforderungen nach 1989 wirkten sich auch auf die europäische Care-Landschaft aus. Der Trend zu einer Ökonomisierung von Care ging Hand in Hand mit den Veränderungen des europäischen Grenzregimes. Die Auflösung des ehemaligen Ostblocks und die Erweiterung der EU in mehreren Schüben hatten zur Folge, dass sich die Bedeutung und Auswirkungen der europäischen Grenzen verschoben. Den Einwohnern der neuen EU-Mitgliedsstaaten bieten sich dank der Mobilität zusätzliche Möglichkeiten, doch auch Migrantinnen aus Nicht-EU-Ländern, die zuvor in einem makroökonomischen Block lebten, überqueren heute die Grenzen zwischen "Ost" und "West" und bilden so eine eigene Gruppe, die Reserve der billigen Arbeitskräfte. Aber auch innerhalb der EU entstehen durch das Grenzregime Strukturen mit schlecht bezahlten Care-Migrantinnen und -Migranten, die meist aus mittel- und osteuropäischen Ländern kommen. Daneben existiert das Narrativ von einem nach 1989 entstandenen "Europa ohne Grenzen". Der europäische grenzüberschreitende Care-Markt ist eine subtile Kombination aus Inklusion – innerhalb der EU durch den Zugang zum Arbeitsmarkt – und Exklusion, da bestimmte Regelungen zum Arbeitsschutz und Ansprüche auf Sozialleistungen nicht für alle gelten. Die Länder, die sich für Care-Migrantinnen und -Migranten geöffnet haben, haben institutionalisierte Mechanismen für den Einsatz billiger Arbeitskräfte geschaffen, die jedoch das transnationale Leben dieser Menschen, ihre sozialen Bedürfnisse und ihre Versorgung sowie ihre Verantwortung für die eigene Familie systematisch missachten. Zudem zeichnet sich bei der Care-Mobilität ein zunehmender Trend in die umgekehrte Richtung ab: So entscheiden sich etwa deutsche Seniorinnen und Senioren in zunehmendem Maße für eine Unterbringung in einem Seniorenwohnheim oder Pflegeheim in den tschechischen oder polnischen Grenzgebieten, die deutlich günstiger ist als die Betreuung in einem deutschen Heim.[17]

Der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt für Care wird oft als Win-Win-Situation dargestellt, in der alte Menschen und Familien mit kleinen Kindern eine erschwingliche hochwertige Betreuung oder Unterstützung im Haushalt erhalten und Migrantinnen und Migranten eine Arbeit haben, die besser bezahlt ist als vergleichbare Tätigkeiten in ihrer Heimat. Doch tatsächlich wird damit eine rechtliche Situation geschaffen, in der strukturelle Ungleichheiten aufgrund der Nationalität bestehen und bestimmte Gruppen ausgeschlossen werden, obwohl gleichzeitig der Mythos eines egalitären und integrierten Europas heraufbeschworen wird. Hauptmerkmal dieses Systems sind die ökonomischen Ungleichheiten zwischen nah beieinanderliegenden Regionen, wodurch die Idee eines geeinten Europas untergraben wird.

Mitteleuropa ist ein typisches Beispiel für diese Dynamik. So liegt etwa die Tschechische Republik zwischen den beiden Polen der transnationalen politischen Ökonomie der sozialen Reproduktion. Während tschechische Frauen in den Nachbarländern (Deutschland und Österreich) als Care-Arbeiterinnen arbeiten, werden auch in Tschechien in zunehmendem Maße Care-Tätigkeiten von Migrantinnen übernommen, die überwiegend aus der Ukraine kommen.[18] Seit den 1990er Jahren bietet die Migration vielen Ukrainerinnen und Ukrainern eine Bewältigungsstrategie, da sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Ukraine immer weiter verschlechtert haben. Ukrainische Frauen arbeiten als Haushaltshilfen und Pflegekräfte in vielen europäischen Ländern einschließlich der mitteleuropäischen EU-Mitglieder, mit denen die Ukraine eine gemeinsame politische Vergangenheit hat. Die politische Geschichte der Region ist Teil der Alltagserfahrung der ukrainischen Arbeitskräfte. Ihre "Andersartigkeit", die sich andernorts von rassistischen oder ethnisch stereotypen Vorstellungen ableitet, basiert hier vor allem auf der wirtschaftlichen Ungleichheit.

Die Öffnung der Grenzen nach Westen sorgte in der Tschechischen Republik für einen Anstieg der temporären und dauerhaften Migration. Trotz der politischen Versprechungen, "den Westen bald einzuholen", bestehen immer noch erhebliche Unterschiede bei den Löhnen. Das hat zur Folge, dass die Care-Arbeit im Ausland, obwohl sie nach den Arbeitsmarktstandards im Zielland unterbezahlt ist, eine attraktive Verdienstmöglichkeit darstellt. Laut Eurostat beliefen sich 2019 die geschätzten Arbeitskosten pro Stunde in Tschechien auf 13,50 Euro, verglichen mit 34,70 Euro in Österreich oder 35,60 Euro in Deutschland.[19] Das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen der Care-Arbeiterinnen und -Arbeiter in Tschechien lag 2018 bei rund 800 Euro. Die Löhne sind in diesem Sektor in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen; 2016 waren es 560 Euro. Doch es gibt auch erhebliche regionale Unterschiede, so ist etwa in Grenzgebieten und ländlichen Regionen der Verdienst niedriger. Die Sozialforscher Miloslav Bahna und Martina Sekulová geben für 2016 840 Euro als durchschnittliches monatliches Nettoeinkommen an, das slowakische Arbeitskräfte im Care-Sektor in Österreich erhalten (berechnet für zwei Wochen pro Monat 24-Stunden-Betreuung bei den Betreuten zu Hause).[20] Man kann davon ausgehen, dass sich das Lohngefälle im Durchschnitt weiter verringern wird, doch im Vergleich zu den Verdienstmöglichkeiten in Grenzregionen und insbesondere für bestimmte Gruppen bietet die Pendelmigration nach Österreich oder Deutschland immer noch die Aussicht auf einen höheren Verdienst. Auch der europäische Arbeitsmarkt für Care verändert sich. Seit der EU-Erweiterung 2007 arbeiten zunehmend rumänische und bulgarische Frauen im Care-Sektor. Dennoch sind viele Tschechinnen weiterhin als Krankenschwestern oder Hausangestellte in den Nachbarländern im Einsatz, wie eine Studie für 2014 zeigt.[21] Darin gaben einige Frauen an, gerade einmal 2 Euro pro Stunde zu verdienen (umgerechnet auf die 24-stündige Betreuung). Wenn man das bei Bahna und Sekulová angegebene durchschnittliche Nettoeinkommen zugrunde legt, kommt man für 2016 auch nur auf einen Stundenlohn von 2,50 Euro. Personen können also Grenzen überqueren, als ob diese gar nicht existieren würden, doch die regionalen wirtschaftlichen Ungleichheiten sorgen dafür, dass andere Grenzen weiterbestehen, von denen die reicheren Gesellschaften auf Kosten der ärmeren profitieren.

Österreich und Deutschland zählen zu den Ländern mit der höchsten Zahl osteuropäischer sogenannter Live-Ins, die bei den Betreuten wohnen (60.000 bis 85.000 in Österreich, 300.000 bis 400.000 in Deutschland).[22] In Österreich kommen die meisten aus der Slowakei und Rumänien, in Deutschland aus Polen. Tschechische Frauen arbeiten in beiden Ländern. Die häusliche 24-Stunden-Betreuung ist in Österreich mit am stärksten reglementiert. Das entsprechende Gesetz wurde 2007 mit dem Ziel verabschiedet, diesen Bereich zu regulieren, der bis dahin in einer gesetzlichen Grauzone erfolgte und meist von Frauen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten übernommen wurde. Wichtig ist in dieser Hinsicht jedoch vor allem, dass die Arbeitskräfte offiziell selbstständig sind (und einen Gewerbeschein benötigen), wodurch die 24-Stunden-Betreuung von älteren Menschen in ihren eigenen vier Wänden von verschiedenen Regelungen zum Arbeitsschutz ausgenommen ist, unter anderem vom Mindestlohn, Überstundenregelungen und obligatorischen Pausen sowie anderen Rechten der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Wie überall ersetzte eine staatliche finanzielle Unterstützung der häuslichen Pflege die öffentlichen Investitionen in den Care-Sektor.[23] Das System stützt sich offen auf eine nationalistische Ideologie und nutzt das innereuropäische Grenzregime, um Care-Migrantinnen von der staatlichen Verantwortung für die gesellschaftliche Reproduktion auszunehmen. So verloren Care-Migrantinnen etwa vor einigen Jahren den Anspruch auf Kinderbetreuungsgeld, wenn ihre Kinder nicht in Österreich leben. Dabei pendeln sie im Allgemeinen alle zwei Wochen zwischen ihrer Arbeit und ihrer Heimat hin und her und kümmern sich regelmäßig um ihre Kinder, vor allem, wenn sie noch klein sind, und auch, wenn sie in ihrem Herkunftsland bleiben. Die Idee von einem "Europa ohne Grenzen" wurde nie realisiert. Die Grenzen sind nicht verschwunden, sondern haben eine wichtige Funktion, um die Löhne in der Care-Arbeit niedrig zu halten und den Mangel an Care-Arbeiterinnen und -Arbeitern aufgrund der Widersprüche der sozialen Reproduktion des Spätkapitalismus zu beseitigen.

Fazit

Die politische Ökonomie der sozialen Reproduktion im globalen Kapitalismus erfordert Grenzen, aber auch deren selektive Öffnung. Sie benötigt Grenzen, die durchlässig und im Verschwinden begriffen, aber zugleich konkret sind und bestimmte Gruppen ausschließen. Angesichts der gegenwärtigen globalen Machthierarchien und der strukturell ungleichen Einbeziehung der Makroregionen in den globalen Kapitalismus verstärken und reproduzieren offene Grenzen, sofern keine tief greifenden strukturellen Veränderungen vorgenommen werden, die bestehenden Verwundbarkeiten und die Ausbeutung marginalisierter Migrantinnen und Migranten als verfügbare billige Arbeitskräfte. Die offenen Grenzen innerhalb des europäischen Schengen-Raumes sind Kennzeichen dieser Dynamik, die ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet, als die EU-Binnengrenzen abrupt geschlossen wurden, um die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus zu verhindern. Infolge der Anti-Corona-Maßnahmen fehlten in den reicheren EU-Ländern Care-Arbeiterinnen, aber auch saisonale Erntehelfer, die überwiegend aus mittel- und osteuropäischen Ländern kommen. Dadurch wurde der Mechanismus offengelegt, bei dem Freizügigkeit als Mittel fungiert, um die Mobilität der pendelnden Migrantinnen und Migranten auszunutzen, die Löhne zu drücken und mehr Profit zu erzielen.

Die europäischen Gewerkschaften, die Arbeitskräfte im Care-Sektor vertreten, nutzten die Situation in der Pandemie, um auf die prekären Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhne der migrantischen Care-Arbeiterinnen und Hausangestellten hinzuweisen.[24] Die Pandemie machte die gelebte Realität des Widerspruchs in der sozialen Reproduktion im globalen Kapitalismus deutlich, zeigte aber auch, dass die derzeitige gesellschaftliche Organisation von Care in Europa nicht tragbar ist. Die transnationale privatisierte Care wird nur auf Kosten derjenigen erschwinglich, die diese erbringen. Aber wenn faire Löhne gezahlt würden, könnten sich dann diejenigen, die Care-Leistungen benötigen, diese im derzeitigen Wirtschaftssystem überhaupt noch leisten?

Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen könnte den Care-Migrantinnen in ihrer jetzigen Lage helfen, sie wird jedoch nichts an den Ursachen des Widerspruchs der sozialen Reproduktion im globalen Kapitalismus ändern. Dazu wären tief greifende Veränderungen erforderlich, die die soziale Reproduktion in den Vordergrund stellen. Dann würden sich auch der Kontext und die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ändern, bei der die meisten Frauen in den heutigen spätkapitalistischen (westlichen) Gesellschaften nach wie vor im Nachteil sind. Im Zusammenhang mit diesen Veränderungen müssen zwei institutionalisierte Voraussetzungen der spätkapitalistischen Gesellschaft angegangen werden. Zum einen muss das begrenzte Verständnis von sinnvoller Arbeit als bezahlter Beschäftigung und ihrer zentralen Bedeutung für unser Leben infrage gestellt werden. Zum anderen muss das (neo)liberale Ideal des in der spätkapitalistischen Gesellschaft vorherrschenden atomisierten Individualismus hinterfragt werden, der die kollektive Verpflichtung ignoriert, sich um unsere Mitmenschen zu kümmern. Wenn man gegen die Vorstellung angeht, nur bezahlte Arbeit sei eine sinnvolle Betätigung, ändert man auch die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung auf das Leben der Frauen von heute. Es gibt die These, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen, das das finanzielle Einkommen von der bezahlten Beschäftigung abkoppelt, unter bestimmten Bedingungen die Ausrichtung auf die Lohnarbeit in unserer Gesellschaft abschwächen und so unsere Vorstellung von einer sinnvollen Betätigung erweitern könnte.[25] Andererseits würde auch eine breite öffentliche Unterstützung und vollständige Bereitstellung von Care-Leistungen (Altenpflege, Kinderbetreuung) das individualisierte Verständnis der Care-Verantwortung infrage stellen und den institutionellen Kontext ändern, in dem die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung besteht, weil dadurch die Verantwortung zwischen privater und öffentlicher Sphäre umverteilt werden würde. In jedem Fall gilt es, die Logik und die Grundlagen des heutigen sozioökonomischen Systems zu hinterfragen, um Care-Arbeit die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdient.
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Fußnoten

1.
Vgl. Michael Leiblfinger et al., Impact of the COVID-19 Pandemic on Live-in Care Workers in Germany, Austria, and Switzerland, 14.5.2020, https://ltccovid.org/2020/05/14/impact-of-the-covid-19-pandemic-on-live-in-care-workers-in-germany-austria-and-switzerland«.
2.
Vgl. z.B. Michael Leiblfinger/Veronika Prieler, Updates on Migrant Live-in Care in Austria at the Time of COVID-19: A Glimpse into the Media I, 10.4.2020, https://ltccovid.org/2020/04/10/updates-on-migrant-live-in-care-in-austria-at-the-time-of-covid-19-a-glimpse-into-the-media1«.
3.
Vgl. Arlie R. Hochschild, The Second Shift, New York 1989.
4.
Vgl. Zuzana Kiczková, Vzájomný vzťah medzi verejnou a súkromou sférou z pohľadu žien (1997), in: Jana Cviková/Jana Juráňová (Hrsg.), Feminizmy pre začiatočníčky: Aspekty zrodu rodového diskurzu na Slovensku, Bratislava 2019, S. 156–174.
5.
Vgl. Paula England, The Gender Revolution: Uneven and Stalled, in: Gender & Society 2/2010, S. 149–166.
6.
Vgl. Gøsta Esping-Andersen, Incomplete Revolution: Adapting Welfare States to Women’s New Roles, Oxford 2009.
7.
Vgl. Kathi Weeks, The Problem with Work: Feminism, Marxism, Antiwork Politics, and Postwork Imaginaries, Durham–London 2011.
8.
Vgl. Guy Standing, The Precariat: The New Dangerous Class, London 2011.
9.
Vgl. Eleonore Kofman/Parvati Raghuram, Gendered Migrations and Global Social Reproduction, Basingstoke 2015.
10.
Nancy Fraser, Contradictions of Capital and Care, in: New Left Review 100/2016, S. 99–117, hier S. 100.
11.
Vgl. Nicholas P. De Genova, Migrant ‚Illegality‘ and Deportability in Everyday Life, in: Annual Review Anthropology 2002, S. 419–447.
12.
Vgl. Fiona Williams, Converging Variations in Migrant Care Work in Europe, in: Journal of European Social Policy 4/2012, S. 363–376.
13.
Vgl. Bridget Anderson/Isabel Shutes, Migration and Care Labour: Theory, Policy and Politics, Basingstoke 2014; Majda Hrženjak, Invisible Work, Ljubljana 2007; Helma Lutz/Ewa Palenga-Möllenbeck, Care Work Migration in Germany: Semi-Compliance and Complicity, in: Social Policy & Society 3/2010, S. 419–430; Lise Widding Isaksen (Hrsg.), Global Care Work: Gender and Migration in Nordic Societies, Lund 2010.
14.
Vgl. Raffaela Sarti, The Globalization of Domestic Service – An Historical Perspective, in: Helma Lutz (Hrsg.), Migration and Domestic Work: A European Perspective on a Global Theme, Burlington 2008, S. 77–97.
15.
Vgl. Alison M. Jaggar (Hrsg.), Gender and Global Justice, Cambridge 2014.
16.
Vgl. Zuzana Uhde, From Women’s Struggles to Distorted Emancipation: The Interplay of Care Practices and Global Capitalism, in: International Feminist Journal of Politics 3/2016, S. 390–408.
17.
Vgl. Kristine Krause/Mariusz Sapieha/Luise Schurian, Between Geriatric Colonialism and Liberal Entrepreneurialism: The Case of Care Homes for Germans in Poland, Vortrag, IUAES 2019 Inter-Congress, Poznan, Polen, 29.8.2019.
18.
Vgl. Petra Ezzeddine, Mateřství na dálku: transnacionální mateřství ukrajinských migrantek v České republice, in: Gender, rovné příležitosti, výzkum 1/2012, S. 24–33; dies. et al., Migrant Domestic Workers in the Czech Republic, Prag 2014.
19.
Die Zahlen beziehen sich auf die geschätzten Arbeitskosten pro Stunde für Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten, ausgenommen sind die Bereiche Landwirtschaft und öffentliche Verwaltung. Siehe https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Wages_and_labour_costs«.
20.
Vgl. Miloslav Bahna/Martina Sekulová, Crossborder Care. Lessons from Central Europe, Cham 2019, S. 31.
21.
Vgl. Andrea Kuchyňková/Petra Ezzeddine, "Ještě nepatříme do starého železa" aneb paradoxy migrace péče z ČR do Rakouska, in: Gender, rovné příležitosti, výzkum 2/2015, S. 30–41.
22.
Vgl. Bahna/Sekulová (Anm. 20).
23.
Vgl. Brigitte Aulenbacher/Fabienne Décieux/Birgit Riegraf, The Economic Shift and Beyond: Care as a Contested Terrain in Contemporary Capitalism, in: Current Sociology Monograph 4/2018, S. 517–530.
24.
Vgl. Euro Carers, Can Europe Afford to Leave Informal Carers on Their Own at the Forefront of the Coronavirus Battle?, 14.5.2020, https://eurocarers.org/can-europe-afford-to-leave-informal-carers-on-their-own-at-the-forefront-of-the-coronavirus-battle«; EFFAT/EFFE/EFSI/UNI-Europa, Joint Statement on the COVID-19 Pandemic in Personal and Household Services (PHS), 1.4.2020, http://www.uni-europa.org/wp-content/uploads/2020/04/EFFAT-EFFE-EFSI-UNI-Europa-Joint-Statement-COVID-19-Pandemic-in-PHS-EN.pdf«.
25.
Vgl. z.B. Caitlin McLean/Ailsa McKay, Beyond Care: Expanding the Feminist Debate on Universal Basic Income, WiSe Research Centre, WiSE Working Paper 1/2015; Zuzana Uhde, Caring Revolutionary Transformation: Combined Effects of a Universal Basic Income and a Public Model of Care, 13.12.2018, http://www.degruyter.com/view/journals/bis/13/2/article-20170019.xml?tab_body=pdf-78589«; Weeks (Anm. 7); Almaz Zelleke, Feminist Political Theory and the Argument for an Unconditional Basic Income, in: Policy & Politics 1/2011, S. 27–42.

Zuzana Uhde

Zur Person

Zuzana Uhde

ist promovierte Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag. zuzana.uhde@soc.cas.cz


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