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18.12.2020

Familiale Generationenbeziehungen

Die Familie kann als sozialer Interaktionsrahmen für Individuen beschrieben werden, der durch eine generationenübergreifende Rollenstruktur (Mutter, Vater, Kind) und Solidarbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern charakterisiert ist.[1] Die Existenz und der Fortbestand der Familie scheinen unter anderem darin begründet zu sein, dass diese spezifische Solidargemeinschaft bei der Produktion bestimmter Leistungen Effizienzvorteile gegenüber anderen Organisationsformen – beispielsweise Wohlfahrtsstaaten – mit sich bringt. Denn Leistungen innerhalb der Familie werden in der Regel nicht in Erwartung einer unmittelbaren, womöglich rechtlich zertifizierten Gegenleistung erbracht, sondern vielmehr in Aussicht auf zum Zeitpunkt der Leistungserbringung oft nicht spezifizierte, tendenziell langfristig erwartbare Gegenleistungen. So wird mit relativ einfachen Mitteln ein relativ hohes Maß an Verlässlichkeit in den Solidarbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern erzeugt.

Angesichts der Pluralisierung von Lebens- und Familienformen, die sich unter anderem in sinkenden Heiratsziffern sowie einer zunehmenden Instabilität von Partnerschaften widerspiegelt, sowie eines massiven demografischen Wandels mit dauerhaft niedrigen Geburtenziffern und einer stetig steigenden Lebenserwartung, stellt sich jedoch verstärkt die Frage nach der zukünftigen Entwicklung und den Solidaritätspotenzialen generationenübergreifender Netzwerke innerhalb von Familien. Vor diesem Hintergrund gibt der vorliegende Beitrag einen Überblick über wesentliche Befunde zur Beschreibung intergenerationaler Beziehungen in Deutschland und Europa, wobei auch familiale Generationenbeziehungen jenseits der Kernfamilie und die Bedeutung wohlfahrtsstaatlicher Kontexte berücksichtigt werden.[2]

Empirische Untersuchungen intergenerationaler Beziehungen basieren meist auf dem von dem Sozialgerontologen Vern L. Bengtson und Kollegen entwickelten Modell intergenerationaler Solidarität,[3] das es erlaubt, verschiedene Beziehungsdimensionen – zum Beispiel strukturelle Merkmale wie Wohnentfernung und Kontakthäufigkeit, emotionale Nähe oder den Austausch praktischer und finanzieller Hilfe – gemeinsam zu analysieren. Im Folgenden geben wir einen Überblick über empirische Befunde zu zwei zentralen Aspekten intergenerationaler Solidarität: räumliche Nähe und Kontakthäufigkeit einerseits und Hilfe, Pflege und finanzielle Transfers andererseits. Die Befunde fokussieren dabei auf den europäischen Kontext und Daten der ersten, in den Jahren 2004 und 2005 erhobenen Befragungswelle des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE).[4] Zwar liegen inzwischen aktuellere Befragungswellen der Panelstudie vor, deren Daten sind jedoch bislang kaum mit Blick auf die im Folgenden diskutierten spezifischen Fragestellungen analysiert worden. Dies schmälert die Aussagekraft der früheren Ergebnisse aber keineswegs, da aktuelle Studien, die auf in größeren Abständen erhobenen Querschnittsdaten beruhen, zeigen, dass in den vergangenen Jahrzehnten – bis auf kleinere Ausschläge nach oben und unten – kaum Veränderungen in der Ausgestaltung familialer Generationenbeziehungen zu beobachten sind.[5] Es gibt also keine Hinweise darauf, dass sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten an den europäischen Mustern grundlegend etwas verändert hätte.

Räumliche Nähe und Kontakthäufigkeit

Räumliche Nähe und regelmäßige Kontakte zwischen den Generationen sind die grundlegende Opportunitätsstruktur funktionaler Solidarität, also des Austauschs von Hilfe und Unterstützung. Untersucht man in europäisch vergleichender Perspektive das regionale Muster der Wohnentfernung und der Kontakthäufigkeit zwischen Eltern im Alter von 50 oder mehr Jahren und ihren erwachsenen Kindern, zeigt sich, dass im Wesentlichen zwei Ländergruppen unterschieden werden können:[6] erstens die nord- und westmitteleuropäischen Länder, in denen zwischen knapp 50 Prozent (Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz) und gut 60 Prozent (Dänemark, Niederlande, Schweden) der Eltern mindestens ein Kind haben, das maximal 25 Kilometer entfernt und nicht im elterlichen Haushalt lebt. Ein ähnlich hoher Anteil von Eltern in diesen Ländern hat mindestens einmal wöchentlich – aber seltener als täglich – Kontakt zu einem Kind. Dem stehen, zweitens, die Mittelmeerländer (Griechenland, Italien, Spanien) gegenüber, in denen das Zusammenleben unter einem Dach und tägliche Kontakte am weitesten verbreitet sind (siehe Abbildung).

(© Karsten Hank, Intergenerationale Beziehungen, in: Paul B. Hill/Johannes Kopp (Hrsg.), Handbuch Familiensoziologie, Wiesbaden 2015, S. 463–486)


Dieses Muster könnte auf eine regional unterschiedliche Verteilung relevanter individueller Merkmale der Eltern und Kinder zurückzuführen sein. Doch auch wenn man den möglichen Einfluss des Familienstandes, des Erwerbsstatus’ oder des Gesundheitszustandes berücksichtigt, findet sich ein signifikantes Nord-Süd-Gefälle der geografischen und sozialen Nähe zwischen den Generationen. Zwar wirken die genannten individuellen Merkmale im Allgemeinen unabhängig vom jeweiligen regionalen Kontext sehr ähnlich, es können allerdings auch länderspezifische Effekte beobachtet werden, zum Beispiel aufgrund des Alters der Eltern und der Kinder. Hierfür dürften sowohl unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Institutionen – etwa bei der Pflege älterer Menschen – als auch Unterschiede in sozialen Normen verantwortlich sein.

Jenseits aller Unterschiede zeigt sich jedoch vor allem eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten: In allen untersuchten Ländern – und über alle Altersklassen hinweg – leben 85 Prozent der beobachteten Eltern-Kind-Paare nicht mehr als 25 Kilometer voneinander entfernt, und der Anteil der Eltern, die seltener als wöchentlich Kontakt zu einem ihrer Kinder haben, bewegt sich in Schweden und Spanien mit jeweils etwa sieben Prozent auf einem ähnlich niedrigen Niveau. Auch neuere Studien konnten keinen Rückgang der Kontakthäufigkeit zwischen Eltern und erwachsenen Kindern feststellen.[7] Die Voraussetzungen dafür, dass sich die familialen Generationen gegenseitig unterstützen können, scheinen also – zumindest zu Beginn des 21. Jahrhunderts und soweit sie sich in den hier betrachteten Dimensionen widerspiegeln – stabil gegeben zu sein.

Finanzielle Transfers, Hilfe und Pflege

Sind räumliche Nähe und regelmäßige Kontakte grundlegend für intergenerationalen Austausch, können die Grenzen zwischen Solidaritätspotenzial und tatsächlichem Solidaritätsausdruck mitunter fließend sein. So kann zum Beispiel Koresidenz, also das gemeinsame Wohnen, als indirekter finanzieller Transfer verstanden werden, weil es Kosten für den Lebensunterhalt, insbesondere die Miete, spart, oder als indirekte instrumentelle Hilfe, weil Synergien bei der Erledigung alltäglicher Aufgaben entstehen.

Betrachtet man direkte finanzielle Transfers, zeigt sich, dass diese ganz überwiegend von der Eltern- an die Kindergeneration fließen.[8] Im kontinentaleuropäischen Durchschnitt unterstützt etwa ein Viertel der Eltern in der Generation 50+ ihre Kinder finanziell mit jährlichen Beträgen in Höhe von 250 Euro oder mehr. Die höchsten Anteile finden sich mit etwa 30 Prozent in Dänemark und Schweden, während Italien und Spanien mit etwa 16 beziehungsweise 9 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt liegen. Die durchschnittliche Höhe der Transfersummen liegt in Südeuropa jedoch signifikant über jener in den nordeuropäischen Ländern. Zudem zeigt sich, dass der Umfang der Leistungen zwar mit dem Alter der Eltern abnimmt, dass aber auch im höheren Lebensalter netto ein positiver monetärer Transfer an die jüngere Generation erfolgt. Finanzielle intergenerationale Transfers fließen also in der Regel, einem Kaskadenprinzip folgend, von der älteren an die jüngere Generation.

Eine ausgewogenere Balance des Gebens und Nehmens zwischen den Generationen in der Familie ergibt sich bei der Betrachtung instrumenteller Hilfe, worunter etwa Hilfe beim Waschen, Ankleiden oder Essen, im Haushalt oder bei finanziellen Angelegenheiten sowie Behördengängen gefasst wird. Diesem Bereich funktionaler Solidarität wurde im Vergleich zur Pflege bislang zu Unrecht verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt.[9] Instrumentelle Hilfe im Alltag ist nicht nur ein wesentliches Element zum Erhalt einer weitgehend autonomen Lebensführung außerhalb von Pflegeeinrichtungen, sie ist auch in dem Sinne quantitativ bedeutsamer als die Pflege, dass ein deutlich höherer Anteil von Eltern-Kind-Beziehungen Hilfeleistungen dieser Art austauschen. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass in den skandinavischen Ländern mit jeweils etwa 20 Prozent sowie in den Niederlanden und der Schweiz mit jeweils rund 12 Prozent die Anteile der Eltern, die ihren (erwachsenen) Kindern helfen, genauso hoch sind wie die Anteile jener, die Hilfe erhalten. In den anderen Ländern liegt der Anteil der instrumentelle Hilfen empfangenden Eltern jedoch deutlich – zum Teil um das Doppelte – über jenem der selbst Helfenden. Berücksichtigt man zudem den Zeitaufwand der Hilfe, zeigt sich erstens – wie schon bei der Analyse finanzieller Transfers – ein regionales Muster mit hoher Häufigkeit, aber geringer Intensität in Nordeuropa und umgekehrt in Südeuropa, sowie, zweitens, ein netto durchweg positiver Transfer von den Kindern an die Elterngeneration. Diese Balance verändert sich jedoch deutlich, wenn man zusätzlich die Leistungen der älteren Generation im Bereich der Enkelkinderbetreuung berücksichtigt.

Ein letzter wichtiger Ausdruck intergenerationaler Solidarität, der hier behandelt werden soll, ist die Pflege der Eltern.[10] Es zeigt sich, dass in Südeuropa der Anteil der Pflegebedürftigen, die durch ihre Kinder versorgt werden, deutlich höher ist als in den nordeuropäischen Staaten. Dies wird vor allem darauf zurückgeführt, dass in den Mittelmeerländern das Angebot professioneller (ambulanter) Pflegedienste geringer und die Präferenzen beziehungsweise normativen Verpflichtungen zur familiären Pflege der Eltern höher sind. Letztere spiegeln sich auch in gesetzlichen Regelungen zur Pflege der Eltern in einigen mittel- und südeuropäischen Ländern wider. Auf individueller Ebene hängt das Zustandekommen einer Pflegebeziehung im Wesentlichen von den Bedürfnissen der Eltern (Gesundheitszustand, Partnerschaftsstatus) und den Möglichkeiten der Kinder (räumliche Nähe, berufliche Verpflichtungen) ab.

Wichtig ist, festzuhalten, dass sich bei allen hier diskutierten Formen intergenerationaler Solidarität die Verfügbarkeit sozioökonomischer Ressourcen als bedeutsam erwiesen hat. Finanziell besser gestellte Eltern können sich beispielsweise eher eine professionelle Pflege leisten und sind aufgrund ihrer meist höheren Bildung oft auch besser über Ansprüche auf staatliche Leistungen informiert, sie können aber gleichzeitig finanzielle Anreize dafür setzen, von ihren Kindern gepflegt zu werden. Noch deutlicher wird der Zusammenhang zwischen Ressourcen und intergenerationalem Austausch bei der Betrachtung finanzieller Transfers. Zwar ist es einerseits eine gute Nachricht, dass die Familie – in der Regel die ältere Generation – im Bedarfsfall finanziell aushilft; selbst relativ geringe Hilfeleistungen können andererseits jedoch zu einer Vererbung sozialer Ungleichheiten beitragen.[11]

"Beyond the nuclear family"

Mit der Pluralisierung von Lebensformen geht auch eine größere Vielfalt von Haushalts- und Familienstrukturen einher. Intergenerationale Beziehungen sollten daher heute immer auch "beyond the nuclear family" betrachtet werden.[12] Entsprechend werden im Folgenden drei spezielle Aspekte solcher Generationenbeziehungen skizziert: Großelternschaft, Stieffamilien und Migrantenfamilien.

Generationenbeziehungen und Großelternschaft
Da die Generationen in einer Familie heute eine vergleichsweise lange gemeinsame Lebensspanne erwarten können, erscheint für die Untersuchung intergenerationaler Beziehungen eine Großeltern, Eltern und (Enkel-)Kinder umfassende Drei-Generationen-Perspektive unumgänglich. Dies spiegelt sich in einer Fülle neuerer Untersuchungen zur Großelternschaft wider, die zeigen, dass die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern vielfältig sind und die Großelternrolle keineswegs auf die Betreuungsfunktion reduziert werden kann.[13] Dennoch gilt insbesondere die Hilfe der Großeltern bei der Kinderbetreuung als eine der wichtigsten Formen innerfamiliärer Unterstützung, da sie gleich drei Generationen einer Familie betrifft. So wurde etwa der Zusammenhang von Großelternschaft beziehungsweise Enkelkinderbetreuung mit der Gesundheit oder dem Renteneintrittsverhalten der Großeltern, dem Erwerbsverhalten oder dem Kinderwunsch der Eltern sowie dem Wohlbefinden der Enkelkinder untersucht.

Hinsichtlich des Umfangs der Enkelkinderbetreuung finden sich im europäischen Vergleich wieder große regionale Unterschiede.[14] In der ersten Befragungswelle des SHARE gaben durchschnittlich fast 60 Prozent der Großmütter und fast die Hälfte der Großväter an, im Laufe eines Jahres zumindest gelegentlich ein Enkelkind betreut zu haben. Ähnlich wie bei der instrumentellen Hilfe finden sich auch hier die höchsten Anteile in den nördlichen Ländern Europas, während die südeuropäischen Länder wieder unterdurchschnittliche Werte aufweisen. Betrachtet man jedoch die Häufigkeit der Betreuung, dreht sich die Rangfolge der Länder nahezu vollständig um: Die deutlich höchsten Anteile regelmäßig betreuender Großeltern finden sich mit etwa 40 Prozent in Griechenland und Italien, während in den skandinavischen Ländern nur etwa halb so viele Großeltern mindestens wöchentlich eines ihrer Enkelkinder betreuen.

Eine mögliche Interpretation dieses Befundes weist auf einen Zusammenhang zwischen Enkelkinderbetreuung, dem Angebot an öffentlicher Kinderbetreuung und Frauenerwerbstätigkeit hin. So erfordert das gut ausgebaute System öffentlicher Kinderbetreuung in Skandinavien trotz hoher Müttererwerbstätigkeit keine regelmäßige Betreuung durch die Großeltern, die aber dann von großer Bedeutung sind, wenn es darum geht, in Ausnahmefällen – zum Beispiel bei Überstunden im Beruf – einzuspringen. In Südeuropa kümmert sich die große Mehrheit der Mütter hingegen in Vollzeit um ihre Kinder, sodass die Hilfe der Großeltern in der Regel nicht gebraucht wird. Die vergleichsweise geringe Zahl erwerbstätiger Mütter ist hier allerdings auf regelmäßige familiäre Unterstützung bei der Betreuung ihrer Kinder angewiesen, da es kaum institutionelle Betreuungsmöglichkeiten gibt. Neben solchen strukturellen gibt es jedoch auch kulturelle Faktoren, die zur Erklärung der beschriebenen regionalen Muster des großelterlichen Engagements im Bereich der Kinderbetreuung in Europa beitragen – etwa Präferenzen, Einstellungen und Normen bezüglich der Inanspruchnahme institutioneller Betreuungsangebote.

Generationenbeziehungen in Stieffamilien
Die Pluralisierung von Lebensformen spiegelt sich auch in komplexer werdenden intergenerationalen Beziehungen wider. So steigt etwa der Anteil älterer Erwachsener mit diskontinuierlichen Partnerschaftsbiografien, also mit mehrfachen Übergängen in und aus (nicht-)ehelichen Beziehungen. Studien weisen darauf hin, dass mit Trennung oder Scheidung und dem Eingehen neuer Partnerschaften das Risiko einer Schwächung der intergenerationalen Beziehungen in der Familie steigt.[15]

Ein besonderes Augenmerk verdienen in diesem Zusammenhang Unterschiede im Verhältnis Heranwachsender und junger Erwachsener zu ihren biologischen Vätern und Stiefvätern. Untersuchungen zeigen, dass die beobachteten Unterschiede in der Enge der Vater-Kind-Beziehung nicht nur dadurch bestimmt werden, ob es sich um eine soziale oder biologische Vaterschaft handelt, sondern dass hierfür andere strukturelle Aspekte, etwa die Dauer des Zusammenlebens oder Beziehungsmerkmale der Mutter, ebenfalls eine zentrale Rolle spielen.[16]

Weitere wesentliche Fragen sind, inwieweit Stiefkinder gegenüber biologischen Kindern in der Familie benachteiligt werden und welche Determinanten das Ausmaß eines solchen step gap beeinflussen. Am Beispiel der Vertrautheit zwischen (Stief-)Eltern und (Stief-)Kindern in Deutschland konnte gezeigt werden, dass sich hier wiederum strukturelle Faktoren wie die Dauer der Stiefelternbeziehung und die Anzahl der Kinder im Haushalt, aber auch Einstellungen zu familiären Normen beziehungsweise Werten als bedeutsam erweisen.[17]

Generationenbeziehungen in Migrantenfamilien
Vor dem Hintergrund einer älter werdenden Bevölkerung mit sogenanntem Migrationshintergrund erhält die Analyse intergenerationaler Beziehungen in Migrationsfamilien heute mehr Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit.[18] Der Schwerpunkt vieler Analysen liegt dabei auf der Überprüfung der Solidaritäts- beziehungsweise Konfliktthese. Während die Solidaritätsthese aufgrund gemeinsamer Wanderungserfahrungen ein größeres Solidaritätspotenzial zwischen Generationen in Migrationsfamilien annimmt, postuliert die Konfliktthese ein Auseinanderbrechen vormals stabiler Familienverbände aufgrund unterschiedlicher Geschwindigkeiten im Anpassungsverhalten an die Gegebenheiten der Aufnahmegesellschaft.

Untersuchungen auf Basis von Daten des Beziehungs- und Familienpanels "pairfam" zeigen beispielsweise,[19] dass Einheimische und (Spät-)Aussiedler*innen sich hinsichtlich der emotionalen Nähe zu ihren Eltern nur wenig voneinander unterscheiden, während Befragte mit türkischen Wurzeln eine deutlich größere emotionale Verbundenheit zu ihren Eltern zum Ausdruck bringen. Auch nach Kontrolle struktureller Faktoren wie räumlicher Distanz oder demografischen Merkmalen bleiben diese Gruppenunterschiede bestehen. Erwachsene Kinder mit Migrationshintergrund berichten zudem signifikant seltener als jene ohne Migrationshintergrund über Konflikte mit ihren Eltern. Unter Berücksichtigung der Wohnentfernung, der Geschwisterzahl und relevanter Werthaltungen wie beispielsweise Religiosität reduzieren sich die Unterschiede zwischen der einheimischen Bevölkerung und (Spät-)Aussiedler*innen jedoch deutlich und verschwinden sogar vollständig, wenn türkischstämmige Migrant*innen betrachtet werden. Insgesamt unterstützen die vorliegenden Befunde damit eher die Solidaritäts- als die Konfliktthese. Sie weisen aber vor allem darauf hin, dass in der theoretischen Diskussion die Unterschiede bezüglich der Beziehungsqualität von jungen Erwachsenen und ihren Eltern mit und ohne Migrationshintergrund deutlich überschätzt werden.[20]

Generationenbeziehungen und Wohlfahrtsstaat

Neben einem insgesamt hohen Niveau intergenerationaler Unterstützung in westlichen Ländern finden sich auch deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Wohlfahrtsstaaten.[21] Die beobachteten regionalen Muster korrespondieren zwar zum Teil mit institutionellen Regelungen, die Verpflichtungen zur gegenseitigen Unterstützung zwischen den Generationen in der Familie umfassen. Deren Erklärungskraft erweist sich jedoch als begrenzt, und eine einfache Unterscheidung beziehungsweise Dichotomie von Gesellschaften mit "starkem Wohlfahrtsstaat und schwacher Familie" (oder umgekehrt) erscheint wenig angemessen.

Seit einiger Zeit haben sich vielmehr vor allem solche Erklärungsmodelle als erfolgreich erwiesen, die eine gemeinsame Verantwortung beziehungsweise Spezialisierung von Wohlfahrtsstaaten und Familien bei der Produktion sozialer Dienstleistungen im Sinne einer funktionalen Differenzierung postulieren.[22] Hieraus ergibt sich eine komplexe Interaktion zwischen Staat, Markt und intergenerationaler Unterstützung, bei der weder von einer Verdrängung (crowding-out) noch von einer Ausweitung (crowding-in) familiär erbrachter Leistungen durch wohlfahrtsstaatliche Interventionen ausgegangen wird, sondern bei der eine aufgaben- und kompetenzspezifische Arbeitsteilung – also ein komplementäres Verhältnis – entsteht. Die gleichzeitige Verdrängung und Ausweitung familiärer Leistungen durch professionelle Dienste lässt sich so nicht nur theoretisch erklären, sondern es lässt sich auch analysieren, welcher Mix wohlfahrtsstaatlich und familiär erbrachter Leistungen vorhandene Hilfebedürfnisse am effizientesten und den jeweiligen soziokulturell geprägten Präferenzen der Menschen entsprechend bedient. Empirisch zeigt sich, dass dort die beste Versorgung hilfebedürftiger Menschen gewährleistet ist, wo Familie und Wohlfahrtsstaat in gemeinsamer Verantwortung handeln.

Fazit

Das hier sehr komprimiert dargestellte Porträt familialer Generationenbeziehungen zeigt, dass – trotz der historisch gewachsenen und bis heute fortdauernden Vielfalt von Familien in Europa – überall auf dem Kontinent lebendige Beziehungen zwischen den Generationen bestehen: Im Allgemeinen leben Eltern und erwachsene Kinder in erreichbarer Nähe (wenngleich nicht immer im selben Haushalt), haben häufige Kontakte (wenngleich nicht immer täglich) und unterstützen sich auf vielfältige Weise im Alltag (wenngleich in unterschiedlicher Form und Intensität).

Der demografische Wandel bringt als einer der Megatrends des 21. Jahrhunderts sowohl neue Chancen – man denke an die vergleichsweise lange gemeinsame Lebenszeit von Großeltern und Enkelkindern – als auch Herausforderungen für familiale Generationenbeziehungen mit sich, zum Beispiel durch einen steigenden Anteil Kinderloser. Gleiches gilt für Pluralisierungs- und Individualisierungsprozesse oder den Prozess der Globalisierung, in deren Folge zum Beispiel die Bedeutung von Stief- und Migrantenfamilien wachsen wird. Krisenszenarien, die einen Verfall der Familie prophezeien, erscheinen jedoch als völlig unangemessen.[23] "Die" Familie überlebt den gesellschaftlichen Wandel, weil sie selbst eine dynamische und anpassungsfähige soziale Institution ist. Allerdings scheint auch klar zu sein, dass gerade dort, wo intergenerationale Beziehungen heute noch besonders eng sind, der demografische Wandel zu einer Herausforderung wird, der Familie und Wohlfahrtsstaat nur in gemeinsamer Verantwortung erfolgreich begegnen können.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Karsten Hank, Anja Steinbach für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. hierzu ausführlich Anja Steinbach, Mutter, Vater, Kind: Was heißt Familie heute?, in: APuZ 30–31/2017, S. 4–8.
2.
Eine ausführlichere Darstellung findet sich bei Karsten Hank, Intergenerationale Beziehungen, in: Paul B. Hill/Johannes Kopp (Hrsg.), Handbuch Familiensoziologie, Wiesbaden 2015, S. 463–486. Siehe auch Anja Steinbach/Karsten Hank, Familiale Generationenbeziehungen aus bevölkerungssoziologischer Perspektive, in: Yasemin Niephaus/Michaela Kreyenfeld/Reinhold Sackmann (Hrsg.), Handbuch Bevölkerungssoziologie, Wiesbaden 2016, S. 367–391.
3.
Vgl. Vern L. Bengtson, Beyond the Nuclear Family: The Increasing Importance of Multigenerational Bonds, in: Journal of Marriage and Family 1/2001, S. 1–16; Marc Szydlik, Sharing Lives. Adult Children and Parents, London–New York 2016, S. 8–44.
4.
Vgl. Karsten Hank, Generationenbeziehungen im alternden Europa: Analysepotenziale und Befunde des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, in: Zeitschrift für Familienforschung 1/2009, S. 86–97. Entsprechende Analysen auf Basis des Deutschen Alterssurveys finden sich unter anderem bei Katharina Mahne/Andreas Motel-Klingebiel, Familiale Generationenbeziehungen, in: Andreas Motel-Klingebiel/Susanne Wurm/Clemens Tesch-Römer (Hrsg.), Altern im Wandel, Stuttgart 2010, S. 188–214, sowie bei Anja Steinbach et al., Stability and Change in Intergenerational Family Relations Across Two Decades: Findings from the German Ageing Survey, 1996–2014, in: The Journals of Gerontology: Social Sciences 4/2020, S. 899–906.
5.
Vgl. Steinbach et al. (Anm. 4); Judith Treas/Zoya Gubernskaya, Farewell to Moms? Maternal Contact for Seven Countries in 1986 and 2001, in: Journal of Marriage and Family 2/2012, S. 297–311; Matthijs Kalmijn/Jannes De Vries, Change and Stability in Parent-Child Contact in Five Western Countries, in: European Journal of Population 3/2009, S. 257–276.
6.
Vgl. Karsten Hank, Proximity and Contacts Between Older Parents and Their Children: A European Comparison, in: Journal of Marriage and Family 1/2007, S. 157–173; Szydlik (Anm. 3), S. 61–76, S. 93–108.
7.
Vgl. Steinbach et al. (Anm. 4); Kalmijn/De Vries (Anm. 5).
8.
Vgl. Szydlik (Anm. 3), S. 109–124; Steinbach et al. (Anm. 4).
9.
Vgl. Martina Brandt/Marc Szydlik, Soziale Dienste und Hilfe zwischen Generationen in Europa, in: Zeitschrift für Soziologie 4/2008, S. 301–320; Szydlik (Anm. 3), S. 125–140.
10.
Vgl. Klaus Haberkern/Marc Szydlik, Pflege der Eltern. Ein europäischer Vergleich, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1/2008, S. 82–101; Szydlik (Anm. 3), S. 125–140.
11.
Vgl. Christian Deindl/Bettina Isengard, Familiale Unterstützung und soziale Ungleichheit in Europa, in: Peter A. Berger/Karsten Hank/Angelika Tölke (Hrsg.), Reproduktion von Ungleichheit durch Arbeit und Familie, Wiesbaden 2011, S. 23–47.
12.
Vgl. Bengtson (Anm. 3).
13.
Vgl. Karsten Hank et al., What Do We Know About Grandparents? Insights from Current Quantitative Data and Identification of Future Data Needs, in: European Journal of Ageing 3/2018, S. 225–235.
14.
Vgl. Karsten Hank/Isabella Buber, Grandparents Caring for Their Grandchildren: Findings from the 2004 Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, in: Journal of Family Issues 1/2009, S. 53–73.
15.
Vgl. hierzu ausführlich Anja Steinbach, Generationenbeziehungen in Stieffamilien. Der Einfluss leiblicher und sozialer Elternschaft auf die Ausgestaltung von Eltern-Kind-Beziehungen im Erwachsenenalter, Wiesbaden 2010.
16.
Vgl. Daniela Klaus/Bernhard Nauck/Anja Steinbach, Relationships to Stepfathers and Biological Fathers in Adulthood: Complementary, Substitutional, or Neglected?, in: Advances in Life Course Research 3/2012, S. 156–167.
17.
Vgl. Oliver Arránz-Becker et al., What Narrows the Stepgap? Closeness Between Parents and Adult (Step)Children in Germany, in: Journal of Marriage and Family 5/2013, S. 1130–1148.
18.
Vgl. Anja Steinbach, Generationenbeziehungen in Migrantenfamilien in Europa, in: Maurizio Bach/Barbara Hönig (Hrsg.), Europasoziologie. Handbuch für Wissenschaft und Studium, Baden-Baden 2018, S. 323–330.
19.
Vgl. Helen Baykara-Krumme/Daniela Klaus/Anja Steinbach, Eltern-Kind-Beziehungen in Einwandererfamilien aus der Türkei, in: APuZ 43/2011, S. 42–49; dies., Generationenbeziehungen in Deutschland. Ein Vergleich der Beziehungsqualität in einheimischen deutschen Familien, Familien mit türkischem Migrationshintergrund und Aussiedlerfamilien, in: Josef Brüderl/Laura Castiglioni/Nina Schumann (Hrsg.), Partnerschaft, Fertilität und intergenerationale Beziehungen. Ergebnisse der ersten Welle des Beziehungs- und Familienpanels, Würzburg 2011, S. 259–286.
20.
Siehe hierzu auch Anja Steinbach, Family Structure and Parent-Child Contact: A Comparison of Native and Migrant Families, in: Journal of Marriage and Family 5/2013, S. 1114–1129.
21.
Vgl. Hank (Anm. 4); Szydlik (Anm. 3).
22.
Vgl. Corinne Igel et al., Specialization Between Family and State. Intergenerational Time Transfers in Western Europe, in: Journal of Comparative Family Studies 2/2009, S. 203–227; Andreas Motel-Klingebiel/Clemens Tesch-Römer/Hans-Joachim von Kondratowitz, Welfare States Do Not Crowd Out the Family: Evidence for Mixed Responsibility from Comparative Analyses, in: Ageing & Society 6/2005, S. 863–882.
23.
Vgl. Steinbach et al. (Anm. 4); Szydlik (Anm. 3), S. 77–92.

Karsten Hank, Anja Steinbach

Zur Person

Karsten Hank

ist Professor für Soziologie am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln. hank@wiso.uni-koeln.de


Zur Person

Anja Steinbach

ist Professorin für Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. anja.steinbach@uni-due.de


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