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18.12.2020

Zukünftige Generationen. Geschichte einer politischen Pathosformel

"Zukünftige Generationen" spielen in aktuellen politischen Diskussionen eine herausragende Rolle. Zwar können sie noch nicht selbst am politischen Prozess partizipieren oder eigene Interessen artikulierten, als symbolischer Referenzpunkt einer "nachhaltigen" Politik sind sie im medialen Diskurs der vergangenen Jahre jedoch in hohem Maße präsent. Das gilt insbesondere für Debatten im Kontext der Umwelt- und Klimapolitik, die vor allem durch die Bewegung Fridays for Future neue Aufmerksamkeit erhalten haben. Aber auch in anderen Themenfeldern spielt die Bezugnahme auf die Rechte oder Interessen zukünftig lebender Menschen eine wichtige Rolle: in den Debatten über die Zukunft des Sozialstaats ebenso wie in Fragen der Staatsverschuldung, in der Bildungs- und Erziehungspolitik ebenso wie in sensiblen Fragen der Technikethik wie etwa der politischen Regulierung der Gentechnik oder den Folge- und Entsorgungsproblemen der Kernenergie. Dass politische Entscheidungen nicht allein die gegenwärtige Wählerschaft, sondern auch die Interessen nachfolgender Generationen einbeziehen müssen, ist zu einer Kernforderung gegenüber einer nachhaltigen Politik geworden.

Die Popularität dieser Deutungen ist erklärungsbedürftig. Schließlich wird der Demokratie seit Langem ein (zu) kurzer politischer Zeithorizont vorgeworfen, der im Zweifelsfall nicht über die laufende Legislaturperiode hinausreiche. In allgemeinerer Perspektive ist der (Post-)Moderne im Ganzen die Fähigkeit abgesprochen worden, noch einen überzeugenden Zukunftsbezug herstellen zu können.[1] Gerade in dieser Situation, in der der Zukunftsbezug westlicher Gesellschaften brüchiger wurde und etablierte Vorstellungen eines individuellen und gesellschaftlichen Aufstiegs und Fortschritts ihre Überzeugungskraft verloren, entwickelte sich der Verweis auf "zukünftige Generationen" zu einer wirkungsvollen Pathosformel, um Entscheidungsträger auf eine Zukunftsverantwortung der eigenen Politik festzulegen.

Der folgende Beitrag untersucht die Entstehungskontexte und Traditionslinien dieses Deutungsmusters, um aktuellen Diskussionen auf diese Weise eine historische Tiefenschärfe zu verleihen. Im Rückgriff auf neuere Ansätze der Forschung werden Generationen als politische und soziale Konstrukte interpretiert, die Ausdruck zeitgenössischer Debatten und Selbstthematisierungen sind. Die Rede von "zukünftigen Generationen" verweist demnach nicht auf einen fest definierten Katalog an Rechten und Bedürfnissen, die sich in den politischen Diskurs integrieren ließen. Vielmehr spiegelt sich in den Debatten eine übergreifende Fragestellung, die auf den Zusammenhang von Zeit und demokratischer Partizipation verweist. Im Zentrum steht die Frage, wie Demokratien sinnvolle Formen der Repräsentation und Partizipation für zukünftige Mitglieder ihrer politischen Gemeinschaft erschaffen können.

Ansätze der Generationenforschung

Generationen spielen in den politischen Diskursen moderner Gesellschaften eine zentrale Rolle – sowohl als selbst proklamierte politische Akteure als auch als Objekt politischer Zuschreibungen und Erwartungen.[2] Insbesondere in Bezug auf spezifische Jugendjahrgänge spiegeln sich hierin häufig emphatische Verdichtungen politischer Diskurse.[3] Der Begriff der "zukünftigen Generationen" bildet eine besondere Form solcher generationeller Zuschreibungen. Während die meisten politischen Generationen aus einem Wechselspiel von Selbst- und Fremdzuschreibungen hervorgehen, in denen unterschiedliche Protagonisten darum ringen, im Namen einer bestimmten Generation zu sprechen, bleibt die Rede von den "zukünftigen Generationen" auf die Ebene externer Zuschreibungen und Erwartungen beschränkt. Die angesprochenen Akteure selbst können dagegen weder ihre Interessen und Anschauungen artikulieren, noch gegenüber politischen Instrumentalisierungen Einspruch erheben. Aus philosophischer Perspektive ist daher mit guten Gründen bezweifelt worden, ob sich überhaupt sinnvoll von den Rechten oder Interessen von Akteuren sprechen lässt, die selbst noch nicht existieren.[4]

Klassische Konzepte der Generationenforschung bieten daher kaum Anknüpfungspunkte. Vor allem Karl Mannheims bis heute einflussreiche Interpretation[5] von Generationen als Resultat einer gemeinsamen Prägung im Jugendalter und seine Unterscheidung zwischen Generationslagerungen, -zusammenhängen und -einheiten sind für den vorliegenden Kontext kaum weiterführend – schließlich lässt sich wenig Substanzielles darüber aussagen, welche gesellschaftlichen Phänomene sich für zukünftige Generationen als prägend erweisen und welche Reaktionsweisen hieraus resultieren werden. Auch Mannheims stark essenzialistisch geprägte Vorstellung von Generationen als wirkmächtige Kollektivakteure mit einem gemeinsamen politischen Gestaltungswillen führt an dieser Stelle kaum weiter. Dies spricht jedoch nicht per se gegen deren Interpretation als ein distinktes generationelles Phänomen. Schließlich haben neuere Forschungsansätze Mannheims Konzept zum Teil scharf kritisiert und in entscheidenden Punkten hinter sich gelassen. Diese Arbeiten interpretieren Generationen nicht mehr als durch gemeinsame Prägung definierte Alterskohorten, sondern – unter dem Begriff der "Generationalität" – als Resultat politischer und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, in denen generationelle Zugehörigkeit und intergenerationelle Differenz sozial hergestellt wird.[6]

Auf die besondere Deutungsmacht solcher Erzählungen ist von vielen Seiten hingewiesen worden. Der Historiker Bernd Weisbrod hat von der "emphatischen Überdetermination" und "lebensweltlichen Evidenz" gesprochen, die Generationsreden in der Moderne auszeichneten.[7] Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel hat den Wechsel zwischen "Natur" und "Kultur" beziehungsweise zwischen einem genealogisch-biologischen und einem auf gesellschaftliche Sozialisation abzielenden Verständnis von Generationenfolgen als charakteristisches Phänomen herausgearbeitet.[8] Beides ist auch für den vorliegenden Kontext kennzeichnend. Der Verweis auf zukünftige Generationen erwies sich demnach gerade deshalb als so anschlussfähig, weil er an Metaphern der familiären Generationenfolge anschließen konnte und diese in die Sphäre der Politik übertrug. Auf diese Weise ließen sich auch weit entfernte Zeithorizonte in direkter Weise mit Vorstellungen einer persönlichen Nachfolge verbinden und in lebensweltliche Kontexte und Erwartungen integrieren.

Diese Interpretation von "Generation" als "gesellschaftlicher Selbstthematisierungsformel"[9] ist auch für die Rede von zukünftigen Generationen anschlussfähig. Sie eignet sich in besonderer Weise dafür, um zeitgenössische politische und gesellschaftliche Fragestellungen zu diskutieren. Als bloß erwarteter Generationszusammenhang bildet sie eine perfekte Projektionsfläche für externe Generationszuschreibungen, die nicht durch real existierende Generationsangehörige gestört werden können.[10] Darüber hinaus können zukünftige Generationen – entgegen jeder Evidenz – als sozial, politisch und kulturell homogene Gruppe imaginiert werden, die jenseits der politischen Kontroversen der Gegenwart stehen. Politische Konflikte können so in vermeintliche anthropologische Konstanten, in vermeintlich natürliche Bedürfnisse und Interessen verwandelt werden. Beides macht die Rede von zukünftigen Generationen für den politischen Diskurs so attraktiv: Sie fungiert als "leerer Signifikant", der mit unterschiedlichsten politischen Zielen und Bedeutungen aufgeladen werden kann.[11] Diese Heterogenität der Bedeutungszuschreibungen steht im Zentrum der folgenden historischen Einordnung.

Historische Entwicklungslinien

Die Bezugnahme auf nachfolgende Generationen hat eine weit zurückreichende Tradition. Als Dynamisierungsfaktor des gesellschaftlichen Wandels hat sie ihren Ursprung vor allem in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution – der Zeit also, die auch als Ausgangspunkt eines modernen Verständnisses von Generationalität überhaupt identifiziert worden ist.[12] Ihre Ausformulierung erhielt sie vor allem im Kontext dessen, was der Historiker Reinhart Koselleck als Auseinanderfallen von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont und "Verzeitlichung der Utopie" im Kontext der Geschichtsphilosophie der Sattelzeit des späten 18. Jahrhunderts beschrieben hat.[13] Die Generationenfolge stand hier stellvertretend für eine neue Form des gesamtgesellschaftlichen Zukunftsbezugs.

Ein Beispiel hierfür ist Immanuel Kant, der in seiner 1784 erschienenen "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" das Modell eines kontinuierlichen Fortschritts der Menschheit als Idealzustand der bürgerlichen Gesellschaft entwarf. Der Text formulierte ein geschichtsphilosophisches Problem, das denkbar weit von heutigen Diskursen der Zukunftsethik und der Generationengerechtigkeit entfernt ist. Statt sich mit der potenziellen Zerstörung der Lebensgrundlagen oder einem übermäßigen Ressourcenverbrauch auseinanderzusetzen, der nachkommenden Generationen nur noch eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten lassen würde, beschäftigte Kant die Frage, wie es sich rechtfertigen lasse, dass nur die letzten Protagonisten der Generationenfolge den idealen Endzustand der bürgerlichen Gesellschaft erleben würden, während alle anderen Generationen hiervon ausgeschlossen blieben – dass also "die ältern Generationen nur scheinen um der späteren willen ihr mühseliges Geschäft zu treiben", während "nur die spätesten das Glück haben sollen, in dem Gebäude zu wohnen, woran eine lange Reihe ihrer Vorfahren (…) gearbeitet hatten".[14]

Diese Vorstellung der Generationenfolge als Fortschrittsgeschichte blieb weit über die Epoche der Aufklärung hinaus einflussreich und gewann sogar noch in dem Maß an Bedeutung, in dem aus den geschichtsphilosophischen Theorien ein selbstverständlicher Deutungshorizont einer sich dynamisierenden industriellen Moderne wurde.[15] Vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden diese Zuschreibungen jedoch durch eine zweite Bedeutungsebene überlagert, die zuvor nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte – nämlich eine biologistische Interpretation des Generationenwandels, die einerseits auf die Metaphorik der Familienfolge zurückwies, zugleich aber unter den wissenschaftlichen Diskursen der Zeit eine neue politische Aufladung erhielt. Den Kontext hierfür bildeten die von Charles Darwin und anderen entwickelten Theorien der biologischen Selektion und Evolution, sowie insbesondere die hieraus hervorgehenden sozialdarwinistischen Deutungen, die die politischen Debatten des späten 19. Jahrhunderts in entscheidendem Maße beeinflussten.[16] Auch hier blieben die Fortschrittsnarrative zum Teil präsent, erhielten in der biologistischen Neuinterpretation aber eine ambivalentere und politisch potenziell toxischere Dimension. Unter Verweis auf sozialdarwinistische Diskurse erschien die Generationenfolge nun primär als eine Frage von Genealogie und Vererbung. Hieraus entstanden auf der einen Seite wiederum utopische Zukunftsvorstellungen, die um die Jahrhundertwende zum Beispiel unter dem Topos des "Neuen Menschen" verhandelt wurden[17] und auch in eugenischen Vorstellungen und Projekten praktische Umsetzung erfuhren.[18] Auf der anderen Seite entstanden biologistisch konnotierte Verfallsnarrative, wie sie etwa in den demografischen Katastrophenszenarien der Jahrhundertwende ihren Ausdruck fanden.[19] Der Generationendiskurs wurde hier zu einer – nationalistisch und rassistisch aufgeladenen – moral panic eines vermeintlichen "Volks ohne Jugend".[20] Ihre zerstörerischste Ausprägung erfuhren diese Diskurse in den faschistischen Diktaturen und insbesondere im Nationalsozialismus und dessen rassistisch motiviertem Vernichtungsprogramm.[21]

Nach 1945 waren viele – wenn auch bei Weitem nicht alle – dieser rassistischen und eugenischen Diskurse diskreditiert. Dennoch spielte ein generationell codierter Zukunftsbezug auch in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle, nun in erster Linie als Symbol des Neuanfangs im Kontext einer neuen, demokratischen oder sozialistischen Gesellschaft. Dies galt sowohl für die westlichen Demokratien als auch für die sozialistischen Nachkriegsgesellschaften und deren Vorstellungen eines neuen sozialistischen Menschen.[22] Zu stark sollte man diese Kontinuitäten jedoch nicht betonen. Zukunftsbezüge spielen in allen Gesellschaften eine wichtige Rolle. Inwieweit diese mit spezifischen generationellen Zuschreibungen und Erwartungen verbunden werden, ist jedoch eine andere Frage. Statt auf lange Kontinuitätslinien verweisen die bisherigen Ausführungen daher eher auf zwei charakteristische Deutungslinien, die bis in die Gegenwart hinein aktivierbar bleiben: erstens ein geschichtsphilosophisch grundierter Fortschrittsoptimismus, der in veränderter Weise auch in der Planungseuphorie der Nachkriegsjahrzehnte erhalten blieb;[23] und zweitens biologistische und eugenische Deutungsmuster, die zugleich mit Niedergangs- und Dekadenznarrativen verbunden waren. Auch dies blieb, wie zu zeigen sein wird, ein Topos, der nach 1945 reaktiviert werden konnte. Zu diesen beiden Interpretationen kam erst in den 1970er Jahren eine dritte Dimension hinzu, die unter dem Eindruck eines ambivalenter werdenden Zukunftsbezugs auf die Kategorien von generationeller Verantwortung, Zukunftsethik und Generationengerechtigkeit abzielte und mit dem Schlagwort der "zukünftigen Generationen" nun auch jene politische Formel etablierte, unter der diese Zukunftsdimension in der Folge in erster Linie diskutiert werden sollte.

Diskurse der 1970er Jahre

In den 1970er Jahren erhielten die generationellen Zukunftsdiskurse eine neue Bedeutung. Mit Fragen der Umweltpolitik, Diskussionen über die Folgen neuer Technologien, sowie den Debatten über die Grenzen des Sozialstaates traten neue Themenfelder in den Vordergrund. Hiermit ging ein Bruch des Fortschrittsoptimismus der ersten Nachkriegsjahrzehnte einher, der zugleich eine strukturelle Verschiebung des Generationendiskurses einleitete: Geschichtsphilosophische Theorien und biologistische Diskurse verloren an Bedeutung und wurden durch Fragen nach individueller und kollektiver Verantwortung ersetzt. Dies war der Beginn der Diskurse über Begriffe wie "Zukunftsethik" und "Generationengerechtigkeit", die in den folgenden Jahrzehnten die Debatten zu dominieren begannen. Genau in diesem Kontext entstand auch die Rede von den "zukünftigen Generationen" als einer spezifischen Akteursgruppe, der man bestimmte Rechte, Interessen oder Bedürfnisse zuschreiben konnte.

Am deutlichsten lässt sich dieser Übergang an einem Autor exemplifizieren, der noch mit mindestens einem Bein in den Diskursen eines ungebrochenen Fortschrittsnarrativs stand. Im Jahr 1971 veröffentlichte der US-amerikanische Philosoph John Rawls seine Studie "A Theory of Justice", die als eines der einflussreichsten Werke der politischen Philosophie der Nachkriegszeit gelten kann. Rawls beschäftigte sich in dem Buch mit der Frage, wie sich eine gerechte Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen in einer Gesellschaft realisieren ließe.[24] Als Teil dieser Frage enthielt das Buch auch ein Kapitel, das sich mit dem Problem einer gerechten Verteilung von Ressourcen zwischen den einzelnen Generationen einer Gesellschaft auseinandersetzte. Diese Frage war neu und zeigt, dass das Thema "intergenerationelle Gerechtigkeit" in den 1970er Jahren zu einer relevanten Frage der politischen Philosophie wurde. Rawls’ Antwort zeigt aber zugleich, wie stark seine Position noch von etablierten Vorstellungen eines kontinuierlichen sozialen und ökonomischen Fortschritts geprägt war. Denn während er für die Frage intragenerationeller Gerechtigkeit unter seinem berühmten Konzept des "Schleiers des Nichtwissens" zum Teil radikale Reformen skizzierte, argumentierte er in Bezug auf die Frage der intergenerationellen Gerechtigkeit, dass man generell davon ausgehen könne, dass es nachfolgenden Generationen besser gehen werde als ihren Vorgängern, sodass es legitim sei, sich in Fragen sozialer Gerechtigkeit auf die Dimension der gleichzeitig lebenden Akteure zu konzentrieren.[25] Rawls war damit eine Kippfigur in den skizzierten Diskursen. Während seine Thematisierung der Generationenfrage zeigt, dass das Thema in den 1970er Jahren an Dringlichkeit gewann, stand seine Antwort noch deutlich in der Tradition jenes Fortschrittsoptimismus, wie er von Kant und anderen seit dem 18. Jahrhundert vertreten worden war.

Allerdings verlor diese Prämisse eines ungebrochenen Fortschrittsversprechens beinahe zeitgleich mit der Veröffentlichung des Buches an Überzeugungskraft. Mit der Umweltbewegung und der Veröffentlichung der Studie "Grenzen des Wachstums" 1972 durch den Club of Rome gerieten zentrale Pfeiler des westlichen Wachstumsmodells in die Kritik. Technologische Entwicklungen wurden nicht mehr unhinterfragt als Signum von Fortschritt gedeutet, sondern auf ihre zeitlich oft weit in die Zukunft weisenden Risiken und Folgeprobleme befragt. Und die beiden Ölkrisen und die hieran anschließenden Wirtschaftsreformen der 1970er Jahre markierten einen Einschnitt in das Modell expansiver Sozialstaatspolitik. Die Vorstellung, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen würde, verlor individuell und gesellschaftlich an Selbstverständlichkeit.

Diese Umbrüche der 1970er Jahre sind auf unterschiedliche Weise beschrieben worden – als Zeit "nach dem Boom", als "Ende der Zuversicht" oder "Age of Fracture".[26] Auch wenn die Epochenschwelle nicht überbetont werden sollte, spielten Vorstellungen eines gefährdeten oder sich schließenden Zukunftshorizonts eine wichtige Rolle in den Debatten über die Rechte und Interessen jener Gruppe, die nun vermehrt unter dem Begriff der "zukünftigen Generationen" gefasst wurde. Zunächst vor allem in den USA entstand so – oft in kritischer Bezugnahme auf Rawls – eine neue philosophische Disziplin der Zukunftsethik, die sich explizit mit den Fragen auseinandersetzte, welche Verantwortungen gegenwärtig lebende Menschen gegenüber ihren Nachkommen haben, und wie sich eine gerechte Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen zwischen einzelnen Generationen realisieren lässt.[27] Zum Teil lag hierin eine parallele Entwicklung zu den Diskussionen über Fragen globaler Gerechtigkeit, wie sie vor allem durch den 1972 veröffentlichten Aufsatz "Famine, Affluence, and Morality" des australischen Philosophen Peter Singer initiiert wurden: Während durch Singer die räumlichen Grenzen moralischer Verantwortung neu vermessen wurden, geschah in der Zukunftsethik dasselbe in zeitlicher Dimension.

Diese Diskussionen wurden auch in Deutschland aufgegriffen, waren hier jedoch zunächst stärker an technikkritischen Diskursformeln als an sozialpolitischen Verteilungsfragen ausgerichtet. Besonders einflussreich wurde der Philosoph Hans Jonas, der 1979 die Warnungen vor den Gefahren moderner Technik popularisierte und einen neuen kategorischen Imperativ formulierte, der das zukünftige Überleben der Menschheit ins Zentrum rückte.[28] Ein knappes Jahrzehnt später aktivierte der Soziologe Ulrich Beck mit seinem Buch zur "Risikogesellschaft" – erschienen 1986, kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – ähnliche Themenfelder.[29]

Aus diesen Beispielen sollte man jedoch nicht ableiten, dass sich der Diskurs über "zukünftige Generationen" in den 1970er Jahren allein auf ökologische Fragen und die Folgeprobleme moderner Technologien fokussierte. Vielmehr zeigt sich in den konkreten politischen Verwendungsweisen, dass sich die Generationenmetapher beinahe universell für alle denkbaren Themenfelder und politischen Positionierungen einsetzen lässt. Schaut man beispielsweise auf die Verwendung des Begriffs im Deutschen Bundestag, dem britischen House of Commons und der französischen Assemblée Nationale, dann zeigt sich, dass Umweltthemen hier lange Zeit eher marginal blieben und die überwiegende Zahl der Beiträge auf Fragen der Wirtschaftspolitik, des Sozialstaats und des Schuldenabbaus gerichtet waren. Statt für ökologische Reformen wurde die Rhetorik der "zukünftigen Generationen" also nicht zuletzt dafür genutzt, um unter Verweis auf expandierende Staatsschulden und Sozialausgaben wirtschaftsliberale Reformen und einen Abbau des Sozialstaats zu legitimieren.[30]

Die Fokussierung des Diskurses auf ökologische Zukunftsfragen war stattdessen in erster Linie ein Produkt der Debatten innerhalb der Vereinten Nationen, wo vor allem im Kontext des Berichts der Brundtland-Kommission 1987 das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung proklamiert wurde,[31] "die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können".[32] Hiermit war eine Formel gefunden, die eine Zukunftsverantwortung festschrieb, ohne festzulegen, welche konkreten Interessen und Bedürfnisse zukünftige Generationen für sich reklamieren würden. Dies war der Beginn der Karriere der "Nachhaltigkeit" als neuer politisch-moralischer Leitvokabel.[33]

Doch selbst in diesem zeitlichen Kontext blieb der Begriff offen und ambivalent. In Deutschland zum Beispiel wurde das Konzept der "Generationengerechtigkeit" im selben Zeitraum zu jenem zentralen Schlagwort, mit dem auch die Sozialstaatsreformen der 1990er und 2000er Jahre diskutiert und legitimiert wurden.[34] Und einige Zeit später nahmen mit Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" sogar die biologistischen Diskurse des 19. und 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung zu und verschmolzen mit neuen Ressentiments gegenüber einer pluralen Migrationsgesellschaft.[35]

Die Frage politischer Repräsentation

Es lässt sich also festhalten: Für "zukünftige Generationen" zu sprechen, bleibt bis in die Gegenwart hinein ein politisch hoch umstrittenes und inhaltlich maximal offenes Argument, das für völlig unterschiedliche politische Ziele und Anschauungen aktiviert werden kann. Dies zu konstatieren, bedeutet nicht, die Relevanz aktueller Bezugnahmen auf zukünftige Generationen zu relativieren. Im Gegenteil: Niemand kann beispielsweise ernsthaft die Tatsache zurückweisen, dass es sich bei der aktuellen Entwicklung hin zu einer irreversiblen Veränderung des Weltklimas um eine Frage handelt, die die vitalen Interessen und Rechte zukünftig lebender Menschen betrifft. Zu fragen ist eher, ob die Form der Kommunikation dieser Probleme als Generationenfrage politisch überzeugend und erfolgversprechend ist, und wie sich Fragen der Generationengerechtigkeit mit Fragen sozialer Gerechtigkeit so verbinden lassen, dass beide Aspekte nicht diskursiv gegeneinander ausgespielt werden.

Die Antwort hierauf ist zwiespältig. Die Ausführungen haben gezeigt, dass sich der Verweis auf nachfolgende Generationen nicht dazu eignet, um politische Kontroversen in anthropologische Wahrheiten aufzulösen. Welche Rechte und Interessen wir zukünftigen Menschen zuschreiben, und wer legitim im Namen einer bestimmten Generation sprechen darf, sind vielmehr selbst eminent politische Fragestellungen. Statt in direkter Weise die konkreten Interessen zukünftiger Generationen definieren zu wollen, erscheint es Erfolg versprechender, die Frage in den Mittelpunkt zu stellen, wie sich demokratische Formen der Repräsentation und Partizipation so erweitern lassen, dass sie die Frage nach den Interessen und Rechten zukünftiger Mitglieder einer politischen Gemeinschaft besser als bislang integrieren. Hierzu sind in den Politik- und Sozialwissenschaften zuletzt vielversprechende Konzepte entwickelt worden.[36] Darüber hinaus wurden in verschiedenen Staaten in den vergangenen Jahren Initiativen gestartet, die eine institutionelle Verankerung der Interessen zukünftiger Generationen in parlamentarische Entscheidungsprozesse zum Ziel haben. In Israel gab es beispielsweise von 2001 bis 2006 einen vom Parlament eingesetzten Kommissar für zukünftige Generationen, Wales hat seit 2016 eine entsprechende Kommissarin,[37] und im britischen Parlament existiert seit 2018 eine All-Party Parliamentary Group for Future Generations.[38] Mehrere Organisationen haben zuletzt angeregt, auch auf der Ebene der Vereinten Nationen die Position einer Ombudsperson für zukünftige Generationen zu schaffen.[39]

Keiner dieser Vorschläge kann die Tatsache überwinden, dass politische Entscheidungen im Namen von Akteuren getroffen werden sollen, die selbst nicht an diesen Entscheidungsprozessen mitwirken können. Dennoch kann eine Institutionalisierung solcher Formen der Repräsentation dazu beitragen, den Verweis auf zukünftige Generationen von einer universell einsetzbaren politischen Leerformel in ein Instrument einer stärkeren Zukunftsorientierung politischer Entscheidungen zu verwandeln.
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Fußnoten

1.
Vgl. Zygmunt Bauman, Retrotopia, Berlin 2017; Hans Ulrich Gumbrecht, Unsere breite Gegenwart, Berlin 2010.
2.
Vgl. z.B. Jürgen Reulecke (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003; Mark Roseman (Hrsg.), Generations in Conflict: Youth Revolt and Generation Formation in Germany 1770–1968, Cambridge 2003.
3.
Vgl. z.B. Barbara Stambolis (Hrsg.), Die Jugendbewegung und ihre Wirkungen: Prägungen, Vernetzungen, gesellschaftliche Einflussnahmen, Göttingen 2015.
4.
Vgl. Derek Parfit, Future Generations: Further Problems, in: Philosophy & Public Affairs 2/1982, S. 113–172.
5.
Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie 71927, S. 157–184. Zur Einordnung des Textes vgl. u.a. Jürgen Zinnecker, "Das Problem der Generationen". Überlegungen zu Karl Mannheims kanonischem Text, in: Reulecke (Anm. 2), S. 33–59.
6.
Diese Neuinterpretation ist maßgeblich von dem Graduiertenkolleg "Generationengeschichte. Generationelle Dynamik und historischer Wandel im 19. und 20. Jahrhundert" der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorangetrieben worden, das von 2005 bis 2014 an der Universität Göttingen arbeitete. Für Veröffentlichungen aus diesem Kontext vgl. u.a. Björn Bohnenkamp/Till Manning/Eva-Maria Silies (Hrsg.), Generation als Erzählung. Neue Perspektiven auf ein kulturelles Deutungsmuster, Göttingen 2009; Kirsten Gerland/Benjamin Möckel/Daniel Ristau (Hrsg.), Generation und Erwartung: Konstruktionen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Göttingen 2013.
7.
Bernd Weisbrod, Generation und Generationalität in der neueren Geschichte, in: APuZ 8/2005, S. 3–9, hier S. 4.
8.
Vgl. Sigrid Weigel, Genea-Logik: Generation, Tradition und Evolution zwischen Kultur- und Naturwissenschaften, München 2006.
9.
Ulrike Jureit, Generationenforschung, Göttingen 2006, S. 9.
10.
Zum Kontext von "Generationen" als Erwartungsdiskursen vgl. Gerland/Möckel/Ristau (Anm. 6).
11.
Zum Konzept der "leeren Signifikanten" vgl. Ernesto Laclau, Emancipation(s), London 1996, S. 36–46.
12.
Vgl. Pierre Nora, La Génération, in: ders. (Hrsg.), Les Lieux de Mémoire, Bd. 2, Paris 1997, S. 2975–3015.
13.
Reinhart Koselleck, Die Verzeitlichung der Utopie, in: ders., Zeitschichten: Studien zur Historik, Frankfurt/M. 2003, S. 131–149. Vgl. ders., Erfahrungsraum und Erwartungshorizont. Zwei historische Kategorien, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1989, S. 349–375.
14.
Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: Preußische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.), Akademie-Ausgabe VIII, Berlin 1968 [1784], S. 15–31, hier S. 20.
15.
Vgl. Reinhart Koselleck/Christian Meier, Fortschritt, in: Reinhart Koselleck/Werner Conze/Otto Brunner (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 351–423.
16.
Vgl. Diane B. Paul, Darwin, Social Darwinism and Eugenics, in: Jonathan Hodge/Gregory Radick (Hrsg.), The Cambridge Companion to Darwin, Cambridge 2003, S. 214–239.
17.
Vgl. Nicola Lepp/Martin Roth/Klaus Vogel, Der Neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts, Ostfildern-Ruit 1999.
18.
Vgl. u.a. Mark Adams (Hrsg.), The Wellborn Science: Eugenics in Germany, France, Brazil, and Russia, New York–Oxford 1990; Stefan Kühl, Die Internationale der Rassisten: Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1997.
19.
Vgl. u.a. Thomas Etzemüller, Ein ewigwährender Untergang: der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2007.
20.
Friedrich Burgdörfer, Volk ohne Jugend, Berlin 1931.
21.
Vgl. Götz Aly, Die Belasteten: "Euthanasie" 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt/M. 2013.
22.
Vgl. Benjamin Möckel, Erfahrungsbruch und Generationsbehauptung. Die Kriegsjugendgeneration in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften, Göttingen 2014; Dorothee Wierling, Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR: Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002.
23.
Vgl. Dirk van Laak, Planung. Geschichte und Gegenwart des Vorgriffs auf die Zukunft, in: Geschichte und Gesellschaft 3/2008, S. 305–326.
24.
Vgl. John Rawls, A Theory of Justice, Cambridge MA 1971.
25.
Vgl. ebd., S. 251–258.
26.
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom: Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008; Konrad Jarausch (Hrsg.), Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte, Göttingen 2008; Daniel T. Rodgers, Age of Fracture, Cambridge MA 2011.
27.
Vgl. z.B. Martin P. Golding, Obligations to Future Generations, in: The Monist 1/1972, S. 85–99; D. Clayton Hubin, Justice and Future Generations, in: Philosophy & Public Affairs 1/1976, S. 70–83; Jane English, Justice between Generations, in: Philosophical Studies 2/1977, S. 91–104.
28.
Vgl. Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt/M. 1979. Der dort auf S. 36 formulierte Imperativ lautet: "Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."
29.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
30.
Vgl. Deutscher Bundestag, Drucksachen und Plenarprotokolle des Bundestages – ab 1949, 2020, https://pdok.bundestag.de«; United Kingdom Parliament, Hansard, 2020, https://hansard.parliament.uk«; Assemblée Nationale, Centre de documentation parlementaire, 2020, http://archives.assemblee-nationale.fr«. Die Analyse beruht auf einer Volltextsuche der Debatten in den Parlamenten zwischen 1974–1979. Eine detailliertere Analyse und Kontextualisierung dieser Debatten könnten, gerade auch in transnationaler Perspektive, genaueren Aufschluss über die Motive und Verwendungsweisen der politischen Rhetorik geben.
31.
Vgl. Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Hrsg.), Our Common Future, Oxford–New York 1987.
32.
Zit. nach Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Die Nachhaltigkeitsagenda und die Rio-Konferenzen, o.D., http://www.bmz.de/de/themen/2030_agenda/historie/rio_plus20/index.html«.
33.
Elke Seefried, Rethinking Progress. On the Origins of the Modern Sustainability Discourse, 1970–2000, in: Journal of Modern European History 3/2015, S. 377–400.
34.
Als Analyse der Rhetorik der "Generationengerechtigkeit" in den Rentenreformdebatten der Nachkriegsjahrzehnte vgl. Christina May, Generation als Argument. Konflikte um die Rentenversicherung in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden, Frankfurt/M. 2010. Siehe auch den Beitrag von Hans-Jürgen Urban und Christoph Ehlscheid in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
35.
Vgl. Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010.
36.
Vgl. z.B. Kristian Skagen Ekeli, Giving a Voice to Posterity. Deliberative Democracy and Representation of Future People, in: Journal of Agricultural and Environmental Ethics 5/2005, S. 429–450; Dennis F. Thompson, Representing Future Generations: Political Presentism and Democratic Trusteeship, in: Critical Review of International Social and Political Philosophy 1/2010, S. 17–37; Michael Rose, Zukünftige Generationen in der heutigen Demokratie: Theorie und Praxis der Proxy-Repräsentation, Wiesbaden 2018.
37.
Siehe http://www.futuregenerations.wales«.
38.
Siehe http://www.appgfuturegenerations.com«.
39.
Siehe z.B. http://www.worldfuturecouncil.org/need-un-high-commissioner-future-generations«.

Benjamin Möckel

Zur Person

Benjamin Möckel

ist promovierter Historiker und Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität zu Köln. bmoeckel@uni-koeln.de


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