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1.10.2021

Ein Flugzeug als Objekt staatlicher Erinnerungspolitik? Die "Landshut" als deutscher Erinnerungsort

Wenn in Deutschland öffentlich über Erinnerung gesprochen oder mitunter auch gestritten wird, dann zumeist mit Blick auf die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz einiger weiter vorhandener Unterschiede hat sich in den drei Jahrzehnten nach 1989 eine gemeinsame deutsche Erinnerungskultur herausgebildet. In ihrem Zentrum stehen weiterhin der Nationalsozialismus und der Holocaust, zugleich schließt sie aber andere Opfergruppen mit ein.

Demokratische Erinnerungskulturen sind mit wechselnden politischen Konstellationen und gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Diese sorgen dafür, dass eine gemeinsame Erinnerung stets Gegenstand öffentlicher Aushandlungsprozesse ist. Ändern können sich dabei unter anderem Inhalt und Form, beteiligte Akteur:innen sowie Vermittlungsstrategien und Rezeptionsmechanismen. Eine gemeinsame Erinnerungskultur sollte aber immer in der Lage sein, "Vielfalt und Widersprüchlichkeit deutscher Geschichte" berücksichtigen zu können.[1]

Manchmal stehen öffentliche Erinnerungskultur und Kenntnis der Vergangenheit aber in einem Spannungsverhältnis zur subjektiven Erinnerung. Zeithistorische Schlüsselerlebnisse werden, je nach unserer Zugehörigkeit zu verschiedenen Generationen sowie zur Mehrheits- oder Minderheitsgesellschaft, unterschiedlich erinnert und in ein mehr oder weniger enges Verhältnis zum eigenen Geschichtsbewusstsein gesetzt. Vorhandene Spannungsverhältnisse zu thematisieren und zu einem produktiven Umgang mit ihnen anzuleiten, zählt zu den Kernaufgaben historisch-politischer Bildung. Diese soll helfen zu verstehen, "dass und warum es Unterschiede und Spannungen gibt zwischen Primärerfahrung, Erinnerungskultur und Wissenschaft; zwischen dem Zeitzeugen und dem Zeithistoriker; zwischen massenmedialer Präsentation und wissenschaftlicher Darstellung, die ihrerseits kontrovers bleibt".[2] Hierbei gilt es heute, gleich mehrere Entwicklungsstränge zu berücksichtigen: unter anderem das Ende der direkten Zeugenschaft für die Zeit des Nationalsozialismus (während diese für die zweite deutsche Diktatur weiterläuft), eine Europäisierung oder Globalisierung und damit eine partielle Vereinheitlichung ehemals voneinander getrennter nationaler Erinnerungskulturen sowie die immer heterogeneren Bezugspunkte einer gemeinsamen Erinnerungskultur in der deutschen Migrations- oder Postmigrationsgesellschaft.[3]

Die unlängst aufgeworfene Frage, ob sich die deutsche Gesellschaft nicht bereits in einer Phase "nach der Erinnerungskultur"[4] befinde, harrt noch einer überzeugenden Antwort. Als sicher kann aber gelten, dass sich unsere bisherige Erinnerungskultur zukünftig veränderten Rahmenbedingungen zu stellen hat. Eine notwendige (Neu-)Positionierung dürfte sowohl ein Überdenken bisheriger "Rituale, Sprechweisen und Ergriffenheitsgesten",[5] als auch eine Erweiterung konkreter Bezugspunkte umfassen. Eine geeignete Kandidatin für einen solchen neuen Erinnerungsort jenseits von Nationalsozialismus und Kommunismus ist die ehemalige Lufthansamaschine "Landshut". Diese hat 1977 im Rahmen ihrer Entführung traurige Berühmtheit erlangt und zählt heute zum Kreis ikonischer materieller Hinterlassenschaften der (west)deutschen Geschichte der 1970er Jahre. Ihre eigene Biografie, die Frage, warum sie seit Kurzem ins Zentrum der Erinnerungsstrategien unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Interessengruppen gerückt ist, und die erinnerungspolitischen Chancen und Risiken beim Umgang mit technischen Großobjekten stehen im Zentrum der weiteren Überlegungen.

Deutsche Erinnerungsorte

In der Einleitung zu ihrer Auswahl an Erinnerungsorten betonten Etienne François und Hagen Schulze für Deutschland vor nunmehr 20 Jahren "eine Vielfalt disparater widersprüchlicher Erinnerungsorte".[6] Die Geschichtsdidaktik definiert einen "Erinnerungsort" in Abgrenzung zu einem "nur" historischen Ort als einen "hochgradig symbolisch und emotional aufgeladenen Kristallisationspunkt des kollektiven Gedächtnisses".[7] In den drei Bänden stehen Orte wie Nürnberg oder Weimar, Personen wie Königin Luise von Preußen oder Karl Marx, Ereignisse wie der Kniefall von Warschau, "Institutionen" wie das Bürgerliche Gesetzbuch und die D-Mark oder auch immaterielle Ideen und Leitbilder wie "Wir sind das Volk" oder "Wissen ist Macht" für die oben erwähnte Vielfalt und Widersprüchlichkeit deutscher Geschichte.[8]

Trotz der Heterogenität der Auswahl fällt auf, dass sich hier neben nur wenigen Gebäuden und Denkmälern, also klassischen Erinnerungsorten, kaum materielle Hinterlassenschaften beziehungsweise Artefakte aus der deutschen Geschichte finden lassen. Zwar werden unter der Rubrik "Volk" der "Volkswagen" (Bd. 1) oder unter "Disziplin" die "Pickelhaube" (Bd. 2) als Erinnerungsorte präsentiert. Der Volkswagen verweist in der Hauptsache aber auf einen übergeordneten Fahrzeugtyp, nicht auf ein einzelnes Fahrzeug wie beispielsweise den "Dienstwagen von Kanzler X". Die Leerstelle verwundert, da diese zumeist kleineren und manchmal auch größeren materiellen Artefakte in kulturhistorischen Sonder- und Dauerausstellungen zu den beliebten Objekten zählen und hier durchaus die Funktion von Erinnerungsverweisen oder -orten einnehmen. Als geschichtskulturellen Produkten wird ihnen zudem vom Publikum wegen ihres mehr oder weniger direkten Bezuges zur Vergangenheit ein jeweils individuell zu bestimmender Grad an Authentizität zugemessen.

Bildikonen des "Deutschen Herbstes"

Es gibt Bilder, die sich fest in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben und die bei Nennung des dazu gehörigen Ereignisses ohne weiteres Nachdenken aufrufbar sind. Ihnen kommt in der kulturwissenschaftlichen Forschung der Status von Bildikonen zu. Für den sogenannten Deutschen Herbst 1977 gilt dies vor allem für die Bilder des vom "Kommando Siegfried Hausner" der RAF entführten damaligen Arbeitsgeberpräsidenten und Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Hanns Martin Schleyer. Auch wenn es sich bei diesen wenigen Fotos wohl um die visuelle Verdichtung der blutigen Ereignisse handelt,[9] so sind doch weitere Bilder aus dem Oktober 1977 in der kollektiven Erinnerung der Deutschen präsent. Zu diesen zählt nicht zuletzt die von einem Kommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) entführte und auf dem Rollfeld des Flughafens der somalischen Hauptstadt Mogadishu auf ihr weiteres Schicksal wartende Lufthansamaschine "Landshut".

Die "Landshut" in einem Hangar des Flughafens Friedrichshafen, Mai 2021. (© Sabine Dengel)


Die Boeing vom Typ 737-200 war mit der Flugnummer LH 181 am 13. Oktober 1977 auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main mit dem Ziel gekidnappt worden, die in der Haftanstalt Stammheim einsitzenden RAF-Gefangenen freizupressen. Die Entführung fand erst nach fünf Tagen, durch den erfolgreichen Einsatz eines Kommandos der nach dem Olympia-Attentat in München 1972 neu gegründeten Sondereinheit GSG 9, ihr Ende. Die andauernde und weit über die direkten Zeitgenoss:innen hinausreichende Präsenz der "Landshut" in unserem visuellen Gedächtnis erklärt sich nicht zuletzt durch die wirkmächtigen Fernsehbilder und deren wiederholte Reproduktion in Doku-Dramen oder Spielfilmen.[10] Eine weitere, wenn auch wenig bekannte, populärkulturelle Erinnerung stellt das 1996 unter dem Pseudonym "Baader Meinhof" veröffentlichte Konzeptalbum des Sängers der britischen Bands The Auteurs, Luke Haines, dar. Die LP "erzählt" in zehn Songs die Geschichte der RAF bis zum "Deutschen Herbst" und enthält ein "Mogadishu" betiteltes Lied.[11]

Auf dem Weg zum Erinnerungsort

Die Geschichte der "Landshut" selbst nahm nach der gewaltsame Befreiungsaktion einen aus heutiger Sicht bemerkenswerten Verlauf: Nach der notwendig gewordenen Instandsetzung in der Hamburger Lufthansawerft flog die Maschine im direkten Anschluss noch weitere acht Jahre für die deutsche Fluglinie. Endgültig außer Dienst gestellt werden sollte das Flugzeug sogar erst 2008 – 31 Jahre nach seiner Entführung und beinahe 40 Jahre nach seiner Taufe.[12]

Nach dem Weiterverkauf durch die Lufthansa diente die "Landshut" unter verschiedenen Namen erst als Passagier-, später als Frachtmaschine. Zu ihren Eignern zählten US-amerikanische und französische Firmen, die sie an Fluglinien in Honduras, Malaysia, Indonesien und Brasilien leasten. Letzte Eigentümerin war seit 2002 eine kleine brasilianische Linie, die die Maschine 2008 außer Dienst stellte und in der Stadt Fortaleza im brasilianischen Bundesstaat Ceará auf einem Flugzeugfriedhof abstellte.[13]

Das wiedererwachte Interesse an der Maschine ist vor allem den langjährigen Recherchen des Journalisten und Zeithistorikers Martin Rupps zu verdanken. Dieser hatte sich seit den frühen 2010er Jahren gemeinsam mit ehemaligen Besatzungsmitgliedern und Passagieren um die Rückholung der "Landshut" bemüht[14] und sich aktiv dafür eingesetzt, einen entsprechenden Erinnerungsort zu schaffen.[15] Anfang 2017 nahm sich der damalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel dem Anliegen an, und im Auswärtigen Amt wurde bereits offiziell von der Rückholung "eine[r] lebendige[n] Zeugin eines wichtigen Moments der Geschichte der jungen Bundesrepublik" gesprochen.[16] Das Flugzeug, so der Plan, sollte zum 18. Oktober 2017, dem 40. Jahrestag der Geiselbefreiung, wieder zurück in Deutschland sein.[17] Und auch das erinnerungskulturelle Vorhaben fand regierungsamtliche Unterstützung: "Wir wissen im Auswärtigen Amt um die Bemühungen von verschiedener Seite, das, was von der Landshut noch über ist, nach Deutschland zurückzuholen, um aus diesen Überbleibseln gewissermaßen als begehbares Museum einen Ort der Erinnerung und der Pädagogik über das zu machen, was damals, im deutschen Herbst 1977, so alles passiert ist."[18]

Als offiziell gesichert galt die Rückholung dann Ende Juli 2017.[19] Vor allem die drei Themen Standortsuche,[20] Übernahme laufender Betriebskosten und öffentliche Zugänglichkeit bestimmten die zum Teil emotional aufgeladene Diskussion im Sommer 2017 auf lokal- wie auf bundespolitischer Ebene. Ende September schließlich wurden der Rumpf und die weiteren Einzelteile der "Landshut" am zukünftigen Ausstellungsort in Friedrichshafen[21] am Bodensee aus einem russischen Transportflugzeug des Typs Antonow entladen.[22] Die Planungen für den zukünftigen Erinnerungsort gingen nur langsam voran. Und selbst Ende 2020 stand weiterhin die Frage im Raum, wo "der arme alte Vogel, dessen rostiger Torso mit abgeschraubten Tragflächen in einem abgelegenen Hangar am Bodensee auf seine versprochene Wiederauferstehung wartet",[23] denn am Ende hin soll. Nach neuerlichen Gesprächen und Verhandlungen sollten die "Irrwege"[24] der Maschine schließlich ein Ende finden. Die politische Zuständigkeit wechselte vom Staatsministerium für Kultur und Medien zum Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI). Die Verantwortung für den Bau eines Dokumentations- und Bildungszentrums als Lernort der historisch-politischen Bildung sowie dessen kuratorische und didaktisch-pädagogische Konzeption liegen seit nunmehr einem Jahr in den Händen der Bundeszentrale für politische Bildung.[25]

Das Motto, das Martin Rupps seinen sowie den Vorstellungen seiner Mitstreiter:innen an die Seite gestellt hatte – "Kein Flugzeug im Museum, sondern ein Flugzeug als Museum"[26] – lenkte bereits früh die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der materiellen Hinterlassenschaft Flugzeugkörper. Der von ihnen geplante Erinnerungsort sollte sowohl das durch die "Brutalität des Zufalls" verursachte Schicksal von Passagieren und Besatzung als auch das Gedenken an den durch die Terroristen ermordeten Piloten der "Landshut", Jürgen Schumann, angemessen thematisieren. Das Themenspektrum – geplant war eine multimediale Präsentation von zeitgenössischem Medienmaterial und Originaldokumenten – umfasste neben den sich während der Entführung an Bord befindlichen sieben Kindern auch die Sondereinheit GSG 9 sowie das Flugzeug selbst. Das zu erwartende hohe öffentliche Interesse wurde bereits antizipiert: "(K)ein Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist so sehr an einen bestimmten Ort geknüpft wie die sieben Minuten in der Landshut."[27] Die postulierte enge Verbindung zwischen Ort, Ereignis und Erinnerung wirft eine Reihe grundlegender erinnerungskultureller Fragen auf – nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei der "Landshut" um eine materielle Hinterlassenschaft in Gestalt eines technischen Großobjekts handelt.

Ein Erinnerungsort ohne festen Wohnsitz?

Eine zeitliche Verdichtung auf die wenigen Minuten der Befreiung der Geiseln ist sicher geeignet, um hieran ein Narrativ für einen Erinnerungsort zu knüpfen. Das glückliche Ende der Entführung wird auf diesem Weg zum Ausgangspunkt einer umfassenden historischen Kontextualisierung, der Erinnerung und des Gedenkens sowie der Bezugnahme auf politische Konzepte wie das der "wehrhaften Demokratie". Ob eine solche narrative Zentrierung aber den zahlreichen und sehr heterogenen historischen Handlungssträngen oder auch nur der reinen zeitlichen Dauer der Entführung gerecht werden kann, muss hier erst einmal offenbleiben. Mit einer gewissen Skepsis ist auch der als eindeutig formulierte Ortsbezug zu betrachten. Ein solcher ist mit dem realen Flugzeugkörper zwar gegeben, bildet zugleich aber die Hürde des erinnerungskulturellen Umgangs mit dem Großobjekt.

Mobilität/Immobilität
Die "Landshut" stellt keinen Ort im spezifischen Sinne dar. Als ein prominentes technisches Artefakt nimmt sie eine Sonderstellung auf dem Feld der materiellen Hinterlassenschaften der deutschen Geschichte ein: Es handelt sich bei ihr weder um ein Denkmal noch ein Gebäude oder um ein Ensemble wie eine Industrieanlage. Während es sich bei den aufgezählten Orten eindeutig um Immobilien handelt, zeichnet sich das Flugzeug als eine Mobilie beziehungsweise durch seine Ausrichtung auf Ortswechsel im globalen Maßstab aus. Indirekte Ortsbezüge bestehen allenfalls zur gleichnamigen bayerischen Stadt als Namenspatin oder zum Heimatflughafen. Die "Landshut" steht also für Mobilität und heterogene räumliche Kontexte, nicht für einen konkreten Ort.

Ein fehlender oder unklarer Ortsbezug meint aber nicht, dass ein solcher nicht aus der Gegenwart und aus bestimmten Interessenlagen heraus konstruiert werden kann. Dass es sich dabei nicht automatisch um ein leichtes Unterfangen handelt, spiegelten bereits die Standortdiskussionen mit ihren wechselnden Akteur:innen seit 2017 wider. Erst die Immobilisierung der "Landshut" eröffnete hier neue Möglichkeiten. Aber selbst nach der gefällten Standortentscheidung ergibt sich die Historisierung des technischen Großobjektes nicht wie von selbst: Die "Landshut" steht weder exemplarisch für die Geschichte eines bestimmten Flugzeugtyps im Sinne einer Präsentation wie im Technikmuseum noch fungiert sie als eine Illustration oder eine Stellvertreterin eines zeithistorischen Ereignisses, wie zum Beispiel die Douglas C-47 (beziehungsweise Douglas "Dakota") am Luftbrückendenkmal des Frankfurter Flughafens für die alliierten Unterstützungsmaßnahmen für die Berliner Bevölkerung durch die sogenannten Rosinenbomber 1948/49.

Zentralität/Dezentralität
Ist zum Beispiel die Loreley als Erinnerungsort fest mit den Rhein und den gleichnamigen Felsen bei St. Goarshausen verbunden, so lässt sich ein räumlich-örtlicher Bezugspunkt für die "Landshut" – auch jenseits des Faktors Mobilität – nur sehr schwer bestimmen. Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob der Standort Friedrichshafen die richtige oder zumindest eine gute Wahl gewesen ist. Der für die Erinnerungskultur notwendige direkte und einfach herstellbare Bezug zwischen Objekt und dem Ort seiner Präsentation hätte für alle in die Debatte eingebrachten Standorte – mal mehr, mal weniger aufwendig – erst (re)konstruiert werden müssen. Zu fragen ist außerdem, ob am Präsentationsort das Schicksal der Geiseln oder der Bezug zur RAF und damit zur Geschichte der 1970er Jahre in den Vordergrund rücken soll.

Allein mit Blick auf die Entführung kommen, wegen notwendiger Zwischenlandungen, eine Reihe von weiteren Orten ins Spiel: Rom in Italien, Larnaka auf Zypern, Bahrain und Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Aden im (Süd-)Jemen und schließlich Mogadishu in Somalia. Die Städtenamen stehen jeweils stellvertretend für die Flughäfen. Als Chiffre für die Entführung beziehungsweise die glückliche Befreiung der Geiseln ist Mogadishu eine nachvollziehbare Wahl, wie nicht zuletzt der gleichnamige Spielfilmtitel zeigt. Einen ähnlich erkennbaren Ortsbezug formuliert Stammheim als Chiffre für den "Deutschen Herbst" beziehungsweise die RAF.

Das Cockpit der "Landshut" von außen und innen, Mai 2021. (© Sabine Dengel)

Mogadishu befindet sich, bezogen auf eine räumliche Verortung in der Geschichte der Bundesrepublik, aber in der Peripherie. Ein passendes Zentrum ließe sich wohl nur über die damalige Hauptstadt Bonn konstruieren. Die Dezentralität Mogadishus spiegelt sich aber interessanterweise im gewählten Standort Friedrichshafen wider. Die Schwierigkeit besteht, um das Argument noch einmal zu präzisieren, nicht darin, die "Landshut" als Chiffre für einen Erinnerungsort zu nutzen, sondern darin, dass sich Flugzeugkörper, Präsentationsort und Erinnerungsauftrag nicht auf den ersten Blick inhaltlich gut miteinander verknüpfen lassen. Dieses Defizit kann sich als erinnerungspolitischer Hemmschuh erweisen, da die "Landshut" als prominentes Großobjekt aus der Vergangenheit unweigerlich hohe Authentizitätserwartungen beim Publikum hervorruft.

Nutzung/Nachnutzung
Mobilität und Dezentralität sind, wie gezeigt, aufs Engste mit der Technizität des Flugzeugs verknüpft. Trotzdem lässt sich der ausgeschlachtete Flugzeugkörper durchaus mit einem entkernten Gebäude – als Museumsstandort – vergleichen. Martin Rupps hatte in seinen Überlegungen bereits auf die Thematisierung der Geschichte der Maschine am Erinnerungsort verwiesen, diesen Aspekt aber nicht weiter ausgeführt. Diesbezüglich sind unterschiedliche Szenarien denkbar: Die "Landshut" hat unter anderem Bezug zur Geschichte der Lufthansa, zur globalen Luftfahrtgeschichte der 1970er bis 2010er Jahre, zur Entwicklung und Nutzung von Flugzeugtypen und -technik, zur Internationalisierung des Flugverkehrs, inklusive Leasings und damit nicht zuletzt auch zur Globalisierung der Ökonomie.

Mit technischen Großobjekten eng verbunden ist ihre jeweilige Nutzung. Im Fall der "Landshut" ist aber nicht entscheidend, ob diese als Passagier- oder als Frachtmaschine eingesetzt wurde. Beim Umgang mit materiellen Hinterlassenschaften des nationalsozialistischen Regimes, vor allem dessen Repräsentationsbauten und industriellen Anlagen, ist neben Planung, Konstruktion und Nutzung immer auch auf die Nachnutzung hingewiesen worden. Exemplarisch lässt sich dies am unterschiedlichen Umgang mit NS-Großanlagen wie dem Berliner Flughafen Tempelhof, dem U-Boot-Bunker "Valentin" in Bremen-Farge oder dem ehemaligen KdF-Seebad Prora nach 1945/49 festmachen.[28] Auch wenn Erinnerungsorte nicht immer diese Um- oder Nachnutzungen, sondern zumeist die Opferschicksale thematisieren, so sind diese Erinnerungsschichten gleichwohl von hoher Bedeutung. An ihnen lassen sich einerseits die Konjunkturen im Umgang mit Orten und Objekten ablesen, andererseits steht die Nachnutzung oft in einem widersprüchlichen Verhältnis zu den Gewaltzusammenhängen am Ort beziehungsweise im Objekt. Und gerade mit Blick auf den letztgenannten Aspekt kommt der Geschichte der "Landshut" nach 1977 ein hohes und zugleich exemplarisches erinnerungspolitisches Potenzial zu.

Unterschiedliche Narrative und Akteursgruppen
Auch über das Gedenken an das Schicksal der Geiseln und die Verbindungslinien zur Luftfahrtgeschichte hinaus bietet der zukünftige Erinnerungsort eine Vielzahl an Anschlussmöglichkeiten für historische Narrative: Wenn aus wissenschaftlicher Sicht auch weniger attraktiv, so wäre die Präsentation als Flugzeug mit nationalem Schaucharakter, vergleichbar mit dem B-29 Bomber "Enola Gay" im US-amerikanischen Smithsonian National Air and Space Museum, denkbar. Hier kam es 1994/95 zu einer heftig geführten öffentlichen Kontroverse sowohl um die "Angemessenheit" einer Erinnerung an den ersten Abwurf einer Atombombe im August 1945 als auch um die Einflussmöglichkeiten und Beteiligungsformen des Publikums bei der Interpretation der nationalen Geschichte.[29]

Die "Landshut" bietet Anknüpfungspunkte an die Geschichte sowohl des deutschen als auch des europäischen Linksterrorismus (Rote Armee Fraktion, Action directe, Brigate Rosse). Sie steht, auch dies wurde bereits früh hervorgehoben, für die Geschichte der Sondereinheit GSG 9 und damit in einer direkten Linie mit dem Attentat auf die Olympischen Spiele in München 1972. Das Flugzeug symbolisiert nicht zuletzt auch die Hochphase gewaltsamer Flugzeugentführungen[30] durch palästinensische Befreiungsbewegungen und damit den Nord-Süd-Konflikt der 1970er Jahre. Nachzeichnen und analysieren ließe sich auch die (öffentliche) Rezeption der Entführung in unterschiedlichen medialen Kontexten. Nicht zuletzt handelt es sich bei der "Landshut" um ein Symbol für eine wichtige Phase der Geschichte der "wehrhaften Demokratie" in der Bundesrepublik. In diesem Kontext könnte der Erinnerungsort dann auch über die Bundesrepublik hinaus auf die gesamtdeutsche Geschichte verweisen. Keines der genannten Narrative sollte aber andere Erzählungen dominieren.

Die Narrative sind eng verbunden mit unterschiedlichen Akteursgruppen und ihren zum Teil divergierenden Zielen und Interessen: Antworten auf die Frage, wie eine Gesellschaft mit außergewöhnlichen materiellen Hinterlassenschaften im Rahmen ihrer Erinnerungskultur umgeht, ergeben sich nicht zuletzt aus privaten und subjektiven sowie aus gesellschaftlichen und politischen Motiven. Diese stehen, vor allem wenn es sich um noch stark diskutierte Themen wie den Terrorismus der RAF und seine Folgen handelt, oft in einem Spannungsverhältnis zur zeithistorischen Forschung. Es gilt deshalb, unterschiedliche Interessen zu respektieren und gleichzeitig die "Landshut" in einer zeithistorischen Ausstellung in ihrer Rolle als Symbol für den "Deutschen Herbst" wissenschaftlich zu dechiffrieren und einzuordnen. Eine demokratische Geschichts- und Erinnerungspolitik verschafft unterschiedlichen Stimmen Gehör: Opfern und Tätern, Polizei- und Sicherheitskräften, Politikern, direkt oder auch nur indirekt Betroffenen. Letztlich verdichten sich die vielen Erzählstränge aber im Objekt selbst. Die einzelnen Narrative sollten hier, am und im Flugzeug, in einen Dialog treten. Ein übergeordnetes Narrativ, dass die unterschiedlichen Ansprüche berücksichtigt, eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Ortsbezügen schlägt und die heterogenen Aspekte in einen konstruktiven Bezug zueinander setzt, kann sich nur im Rahmen eines öffentlichen Aushandlungsprozesses entwickeln.

Ausblick

Die "Landshut" stellt ohne jeden Zweifel eine "wichtige Chiffre für die politische und gesellschaftliche Atmosphäre in der Bundesrepublik" in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre dar.[31] Sie symbolisiert aber auch die für lange Zeit erfolglosen Versuche, der Erinnerung der beziehungsweise an die Entführungsopfer einen geeigneten Ort zu geben. Als zukünftiger Erinnerungsort steht sie stellvertretend für weitere zeit- und gesellschaftsgeschichtliche Ereignisse vor allem der westdeutschen Geschichte der 1960er bis 1980er Jahre. Im Rahmen der historisch-politischen Bildung ist die "Landshut" aber in vielfacher Hinsicht demokratietheoretisch anschlussfähig und ein gut geeigneter Ausgangspunkt für einen produktiven Umgang mit "Geschichte im politischen Raum".[32]

Dies nicht zuletzt deshalb, da die "Landshut" auf zeithistorische Ereigniskomplexe verweist, die weiten Teilen der Bevölkerung und damit den potenziellen Besucher:innen des zukünftigen Erinnerungsortes bereits bekannt sind. Populäre audiovisuelle Formen der Erinnerungskultur wie zeitgenössische Fernsehbilder oder spätere Verfilmungen haben hier eine entsprechende Vorarbeit geleistet. Wenn es dem neuen Erinnerungsort gelingt, die Besucher:innen zukünftig dazu zu inspirieren, einen anderen beziehungsweise neuen Blick auf die Gleich- und Ungleichzeitigkeiten des Jahres 1977,[33] der 1970er Jahre oder auch der deutschen Geschichte zu werfen, dann wäre der "alte Vogel" am Ende doch noch sicher gelandet.
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Fußnoten

1.
Bernd Faulenbach, Diktaturerfahrungen und demokratische Erinnerungskultur in Deutschland, in: Anna Kaminsky (Hrsg.), Orte des Erinnerns. Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Berlin 20163, S. 9–20, hier S. 17.
2.
Bernhard Sutor, Historisches Lernen als Dimension politischer Bildung, in: Wolfgang Sander (Hrsg.), Handbuch Politische Bildung, Schwalbach/Ts. 2005, S. 347–362, hier S. 360.
3.
Vgl. Naika Foroutan, Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie, Bielefeld 2019.
4.
Per Leo, Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur, Stuttgart 2021 [Herv. C.A.].
5.
Claudius Seidl, Die Unschuld wird immer größer, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), 25.7.2021, S. 39.
6.
Etienne François/Hagen Schulze, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, S. 9–24, hier S. 18.
7.
Christine Pflüger, Erinnerungsorte, in: Ulrich Mayer et al. (Hrsg.), Wörterbuch Geschichtsdidaktik, Schwalbach/Ts. 20143, S. 59–60, hier S. 60.
8.
Vgl. Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001.
9.
Vgl. Rolf Sachse, Die Entführung. Die RAF als Bildermaschine, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, Göttingen 2008, S. 466–473.
10.
So u.a. im Doku-Drama "Das Todesspiel", Heinz Breloer, Das Todesspiel, 177 min, D 1997, und im Spielfilm "Mogadishu", Roland Suso Richter, Mogadishu, 108 min, D 2008.
11.
Baader Meinhof, Baader Meinhof, 32 min., GB 1996 (HUT LP 36, Hut Records/Polygram).
12.
Vgl. Dominik Hutter, Eine Maschine mit Geschichte, in: Süddeutsche Zeitung (SZ), 7.8.2020, S. R3.
13.
Vgl. Eckart Lohse, Wer rettet die "Landshut"? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 11.2.2017, S. 3.
14.
Vgl. Martin Rupps, Die Überlebenden von Mogadishu, Berlin 2012.
15.
Vgl. Joachim Käppner, Ihr letzter Einsatz, in: SZ, 15.3.2017, S. 3.
16.
Außenminister Sigmar Gabriel, Gespräch mit der FAZ, zit. nach Lohse (Anm. 13), S. 3.
17.
Vgl. Joachim Käppner, Zurück in die Gegenwart, in: SZ, 7.7.2017, S. 7.
18.
Sprecher des Auswärtigen Amtes Martin Schäfer, Wortlaut Regierungspressekonferenz vom 22.2.2017, http://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenzen/regierungspressekonferenz-vom-22-februar-849292«.
19.
Vgl. Eckart Lohse, Bis zum Erreichen ihrer finalen Parkposition, in: FAZ, 8.7.2017, S. 5; Joachim Käppner, Die "Landshut" kehrt zurück, in: SZ, 28.7.2017, S. 5.
20.
Als potenzielle Standorte wurden zwischenzeitlich unter anderem Berlin (Deutsches Historisches Museum), Sinsheim (Technikmuseum), Bonn (Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland), Hamburg (Airport Helmut Schmidt), Fürstenfeldbruck und Flensburg ins Spiel gebracht. Vgl. Lohse (Anm. 13); Käppner (Anm. 15 und 17).
21.
Die Standortentscheidung war ursprünglich mit der Überlegung gefällt worden, die Landshut im dort ansässigen Dornier Museum auszustellen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund verschiedener lokaler Konfliktlagen beteiligt sich das Dornier Museum heute aber nicht mehr an den Planungen des Dokumentations- und Bildungszentrums. Vgl. Eckart Lohse/Rüdiger Soldt, Plötzlicher Druckabfall, in: FAZ, 11.8.2017. S. 4; Niclas Seydack, Mach den Abflug, in: SZ, 2.11.2018, S. 3.
22.
Vgl. Rüdiger Soldt, Letzte Landung, in: FAZ, 25.9.2017, S. 7.
23.
Simon Strauß, Armer Vogel, in: FAZ, 19.12.2020, S. 11.
24.
Joachim Käppner, Die Irrwege der "Landshut", in: SZ, 9./10.4.2020, S. 36.
25.
Vgl. Rüdiger Soldt, Ein Museum für die "Landshut", in: FAZ, 28.11.2020, S. 7; Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Till Mansmann, Stephan Thomae, Jens Beeck, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP, Stand der Restaurierung und Umsetzung eines Ausstellungskonzepts der "Landshut"-Maschine, Bundestags-Drucksache 19/28566, 14.4.2021.
26.
Martin Rupps, Mehr als eine Maschine, in: Der Freitag, 9.2.2017, https://digital.freitag.de/0617/mehr-als-eine-maschine«.
27.
Martin Rupps, Die Brutalität des Zufalls, in: SZ, 3.8.2017, S. 2; vgl. auch Frank Schmidt-Wyk/Martin Rupps, Mogadishu ist nicht nur eine Heldengeschichte (Interview), in: Wiesbadener Kurier, 24.2.2017, S. 3.
28.
Vgl. Historisch-Technisches Museum Peenemünde (Hrsg.), NS-Großanlagen und Tourismus. Chancen und Grenzen der Vermarktung von Orten des Nationalsozialismus, Berlin 2016.
29.
Vgl. Mike Wallace, The Battle of the Enola Gay, in: ders. (Hrsg.), Mickey Mouse History and Other Essays on American Memory, Philadelphia 1996, S. 269–318.
30.
Vgl. Annette Vowinckel, Flugzeugentführungen. Eine Kulturgeschichte, Göttingen 2011.
31.
Cord Arendes, "Landshut" – Geschichte im Flugzeug aufarbeiten, in: Public History Weekly 5/2017, dx.doi.org/10.1515/phw-2017-10061.
32.
Hilmar Sack, Geschichte im öffentlichen Raum. Theorie – Praxis – Berufsfelder, Tübingen 2016.
33.
Vgl. Philipp Sarasin, 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, Berlin 2021.

Cord Arendes

Zur Person

Cord Arendes

ist Professor für Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History am Historischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
cord.arendes@zegk.uni-heidelberg.de


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