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29.10.2021

Jüdischer Sport und Antisemitismus. Geschichte und Gegenwart

Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio verzichtete der Algerier Fethi Nourine in der ersten Runde der Judo-Wettkämpfe auf seinen Start, um einer möglichen Begegnung mit dem Israeli Tohar Butbul aus dem Weg zu gehen. Der Sudanese Mohamed Abdalrasool gab vor der zweiten Runde ebenfalls kampflos auf. Die beiden Judoka ergänzen eine Reihe von Sportler*innen, die internationale Wettkämpfe gegen israelische Athlet*innen verweigern. Schon einen Tag vor Beginn der Spiele wurde der Kreativdirektor der Eröffnungsfeier von seinen Aufgaben entbunden, da er in einer Fernsehshow einige Jahre zuvor Witze über die Shoah gemacht hatte. Zudem zeigte das Internationale Olympische Komitee zum wiederholten Mal einen verharmlosenden Umgang mit den dunklen Flecken der Sportgeschichte, als in einem zweiminütigen Werbevideo Ausschnitte des NS-Propagandafilms von Leni Riefenstahl zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin ohne jegliche historische Einordnung verwendet wurden.[1]

Diese aktuellen Ereignisse – innerhalb weniger Tage auf der größten Bühne des Sports – verdeutlichen, dass antisemitische Vorkommnisse im Sport gleichermaßen eine historische und gegenwärtige Herausforderung sind. Das tatsächliche Ausmaß wird im öffentlichen Diskurs indes häufig unterschätzt oder allein auf die Verbrechen der NS-Zeit reduziert. Jedoch sollte die Thematisierung dieser Problematik nicht dazu führen, die positive Bedeutung des Sports für die jüdische Gemeinschaft und den Beitrag jüdischer Sportler*innen zum deutschen Sport zu vergessen.

Partizipation in der deutschen Turnbewegung

Bereits ab dem 19. Jahrhundert waren Jüdinnen und Juden in deutschen Turn- und Sportvereinen aktiv und engagiert; diesbezüglich können drei Phasen unterschieden werden:[2] In ihrer Entstehungsphase war die deutsche Turnbewegung stark vom "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn geprägt. Er gründete 1810 in der Hasenheide bei Berlin den nationalistischen "Deutschen Bund", der sich der Einigung und Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Besatzung verschrieb. Das Turnen diente dabei der körperlichen Vorbereitung zukünftiger "Freiheitskämpfer" und umfasste gymnastische Übungen, die durch neue Geräte wie Reck und Barren weiterentwickelt wurden, sowie auch Schwimmen, Fechten und Wandern.[3] Hier waren ausschließlich Männer "deutscher Abstammung" willkommen, weshalb Jüdinnen und Juden selbst nach Konversion zum Christentum ausgeschlossen waren.[4]

In der zweiten Phase ab den 1840er Jahren wurden in der Turnbewegung demokratisch-liberale Haltungen präsenter, fortan stand jüdischen Personen ebenfalls die Möglichkeit zur Mitwirkung bei Vereinsgründungen oder die Ausübung von Vereinsämtern offen. Hinzu kam 1869 die (formale) rechtliche Gleichstellung in den Gebieten des Norddeutschen Bundes durch das "Gesetz, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung".

Doch die scheinbare rechtliche und soziale Emanzipation erwies sich als trügerisch: Ab der dritten, spätestens auf das Ende des 19. Jahrhunderts zu datierenden Phase kamen auch im Vereinswesen wieder antisemitische Strömungen auf. Der seit Jahrhunderten bestehende und in erster Linie religiös begründete Antijudaismus wandelte sich zum modernen Antisemitismus, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Jüdinnen und Juden in einem System aus Ressentiments und Verschwörungserzählungen für komplexe und ambivalente Aspekte einer modernen Gesellschaft verantwortlich gemacht werden.[5]

Offener Judenhass in den Turnvereinen war zu dieser Zeit zunächst vor allem auf österreichischem Gebiet virulent. Im Turnkreis XV, der die Gesamtheit der österreichischen Turnvereine verwaltete, wurde 1901 ein "Arierparagraph" eingeführt, der jüdische Menschen von der Vereinsmitgliedschaft ausschloss.[6] Im reichsdeutschen Gebiet äußerten sich antisemitische Tendenzen subtiler, allerdings gelang es spätestens ab den 1890er Jahren jüdischen Mitgliedern immer seltener, Führungspositionen in den Vereinen zu erreichen.[7] Nichtsdestotrotz war der Anteil jüdischer Mitglieder in den Vereinen der Deutschen Turnerschaft mit 1,2 bis 1,9 Prozent zu dieser Zeit höher als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung (etwa 1 Prozent)[8] – unter anderem, weil die Mitgliedschaft für national denkende Jüdinnen und Juden ein wichtiges Symbol gesellschaftlicher Zugehörigkeit war.[9]

Parallel zur in Deutschland dominanten Turnbewegung verbreiteten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die englisch geprägten sports auch international. Bereits für diesen Zeitraum sind herausragende Leistungen jüdischer Athlet*innen dokumentiert, wie etwa von Daniel Mendoza, einem der "Väter des modernen Boxens",[10] oder dem US-Amerikaner Laurence E. Myers, der zeitweise sämtliche Landesrekorde zwischen 50 Yards und einer Meile hielt.[11]

Anfänge der jüdischen Turn- und Sportbewegung

Der immer stärker aufkeimende Antisemitismus hatte bereits 1895 in Konstantinopel und 1897 in Wien zur Gründung eigener jüdischer Turnvereine geführt.[12] Zusätzlich bildete der entstehende jüdische Nationalismus ein ideologisches Fundament für die Neugründungen. Beim zweiten Zionistenkongress 1898 in Basel skizzierte Max Nordau, Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation und Hausarzt Theodor Herzls, seine Vorstellungen zur Verwirklichung eines jüdischen Nationalstaats. Er prägte den Begriff des "Muskeljudentums", der fortan die bisherige Fokussierung auf die geistig-intellektuelle Ausbildung im traditionellen Judentum flankieren sollte – als Vorbereitung zum Aufbau eines Staates in Palästina.[13]

Den Auftakt jüdischer Vereinsgründungen auf deutschem Boden machte 1898 Bar Kochba Berlin. Der Verein wurde in der Folge auch Mitglied der 1903 geschaffenen Jüdischen Turnerschaft, die jedoch zunächst vor allem Vereine aus Mittel- und Osteuropa sowie Palästina umfasste. Der Erfolg der Bewegung in Deutschland blieb zunächst überschaubar,[14] nicht zuletzt, weil ein nicht unwesentlicher Anteil der Mitglieder sich den nun auch in Deutschland prosperierenden Sportvereinen zuwandte. Das dem Sport inhärente Leistungs- und Rekordprinzip stand in klarer Konkurrenz zum völkisch-national orientierten Turnen und war für viele Jüdinnen und Juden attraktiv, "da ihnen durch diese Werte der gesellschaftliche Aufstieg ins Bürgertum ermöglicht worden war".[15]

Walther Bensemann, 1896. (© Archiv Verlag Die Werkstatt, Bielefeld)

Dies galt insbesondere für den zum Massenphänomen aufsteigenden Fußball. Zweifellos eine der wichtigsten Persönlichkeiten aus der frühen Zeit des deutschen Fußballs war der jüdischstämmige Vereinspionier Walther Bensemann, der ab 1889 mehrere Fußballvereine in Süddeutschland mitgründete, 1898 die ersten internationalen Spiele deutscher Auswahlteams organisierte und 1900 als Delegierter an der Gründung des Deutschen Fußball-Bunds beteiligt war. Darüber hinaus schuf und leitete er das erste deutsche und bis heute bestehende Sportmagazin "Kicker", bis ihn die Politik der Nationalsozialisten 1933 zur Emigration in die Schweiz trieb.[16]

Zum erfolgreichsten jüdischen Fußballteam im deutschsprachigen Raum entwickelte sich Hakoah Wien. Siege gegen europäische Spitzenvereine und das Erringen der österreichischen Meisterschaft 1925 wurden weit über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen.[17] Auch abseits des Fußballs feierten jüdische Sportler*innen internationale Erfolge für Deutschland, zum Beispiel die mehrfache Leichtathletik-Weltrekordlerin Lili Henoch, der Eishockey-Nationalspieler Rudi Ball oder der Schach-Weltmeister Emanuel Lasker.[18]

Diesen "Vorzeigeathlet*innen" zum Trotz nahm nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Antisemitismus auch im Sport massiv zu – unter anderem genährt durch die "Dolchstoßlegende". Dabei hatten sich während des Kriegs selbst die zionistisch geprägten Vereine den Interessen des Kaiserreichs angeschlossen und eigene Abteilungen zur militärischen (Vor-)Erziehung für künftige Generationen geschaffen, während ihre Mitglieder an der Front kämpften. Die wachsende Bedrohung für Jüdinnen und Juden wurde unterschiedlich interpretiert, wie sich anhand der verschiedenen Verbandsgründungen nachvollziehen lässt.

Die nationaljüdisch orientierten Vereine der Jüdischen Turnerschaft konstituierten sich 1919 unter dem Namen "Deutscher Makkabi Kreis" neu und wurden zwei Jahre später Teil des Makkabi-Weltverbands mit Sitz in Berlin.[19] Makkabi war entscheidend durch die Auswirkungen der britischen Balfour-Deklaration von 1917 geprägt, in der das Vereinigte Königreich sein Einverständnis zur Errichtung einer "nationalen Heimstätte" für das jüdische Volk in Palästina erklärte. Erstmals erschien die Verwirklichung der zionistischen Idee tatsächlich umsetzbar.[20] In den Folgejahren entstanden in der Weimarer Republik zahlreiche Vereine Namens "Makkabi" oder "Bar Kochba". 1932 wurde in Tel Aviv die erste "Makkabiah" veranstaltet – nicht nur als Möglichkeit zum sportlichen Vergleich, sondern auch, um das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Jüdinnen und Juden in Palästina und jenen in der Diaspora zu stärken.[21] Bei der zweiten Makkabiah 1935, ebenfalls in Tel Aviv, stellte Deutschland unter den 1.350 Athlet*innen aus 28 Ländern die größte Delegation. Dies nutzten zahlreiche Sportler*innen und blieben trotz Kontrolle der englischen Mandatsmacht im Land.[22]

Die zweite große Strömung der jüdischen Turn- und Sportbewegung organisierte sich im 1933 gegründeten Sportbund Schild, der auf dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) von 1919 basierte. Der RjF verstand sich deutsch-national und antizionistisch und stand dementsprechend ideologisch in starker Konkurrenz zu Makkabi. Bereits Mitte der 1920er Jahre existierten RjF-Sportgruppen, teilweise auch unter dem Namen Schild, doch erst mit dem Ausschluss jüdischer Mitglieder aus den allgemeinen Turn- und Sportvereinen stieg ihre Mitgliederzahl deutlich an. Ab 1933 bot der Sportbund Schild ein breites Spektrum an Sportarten an und organisierte beispielsweise eine eigene Fußball-Reichsmeisterschaft.[23] Ungeachtet der gemeinsamen Bedrohung kam es nach 1933 zwischen Makkabi und Schild lediglich zu punktuellen Annäherungen. Erst ab 1937 war eine "Zweckgemeinschaft" der beiden Sportorganisationen zu beobachten, unter anderem, weil auch der RjF angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen seiner Mitglieder in Deutschland nun deren Auswanderung vorantrieb.

Neben Makkabi und Schild gab es in der Zeit vor 1933 außerdem jüdische Vereine der Arbeitersportbewegung und solche, die sich als neutral betrachteten. So hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg vor allem in Westdeutschland der Verband jüdisch-neutraler Turn- und Sportvereine (VINTUS) gebildet. Nach 1933 schloss sich die Mehrheit der 18 VINTUS-Vereine der Makkabi-Bewegung an.

Insgesamt standen die jüdischen Turn- und Sportverbände "vom Beginn ihrer Gründung an im Spannungsfeld konkurrierender Sport- und Gesellschaftsmodelle, suchten sie ihren Weg zwischen antisemitischer Ausgrenzung, assimilatorischer Anpassung und zionistischer Utopie".[24] Wenngleich bis zur NS-Machübernahme ein Zuwachs der Mitgliederzahlen in den jüdischen Verbänden verzeichnet wurde, blieb die überwiegende Mehrheit der sportbegeisterten jüdischen Bevölkerung so lange wie möglich in den allgemeinen Vereinen organisiert.

"Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei"

Schon 1933 begannen deutsche Sportorganisationen in vorauseilendem Gehorsam, Jüdinnen und Juden auszuschließen. Trotz omnipräsenter Diskriminierungen und unberechenbarer Eingriffe in den Sportbetrieb im nationalsozialistischen Deutschland stiegen die Mitgliederzahlen in den jüdischen Sportvereinen auf fast 50.000 an.[25] Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurde als Teil der Olympia-Fassade zur Inszenierung eines friedlichen Deutschlands auch jüdischen Sportler*innen scheinbar die Chance eröffnet, sich für die Teilnahme an den Wettkämpfen zu qualifizieren. In jüdischen Sportorganisationen nährte dies den Antrieb, das Vorurteil der körperlichen Unterlegenheit auf internationaler Bühne zu entkräften. Entgegen der offiziellen Verlautbarungen kam es faktisch jedoch zu einem indirekten Ausschluss deutsch-jüdischer Athlet*innen – mit Ausnahme der "Halbjuden" Rudi Ball und Helene Mayer –, der vor allem durch die Herstellung desolater Trainingsbedingungen realisiert wurde. [26] Den systematischen Behinderungen zum Trotz gelang es der jüdischen Weltklasse-Hochspringerin Gretel Bergmann vier Wochen vor Beginn der Spiele, den deutschen Rekord über 1,60 Meter einzustellen und sich nach sportlichen Kriterien für die Spiele zu qualifizieren. Die Teilnahme wurde ihr dennoch mit der fadenscheinigen Begründung eines nicht ausreichenden Leistungsstands verwehrt. Bereits 1933 war Bergmann als Reaktion auf den Ausschluss aus ihrem Sportverein nach England emigriert, angesichts drohender Konsequenzen für ihre Familie kehrte sie jedoch im Vorfeld der Spiele nach Deutschland zurück.[27]

Gretel Bergmann, 1934. (© Bildarchiv Pisarek / akg-images)


Abseits des von der Reichssportführung propagierten Bilds eines toleranten Deutschlands wurde in den Reihen der SA bereits die Parole "Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei!" skandiert.[28] Die immer stärker werdenden Repressalien gegenüber jüdischen Sportvereinen äußerten sich zunächst unter anderem im Entzug öffentlicher Sportplätze für jüdische Sportvereine. Mit den Novemberpogromen 1938 war dann das vorläufige Ende des organisierten jüdischen Sports besiegelt. Sportstätten wurden geraubt oder zerstört, die Vereinsmitglieder ausgegrenzt und entrechtet. Spätestens ab 1942 gab es in Deutschland keine jüdische Sportbewegung mehr.

Dem Sporthistoriker Henry Wahlig zufolge hatte die Sportbetätigung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit vor allem zwei Effekte: Zum einen stiftete der Sport in einer zerfallenden und unterdrückten jüdischen Bevölkerung Identität und Zusammenhalt, zum anderen bot er die Chance zur Entdeckung und Entwicklung eines neuen Selbstbewusstseins, indem der im Alltag erfahrenen Zuschreibung der auch körperlichen Minderwertigkeit entgegengewirkt und die Widerstandsfähigkeit gestärkt werden konnte.[29]

Neuaufbau des jüdischen Sports

Nach Kriegsende lebten bis Beginn der 1950er Jahre etwa 250.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland als "Displaced Persons" in Kasernen, auf Bauernhöfen oder in ehemaligen Zwangsarbeiterlagern. Die übergroße Mehrheit von ihnen wartete auf die Möglichkeit zur Ausreise nach Israel/Palästina oder in andere Emigrationsländer. Insbesondere in der amerikanischen Besatzungszone wurde den Displaced Persons eine weitgehende politische und kulturelle Autonomie gestattet. Fernab der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung bildete sich ein selbstverwaltetes Gemeindewesen mit Schulen, Ausbildungsstätten und Kultureinrichtungen.[30] Eine wichtige Säule war zudem die Möglichkeit zur sportlichen Aktivität, weshalb mit Unterstützung des Maccabi World Union Committee for Germany zahlreiche Sportvereine entstanden.[31] Dabei erfreuten sich Fußball, Boxen und Volleyball besonderer Beliebtheit, in der amerikanischen Besatzungszone wurden sogar eigene Fußballligen installiert.[32] Doch "als die letzten dieser Lager aufgelöst wurden, gab es auf deutschem Boden keinen jüdischen Sportverein mehr. Es schien auch kein Bedarf dazu bestehen, da sich kaum jemand vorstellen konnte, dass es je wieder ein jüdisches Leben in Deutschland geben würde."[33]

Die türkische und die deutsche Basketballmannschaft bei den European Maccabi Games 2015 in Berlin. (© picture-alliance, dpa | Rainer Jensen)


Entgegen dieser Erwartung entstanden jedoch wieder jüdische Gemeinden, und eineinhalb Jahrzehnte nach Kriegsende wurden auch wieder jüdische Sportvereine gegründet. Der TuS Maccabi Düsseldorf (ehemals SC) bildete 1961 den Auftakt, weitere Vereine in Münster und Köln folgten, bis es 1965, wenige Tage nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik, schließlich zur Gründung der Dachorganisation Turn- und Sportverband Makkabi Deutschland kam. Nach anfänglichem Widerstand von internationaler Seite wurde der Verband Mitglied der Makkabi-Weltunion, ein weiterer Meilenstein war die Teilnahme an der 8. Maccabiah 1969 in Israel unter schwarz-rot-goldener Flagge.[34] Den symbolischen Höhepunkt fand die Wiedereingliederung des deutschen Makkabi-Verbands in die internationale Bewegung mit der Ausrichtung der European Maccabi Games 2015 in Berlin – unter anderem an jenen Sportstätten, zu denen Gretel Bergmann 79 Jahre zuvor der Zutritt verweigert worden war.[35]

Insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach ihrer (Neu-)Gründung erfüllten die deutschen Makkabi-Vereine neben der bloßen Bereitstellung eines Sportangebots zwei wesentliche Funktionen: Die Schaffung eines Ankerpunkts und sicheren Rückzugsorts für ihre Mitglieder, sowie die Sichtbarmachung des Lebens der – mit weniger als 30.000 Angehörigen bis in die 1990er Jahre noch sehr kleinen – jüdischen Gemeinde. Heute hat Makkabi Deutschland mehr als 5.000 Mitglieder, von denen etwa 40 Prozent jüdisch sind.[36] Die interreligiöse Zusammensetzung mag zunächst überraschen, spiegelt jedoch den seit den 2000er Jahren intensivierten Öffnungsprozess des Verbands wider. Mit 39 Ortsvereinen und einem breiten Angebot aus weit über 30 Sportarten, Freizeitaktivitäten und sozialen Projekten sowie einer eigenen Jugendorganisation ist Makkabi heute das Gesicht einer lebendigen jüdischen Sportkultur in Deutschland, die sich der Wahrung jüdischer Traditionen sowie der Realisierung kultureller Vielfalt verschrieben hat.

Antisemitismus im Sport der Gegenwart

Häufigkeit erlebter antisemitischer Vorfälle von Mitgliedern deutscher Makkabi-Sportvereine, in Prozent. (© Lasse Müller)


Die Konfrontation mit subtilem und offen bekundetem Antisemitismus ist für Jüdinnen und Juden in Deutschland auch heute ein Teil ihrer Lebensrealität. Dies offenbaren die dokumentierten Vorkommnisse auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ebenso wie Erhebungen antisemitischer Einstellungsmuster in der deutschen Bevölkerung, etwa im Rahmen der "Mitte-Studien".[37] Auch im Sport, und insbesondere im Fußball, waren und sind antisemitische Vorkommnisse in den verschiedensten Kontexten im gesamten Zeitraum seit Bestehen der Bundesrepublik zu beobachten.[38] Der Soziologe Florian Schubert klassifiziert die abwertende Nutzung des Wortes "Jude" gar als "die größte Beleidigung im Fußball".[39]

Einen Überblick über die gegenwärtige Verbreitung antisemitischer Vorfälle gegenüber Mitgliedern der deutschen Makkabi-Sportvereine liefert eine aktuelle quantitative Erhebung des von Makkabi Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Deutschland getragenen Projekts "Zusammen1 – Für das, was uns verbindet".[40] Demnach waren 39 Prozent aller befragten Makkabi-Mitglieder schon mindestens einmal in direktem Zusammenhang mit ihrer Mitgliedschaft von einem antisemitischen Vorfall betroffen (Abbildung). Besonders der Fußball scheint dabei Gelegenheitsstrukturen für antisemitische Diskriminierungen zu bieten – über zwei Drittel der befragten Mitglieder aus den Fußballabteilungen sahen sich bereits mindestens einmal mit einem Vorfall konfrontiert, 55 Prozent sogar mehrfach. Die Vorfälle richten sich gegen jüdische wie nichtjüdische Sportler*innen, obschon Letztere im Vergleich etwas seltener betroffen sind, und finden sowohl auf als auch abseits der Sportanlagen statt. Die häufigste Ausdrucksform bilden verbale Beleidigungen oder versteckte Andeutungen, allerdings sind auch körperliche Angriffe um ein Vielfaches präsenter als bei antisemitischen Vorfällen in anderen Gesellschaftsbereichen.[41]

Die von den Teilnehmer*innen der Studie geschilderten Erfahrungen offenbaren darüber hinaus die inhaltliche Bandbreite antisemitischer Vorfälle: Verzeichnet wurden unter anderem Äußerungen im Kontext von Verschwörungsmythen ("Ihr Juden habt das mit dem Corona gemacht!") wie auch verschiedene Diskriminierungen mit Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus (Post-Shoah-Antisemitismus). Zum Beispiel beschrieb ein Teilnehmer, wie die gegnerische Mannschaft in der Umkleidekabine lachend fragte, warum kein Gas aus den Duschen käme. Als ebenfalls präsentes Phänomen konnte der israelbezogene Antisemitismus identifiziert werden, bei dem als jüdisch wahrgenommene Personen kollektiv für die Handlungen des Staates Israel verantwortlich gemacht werden, wie es die Vorfallsbeschreibung eines Fußballers aufzeigt: "Nach einer Niederlage wurden wir von Spielern der gegnerischen Mannschaft als ‚Scheiß Juden‘ beschimpft – zudem zeigten sie uns T-Shirts unter ihren Trikots, auf denen Free Palestine stand!" Die Regelmäßigkeit und Intensität der Vorfälle hat Auswirkungen auf das Sicherheitsempfinden der Sportler*innen: So gaben 38 Prozent an, sich beim Tragen von Makkabi-Kleidung außerhalb der Sportanlagen unsicher zu fühlen.[42]

Aktivitäten zur Bekämpfung von Antisemitismus durch den organisierten Sport in Deutschland werden von den Befragten gemischt bewertet: 51 Prozent sind (eher) der Meinung, dass das Thema von den Verbänden ignoriert werde. Diese Wahrnehmung könnte auch eine Ursache für ein "Underreporting" hinsichtlich der Meldung erlebter Vorfälle durch die Betroffenen sein. Lediglich 38 Prozent der Befragten gaben selbst im Rückblick auf besonders eindrückliche Vorfälle an, auf eine Meldung an eine Stelle des organisierten Sports hingewirkt zu haben. Doch ohne die Sichtbarmachung der Häufigkeit und Intensität der Vorkommnisse bleibt Handlungsdruck für die Verantwortlichen in Politik und Sport aus, die Folge sind Bagatellisierungsstrategien unter Sportfunktionär*innen.[43] Zudem ist zu bedenken, dass die Vorfälle gegenüber Makkabi wohl nur die Spitze des Eisbergs ausmachen und die Abwertung des Gegenübers mit antisemitischen Sprachbildern auch in gänzlicher Abwesenheit jüdischer beziehungsweise als jüdisch wahrgenommener Personen stattfindet. Fest steht: Der Erfolg der Antisemitismusbekämpfung im Sport hängt unmittelbar mit der Bereitschaft der Sportverbände zusammen, sich dieses Themas gründlich anzunehmen.

Der Sport präsentiert sich somit als ein historisch wie aktuell ambivalentes Feld jüdischen Lebens in Deutschland. Auf der einen Seite war und ist er immer wieder Schauplatz antisemitischer Diskriminierung und Ausgrenzung, auf der anderen Seite erweist er sich aber regelmäßig auch als ein Paradebeispiel für gelingendes Zusammenleben und wechselseitige, gesellschaftliche Anerkennung – und nicht zuletzt als ein Stück Normalität und Lebensfreude.
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Fußnoten

1.
Vgl. Leticia Witte, Antisemitismus "trauriger Teil der Realität", 3.8.2021, http://www.domradio.de/themen/sport-und-kirche/2021-08-03/antisemitismus-trauriger-teil-der-realitaet-juedischer-sportverband-blickt-kritisch-auf-olympia«.
2.
Einteilung nach Henry Wahlig, Sport im Abseits. Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland, Bonn 2015, S. 31–34.
3.
Vgl. Michael Krüger, Einführung in die Geschichte der Leibeserziehung und des Sports, Teil 2: Leibeserziehung im 19. Jahrhundert. Turnen fürs Vaterland, Schorndorf 2005, S. 40–69.
4.
Vgl. Werner Bergmann, Jahn, Friedrich Ludwig, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd. 2, Berlin 2009, S. 404.
5.
Vgl. Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/M. 2010.
6.
Vgl. Wahlig (Anm. 2), S. 32f.
7.
Vgl. Dieter Dueding, Von der Opposition zur Akklamation. Die Turnbewegung im 19. Jahrhundert als politische Bewegung, in: Stadion 2/1992, S. 209–224.
8.
Vgl. Arno Herzig, 1815–1933: Emanzipation und Akkulturation, in: Informationen zur politischen Bildung 307/2010, S. 36–50.
9.
Vgl. Wahlig (Anm. 2), S. 33.
10.
Vgl. John Efron, Eine alternative Integrationsgeschichte der Moderne. Die Karriere des sephardischen Boxers Daniel Mendoza, in: Gisela Dachs (Hrsg.), Jüdischer Almanach Sport, Berlin 2011, S. 35–41.
11.
Vgl. Sportmuseum Berlin, Internationale Wanderausstellung "Sport unter dem Davidstern", Berlin 1998.
12.
Vgl. Arthur Hanak, Die Anfänge der organisierten jüdischen Turn- und Sportbewegung, in: John Bunzl (Hrsg.), Hoppauf Hakoah. Jüdischer Sport in Österreich, Wien 1987.
13.
Vgl. Daniel Wildmann, Muskeljuden, turnende Juden und moralische Juden, in: Dachs (Anm. 10), S. 103–113.
14.
Bemerkenswert erscheint indes, dass von den knapp 400 Mitgliedern, die Bar Kochba Berlin 1903 zählte, immerhin rund ein Drittel Frauen waren. Auch in der Jüdischen Turnerschaft blieb der Frauenanteil in den Folgejahren stabil bei etwa 37 Prozent (1912). Vgl. Daniel Wildmann, Der Körper im Körper. Jüdische Turner und Jüdische Turnvereine im Deutschen Kaiserreich 1898–1914, in: Peter Haber/Erik Petry/ders. (Hrsg.), Jüdische Identität und Nation. Fallbeispiele aus Mitteleuropa, Köln 2006, S. 50–86.
15.
Wahlig (Anm. 2), S. 36. Vgl. auch Christiane Eisenberg, "English Sports" und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800–1939, Paderborn 1999, S. 215–260.
16.
Vgl. Bernd-M. Beyer, Walther Bensemann – Ein Internationaler Pionier, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.), Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Hildesheim 2003, S. 82–100.
17.
Vgl. Sportmuseum Berlin (Anm. 11).
18.
Vgl. Berno Bahro et al., Zwischen Erfolg und Verfolgung. Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach, Website zur gleichnamigen Wanderausstellung, 2015–2021, http://juedische-sportstars.de«.
19.
Vgl. Makkabi Deutschland, Was ist Makkabi?, o.D., https://makkabi.de/ueber-uns«.
20.
Vgl. Manfred Lämmer, 100 Jahre Makkabi-Weltverband (1921–2021), 26.4.2021, https://makkabi.de/2021/04/26/100-jahre-makkabi-weltverband-1921-2021«.
21.
Vgl. Sportmuseum Berlin (Anm. 11).
22.
Vgl. Lämmer (Anm. 20).
23.
Vgl. Werner Skrentny, Jüdische Sportvereine. Makkabi und Sportbund Schild, 1933 bis 1938, in: Lorenz Peiffer/Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.), Hakenkreuz und rundes Leder. Fußball im Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 474–488.
24.
Sportmuseum Berlin (Anm. 11), S. 1.
25.
Vgl. Skrentny (Anm. 23).
26.
Vgl. Wahlig (Anm. 2), S. 151–154.
27.
Vgl. Lorenz Peiffer, Gretel Bergmann – gefeiert, verfolgt und dann vergessen! Leistungen und Schicksal einer jüdischen Sportlerin in Deutschland, in: Martin Furtwängler/Christiane Pfanz-Sponagel/Martin Ehlers (Hrsg.), Nicht nur Sieg und Niederlage. Sport im deutschen Südwesten im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2011, S. 177–192.
28.
Vgl. Arnd Krüger, Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei. Das Verhältnis der Juden zu den Olympischen Spielen von 1936, in: Karl E. Grözinger/Gert Mattenklott/Julius H. Schoeps (Hrsg.), Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, München 1994, S. 331–348.
29.
Vgl. Wahlig (Anm. 2).
30.
Vgl. Jim G. Tobias, "Ichud ojch wajter der bester in undzer zone". München 1947: 5000 Zuschauer verfolgen die Finalspiele der jüdischen Fußball-Liga im Grünwalder Stadion, in: Sportzeiten 2/2008, S. 81–87.
31.
Vgl. Lämmer (Anm. 20).
32.
Vgl. Tobias (Anm. 30).
33.
Lämmer (Anm. 20).
34.
Vgl. Robin Streppelhoff, "Makkabi Chai" – der jüdische Sport in Deutschland nach 1945, in: Deutscher Olympischer Sportbund, DOSB-Presse 22/2015, S. 14f.
35.
Vgl. Lämmer (Anm. 20).
36.
Vgl. Makkabi Deutschland (Anm. 19).
37.
Vgl. u.a. Andreas Zick/Beate Küpper (Hrsg.), Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21, Bonn 2021.
38.
Vgl. Pavel Brunssen, Antisemitismus in Fußball-Fankulturen. Der Fall RB Leipzig, Weinheim 2021, S. 38–44; Florian Schubert, Antisemitismus im Fußball: Tradition und Tabubruch, Göttingen 2019.
39.
"Jude ist die größte Beleidigung im Fußball", Interview mit Florian Schubert, 12.11.2019, http://www.zeit.de/sport/2019-09/antisemitismus-fussball-stadien-fans-florian-schubert«.
40.
Vgl. Lasse Müller, Zwischen Akzeptanz und Anfeindung. Antisemitismuserfahrungen jüdischer Sportvereine in Deutschland, Frankfurt/M. 2021.
41.
Vgl. Andreas Zick et al., Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland. Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus, Bielefeld 2017.
42.
Vgl. Müller (Anm. 40), Zitate ebd.
43.
Vgl. Hannes Delto/Petra Tzschoppe, Wir und die Anderen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im organisierten Sport in Sachsen, Leipzig 2015, S. 7.

Lasse Müller, Jan Haut

Zur Person

Lasse Müller

promoviert zum Thema "Antisemitismus im Amateurfußball" am Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist Mitarbeiter im Projekt "Zusammen1 – Für das, was uns verbindet" zur Antisemitismusprävention im Sport.
mueller@sport.uni-frankfurt.de


Zur Person

Jan Haut

ist promovierter Sozial- und habilitierter Sportwissenschaftler und als Privatdozent am Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre zählen Sportgeschichte sowie soziale Ungleichheiten und Diskriminierung im Sport.
haut@sport.uni-frankfurt.de


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