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17.9.2021

"Was viele Jugendliche abfuckt …" Wie sollte Politik für die Jugend aussehen?

In der Covid-19-Pandemie mussten Kinder und Jugendliche in Deutschland einmal mehr eine ernüchternde Erfahrung machen: nämlich, dass ihre altersspezifischen Interessen und Bedürfnisse in den politischen Entscheidungsprozessen nachrangig behandelt werden. Mediale Aufmerksamkeit erhielten vor allem diejenigen von ihnen, die sich trotz Kontaktbeschränkungen und Lockdown gruppenweise im öffentlichen Raum aufhielten und als Regelbrecher*innen markiert wurden. Jüngere Kinder hingegen blieben in der Öffentlichkeit weitestgehend unsichtbar, und über sie wurde in den ersten Wochen der Pandemie auch kaum gesprochen.

Als Kindheits- und Jugendforscher*innen ist uns daran gelegen, die Erfahrungen, Sichtweisen und Deutungen von Kindern und Jugendlichen in unseren Studien widerzuspiegeln. Durch die Kommunikation der Erkenntnisse wollen wir zudem einen Beitrag dazu leisten, dass junge Menschen gehört und gesehen, dass sie selbst und ihre Interessen in Entscheidungen einbezogen werden. Dieses Anliegen ist im Zuge der Pandemie besonders relevant geworden. Das Angebot des Forschungsverbunds "Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit" der Universitäten Frankfurt am Main und Hildesheim an Jugendliche und ihre Eltern, sich zwischen April und November 2020 an drei Online-Befragungen zu beteiligen, haben knapp 13.000 Jugendliche ab 15 Jahren und 25.000 Mütter und Väter mit Kindern unter 15 Jahren angenommen. Im Forschungsverbund haben wir diese hohe Beteiligung als Zeichen für einen gesellschaftlichen Mangel an Gehör und Anerkennung gewertet.

Die erste Erhebung richtete sich im April 2020 während des ersten "Lockdowns" an Jugendliche ab 15 Jahren (JuCo I), die zweite von Ende April bis Anfang Mai 2020 an Eltern und deren Kinder (KiCo), die dritte im November 2020 zu Beginn des "Lockdowns light" wiederum an Jugendliche und junge Erwachsene (JuCo II).[1] Ein für die Frage nach dem Verhältnis von Jugend und Politik relevantes Ergebnis in beiden Jugendstudien ist der Eindruck der jungen Generation, dass sie bei politischen Entscheidungen während der Pandemie übergangen wird.

Der Zitatausschnitt im Titel dieses Beitrags stammt aus einem der knapp 2000 Kommentare am Ende des Fragebogens. Der vollständige Kommentar lautet: "Was viele Jugendliche abfuckt ist das man überhaupt nicht gehört wird, die Tagesschau spricht über Schüler jedoch werden nur die Meinungen von erwachsenen gezeigt aber nicht von denjenigen die es überhaupt betrifft (die Schüler)."[2] Dieser Eindruck, ignoriert zu werden und primär Einschätzungen der älteren Menschen zu hören, ist allerdings nicht neu, insofern trifft in diesem Punkt die Metapher von Corona als "Brennglas" durchaus zu. Schon lange vor dem Ausbruch der Pandemie bewerteten Kinder und Jugendliche ihre Beteiligungsmöglichkeiten eher kritisch. In der Studie "Children’s World+" von 2019 zum Beispiel problematisierten Jugendliche die abwertende Haltung von Erwachsenen, wobei sie ihren Eltern eher eine positive Einstellung zu Beteiligung bei Entscheidungen attestieren.[3] Es geht ihnen primär um die Haltung im öffentlichen Kontext und insbesondere seitens der politisch Verantwortlichen.

Woran sich eine "Politik für die Jugend" – und dieser Begriff integriert in der folgenden Argumentation Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren – messen lassen muss, ist die Kernfrage dieses Beitrags. Ein erster Ausgangspunkt, auch in der internationalen Kindheits- und Jugendforschung, ist dabei die normativ geführte Diskussion über die Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlichen. Ohne eine Stärkung, so meine These, bleibt eine Politik für die Jugend Makulatur. Ich werde deshalb zunächst der Frage nach der seit vielen Jahren zu beobachtenden Abwehr gegenüber einer starken Verankerung von Kinder- und Jugendrechten ins Grundgesetz nachgehen. Daran anschließend geht es um ausgewählte Befunde aus der Kindheits- und Jugendforschung, die Gestaltungshinweise für eine an den Rechten, Interessen und Bedarfen von Kindern und Jugendlichen orientierten Politik geben können.

Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlichen

Die Aufnahme von Kinder- und Jugendrechten ins Grundgesetz ist zuletzt im Juni 2021 gescheitert. Zwar gab es einen Kabinettbeschluss, der immerhin vorsah, "das Wohl des Kindes angemessen zu berücksichtigen", aber letztlich konnten sich die im Bundestag vertretenen Parteien nicht darauf einigen.[4] Doch ohnehin wäre es wünschenswert, wenn das Kindeswohl bei politischen Entscheidungen nicht nur "angemessen", sondern "vorrangig" berücksichtigt werden müsste. Auch sollte das Recht auf Beteiligung explizit ins Grundgesetz aufgenommen werden.

Denn letztlich sollte sich eine zeitgemäße Politik "für" die Jugend an zwei Maßstäben messen lassen: erstens an der regelhaften und über Verfahren abgesicherten Beachtung der Bedarfe, Interessen und Pläne von Kindern und Jugendlichen sowie deren vorrangiger Berücksichtigung. Dies setzt ein echtes und langfristiges Interesse an der jungen Generation ebenso voraus wie die Bereitschaft, ihr zuzuhören und sie zu beachten. Zweitens sollte sich die Qualität einer Politik für die Jugend daran bemessen, wie die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ermöglicht und auf allen Ebenen etabliert wird. Dies erfordert Zeit und materielle Ressourcen für Beteiligungsprozesse und die Bereitschaft, Macht und Kontrolle zu teilen.

Die Forderung, die Rechte von Kindern und Jugendlichen auf diese Weise zu stärken, stößt nicht erst im Hier und Heute auf Zurückweisung. Vielmehr ist die Diskussion darüber von hartnäckigen Abwehrargumentationen durchzogen. Vier Narrative scheinen dabei besonders wirkmächtig zu sein: Erstens das einer unangemessenen Verantwortungsverlagerung von Erwachsenen auf Kinder; zweitens das einer Schwächung von Elternrechten; drittens das einer Abkehr von Erziehung; und viertens das der prinzipiellen Irrationalität von Entscheidungen und Handlungen in der Kindheits- und Jugendphase. Sie alle werden standardmäßig ins Feld geführt, wenn es darum geht, zivilgesellschaftliche Bestrebungen abzuwehren, die darauf zielen, eine an starken Kinder- und Jugendrechten orientierte Form der Generationengerechtigkeit zu etablieren.

Tatsächlich ließe sich jedes der vier Narrative argumentativ entkräften. Das Argument der Verantwortungsverschiebung auf die Jüngsten, denen es an Überblick und Kontrolle fehle, basiert auf einem angenommenen Gegeneinander und nicht einem Miteinander der Generationen. Beteiligungsformen auf allen Ebenen und bezogen auf alle Altersgruppen auf den Weg zu bringen, würde indes nicht weniger, sondern größere Verantwortung für die ältere Generation bedeuten, weil sich auch für sie Komplexität zunächst erhöht und Entscheidungs- und Handlungsprozesse anders moderiert werden müssen.

Die Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche mehr sind als nur ein Teil von "etwas", nämlich der Familie, hat sich offenbar ebenfalls noch nicht durchgesetzt. Sie als Rechtssubjekte anzuerkennen und anzusprechen, zielt aber keineswegs auf die Abschaffung von Elternrechten. Die Sorge, dass der Staat unbotmäßig in die Familie, in Eltern-Kind-Beziehungen und Erziehungsstile eingreifen könnte, erklärt sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Gleichwohl ist eine polarisierende Gegenüberstellung von Elternrechten hier und Kinderrechten dort höchst problematisch. Vielmehr wäre zu klären, ob und wie eine Stärkung der Kinderrechte in vielen Sachfragen – etwa in der Bildungspolitik, bei der Daseinsvorsorge oder in der Gesundheitspolitik – die Stellung von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern gegenüber dem Staat verbessern könnte. Hinzu kommt, dass nahezu alle aktuellen Studien, in denen Kinder und Jugendliche befragt werden, zu dem Ergebnis kommen, dass die Familie eine wesentliche Basis für das allgemeine Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen ist, die Mehrheit durchaus das Zusammenleben mit den engsten Angehörigen wertschätzt und sich häufig sogar mehr gemeinsame Zeit etwa mit den Vätern wünscht.[5]

Kinder und Jugendliche wünschen sich Erwachsene, die sich um sie und ihre Belange wirklich kümmern. Deshalb ist ein Plädoyer für die Stärkung ihrer Rechte nicht mit einer Abkehr von Erziehung gleichzusetzen. Erziehung ist wie Bildung als ein Recht zu verstehen. Denn der Mensch ist als soziales Wesen in einer komplexen Umwelt darauf angewiesen, dass ihm Dinge gezeigt und erklärt werden, dass Erfahrungen ermöglicht werden, ohne sich unnötigen Gefahren auszusetzen, dass über Richtiges und Falsches gesprochen, ja, dass überhaupt miteinander kommuniziert wird. Folglich führen Kinder- und Jugendrechte nicht zu einer antipädagogischen Abkehr von Erziehung. Allerdings schärft die kinderrechtstheoretische Orientierung den Blick für Situationen, in denen Erziehung zu einem Herrschaftsinstrument wird und Machtmissbrauch legitimiert. Vor diesem Hintergrund ist das in Deutschland erst im Jahr 2000 realisierte Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen, weil darüber auch Unrecht in Kindheit und Jugend thematisierbar wird.[6]

Besonders hartnäckig und kränkend ist das Narrativ der Irrationalität von Kindern und Jugendlichen in Entscheidungsprozessen beziehungsweise das Argument, man könne nicht darauf vertrauen, dass sie gut abwägen und vernünftig handeln. Jungen Menschen wird unterstellt, dass sie mit frei verfügbarer Zeit und eigenen finanziellen Mitteln ausschließlich nach Lust und Laune agieren würden. Abgesehen von der Frage, in welchem Maße diese Formen situativen oder lustvollen Vorgehens auch auf andere Altersgruppen zutrifft, hat doch gerade die Covid-19-Pandemie vor Augen geführt, in welch hohem Maße Kinder und Jugendliche in der Lage sind, ihr Verhalten zu regulieren.

Die Kommentare von Jugendlichen in beiden JuCo-Studien verdeutlichen allerdings, dass ihre Bereitschaft zum Verzicht, ihr Einsatz zum Wohl der Gemeinschaft und insbesondere zum Schutz besonders gefährdeter Menschen nur selten öffentlich durch politisch Verantwortliche anerkannt wurde. Darüber hinaus thematisierten die Teilnehmer*innen in der Befragung im November 2020 (JuCo II), dass ihnen wenig angeboten wurde, um eigene Ängste, Verunsicherung oder Zukunftssorgen sichtbar zu machen. Einerseits beherrschte die Pandemie den öffentlichen Diskurs, andererseits fanden relevante Themen für Jugendliche in der Pandemie kaum Aufmerksamkeit. In einem Kommentar am Ende der Befragung wird die daraus resultierende Zerrissenheit wie folgt beschrieben: "Vielen geht es psychisch nicht gut und manchmal weiß ich nach einer Nachricht oder einem Anruf nicht, ob sie die nächste Nacht überstehen werden. Dann sitze ich da und hoffe. Hoffe, dass ich nicht hätte eigentlich zu diesen Personen fahren müssen, dass ich mich richtig entscheide, indem ich zu Hause sitzen bleibe, niemanden ‚gefährde‘. Ich fühle mich überfordert und schutzlos und irgendwie ein bisschen, als könnte ich nichts richtig machen. Wir jungen Menschen versuchen glaube ich ganz verzweifelt alles richtig zu machen, verantwortungsvoll zu handeln."[7]

Mangel an Einfluss auf Politik

Kinder und Jugendliche haben keinen direkten Einfluss auf die Politik, und es gibt zahlreiche Belege dafür, dass auch ihre altersspezifischen Interessen und Bedürfnisse bislang nicht mal "angemessen" berücksichtigt werden. Es stellt sich die Frage, ob es neben den beschriebenen Narrativen dafür weitere, auch strukturelle oder generationenspezifische Ursachen gibt. So könnte eine These lauten, dass die Demografie ein maßgeblicher Faktor ist, dass also die Interessen von Kindern und Jugendlichen vor allem in jenen Ländern kaum berücksichtigt werden, in denen die entsprechenden Altersgruppen in der Minderheit sind.

Die ersten deskriptiven Ergebnisse eines Vergleichs zwischen 34 Ländern im Rahmen der Studie "Children’s Worlds" lassen allerdings Zweifel aufkommen, ob im Hinblick auf die Generationen Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse aussagekräftig genug sind, um Unterschiede subjektiver Zufriedenheit von Kindern und Jugendlichen mit der Gesellschaft, in der sie leben, erklären zu können. Die von der Jacobs-Foundation in Zürich geförderte Studie basiert auf repräsentativen Ländererhebungen bei Kindern und Jugendlichen zwischen acht und zwölf Jahren und fragt nach deren Wohlbefinden, nach Zufriedenheit und dem Alltag in Familie, Schule, Nachbarschaft und Freizeit. Einbezogen sind außerdem Fragen zur Beziehungsqualität mit Gleichaltrigen, zu Zukunftsfragen und Kinderrechten. Zudem werden anhand erprobter psychometrischer Skalen Vergleiche zum subjektiven allgemeinen Wohlbefinden zwischen den beteiligten Ländern und innerhalb der einzelnen Länder möglich.[8]

Vergleicht man die Antworten von Zwölfjährigen in Deutschland, einem Land mit vergleichsweise niedriger Geburtenrate (2018: 1,57 Geburten pro Frau), mit den Antworten ihrer Altersgenoss*innen in Israel, einem Land mit vergleichsweise hoher Geburtenrate (2018: 3,09), ergeben sich auf den ersten Blick durchaus Hinweise auf demografische Einflüsse. Während in Deutschland der Anteil derjenigen, die gar nicht zufrieden sind mit dem Zusammenleben in ihrer unmittelbaren Umgebung, bei 5,9 Prozent liegt, beträgt der Anteil in Israel 2,3 Prozent. In Deutschland sind 11,4 Prozent mit dem, was sie in der Schule lernen, sehr unzufrieden, in Israel sind es 8,9 Prozent. In Deutschland liegt der Anteil Zwölfjähriger, die ein niedriges allgemeines Wohlbefinden angeben, bei 3,7 Prozent, in Israel beträgt er 2,8 Prozent. Die Unterschiede mögen nicht groß erscheinen, gleichwohl könnte hieran anschließend geprüft werden, welche Maßnahmen in einem Land wie Deutschland mit seiner demografischen Entwicklung nötig wären, um eine überzeugende Politik für die Jugend zu realisieren.

Doch Demografie ist nur ein Faktor, und es müssen weitere Kriterien und Indikatoren hinzugezogen werden. Auch dafür geben internationale Vergleiche aufschlussreiche Hinweise. Der Anteil der Zwölfjährigen mit einem geringen allgemeinen Wohlbefinden liegt beispielsweise in Estland bei 7,1 Prozent und in Polen bei 7,2 Prozent, also deutlich höher als in Deutschland, und auch in diesen Ländern liegt eine vergleichsweise niedrige Geburtenrate vor (2018: 1,67 in Estland und 1,46 in Polen). In Estland und Polen ist aber der Anteil an Kindern und Jugendlichen besonders hoch, von denen ein oder beide Elternteile im Ausland arbeiten und über längere Zeiträume nicht mit ihren Kindern zusammenleben. Das geringere Wohlbefinden könnte also auch mit der Abwesenheit der Eltern zu tun haben und nicht mit der Demografie.

Diese ausgewählten und hier nur knapp skizzierten Befunde mögen dafür sensibilisieren, dass die Gestaltung einer Politik für die Jugend nicht nur von den Stimmen junger Menschen im eigenen Land profitieren würde, sondern gerade auch der internationale Vergleich weiterführende Perspektiven ermöglicht. Die Analyse des Datensatzes einer früheren Erhebung von "Children’s Worlds" in 15 Ländern durch ein Team aus Südkorea hat beispielsweise ergeben, dass ein positives Wohlbefinden insbesondere mit den Wahlmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen zusammenhängt.[9] Wenn Kinder und Jugendliche über realistische Optionen verfügen, zwischen diesen entscheiden und selbstbestimmt handeln können, werden sowohl die objektive Lebenslage besser als auch das subjektive Empfinden höher bewertet als bei denjenigen, denen nur wenige Optionen angeboten werden. Dies ist an sich aber keine neue Erkenntnis, weshalb sich vielmehr die Frage stellt, warum die positive Wirkung von Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielräumen in Kindheit und Jugend in Politik und Gesellschaft und vor allem auch in Bildungs- und Freizeiteinrichtungen bislang so wenig Berücksichtigung gefunden hat.

Eine Frage der Haltung

Der zentrale Ausgangspunkt der Argumentation, dass junge Menschen sich kaum gehört, gesehen und beteiligt fühlen, lässt sich also einerseits durch Kindheits- und Jugendstudien empirisch belegen und andererseits normativ kritisieren. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene deuten diesen Sachverhalt als Mangel an Respekt und fordern eine andere Haltung von Erwachsenen – so etwa ein Expert*innenteam aus Jugendlichen der Bertelsmann Stiftung (JEXTeam), nachdem es sich mit den in Deutschland erhobenen Daten für die Studie "Children’s Worlds+" befasst hatte.[10] Im Rahmen dieser repräsentativen Studie wurden über 3400 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren in Schulen befragt, zudem wurden 24 qualitative Gruppendiskussionen mit diesen Altersgruppen sowie mit jüngeren Kindern unter 6 Jahren und Jugendlichen bis 20 Jahre geführt. Die Auswertung der qualitativen Daten ermöglichte dabei eine vertiefte Analyse von Erfahrungen und Wahrnehmungen im Generationenverhältnis.

(Mangelnde) Rechte, Erfahrungen mit (Nicht-)Beteiligung oder aber das Übergehen der eigenen Interessen kamen in den Gruppendiskussionen aller Altersgruppen zur Sprache. Kinder und Jugendliche gaben dabei an, dass es ihnen wichtig sei, den Anlass für eine Entscheidung zu erfahren – und welche Möglichkeiten sie haben, sich daran zu beteiligen, beziehungsweise ob das Ergebnis eines Entscheidungsprozesses tatsächlich offen ist. Die Teilnehmer*innen der Gruppendiskussionen zeigten sich sensibel für Scheinbeteiligungen, die ihnen keine wirkliche Mitbestimmung eröffnen, und sie kritisierten, wenn ihr Wissen und ihre Meinung aufgrund ihres Alters nicht ernst genommen werden, "weil man jugendlich ist (…) Man sagt den Jugendlichen: Engagiert euch! Und wenn wir uns engagieren, dann sagen sie: Ihr habt doch eh keine Ahnung und was macht ihr da?! … Okay, dann lassen wir es halt bleiben!"[11]

In der begleitenden Broschüre des Jugendexpert*innenteams "Fragt uns" wird das Narrativ irrationaler Entscheidungen und Handlungen von Kindern und Jugendlichen kritisiert: "Erwachsene begegnen Kindern und Jugendlichen oft abwertend. Viele Erwachsene meinen zu wissen, was das ‚Wohl des Kindes‘ ist. Sie hören nicht zu und vor allem: Sie trauen uns nichts zu. Wir haben viel zu oft gehört: ‚Wenn wir jetzt Kinder fragen, was sie zum guten Leben brauchen, dann wollen sie doch alle ein Handy‘ oder ‚Das wird dann doch ein Wunschkonzert‘. Das zeigt deutlich die Haltung vieler Erwachsener."[12] Insbesondere bei der Diskussion über Kindergrundsicherung oder ein Teilhabegeld für Kinder tritt dieses Narrativ immer wieder hervor. Die Forderung des Jugendexpert*innenteams nach einer grundsätzlich veränderten Haltung von Erwachsenen bringt schließlich ein 16-Jähriger auf den Punkt: "Mir ist eigentlich egal, ob jemand Kinder und Jugendliche von oben herab behandelt oder ob er etwas Gutes ‚für‘ Kinder tun möchte. Das ist im Prinzip das Gleiche. Man nimmt uns nicht ernst. Es kommt darauf an, dass wir beteiligt werden."[13]

An diese Aussagen anschließend stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten politischer Bildung, die Beteiligung junger Menschen zu thematisieren und einen Diskurs über mehr Generationengerechtigkeit zu fördern, in dem das Wohl von Kindern und Jugendlichen besser zur Geltung kommt. Jüngere fühlen sich in vielen anderen Bereichen im Einklang mit den Älteren, weshalb die Spaltung bei der Einschätzung von Gehör, Stimme und Beteiligung besonders auffällt.

Wenn die ganze Welt über einen bestimmt

"Bei mir ist es so, die ganze Welt darf irgendwie immer über mich bestimmen. Jeder bestimmt über mich. Und wenn ich was nicht mache, rasten irgendwie immer alle aus. Ich verstehe es wirklich nicht. Ich war zu Hause, sollte ich mich ändern. In der Schule sollte ich auch anders sein, als ich zu Hause sein sollte. Also komplett anders. Dann in meiner alten Gruppe musste ich auch anders sein. Und das wird dann immer so weitergehen. Weil die immer wollen, dass ich anders bin als wie die anderen."[14]

Dieses Zitat stammt aus einer Gruppendiskussion mit Zehnjährigen, die in einem großstädtischen Hort mit drei Jungen und drei Mädchen im Rahmen von "Children’s Worlds+" geführt wurde. Die Kinder hatten zuvor unterschiedliche Erfahrungen damit besprochen, ob und wie sie innerhalb der eigenen Familie in Entscheidungen einbezogen werden und ob sie zu den "Bestimmer*innen" gehören. Das zitierte Kind thematisiert Ohnmacht, es erlebt die Erwartungen in Familie, Schule und Peergroup zudem als willkürlich, teilweise als widersprüchlich und beschreibt so die Erfahrung, fremdbestimmt zu sein. Das Augenmerk sei hier auf die Schlussfolgerung gerichtet, weil aus der Erfahrung in der Gegenwart eine Zukunftsvision abgeleitet wird: "Und das wird dann immer so weitergehen." Das heißt, dieses Kind sieht in diesem Moment keine persönlichen Entscheidungs- und Handlungsspielräume oder Möglichkeiten einer selbstbestimmten Persönlichkeitsentwicklung. Auch wenn es nicht die "ganze Welt" ist, die bestimmt, so gibt das Zitat doch Auskunft über ein Lebensgefühl junger Menschen.

Kinder und Jugendliche haben unterschiedlich ausgeprägte Vorstellungen von Politik, doch in den meisten Gruppendiskussionen stellen sie aus ihrer Lebensumwelt heraus gesamtgesellschaftliche Bezüge her und verweisen direkt oder indirekt auf Politik und Wirtschaft. Dafür steht das folgende Zitat eines zehnjährigen Mädchens: "Wenn man nicht mitbestimmen darf, weil, bei manchen Firmen, da bestimmen, also manche, die haben wirklich nur Geld und die wollen dann die Firma weitermachen und dann wollen halt ein paar nicht und dann dürfen nur die oberen Ränge mitentscheiden. Und wenn man dann selber keine Stimme hat, das ist dann schon blöd. Wenn die Firma dann schließt und man ist dann arbeitslos. Die anderen haben dann schon meistens einen Job, die weiter oben sind, in anderen. Und die unteren, die wissen gar nichts davon, auf einmal schließt die Firma. Deswegen finde ich es schon wichtig, dass man überhaupt Bescheid kriegt und dass man auch mitbestimmen darf."[15]

Wenn wirtschaftlich oder politisch über andere entschieden wird und man selbst keine Stimme hat, "das ist dann schon blöd". Dieses Mädchen problematisiert neben hierarchischen Verhältnissen insbesondere einen Mangel an Informationen und einen fehlenden Zugang zu Wissen. Um Entscheidungen gut begründet treffen zu können, muss man Bescheid wissen oder, wie die Zehnjährige es formuliert, "Bescheid kriegen". Eine Grundlage für Bildung und Teilhabe in der Demokratie ist demnach aus Sicht von Kindern und Jugendlichen der Zugang zu den richtigen Informationen. Über diese zu verfügen, bedeutet noch nicht, diese im Sinne von Bildungsprozessen zu verarbeiten. Aber wir stellen in verschiedenen Studien immer wieder fest, dass Informationen und der Zugang dazu von jungen Menschen sowie von weniger privilegierten Personen aller Altersgruppen als eine Ressource gesehen werden, über die sich Chancen verteilen: "Acht verdammte Stunden" lerne er am Tag, so ein 18-jähriger Schüler, aber über die nötigen Kenntnisse, wie man soziale Unterstützung erhalte und wo und wie man sie beantragen müsse, verfüge er nicht.[16]

Eine Politik für Kinder und Jugendliche muss umfassende Beteiligungsmöglichkeiten schaffen und einen Beitrag dazu leisten, dass ihre Interessen und Bedarfe vorrangig Berücksichtigung finden. Dazu ist es nötig, die hartnäckigen Vorbehalte gegenüber Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu überwinden.

Für den Argumentationsgang dieses Artikels ist die auch in der Kindheits- und Jugendforschung vertretene Orientierung an starken Rechten für Kinder und Jugendliche zentral. Die Defizite bei der Beteiligung und vorrangigen Berücksichtigung von Bedarfen und Interessen wurden duch die Covid-19-Pandemie nochmals deutlicher vor Augen geführt. Die bislang vorliegenden empirischen Ergebnisse sogenannter Corona-Studien bestätigen einen lange bekannten Befund: In vielen Lebensbereichen fühlen sich Kinder und Jugendliche durchaus im Einklang mit älteren Menschen, doch bei Fragen ihrer Interessenvertretung, der umfassenden Beteiligung und der Anerkennung ihres Beitrags zum gesellschaftlichen Zusammenhalt fühlen sie sich zurückgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist die Problematisierung der Haltung Erwachsener gegenüber Kinder- und Jugendrechten richtungsweisend. Die vorgestellten hartnäckigen Narrative gegen eine Stärkung der Rechtsposition beziehungsweise gegen starke Kinderrechte im Grundgesetz sind mit Haltungsfragen eng verbunden.

Davon ausgehend wäre eine konsequente Einbeziehung der Perspektive von Kindern und Jugendlichen und eine Art Monitoring, wie ihre Bedarfe und Interessen berücksichtigt werden, dringend geboten. Konzepte dafür liegen vor. Hier ermöglichen auch internationale Vergleiche neue Sichtweisen.

Es ist diese in Strukturen verfestigte Haltung, die, um den Bogen zum titelgebenden Zitat zu spannen, "viele Jugendliche abfuckt".
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sabine Andresen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Sabine Andresen et al., Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen. Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie JuCo, Hildesheim 2020; dies., Kinder, Eltern und ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie, Hildesheim 2020; dies., "Die Corona-Pandemie hat mir wertvolle Zeit genommen". Jugendalltag 2020, Hildesheim 2020; dies., Das Leben von jungen Menschen in der Corona-Pandemie. Erfahrungen, Sorgen, Bedarfe, Gütersloh 2021. Sämtliche Studien sind abrufbar unter https://t1p.de/studien-corona«.
2.
Andresen et al., Erfahrungen und Perspektiven (Anm. 1), S. 12. Schreibweise im Original.
3.
Vgl. Sabine Andresen/Renate Möller, Children’s Worlds+. Eine Studie zu Bedarfen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Gütersloh 2019.
4.
Vgl. Kinderrechte vorerst nicht im Grundgesetz, 7.6.2021, http://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kinderrechte-grundgesetz-113.html«.
5.
Vgl. World Vision Deutschland e.V., Kinder in Deutschland, Weinheim 2018.
6.
Vgl. Sabine Andresen, Gewalt in der Erziehung als Unrecht thematisieren. Perspektiven aus der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, in: Zeitschrift für Pädagogik 1/2018, S. 6–14.
7.
Vgl. dies., Sprachlos im Stimmengewirr, 26.1.2021, http://www.taz.de/!5745901«.
8.
Vgl. Gwyther Rees et al. (Hrsg.), Children’s Views on Their Lives and Well-Being in 35 Countries: A Report on the Children’s Worlds Project, 2016–19, Jerusalem 2020, https://isciweb.org/wp-content/uploads/2020/07/Childrens-Worlds-Comparative-Report-2020.pdf«. Das allgemeine Wohlbefinden (well-being) bemisst sich dabei an sechs Items, darunter Zufriedenheit mit sich selbst, mit selbstbestimmter Zeit, mit positiven Zukunftsplänen und damit, wie freundlich Menschen mit einem umgehen.
9.
Vgl. Bong Joo Lee/Min Sang Yoo, What Accounts for the Variations in Children’s Subjective Well-Being Across Nations? A Decomposition Method Study, in: Children and Youth Services Review 80 C/2017, S. 15–21.
10.
Vgl. Andresen/Möller (Anm. 3).
11.
Ebd., S. 45.
12.
JEXTeam, "Fragt uns". Anmerkungen von jugendlichen Expert*innen zur Studie Children’s Worlds+, Gütersloh 2019, S. 9.
13.
Ebd., S. 8.
14.
Andresen/Möller (Anm. 3), S. 50.
15.
Ebd., S. 48.
16.
JEXTeam (Anm. 12), S. 14.

Sabine Andresen

Zur Person

Sabine Andresen

ist Professorin für Familienforschung und Sozialpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
s.andresen@em.uni-frankfurt.de


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