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17.9.2021

Protest gegen Enteignung. Zehn Jahre Generation "Arabischer Frühling"

Die Situation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Nordafrika und im Nahen Osten ist problematisch. Ihre Chancen auf faire Lebensbedingungen sind in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch gesunken: Die Zugänge zu einer berufsqualifizierenden Ausbildung und zu einem bildungsäquivalenten Arbeitsplatz haben sich bereits durch die Privatisierungspolitik seit den 1980er Jahren dauerhaft verschlechtert. Der Alltag der Jugend ist nach den Massenprotesten von 2011, dem "Arabischen Frühling", vielfach durch die Zunahme von Ungleichheit, Restriktionen und Gewalt geprägt. Diese Situation hat sich durch massive "Immobilisierung" infolge der Covid-19-Pandemie nochmals massiv verschärft. Die Generation[1] "Arabischer Frühling" lebt heute weitgehend marginalisiert.

Ich verstehe diese Entwicklung als eine Enteignung von Lebenschancen. Die Kluft zwischen dem, "was ist", und dem, "was hätte sein können", hat massiv zugenommen, meist ohne Einflussmöglichkeiten der jungen Erwachsenen; das Ausmaß der strukturellen Gewalt, die den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen innewohnt, vergrößert sich.[2] Dennoch – die Ambitionen, zu einer Veränderung ihrer Gesellschaften beizutragen, bleiben groß: Viele junge Menschen engagieren sich und möchten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Prekarität und Widerstand 2011

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben radikale Marktöffnungen und massive Sparmaßnahmen in der arabischen Welt nicht nur zu einem Abbau sozialer Schutzmechanismen geführt, sondern auch zu einer Vertiefung der sozialen Ungleichheiten beigetragen.[3] Prekarität, die sich als Abstiegsangst und Abstiegserfahrung manifestiert, durchdringt inzwischen alle sozialen Schichten. Sie kann keineswegs ausschließlich mit Armut in Verbindung gebracht werden, und sie lässt sich nicht einfach auf das Ergebnis interner Unfähigkeit oder Ineffizienz reduzieren. Im Gegenteil: Investitionen in Energie, Tourismus und (Agrar-)Land sind zunehmend mit transnationalen Unternehmen und internationalen Finanzmärkten verbunden; die Zirkulation von Arbeitskräften ist global organisiert und hochgradig flexibel, während die Preise für Waren wie etwa für Grundnahrungsmittel nicht mehr innerhalb der nationalen Grenzen entschieden werden, sondern zum Beispiel durch Warenterminbörsen in New York oder London.

Als im Winter 2010/11 eine Welle von Demonstrationen, Protesten und Unruhen in Tunesien ihren Anfang nahm, sahen sich kurz darauf viele arabische Regierungen mit Aufständen und Umbrüchen konfrontiert, die in Europa häufig als "Arabischer Frühling" bezeichnet wurden – ein Auflehnen vor allem der Jugend gegen autoritäre Regime. Nach der ersten Euphorie zeigte sich allerdings, dass der Wandel nur in wenigen Ländern wie erhofft eintrat: In Tunesien und Ägypten stürzten langjährige Diktatoren; Syrien, Libyen und Jemen gerieten in anhaltende Bürgerkriege, während sich die Regime in Algerien, Marokko, Bahrain und Jordanien zunächst als widerstandsfähig erwiesen und vorübergehend an der Macht blieben.

Dennoch bewirkten die Revolutionen und Umbrüche den größten Wandel im Nahen Osten seit der Entkolonialisierung und lösten gleichzeitig eine Reihe von Protesten gegen Ungleichheit und Prekarität in Europa und anderswo aus. Die Proteste ab Mitte Mai 2011 in Spanien bezogen sich ausdrücklich auf die Vorfälle in der arabischen Welt. Kurz darauf begannen Anti-Austeritäts-Aktivisten in Griechenland zu demonstrieren. Globale Initiativen wie "Occupy Wall Street" folgten unmittelbar.[4] Die internationale Bewegung gegen politische Bevormundung und wirtschaftliche Ungleichheit entwickelte sich von dort aus weiter; sie identifizierte das globale Finanzsystem als einen Verursacher der großen Unsicherheiten.

Die Protestbewegungen rund um das Mittelmeer wurden offensichtlich vor allem von jungen Menschen ins Rollen gebracht. Die Zusammensetzung der Protestgruppen, ihre Entstehungsgeschichten und ihre Beweggründe variierten dabei von Land zu Land.[5] In den nachfolgenden Jahren gelang es einigen Regimen in der arabischen Welt, Unterschiede und Differenzen zwischen den Demonstranten auszunutzen – zum Beispiel zwischen Islamisten und Nicht-Islamisten – und einige Gruppen an den Verhandlungstisch zu bringen, während andere ausgeschlossen wurden.[6] Dies führte zur Zersplitterung der Protestbewegungen. Seither ist zum einen die Anwendung von Gewalt und Zwangsmaßnahmen durch den Staat gegen jugendliche Aktivisten eskaliert, was viele von ihnen dazu veranlasst hat, sich aus dem politischen Aktivismus zurückzuziehen. Zum anderen haben sich jüngst erneut Protestbewegungen formiert, etwa im Sudan und in Algerien.

Vor diesem Hintergrund – zehn Jahre nach dem Beginn der Umbrüche und inmitten einer andauernden Pandemie – wird im Folgenden der Blick auf die heutige Lage der Jugend in der MENA-Region gelenkt.[7] Kennzeichnend für die Situation ist, dass sowohl Unsicherheiten, die die Gegenwart und den (unzureichenden) Ressourcenzugang betreffen, als auch Ungewissheiten, die sich auf die Zukunft beziehen und durch beschränkte Erklärungsreichweiten von Wissen und Glauben geprägt sind, gerade für Jugendliche und junge Erwachsene weiter zugenommen haben.[8] Die Zugänge zu Ressourcen haben sich insbesondere durch die fehlenden Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt verknappt; gleichzeitig haben sich – trotz teilweise dramatischer Fluchtbewegungen und verstärkt durch die Pandemie – die Mobilitätsoptionen zusätzlich eingeschränkt.

Fünf Jahre danach: Ungewissheit

Wie haben sich die vielschichtigen Unsicherheiten, die im Nachgang der Umbrüche von 2011 erkennbar wurden, auf junge Menschen in der MENA-Region ausgewirkt? Zur Beantwortung dieser Fragen haben wir – ein internationales Forschungsteam und die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) – im Sommer 2016 rund 9000 junge Erwachsene im Alter von 16 bis 30 Jahren befragen und im Winter 2016/2017 mehr als 100 qualitative Tiefeninterviews führen können.[9] Wir konzentrierten uns auf acht Länder und Territorien: Bahrain, Ägypten, Jordanien, Libanon, Marokko, die Palästinensischen Gebiete, Tunesien und Jemen, wobei wir auch junge syrische Flüchtlinge im Libanon einbezogen, um Fragen und Probleme im Zusammenhang mit Migration und Flucht zu erfassen.

Es zeigte sich, dass die Mehrheit der befragten Jugendlichen noch bei den Eltern lebte und nur knapp ein Drittel bereits einen eigenen Haushalt gegründet hatte. Letzteres gilt insbesondere für Frauen, die tendenziell jünger heiraten als Männer. Fast alle von ihnen bezeichneten sich selbst als "Jugendliche" (91 Prozent der Frauen, 93 Prozent der Männer) und nicht als "Erwachsene". Insgesamt lebten sie in einer Situation, die sich, je nach Gruppe, als "zwischen Ungewissheit und Zuversicht" beschreiben lässt.[10] Was bedeutete diese Positionierung im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation junger Erwachsener? Bereits 2016 zeichneten sich drei Dynamiken ab:

Erstens, die Jugendgeneration steht einem anderen, sehr viel unsichereren Arbeitsmarkt gegenüber als ihre Eltern. Der Verlust von Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor, der bereits in den 1980er Jahren einsetzte, hat sich durch die Privatisierung von Staatsbetrieben und dem Wegfall öffentlicher Unterstützungen weiter verschärft. Prekäre Arbeitsverhältnisse haben trotz einer Zunahme von Hochschulabsolventen zugenommen, was umso gravierender ist, als öffentliche Sicherungssysteme kaum vorhanden sind. Infolgedessen hat die Familie als soziales und wirtschaftliches Sicherungssystem weiter an Bedeutung gewonnen.

Zweitens ging damit eine neue Abhängigkeit der jungen Erwachsenen von ihren Eltern einher. Da sie sich ökonomisch kaum von ihnen lösen können, werden sie versorgungsabhängig und zunehmend chancenlos auf dem Arbeitsmarkt; es handelt sich daher um eine "gefangene Jugend".[11] Gerade der jüngere Teil der Jugendlichen, die noch bei den Eltern wohnen, lebt zwar vorläufig in einer Situation der geliehenen ökonomischen Sicherheit. Doch frustrierendes inaktives "Warten" hindert sie oft daran, ihre Persönlichkeit zu entwickeln – sie müssen sich mit den Werten ihrer Eltern arrangieren, die nicht immer geeignet sind, um die aktuellen Anforderungen einer globalisierten Welt zu meistern. Ein Bruch mit der Familie ist für diese Generation fast undenkbar, weil es kaum andere Institutionen gibt, die ökonomische Unsicherheiten abfedern könnten. Der gesellschaftliche Prozess der Verunsicherung wird zum Dauerzustand.

Drittens ist diese Generation einer Reihe von neuen sozialen Erosionen ausgesetzt. Langfristig sind grundlegende ökonomische Sicherheiten durch die Zunahme prekärer Lohnarbeit verloren gegangen; mittelfristig haben sich seit den arabischen Revolutionen Krieg, bewaffnete Konflikte und direkte Gewalt ausgeweitet, die die soziale Sicherheit weiter untergraben, besonders in Syrien, Libyen, dem Jemen und im Irak. Während die Existenzsicherung gerade junger Familien bedroht ist, garantieren auch bisherige Routinen und Strategien keinen Erfolg mehr. Eine ganze Generation gerät so, zeitlich verzögert, in die soziale Marginalisierung. Dies geht einher mit der Zersplitterung der Mittelschicht, die in unterschiedlichen Graden ebenfalls von Unsicherheit betroffen ist.[12] Der Bruch beginnt im Zentrum der Mittelschicht und setzt sich nach unten fort: Je niedriger die soziale Schicht, desto deutlicher sind die wahrgenommenen wirtschaftlichen Einbußen zwischen 2011 und 2016, was sich auch in einer sozialen Abwärtsmobilität und einer wachsenden Gruppe von Armen widerspiegelt.

Wie nehmen die jungen Erwachsenen vor diesem Hintergrund die Ereignisse des Jahres 2011 und deren Folgen im Rückblick wahr? Auf die Frage nach den Konsequenzen gaben 2016 etwa drei Viertel der Jugendlichen an, dass "die Ereignisse weitergehen", mit Ausnahme der Jugendlichen in Ägypten, Marokko und Tunesien, wo die Zustimmung etwas geringer war.[13] Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Revolutionen in Ägypten und Tunesien durch Regierungswechsel beendet wurden, während die Proteste in Marokko die Machtstrukturen nicht verändern konnten. Am zweithäufigsten folgte die Aussage, dass "die Ereignisse für die weit verbreitete Gewalt verantwortlich" sind. Dies spiegelt die kollektive Erfahrung von zwei Dritteln der jungen Erwachsenen in der arabischen Welt wider. Eine ebenso große Gruppe ist davon überzeugt, dass "die Ereignisse von der Jugend begonnen und dann von anderen übernommen wurden"; dies betraf vor allem die Länder, in denen es zum Regimewechsel kam – also Tunesien, Ägypten und den Jemen.

Ebenso häufig wurde der Aussage zugestimmt, dass "die USA die ganze Region aufhetzen" wollten. Die Wahrnehmung einer direkten Einmischung der USA in die Politik des Nahen Ostens, insbesondere in Bahrain, Palästina und im Jemen, beruhte dabei auf Alltagserfahrungen der Jugendlichen: Dazu gehören die Unterstützung Israels durch die USA, im Zweifelsfall gegen die Interessen der Palästinenser, der US-geführte Drohnenkrieg im Jemen sowie der Sitz der US-Marine in Bahrain. Das Muster dieser Reaktionen entspricht der in diesen Ländern besonders hohen Zustimmung zur Aussage, dass "externe Akteure die Ereignisse ausgelöst" haben und "internationale Akteure seit langem auf den Sturz arabischer Regime hinarbeiten". Obwohl in Marokko und Ägypten nur eine kleinere Gruppe diese Ansichten teilt, scheinen viele Jugendliche derartige Erzählungen durchaus plausibel zu finden. Solche imaginierten Ursachen können sich, unabhängig davon, ob sie reale Kräfte und Entwicklungen repräsentieren oder nicht, in politischen Absichten und Mobilisierung niederschlagen.

Um die Motive dieser Einschätzungen besser zu verstehen, erkundigten wir uns zudem nach den sozialen Zielen und Werten im Leben der jungen Erwachsenen, indem wir folgende Frage stellten: "Als Individuen haben wir Ideen und Visionen über unser persönliches Leben, unsere Einstellungen und unser Verhalten. Wenn Sie über mögliche Errungenschaften in Ihrem Leben nachdenken, wie wichtig sind die folgenden Punkte für Sie?"[14] Den Jugendlichen wurden 28 Optionen vorgelegt, die sie auf einer Skala von eins ("absolut unwichtig") bis zehn ("absolut wichtig") bewerten sollten. Bei einem ersten Blick auf die Ergebnisse stechen der höchste Wert für "An Gott glauben" (9,1) und der niedrigste Wert für "Mich politisch engagieren" (4,7) hervor. Der Glaube an Gott wird von den meisten jedoch als Privatsache betrachtet, in die sich niemand einmischen sollte.[15] Glaube bedeutet daher nicht, dass der oder die Befragte in einem religiösen Kontext sozial oder politisch aktiv oder mobilisiert ist. Vielmehr handelt es sich um eine persönliche Entscheidung, auf Gott zu vertrauen. Dies führt, wie aus den qualitativen Interviews hervorgeht, zu einem Optimismus, der angesichts der unsicheren Lebensbedingungen, der bewaffneten Konflikte und der ungewissen Zukunftsaussichten bemerkenswert ist.

Politik hingegen genießt kein großes Ansehen; sie werde von Privatinteressen und Vetternwirtschaft bestimmt. Die folgenden Aussagen aus den Befragungen verdeutlichen dies beispielhaft: Mohammad, ein 26-Jähriger aus dem Libanon, meint: "Politiker sind Lügner. (…) Sie laufen den Menschen hinterher, damit diese sie wählen." Buraq, ein 19-Jähriger aus Abyan im Jemen, fügt hinzu: "Wir bekommen nichts als Kopfschmerzen von der Politik; es geht nur darum, wie man lügt und lügt." Und Said aus Marokko ergänzt: "Die Politik in Marokko ist größtenteils eine Farce. (…) Die Programme aller Parteien sind identisch."[16] Politik, besonders Parteipolitik, wird als unglaubwürdig, korrupt und machtlos erfahren; junge Erwachsene grenzen sich davon ab. Ihre Wünsche an die Zukunft richten sich vielmehr auf einen angemessenen Lebensstandard, der mit der Forderung nach adäquaten Arbeitsplätzen zusammenhängt, sowie auf vertrauensvolle Partner- und Familienbeziehungen.

Dies korrespondiert mit dem (mangelnden) Vertrauen junger Erwachsener in verschiedene Institutionen: In Krisenzeiten ist die Familie die vertrauenswürdigste Institution, während Gewerkschaften und politische Parteien einen sehr niedrigen Stellenwert besitzen. Entsprechend sind Mitgliedschaften in Parteien und Verbänden eher selten, und das Interesse, über das Internet über Politik zu diskutieren, hält sich in Grenzen. Neue mediale Netzwerke werden in erster Linie genutzt, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu treten, nur selten dienen sie der politischen oder religiösen Mobilisierung. Doch obwohl "Politik" im engeren Sinne von jungen Menschen und anderen Gruppen nicht unterstützt wird, engagieren sich Jugendliche dennoch sozial, insbesondere wenn dies mit Bedarfen im lokalen Kontext zusammenhängt.[17] Festzuhalten ist demnach, dass den vermehrten Ungewissheiten immer wieder auch Optimismus und bürgerschaftliches Engagement entgegengestellt werden; gleichzeitig gibt es eine deutliche Distanzierung zur Tagespolitik, was mit einem tiefen Misstrauen gegenüber politischen Institutionen einhergeht.

Zehn Jahre danach: Unsicherheit

Einen Einblick in die Situation der MENA-Region im ersten Jahr der Pandemie liefert die von mir mitverfasste Young-Leaders-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.[18] Die FES betreibt in 12 Ländern der Region ein gleichnamiges Programm zur Stärkung der zivilgesellschaftlichen und politischen Fähigkeiten und zur Förderung demokratischer Werte. "Young Leaders" sind in der Regel Frauen und Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die in politischen Parteien oder zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv sind. Das Programm richtet sich an Hochschulstudenten oder -absolventen. Je nach Land sind englische oder französische Sprachkenntnisse eine Voraussetzung zur Teilnahme. Entsprechend repräsentiert diese geschlechterparitätisch besetzte Gruppe ein aufstiegsorientiertes und gehobenes gesellschaftliches Segment junger Erwachsener. Für die Studie haben wir 2020 in fünf Intervallen die Gesamtheit der knapp 1300 Young Leaders online befragt – 44 Prozent von ihnen nahmen daran teil.

Die Covid-19-Pandemie war zwar nicht die einzige und auch nicht in jedem Fall die schwerwiegendste Krise, die das tägliche Leben der jungen Leute in der MENA-Region 2020 beeinträchtigte, aber die negativen Auswirkungen waren dennoch immens. Die Krankheit bedrohte direkt das Leben von Freunden und Familienangehörigen und kostete sie manchmal das Leben; indirekt zerstörten die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Bildungswege und die psychische Stabilität vieler junger Menschen. Die Studie zeigt, dass auch der Tagesablauf tiefgreifend verändert wurde, da die meisten Familien zeitweise komplett zu Hause bleiben mussten. Die Prioritäten bei den Ausgaben verlagerten sich von den Freizeitaktivitäten auf die Grundbedürfnisse. Die zwei folgenden Aussagen aus der Befragung zeigen dies exemplarisch:

Dabei ist eine Entwicklung besonders herauszustellen, da sie Aufschluss über die gravierenden Auswirkungen fortschreitender Marginalisierungen gibt: Selbst bei den Young Leaders, die als eher abgesichert gelten können, kam es durch die Pandemie zu ökonomischen Einbrüchen. Bei vielen hatte sich bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2020 die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Dies zeigt sich in der veränderten Verteilung von vier Möglichkeiten der Selbsteinschätzung: Der Anteil der Befragten, die die wirtschaftliche Lage ihrer Familien als "sehr gut" bewerten, sank von 23 Prozent vor der Pandemie auf nur noch 6 Prozent im Sommer 2020; und der Anteil derjenigen, die die Lage als "eher gut" einschätzt, fiel von 64 auf 53 Prozent. Deutlicher noch: Diejenigen, die die Lage als "eher schlecht" beurteilen, haben sich von 13 auf 31 Prozent mehr als verdoppelt; und der Anteil derjenigen, die die Lage gar als "schlecht" beschreiben, stieg von 0 auf 11 Prozent an. Alle Gruppen sind somit von Verlusten betroffen – insgesamt zwei Drittel der Familien der Young Leaders.

Der Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Status und der Lebenszufriedenheit lässt zudem auch Rückschlüsse auf weniger privilegierte Gruppen zu: Je besser die jungen Erwachsenen die aktuelle wirtschaftliche Situation ihrer Familie einschätzen, desto höher ist ihre Zufriedenheit mit dem Leben im Allgemeinen. Zwar schätzen alle Befragten, mit Ausnahme der wirtschaftlich Unsichersten, ihre eigene Zufriedenheit höher ein als die der Gesellschaft im Allgemeinen, doch die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Young Leaders ist mit 4,5 von 10 Punkten bemerkenswert niedrig. Es ist somit anzunehmen, dass die Konsequenzen der geschilderten Entwicklungen für benachteiligte Gesellschaftsschichten weitaus einschneidender sind.

Schluss

Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in der MENA-Region haben die jungen Erwachsenen der Generation "Arabischer Frühling" fairer Lebens- und Zukunftschancen beraubt. Obwohl sich diese Gruppe mobilisierte und seit zehn Jahren immer wieder Proteste angeschoben und Widerstand geleistet hat, waren und sind diese kaum erfolgreich: Marginalisierung und Enteignung von Lebenschancen schreiten voran, während es gleichzeitig auch Gewinner dieser Entwicklungen gibt – innerhalb und außerhalb der betreffenden Länder (etwa international agierende Getreide- oder Waffenhändler).

Für die Jugendlichen hingegen ist das, "was möglich gewesen wäre", in weite Ferne gerückt. Soziale Mobilität scheint nur noch in eine Richtung zu funktionieren, Sicherheit wird kaum mehr mit staatlichen Institutionen verbunden, und ausländische Bildungsangebote und Arbeitsplätze werden de facto unzugänglich. Die Prekarität unter jungen Erwachsenen hat massiv zugenommen, doch noch immer sind es die Marginalisierten, die ökonomischen Krisen und Krankheiten besonders ausgesetzt sind. Wenn Ressourcen zu knapp werden, um die Gegenwart zu meistern, nimmt nicht nur die Unsicherheit zu – die Ungewissheit der Zukunft wird anders eingehegt: Wissen und Glauben stehen auf dem Prüfstand, und Ambitionen verändern sich.

Ob dies ein Jahrzehnt nach dem "Arabischen Frühling" erneut zu breiten Aufständen gegen die Enteignung von Lebenschancen führt, ist ungewiss. Die jüngeren Entwicklungen in Tunesien, wo Präsident Kais Saied im Juli 2021 nach Protesten gegen die mangelhafte Pandemie-Eindämmungspolitik den Regierungschef Hichem Mechichi absetzte und das demokratisch gewählte Parlament entmachtete, zeigen jedoch, dass manche Errungenschaft von 2011 angesichts mangelnder Zukunftschancen der Jugend auf tönernen Füßen steht.

25. Juli 2021: Protest gegen die Regierung in Tunis, Tunesien. (© picture-alliance, zumapress.com, Jdidi Wassim)


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Fußnoten

1.
Zum Generationenkonzept vgl. Ulrike Jureit, Einleitung zu Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, 1928, 20.9.2011, http://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0100_gen_de.pdf«.
2.
Zum Konzept der strukturellen Gewalt vgl. Johan Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kritische Friedensforschung, Frankfurt/M. 1971, S. 55–104.
3.
Vgl. Facundo Alvaredo/Lydia Assouad/Thomas Piketty, Measuring Inequality in the Middle East 1990–2016: The World’s Most Unequal Region?, in: Review of Income and Wealth 4/2019, S. 1–27.
4.
Vgl. Stefan Schmalz/Brandon Sommer (Hrsg.), Confronting Crisis and Precariousness. Organized Labour and Social Unrest in the European Union, London–New York 2019.
5.
Vgl. Jörg Gertel/Rachid Ouaissa (Hrsg.), Jugendbewegungen – Städtischer Widerstand und Umbrüche in der arabischen Welt, Bielefeld 2014.
6.
Vgl. Fadma Ait Mous/Zakaria Kadiri (Hrsg.), Les Jeunes du Maroc. Comprendre les Dynamics pour un Nouveau Contrat Social, Rabat 2021; Imed Melliti/Hayet Moussa (Hrsg.), Quand les Jeunes Parlent d’Injustice. Expériences, Registres et Mots en Tunisie, Paris 2018; Nadine Sika, Youth Activism and Contentious Politics in Egypt. Dynamics of Continuity and Change, Cambridge 2017.
7.
MENA steht für "Middle East and Northern Africa". Die MENA-Region umfasst also die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas.
8.
Vgl. Jörg Gertel, Ungewissheit, in: ders./Ralf Hexel (Hrsg.), Zwischen Ungewissheit und Zuversicht, Bonn 2017, S. 39–72.
9.
Gertel/Hexel (Anm. 8), S. 9.
10.
Vgl. ebd., S. 21.
11.
Jörg Gertel, Arab Youth – A Contained Youth?, in: Middle East Topics and Arguments 9/2017, S. 25–33.
12.
Vgl. Jörg Gertel/Rachid Ouaissa, Die arabische Mittelschicht: Prekarität und Mobilisierung, in: Gertel/Hexel (Anm. 8), S. 195–214.
13.
Vgl. Jörg Gertel, Spatialities of Precarity: Young People in theSouthern Mediterranean, in: Schmalz/Sommer (Anm. 4), S. 129–150.
14.
Jörg Gertel/David Kreuer, Werte, in: Gertel/Hexel (Anm. 8), S. 75–99.
15.
Der Politikwissenschaftler Rachid Ouaissa bewertet dies als Schritt hin zu einer Säkularisierung. Vgl. Rachid Ouaissa, Jugend und Religion, in: Gertel/Hexel (Anm. 8), S. 101–120.
16.
Gertel/Kreuer (Anm. 14), S. 84.
17.
Vgl. Friederike Stolleis, Gesellschaftliches Engagement, in: Gertel/Hexel (Anm. 8), S. 333–353.
18.
Vgl. Jörg Gertel/David Kreuer, The Impact of the Pandemic on Young People. A Survey Among "FES Young Leaders" in the MENA Region, Juni 2021 (i.E.).
19.
Ebd., S. 18.

Jörg Gertel

Zur Person

Jörg Gertel

ist Professor für Arabistik und Wirtschaftsgeographie an der Universität Leipzig. Sein Forschungsinteresse gilt dem Zusammenhang von Unsicherheit und Ungewissheit im Gefüge von Globalisierungsdynamiken.
gertel@uni-leipzig.de


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