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27.11.2020

Eine unendliche Geschichte. Von Menschen und Drogen - Essay

Solange Menschen diesen Planeten bevölkern, kommen Drogen unterschiedlicher Art zum Einsatz. Die Kulturgeschichte legt an vielen Stellen mehr oder weniger geschwätzig Zeugnis davon ab: Met und Bier, Hanf und Opium, Peyote und Meskalin, Tabak, Myrrhe, Weihrauch, Kaffee, Tee, Betel, Khat, Kräuter- oder Kokablätter – um nur einige zu nennen – faszinieren die Menschen, seit diese irgendeinem Konzept von Genuss anhängen. Mal sind Drogen ein heiliges Medium religiöser Erweckung, mal Mittel einer karnevalesken Umwertung aller Werte. Mal liefern sie eine kollektiv-ekstatische Sinnstiftung, mal dienen sie dazu, die Mühen des Alltags erträglicher zu machen: Stoffe, die mehr tun als Hunger stillen und Durst vertreiben, sind fest verbaut im kulturellen Erbe der Menschheit.

Heute wird diese Vielheit an Mitteln und Motiven des Konsums jedoch häufig reduziert und stattdessen vor allem eine Verknüpfung zwischen Drogenkonsum und Gefahr nahegelegt. Die politische Problematisierung psychotroper Substanzen begann in der Frühen Neuzeit: Anfang des 17. Jahrhunderts war es dem osmanischen Sultan Murad IV. unerträglich, dass die Tabak- und Kaffeehäuser nicht nur Orte des entsprechenden Konsums, sondern zugleich Zentren öffentlicher Diskussion und mithin Orte der Kritik und Opposition geworden waren. Daher ließ er 1633 alle Tabakhäuser niederreißen und belegte das Tabakrauchen mit der Todesstrafe. Bei der Fahndung bediente er sich moderner Methoden, etwa der verdeckten Ermittlung und des Scheinkaufs. Das Vermögen der Hingerichteten fiel an den Sultan.[1] Offenkundig ging es weniger um die Droge selbst; das Rauchverbot erfüllte vielmehr gleich mehrere nützliche Funktionen: Die Kriminalisierung einer Verhaltensweise, die massenhaft verbreitet war, und eine Sanktionierung im Rahmen – oder unter dem Vorwand – der Drogenkontrolle.

Bis ins 19. Jahrhundert waren Trink- oder Rauchverbote jedoch selten. Seither allerdings rückten Droge und Gefahr immer näher aneinander, vermittelt etwa von der Vorstellung, alle Drogen führten unweigerlich zur Sucht und damit in den Ruin. Wann immer gegenwärtig von Drogen oder gar von "Rauschgiften" gesprochen wird, scheint die Gefahr also nicht weit. Die wissenschaftlich schwer haltbare, aber langlebige Rede von den Einstiegsdrogen ist Beleg dafür – tatsächlich gibt es keine belastbare Empirie, die zeigen würde, dass der Konsum der einen Droge häufig zur nächsten und damit tiefer hinein ins Drogenproblem führt. Wer so argumentiert, hat die schiefe Bahn im Blick, den Absturz, der – für alle, die einmal angefangen haben – nur mit viel Aufwand oder gar nicht zu vermeiden ist. Die Drogenaufklärung in Schulen mag bisweilen neue, sinnvolle Wege eingeschlagen haben. Der eigentliche und vordringliche Grund ihrer Notwendigkeit bleibt dennoch meist zentral: die Gefahr.

Die Geschichte des Drogenkonsums ist jedoch vielfältig, und seine breit gestreuten Praktiken haben nur vermittelt, sequenziell oder teilweise mit Sucht und sozialem Abstieg zu tun. Hinzu kommt: Wann immer Menschen aus der sozialen Ordnung fallen, waren Drogen schlimmstenfalls ein Katalysator, selten bis nie aber der eigentliche Grund. Der renitente Verweis auf Drogen als Ursache sozialer Schieflagen hat daher eher den Charakter eines griffigen und lange geübten Ablenkungsmanövers: Wer Drogen zur Verantwortung zieht, muss über strukturelle gesellschaftliche Schieflagen nicht reden.

Daher wird es möglicherweise Zeit, den Blick umzukehren und nach den vielen und weit gestreuten Motiven für Drogenkonsum zu schauen. Schließlich ist die Sache mit den Drogen eine Art unendliche Geschichte, trotz aller Kreuzzüge und horrenden Aufwands im sogenannten war on drugs. Die folgenden Zeilen versammeln – selbstredend ohne Anspruch auf Vollständigkeit – eine Reihe unterschiedlicher Gründe, warum Menschen zu Drogen greifen oder gegriffen haben. Dabei entfaltet sich ein Kaleidoskop unterschiedlicher Episoden, deren Sammlung allein verdeutlichen könnte, wie verkürzt die unmittelbare Kopplung von Drogen, Sucht und Gefahr in ihrer zeitgenössischen Ausprägung ist. Aus dieser Richtung besehen, also losgelöst von der vieles überlagernden Problemwahrnehmung, zeigt sich womöglich ein anderer Zusammenhang oder mindestens ein Anfangsverdacht: Welche Drogen Mode sind und wie Staaten und Gesellschaften mit ihnen umgehen, könnte Ausdruck der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse sein.

Das soll freilich nicht heißen, dass Drogen keine Abgründe reißen können, dass bestimme Konsummuster bisweilen zu Gewohnheiten führen und mittel- bis langfristig der Gesundheit zusetzen. Das allerdings ist nur ein Weg unter vielen, nur ein mögliches Muster, das zudem beständig mit sozialen und ökonomischen Ausgrenzungen und politischer Repression von Jugendkulturen zu tun hat. Die Droge ist nur ein Faktor. Der fast ausschließliche Blick auf die Praxis der Sucht und die Sozialfigur des Junkies hat jedoch das ganze Themenfeld Drogen und Rausch in Verruf gebracht und für eine teils bizarre Prohibitionspraxis gesorgt.

Zum Wohle!

Die illustre Reise durch das Dickicht verschiedener Drogenkonsumgründe hat unzählige mögliche Anfänge und Stationen. Die folgenden Passagen berauschter Überschreitung stehen zugleich für nichts repräsentativ, sie zeigen nur, dass unterschiedliche Deutungen möglich sind. Einen beliebigen, aber interessanten Startpunkt liefert ein Rundschreiben der Pariser Theologischen Fakultät aus dem Jahr 1444, das eine von heute besehen irritierende Motivation für gelegentliches, aber reichliches Trinken liefert. Dort heißt es, dass "Torheit" die angeborene "zweite Natur" des Menschen sei, und "Weinfässer platzen, wenn man nicht von Zeit zu Zeit den Deckel öffnet und Luft hineinlässt. Wir, die Menschen, sind schlecht gefertigte Weinfässer, die vom Wein der Weisheit platzen, wenn dieser in ununterbrochener Gärung von Andacht und Gottesfurcht gelassen wird. Deshalb lassen wir an bestimmten Tagen die Torheit (Narrheit) in uns zu, dass wir danach mit umso größerem Eifer zum Gottesdienst zurückkehren."[2]

Die regelmäßigen Trinkgelage waren demnach also gleich doppelt notwendig: Sie entsprachen zum einen der menschlichen Natur und waren zum anderen unerlässlich, um gottgerecht leben und der Weisheit nachjagen zu können. Das trunkene Fest, das alle Kontemplation und Gottesfurcht konterkariert, gehörte hier somit der religiösen Ordnung an. Die kulturgeschichtlich bedeutsame Tradition des Fests, also einer "Zeit zwischen den Zeiten", hat seine letzten Ausläufer im heutigen Karneval. Allerdings spricht wenig dafür, dass noch viel übrig ist von der Radikalität der Umwertung, vom Charakter der substanziellen Auszeit.

Etwas mehr als ein Jahrhundert später dürfte der Hofmarschall Hans von Schweinichen, von dem Tagebuchaufzeichnungen überliefert sind, ähnlich besoffen gewesen sein, allerdings aus ganz anderen Gründen. Auch er war den "Tränen Gottes" (Lacrimae Christi)[3] zugeneigt. Er sei so voll gewesen, dass er "hernach zwei Nächte und zwei Tage hintereinander geschlafen, dass man nicht anders meinte, als ich würde sterben". Dies veranlasste ihn allerdings nicht, dem Wein abhold zu werden. Ganz im Gegenteil: "Und seither habe ich sowohl Wein trinken gelernt und es hernach so stark continuieret, dass ich wohl sagen mag, es wäre unmöglich, dass mich einer vollsaufen könne. Ob es mir aber zur Seligkeit und Gesundheit gereicht, stelle ich an seinen Ort."[4]

Zu den Motiven von Schweinichens lässt sich freilich nur spekulieren. Nach einer Notwendigkeit der Natur, einer ritualisierten Festlichkeit oder gar nach einer Bedingung für religiöse Weisheit klingt es kaum. Vielmehr dominiert eine Art sportiver Konkurrenz ohne tiefere Bedeutung, so wie sie auch heute noch vielfach anzutreffen ist.

"Ohne allen Schaden"

Während von Schweinichen ein soziales Gefüge beschrieb, das seine Adaption an den Alkohol anscheinend verlangte, sind ähnliche Prozesse auch im Hinblick auf Gesundheitsaspekte überliefert. Zedlers Universallexikon etwa, eine Art Wissensspeicher des 18. Jahrhunderts, verriet, dass man "Opium in zieml. Menge ohne allen Schaden mit grossem Vortheil" nutzen könne. Dass Opiumkonsumenten "nicht davon haben können abstehen", dass sie es also nicht lassen können und, nach moderner Diktion, süchtig werden, ist bekannt. Allerdings sei das kein Problem, genau umgekehrt: "Denn wenn man giftiger Dinge lange Zeit gewohnet, so tun sie der Natur keinen Schaden."[5] Opium zu konsumieren, hat hier also den Zweck, eine Gewohnheit zu entwickeln, um fortan die medizinischen und seelischen Vorzüge des Stoffs ohne Schaden abschöpfen zu können. Die Suchtforschung moderner Art schlägt sicherlich vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen. Allerdings ist medizinisch gesehen auch bekannt, dass Opiate angemessen dosiert und sauber konsumiert zwar das auslösen, was wir heute Sucht nennen, aber physiologisch oder psychologisch kaum schädigen, sofern das soziale Leben ringsum funktioniert.

An diesem Punkt verschwimmt freilich die Grenze zwischen Medikament und Droge. Genau genommen konturiert sich diese Grenze so oder so nur anhand unterschiedlicher Konsummotive. Fast alle Drogen waren oder sind auch Medikamente – es hängt also vom Einsatzgebiet und dem Grund der Einnahme ab. Opiate etwa, zu denen bekanntlich auch Heroin zählt, sind sehr lange schon und heute immer noch wichtige Stoffe in der Medizin.

Wie historisch unterschiedlich Motive, Praktiken und ihre Einordnung als (Drogen-)Problem sind, zeigt auch ein Leserbrief, den eine ältere Frau 1888 an die Fachzeitschrift "The Chemist and Druggist" schickte. Darin heißt es: "Seit 30 Jahren nutze ich Morphium regelmäßig. (…) Diese in den meisten Fällen so schädliche Medizin hat meiner Vitalität ganz und gar nicht geschadet. Noch hat es in irgendeinem Maß meine Lebhaftigkeit reduziert, die sehr ähnlich zu jungen Frauen ist, obwohl ich mittlerweile 67 Jahre alt bin. Meine Lebensfreude ist ausgezeichnet, ich bin weder so ausgezehrt noch abgemagert wie die meisten anderen, die diese Behandlung erfahren haben. (…) Das einzige Übel, das vermutlich von dieser Medizin herrührt, ist, dass ich konstant an Körperfett zulege. Ich wäre äußerst dankbar, wenn einer Ihrer Experten so nett wäre, mich darüber zu informieren, ob meine Zunahme an Fettgewebe eine natürliche Folge des Morphiumkonsums ist."[6]

Aus medizinischen Gründen war die Autorin dieser Zeilen in eine Opiumgewohnheit hineingeraten, die heute das Etikett schwerstabhängig bekäme. Zugleich deutet einiges darauf hin, dass das Bild der typischen Süchtigen ("weder so ausgezehrt noch abgemagert wie die meisten anderen") eher ein mediales Schreckgespenst denn eine reale Erfahrung oder Beobachtung war (und ist). Worauf die Frau rekurriert, ist letztlich nicht aufzuklären. Aber die am Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Suchtdebatte war getragen von Stereotypen und überzeichneten Figuren,[7] die ziemlich genau dem entsprechen, was die Frau als typisches Bild des Junkies hervorbringt. Und wenn es schließlich einen unstrittigen Wirkungszusammenhang von Opiaten gibt, dann jenen, dass sie den Appetit zügeln und schwerlich für adipöse Tendenzen verantwortlich zeichnen können.

Der Leserbrief zeigt zwei Dinge recht anschaulich: Einerseits wird erkennbar, wie sich eine moderne Suchterzählung einschleicht und beginnt, die Dinge umzuwerten. Die Autorin war noch ganz im viktorianischen England verhaftet, das wenig Berührungsängste kannte, was Opium angeht. Zugleich nahm sie aber schon die neuen Zeiten einer ausufernden Problematisierung von Drogen zur Kenntnis – schon um sich davon abzugrenzen. Andererseits zeigt die Quelle auch, dass Suchtdebatten mit ihrer typischen Pauschalität und ihrem Fokus auf den Zwangscharakter des Konsums für die Motive gewissermaßen blind oder zumindest weniger empfänglich werden. Die gleiche Konsumpraxis, also regelmäßig und hochdosiert, kann viele unterschiedliche Gründe haben.

Zwischen Erleuchtung und Rebellion

Ein anderes Spektrum an Motiven für den Drogenkonsum entfaltet sich um Versuche, der Erkenntnis mit psychotropen Substanzen auf die Beine zu helfen. Während im mittelalterlichen Rundschreiben betont wurde, dass die weinselige Torheit nur den Ausgleich liefert, um zu allen anderen Zeiten nach Weisheit zu streben, hat die unmittelbare Verknüpfung von Drogen und Erkenntnis eine lange Geschichte. Das altgriechische Symposion (lateinisch: Symposium) steht für ein geselliges Trinken in Gemeinschaft, in dessen Folge tiefsinnige und vielleicht philosophische Gespräche mit Erkenntnisgewinn entstehen. Der Begriff hat sich in der Welt der Wissenschaft erhalten, auch wenn heutige Ausgaben eher mit Nüchternheit glänzen. Dass es immer wieder "Symposien" zur Alkoholsucht gibt, ist vermutlich eine ungewollte Pointe.

Neuere Versionen der Verknüpfung von Droge und Erkenntnis stellen weniger auf gesellige Situationen denn auf individuelle Erfahrungen ab. Zu einem guten Teil haben wir dies der romantischen Eroberung der Drogen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verdanken.[8] Thomas De Quincey etwa – einer der ersten modernen Literaten, der Erkenntnisse und Abgründe von Rauscheffekten literarisch verhandelte – sprach Mitte des 19. Jahrhunderts vom Gedächtnis als von einem "Palimpsest", also von einem wiederbeschreibbaren Pergament, das noch alle älteren Spuren trägt. Opium lege diese Spuren frei und erlaube daher tiefe, sonst verborgene Erinnerungen: "Vom Leben war ein Leichentuch der Vergessenheit über jedes Erlebnisdetail gebreitet worden. Und nun wird, auf stummen Befehl, auf ein Raketensignal, das unser Gehirn loslässt, dieses Tuch ruckartig entfernt, und das ganze Theater liegt entblößt bis in seine Tiefen vor unserem Blick. Dies war das größte Mysterium. Und es ist ein Mysterium, das den Zweifel ausschließt – denn den Märtyrern des Opiums wiederholt es sich, es wiederholt sich im Rausch zehntausendmal."[9]

Seither gibt es viele Varianten tiefsinniger, umfassender, absoluter, paradiesischer und beständig weltbewegender Einsichten im Rausch. Der Schriftsteller Charles Baudelaire trat restlos aus der nur subjektiven Position heraus und wurde zur Pfeife, die ihn raucht, nur um anschließend das falsche Paradies kennenzulernen.[10] Sein Kollege Fitz Hugh Ludlow konnte in sich "hineinsehen und dank dieser entsetzlichen Fähigkeit alle Lebensvorgänge, die im Normalzustand unbewusst ablaufen, sehr lebhaft und deutlich wahrnehmen".[11] Der Philosoph William James erlebte zwar nicht seine Kindheit wie De Quincey, dafür aber die Wahrheit ganz direkt: "Für mich, wie für jede andere Person, von der ich gehört habe, besteht das Grundlegende der Erfahrung [des Rausches] in dem unerhört aufregenden Gefühl einer eindringlichen metaphysischen Erleuchtung." Auf Lachgas offenbarten sich "alle logischen Beziehungen des Seins".[12]

Weiter geht die Reise über den Lebensphilosophen Ludwig Klages,[13] der berauscht die Ewigkeit in einem Augenblick erlebt, zum Philosophen Walter Benjamin, der anders – und schlauer als die anderen – den Spieß umdreht und im Rausch die Leere oder die Abwesenheit der Wahrheit erkennt,[14] über den Schriftsteller Carlos Castaneda und bis zum selbsternannten Führer der psychedelischen Bewegung der 1960er Jahre, Timothy Leary, der so vielen Leuten wie möglich LSD verabreichen wollte. Das Motiv für Drogenkonsum ist jeweils die Erkenntnis, die Hoffnung, das Geheimnis des Lebens, der Welt oder gar des Universums ein für alle Mal zu lüften. Die Kulturgeschichte ist voller Versuche, einen Faust’schen Pakt mit dem Teufel einzugehen, um endlich zu verstehen.

Manchmal sollten der Erkenntnis auch Taten folgen. Einige, die "die Wahrheit" gesehen hatten oder glaubten, sie gesehen zu haben, wollten diese revolutionär nutzen und mithilfe von Stoffen eine andere Gesellschaft wachküssen. Leary etwa war der Auffassung, die kybernetisch-biologische Evidenz, also die unvermittelte Wahrheit der DNS, die das LSD angeblich unweigerlich und unbestreitbar ins Bewusstsein rufe, müsse zwingend dazu führen, dass die Menschen die lächerliche Maske namens Subjekt abstreifen und den Kapitalismus zwangsläufig überwinden würden. "Turn on, tune in, drop out" war der entsprechende Leitspruch der psychedelischen Revolution – die jedoch ausblieb. Und der Dichter Allen Ginsberg, ein Beat – also Hipster – der ersten Stunde, erklärte seinem Beat-Kollegen Jack Kerouac am Telefon: "Ich bin high und nackt, und ich bin der König des Universums", um anschließend den psychedelischen Umsturz anzetteln zu wollen.[15]

Nicht immer ging der bedröhnten Rebellion die totale Einsicht voraus. Bisweilen war und ist Drogenkonsum auch ohne tiefere Schicht eine mehr oder weniger rebellische Absage an die Normen der Gesellschaft, an den Status quo, verbunden mit dem Versuch, Freiheitsspielräume auszudehnen. Der Schriftsteller William S. Burroughs und die erwähnten Beats etwa nutzten Drogen als Provokation, als Antithese und Mittel, die puritanische Zwangsjacke der homophoben McCarthy-Ära der 1950er Jahre zu sprengen. Und nach der berauschten Euphorie der 1960er Jahre trat das Motiv der Erleuchtung ohnehin in den Hintergrund. Punk wurde zur neuen Antithese: eine Rebellion ohne Revolution – aber mit Drogen. Drogenkonsum kann also auch schlicht davon motiviert sein, sich von der Elterngeneration abzugrenzen und das eigene Nein! zur Langeweile des Spießerlebens mit einer dicken Tüte zu unterstreichen. Selbst die Rave- und Technobewegung der 1990er Jahre hatte solche Elemente des Aufbegehrens, schon weil ältere Semester nicht verstehen wollten, was diese "endlos wummernde Musik" soll. Erneut machte sich eine Jugendkultur breit, die den Eltern ein Schnippchen schlagen und anders sein wollte, Drogenkonsum inklusive.

Optimiert Euch!

Berauschte Erkenntnisse hatten Konjunktur – gegenwärtig haben sie sich eher in versprengte Esoterikzirkel zurückgezogen. Und seit der "neue Geist des Kapitalismus" die Rebellion zum Modus der Akkumulation, also die kreative Klasse zur Triebkraft des Kapitals gemacht hat,[16] ist es gar nicht mehr so einfach, die Eltern mit Drogenkonsum auf die Palme zu bringen. Vielmehr hat sich ein ganzes Spektrum angepasster Konsummotive etabliert; Optimierung ist der neue Trend.

In der Spätmoderne zeichnete sich für Drogenkonsum ein anderer Ort beziehungsweise eine andere, funktionale Kontur ab, die gleichwohl beständig umstritten blieb. Bereits seit den 1990er Jahren "entwickeln sich avantgardistische Perspektiven, die sich mit ganz neuen Arten und Dynamiken von kontrollierter Lusterzeugung und funktionalem Genießen beschäftigen".[17] Passend zum neoliberalen Zeitgeist, in dessen Kontext das Individuum und bisweilen dessen Rausch zur Ressource wurde, schimmert eine pragmatische und zweckorientierte Verwendung von Drogen durch. Damit verschieben sich auch Konsummotive. Drogen, die als Alkohol, Kaffee, Zigaretten oder Medikamente alltäglicher Bestandteil der Gesellschaft sind, könnten – so die leise Hoffnung – entideologisiert werden. Dies wird vor allem befördert durch den erwähnten "Geist des Kapitalismus", der Flexibilität und Kreativität zum höchsten ökonomischen Gut erhebt. Die Unterscheidung von Medikament und Droge wird restlos brüchig, und die Motive für den Konsum werden mit der neuen Warenförmigkeit der Droge so vielfältig wie angepasst. Die Flexibilität der Normen befördert Drogenkonsum und Rausch in absehbarer Zeit aus den Mustern devianten Verhaltens heraus, hinein in einen Raum von flexibler Normalität. Der flexible Mensch hat neue Regeln für den Umgang mit sich und der Welt und nicht zuletzt auch im Umgang mit seiner Selbstkontrolle zu lernen: Er muss nur darauf achten, eine "reflexive Distanz" zu halten.[18]

Subjekt, Substanz, Gesellschaft

Das hier gezeichnete, vielgestaltige Bild von Motiven oder Gründen für Drogenkonsum ist wahrlich nicht vollständig. Weitere Themen wären: Drogen zum Zweck der kriegerischen Enthemmung – etwa Pervitin, ein Metamphetamin, das im Zweiten Weltkrieg massenhaft von Wehrmachtssoldaten genutzt wurde, um Angstgefühle zu mindern und die Leistungsfähigkeit zu steigern –, Drogen zum Verdrängen sozialpsychologischen Ballasts, Drogen zur Beschleunigung, um das Tempo der Gegenwart und des Beats halten zu können, oder Drogen gegen die Langeweile des schnöden Alltags. Bei genauerer Betrachtung verschwimmen die unterschiedlichen Kategorien: Freizeit und Arbeit, kontrollierter Konsum und Abhängigkeit, harte und weiche Drogen oder Medikament und Droge. Keines dieser Paare bleibt auf Dauer ein echter Gegensatz.

Das Dreieck aus Subjekt, Substanz und Gesellschaft, mit dessen Hilfe der Schweizer Historiker Jakob Tanner die Wissensgeschichte des Suchtkonzepts im 20. Jahrhundert einzufangen und aus den Fängen medizinischer Selbstgewissheiten herauszulösen versucht,[19] trägt auch ein Stück weit, wenn es um die Beweggründe für Drogenkonsum und ihre Analyse geht. Immerzu sind subjektive Dispositionen und Konstellationen beteiligt, genauso wie Reize der Droge. Die Gesellschaft spielt, auch wenn von ihr gegenwärtig weniger die Rede ist, beständig eine entscheidende Rolle, und das gleich auf mehreren Ebenen: Welchen rechtlichen Status und welche moralische Konnotation haben Drogen zu welcher Zeit? Gelten Opiate etwa als Hausmittel zur freien Verfügung oder als Höllenzeug, das unweigerlich zur Sucht und zum Absturz führt? Oder gerät Drogenkonsum in die Fänge politischer Aspirationen oder gar Bewegungen? Hängt ihnen das Etikett des Rebellischen an, oder eilt ihnen der Ruf voraus, unumstößliche und weltbewegende Wahrheiten bereitzuhalten? Ist kiffen dienlich, um den adoleszenten Krach mit den Eltern einzuleiten, oder greifen die Eltern selbst gern zur Tüte?

Ohne Zweifel mischen sich Motive häufig, die Wirklichkeit des Drogenkonsums lässt es kaum zu, die Dinge sauber zu entziffern. Und oft genug wissen Konsument:innen selbst nicht ganz genau, warum sie was nehmen. Und dennoch sollte deutlich geworden sein, dass die Verkettung von Drogen, Gefahr und Sucht einem historischen Blick nicht standhält. Der starke Fokus auf das Problem der Drogen hinterlässt bisweilen den Eindruck eines Ablenkungs- oder Ausweichmanövers. Hin und wieder wurden Drogen der allgemeinen Ordnung durchaus gefährlich, beispielsweise im Kontext der Counterculture der 1960er Jahre. Das führte jeweils zu einem heftigen Schwall reißerischer Antidrogenpropaganda, die mit aller Macht die Gefahren in den Vordergrund schob und keine Hemmungen hatte, Lügen zu verbreiten (etwa was angebliche Chromosomenschäden durch LSD angeht).

Eine Art Phänomenologie unterschiedlicher Motive und Praktiken ist daher eine wichtige Sache. Besonders dann, wenn die Rolle der Gesellschaft im Dreieck mit Subjekt und Substanz Beachtung findet. Das ganze Themenfeld Drogen und Drogenkonsum könnte schließlich als eine Art Seismograf für unterschiedliche gesellschaftliche Verhältnisse dienen. Einem etwas abgegriffenen Sprichwort nach hat jede Gesellschaft die Modedroge, die sie verdient. Diese Blickrichtung könnte ein ganzes Panorama an Deutungen bereithalten. Während üblicherweise nach dem Einfluss von Drogen auf die Gesellschaft gefahndet wird (etwa: "Was macht Crystal Meth mit den Leuten?"), wäre es spannend zu fragen, welchen Einfluss die Gesellschaft auf Drogen nimmt, welche Drogen also wann gehäuft, zu welchem Zweck und aus welchen sozialen oder politischen Gründen zum Einsatz kommen. Die viel diskutierte Opioidkrise in den USA erscheint dann vielleicht als Ausdruck einer heftig deprimierenden Zeit, die sich besser mit Sedativa ertragen lässt. Schnelles Koks für Topleistungen oder Gras für mehr Kreativität sind dann nicht mehr die Mittel der Wahl, sondern das schmerzstillende Opioid Oxycodon oder das angsthemmende Benzodiazepin Xanax, um den Irrsinn des Spätkapitalismus oder wenigstens die allenthalben spürbaren Transformationsschmerzen einer im Übergang begriffenen Gesellschaft zu ertragen.

Dieser Text ist eine umgearbeitete und ergänzte Fassung des Artikels "Erinnern, vergessen, anpassen, ausbrechen: Drogenkonsum und seine Motive", der im Suchtmagazin 3/2020 erschien (www.suchtmagazin.ch).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Robert Feustel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. J.G.H., Das beliebte und gelobte Kräutlein Toback, Leipzig 1975 [1719], S. 161.
2.
Zit. nach Michail Bachtin, Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur, Frankfurt/M. 1990, S. 125.
3.
So beschrieben vom Franziskanerprediger Johannes Pauli, Schimpf und Ernst, Leipzig 1896 [1522], S. 90.
4.
Hans von Schweinichen, Ein Lebensbild aus dem 16. Jahrhundert (Begebenheiten des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen), Heidenheim 1971 [1568–1602], S. 35f.
5.
Johann Heinrich Zedler (Hrsg.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden, Leipzig 1752, S. 857.
6.
E.L.P.B., Leserbrief, in: The Chemist and Druggist, 1888, S. 297f.
7.
Vgl. Terry M. Parssinen/Karen Kerner, Development of the Disease Model of Drug Addiction in Britain, 1870–1926, in: Medical History 3/1980, S. 275–296.
8.
Vgl. Gerhard Scharbert, Dichterwahn. Über die Pathologisierung von Modernität, München 2010.
9.
Thomas De Quincey, Suspiria de Profundis – Seufzer des Verderbens: Eine Fortsetzung der Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, Hamburg 2009, S. 71.
10.
Vgl. Charles Baudelaire, Les Paradis artificiels – Die künstlichen Paradiese. Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 6, München–Wien 1991, S. 77.
11.
Fitz Hugh Ludlow, Der Haschisch-Esser, Kreuzlingen–München 2007, S. 33.
12.
Zit. nach Alexander Kupfer, Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik, Stuttgart 1996, S. 37f.
13.
Vgl. Ludwig Klages, Vom kosmogonischen Eros, München 1922.
14.
Vgl. Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. II-1: Aufsätze, Essays, Vorträge, Frankfurt/M. 1991.
15.
Zit. nach Steven Watson, Die Beat Generation. Visionäre, Rebellen und Hipsters, 1944–1960, New York 1997, S. 306.
16.
Vgl. Luc Boltanski/Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2006.
17.
Henning Schmidt-Semisch, Palaise des Drogues oder: Psychedelische Dienstleistungen aller Art, in: Aldo Legnaro/Arnold Schmieder (Hrsg.), Jahrbuch Suchtforschung, Bd. 1: Suchtwirtschaft, Münster 1999, S. 133–142, hier S. 136.
18.
Aldo Legnaro, Der flexible Mensch und seine Selbstkontrolle – eine Skizze, in: ders./Schmieder (Anm. 17), S. 117–132, hier S. 130.
19.
Jakob Tanner, Subjekt – Substanz – Gesellschaft, in: Robert Feustel/Henning Schmidt-Semisch/Ulrich Bröckling (Hrsg.), Handbuch Drogen in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Wiesbaden 2019, S. 159–172.

Robert Feustel

Zur Person

Robert Feustel

ist promovierter Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. http://www.robert-feustel.de« robert.feustel@uni-jena.de


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