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27.11.2020

Der Preis des Highs. Erwünschte und unerwünschte Wirkungen psychotroper Substanzen

Drogen beziehungsweise psychotrope Substanzen[1] sind Stoffe, die oftmals gegen ausdrücklichen ärztlichen Rat und unter Missbilligung von Angehörigen und Kollegen eingenommen werden, trotz zu erwartender oder bereits eingetretener Schäden sowie im Bewusstsein, dass ihr Erwerb oder Besitz strafrechtliche Konsequenzen haben kann. Häufig entwickelt sich eine Abhängigkeit. Die Gründe für den Konsum sind unterschiedlichster Natur und können sich im Verlauf einer "Drogenkarriere" wandeln. Wichtigstes Motiv für den Erstgebrauch ist fast immer eine Hebung der Stimmung. Mechanismus dieser Euphorisierung ist die Anregung des körpereigenen "Belohnungssystems", also die Verstärkung dopaminerger (den Transmitter Dopamin ausschüttender) Nervenzellen, die vom Mittelhirn zum Nucleus accumbens im Endhirn ziehen. Erwünscht ist oft auch eine Psychostimulierung, das heißt Anregung der Aktivität, etwa bei der Einnahme von Kokain oder Amphetaminen. Andere psychotrope Substanzen wiederum werden zur Beruhigung eingenommen, oder es werden Veränderungen von Bewusstsein und Wahrnehmung gesucht, also halluzinogene (psychedelische) Effekte.

Fällt nach regelmäßiger Zufuhr die Wirkung bei gleicher Dosis schwächer aus, spricht man von Toleranz. Diese gibt es in zwei Varianten: Bei der metabolischen Toleranz ändert sich die Verstoffwechselung der Substanz (erhöht sich etwa die Abbaugeschwindigkeit); bei der funktionellen Toleranz kommt es zu wirkungsmäßigen Veränderungen (beispielsweise durch verminderte Empfindlichkeit der Bindungsstellen). Ergebnis ist oft ein Substanzmissbrauch unter Inkaufnahme körperlicher und psychischer Schäden, materieller Verluste oder gesellschaftlicher Ausgrenzung. Kommt es zur Abhängigkeit ("Sucht"), kann der Konsum nicht oder nur unter Schwierigkeiten aufgegeben werden.

Schädlicher Gebrauch wird in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ein Kapitel der von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, kurz ICD-10) als "ein Konsummuster psychotroper Substanzen" definiert, das "zu einer Gesundheitsschädigung führt". Das Abhängigkeitssyndrom wird eingeführt als "eine Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz (…) für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden". Für die Stellung dieser Diagnose müssen mindestens drei von sechs Kriterien erfüllt sein: Neben Toleranz und Entzugssyndrom der starke, gelegentlich übermächtige Wunsch (Zwang), Substanzen zu konsumieren, "verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums", "fortschreitende Vernachlässigung" anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums, schließlich Fortführung des Konsums "trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen".[2]

In der ICD-10 wird zwischen zehn Drogenarten unterschieden: Alkohol, Opioide, Cannabinoide, Kokain, Stimulanzien, Halluzinogene, flüchtige Lösungsmittel, Tabak, Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie sonstige psychotrope Substanzen. Im Folgenden werde ich – aus Platzgründen nur – auf die ersten sechs davon eingehen und aus medizinischer Sicht jeweils Wirkungen und Nebenwirkungen, also Nutzen und Gefahren, sowie Toleranz- und Entzugssymptome schildern.

Tabelle: Unmittelbare Effekte bei Konsum psychotroper Substanzen. (© Thomas Köhler, Rauschdrogen und andere psychotrope Substanzen, Tübingen 2014.)


Alkohol

Alkohol (genauer: Ethanol) gehört – unmäßig genossen – sicher zu den schädlichsten psychotropen Substanzen. Üblicherweise wird er oral als Getränk aufgenommen und vor allem im oberen Dünndarm resorbiert. Mit stärkeren Effekten und kostengünstiger kann er aber beispielsweise auch durch die Anal- oder Vaginalschleimhaut in den Blutkreislauf gelangen (etwa mittels in Wodka getränkter Tampons). Von dort erreicht er über die Pfortader die Leber, die einen Teil bereits abfängt und unter Energiegewinnung abbaut (präsystemische Elimination). Seine Wirkung kann erheblich sein: An nicht-zentralnervösen Effekten seien nur die Schleimhautreizung sowie die Erweiterung von Hautgefäßen (mit Wärmeverlust und Gefahr der Unterkühlung) genannt. Als neurologische Wirkungen finden sich schon bei niedrigem Blutalkoholspiegel durch die Verstärkung des hemmenden Neurotransmitters y-Aminobuttersäure (GABA) unter anderem verlängerte Reaktionszeit und motorische Beeinträchtigungen, die sich bei höheren Konzentrationen zu Gangstörungen und gestörter Sprechmotorik entwickeln. Bei den psychischen Effekten ist zunächst die entspannende, angstlösende Wirkung zu nennen. In höheren Dosen kommt es zu Schläfrigkeit, bei weiterer Zufuhr gar zu Koma und Tod. Die tödliche Blutalkoholkonzentration liegt bei zwei bis vier Promille, bei Dauerkonsumenten oft erheblich höher. Dieser Spiegel wird aber nur selten erreicht, da in der Regel zuvor Schlaf oder Bewusstlosigkeit eintreten.

Dass Alkoholtoleranz auftritt, ist eine bekannte Alltagserfahrung – man spricht dann verniedlichend von "Trinkfestigkeit". Chronische Konsumenten haben trotz großer eingenommener Mengen oft einen erstaunlich niedrigen Promillespiegel. Da sich viele trotz erhöhter Alkoholkonzentration bemerkenswert unauffällig verhalten, ist zudem von einer funktionellen Toleranz auszugehen. Das Entzugssyndrom bei Alkohol ist durch Unruhe, Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen sowie auffälliges Zittern der Hände (Tremor) gekennzeichnet, hinzu kommen Kreislaufsymptome (Blutdruckerhöhung, Herzjagen), zuweilen epileptische Krämpfe. Die schwerste Entzugssymptomatik ist das Delirium tremens: Es beginnt zwei bis drei Tage nach dem letzten Konsum, häufig wenn bei einem Krankenhausaufenthalt die Trinkgewohnheiten wegfallen. Voraus gehen oft Zeichen des einfachen Entzugssyndroms, zuweilen Krampfanfälle. Die eigentlichen Symptome bestehen in Halluzinationen sich bewegender Objekte ("weiße Mäuse"), illusionären Verkennungen, extremer Agitiertheit und Ängsten mit Verfolgungswahn, zudem örtlicher und räumlicher Desorientierung. Unbehandelt dauert das Delir zwischen vier und zehn Tagen und kann ohne Behandlung zum Tod führen. Typischerweise tritt es bei Personen auf, die über mehrere Jahre erheblichen Missbrauch aufwiesen; 15 Prozent der Alkoholkranken sollen diese Erkrankung durchmachen, viele mehrmals.

Alkoholabhängigkeitssyndrom und schädlicher Gebrauch werden oft nicht unterschieden, sondern unter "Alkoholismus" oder "Alkoholkrankheit" zusammengefasst. Etwa fünf Prozent der Männer und zwei Prozent der Frauen in Deutschland dürften die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllen; ein wesentlich höherer Prozentsatz treibt zumindest schädlichen Gebrauch. Gut belegt ist die familiäre Häufung von Alkoholismus, was teils milieubedingt ist, zudem genetische Ursachen hat. Die körperlichen Veränderungen bei Missbrauch seien hier nur angedeutet: An der Leber kommt es zunächst zu Fettablagerungen mit Gefahr von Entzündungsprozessen (Fettleberhepatitis), nach Jahren bis Jahrzehnten schließlich zum bindegewebigem Umbau (Leberzirrhose). Folgen sind Veränderungen im Gefäßsystem und Umgehungskreisläufe in Form von Venen, die in der Wand der Speiseröhre zum Herzen ziehen (Ösophagusvarizen). Zudem resultieren eingeschränkte Synthese- und Abbaufunktionen, Störungen der Blutgerinnung, Anhäufung toxischer Stoffe (zum Beispiel Ammoniak), die das Gehirn schädigen und zur hepatischen Enzephalopathie bis hin zum Leberkoma führen können. Weiter kann es zu Entzündungen im Magen-Darm-Bereich und der Bauchspeicheldrüse sowie zu erhöhtem Risiko von Karzinomentwicklungen in Mund-Rachen-Raum, Kehlkopf und Speiseröhre kommen (speziell bei Konsum hochprozentiger Spirituosen und gleichzeitigem Tabakkonsum). Oft werden auch Herzmuskel- sowie Nervenzellen geschädigt. An psychischen Störungen ist vor allem das Korsakow-Syndrom zu nennen, gekennzeichnet durch Beeinträchtigung der Merkfähigkeit und Konfabulationen (Ausfüllen der Gedächtnislücken durch Erfundenes) bei im Allgemeinen erhaltenen intellektuellen Fähigkeiten. Eine Alkoholhalluzinose kann sich nach längerem Konsum einstellen und ist durch akustische Halluzinationen charakterisiert. Verbreitet ist auch der alkoholische Eifersuchtswahn, zu dessen Ausbildung die häufige Impotenz beiträgt.

Opioide

Opioide (griechisch: "dem Opium ähnlich") werden sämtliche Substanzen genannt, die Wirkungen wie Opium beziehungsweise Morphin aufweisen. Opium wird aus der unreifen Samenkapsel des Schlafmohns gewonnen, die zahlreiche Alkaloide enthalten – basische Moleküle mit einem Stickstoffanteil, die hauptsächlich in Pflanzen gefunden werden und auf tierische Nervensysteme wirken (als Schutz, gefressen zu werden). Die drei wichtigsten sind Morphin, Codein und Thebain. Durch die Weiterbehandlung von Morphin lässt sich unter anderem das viel stärkere Diacetylmorphin/Diamorphin gewinnen, das als Heroin bekannt ist. Synthetische Opioide dagegen werden ohne Verwendung von Opium im Labor hergestellt; Beispiele sind Methadon oder Fentanyl. Trotz geringer struktureller Ähnlichkeit mit Morphin teilen sie sich mit ihm alle wesentlichen Wirkeigenschaften, sind aber im Allgemeinen deutlich stärker. Bei oraler Aufnahme verlieren Opioide üblicherweise an Wirkung, da sie bei Passieren der Leber (meist) eine präsystemische Elimination erfahren. Sie kann umgangen werden, indem die Substanz injiziert, geschnupft oder geraucht wird. Da Methadon keiner präsystemischen Elimination unterliegt, kann es ohne Wirkverlust oral eingenommen werden – ein wesentlicher Vorteil bei Substitutionstherapien.

In der medizinischen Therapie sind Opioide nach wie vor unverzichtbar: Ihr wichtigster Effekt ist der analgetische (schmerzstillende), wobei durch die Anlagerung an Rezeptoren für endogene (körpereigene) Opioide unter anderem die Erregungsübertragung in den Schmerzbahnen im Rückenmark erschwert und die Schmerzwahrnehmung reduziert wird. Zur Entwicklung einer Opiatabhängigkeit trägt die Euphorisierung wesentlich bei – beim Spritzen von Heroin in Form eines schwallartig einsetzenden Hochgefühls. Weiter wirken Opioide sedierend und beeinflussen diverse vegetative Funktionen, wobei der hemmende Effekt auf das Atemzentrum klinisch am bedeutsamsten ist. Opioide in niedrigen Dosierungen wirken hustenstillend, höhere Dosen können eine Lähmung des Atemzentrums bewirken; darauf ist ein Großteil der akuten Todesfälle zurückzuführen ("goldener Schuss"). Andere Effekte sind Verengung der Pupillen sowie verstärkte Kontraktion glatter Muskulatur im Magen-Darm-Bereich; durch Verkrampfung kann es zur Wandstarre und damit Verstopfung kommen. Opiate werden daher auch zur Behandlung von Durchfällen eingesetzt.

Verglichen mit den Folgen chronischen Alkoholmissbrauchs sind die Folgen bei langjähriger Opioideinnahme eher gering. Die wesentlichen Schäden entstehen durch unsachgemäße Applikation mittels verschmutzter Nadeln und Spritzen (Hepatitis B und C, HIV-Infektion, Spritzenabszesse). Weitere Effekte chronischen Konsums sind Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, erhöhte Infektionsanfälligkeit. Auf psychischem Gebiet werden kognitive Defizite, Leistungsabfall, Vernachlässigung anderer Interessen sowie Stimmungsveränderungen beschrieben. Psychotische Störungen treten in der Regel nicht auf, nur selten ausgeprägte Gedächtnisstörungen oder stärkere intellektuelle Einschränkungen.

Bei Opioiden tritt rasch Gewöhnung ein, was wohl eine Folge von reduzierter Empfindlichkeit der eigentlich für endogene Opioide vorgesehenen Rezeptoren ist. Bei Abstinenz bildet sich die Toleranz rasch zurück, mit der Konsequenz, dass Abhängige, die nach Entzug ihre zuletzt übliche Dosis spritzen, in die Gefahr tödlicher Überdosierung geraten. Das Opiatentzugssyndrom ist sehr eindrucksvoll und unangenehm, jedoch selten eine tödliche Bedrohung – manche Abhängige unterziehen sich selbst einem "kalten Entzug", um der Toleranzentwicklung entgegenzuwirken. Es entspricht einer Sympathikusaktivierung mit Pulsbeschleunigung, Blutdrucksteigerung, erweiterten Pupillen, Schweißausbrüchen. Hinzu kommen Erbrechen und Durchfall, Muskelkrämpfe, Tränenfluss sowie grippeähnliche Symptome. Häufig wird über gesteigerte Schmerzempfindlichkeit und starken Juckreiz berichtet. Anders als beim Alkoholentzug finden sich typischerweise weder Krampfanfälle noch delirante Symptome. Das Entzugssyndrom tritt wenige Stunden nach letzter Einnahme auf und erreicht seinen Höhepunkt nach etwa ein bis zwei Tagen; danach lassen die Beschwerden nach, um nach etwa einer Woche zu verschwinden.

Anders als in den USA, wo eine regelrechte Opiatepidemie vorliegt, die nicht zuletzt auf die über Jahre allzu großzügige ärztliche Verschreibung legaler opioidhaltiger Tabletten zurückgeht, ist die Missbrauchshäufigkeit hierzulande geringer – allerdings im Steigen begriffen. Der "klassische" (spritzende) Heroinabhängige ist seltener geworden. Mittlerweile hat oft ein Übergang auf oral konsumierte, geschnupfte oder inhalierte Opioide stattgefunden (meist bei Konsum weiterer psychotroper Substanzen). Eine vollständige Beseitigung der Abhängigkeit gelingt selten, sodass Substitutionstherapien, zum Beispiel mit Methadon, oft Mittel der Wahl bleiben. Diese haben als pharmazeutische Produkte – im Gegensatz zu den auf der Straße verkauften (mit mehr oder weniger toxischen Stoffen gestreckten) Produkten wie Heroin – eine genau definierte Zusammensetzung und bergen somit weniger die Gefahr der Überdosierung und anderer Vergiftungen. Zudem entfällt die Infektionsgefahr. Da jedoch das bei intravenöser Injektion hochgeschätzte Erlebnis des Anflutens entfällt, werden Substitutionsmittel oft nicht akzeptiert, oder wenn, häufig zusätzlich Heroin konsumiert.

Kokain und Psychostimulanzien

Kokain ist eine psychostimulierende (antriebssteigernde) Substanz und ähnelt hierin den Amphetaminen. Es ist das Hauptalkaloid der vornehmlich in mittleren Höhenlagen Südamerikas wachsenden Kokapflanze. Den höchsten Kokaingehalt haben die Blätter, die seit Jahrtausenden dort gekaut werden und leistungssteigernde Wirkung entfalten, zudem therapeutisch genutzt werden (etwa gegen Kopfschmerz oder zur Behandlung von "Höhenbeschwerden"). Zur Gewinnung von "Koks" werden Kokablätter zu einer Paste verarbeitet, aus der durch chemische Behandlung ein weißes kristallines Pulver hervorgeht; es besteht aus Kokainhydrochlorid, dem in Salzform vorliegenden Alkaloid. Die kostspielige Ware kann in verschiedener Form appliziert werden, wird meist geschnupft oder auf andere Schleimhäute gebracht, nicht selten gespritzt. Reines Kokain, das stärker als die Hydrochloridverbindung ist, kann durch einfache Prozesse zurückgewonnen werden, etwa durch Erhitzen mit Lösungsmitteln und Lauge. In einer weniger gefährlichen Prozedur wird es mit Natriumbikarbonat erhitzt und als trockene Klumpen (Crack) geraucht; dieses ist erheblich billiger und führt durch sein rasches Anfluten zu extrem starken Effekten. Kokain führt zu erhöhter Aufmerksamkeit, Euphorisierung, Antriebssteigerung und Enthemmung; die Konsumenten sind ungewöhnlich aktiv, gesprächig und voll Selbstvertrauen, benötigen kaum Schlaf; Hungergefühle bleiben lange aus. Bei höheren Dosen können psychotische Reaktionen in Form von Halluzinationen und Wahnvorstellungen auftreten, ebenso extreme Ängste und Aggressionen. Die Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt zu Pulsbeschleunigung und Blutdruckanstieg, erhöhter Atemfrequenz, weit gestellten Pupillen; auch Krampfanfälle werden beschrieben. Die nicht seltenen Todesfälle im Kokainrausch gehen vornehmlich auf Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Rhythmusstörungen oder Herzinfarkte zurück, häufig auch auf Verstopfungen und Blutungen der Hirngefäße; bei hohen Dosen kann ein Koma auftreten. Zudem sind – speziell bei Crackrauchern – Unfälle und Gewalttaten nicht seltene Todesursachen.

Zu den Psychostimulanzien gehören unter anderem auch Koffein, das im Jemen und Teilen Nordostafrikas verbreitete Khat sowie die Gruppe der Amphetamine (zum Beispiel Amphetamin und Methamphetamin). Auch das zur Behandlung von ADHS einsetzte Methylphenidat (zum Beispiel Ritalin) ist ein Psychostimulans. Amphetamin ist ein dem Hormon Adrenalin verwandter Stoff, der erstmals in den 1930er Jahren synthetisch hergestellt und zur Behandlung von Asthma eingesetzt wurde. Im Zweiten Weltkrieg erhielten deutsche Soldaten Pervitin mit dem Wirkstoff Methamphetamin als "Panzerschokolade", um Müdigkeitserscheinungen vorzubeugen. Im Sport dienen Amphetamine als Dopingmittel. Wegen der ausgeprägten Dämpfung des Hungers kamen die Substanzen auch als Appetitzügler zum Einsatz. Waren Amphetamine bis etwa 1980 leicht erhältlich, wurden sie später weitgehend aus dem Handel genommen. Heute sind in Deutschland als Psychostimulanzien im Wesentlichen nur Methylphenidat und Amphetamin zugelassen. Auf dem illegalen Markt spielen sie eine beträchtliche Rolle. Sie werden meist in Tablettenform eingenommen, zuweilen gespritzt. Methamphetamin (gewonnen über einfache Prozesse aus Ephedrin/Pseudoephedrin und dann als Crystal Meth in Form scharfer kleiner Kristallsplitter zu erwerben) wird meist über die Nasenschleimhaut aufgenommen, kann in reiner Zubereitung auch geraucht werden. Die Amphetamine ähneln hinsichtlich ihrer Wirkung und Wirkmechanismen dem Kokain. Die Einnahme geschieht oft zyklisch mit Extremkonsum und euphorischer Überaktivität, auch sexueller Natur, gefolgt von Müdigkeit, Heißhunger und depressiver Verstimmung. Intoxikationen sind nicht ungefährlich, unter anderem wegen schwerer Herz-Kreislauf-Reaktionen, aber auch aufgrund des oft gewalttätigen Verhaltens; gefürchtet sind psychotische Zustände, insbesondere nach Konsum von Crystal Meth.

Toleranzentwicklung ist bei Kokain und Amphetaminen gut dokumentiert; zur Erzielung gleichbleibender Effekte ist oft schon bald eine Dosissteigerung erforderlich, hauptsächlich weil die Bindungsstellen an den Transporterproteinen oder die Rezeptoren zunehmend weniger ansprechen. Bezüglich einiger Effekte gibt es zuweilen eine Wirkungssteigerung (Sensitivierung). Entzugssymptome kommen keineswegs bei allen Konsumenten vor und zeichnen sich vor allem durch ängstlich-bedrückte und leicht reizbare Stimmung aus, daneben durch Veränderung des Aktivitätsniveaus, welches erhöht (Schlaflosigkeit, Erregtheit) oder erniedrigt sein kann (Schlafbedürfnis, psychomotorische Hemmung). Die meisten Symptome nach Konsumende, besonders die anschließende Müdigkeit, lassen sich als Rebound-Effekte zur Regulation vernachlässigter Körperbedürfnisse erklären.

Eine Kokainabhängigkeit entwickelt sich vor allem dann rasch, wenn die Substanz geraucht oder intravenös appliziert wird; besonders gefährdet sind Crackraucher. Neben der häufigen Schädigung der Nasenschleimhaut treten Konsequenzen langjährigen Konsums vor allem im Herz-Kreislauf-System zutage (Infarkte, Schlaganfälle). Regelrechte Abhängigkeit von Amphetaminen entwickelt sich besonders rasch, wenn die Substanzen geraucht, geschnupft oder gespritzt werden; häufiger dürfte Missbrauch ohne strenge Abhängigkeit sein (Ausnahme: Crystal Meth). Schäden nach chronischem Konsum sind ähnlich wie bei Kokain. Auffällige Veränderungen finden sich bei Crystal-Meth-Usern; der rasche kariöse Verfall der Zähne wird auf verminderten Speichelfluss (zusammen mit Zähneknirschen und einseitiger Ernährung mit Zuckerpräparaten) zurückgeführt. Die Hautveränderungen, welche die Konsumenten erschreckend rasch "altern" lassen, dürften Schädigungen durch die Kristalle sein (bei schlechter Wundheilung durch Gefäßverengung), daneben Effekte der zur Herstellung eingesetzten Substanzen. Gut belegt sind auch kognitive Einschränkungen.

Cannabinoide

Die Hanfpflanze ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Einige ihrer Sorten enthalten rund hundert psychotrope Substanzen, von denen Tetrahydrocannabinol (THC) für die Rauschwirkung ("Dröhnung") und diverse andere Effekte die wichtigste ist; zunehmend Interesse finden weitere Inhaltsstoffe, speziell Cannabidiol (CBD), dessen Wirkungen (wenigstens teilweise) denen von THC konträr sind. Marihuana bezeichnet die getrockneten Blätter und Triebspitzen der Hanfpflanze, Haschisch das THC-reichere Harz. Marihuana wird meist geraucht, jedoch auch nach oraler Aufnahme resorbiert. Haschisch wird üblicherweise in Pfeifen geraucht; es lässt sich ebenso oral konsumieren, etwa verarbeitet in Keksen. Gegenüber früheren Cannabisprodukten sind die heutzutage konsumierten durch den höheren THC-Gehalt etwa zehn- bis zwanzigmal stärker.

THC bindet an spezifische Rezeptoren, von denen zwei Typen bekannt sind: der vornehmlich zentralnervös lokalisierte CB1- und der in lymphatischen Organen wie Milz und Lymphknoten nachzuweisende CB2-Rezeptor. Auf diese Weise greift es indirekt in diverse Transmittersysteme ein. Die Effekte hängen stark von Erfahrungen und psychischer Ausgangslage der Konsumenten sowie der Umgebungsatmosphäre ab, zudem von der konsumierten Menge und vom Verhältnis der THC-Konzentration zu der anderer Cannabinoide, speziell CBD. Meist werden sie als euphorisierend und friedlich-entspannend beschrieben, was auf der Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems beruht, zudem wohl auf der Stimulierung des endogenen Opioidsystems. Manche fühlen sich zu Gesprächen angeregt, andere ziehen es vor, eigenen Gedanken nachzuhängen. Beschrieben werden häufig psychedelische Effekte, etwa Empfindung höherer Farbintensität, zudem eines veränderten Zeitablaufs (Zeitintervalle erscheinen erheblich länger, Bewegungen entsprechend langsamer); in höheren Dosen können Halluzinationen auftreten. Die Reaktionen sind verlangsamt. Zuweilen stellen sich auch unangenehme Wirkungen wie Reizbarkeit und Angstzustände ein. Der eigentliche Rausch hält etwa drei bis sechs Stunden an, Einschränkungen der Reaktionsfähigkeit deutlich länger. Das sich in Fettgewebe einlagernde THC wird nur langsam abgebaut.

Von den diversen positiven Effekten, die berichtet werden, lassen sich mehrere therapeutisch nutzen: Hierzu gehören die Unterdrückung von Übelkeit und die Appetitsteigerung sowie Linderung von Spastik und neuropathischen Schmerzen, wie sie insbesondere bei Multipler Sklerose (MS) auftreten. Mittlerweile sind Cannabisanaloga sowie Extrakte der Hanfpflanze zur Behandlung von Schmerzen und Spastik bei MS oder zur Bekämpfung von Übelkeit bei Chemotherapie zugelassen, seit Kurzem auch Cannabisblüten ("Medizinalhanf"). Cannabisprodukte mit sehr geringem Gehalt von THC (dafür größerem von CBD) sind vielerorts inzwischen frei verkäuflich.

Die Toxizität galt lange als gering; selbst bei hohen Dosen wurden selten starke Abhängigkeiten oder Todesfälle beobachtet. Dies hat sich jedoch geändert, wohl als Folge konsumierter synthetischer Cannabinoide, die zunehmend auf den Markt kommen und besonders stark an CB-Rezeptoren anbinden. Eine (mäßige) Toleranzentwicklung ist gegeben und auf Anpassung der Cannabinoidrezeptoren zurückzuführen. Die früher genannten Entzugserscheinungen waren wenig auffällig: grippeähnliche Symptome, Durchfall, Appetitmangel, Schlafstörungen. Mit höherem THC-Inhalt neuerer Sorten und speziell bei Konsum synthetischer Cannabinoide gibt es ausgeprägtere Entzugssymptomatik wie schwere Übelkeit, Magenschmerzen, zuweilen Krampfanfälle. Wann Missbrauch vorliegt, wird kontrovers diskutiert. Anders als früher zu lesen, kommt Abhängigkeit durchaus vor, und regelmäßiger Konsum über Jahre ist keineswegs harmlos, insbesondere wenn schon früh begonnen wurde. Häufig wird das "amotivationale Syndrom" beschrieben, eine zunehmende Interessen- und Antriebslosigkeit; belegt sind Verschlechterungen von Gedächtnisleistungen und Aufmerksamkeit. Zudem entwickeln Cannabisraucher deutlich häufiger Schizophrenien, oft direkt im Anschluss an eine akute Intoxikation. Hinzu kommen Schädigungen im Mund-Rachen-Raum sowie im Bronchialsystem, denn bei der Verbrennung der Marihuanablätter entstehen noch mehr toxische Produkte als bei der von Tabak.

Halluzinogene

Als Halluzinogene (Psychedelika) bezeichnet man Stoffe, die Wahrnehmung und Bewusstsein verändern ("bewusstseinserweiternde" Drogen). Am bekanntesten ist LSD (Lysergsäurediethylamid). Daneben gibt es zahlreiche in Pilzen oder Pflanzen (auch Tiersekreten) enthaltene psychedelische Stoffe. Auch MDMA (Ecstasy) wäre am besten in diese Gruppe einzuordnen. Zudem werden in Labors laufend neue Stoffe ähnlicher Wirkung synthetisiert ("Designerdrogen").

LSD wurde 1943 vom Chemiker Albert Hofmann aus Mutterkornalkaloiden hergestellt und in kühnen Selbstversuchen untersucht; es wurde zeitweise bei wissenschaftlichen Experimenten eingesetzt. Ähnliche Effekte hat Meskalin, das Hauptalkaloid des Peyote-Kaktus, bekannt seit Jahrhunderten in Mexiko als Rauschmittel. Ein weiteres Halluzinogen ist Psilocybin in Pilzen der Gattung Psilocybe ("Magic Mushrooms"); es zählt, wie das in der Rauschdroge Ayahuasca enthaltene Dimethyltryptamin (DMT) und das von Kröten abgesonderte Bufotenin zu den Tryptaminen und ist somit (wie LSD) strukturell dem Neurotransmitter Serotonin verwandt; die halluzinogene Wirkung wird durch Stimulation bestimmter Serotonin-Rezeptoren erklärt. Den Halluzinogenen zuzurechnen sind auch die in Nachtschattengewächsen (zum Beispiel Engelstrompete, Stechapfel, Tollkirsche) enthaltenen Anticholinergika Atropin und Scopolamin. Sie blockieren Acetylcholin-Rezeptoren und verstärken so indirekt die Wirkung anderer Transmittersysteme (etwa des dopaminergen und serotonergen). Körperliche Reaktionen sind Folge einer Sympathikusaktivierung (Pulsbeschleunigung, Weitstellung der Pupillen). Zuweilen treten (vorübergehende) neurologische Symptome auf; auch irreversible Schäden des zentralen Nervensystems sind dokumentiert, besonders nach Einnahme scopalaminhaltiger pflanzlicher Produkte mit unbekanntem Substanzgehalt. Auch nach Ecstasykonsum zeigen sich zuweilen schwere neurologische Beeinträchtigungen (Hirnödeme), zudem akute internistische Symptome wie Gerinnungs- oder Herzrhythmusstörungen.

Die einzelnen Halluzinogene (zumindest die "klassischen") wirken prinzipiell ähnlich. Typisch sind geschärfte Empfindungen, etwa für Farben oder Töne; auch wird über Synästhesien wie farbiges Sehen von Tönen berichtet. Regelrechte Halluzinationen (Wahrnehmungen von nicht Vorhandenem) kommen, wenigstens in üblichen Dosen, eher selten vor; treten sie auf, erkennen sie die Konsumenten in der Regel als Substanzeffekte. Weitere Wirkungen sind verändertes Raum- und Zeitempfinden, Gefühle der Unwirklichkeit, zudem die (trügerische) Empfindung, tiefe Einsichten erlangt zu haben. Der Antrieb ist typischerweise gesteigert, die Stimmung meist gehoben; jedoch werden auch "Horrortrips" beschrieben. Realitätsverkennungen (etwa das Gefühl, fliegen zu können) führen nicht selten zur Selbstschädigung. Unmittelbare Übergänge in halluzinatorische Psychosen kommen vor. Anticholinergika erzeugen eher delirante Zustände. Die Wirkung von Ecstasy ist vornehmlich "entaktogen": Umgebung und Mitmenschen erscheinen in "positivem Licht". Ob sich die erwünschten Wirkungen von Psychedelika medizinisch nutzen lassen – etwa in der Psychotherapie zur Behandlung schwerster Depressionen – ist Gegenstand aktueller Forschungen, bislang aber noch umstritten.

Toleranz entwickelt sich rasch, vermutlich durch reduzierte Rezeptorempfindlichkeit. Schwere Entzugssyndrome werden bei klassischen Halluzinogenen nicht beschrieben, regelrechte Abhängigkeiten kaum beobachtet. Ähnliches gilt für Ecstasy. Missbrauch im Sinne regelmäßigen Konsums ist jedoch keine Seltenheit. Folgeschäden wie Übergänge in Psychosen, Selbstschädigungen im Rausch oder Veränderungen des zentralen Nervensystems sind nicht ganz selten. Mittlerweile sind kognitive Störungen, speziell der Gedächtnisleistungen, nach (auch nur gelegentlichem) Ecstasykonsum belegt.

Fazit

Wie dieser Überblick über die verbreitetsten psychotropen Substanzen zeigt, liegen medizinischer Nutzen und körperlicher Schaden bei ihrem Gebrauch oft eng beieinander – wobei, von den Opioiden oder den hier nicht besprochenen Sedativa (Beruhigungsmitteln) abgesehen, Letzterer im typischen Falle größer ist. Die Dosis macht das Gift, lautet ein bekanntes Sprichwort, und jeder exzessive Gebrauch beziehungsweise Missbrauch von psychotropen Substanzen hat seinen Preis – nicht selten einen hohen. Das Gläschen Wein gehört zur Kultur des Abendlandes; schwere Saufgelage mit ihren schrecklichen Folgen sind dagegen kulturschädigend, und der gewohnheitsmäßige Missbrauch von Alkohol kann die Existenz ganzer Familien ruinieren. Oder wie es der Journalist Alexander Wendt ausdrückt: "Jeder Drogenkonsum beruht auf einem Gegengeschäft. Wer sich darauf einlässt, der bietet eine selbstverständliche Funktion seines Körpers (…), um eine außergewöhnliche Fähigkeit einzutauschen. Ein gutes Hautbild beispielsweise kann zum Tauschobjekt werden, eine unproblematische Leberfunktion, ein zuverlässiges Gedächtnis. Möglicherweise auch Lebenszeit. Unter Umständen das Leben selbst."[3]
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Thomas Köhler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Droge ist ein umgangssprachlicher Begriff, meist mit der Konnotation des Illegalen. Alkohol ist legal, jedoch in seinen Effekten den illegalen Substanzen ähnlich. Hier wird daher die sperrige, aber genauere Bezeichnung "psychotrope Substanz" verwendet. Für ausführliche Verweise siehe Thomas Köhler, Rauschdrogen und andere psychotrope Substanzen, Tübingen 2014; ders., Die Zeiten verfliegen wie im Rausch. Eine kurzweilige Geschichte von Alkohol, Drogen und ihren Konsumenten, Stuttgart 2019.
2.
Horst Dilling/Werner Mombour/Martin H. Schmidt, Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F) – Klinisch-diagnostische Leitlinien, Göttingen–Bern 201810, S. 113ff.
3.
Alexander Wendt, Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts, Stuttgart 2018, S. 9.

Thomas Köhler

Zur Person

Thomas Köhler

ist Professor für Psychologie an der Universität Hamburg sowie promovierter Mediziner und diplomierter Mathematiker. Zuletzt erschien von ihm "Die Zeiten verfliegen wie im Rausch. Eine kurzweilige Geschichte von Alkohol, Drogen und ihren Konsumenten" (2019). thomas.koehler@uni-hamburg.de


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