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29.1.2021

Editorial

Stuttgart gilt als Musterstadt der Integration. Die "New York Times" ernannte die baden-württembergische Landeshauptstadt im "Flüchtlingsherbst" 2015 zum weltweiten Vorbild gelungener Integrationspolitik, und auch im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik steht die Stadt spätestens seit den 1950er Jahren für die erfolgreiche Verbindung von Migration und Integration, die erst die Grundlage schuf für materiellen Wohlstand, hohe Lebensqualität und ausgeprägten Bürgerstolz. Die Frage, ob "wir das schaffen", stellte sich in Stuttgart eigentlich nie – es wurde einfach "geschafft", beim Daimler, beim Porsche oder beim Bosch.

Diese integrationspolitische Erfolgsgeschichte mag vor dem Hintergrund, dass in Stuttgart heute Menschen aus 190 Herkunftsnationen leben und 44 Prozent der Stuttgarterinnen und Stuttgarter aus Familien mit Migrationserfahrung stammen, umso beeindruckender erscheinen. Möglicherweise ist sie aber schlicht das Resultat liberaler Traditionen, weltoffener Gesinnung, wirtschaftlicher Prosperität und einer konsequenten städtischen Integrationspolitik, die sich, unterstützt durch eine vitale Zivilgesellschaft, schon früh gegen den bundes- und parteipolitischen Mainstream gestemmt hat.

Seit den Protesten gegen "Stuttgart 21", den Ausschreitungen im Sommer 2020 und der Gründung der "Querdenken"-Bewegung bröckelt das Image der Musterstadt. Möglicherweise führt Stuttgart aber nur im Kleinen vor, welche desintegrativen Kräfte und Herausforderungen an der Gesellschaft insgesamt derzeit zerren. Werden gesellschaftliche Probleme nicht adäquat adressiert und verarbeitet und geraten politisches Handeln und individuelle Problemwahrnehmungen aus dem Lot, dann ist das Aufkommen zivilgesellschaftlicher Proteste nicht überraschend. Es scheint, als würde in Stuttgart derzeit stellvertretend für den Rest der Republik gerungen und gestritten. Darin darf man ruhig auch ein positives Zeichen sehen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sascha Kneip für bpb.de

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Sascha Kneip

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