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Wenn 'nachhaltig' ein leeres Versprechen bleibt


Ausverkauf der Glaubwürdigkeit? Viele Unternehmen werben mit Nachhaltigkeit, unterwerfen sich aber weiterhin dem kapitalistischen System. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de


Redaktion: Was ist Greenwashing und wie funktioniert es?

Kathrin Hartmann: Greenwashing funktioniert systematisch: Je problematischer ein Produkt und seine Herstellung, desto größer das Bemühen des Unternehmens, es mit Nachhaltigkeitssiegeln zu versehen. Erstaunlicherweise funktioniert Greenwashing umso besser, je offensichtlicher die "grüne Lüge" und je absurder das Öko-Versprechen ist. Genau deshalb, weil es suggeriert, dass alles bleiben kann, wie es ist und unüberbrückbare Widersprüche überwunden werden können. 
 Für mich ist die Kapselkaffee-Maschine von Nespresso dafür ein gutes Beispiel. Allein durch die Produktion der Kapseln hinterlässt Nespresso jedes Jahr einen 8.000 Tonnen schweren Alu-Müllberg, das Kilo Kapselkaffee kostet circa 80 Euro. Viele Konsument/-innen wissen, dass die Aluminium-Herstellung mit Umweltzerstörung verbunden ist und viele Menschen im Kaffeeanbau ausgebeutet werden. Trotzdem behauptet Nespresso in seiner Werbung, dass jede Tasse Kapselkaffee “Gutes für Umwelt und das Gemeinwohl bewirken kann”. Als Beleg dafür besucht George Clooney werbewirksam Kaffeebauern in Costa Rica. Allein mit Nespresso erwirtschaftet Nestlé vier Prozent seines Gesamtumsatzes.

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Kathrin Hartmann

Kathrin Hartmann ist Journalistin (u.a. Frankfurter Rundschau, Neon) und Autorin und veröffentlichte 2018 das Buch "Die Grüne Lüge", das sich mit dem Greenwashing großer Konzerne beschäftigt, also dem Bemühen das nicht ökologische und nachhaltige Kerngeschäft hinter positiven Öko- und Sozialversprechen zu verstecken.

Unternehmen sprechen heutzutage gerne von "nachhaltigem Wachstum", gibt es das überhaupt?

Würden Unternehmen mit ökologisch und sozial gerechtem Wirtschaften Profit machen, hätten sie nie etwas anderes getan. Die Illusion vom grünen Wachstum ist seit der UN-Konferenz für Nachhaltige Entwicklung in Rio 2012 wirtschaftspolitische Leitidee. Hinter dem Schlagwort der "Green Economy" steckt die Idee, Wachstum und Naturzerstörung mithilfe neuer Technologien voneinander zu "entkoppeln". Würde das funktionieren, hätten wir ein echtes grünes Wunder, ein Perpetuum mobile. Wachstum verbraucht immer Energie und Rohstoffe – und das geht nicht nicht ohne billige Arbeitskraft, Naturzerstörung und Ausbeutung. Die Green Economy wird nie anders funktionieren, davon bin ich überzeugt. Am dramatischsten sind die Folgen beim so genannten Biosprit: Biokraftstoffe wie Biodiesel enthalten Palmöl. In Indonesien wurden große Regenwaldflächen abgeholzt, um darauf Palmölplantagen anzulegen – was oft mit Vertreibung und Menschenrechtsverletzungen einherging. Ähnliches ist denkbar beim Wunsch den ganzen Individualverkehr auf Elektroautos umzustellen. Der Bedarf an Rohstoffen z.B. für die Batterieproduktion aus den Ländern des Südens ist dafür immens und führt dort jetzt schon zu Konflikten.

Wer trägt mehr Verantwortung beim Thema Klimaschutz: die Unternehmen oder die Konsument/-innen?

Unternehmen sind keine Personen, die nach ethischen Grundsätzen handeln, sondern sind vor allem an Gewinnmaximierung und Marktmacht und damit auch an Einfluss auf Politik und Gesellschaft interessiert. "Konsument" ist keine soziale, sondern eine ökonomische Kategorie: Konsument/-innen können nur kaufen. Aber als Bürger/-innen sind wir mit demokratischen Rechten ausgestattet, um politischen Einfluss zu nehmen und die Unternehmen wie Politik dazu zu drängen, im Sinne der Allgemeinheit zu handeln und nicht die Profite von Konzernen auf Kosten von uns allen zu schützen. Das passierte zum Beispiel vergangenes Jahr mit den Protesten für den Ausstieg aus der Kohle, insbesondere im Hambacher Forst.

Ist "ethischer Konsum" nur ein Versuch der Konsument/-innen, das eigene Gewissen zu beruhigen oder ist da etwas dran?

Vor fast 20 Jahren wurde in den USA der Begriff LOHAS geprägt, der einen Lebensstil der Nachhaltigkeit und Gesundheit beschreibt (Lifestyle of Health and Sustainability). Vor gut zehn Jahren entdeckten Marketing-Profis diesen Shopping-Trend in Deutschland und Hochglanzmagazine schrieben plötzlich davon, wie “sexy” Nachhaltigkeit sei. Dieser Trend richtet sich an eine besserverdienende, meist unpolitische Zielgruppe und verbreitet die Botschaft von der so genannten Konsumentendemokratie, nach der nicht mehr an der Wahlurne, sondern an der Supermarktkasse abgestimmt wird. 

Mittlerweile ist diese Vorstellung im Mainstream verbreitet. Und natürlich lässt das ganz bequem einen privaten Ablasshandel zu: im Unverpackt-Laden kaufen und gleichzeitig durch die Welt zu jetten etwa. Viele Menschen denken, wir hätten keine andere Handlungsmöglichkeit als bestimmte Dinge zu kaufen oder nicht. Das finde ich erschreckend, denn das zeugt von einem Ohnmachtsgefühl. Gleichwohl gibt es natürlich sehr viele Menschen, die andere, weniger verschwendende Lebensstile leben und gleichzeitig politisch sind.

Wann schadet Greenwashing dem Unternehmen?

Es schadet ihnen gar nicht, im Gegenteil: Mittels Greenwashing gelingt es den Unternehmen, die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen und Kund/-innen in Aussicht zu stellen, sich dann zu ändern, wenn möglichst viele Menschen ihre “nachhaltigen” Produkte kaufen. Viel problematischer ist, dass Greenwashing in die Politik wirkt: Mit dem Versprechen, sich selbst um die Probleme zu kümmern, die sie verursachen, versuchen Unternehmen entsprechende Auflagen und Gesetze zu verhindern, die den Profit einschränken könnten. Die Politik fördert solche CSR (Corporate Social Responsibility)-Strategien und sieht darin einen Weg, nachhaltigeres Wirtschaften zu fördern. Freiwillige Selbstverpflichtungen, das belegen mittlerweile viele empirische Studien, bleiben wirkungslos. Dennoch blockiert Deutschland auf UN-Ebene das verbindliche Menschenrechtsabkommen für Konzerne (UN Binding Treaty), dass sie zu ökologisch und sozial gerechtem Wirtschaften zwingen würde.

Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass manche NGOs zu "grünen Helfern der Industrie" werden. Wie kann das sein?

Es gibt eine Reihe großer internationaler Naturschutzorganisationen, die mit Konzernen zusammenarbeiten. Dazu gehören NGOs wie Conservation International, The Nature Conservancy, Birdlife International und der WWF. Sie erhoffen sich durch die Zusammenarbeit große positive Auswirkungen auf ganze Industriezweige. Leider habe ich dafür keine Belege finden können, im Gegenteil. 

Der WWF hat gemeinsam mit der Palmölindustrie 2004 den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl gegründet. Doch seit der Gründung ist die Entwaldung weiter gestiegen, auch Menschenrechtsverletzungen finden nach wie vor statt, die Arbeitsbedingungen sind nach wie vor eine Katastrophe. Das belegen zahlreiche Studien. Auch bei Firmen, die vom Runden Tisch das Siegel für nachhaltiges Palmöl bekommen haben. Die Graswurzelbewegungen in Indonesien kritisieren den WWF dafür und werfen der NGO vor, der Zerstörung ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Der WWF hat für eine ganze Reihe bedenklicher Rohstoffe solche Runden Tische mit der Industrie gegründet: etwa für Baumwolle, Futtersoja, Aquakulturen, Zuckerrohr und Rindfleisch aus Brasilien.

Gibt es auch gute Beispiele der Green Economy? Welche Impulse/Projekte/Initiativen sind nennenswert?

Nein, die gibt es nicht. Ganz im Gegenteil richtet die Green Economy zusätzlichen Schaden an. Ein gutes Beispiel sind die katastrophalen Folgen des Biosprits. Das wird sich mit der Elektromobilität wiederholen, denn sie soll ja den wachsenden Individualverkehr erhalten. Stattdessen bräuchten wir sehr viel weniger Autos auf der Straße und einen guten öffentlichen Verkehr. Genauso der krachend gescheiterte Emissionshandel: der hat nie und wird nie CO2 reduzieren, schlicht, weil er bedeutet, dass sich die Mächtigen das Recht auf Dreck kaufen können. Stattdessen brauchen wir, nur zum Beispiel, den sofortigen Kohleausstieg. Ebenso die Aufforstungsprogramme: die sorgen schon jetzt für Landkonflikte. Die Green Economy soll das System erhalten, das auf Kosten der Länder des Südens geht und per se schädlich für Mensch und Natur ist. Sie ist aber nicht die sozial und ökologisch gerechte Transformation, die wir brauchen.

Der Abschnitt mit guten Nachrichten ist in Ihrem Buch kürzer als die Liste der Verstöße. Wie optimistisch sind Sie nach den Recherchen?

Nun, das liegt leider in der Natur der Sache, ich halte wenig davon, die unhaltbaren Zustände mit guten Nachrichten zuzukleistern. Es sind ja vor allem Menschen in den reichen Ländern, die sich, zu all den Privilegien, die sie genießen, auch noch gern hören wollen, dass alles bald wieder gut wird. Aber das führt zu keiner Veränderung, für die die Menschen in den Ländern des Südens kämpfen. Ihnen sind wir schuldig, dass wir hinschauen. Und sie sind es auch, die mir Mut und Hoffnung machen, weil sie solidarisch sind, gemeinsam kämpfen und emanzipatorische Alternativen zum herrschenden System leben. 

Überall dort, wo sich an der Basis Menschen zusammentun, um zusammen für das Wohl aller zu kämpfen, wächst Veränderung. So ist das bei den organisierten Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, bei Indigenen, die für unser aller Lebensgrundlagen kämpfen, bei Kämpferinnen und Kämpfern gegen die Waldzerstörung auf der ganzen Welt – sei es in Brasilien, Indonesien oder im Hambacher Forst.

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