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29.6.2009

Wie Jugendliche / junge Erwachsene die deutsche Einheit erleben

Die Sächsische Längsschnittstudie

Die "Sächsische Längsschnittstudie" dokumentiert seit 22 Jahren in einmaliger Weise das politisches Bewusstsein einer Gruppe Ostdeutscher zwischen ihrem 14. und 35. Lebensjahr.

Jugendliche am Dorfanger. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00184177, Foto: Klaus Lehnartz)


Im Herbst des Jahres 1987 befragte das Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR über 1.200 Schüler und Schülerinnen der 8. Klassenstufe in den DDR-Bezirken Leipzig und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) mit einem Fragebogen zu ihren Einstellungen, Meinungen, Werten, zu ihrer Mitarbeit in der Schule und in Jugendorganisationen und zu vielen anderen Dingen. Die Schüler waren 1972/1973 geboren, also zu diesem Zeitpunkt ca. 14 Jahre alt. Die Stichprobe war repräsentativ für diesen DDR-Geburtsjahrgang. Auch 1988 und im Frühjahr 1989 wurden dieselben Schüler nochmals befragt.

Die 1987 begonnene Studie wurde auch nach dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 bis heute unter dem Namen "Sächsische Längsschnittstudie" fortgesetzt (www.wiedervereinigung.de). Es ist die einzige Studie, die in dieser Weise seit nunmehr 22 Jahren eine große, identische Gruppe Ostdeutscher zum Erleben der deutschen Einheit befragt. Sie dokumentiert in einmaliger Weise den gravierenden Wandel, der sich bei Ostdeutschen des Geburtsjahrganges 1973 zwischen ihrem 14. und 35. Lebensjahr (2008) in Bezug auf ihr politisches Bewusstsein vollzogen hat– ausgelöst durch das Ende des politischen Systems der DDR und des realen Sozialismus, die damit verbundenen, zum Teil einschneidenden Veränderungen während und nach der Wende sowie das unmittelbare Erleben des kapitalistischen Systems.

Die Teilnehmer der Studie sind inzwischen (2008) etwa 35 Jahre alt. 54 Prozent von ihnen sind Frauen. Fast alle haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, 25 Prozent haben studiert. Die meisten Teilnehmer leben mit einem Partner zusammen und 68 Prozent haben auch Kinder. 25 Prozent leben mittlerweile in den alten Bundesländern bzw. im Ausland.

In der ersten Phase vor der Wende, zwischen 1987 und Frühjahr 1989, d. h. in der Endzeit der DDR, dokumentierte die Untersuchung den zunehmenden Abbau des politischen Bewusstseins der Panelmitglieder und ihre wach-sende Distanz gegenüber der Politik der SED. In ihrer zweiten Phase (seit Frühjahr 1990) begleitet sie nun den Weg der Teilnehmer aus dem Gesellschaftssystem der DDR in das der Bundesrepublik und somit vom DDR-Bürger zum Bundesbürger.

Zustimmung zur deutschen Einheit



Die deutsche Wiedervereinigung wird von den Teilnehmern seit 1990 konstant als etwas sehr Positives erlebt (Abbildung 1). Zwischen 70 und 90 % geben an, dass sie sehr dafür bzw. eher dafür sind (Frage: "Wie stehen Sie zur Vereinigung von DDR und BRD?"). Nur eine Minderheit ist dagegen. Das geeinte Deutschland ist für die meisten von ihnen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Sie haben von ihm Besitz ergriffen, erkennen die sich aus der Vereinigung ergebenden Vorteile an und nutzen sie pragmatisch für ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihre berufliche Karriere.

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Etwas weniger positiv beurteilen die Wiedervereinigung allerdings Teilnehmer der Studie, die mehrfach arbeitslos waren oder nur ein niedriges Einkommen haben. Als "Gewinner" der Einheit versteht sich zwar rund die Hälfte der Panelmitglieder, ohne Einschränkung wurden dies aber nur 15 Prozent von sich behaupten. Auffallend wie bei kaum einer anderen grundlegenden Frage sind hierbei auch die gegenüber den Männern durchgehend kritischeren Auffassungen der Frauen: Mehr oder weniger als "Gewinner" sehen sich 62 Prozent der Männer, aber nur 38 Prozent der Frauen.



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Die formale Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands vor fast 20 Jahren ist für die befragten Ostdeutschen nicht gleichbedeutend damit, dass die alten und neuen Länder auch sofort auf allen Gebieten, wirtschaftlich, sozial usw. gleichgestellt waren. Seit 1990 wurde in der Sächsischen Längsschnittstudie gefragt, wie lange es wohl noch dauern wird, bis Ost- und Westdeutschland tatsächlich wirtschaftlich gleich stark sein werden und wann die so genannte "innere Einheit" Deutschlands hergestellt sein wird (Abbildung 2). Unmittelbar nach der Wiedervereinigung 1990 meinten die Teilnehmer, es werde noch etwa sechs Jahre bis zur wirtschaftlichen und acht Jahre bis zur "inneren Einheit" dauern. Diese geschätzte Zeitspanne hat sich in den nachfolgenden Jahren stets weiter nach hinten verschoben. Im Jahr 2006 (20. Erhebungswelle) wurde die wirtschaftliche Einheit für das Jahr 2023 und die "innere Einheit" für 2028 angenommen. Im Jahr 2023 werden die Teilnehmer der Sächsischen Längsschnittstudie 50 Jahre alt sein. Bis zu einer vollkommenen Herstellung der deutschen Einheit wird es also nach Meinung der Befragten noch sehr lange dauern.

Vergleich DDR - Bundesrepublik



Die Teilnehmer an der Sächsischen Längsschnittstudie haben bis etwa zu ihrem 17. Lebensjahr (1989/1990) in der ehemaligen DDR gelebt und können sich noch gut daran erinnern. Viele Teilnehmer gaben an, froh zu sein, die DDR noch persönlich erlebt zu haben (2000: 80 %, 2004: 85 %, 2008: 92 %). Zwei Drittel (65 Prozent) erinnern sich, damals gerne DDR-Bürger gewesen zu sein. Wir haben in verschiedenen Wellen die Teilnehmer gebeten, die ehemalige DDR mit der heutigen Bundesrepublik zu vergleichen. Abbildung 3 zeigt einige ausgewählte Ergebnisse der Erhebung 2007.

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Beim Systemvergleich DDR - Bundesrepublik schneidet die DDR in sozialer Hinsicht nicht schlechter, sondern von Jahr zu Jahr besser ab. Das gilt in Bezug auf die soziale Sicherheit, die Betreuung der Kinder, das Verhältnis der Menschen untereinander, die Förderung der Familie, den Schutz gegenüber Kriminalität, die Schulbildung, die soziale Gerechtigkeit und einige andere Lebensbereiche.

Das sind offensichtlich jene Gebiete des Lebens, bei denen bei den Teilnehmer nach wie vor positive Erinnerungen an die DDR überwiegen. Mit hoher Konstanz halten sie mehrheitlich an der Auffassung fest, dass die DDR sowohl gute als auch schlechte Seiten hatte (1993: 84 %, 1998: 78 %, 2002: 75 %, 2005: 75 %, 2008: 76 %). Dabei wird die DDR umso positiver beurteilt, je negativer die heutigen Erfahrungen der jungen Leute mit den Folgen des Systemwechsels und der Vereinigung sind. An der heutigen Bundesrepublik werden vor allem persönliche Freiheiten, die Möglichkeiten der Selbstentfaltung und der demokratischen Mitwirkung geschätzt. Die in der DDR erfahrene Sozialisation der 35-Jährigen hat somit bis in die Gegenwart nachweisbare Langzeitwirkungen. Das betrifft vor allem die damaligen Alltagserfahrungen in sozialer Hinsicht, insbesondere die als Kind oder Jugendlicher selbst erlebte soziale Sicherheit.

Die zukünftige Entwicklung Ostdeutschlands



Aus den langjährigen Trends geht klar hervor: Die grundsätzliche Bejahung der deutschen Einheit ist nicht identisch mit der vorbehaltlosen Zustimmung zur gegenwärtigen Gesellschaft. Das aktuelle Gesellschaftssystem wird auch fast zwei Jahrzehnte nach der Herstellung der Einheit kritisch betrachtet. Das betrifft in besonderem Maße die jetzige Wirtschaftsordnung und - damit eng zusammenhängend - das politische System in der Bundesrepublik.

Eine weitere Frage lautete: "Wie zuversichtlich sehen Sie die Zukunft für die Entwicklung in der DDR/ab 1991: in Ostdeutschland?"

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Die Abbildung zeigt, dass bereits in den letzten Jahren der DDR von 1987 bis 1989 die Zuversicht der Teilnehmer für die Entwicklung des Landes von 90 auf 62 Prozent zurückging. Kurz nach der Wiedervereinigung 1991 und 1992 waren noch um die 50 Prozent eher zuversichtlich hinsichtlich der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland. Diese Zahlen haben in den letzten Jahren weiter abgenommen. Seit der Jahrtausendwende sind es lediglich um die 20 Prozent, die die Entwicklung im Osten Deutschlands mit starker bzw. sehr starker Zuversicht sehen.


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Etwas anders beurteilen die Teilnehmer jedoch ihre persönliche Zukunft. Die Frage lautet hier "Wie zuversichtlich sehen Sie die Zukunft für sich persönlich?". Die Anzahl derer, die ihre persönlichen Zukunftsaussichten als positiv bewerten, ist seit der Wende von 90 auf etwa 70 Prozent gesunken. Vor der Wende ging bei ihnen der Glaube an eine gesicherte Zukunft in der DDR nur unwesentlich zurück. Dass seit der Wende immer weniger Teilnehmer glauben, in Ostdeutschland eine gesicherte Zukunft zur haben, kann eine Reaktion auf die reale, wirtschaftlich schlechte Situation in Ostdeutschland sein. Dennoch ist bei aller Skepsis der Teilnehmer festzuhalten, dass die deutliche Mehrheit (um die 70 Prozent) persönlich recht zuversichtlich in die Zukunft blickt.

Entscheidender Einflussfaktor für die Bewertung der Gesellschaft und der persönlichen Lebensumstände ist die Erfahrung der Arbeitslosigkeit. Bis zum Jahr 2008 hatten bereits 72 Prozent der Studienteilnehmer diese Erfahrung gemacht . Die Arbeitslosigkeit geht wie ein Riss durch die gesamte Population. Politiker wie der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau haben dies schon vor langem als "größte Wunde der Gesellschaft" erkannt. Diese Wunde nährt Ängste in und gegenüber der Gesellschaft, bestärkt Zweifel an ihrer Zukunftsfähig-keit und erhöht die Protestbereitschaft. Dies hat zudem erhebliche negative Folgen für die physische und psychische Gesundheit der Teilnehmer. Entscheidend ist, dass diese negativen Auswirkungen mit wachsender Gesamtdauer der Arbeitslosigkeit nachweislich zunehmen. So geht mit zunehmender Dauer eigener Arbeitslosigkeit kontinuierlich die Zukunfts-zuversicht zurück. 21 Prozent derer, die niemals arbeitslos waren, glaubten in Ostdeutschland eine gesicherte Zukunft zu haben, dagegen nur 2 Prozent der Teilnehmer, die mehr als ein Jahr arbeitslos waren. Die bejahende Haltung gegenüber dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 nehmen deutlich ab, 44 Prozent der Personen mit Arbeitslosigkeitserfahrungen begrüßen die Wiedervereinigung, bei Personen ohne Arbeitslosigkeitserfahrungen sind es mit 64 Prozent deutlich mehr Selbst die Zahl der gewünschten Kinder ist signifikant gesunken: Frauen, die arbeitslos waren, wünschen sich durchschnittlich 1,5 Kinder, Frauen, die nie arbeitslos waren, dagegen zwei Kinder. Alle Teilnehmer lehnen es ab, sich mit Arbeitslosigkeit abzufinden

Die Sächsische Längsschnittstudie leistet seit mehr als 20 Jahren einen wichtigen und einzigartigen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Daher soll diese Untersuchung auch in den nächsten Jahren fortgesetzt werden - die Teilnehmer sind dazu bereit.



Literatur / Weiterführende Quellen



Die Seiten der Sächsischen Längsschnittstudie: www.wiedervereinigung.de

Berth, H., Förster, P., Brähler, E. & Stöbel-Richter, Y. (2007). Einheitslust und Einheitsfrust. Junge Ostdeutsche auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Eine sozialwissenschaftliche Längsschnittstudie von 1987-2006. Gießen: Psychosozial-Verlag. Zum Inhalt

Förster, P. (2002). Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine systemübergreifende Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel vor und nach der Wende. Opladen: Leske + Budrich. PDF-Version (1.687 KB)

Förster, P. & Friedrich, W. (1992). Politische Einstellungen und Grundpositionen Jugendlicher in Ostdeutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte 38, S. 3-15.

Förster, P. & Friedrich, W. (1996). Jugendliche in den neuen Bundesländern. Ergebnisse einer empirischen Studie zum Wandel der Meinungen, Einstellungen und Werte von Jugendlichen in Sachsen 1990 bis 1994. Aus Politik und Zeitgeschichte 19, S. 18-29.

Förster, P. (1999). Die 25jährigen auf dem langen Weg in das vereinte Deutschland. Ergebnisse einer seit 1987 laufenden Längsschnittstudie. Aus Politik und Zeitgeschichte 43-44, S. 20-31.

Förster, P. (2003). Junge Ostdeutsche heute: doppelt enttäuscht. Ergebnisse einer Längsschnittstudie zum Mentalitätswandel zwischen 1987 und 2002. Aus Politik und Zeitgeschichte 15, S. 6-17.

Förster, P., Brähler, E., Stöbel-Richter, Y. & Berth, H. (2008). Die "Wunde Arbeitslosigkeit": Junge Ostdeutsche, Jg. 1973. Aus Politik und Zeitgeschichte 40-41, S. 33-43.
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Hendrik Berth, Peter Förster, Elmar Brähler, Yve Stöbel-Richter

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