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10.1.2012

Mauerbau und Staatssicherheit

Das MfS berichtete über die Grenzschließung sowie über Reaktionen der Bevölkerung und der Westalliierten. Neue Dokumente geben Aufschluss über die Rolle des MfS beim Mauerbau und die Lage in der DDR.

Fassungslos sahen die Bürger in beiden Teilen Berlins dabei zu, wie ihre Stadt durch Stacheldrähte und Betonmauern geteilt wurde (hier: Bürger auf der Westberliner Seite). (© Bundesregierung, B 145 Bild-00106436, Foto: Siegmann)


Einleitung



Auf einer Dienstbesprechung der Leitungsebene des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)[1] sprach Erich Mielke am 11. August 1961 den viel, aber nicht alles sagenden Satz: "Wenn in den nächsten Tagen entscheidende Maßnahmen beschlossen werden, muss jegliche Feindtätigkeit verhindert werden."[2] Ohne den genauen Zeitpunkt und konkrete Maßnahmen zu benennen, skizzierte der Minister anschließend die Aufgaben, die das MfS bei dieser Operation zu übernehmen habe. Das MfS müsse den Gesamtüberblick über die Lage haben. Mit der Aktion werde eine neue Phase der "tschekistischen Arbeit" beginnen; nun würde sich zeigen "ob wir alles wissen und ob wir überall verankert sind. Jetzt müssen wir beweisen, ob wir die Politik der Partei verstehen und richtig durchzuführen in der Lage sind."[3] Auch einen Namen bekam die Aktion zwei Tage vor dem Mauerbau: "Rose" lautete das Codewort.

Dass Mielke auch noch rund 30 Stunden vor Beginn der Grenzschließung in Berlin nicht offen vor den führenden MfS-Kadern sprach, gehörte in das Konzept der absoluten Geheimhaltung der Aktion. Nicht einmal die gesamte Führungsriege der SED war über das Vorhaben zu diesem Zeitpunkt informiert. Neben Walter Ulbricht, der die Federführung nicht aus der Hand gab, waren nur Erich Mielke, Innenminister Karl Maron, Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, Verkehrsminister Erwin Kramer, Willi Stoph sowie Paul Verner (1. Parteisekretär Berlin) und Alois Pisnik (1. Parteisekretär Magdeburg) involviert.[4] Als Leiter des unmittelbar vor dem 13. August gebildeten Zentralen Einsatzstabes fungierte Erich Honecker. Erst am 12. August zwischen 21 und 22 Uhr wurden die übrigen Mitglieder des Ministerrats und des Staatsrats von Ulbricht persönlich über die bevorstehende Grenzschließung in Kenntnis gesetzt. Um ein Uhr in der Nacht zum 13. August 1961 wurde die Aktion ausgelöst.

Über die Rolle der Staatsicherheit bei der Durchführung der Aktion "Rose" und ihre Einschätzung der Lage in den folgenden Tagen und Wochen wusste man bislang wenig. Die bisherige Forschung stützte sich überwiegend auf den gut dokumentierten SED-internen Informationsstrang, in dem sich vor allem die Bevölkerungsstimmung abbildet.[5] Bisher unbekannte und nun erstmals publizierte Dokumente der "Zentralen Informationsgruppe" (ZIG)[6] des MfS geben weiteren Aufschluss über die Rolle der Staatssicherheit beim Mauerbau, über Stimmungen und Reaktionen der Bevölkerung in Ost-Berlin und der gesamten DDR sowie über die Erkenntnisse des DDR-Geheimdienstes über die Reaktionen und Entscheidungsprozesse der Westalliierten sowie der Berliner und Bonner Politik.[7]

Über die Aktion "Rose" und die "Reaktion auf die Maßnahmen zur Sicherung der DDR" wurden bis zum 16. August zwölf Berichte verfasst, davon allein fünf noch am 13. und vier am 14. August (s. die Abbildung der PDF-Version). Von da an wurde (bis zum 3. September) zu diesem Thema nur noch einmal täglich berichtet. Wichtigste externe Adressaten der Berichte waren - neben sowjetischen Verbindungsoffizieren - der Zentrale Einsatzstab, der unter der Leitung von Honecker stand und für die Umsetzung der Abriegelungsmaßnahmen zuständig war. Ulbricht steht nur selten im Verteiler, ihm dürften die Berichte aber von Honecker oder Mielke, dem oftmals mehrere Exemplare zur Verfügung standen, zugänglich gemacht worden sein. MfS-intern gingen die Berichte - außer an Mielke - in der Regel an seinen Stellvertreter Bruno Beater, an einen internen Einsatzstab unter der Leitung des späteren Ministerstellvertreters Alfred Scholz und häufig auch an die Auswertungsabteilung VII des Stasi-Auslandsspionagebereichs (HV A) oder später direkt an ihren Chef, Markus Wolf.

13. August 1961



"Nach vorliegenden Meldungen wurden die bewaffneten Kräfte entsprechend dem Zeitplan zum Einsatz gebracht. Sie befinden sich im Marsch zu den laut Plan vorgesehenen Einsatzorten. Bisher keine Vorkommnisse. Stimmung normal." Mit diesem Satz beginnt der erste Bericht des MfS am frühen Morgen des 13. August 1961. Bei der Aktion hielt sich die Staatssicherheit - entsprechend ihren Aufgaben als Kontroll- und Sicherungsorgan - zumeist im Hintergrund. Wie die Dokumente belegen, musste sie aber auch direkt in das Geschehen eingreifen, um Versäumnisse anderer Stellen auszugleichen.

Eine ernste Panne gleich in der Nacht der Grenzschließung machte ein direktes Eingreifen des MfS erforderlich: "Der Gesamtverlauf der Aktion ist bisher zufriedenstellend, bis auf den Einsatz der Transportpolizei, die wegen falscher Einsatzzeit (X+4) ausfiel",[8] heißt es im ersten Bericht vom frühen Morgen des 13. August. Im zweiten Bericht des Tages - wenige Stunden später - schob das MfS die Information hinterher: "Der Einsatz der Trapo erfolgte auf mehreren Bahnhöfen später als der Einsatz des MfS. Wodurch die Maßnahmen in den meisten Fällen vom MfS allein durchgeführt wurden."[9] Diese Formulierung ist fast schon unterkühlt, denn die Unterbrechung des U-, S- und Fernbahnverkehrs war eine der zentralen Maßnahmen zur Sperrung der Grenze. Als die Einheiten der Transportpolizei nach fünf Uhr endlich an ihren Einsatzorten eintrafen, war diese Arbeit im Wesentlichen bereits getan. Zwölf S- und U-Bahnlinien zwischen Ost- und West-Berlin waren gekappt, 48 S-Bahnhöfe gesperrt und 13 U-Bahnhöfe ganz geschlossen worden.[10]

Die Staatssicherheit hob jedoch nicht nur ihre Fähigkeit hervor, Versäumnisse anderer Sicherheitsorgane zu kompensieren, sondern empfahl sich auch als übergeordnete Kontrollinstanz, die in jeder Situation den Überblick behielt und die richtigen Entscheidungen traf. So wusste sie zu berichten: "Gegen 3.00 Uhr kam es im Raum Mahlow auf Westberliner Boden zu einer Konzentration von Bürgern aus der DDR, die sich in Westberlin aufgehalten hatten und zunächst von der VP [Volkspolizei] an der Rückkehr in die DDR gehindert wurden. Lage wurde durch entsprechende Anweisungen des MfS, diese Personen sofort in die DDR einzulassen, normalisiert."[11]

Ein besonders heikler Punkt im Vollzug der Aktion "Rose" war der Einsatz der sogenannten Kampfgruppen der Arbeiterklasse. Operativ spielten die Feierabendkämpfer der SED zwar keine entscheidende Rolle, dafür war aber ihre propagandistische Funktion von eminenter Bedeutung, sollten sie doch die Beteiligung der Bevölkerung an der Sicherung der DDR durch den "antifaschistischen Schutzwall" symbolisieren. Bereits am 13. August vermerkte das MfS jedoch "Mängel in der Benachrichtigung der Kampfgruppenmitglieder".[12] Tatsächlich waren in Berlin - wie man aus anderen Dokumenten weiß - sieben Stunden nach Auslösung des Alarms erst 13 Prozent der Kampfgruppenmitglieder einsatzbereit.[13] Die Grenzschließung war zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen. In scharfem Kontrast mit der späteren Heroisierung der Rolle der Kampfgruppen durch die offizielle Propaganda stellte die Stasi bei ihnen schon nach drei Tagen Einsatz eine "verschlechterte Stimmung" fest. Es gebe Klagen, dass "dringende persönliche Wünsche einzelner" nicht berücksichtigt würden.[14] Forderungen nach einer Reduzierung der Mannschaften wurden laut, "ein Viertel der Kräfte" würden ausreichen.

Charakteristisch für viele Berichte des MfS zum Mauerbau ist die Kombination von DDR-Inlandsinformationen mit Meldungen aus dem Westen, die zumeist von der HV A stammten. Das ist insofern eine Besonderheit, als in der gewohnten MfS-Berichterstattung Inlands- und Auslandsinformationen in aller Regel scharf getrennt waren. Die Berichte der HV A wurden von der ZIG an die politische Führung nur weitergereicht. In der besonderen sicherheitspolitischen Situation nach der Grenzsperrung, als die innenpolitische Situation und die Reaktion des Westens nicht zu trennen waren, ging das MfS von dieser Praxis ab. Die meisten Berichte weisen eine thematische Dreiteilung auf: westliche Reaktionen, gegnerische Tätigkeit (unter dieser Rubrik sind Meldungen aus dem Westen und dem Osten gemischt) sowie Bevölkerungsstimmung in der DDR.

Reaktionen des Westens



Sehr zeitnah hat das MfS über die interne Meinungsbildung sowohl bei den Westalliierten als auch in der West-Berliner und Bonner Politik informiert, was angesichts der weltpolitisch heiklen Situation nicht nur für die DDR-Führung, sondern auch für die Sowjets von eminenter Bedeutung war. In den Berichten werden zum einen die offiziellen Verlautbarungen westdeutscher, britischer, amerikanischer oder französischer Politiker sowie ein Teil der Berichterstattung der Westmedien zusammengefasst. Zum anderen werden Informationen aus wie es heißt "internen" oder "verlässlichen" Quellen, also von Agenten beschafftes Material, präsentiert. Nach einer sehr kurzen Phase der Unsicherheit wusste die Staatssicherheit schon nach wenigen Tagen, dass massivere westliche Gegenmaßnahmen nicht zu erwarten waren.

Am 13. August schrieb die Stasi noch: "In der ersten offiziellen Reaktion führender politischer Kreise Bonns, Westberlins und der Westmächte wird von schärfsten Protesten gegen die Maßnahmen der DDR und von sogenannten Gegenmaßnahmen gesprochen, jedoch zugleich vor 'Unbesonnenheit' gewarnt."[15] Auch in "führenden Westberliner CDU-Kreisen" herrsche, so das MfS, "eine gewisse Unsicherheit. Man glaube einerseits nicht mehr daran, dass die 'Berlinkrise' mit friedlichen Mitteln beigelegt werden kann. (...) Andererseits glaube man nicht daran, dass die USA in ihrer Politik in der Westberlinfrage bis zum äußersten gehen würden." Ein "Offizier des Bundesnachrichtendienstes" wird von einer "zuverlässigen Quelle" mit der Aussage zitiert, "die Amerikaner in Westberlin müssten jetzt zeigen, was ihre Versprechen wert sind. Man müsse jetzt auf alles vorbereitet sein."[16]

Im Laufe des 14. August wurde die Berichterstattung entspannter. Jetzt stellte das MfS die Bereitschaft der Westmächte in Frage, Forderungen der Bundesregierung und des Berliner Senats nach entschlossenen Gegenmaßnahmen und Rückgängigmachung der Grenzschließung nachzukommen. Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes hätten die Auffassung geäußert, "dass man sich mit den gegebenen Tatsachen abfinden müsse. Einen Krieg würden die Westmächte auf Grund der Maßnahmen der DDR keinesfalls riskieren."[17] In einem weiteren Bericht wurde die Information nachgeschoben, dass der amerikanische Stadtkommandant von Berlin, Albert Watson, bereits am 13. August bei führenden CDU-Politikern (u.a. Ernst Lemmer und Franz Amrehn) mit einer zynischen Äußerung für Empörung gesorgt hatte: Bei der Grenzschließung - so Watson laut MfS - handle es sich "nur um eine Verkehrsbehinderung innerhalb Berlins", "von der die Freiheit der Bevölkerung Westberlins nicht betroffen werde".[18] Das MfS vermutete, dass in diesem Zusammenhang "möglicherweise auch die verschiedenen widersprüchlichen Meldungen über den Grad der Einsatzbereitschaft der amerikanischen Streitkräfte in Westberlin zu sehen"[19] seien.

Bald verdichteten sich in den Berichten der Staatssicherheit die Hinweise, dass mit keiner für die DDR in irgendeiner Form bedrohlichen Situation zu rechnen sei. Dass das MfS "Entwarnung" geben konnte, lag nicht zuletzt an Top-Meldungen aus "führenden Westberliner SPD-Kreisen". Bereits am 15. August wusste die Staatssicherheit zu berichten, "Brandt habe sich mit den westlichen Kommandanten darüber geeinigt, dass alles unternommen werden soll, um von Westberlin aus keinerlei Anlass für weitere Komplikationen zu geben"[20] . Aus gleicher Quelle meldete das MfS am 17. August, "dass Brandt erstmalig seit längerer Zeit zum Sitz der westlichen Militärkommandanten bestellt und ihm dabei klargemacht wurde, wer in Westberlin zu bestimmen hat. Brandt sei noch einmal darauf hingewiesen worden, dass die Westmächte 'nur ihre Rechte' in Westberlin verteidigen würden."[21]

Reaktionen in der DDR



Ulbricht hatte den Beginn der Aktion "Rose" nicht zufällig auf die Nacht von einem Samstag auf Sonntag gelegt. Als die Kunde von der Grenzschließung die Runde machte, waren die meisten "Werktätigen" zuhause. Ein von den Betriebsbelegschaften ausgehender Aufruhr wie am 17. Juni 1953 war an diesem Tag auszuschließen. Noch saß das "Juni-Trauma" beim SED-Chef tief. Laut Erinnerungen des sowjetischen Diplomaten Julij A. Kwizinskij hatte er einige Wochen zuvor gegenüber Botschafter Michail G. Perwuchin geäußert, "man müsse mit Massenaufläufen, offenen Versuchen des Ungehorsams, Schlägereien und vielleicht sogar mit Schießereien"[22] rechnen. Es lag auf der Hand, dass die Staatssicherheit die Stimmung der Bevölkerung und aufkeimende Proteste besonders sorgfältig beobachtete.[23]

Am Morgen des 13. August meldete das MfS zunächst: "Nach der bisherigen Übersicht ist die Lage an den Grenzübergängen als ruhig einzuschätzen. Es ist sogar auffällig, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch keine oder kaum neugierige Passanten sich von den eingeleiteten Maßnahmen überzeugten."[24] Diese "abwartende Haltung" der Bevölkerung würde von Erkenntnissen aus (abgehörten) Telefonaten bestätigt. Doch schon wenige Stunden später musste die Geheimpolizei berichten: "An einer Reihe von Grenzübergängen zwischen dem demokratischen Berlin und Westberlin gab es Ansammlungen von ca. 50 bis 100 Personen, die sich teilweise negativ über die von der Regierung der DDR getroffenen Maßnahmen äußerten. Vielfach wird dabei erklärt, dass der Westen diese Schritte nicht hinnehmen werde. Deshalb würden die Maßnahmen der DDR nur kurze Zeit aufrechterhalten werden können."[25] Um 9.30 Uhr sammelte sich auf dem Bahnhof Friedrichstraße eine Traube von 20 bis 30 Personen, die versuchte, auf den Bahnsteig A zu gelangen, der seit den frühen Morgenstunden für Ost-Berliner nicht mehr zugänglich war.

Einen besonderen Unruheherd bildeten die sogenannten Grenzgänger - Ost-Berliner, die bisher in West-Berlin arbeiteten und die jetzt nicht mehr zu ihren Arbeitstellen gelangen konnten.[26] Bereits am Morgen des 13. August entstand vor dem Rathaus Pankow eine "Zusammenrottung von Westgängern", die, obwohl es Sonntag war, "Auskunft über neue Arbeitsverhältnisse im demokratischen Berlin forderten".[27] Auch Protesthandlungen, die sich bereits in den frühen Morgenstunden ereignet hatten, wurden jetzt von der Staatssicherheit gemeldet. So hatte der Tankwart der Tankstelle Grünau (im äußersten Süden des Ostberliner Bezirks Treptow) "einem Mitarbeiter der Sicherheitsorgane" den Verkauf von Benzin mit den Worten verweigert, "wenn alle streiken, streike er auch", denn: "Die Schließung der Grenzen nach Westberlin richte sich gegen die Arbeiter."[28] Aus dem östlich von Berlin gelegenen Kreis Strausberg wurde das "Anschmieren von Hetzlosungen" und die Festnahme von Jugendlichen gemeldet, "die gegenüber Angehörigen der Grenzpolizei provokatorisch auftraten".[29]

Im letzten noch am 13. August verfassten Bericht stellte die Staatssicherheit fest, "die Maßnahmen der Regierung" würden "in allen Bevölkerungskreisen lebhaft diskutiert", und versuchte, die Stimmung zu bilanzieren. Es sei zwar nicht möglich, "das Verhältnis zwischen positiven und negativen Stimmen umfassend einzuschätzen", doch "aufgrund der bisher vorliegenden Informationen" würden "die positiven Stellungnahmen weit überwiegen".[30] Diese rituelle Feststellung einer zustimmenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit zur Politik der Führung ist typisch für MfS-Stimmungsberichte und dürfte nur selten empirisch fundiert gewesen sein. Ebenso typisch für diese Textgattung ist, dass zuerst die "positiven Stimmen" wiedergegeben werden. Es werde begrüßt, dass der "Republikflucht ein Riegel vorgeschoben" und den "Grenzgängern und Schiebern das Handwerk gelegt"[31] worden sei. Die Maßnahmen seien "ein Schlag gegen die Agententätigkeit und gegen die von Westberlin ausgehende Unterminierung der DDR". Hier wurden offensichtlich die Äußerungen von Funktionären und SED-Mitgliedern wiedergegeben, die auf Geheiß der Ost-Berliner Parteileitungen den ganzen Tag zu "Agitationseinsätzen" ausgeströmt waren, um an den Hauptbrennpunkten die Stimmung zu beeinflussen. Wie so oft dienten dem Regime die eigenen Inszenierungen als Beleg für einen Konsens, den es in Wirklichkeit nicht gab.

Doch ungeachtet dieses obligatorischen, diktaturimmanenten Selbstbetrugs nehmen die "negativen" Äußerungen in der MfS-Berichterstattung einen deutlich breiteren Raum ein. An erster Stelle stehen "Vergleiche mit der Situation am 17. Juni 1953", die in Berlin etwa in "Ansammlungen" an S- und U-Bahnhöfen und an "mehreren Grenzübergängen" angestellt würden.[32] Es fiel auch der Begriff "KZ". Das scheint kein Einzelfall gewesen zu sein; in einem Bericht des Folgetages heißt es, "Provokateure" würden "in einer Reihe von Fällen die Maßnahmen der DDR mit faschistischen Maßnahmen vergleichen". Vielfach wurde auch geäußert, durch diesen Schritt werde "die Spaltung vertieft". Auch der Ruf nach freien Wahlen wurde immer wieder laut. Vereinzelt kam es zu "Aufforderungen an Arbeiter, am Montag den Betrieben fernzubleiben".

Wie stark die Befürchtungen waren, dass es zu Streiks kommen könnte, zeigt die Berichterstattung des 14. August, bei der vor allem die Ost-Berliner Großbetriebe unter verstärkter Beobachtung standen.[33] Die Staatssicherheit stellte umgehend fest, "dass Beschäftigte volkseigener Betriebe zu Beginn der Arbeitsaufnahme unentschuldigt fehlten". Beim VEB Bergmann-Borsig waren nur 60 Prozent der Belegschaft erschienen. Zwar konnte das MfS Entwarnung geben: Es ermittelte, dass "die fehlenden Arbeitskräfte aus den Randgebieten Berlins, vorwiegend aus dem Kreis Oranienburg", stammten und wegen Schwierigkeiten im S-Bahnverkehr und verschärfter Kontrollen (als Begleiterscheinungen der Grenzschließung) nicht pünktlich zur Arbeit erschienen waren. Gleichwohl blieb es in den Betrieben nicht durchgängig ruhig. Im Betonwerk Berlin-Grünau versuchten Arbeiter gleich zu Schichtbeginn "eine Resolution gegen den Regierungsbeschluss zu verfassen". Im Ost-Berliner VEB Kühlautomat wurde der Parteisekretär nach einer Diskussion, "bei der er positiv aufklärend auftrat", niedergeschlagen. Im Oranienburger VEB Holzbau streikten Arbeiter gar mit der Forderung nach Rückgängigmachung der Maßnahmen um Berlin".

Das MfS kam schon am Tag nach der Grenzsperrung nicht umhin zu bilanzieren: "Allgemein ist festzustellen, dass bei negativen Erscheinungen in der DDR und im demokratischen Berlin die Jugendlichen eine besondere Rolle spielen."[34] Viele ostdeutsche Jugendliche orientierten sich an der westlichen Freizeitkultur und konnten, zumindest wenn sie in Ost-Berlin und im Berliner Umland wohnten, bei ihren Besuchen in West-Berlin daran teilhaben. Als dieser Weg versperrt war, reagierten sie vielfach wütend. Aus dem nördlich von West-Berlin liegenden Hennigsdorf berichtete die Staatssicherheit schon am 14. August, Jugendliche hätten gedroht, "sie würden einen Grenzdurchbruch unternehmen, wenn sie nicht mehr nach Westberlin gelassen werden".[35] Andere beließen es nicht bei Drohungen. Unter denjenigen, welche die Flucht durch die in den ersten Tagen noch keineswegs hermetisch abgesperrte Grenze wagten, waren viele Jugendliche. Vor allem das Schwimmen durch die Berliner Grenzgewässer war anfangs noch ein aussichtsreicher Fluchtweg. Am 17. August meldete die Staatssicherheit gleich mehrere solcher Fluchten durch die Spree und den Teltowkanal. Sie war in diesem Zusammenhang auch beunruhigt, dass "ein verstärkter Ankauf von Sporttaucherausrüstungen erfolgt".[36]

Großes Kopfzerbrechen bereitete den MfS-Verantwortlichen auch die Tatsache, dass die Flucht mithilfe von falschen oder gefälschten West-Berliner Personalausweisen zunächst offenbar nicht besonders schwierig war.[37] Bei einer stichprobenmäßigen Überprüfung von sieben Personen, die am 15. August von fünf bis sieben Uhr den Ostsektor am Übergang Brunnenstraße mit einem West-Berliner Ausweis verlassen hatten, erwies sich, dass vier von ihnen auf diese Weise geflohen waren "und bei der Befragung nach dem Aufenthalt falsche Angaben machten".[38] Das "Amt für Zoll und Kontrolle des Warenverkehrs", zu dieser Zeit noch für die Passkontrolle zuständig, war offenbar überfordert. Wenig später wurde dieses Aufgabenfeld wie viele andere, die direkt oder indirekt im Zusammenhang mit dem Mauerbau standen, vom MfS übernommen.

Schlussbemerkungen



Die Berichte des MfS an die Parteiführung während des Mauerbaus und danach verdeutlichen, dass die DDR-Führung nicht nur umfassend und schnell über die Reaktionen im eigenen Land, sondern auch über offizielle und interne Stimmen in westalliierten Stellen, der Bundesregierung, im Berliner Senat und bei West-Berliner Parteien informiert war. Letzteres versetzte die DDR-Machthaber in die Lage, abzuschätzen, dass sie ihre Pläne zur weiteren Grenzabdichtung ohne größere Risiken verfolgen konnte.

Auch die Rolle des MfS während und nach dem Mauerbau nimmt schärfere Konturen an: Der Staatssicherheit gelang es, Versäumnisse und Mängel anderer Organe zu identifizieren und zu kompensieren. Offenbar sah die MfS-Führung, namentlich Erich Mielke, den Mauerbau als Chance, die Stellung der Staatssicherheit im Herrschaftsgefüge des SED-Staates weiter auszubauen. Nicht zuletzt durch ihre spezifischen Mittel der Informationsbeschaffung besaß die Geheimpolizei tatsächlich eine Art Gesamtüberblick. Sie benannte Entwicklungen, die im Hinblick auf die Herrschaftssicherung und die Stabilität der DDR Probleme aufwarfen, und versuchte dies - wie sich bald zeigen sollte - teilweise in eigene Kompetenzerweiterungen und eine personelle Expansion umzumünzen.

aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, 31-34/2011, 50 Jahre Mauerbau

Fußnoten

1.
Teilnehmer waren die Leiter aller operativen Diensteinheiten und der Bezirksverwaltungen des MfS.
2.
BStU, MfS, ZAIG 4900, Bl. 1-9, hier: Bl. 3.
3.
Ebd.
4.
Vgl. Armin Wagner, Walter Ulbricht und die geheime Sicherheitspolitik der SED. Der Nationale Verteidigungsrat der DDR und seine Vorgeschichte (1953-1971), Berlin 2002, S. 448.
5.
Vgl. u.a. Elke Stadelmann-Wenz, Widerständiges Verhalten und Herrschaftspraxis in der DDR. Vom Mauerbau bis zum Ende der Ulbricht-Ära, Paderborn 2009, S. 39ff.; Patrick Major, "Mit Panzern kann man nicht für Frieden sein". Die Stimmung der DDR-Bevölkerung zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 im Spiegel der Parteiberichte der SED, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, (1995), S. 208-221; ders., Vor und nach dem 13. August 1961: Reaktionen der DDR-Bevölkerung auf den Bau der Berliner Mauer, in: Archiv für Sozialgeschichte, 39 (1999), S. 325-354; Armin Mitter/Stefan Wolle, Untergang auf Raten. Unbekannte Kapitel der DDR-Geschichte, München 1993, S. 297ff.
6.
Zur ZIG, später umbenannt in Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG), und der Entwicklung des Berichtswesens des MfS vgl. ausführlich Roger Engelmann/Frank Joestel, Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe, Berlin 2009, S. 17ff.
7.
Diese neuen 17 Berichte und alle übrigen geheimen Berichte der ZIG des Jahres 1961 an die Staats- und Parteiführung sind jetzt vollständig veröffentlicht in: Daniela Münkel (Bearb.), Die DDR im Blick der Stasi 1961. Mit 6 Abbildungen und einer CD-ROM, Göttingen 2011.
8.
Information 413/61.
9.
Information 414/61.
10.
Vgl. Bernd Eisenfeld/Roger Engelmann, 13.8.1961: Mauerbau. Fluchtbewegung und Machtsicherung, Berlin 2001, S. 49.
11.
Information 413/61.
12.
Information 415/61.
13.
Vgl. u.a.B. Eisenfeld/R. Engelmann (Anm. 10), S. 51.
14.
Information 436/61.
15.
Information 417/61.
16.
Information 416/61.
17.
Information 421/61.
18.
Information 423/61.
19.
Ebd.
20.
Ebd.
21.
Ebd.
22.
Julij A. Kwizinski, Vor dem Sturm. Erinnerungen eines Diplomaten, Berlin 1995, S. 180.
23.
Vgl. dazu allgemein Ilko-Sascha Kowalczuk, Die innere Staatsgründung. Von der gescheiterten Revolution zur verhinderten Revolution 1961, in: Torsten Diedrich/ders., Staatsgründung auf Raten? Auswirkungen des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 auf Staat, Militär und Gesellschaft der DDR, Berlin 2005, S. 341-378; B. Eisenfeld/R. Engelmann (Anm. 10), S. 73ff; E. Stadelmann-Wenz (Anm. 5), S. 105ff; P. Major, Stimmung (Anm. 5).
24.
Information 414/61.
25.
Information 415/61.
26.
Zur Grenzgängerproblematik vgl. allgemein Frank Roggenbuch, Das Berliner Grenzgängerproblem. Verflechtung und Systemkonkurrenz vor dem Mauerbau, Berlin 2008.
27.
Information 416/61.
28.
Information 415/61.
29.
Information 416/61.
30.
Information 417/61.
31.
Information 414/61.
32.
Information 417/61.
33.
Information 421b/61.
34.
Ebd.
35.
Ebd.
36.
Information 440/61.
37.
Vgl. Marion Detjen, Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989, München 2005, S. 95ff.
38.
Information 414/61.

Daniela Münkel

Zur Person

Daniela Münkel

Dr. phil. habil., geb. 1962; Projektleiterin in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) und apl. Professorin an der Leibniz-Universität Hannover; BStU, 10106 Berlin. daniela.muenkel@bstu.bund.de


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