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30.9.2005

"Ich habe ein behindertes Kind" – DDR-Doping und die Folgen

Trainer und Sportmediziner in der DDR gaben ihren Schützlingen verbotene leistungssteigernde Substanzen. Kontraste schildert, wie Funktionäre rücksichtslos die Überlegenheit des Sozialismus im Sport demonstrieren wollten.

Hoher Preis: Für den Sieg setzt die DDR die Gesundheit vieler DDR-Sportler auf's Spiel (© KONTRASTE, Rundfunk Berlin-Brandenburg)

"Diplomaten in Trainingsanzügen" – so nannte die SED-Führung jene DDR-Sportler und –Sportlerinnen, die international die DDR vertraten. Sportliche Erfolge waren für die SED-Führung ein zentrales Mittel, um internationale Anerkennung zu erlangen. Denn weder die Politik der SED noch ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik verhalfen ihr zu Glanz.

Die Rechnung, mit dem Sport weltweite Reputation zu erlangen, ging zumindest teilweise auf. Die DDR galt als Sportland schlechthin. Das kleine Land gewann bei den Olympischen Spielen insgesamt 519 Medaillen. (Zum Vergleich: Die Athleten der Bundesrepublik gewannen im selben Zeitraum nur 243 Medaillen.) Damit war die DDR, obwohl sie bei den Olympischen Spielen nur zwischen 1968 und 1988 als selbständiges Land vertreten war, in den beiden ewigen olympischen Bestenlisten auch nach den olympischen Spielen von Athen im Jahr 2004 noch immer auf Platz 7. Das war außergewöhnlich, zumal viele andere Länder lange vor der DDR an den olympischen Spielen teilnahmen. Auch bei vielen anderen internationalen Meisterschaften räumten DDR-Sportler Medaillen ab. Lediglich im Fußball blieben DDR-Mannschaften hinter den Erwartungen fast immer zurück.
Trainer und Sportmediziner in der DDR gaben ihren Schützlingen verbotene leistungssteigernde Substanzen. KONTRASTE schildert, wie Funktionäre rücksichtslos die Überlegenheit des Sozialismus im Sport demonstrieren wollten. (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB)

In den Leistungssport investierte die SED-Führung alljährlich sehr viel Geld. Modernste Sportanlagen, neueste wissenschaftliche Trainingsmethoden, ein breites Spektrum an Forschungsinstitutionen, ein tief gestaffeltes System zur frühzeitigen Erkennung von Sporttalenten bei Kindern und Jugendlichen und vieles mehr sorgten dafür, dass in vielen Disziplinen DDR-Sportler zu den Weltbesten zählten. Ihnen ging es zumeist gut. Sie lebten wie Profis im Westen, galten aber offiziell als Amateure, die nur in ihrer Freizeit trainierten. Es war allgemein bekannt, dass dies nicht stimmte, deshalb wurden sie auch "Staatsamateure" genannt. Für DDR-Verhältnisse war ihr Alltag schon deshalb angenehmer als der der Masse, weil sie oft in den Westen reisen konnten, sei es zu Wettkämpfen, in Trainingslager oder als Auszeichnung in den Urlaub. Voraussetzung allerdings war, dass sie sich politisch anpassten und nicht gegen das Regime aufbegehrten. SED und das MfS waren integraler Bestandteil des Sports. Alle wichtigen Entscheidungen trafen sie. Wenn Sportler dennoch aufbegehrten, war ihre Karriere sofort vorbei, selbst wenn sie zu den Stars ihrer Disziplin zählten oder potentiell später zu ihnen zählen könnten.

Hinter dem Erfolg des DDR-Sports steckte aber nicht allein guter Wille, breite Unterstützung sowie Talent und hartes Training der Athleten. Wie erst nach 1990 bekannt wurde, wurde in der DDR seit Mitte der siebziger Jahre in manchen Disziplinen flächendeckend Doping betrieben. Bis zu 10.000 Sportler und Sportlerinnen waren betroffen. Viele von ihnen wussten nicht, dass sie gedopt wurden. Schon Kindern wurden ohne Wissen und Einverständniserklärung der Eltern regelmäßig Dopingmittel verabreicht. Mit den langfristigen gesundheitlichen Folgen haben viele bis heute zu kämpfen. Vor allem bei den Schwimmerinnen waren diese zu sehen und sorgten weltweit für Diskussionen und Spott. Das MfS, die Sportführung und die mit Doping betrauten Mediziner wussten von den gesundheitlichen Langzeitfolgen und machten dennoch weiter. Außer Bewährungsstrafen für einige Hauptverantwortliche wurde dafür niemand bestraft.

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk

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