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1.12.2020

Treuhandanstalt und Wirtschaftsumbau

Bilanz nach 30 Jahren: "Achillesferse" der Wiedervereinigung?

Auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit ist es vor allem die Debatte um den Wirtschaftsumbau sowie die hiermit verbundenen gesellschaftlichen wie kulturellen Umbrüche nach 1990, die die allgemeine Jubelstimmung trüben. Die noch immer umstrittene Treuhand erweist sich damit auch über ein Vierteljahrhundert nach ihrer Schließung als emotional wie symbolisch hochaufgeladener Streitfall. Marcus Böick erklärt, warum.

Warnschild für Mitarbeiter der Treuhand 1992. In der Erinnerungskultur ist die Treuhand bis zur Gegenwart zu einer regelrechten "Bad Bank" geworden, mit der viele ältere Ostdeutsche bis heute die Schattenseiten und Enttäuschungen der Zeit nach 1990 verbinden. (© picture-alliance/dpa, Heinz Hirndorf)


In den jüngsten Debatten und Bilanzen zum 30. Jahrestag von Mauerfall und Revolution vom Herbst 1989 war es vor allem eine intensive Diskussion um den Wirtschaftsumbau sowie die hiermit verbundenen gesellschaftlichen wie kulturellen Umbrüche nach 1990, die die allgemeine Jubelstimmung trübte. Unter dem Eindruck spektakulärer rechtspopulistischer Wahlerfolge in Ostdeutschland war es ausgerechnet die Treuhandanstalt, die wieder in den Brennpunkt der Diskussionen rückte: Während Kritikerinnen wie die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping auf die massiven individuellen Enttäuschungen vieler Ostdeutscher infolge des hohen Privatisierungstempos zugunsten westdeutscher Konzerninteressen verwiesen, nahmen Verteidiger wie der Hamburger Journalist Norbert Pötzl die umstrittene Behörde gegen derlei Vorwürfe in Schutz und betonten die Alternativlosigkeit eines konsequenten strukturellen Einschnitts in Anbetracht einer maroden Planwirtschaft und ihrer hochdefizitären Betriebe. Die zeitgenössisch hochumstrittene Treuhand erweist sich damit – zumindest im Osten des Landes – auch über ein Vierteljahrhundert nach ihrer Schließung als emotional wie symbolisch hochaufgeladener Streitfall, während der schwierige Wirtschaftsumbau nach 1990 auch öffentlich erneut verstärkt als regelrechte "Achillesverse" (so der Historiker Andreas Rödder) des Vereinigungsprozesses erscheint.

Die Ausgangslage: Planwirtschaft in der Krise

Bereits im Laufe der 1980er-Jahre zeichnete sich eine dramatische Krise in der durch das SED-Regime hochgradig politisierten Planwirtschaft ab. In den 360 Kombinaten, die die DDR-Führung unter der Ägide von SED-Chef Erich Honecker und Günter Mittag, langjähriger Sekretär für Wirtschaftsfragen des Zentralkomitees der SED, im Laufe der 1970er-Jahre unter dem Vorzeichen einer "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" noch weiter zentralisiert und mit sozialpolitischen Aufgaben belastet hatte, türmten sich massive Strukturprobleme auf. Fehlender Wettbewerb und ausbleibende Investitionen in neue Technologien, veraltete Anlagen und überholte Produkte, immense ökologische Belastungen, beträchtliche personelle Überbesetzungen sowie wachsende Lieferengpässe führten im Alltag der späten DDR zu schwerwiegenden Versorgungsproblemen. Diese schürten nicht zuletzt auch die wachsende Unzufriedenheit in der ostdeutschen Bevölkerung, der im Kontrast zum grauen DDR-Alltag die bunte Waren- und Konsumwelt des Westens vor Augen stand. Die nur übergangsweise durch westdeutsche Kredite stabilisierte und in wachsendem Maße angespannte Situation in zahlreichen DDR-Betrieben bildete damit eine wesentliche Ursache für die dramatisch anwachsenden Ausreise- und Protestbewegungen im Jahr 1989.

Revolution und Einheit: die Währungsunion als "Schocktherapie"

Der dennoch unerwartete Zerfall der scheinbar stabilen SED-Diktatur infolge der durch kleinere Oppositionsgruppen angeführten Massenproteste im Herbst 1989 schien alle Beobachter in Ost und West deutlich zu überfordern. Insbesondere die Zukunft der Planwirtschaft und ihrer Großbetriebe schien ungewiss: Unmittelbar nach dem Rücktritt des alten Politbüros setzten in der DDR intensive Reformdiskussionen auf allen Ebenen ein. Die Grenzöffnung am 9. November 1989 entzog jedoch allen langfristigen Planspielen einer "sozialistischen Marktwirtschaft" oder "dritten Wegen" zwischen Kapitalismus und Sozialismus durch rasch anschwellende Übersiedlerzahlen nach Westdeutschland zunehmend den Boden. Die ersten freien Volkskammerwahlen vom März 1990 erbrachten schließlich – für die meisten Beobachter überraschend – ein klares Votum für eine schnelle politische und wirtschaftliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach bundesdeutschem Muster. Mitentscheidend hierfür war das im Februar 1990 durch die von Helmut Kohl geführte Bonner Bundesregierung abgegebene Versprechen einer sofortigen Einführung der D-Mark, die – so die Hoffnung – zu einem schnellen Wirtschaftsaufschwung in Ostdeutschland führen und für die Ostdeutschen als "Signal zum Bleiben" verstanden werden sollte.

Die Gründung der Treuhandanstalt erfolgte demgegenüber als eine Abwehrreaktion auf diese einigungspolitischen Dynamiken. In eiligen Diskussionen zwischen Oppositionsvertretern am Zentralen Runden Tisch und der reformkommunistischen DDR-Regierung unter Hans Modrow suchte man nach einem Weg, das "Volksvermögen" kurzfristig zu bewahren und – so die Forderung von Demokratie-Jetzt-Vertreter Wolfgang Ullmann – zeitnah per Anteilsscheinen an die ostdeutsche Bevölkerung zu verteilen. Auf die kurzfristig ins Leben gerufene Treuhand-Stelle war im März 1990 das Industrie-Vermögen der DDR – immerhin 8.500 Betriebe mit vier Millionen Beschäftigten – zur Bewahrung und Umwandlung in westliche Rechtsformen übertragen wurden. Nach der Volkskammerwahl rückte diese noch kleine Treuhand in den Fokus der deutsch-deutschen Verhandlungen zur Vorbereitung der Wirtschafts- und Währungsunion. Eine runderneuerte Treuhandanstalt sollte nun – wie dann im von der Volkskammer am 17. Juni 1990 im Treuhandgesetz beschlossen – eine rasche Privatisierung ihrer Betriebe anstreben. Die erhofften Erlöse sollten, so die Kalkulation, die Kosten des Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft abdecken.

Wirtschaftsumbau: Privatisierung im Eiltempo

Die zum 1. Juli 1990 vollzogene Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion und insbesondere die von vielen Ostdeutschen herbeigesehnte Währungsumstellung im Verhältnis eins zu eins erwies sich, wie von Kritikern befürchtet, als ökonomische "Schocktherapie" mit dramatischen Folgen für die ostdeutschen Industriebetriebe. Statt eines marktwirtschaftlichen "Urknalls" und rasch "blühenden Landschaften" löste die sofortige Währungsumstellung eine dramatische Anpassungskrise in fast allen Branchen aus, die durch das Wegbrechen der angestammten Märkte in Osteuropa nach 1991 sowie die rasch ostwärts expandierende westdeutsche Konkurrenz weiter verschärft wurde.

Was aus den DDR-Betrieben wurde (1990 - 1994) (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de


Die eilig aus westdeutschen Wirtschaftsexperten und Managern rekrutierte neue Führungsriege der Treuhand um den westfälischen Stahlmanager Detlev Karsten Rohwedder registrierte im Spätsommer 1990 als erste das ganze Ausmaß des wirtschaftlichen Einbruchs. Als neuer Treuhand-Präsident setzte Rohwedder auf einen konsequenten Aus- und Umbau der Organisation zu einer unternehmerisch-betriebswirtschaftlich agierenden Privatisierungsagentur und zugleich auf rasche Privatisierungs- und Schließungsentscheidungen, die die Treuhand dann ab dem Jahreswechsel 1990/91 verkündete. Dieser neue Kurs mündete in ganz Ostdeutschland im Frühjahr 1991 in erbitterte Proteste und Demonstrationen. Am 1. April 1991 wurde Rohwedder durch RAF-Terroristen in seinem Privathaus in Dortmund ermordet.

Kurz vor dem Attentat hatte Rohwedder den schwelenden, auch innerhalb der Treuhand geführten Grundsatzkonflikt zwischen Privatisierung und Sanierung noch mit der Formel zu klären versucht, dass die "Privatisierung (…) die wirksamste Form der Sanierung" sei, wie er noch vor Ostern in einem Brief an alle Mitarbeiter formulierte. Diese Strategie setzte auch seine Nachfolgerin im Präsidentenamt, die vormalige niedersächsische Finanz- und Wirtschaftsministerin Birgit Breuel, zielstrebig fort. Unter Breuel wurde das Privatisierungstempo nochmals erhöht, zwischen den verschiedenen Niederlassungen und Direktoraten brach ein regelrechter Wettbewerb aus. Auf diese Weise trieb die Treuhand-Spitze die Privatisierungszahlen in ungeahnte Höhen: von 408 (1990) auf 4.800 (1991) und schließlich 5.200 (1992).

Kurz vor Ende des Jahres 1992 verkündete die Treuhand schließlich ihre zehntausendste Privatisierung, womit bereits über 80 Prozent des ursprünglichen, durch zahlreiche Aufspaltungen noch vergrößerten Betriebsbestandes "verwertet" waren. Birgit Breuel brachte die Privatisierungspolitik derweil auf die griffige Formel, dass ihre Organisation nicht etwa Unternehmen "verkaufe", sondern vielmehr private Investoren "einkaufe", die wiederum ein tragfähiges Konzept vorlegen sowie den Erhalt von Arbeitsplätzen und Investitionen vertraglich zusichern mussten. Etwa 80 Prozent der privatisierten Unternehmen wurden auf diese Weise von westdeutschen Investoren übernommen, wohingegen ausländische (14 Prozent) bzw. ostdeutsche Erwerber (6 Prozent) nur in geringerem Ausmaß zum Zuge kamen.

Bilanz der Treuhandanstalt (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de


Was waren die Folgen? - Konsequenzen und Kontroversen

Während die Treuhand Ende des Jahres 1992 den Löwenanteil der Betriebe bereits privatisiert oder stillgelegt hatte und viele ihrer Spitzenmanager die Organisation bereits wieder verließen, entpuppten sich die Jahre 1993 und 1994 als aufreibender Reigen von intensiven Debatten, Protesten und Skandalen. Als regelrechter "Blitzableiter" (Wolfgang Seibel) zog die Treuhand den massiven Unmut und die Enttäuschungen der von Entlassungen und Schließungen betroffenen Ostdeutschen auf sich, während das zuständige Bundesfinanzministerium im Hintergrund agierte. Ab 1993 verstärkte sich schließlich der politische wie öffentliche Druck auf die Treuhand, im Portfolio verbliebene Großbetriebe, für die sich noch immer keine privaten Abnehmer gefunden hatten, nun als "Industrielle Kerne" doch langfristig zu erhalten. Zugleich geriet die Treuhand-Spitze um Breuel durch einen gravierenden Korruptionsskandal in der Niederlassung Halle sowie den medial intensiv begleiteten Hungerstreik der Kali-Bergarbeiter von Bischofferode im Sommer 1993 unter erheblichen Druck. Auch im Rahmen eines wenig später eingesetzten Untersuchungsausschusses wurde im Bundestag heftig über die Treuhand, ihre Arbeit und deren Folgen gestritten.

Als die Treuhandanstalt am 31. Dezember 1994 offiziell ihren Dienst beendete und durch die wenig bekannte "Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben" (BvS) abgelöst wurde, schloss sie mit einem enormen Defizit von knapp 260 Milliarden D-Mark. Die Privatisierungserlöse von knapp 60 Milliarden konnten die sehr hohen finanziellen Aufwendungen für Sanierungen, Altlasten und Sozialpläne nicht ausgleichen. Der von der Treuhand mit immenser Beschleunigung vorangetriebene Wirtschafts- und Unternehmensumbau hatte die überkommenen Strukturen der Planwirtschaft zwar in atemberaubend kurzer Zeit endgültig überwunden, jedoch gleichermaßen massive gesellschaftliche Verwerfungen ausgelöst sowie kulturelle Konflikte zwischen Ost und West angefacht. In den Augen vieler Ostdeutscher schienen (und scheinen bis heute) vor allem die Treuhand und ihre Manager für "Abwicklung", Arbeitslosigkeit und Abwanderung verantwortlich – und nicht etwa die SED-gelenkte Planwirtschaft oder die eilige Umstellung der Währung.

Resultate der Treuhandpraxis - Beschleunigung & Bestandsabbau (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de


Auch langfristig zeigen sich markante Spuren der Treuhand und ihres Wirkens in Ostdeutschland: materiell in Form einer deutlich kleinteiligeren und größtenteils in westdeutschem Eigentum befindlichen Unternehmensstruktur; kulturell in einer merklich ausgeprägten Distanz vieler Ostdeutscher gegenüber liberaler Demokratie und sozialer Marktwirtschaft. In der Erinnerungskultur ist die Treuhand damit bis zur Gegenwart zu einer regelrechten "Bad Bank" geworden, mit der viele ältere Ostdeutsche bis heute die Schattenseiten und Enttäuschungen der Zeit nach 1990 verbinden, wohingegen sie unter Westdeutschen oder Jüngeren für lange Zeit kaum noch auf Interesse stieß.

Jenseits solcher mythischen Zuschreibungen und scharfen Deutungskonflikte steht die nach der Jahrtausendwende weitgehend eingeschlafene Erforschung der Treuhand-Aktivitäten gerade in den Startlöchern. Sowohl die umfassende, im Jahr 2016 begonnene Erschließung der sehr umfangreichen Treuhand-Aktenbestände durch das Bundesarchiv sowie große zeithistorische Forschungsprojekte versprechen für die Zukunft eine fortgesetzte und stärker empirisch fundierte Diskussion einer breiter angelegten Geschichte der "Vereinigungsgesellschaft" (Großbölting/Lorke) und der in dieser maßgeblichen wirkenden Treuhandanstalt.

Literatur

Böick, Marcus: Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung, Göttingen 2018.

Böick, Marcus/ Goschler, Constantin: Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt, Bochum 2017 (Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie).

Hoffmann, Dierk: Im Laboratorium der Marktwirtschaft: Zur Geschichte der Treuhandanstalt 1989/90 bis 1994, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018) 2, S. 167-185.

Köpping, Petra: "Integriert doch erstmal uns!" Eine Streitschrift für den Osten, Berlin 2018.

Pötzl, Norbert F.: Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen, Hamburg 2019.

Rödder, Andreas: Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009.

Seibel, Wolfgang: Verwaltete Illusionen. Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger 1990-2000, Frankfurt a. M. u.a. 2005.

Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Berlin 2007.
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Marcus Böick

Marcus Böick

Dr. Marcus Böick ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Deutsche und Europäische Geschichte im 20. Jh., Geschichte von Transformationen & Umbrüchen n. 1989, Wirtschafts- und Kulturgeschichte, Sicherheits- und Gewaltgeschichte und Theorien der Geschichtswissenschaften. Er hat zum Thema Treuhand u.a. publiziert:

  • Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990-1994, Göttingen 2018.
  • Zus. mit Constantin Goschler: Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt, Bochum 2017 (= Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie). [Langfassung]
  • Die Treuhandanstalt, Erfurt 2015 (= Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).


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