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30.3.2010

Wende in den Schulen

Der Umbau des Schulsystems verlief erstaunlich problemlos. Dabei kopierten die neuen Länder nicht bloß die Systeme im Westen, sondern setzten auf eigene Lösungen. Heute sind die Schulen im Osten fester Bestandteil einer gesamtdeutschen Bildungslandschaft.

Beim Umbau des Schulsystems konnte auf die gemeinsame Tradition der deutsch-preußischen Staatsschule zurückgegriffen werden. (© AP)


1. Einführung bundesdeutscher Schulformen: ein Beispiel für gelungenen Institutionentransfer



Berufszufriedenheit ost- und westdeutscher Lehrer. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Einführung bundesdeutscher Schulformen im Gefolge der Einigung ist ein Beispiel für den gelungenen Transfer von Institutionen von West nach Ost. Erstaunlich problemlos wurde bei laufendem Betrieb das alte Schulsystem abgeschafft und etwas Neues eingeführt. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil der Großteil des DDR-Lehrerpersonals übernommen worden ist. Im Zuge des Umbaus des Schulsystems sind indessen keine einfachen Kopien westdeutscher Schulsysteme entstanden.


Vielmehr nutzten die einzelnen ostdeutschen Bundesländer die ihnen im Rahmen der Länderzuständigkeit für den Bildungssektor eingeräumte Möglichkeit, sich eigenständige Lösungswege und Reformmodelle zu erschließen. Der erfolgreiche Institutionentransfer hat jedoch nicht bewirkt, dass das neue Bildungssystem bei Schülern, Lehrern und Eltern ausnahmslos positiv bewertet wird.

Der Institutionentransfer in den 90er Jahren lässt sich für die Inhalte der Bildungspolitik, für die Lehrer und die Schüler wie folgt kurz nachzeichnen: Im Mai 1990 wurde die "Gemeinsame Bildungskommission BRD/DDR" als Beratungs- und Koordinierungsorgan für die Zusammenarbeit und Zusammenführung der beiden Bildungssysteme eingerichtet. Anhand der Beratungsprotokolle dieser Kommission lässt sich zeigen, dass keine "Kolonialisierung" der DDR durch die Bundesrepublik beim Transfer der Institution Schule stattgefunden hat. Vielmehr war schon frühzeitig auch für die DDR-Verhandlungsführer "die Angleichung der Schulsysteme an die Länder der Bundesrepublik" das Verhandlungsziel (Köhler 2002, S. 24). Zwischen 1991 bis 1993 wurden die Bildungs- und Schulgesetze von den neuen Bundesländern ausgestaltet. Sie nutzen die Freiräume des Föderalismus, um "die als bewahrenswert eingeschätzten Elemente des DDR-Bildungssystems in den neuen Rahmen einzubringen", so die Bildungsforscherin Gabriele Köhler (2002, S. 25). Beispiele hierfür sind:

Wahrnehmung der neuen Schule. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


2. Stationen und Akteure des Institutionentransfers in den 90er Jahren



Es entstanden so in Ostdeutschland "sehr unterschiedliche, den regionalen Gegebenheiten angepasste Schulsysteme, die nur in Bezug auf die Abkehr von der Einheitsschule miteinander vergleichbar sind" (Gehrmann 2002, S. 64). Die Landesgesetzgeber legten den rechtliche Rahmen fest. Aber die eigentliche Umsetzung der Erneuerung des Bildungssystems musste in den Schulen geschehen. Hier zeigte sich zunächst eine ausgesprochene Verunsicherung der Lehrer (Döbert 2002, S. 40; Riedel u.a. 1994, S. 38ff.), die mit dem jeweiligen Dienstalter anstieg und sich im Nebeneinander positiver und negativer Eindrücke festmachte, die damals im Rahmen von Lehrerbefragungen erhoben wurden (vgl. Tabelle "Aussagen von Ost-Berliner Lehrern"). Dabei dominierten im Laufe der drei Schuljahre 1989-92 die positiven Erfahrungen mit den neuen Möglichkeiten, den Unterricht freier zu gestalten. Dem entsprach eine relativ große Unzufriedenheit der Lehrerschaft mit dem starren und politisierten DDR-Schulsystem. Die negativen Bewertungen waren vielfältiger und verwiesen auf Schwierigkeiten, die parallel zur Umstellung der Schulstrukturen auftraten: Anfangs ging es um "Wirrwarr, Chaos", "Werteverlust" und "Unsicherheiten bei Schülern und Lehrern". Der "viel zu schnelle Übergang" wurde beklagt, und auch noch 1991/92 wurde das "Überstülpen, alles aus dem Westen nachmachen" kritisiert. Doch in der Folge wurden "Mängel bei der [neuen] Organisation" der Schule zum häufigsten Klagegrund.

Im weiteren Verlauf der 90er Jahre wuchs allerdings der Grad der Berufszufriedenheit vor allem ostdeutscher Lehrer stark an (vgl. Diagramm "Berufszufriedenheit"), so dass auch in der Perspektive dieser Akteure des Institutionentransfers ein positives Fazit des Umbruchs in den Schulen gezogen werden kann.

Und wie empfanden die damaligen Schüler die Wende an den Schulen? – Die tiefgreifenden Veränderungen, die Verunsicherung und Ungewissheit führten häufig zu provokantem Verhalten (Riedel u.a. 1994, S. 58f.) (vgl. Tabelle "Zitate aus Gesprächen mit Ost-Berliner Lehrern"). In Schülerbefragungen der Umbruchszeit zeigt sich dies in häufigen Nennungen von "Chaos im Unterricht".

Nach einer Befragung von 684 (Ost-) Berliner Schülern im Schuljahr 1991/92 stimmten 79,9 Prozent der Hauptschüler und 51,6 Prozent der Realschüler der Aussage zu, "im Unterricht geht es oft drunter und drüber" (Riedel u.a. 1994, S. 65). Nur die Gymnasien boten mit lediglich 12,3 Prozent Zustimmung zu diesem Satz ein anderes Bild.

Die erwähnte Schülerbefragung bietet ein differenziertes Meinungsbild über die Veränderungen in den Schulen (vgl. Diagramm "Wahrnehmung der neuen Schule durch die Schülerinnen und Schüler"). Demnach fand auf Seiten der Schüler die neue Vielfalt der Schulformen Zustimmung. Doch der Umbruch hatte in der Schüler-Wahrnehmung nicht unmittelbar zu größeren Mitbestimmungsmöglichkeiten geführt. Außerdem wurden vermehrte Freizeitangebote der Schule vermisst, die in der DDR üblich gewesen waren. Häufig kamen Konflikte mit Lehrern vor, die in Lehrerbefragungen aus dieser Zeit auch als Disziplinprobleme angesprochen werden. Dass es zu einer generellen Verbesserung in den Schulen gekommen sei, wurde schließlich seitens der Schüler eher skeptisch gesehen. Der Pädagoge Klaus-Jürgen Tillmann hat die damalige Schülersicht sehr zugespitzt zusammengefasst: "Im Grunde habe sich nichts geändert, der Unterricht sei der gleiche, die Lehrer seien die gleichen, nur die Bücher seien neu" (Tillmann 1994, S. 266).

3. Grenzen eines erfolgreichen Institutionentransfers



In der historischen Rückschau kehrte sehr schnell in Schulen und Bildungsangeboten "Normalität" ein. Schon frühzeitig stellten Beobachter der Veränderungen wie Klaus-Jürgen Tillmann fest, "daß sich die schulischen Umstellungsprozesse in einem organisatorisch und personell recht stabilen Rahmen vollziehen", der durch "die gemeinsame Tradition der deutsch-preußischen Staatsschule gesetzt" sei (1994, S. 266). Die ostdeutschen Schulen sind inzwischen fester Teil einer gesamtdeutschen Bildungslandschaft geworden – die jedoch in Teilen seit längerem in der Kritik steht. Sichtbarster Ausdruck dafür sind die bildungspolitischen Diskussionen im Anschluss an das Abschneiden Deutschlands bei den internationalen Bildungsvergleichsstudien (PISA). In Ostdeutschland macht sich dies auch in regional spezifischer Weise bemerkbar, denn positive Bewertungen des abgeschafften DDR-Schulsystems treten im schulpolitischen Diskurs wieder stärker auf - bei der älteren Generation.

Urteile zur Schulbildung in der DDR und in der BRD. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Sehr anschaulich wird eine wachsende Skepsis dem deutschen Schulsystem gegenüber bei einer Personengruppe, die selbst noch in der DDR zu Schule gegangen ist, deren eigene Kinder jedoch heutige Schüler sind. Es handelt sich um eine Stichprobe von Ostdeutschen des Jahrgangs 1973, deren Einstellungswandel sowie persönliche und berufliche Entwicklung durch eine Folge von Wiederholungsbefragungen über einen Zeitraum von inzwischen mehr als 20 Jahren dokumentiert wird (Förster u.a. 2009). An der letzten Erhebungswelle 2008 beteiligten sich knapp 400 Personen. Statistisch gesehen lassen sich die Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie" mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 6 Prozent auf die Ostdeutschen des Jahrgangs 1973 verallgemeinern.

Betrachtet man die Zeitreihen der Bewertungen, die diese Personengruppe hinsichtlich der Schulbildung vornimmt, so fällt der kontinuierlich abnehmende Trend positiver Einschätzungen der neuen Schulsituation gegenüber dem ebenso kontinuierlich ansteigenden Bewertung der eigenen DDR-Schulzeit auf (vgl. Diagramm "Urteile zur Schulbildung in der DDR und in der Bundesrepublik"). Wie in anderen Politikfeldern, macht sich offenbar auch im Schulsektor eine "ostalgische" Grundstimmung bemerkbar, die sich aus Problemlagen der Gegenwart speist und die DDR-Vergangenheit in positiverem Licht erscheinen lässt, ohne jedoch grundlegend die Wiedervereinigung in Frage zu stellen.

Es gab also einen erfolgreichen Transfer der Institution Schule in Ostdeutschland. Gleichwohl verdeutlichen die verstärkten bildungspolitischen Diskussionen der letzten Jahre einen Veränderungsdruck, von dem das Schulwesen in ganz Deutschland betroffen ist.

Aussagen von 175 (Ost-) Berliner Lehrern zum Umbruch in den Schulen im Zeitraum 1989 bis 1992*
positivnegativ
Erfahrungen beim Rückblick auf die Schule der DDR
Einheitliche Lehrpläne/Unterrichtsmaterialien/Schulsystem (29)Starke Positionierung der Inhalte (24)
Mehr Ruhe, Ordnung, gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis (17)Starke Reglementierung, Stofffülle, wenig Lehrfreiheit (23)
Gute Erfahrungen im Kollegium (14)Dogmatismus, Gängelei, zu viel Kontrolle (20)
Engagement für alle Kinder, Versuch, jeden zu erreichen (14)Politischer Druck auf Lehrer, Zwang zur politischen Arbeit (13)
Sicherheit des Arbeitsplatzes (12)Ausrichtung auf politische Erziehung (12)
Außerunterrichtliche und Freizeitangebote für Schüler (11)Intoleranz; Andersdenkende hatten große Probleme (9)
Intensive Zusammenarbeit mit den Eltern (7)Lehrer für Zensuren verantwortlich, geschönte Zensuren (7)
Erfahrungen beim Umbruch 89/90
Ideenvielfalt, schöpferische Möglichkeiten, Freiräume (21)Wirrwarr, Chaos in der Schule (15)
Versuche, bei Schulstruktur/Unterrichtsgestaltung eigene Wege zu gehen (21)Werteverlust, Unsicherheit bei Schülern (11)
Aufbruchsstimmung, Hoffnung auf demokratische Schule (10)Unsicherheit bei Lehrern (10)
Rechtsunsicherheit (86)
Reglementierung von Oben (5)
Erfahrungen beim Übergang 90/91
Viele Experimente, neue Formen Unterrichtsgestaltung, schöpferische Arbeit (17)Viel zu schneller Übergang, überstülpen, Bevormundung von Oben (13)
Freie Gestaltung der Unterrichtsinhalte (7)Durcheinander, Chaos, Disziplinlosigkeit (10)
Verbesserung der materiellen Bedingungen (6)Materielle Ausstattung (10)
Berufliche Unsicherheit (10)
Allgemeine Unsicherheit (7)
Erfahrungen im Schuljahr 91/92
Neue Unterrichtsmethoden, freies Unterrichten (12)Mängel bei Organisation der Schule, Bürokratie (12)
Individuelle Umsetzung der Rahmenpläne (10)Fehlende materielle Mittel (9)
Kollegiale Zusammenarbeit im Kollegium (10)Soziale Unsicherheit (8)
Randalieren, Schulgebäude zerstören, Disziplinlosigkeit (7)
Schlechte Lernvoraussetzungen, Lernwille der Schüler (6)
Überstülpen, alles aus dem Westen nachmachen (6)
Mangelnde ideelle Vorbereitung (4)
Quelle: Riedel u.a. 1994, S. 38 f. *Anzahl der Nennungen in Klammern


Zitate aus Gesprächen mit (Ost-) Berliner Lehrern im März 1991
"Einige Schüler kommen mit einer bisher nicht gewohnten Selbstverständlichkeit regelmäßig zu spät. Spricht man sie darauf an, kommen häufig Rechtfertigungen wie 'Na wat denn, is denn det hier 'n Knast? Wolln Sie mir etwa erziehn?'" (Lehrer 1).
"Zwei Schüler einer 10. Klasse ignorierten mich bislang völlig als Lehrer, verhielten sich aber ruhig. Als ich sie daraufhin ansprach, sagten sie: 'Ob ich lerne, ist doch wohl meine Sache. Wir haben schließlich jetzt die Freiheit'" (Lehrer 2).
"Als ich in meine Klasse in der Hauptschule kam, haben die Schüler mir gleich gesagt: 'Hausaufgaben können Sie sich sparen, die macht hier sowieso keiner.' Die Schüler wollen also bestimmen was gemacht wird" (Lehrer 3).
Quelle: Riedel u.a. 1994, S. 58 f.


Literaturhinweise

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Bernd Martens

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Bernd Martens

Geboren 1955; wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 580 Halle/Jena. Schwerpunkte: Managementsoziologie und empirische Forschungsmethoden.


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