zurück 
30.3.2010

Selbstständigkeit nach der Wiedervereinigung

In der DDR war berufliche Selbstständigkeit nur in wenigen ökonomischen Bereichen erlaubt. Mit der Wende erlebte der Osten aber einen wahren Gründungsboom.

Arbeiter der Union Werkzeugmaschinen GmbH in Chemnitz, die 1996 als Mitarbeitergesellschaft neu gegründet wurde. (© AP)


1. Selbstständige in der DDR: eine allenfalls geduldete Größe

Innerhalb der sozialistischen Werteordnung der DDR-Gesellschaft wurden berufliche Selbstständigkeit und Unternehmertum überwiegend negativ beurteilt. Beides galt als ein eher unerwünschtes Überbleibsel der kapitalistischen Gesellschaft, welches in einem Arbeiter- und Bauernstaat keinen Platz hat. Allerdings muss man unterscheiden zwischen Schein und Wirklichkeit, zwischen der reinen sozialistischen Ideologie und der konkreten Politik gegenüber dem privaten Sektor im "real existierenden Sozialismus" der DDR.

Nach Gründung der DDR wurde die Zurückdrängung der beruflichen Selbstständigkeit zunächst besonders stark in der Landwirtschaft vorangetrieben. Dies geschah in Form von Zwangskollektivierungen. So waren im Jahr 1955 noch 71,6 Prozent aller in der Landwirtschaft beschäftigten Personen privat tätig, während dieser Anteil im Jahr 1960 nur noch etwa 4 Prozent betrug.

Im Industriesektor ging die sozialistische Regierung zunächst moderater vor. Dennoch verließen viele Unternehmer bereits in den 1950er und 1960er Jahren die DDR, da ihr Spielraum im Laufe der Zeit immer stärker eingeschränkt wurde. Im Jahr 1972 erfolgte schließlich die komplette Enteignung der privaten Industrie. Seit der großen Enteignungswelle zu Beginn der 1970er Jahre war berufliche Selbstständigkeit nur noch in wenigen ökonomischen Bereichen erlaubt. So gab es lediglich im Handwerk und im Einzelhandel Selbstständige in nennenswertem Umfang.

Doch auch Betriebe in diesen Bereichen waren einer strengen Kontrolle durch den Staat unterzogen. So durften sie beispielsweise nicht mehr als zehn Personen beschäftigen und der Staat versuchte, die Gewinne der privaten Unternehmen zu begrenzen. Die Produktion von Gütern erfolgte in zunehmendem Maße in staatlichen Großbetrieben. Diese sogenannten Kombinate wurden durch ein von der Regierung kontrolliertes zentrales Planungskomitee verpflichtet, nach bestimmten Vorgaben zu produzieren. Im Jahr 1989 gab es in der DDR lediglich 185.000 Selbstständige, was einer Quote von etwa 1,8 Prozent bezogen auf die erwerbsfähige Bevölkerung (Personen zwischen 15 und unter 65 Jahren) entsprach.

2. Ausgangsbedingungen und Entwicklung der Selbstständigkeit seit 1990 - alte und neue Bundesländer im Vergleich

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 kam es in Ostdeutschland zu einer grundlegenden Transformation von einer zentralen Planwirtschaft zu einer sozialen Marktwirtschaft, wie sie in Westdeutschland bereits seit 40 Jahren bestanden hatte. Dieser ökonomische Umbruch war mit einem enormen Gründungsboom verbunden. Allein im Jahr 1990 wurden ca. 60.000 neue Unternehmen gegründet, wobei ca. 60 Prozent dieser Gründungen auf den Dienstleistungs- und Touristikbereich entfielen.

Der Gründungsboom in Ostdeutschland während der ersten Jahre des Transformationsprozesses hatte eine Reihe von Ursachen: Aufschluss über den Aufholprozess in Bezug auf die berufliche Selbstständigkeit gibt das Datenmaterial des Arbeitskreises "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder" [1], welcher aus verschiedenen statistischen Quellen die Anzahl der Erwerbstätigen und der Arbeitnehmer in verschiedenen Regionen ermittelt. Aus der Differenz von Erwerbstätigen und Arbeitnehmern ergibt sich die Anzahl der Selbstständigen.

In Ostdeutschland lag die Selbstständigenquote (Anteil der beruflich selbstständig Tätigen im Verhältnis zur Summe aus Erwerbstätigen und Arbeitslosen) [2] im Jahr 1991 im Durchschnitt bei 4,2 Prozent und damit deutlich unter dem entsprechenden Wert für die alten Bundesländer (7,3 Prozent).

Entwicklung des Anteils der Selbständigen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Aufgrund des Zusammenspiels von "Push"- (Arbeitslosigkeit) und "Pull"-Faktoren (Nachholbedarf bei Dienstleistungen) stieg die Selbstständigenquote in Ostdeutschland auf 8,6 Prozent im Jahr 2005 enorm an. Damit entsprach das Niveau der Selbstständigkeit in Ostdeutschland in etwa demjenigen der alten Bundesländer (8,9 Prozent) (vgl. Abbildung "Entwicklung des Anteils der Selbstständigen in Ost- und Westdeutschland"). Allerdings weist die Quote der beruflichen Selbstständigkeit erhebliche regionale Unterschiede auf (vgl. Karte "Anteil der Selbstständigen an den Erwerbspersonen (Erwerbstätige + Arbeitslose) in den deutschen Bundesländern im Jahr 2005"). Insbesondere in Brandenburg und Berlin sowie in Sachsen und Thüringen hatte die berufliche Selbstständigkeit im Jahr 2005 das Niveau vieler westdeutscher Bundesländer erreicht bzw. übertroffen. Demgegenüber fiel zum gleichen Zeitpunkt die Selbstständigenquote im überwiegend ländlich geprägten Mecklenburg-Vorpommern sowie in Sachsen-Anhalt immer noch relativ gering aus.

Anteil der Selbständigen an den erwerbsfähigen Personen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Eine Differenzierung der beruflichen Selbstständigkeit nach den Wirtschaftssektoren Dienstleistungen und produzierendes Gewerbe zeigt, dass die Selbstständigenquote in Bezug auf alle Erwerbstätigen und Arbeitslosen in Westdeutschland bei 7,4 Prozent im Dienstleistungssektor und bei 1,5 Prozent im produzierenden Gewerbe lag. In Ostdeutschland betrug die entsprechende Selbstständigenquote im Dienstleistungssektor 6,3 Prozent und im produzierenden Gewerbe 2,3 Prozent. Das produzierende Gewerbe umfasst auch den Bausektor. Lässt man diesen unberücksichtigt, dann ergibt sich für die alten Bundesländer eine Quote von 0,7 Prozent und für die neuen Bundesländer eine Quote von 0,9 Prozent bezogen auf alle Erwerbstätige und Arbeitslose.

Die berufliche Selbstständigkeit ist auch ein grober Indikator im Hinblick auf Betriebsgrößenstrukturen, sofern man die Anzahl der Selbstständigen in einem Wirtschaftssektor in Bezug zu allen Erwerbstätigen dieses Sektors setzt. Existieren wenige große statt vieler kleiner Betriebe, dann ist die Quote sehr niedrig, da sich die Erwerbstätigen eines Sektors auf wenige Betriebe bzw. selbstständige Betriebsinhaber verteilen. Für den Dienstleistungssektor ergibt sich für die alten Bundesländer für das Jahr 2005 eine branchenspezifische Quote von 11,4 Prozent. Im Vergleich dazu erreicht die Quote in den neuen Bundesländern einen Wert von 10,7 Prozent. Deutlicher fiel der Unterschied im produzierenden Gewerbe aus. Hier lag die Quote für Westdeutschland bei 6,6 Prozent und in Ostdeutschland bei 11,7 Prozent. Das produzierende Gewerbe umfasst auch den Bausektor. Rechnet man diesen heraus, ergibt sich für Westdeutschland eine branchenspezifische Selbstständigenquote von 3,9 Prozent im Jahr 2005 und für Ostdeutschland eine Quote von 7 Prozent. In den Zahlen für das produzierende Gewerbe spiegelt sich die extreme Kleinbetrieblichkeit dieses Sektors in Ostdeutschland wider, welche bereits in einer Vielzahl von Untersuchungen festgestellt wurde (z.B. Wahse/Dahms/Putzing/Walter 2010).

Literaturhinweise

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Zu den wichtigsten erwerbsstatistischen Quellen zählen insbesondere die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit über die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und über die geringfügig Beschäftigten, außerdem monatliche, vierteljährliche und jährliche Statistiken für einzelne Wirtschaftsbereiche, die Angaben der Personalstandstatistik über das Personal im öffentlichen Dienst, die Ergebnisse des Mikrozensus sowie weitere Meldungen einzelner Institutionen (z. B. monatliche Meldungen des Bundesministeriums für Verteidigung über die Anzahl der Soldaten). Die Rechenergebnisse werden auf Konsistenz mit anderen Ergebnissen der arbeitsmarktstatistischen Berichterstattung und der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen geprüft.
2.
Die beruflich selbstständig Tätigen umfassen nicht die Selbstständigen in Land- und Forstwirtschaft.

Michael Fritsch / Yvonne Schindele / Alina Rusakova / Michael Wyrwich

Zur Person

Michael Fritsch / Yvonne Schindele / Alina Rusakova / Michael Wyrwich

Prof. Dr. Michael Fritsch ist Professor für Unternehmensentwicklung, Innovation und wirtschaftlichen Wandel an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Leiter des Projektbereichs Arbeitsmarktforschung am SFB 580 Jena/Halle.

Dipl. Vw. Yvonne Schindele ist Mitarbeiterin am SFB 580 Jena/Halle.

Alina Rusakova ist Mitarbeiterin am SFB 580 Jena/Halle.

Dipl. Vw. Michael Wyrwich ist Mitarbeiter am Projektbereich Arbeitsmarktforschung am SFB 580 Jena/Halle.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln