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17.8.2020

Einkommen und Vermögen – wachsende Ungleichheiten

Trotz Annäherung: In den neuen Bundesländern leben die ärmeren Deutschen. Das zeigt ein Blick auf Einkommen und Vermögen in Ost und West.

Noch immer gibt es Einkommensunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. (© picture-alliance, Frank May)


Fakten

Gemessen an Einkommen und Vermögen leben in den neuen Bundesländern die ärmeren Deutschen. Zwar sind nach der Einheit insbesondere die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West kleiner geworden. Die soziale Differenzierung in der ostdeutschen Teilgesellschaft hat aber zugenommen. Regionale Ungleichheiten erweisen sich hingegen als relativ stabil. Bei den Vermögen ist der Vorsprung des Westens sogar gewachsen. Die "Wohlstandsexplosion" in der Bundesrepublik ab den 1950er Jahren konnte auch in den 30 Jahren Einigungsprozess nicht ausgeglichen werden.

Die Ausbildung eines Einkommensgefälle zwischen der Bundesrepublik und der DDR

Die Entwicklung der Bundesrepublik von den Anfängen 1950 bis 1989 ist durch eine außerordentliche Steigerung der Einkommen gekennzeichnet. In diesem Zeitraum wuchs das reale Volkseinkommen pro Kopf um mehr als das Vierfache: in Preisen von 1989 von 4.400 auf 18.400 Euro (Geißler 2014, S. 60). Das Volkseinkommen ist die in Geld ausgedrückte Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft, die verbraucht, investiert oder gegen ausländische Güter eingetauscht werden. Auch in historischen Dimensionen handelt es sich um einen außergewöhnlichen Prozess, da "allein in den 50er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland der Anstieg des realen Volkseinkommens pro Kopf [...] doppelt so groß [war] wie von 1800 bis 1950" (Miegel 1983, S. 178).

Geißler (2014, S. 59ff.) bezeichnet das als "Wohlstandsexplosion" in der Bundesrepublik, die erst in den 1980er Jahren zum Stillstand kam und mit der die DDR, obwohl sich auch dort eine Steigerung des Wohlstandes ereignete, nicht Schritt halten konnte. Stattdessen bildete sich eine wachsende Kluft zwischen den West- und Ost-Einkommen heraus.

Grafik 1: Nettodurchschnittseinkommen der Arbeitnehmerhaushalte in der DDR 1960-1982 in % der Nettodurchschnittseinkommen in der Bundesrepublik Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Das reale, um die Kaufkraft bereinigte Haushaltseinkommen je Einwohner war 1960 in der DDR durchschnittlich um ca. 30 Prozent geringer als in der Bundesrepublik. 1970 waren es schon mehr als 40 Prozent und 1980 55 Prozent (Handbuch DDR-Wirtschaft 1984, S. 280). In den 1980er Jahren gelang es der DDR-Führung, den Abstand zur Bundesrepublik zu stabilisieren (Geißler 2014, S. 63), doch nur um den Preis einer schließlich ruinösen Umverteilung von Ressourcen in den Konsum und einer Vernachlässigung dringend notwendiger Investitionen.

Annäherung, aber keine Angleichung von Ost und West

Grafik 2: Diagramm: Entwicklung der Nettoäquivalenzeinkommen in Ost- und West 1993-2018 in € (Median, alte oder neue OECD-Skala, abhängig vom Berichtsjahr) (PDF-Icon Grafik zum Download). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Durch die deutsche Einheit kam es zu einer nachholenden "Einkommensexplosion" in Ostdeutschland (Geißler 2014, S. 91), die aber nur "durch Hilfen aus den alten Ländern im Zuge von Solidaritätsvereinbarungen" möglich wurde. Dadurch schloss sich "die Wohlstandsschere schneller und weiter […] als die Produktivitätsschere" (ebd., S. 68). Die Einkommen haben sich in beiden Teilen Deutschlands seit 1990 insgesamt positiv entwickelt. Im Osten stieg das verfügbare pro-Kopf gewichtete Einkommen (auf Grundlage des Haushaltseinkommens) seit 1993 bis zum Jahr 2003 um ca. 300 Euro, im Westen um etwas weniger als 200 Euro. Seit 2005 bis zum Jahr 2018 ist wiederum ein Anstieg von ca. 500 Euro zu verzeichnen, und zwar sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern. Obwohl die Einkommensunterschiede zwischen beiden Landesteilen nach wie vor beträchtlich sind, haben sie sich im genannten Zeitraum angenähert: Während im Jahr 1993 das Einkommen der Ostdeutschen im Mittel (Median) erst ca. 72 Prozent des Wertes für Westdeutschland betrug, erreichte es im Jahr 2003 im Vergleich 84 Prozent der Westeinkommen. Neuesten Statistiken zufolge (2018) beträgt das mittlere Einkommen in den östlichen Bundesländern inzwischen 89 Prozent des Westniveaus. Auf Grund von Kaufkraftunterschieden wird jedoch geschätzt, dass die tatsächliche Differenz der Einkommen geringer ist. Für 2010 wurden beispielsweise ostdeutsche Kaufkraftvorteile von 8 Prozent gegenüber Westdeutschland ausgewiesen (ebd., S. 69).

Die Öffnung der Einkommensschere in Ost- und Westdeutschland

Grafik 3, Tabelle: Entwicklung der Dezilsanteile am Gesamteinkommen für Ostdeutschland 1993-2011 (PDF-Icon Grafik zum Download). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Grafik 4, Tabelle: Entwicklung der Dezilsanteile am Gesamteinkommen für Westdeutschland 1993-2011 (PDF-Icon Grafik zum Download). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Der Zusammenhang von Einkommensentwicklung und sozialer Ungleichheit in den letzten zwei Jahrzehnten wird in Deutschland in drei Phasen eingeteilt (BMAS 2017, S. 119ff.). 1994-98: ein leichter Rückgang der Einkommensungleichheit; 1995-2005: ein starker Anstieg; 2006-11: ein leichter Rückgang bei stagnierender bzw. leicht ansteigender Armutsgefährdung. Als Ursachen dieser Entwicklung werden variierende Beschäftigungs- bzw. Arbeitslosigkeitsquoten, Einkommenssteigerungen und Änderungen des Steuerrechts angesehen. Die beiden letzten Faktoren begünstigten die Bezieher hoher Einkommen. Andere Größen spielten keine wesentliche Rolle. Die weitere Zunahme der Einkommensungleichheit nach der Finanzkrise 2008 wird auf die verbesserte Position der Personengruppe mit den 5 Prozent höchsten Einkommen zurückgeführt (SVR 2017, S. 409).

Durch die gesellschaftliche Transformation hat sich die Einkommensschere im Osten geöffnet, d.h. die soziale Ungleichheit ist größer geworden. Zwar wuchs hier das Nettoeinkommen des schwächsten Einkommenszehntels in den 1990er Jahren und näherte sich der ebenfalls untersten Einkommensgruppe in den alten Bundesländern an. Trotzdem verringerte sich für diese Gruppe der Anteil am Gesamteinkommen. Waren es 1993 noch über 5,3 Prozent des Gesamteinkommens, lag der Wert 2003 nur noch bei 4,7 Prozent. Berechnungen auf anderer Datengrundlage und mit der inzwischen üblichen neuen OECD-Skala weisen für das Jahr 2011 einen Anteil von 3,8 Prozent aus. Auch das zweite und dritte Einkommenszehntel (als Dezil bezeichnet) haben ihre Quoten am Gesamteinkommen gegenüber 1993 nicht halten können. Selbst die mittleren Einkommenszehntel (4 bis 7) mussten Anteilsverluste hinnehmen, wenn auch geringere.

Gewinner der Entwicklung sind das achte bis zehnte Dezil, welche ihre gute Einkommensposition noch ausbauen konnten. Für die westdeutschen Bundesländer war bis unmittelbar zu Beginn des 21. Jh. eine bemerkenswerte Stabilität der Einkommensverteilung zu verzeichnen, wobei hier die mittleren Einkommensgruppen ihre Verteilungsposition sogar geringfügig verbessern konnten. Nach den darauffolgenden wirtschaftlichen Rezessionsphasen hat sich aber auch hier die Einkommensschere weiter geöffnet, was sich an den Rückgängen der Anteile der schwächeren und mittleren Einkommensgruppen ablesen lässt. Besonders betroffen davon war, ähnlich wie in Ostdeutschland, das einkommensschwächste Zehntel, das 2011 nur noch über einen Anteil von 3,6 Prozent des erzielten Gesamteinkommens verfügte.

Steigende Armutsquoten – aber keine Armutsfalle

Wie bereits erwähnt, wird diese Einkommensentwicklung auch im Zusammenhang mit Armutsgefährdung diskutiert. Ein Armutsrisiko besteht, wenn das Haushaltseinkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens sinkt. Gemessen am gesamtdeutschen Mittelwert (Median) war die Armutsrisikoquote in den östlichen Bundesländern nach einem Rückgang Ende der 1990er Jahre wieder angestiegen und bewegte sich bis 2015 in einem Bereich zwischen 19 und 21 Prozent. Erst in jüngster Zeit ist sie rückläufig, wie auch die Zahlen für das Jahr 2018 belegen. Zu diesem Zeitpunkt waren 17,5 Prozent der Bevölkerung Ostdeutschlands als einkommensarm zu betrachten und mussten mit weniger als 949 Euro auskommen. Zum Vergleich: In den westlichen Bundesländern stieg die Armutsquote von 9,1 Prozent zu Beginn der 1990er Jahre auf Werte von 15 Prozent im Jahr 2018, bei einer Einkommensarmutsschwelle von zuletzt 1062 Euro.

Indessen reichen Untersuchungen zur Einkommensverteilung nicht aus, um die Einkommensarmut von Personen zu beschreiben. Statistische Konzepte, wie das der Einkommensverteilung, können nämlich den falschen Eindruck entstehen lassen, dass es sich bei den "Armen" immer um dieselbe konstante Gruppe von Personen handele. Daten zum tatsächlichen Bezug von Sozialleistungen (z.B. ALG II) jedoch zeigen, dass die Verweildauer der meisten Menschen im Sozialleistungsbezug eher kurz ist. Eine Gleichsetzung von Sozialleistungsprogrammen mit Begriffen wie "Hängematte" oder "Armutsfalle", die einen überwiegenden Langzeitbezug nahelegen, ist daher unzulässig, wenngleich Langzeitbezug vorkommt und für die Betroffenen eine erhebliche Erschwernis darstellen kann.

Vermögensverteilungen in Ost und West

In der Bundesrepublik sind traditionell "die Vermögensunterschiede erheblich krasser ausgeprägt als die Einkommensunterschiede" (Geißler 2014, S. 86). Das hängt damit zusammen, dass die Bildung von Vermögen "ein Privileg der oberen Hälfte der Gesellschaft" ist und "auch dort sind Vermögenschancen sehr ungleich verteilt" (ebd.). Diese Aussage wird durch verschiedene Untersuchungen in den letzten Jahren bestätigt. Demnach "verfügen die obersten 10 Prozent über fast 60 Prozent des Gesamtvermögens" (BMAS 2017, S. 122).

Grafik 5: Vermögensverteilung (PDF-Icon Grafik zum Download). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


In Ostdeutschland hat die Vermögensverteilung eine Vorgeschichte, die bis in die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone zurückreicht. Schon 1945/46 wurden so genannte Großagrier und Großindustrielle von der Besatzungsmacht entschädigungslos enteignet (Geißler 2014, S. 163). Im Zuge des deutschen Einigungsprozesses wurden diese Verstaatlichungen, die vor der Existenz der DDR stattgefunden hatten, als rechtens anerkannt. Das führte dazu, dass beispielsweise bei der Transformation der DDR-Landwirtschaft in den 1990er Jahren die Eigen-tumsfrage von "Neubauern", die nach 1945 Land aus dem Eigentum von Großagrier bekommen hatten, geklärt war. Währenddessen wurde für spätere Enteignungen von Personen, die aus der DDR geflüchtet waren, im Einigungsvertrag der Grundsatz "Rückgabe vor Entschädigung" festgeschrieben. Bis heute wird über die Gerechtigkeit des Grundsatzes "Rückgabe vor Entschädigung" diskutiert, weil die hohe Gewichtung früher einmal besessenen Eigentums, insbesondere beim Immobilienbesitz und beim Produktivvermögen, Personen bevorzugte, die gegen Ende der DDR dort zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr gelebt hatten. In der aktuellen Armuts- und Reichtumsberichterstattung wird auf die ungleichen historischen Voraussetzungen zur Vermögensbildung in Ost- und Westdeutschland sowie auf deren Folgen nicht eingegangen, so dass belastbare statistische Daten dazu fehlen.

Die Berechnung von Vermögensverteilungen wird erschwert durch Erfassungs- und Bewertungsprobleme, etwa bei Immobilienbesitz, Kapital- und Produktivvermögen. Dies in Rechnung gestellt, lag der Durchschnitt des individuellen Nettovermögens für Westdeutschland 2012 bei 97.000 Euro und war damit mehr als doppelt groß wie der ostdeutsche Vergleichswert. Jedoch verfügt im Westen die Hälfte der Bevölkerung nur über ein Vermögen in Höhe bis zu 22.500 Euro, im Osten sind es sogar nur bis zu 8.460 Euro. Die Anteile von Personen ohne jegliches Nettovermögen liegen in West- und Ostdeutschland zwischen 27 bis 31 Prozent mit steigender Tendenz im Zeitraum 2002-12. Betrachtet man die Gesamtverteilung in diesen zehn Jahren wird eine "leichte Reduzierung der Ungleichheit" in Westdeutschland konstatiert, während sich in Ostdeutschland die Vermögenkonzentration bei den bereits Vermögenden nur wenig verändert habe (BMAS 2015, S. 120).

Bei der Zusammensetzung der Vermögen ist der Besitz selbstgenutzter Immobilien die Hauptkomponente. 2007 lag der Anteil derer, deren Vermögen vor allem aus einer selbstgenutzten Immobilie besteht, in Westdeutschland bei 38 Prozent; in Ostdeutschland lag er mit 74 Prozent fast doppelt so hoch. Doch nur 32 Prozent der Ostdeutschen bewohnten 2009 eigene Immobilien, im Gegensatz zu den Westdeutschen mit 43 Prozent (Geißler 2014, S. 70).

Der Soziologe Rainer Geißler (2014, S. 84) fasst die Entwicklung der Vermögensverteilung in der ostdeutschen Teilgesellschaft mit den Worten zusammen, dass es in der Sozialstruktur eine "Differenzierung und Polarisierung nach oben gebe". "Die Wohlstandsungleichheit in den neuen Ländern [hat] seit der Vereinigung langsam, aber stetig zugenommen, ist jedoch noch deutlich vom westdeutschen Ungleichheitsniveau entfernt" (ebd., S. 85).

Rück- und Ausblick

Angesichts der "Wohlstandsexplosion" in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik scheint eine "vollständige" Angleichung der Einkommen in Ost- und Westdeutschland, unter den heutigen Randbedingungen einer globalen Ökonomie, unrealistisch zu sein. Das gilt in noch stärkerem Maße für die Vermögenssituation. In den letzten drei Jahrzehnten haben sich jedoch die innerdeutschen Einkommensverteilungen angenähert. Dadurch ist allerdings die soziale Ungleichheit in Ostdeutschland gewachsen und wird wahrscheinlich noch weiter wachsen.

Literatur

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Bernd Martens, Ronald Gebauer

Bernd Martens

Dr. habil. Bernd Martens, studierte Soziologie, Informatik, Sozialgeschichte und Volkswirtschaftslehre in Hamburg. Von 2001-12 war er am Sonderforschungsbereich 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" an der Universität Jena in einem Forschungsprojekt über wirtschaftliche Eliten im erweiterten Europa und als wissenschaftlicher Geschäftsführer tätig. Von 2013 bis 2017 arbeitete er am Zentrum für Sozialforschung an der Universität Halle in verschiedenen Forschungs- und Evaluationsprojekten. Von 2018 bis 2019 war er am DZHW (Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung) Berlin im Nacaps-Projekt tätig. Seit 2020 arbeitet er in der Außenstelle Leipzig des DZHW. (Nacaps steht für National Academics Panel Study und ist eine Längsschnittstudie des DZHW über Promovierende und Promovierte in Deutschland. In regelmäßigen Abständen befragt Nacaps bundesweit Promovierende und Promovierte zu ihren Promotionsbedingungen, Karriereabsichten und Karriereverläufen sowie zu ihren allgemeinen Lebensbedingungen.)


Zur Person

Ronald Gebauer

Dr. Ronald Gebauer ist Soziologe an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Zittau/Görlitz.


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