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30.1.2008

Trau keinem über 30

Dieser populäre Slogan aus den 60er-Jahren bringt den starken Gegensatz von "jung" und "alt" zum Ausdruck. Rasche gesellschaftliche und kulturelle Wandlungsprozesse des Jahrzehnts führten zu Spannungen zwischen den Generationen.

Trau keinem über 30: Kommune in Hamburg. (© Günter Zint)

Der ebenso radikale wie oberflächliche Slogan "Trau keinem über 30!" gelangte im letzten Drittel der 60er-Jahre zu einiger Popularität. Er bringt recht gut den krass wahrgenommenen Gegensatz von "jung" und "alt" zum Ausdruck, der im raschen gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozess des Jahrzehnts zu Spannungen zwischen den Generationen führte.

Natürlich entsprach das simple Bild eines Aufstandes "der" Jugend gegen die Welt der Erwachsenen nicht der Realität. Allerdings war es aber auch nicht gänzlich erfunden, denn nicht nur in der "antiautoritären" politischen Revolte der Schüler- und Studentenbewegung, sondern allgemein bei der Veränderung kultureller Normen und Werte gingen Jugendliche und junge Erwachsene voran. Sie stießen auf Widerstände meist älterer Vertreter der Obrigkeit, von Lehrern, Geistlichen, Kommunalpolitikern. Die Jugendorganisation von CDU/CSU, die Junge Union, variierte später den genannten Slogan und ironisierte mit "Trau keinem über 130!" den Bezug der linken Jugendlichen auf Karl Marx. Das zeigt, dass auch junge Konservative sich auf das Thema des Generationenkonfliktes einstellten.


Den kulturellen Konflikt zwischen Jugendlichen und der erwachsenen Bevölkerungsmehrheit trugen in der Öffentlichkeit nicht zuletzt die Medien aus: Die "Bild-Zeitung" empfand sich als Sprachrohr des "gesunden Volksempfindens", während kommerzielle Jugendzeitschriften wie etwa die BRAVO sich zum gemäßigten Anwalt der jungen Generation machten, – auch wenn beide genannten Medien zeitweise zum gleichen Pressekonzern gehörten. Zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften spiegeln die konträren Auffassungen, z.B. im Streit um Haar- und Rocklänge, Tänze und Musikstile. Die Twist-, Rock- und Beat-Rhythmen der 60er-Jahre, die in der ersten Hälfte des Jahrzehnts vor allem aus Großbritannien, dann aus den USA importiert wurden, hatten als internationales Erkennungszeichen in der Jugendkultur enorme Bedeutung. Hierin drückten sich jugendliche Wünsche nach mehr "Lockerheit" und "Freiheit" besonders nachdrücklich aus. Entsprechend fasste ein Großteil der Elterngeneration diese Musikstile – klassenübergreifend – zunächst als Kampfansage auf.

Noch wenige Jahre vor der "Revolte" waren sich Soziologen, Psychologen und Pädagogen darin einig gewesen, dass die Verhaltensweisen der Jugendlichen und die der Erwachsenen in der Konsumgesellschaft sich im Grunde genommen nicht voneinander unterscheiden ließen. Ein großer Jugendbericht, der dem Bundestag nach vierjähriger Arbeit im Frühjahr 1965 zugeleitet wurde, kam zu dem Ergebnis, dass auf Zerstreuung bedachte Freizeitorientierung, Aufweichung sexueller Normen, ausgeprägtes Besitzstreben und die Scheu vor geistigem Engagement jung und alt gesellschaftlich einige.

Bei den 14- bis 19-Jährigen rauchten 53 Prozent der Jungen und 13 Prozent der Mädchen; ein Drittel dieser Altersgruppe trank regelmäßig Alkohol. Veröffentlichungen mit Titeln wie "Geld in Nietenhosen" machten darauf aufmerksam, dass auch die Jugendlichen zu einer gewichtigen Konsumentengruppe geworden waren, die von der Freizeitindustrie stark umworben wurde.

Anfang der 60er-Jahre besaß mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen im Alter zwischen 21 und 25 ein eigenes Radiogerät, und selbst die Zwölf- bis 16-Jährigen verfügten häufig über ein Kofferradio oder kleines Taschentransistorgerät. Zum Geburtstag schenkten sich viele Jugendliche eine "Single" (preisgebunden: 4,75 DM) oder gemeinsam eine neue Langspielplatte (21 DM). Durchschnittlich besaß 1960 jeder Jugendliche zehn Schallplatten. Da diese teuer waren, stand bald das Tonbandgerät ganz oben auf der Wunschliste männlicher Jugendlicher. Mit ihm konnten Schallplatten ausgeliehen und aufgenommen sowie Schlagersendungen im Radio mitgeschnitten werden. Mitte der 60er-Jahre kamen dann auch die ersten Musik-Kassetten-Geräte auf den Markt.

Äußerster Beliebtheit erfreuten sich zu dieser Zeit auch die Milchbars und Eissalons, in denen eine "Music-Box" die Titel der internationalen Hitparade spielte. 50 000 solcher Apparate waren 1960 in der Bundesrepublik aufgestellt. 1964 wurden die Ausgaben der Altersgruppe von 14 bis 25 Jahren auf 17 Milliarden, 1967 bereits auf 24 Milliarden DM jährlich geschätzt. Textilkaufhäuser wie C & A richteten eigene Modeabteilungen für Teenager ein, und das Wort "Boutique" erhielt einen magischen Klang.

Dabei gab es beträchtliche Unterschiede zwischen jugendlichen Arbeitern, die wöchentlich 40 bis 50 DM ausgeben konnten, sowie Schülern und Studierenden, denen 10 bis 15 DM zur Verfügung standen. Die jugendliche Konsumkraft lag nicht zuletzt darin begründet, dass im neuen Wohlstand erwerbstätige Jugendliche längst nicht mehr nahezu ihren gesamten Lohn im elterlichen Haushalt abzugeben hatten wie noch zehn Jahre zuvor in den kargen Jahren des Wiederaufbaus.

Während der Phase der Vollbeschäftigung umwarben Unternehmen "Lehrlinge" vielfach wie kleine Könige. In der ersten Hälfte der 60er-Jahre waren die Zeitungen gefüllt mit Annoncen, in denen 14-jährigen Volksschulabgängern für den Antritt einer Lehrstelle Mopeds, Ferienreisen oder ein gut gefülltes Sparbuch versprochen wurden. Dennoch blieben in dieser Phase jeweils etwa ein Drittel der angebotenen Lehrstellen vor allem im gewerblichen Sektor unbesetzt. Die Jugendlichen wandten sich vor allem technischen oder administrativen Berufen zu, die genug Verdienst für gehobene Konsumansprüche versprachen. Zugleich begann in den 60er-Jahren der Trend zu höheren Schulabschlüssen. Während die Relationen des dreigliedrigen Schulwesens seit der Jahrhundertwende nahezu gleich geblieben waren und auch 1960 noch nahezu 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler mit einem Hauptschulabschluss ins Berufsleben traten, sank diese Quote im Laufe der 60er-Jahre auf ca. 80 Prozent. In der Folge verdoppelte sich die Zahl der Realschüler auf ca. 860 000 (1970) und der Gymnasiasten nahezu auf ca. 1,4 Millionen. Ein Zuwachs an Bildung, etwa bei der Beherrschung der englischen Sprache, schuf offenbar neue kulturelle Distanzen zwischen den Generationen.

Der konsumbewusste, ansonsten angepasste und unpolitische "Teenager" bestimmte weitgehend das öffentliche Bild von Jugendkultur. (© Günter Zint)

Der konsumbewusste, ansonsten angepasste und unpolitische "Teenager" bestimmte weitgehend das öffentliche Bild von Jugendkultur, wobei noch Mitte der 60er-Jahre zwei Sichtweisen konkurrierten. Die eine strapazierte das Bild einer hilf- und ahnungslos kommerzieller Werbung und politischer Verführung ausgelieferten Jugend, während die andere gerade umgekehrt den souveränen Umgang Jugendlicher mit der Konsumkultur hervorhob und für Gelassenheit plädierte. So warnte die konservative Publizistin Oda Schäfer angesichts der ersten Beatles-Erfolge in der Zeitschrift "Melos" 1964: "Hinter dem Fanatismus der Jugendlichen steht die eiskalte Berechnung der Fabrikanten und Manager, die an Schallplatten, Gitarren, Schlagzeug und Fan-Kleidung ein Vermögen verdienen." Die Fachzeitschrift "deutsche jugend" meinte sogar angesichts der verblüffenden Erfolge der Beatles im gleichen Jahr, "die jugendliche Massenhysterie könnte [...] auch in gefährlichere Bahnen gelenkt werden. Die Rattenfänger aus Liverpool sind vergleichsweise harmlos". Mit Begriffen wie "Rattenfänger", "Diktatur", "Propaganda", "Brückenköpfe im Lager der Jugend" usw. – wurden kommerzielle und politische Werbestrategien als eine Art Kriegführung gegen die "ahnungslose" nachwachsende Generation angeprangert.

Dagegen betonte der Soziologe Viggo Graf Blücher, Leiter des Meinungsforschungsinsituts EMNID, in einer detaillierten Analyse unter dem Titel "Die Generation der Unbefangenen" (1966), die Jugend gehe "recht souverän mit den zahlreichen Möglichkeiten ihrer Freizeitwelt um. In lässiger Haltung begegnet sie dem Phänomen, das früher als 'Reizüberflutung' bezeichnet wurde". Der Sozialwissenschaftler Walter Jaide hatte kurz zuvor ebenfalls ein hohes Maß an Verhaltensstabilität im Alltag festgestellt. Ein "unerwartet starker Teil tendiert in 'konservativem' Widerspiel gegen alle Veränderungen zur Stabilität, Kontinuität, Normalität gleichsam zeitlos bürgerlicher Verhältnisse sowohl in der Politik wie in der Religion, im Lebensstil wie in der Auffassung von Beruf, Familie und Freizeit".

Als positives Gegenbild zu randalierenden "Halbstarken" und unpolitischen "Teenagern" wurde in den frühen 60er-Jahren der engagierte und hilfreiche Jugendliche wiederentdeckt. "Die 'Halbstarken' sterben aus", meldeten etwa die "Bremer Nachrichten" 1962 und berichteten von "Zusammenschlüssen von Jugendlichen, die es satt haben, 'immer als Buhmänner angesehen zu werden' und sich geradezu begierig zeigen, gute Taten zu vollbringen". Im Alltag wolle man beweisen, so wird ein 16-Jähriger darin zitiert, "dass man zu den Anständigen gehören will". "Anständig" war, wer sich nicht sinnlos herumtrieb, sondern sich sozial oder politisch engagierte. Und immerhin waren, wie in der EMNID-Jugenderhebung konstatiert wurde, 1964 über 70 Prozent der Jugendlichen der Meinung, "dass man sich in heutiger Zeit doch wohl mit Politik befassen sollte oder müsste".

Schon seit dem letzten Drittel der 50er-Jahre verstärkten viele Städte und Gemeinden ihre Bemühungen, die jugendlichen Bedürfnisse nach eigenen Räumen aufzugreifen und erzieherisch zu begleiten. In Hamburg hatte die "Aktion Jugendschutz", ein 1956 gegründetes länderübergreifendes Bündnis, schon im folgenden Jahr damit begonnen, regelmäßige Jugendtanzveranstaltungen zu organisieren. Ihr Ziel war es, "gegen die negativen Einflüsse bestimmter, vornehmlich von Jugendlichen besuchter Lokale ein Gegengewicht zu schaffen". Man bot moderne Tanzmusik an, um durch die Form der Veranstaltung den Stil der Jugendlichen "möglichst unauffällig" zu prägen. "Die Veranstalter achten deshalb darauf, dass die Beleuchtung, Kleidung der Besucher und der Ablauf der Tanzabende unseren Vorstellungen entsprechen, während die Musik auf den Geschmack junger Leute ausgerichtet ist." Dieses Konzept war bis in die frühen 60er-Jahre sehr erfolgreich, verlor dann aber zusehends an Anziehungskraft, als die zahlreichen "Kellerlokale" nicht nur junge Bands aufboten, sondern auch eine lockerere Atmosphäre.

Das eigentliche Erfolgsrezept der Konkurrenz aber lag darin, dass diese sich an den Publikumswünschen orientierte, während bei der "Aktion Jugendschutz" der bevormundende Erziehungsgedanke im Vordergrund stand. 1965 attestierte ein kritischer Abiturient in einem Leserbrief an das "Hamburger Abendblatt" den früher einmal beliebten Veranstaltungen der Jugendschützer, die Atmosphäre sei "vergreist, steril und für Jugendliche geradezu abartig. Das ist so recht nach dem Geschmack der Veranstalter, diesen Mittfünfzigern, die sich vorgaukeln, 'die Jugend' zu verstehen. Mein Vorschlag: Licht aus (nicht ganz), junge Leute als Organisatoren, andere Bands, niedrigere Preise. Ich bin überzeugt, dass die alten Männer nur das Beste wollen und sich viel, viel Mühe geben. Aber ohne Charme, Humor, Geist und ein wenig Sex geht´s nicht. Verstehen sie das nicht, so müssen sie abtreten."

Allgemein war seit dem Beginn der 60er-Jahre eine Krise der organisierten Jugendarbeit zu beobachten. Kirchliche Gemeinden klagten ebenso wie Gewerkschaften oder die Jugendorganisationen der Parteien über abnehmendes Interesse.

Besonders sensibel wurde der Umgang der Jugendlichen mit der NS-Vergangenheit beobachtet. Die junge Generation sollte die Überwindung der braunen Vergangenheit durch die praktische Tat dokumentieren und glaubhaft belegen, dass die antisemitischen Tendenzen, die seit den Kölner Synagogenschmierereien von 1959/60 im Ausland wieder aufmerksam zur Kenntnis genommen wurden, nicht die bundesdeutsche Realität spiegelten. Für die Teilnehmer an Jugendreisen ins Ausland wurden deshalb Vorbereitungskurse zur Aufbesserung der "teils recht kümmerlichen Schulkenntnisse in der jüngsten Geschichte und in Gegenwartskunde" abgehalten, um die jungen Leute auf mögliche Fragen der Gastgeber nach der NS-Vergangenheit und ihrer gegenwärtigen Virulenz vorzubereiten.

Allerdings war der größte Teil der reisefreudigen Jugendlichen mehr daran interessiert, einfach nur Spaß zu haben. Ein besonders beliebtes Reiseziel war Großbritannien, das in dieser Zeit der maßgebliche Impulsgeber der internationalen Musikszene war und im Gegensatz zu Amerika in Reichweite lag. Vor allem auf der britischen Insel registrierten die deutschen Veranstalter von Jugendaustauschreisen eine ausgesprochene Neigung, sich abends dem Twist (dieser Tanz war 1961 in Mode) oder der Beat-Musik hinzugeben, und das Bundesministerium für Familie und Jugend kritisierte, in einer ganzen Reihe der dortigen Sprachschulen würde "zu wenig gelernt, dagegen abends getanzt, Bier getrunken und Eis gegessen".

Die Bedeutung der neuen Beat-Musik für die Jugendkultur kann nicht überschätzt werden. Vor allem zwei britische Bands schrieben die Titelmusik der 60er-Jahre: die Beatles und die Rolling Stones. Bis in die Klassenzimmer der 13- und 14-jährigen Schüler wogte der Streit, welcher Gruppe der Vorzug zu geben sei. Die "Pilzköpfe" aus Liverpool eroberten mit ihren Melodien vor allem die Herzen der jungen Mädchen. Viele Jungen dagegen fanden an den demonstrativen Exzessen und härteren Rhythmen der Band von Mick Jagger Gefallen, bevor bald immer mehr Gruppen – The Who, Pink Floyd, Manfred Mann und viele andere – bekannt wurden.

Als deutsche Antwort auf das britische Vorbild galt vor allem die Musikszene im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli. Der 1962 eröffnete "Star Club" warb auf bunten Plakaten: "Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!" Er zog von Beginn an nicht nur Arbeiterjugendliche an, sondern zunehmend auch Oberschüler und Studierende, und wurde so zu einem sozialen Schmelztiegel der neuen Jugendkultur. Die Hauszeitschrift "Star-Club-News" machte sich im August 1964 gegen konservative Kritiker des Neuen zum Anwalt einer selbstbewussten, nach Westen orientierten Jugend: "Jedem nüchtern denkenden Menschen ist [...] ein Beatle-Haircut lieber als der militärische Plätzchenschnitt unserer jüngeren Geschichte. Und elektrische Gitarren erzeugen einen angenehmeren Klang als das Landsknechtsgetrommel und die Fanfaren der schon wieder gen Ostland drängenden neuen Jugendverbände. Auch wenn diese vorgeben, für eine Freiheit zu tönen, in der mancher dem Nächsten sogar seinen Haarschnitt und seinen Musikgeschmack vorschreiben will. Sie heucheln eben wieder. Immer noch!"

Lange Haare als Zeichen der Verweigerung herkömmlicher Männlichkeit waren erst ein Spezifikum der "Gammler", eroberten bald aber auch Schulen, Universitäten und die Bundeswehr (© Günter Zint)

Als der Star-Club 1964 geschlossen werden sollte, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Ordnungsmacht und Jugendlichen – die "Bild-Zeitung" fragte , warum die Polizei die Demonstranten nicht mit Knüppeln auseinandergejagt habe. Es war nicht neu, dass sich Gruppen von Jugendlichen zumal in den Großstädten ungebärdig benahmen – die erregten Debatten über die "Halbstarken" in den 1950er Jahren lagen nur wenige Jahre zurück. Ungewohnt, provozierend und besorgniserregend wirkte hingegen das gestiegene Selbstbewusstsein einer Generation, die die "schlechten Zeiten" selbst nicht mehr bewusst miterlebt hatte und für sich eine eigene Lebensweise, frei von der Einmischung durch erwachsene Autoritäten, Eltern, Geistliche, Lehrer und Lehrherren forderte: Diese hätten ihre Denkmuster aus der NS-Zeit auch in der Nachkriegszeit nicht abgelegt und seien längst keine moralische Instanz mehr.

Zum bevorzugten Objekt der Medienberichterstattung wurden Mitte der 60er-Jahre die so genannten "Gammler", die zwar wie die "Halbstarken" ein Jahrzehnt zuvor nur einen Bruchteil der Jugendlichen ausmachten (man schätzte sie auf einige Tausend in Europa, einige Hundert in der Bundesrepublik), aber alles das zu repräsentieren schienen, was insgesamt zur Sorge Anlass gab. "Gammler in Deutschland" überschrieb der "Spiegel" 1966 sogar eine Titelstory. Offenbar gab es in der Konsumgesellschaft der 60er-Jahre keine größere Provokation des "gesunden Volksempfindens" als die Verweigerung jeglicher Arbeit und die Demonstration der Möglichkeit, dennoch bettelnd und schnorrend in den Tag hinein zu leben. Die ablehnenden Reaktionen der Öffentlichkeit gipfelten in der Forderung, den Gammlern die langen Haare zu scheren und sie in ein "Arbeitshaus" zu stecken.

Lange Haare als Zeichen der Verweigerung herkömmlicher Männlichkeit waren allerdings längst kein Spezifikum der "Gammler". An vielen Schulen wurde die lange Haartracht der männlichen Jugendlichen seit der Mitte der 60er-Jahre zum heftigen Streitpunkt. Direktoren und Lehrer drohten mit Disziplinarmaßnahmen, konnten sich aber bald nicht mehr durchsetzen. Auch in der Bundeswehr kam es seit 1967 zu ersten Verweigerungen, sich die Haare militärisch kurz schneiden zu lassen: Erst ein so genannter "Haarnetzerlass" führte Anfang der 70er-Jahre zur Entspannung.

Der US-amerikanische Psychologe und Autor Dr. Timothy Leary forderte einen freien und allgemeinen Zugang zu bewusstseinsverändernden Drogen.(© AP)

Ein wichtiges Thema in der Diskussion über die Jugend waren die neuen Drogen, die den Erwachsenen unbekannt und deshalb besonders unheimlich waren. Cannabis, meistens Haschisch, fand vor allem in Schulen Verbreitung. Die Illustrierte "Stern" berichtete 1966 erstmals über die "Fahrkarte für eine phantastische Reise", die durch Einnahme eines mit Lysergsäure-diäthylamid getränkten winzigen Löschpapiers angetreten werden konnte: LSD –Trips galten der Öffentlichkeit als "Wahnsinnsdroge", den Konsumentinnen und Konsumenten als bewusstseinserweiterndes Elexier, das zur bunten Hippie-Kultur passte.

Provokationen durch Jugendliche häuften sich nicht zufällig seit Mitte der 60er-Jahre, weil es eben darum ging, jugendliche Autonomie gegen bevormundende Pädagogik zu verteidigen. Die Rolling Stones, so deutete ein Erstsemesterstudent 1968 die angeblichen Konflikte unter Jungintellektuellen, würden auch von vielen linken Studenten "geschätzt, weil sie sich vom System nicht vereinnahmen lassen." Andererseits fühlten sich mehr und mehr junge Intellektuelle von den neuen, mit dem Nimbus des Rauen und Rebellischen versehenen Stilen angezogen. Das war symptomatisch für die kulturelle Annäherung der ursprünglich disparaten, sozial gebundenen Freizeitstile und damit auch folgenreich für die politischen Konturen der Jugendkultur.

In der Bundesrepublik waren es einer Emnid-Studie von 1964 zufolge gerade die "mittleren Jahrgänge" im Alter zwischen 18 und 21 Jahren, die sich als besonders "politisch" verstanden. Sie waren diejenigen Jahrgänge, welche seit Anfang der 60er-Jahre – also im Alter von ca. 14 bis 17 Jahren – die soziale Durchlässigkeit der Jugendkulturen maßgeblich befördert hatten und von den rasanten Veränderungen der Jugendkultur geprägt worden waren. In der Hauptphase der Studentenbewegung 1967/68 stellten sie als junge Oberschüler bzw. Studierende ein Generationssegment, aus dem viele Aktivistinnen und Aktivisten der Bewegung hervorgingen.

1967 ermittelte das Allensbacher Institut für Demoskopie bei einer Repräsentativuntersuchung der Leserschaft des "Twen" – eines einflussreichen Zeitgeistmagazins für die ältere und gebildetere Jugend –, diese interessiere sich "für Beat-Musik und Parties, aber zur gleichen Zeit in sehr betonter Weise für Politik". Auch in der linken akademischen Szene öffnete man sich, wenn auch zögerlich, der viel geschmähten Populärkultur. So begründete ein "Studienanfänger der Soziologie" seinen ohne weiteres einsichtigen Wunsch nach einer Eintrittskarte für den Beat-Club, den das Deutsche Fernsehen seit September 1965 als erste dezidierte Jugendmusiksendung mit enormem Erfolg ausstrahlte, eine Teilnahme sei für ihn in fachlicher Hinsicht "höchst anregend".

Die Attraktivität dieser Fernsehsendung für Jugendliche beruhte weniger auf der Ebene direkter politischer Programmatik als in der Abwendung von traditionellen kulturellen Mustern. Eine solche Abwendung beklagte etwa der Bundespräsident Heinrich Lübke 1965, als er bedauerte, dass in der Situation der deutschen Teilung "das Interesse unserer Jugend am Chorgesang abnimmt und das Singen vaterländischer Lieder bei der jungen Generation vielfach als veraltet und überholt angesehen wird". Auch Volkes Stimme maß den ästhetischen und kulturellen Stilelementen elementare politische Sprengkraft bei – so meinte eine Mutter, dass "beim Rock 'n' Roll das nationale Ehrgefühl verloren" gehe.

Dennoch standen viele Ältere der neuen Populärkultur durchaus aufgeschlossen und tolerant gegenüber. In dem Maße, wie Beatkultur zur Massenkultur wurde, schoben sich die Grenzen des Akzeptablen für viele Erwachsene immer weiter hinaus. Als allerdings im März 1967 erstmals im Deutschen Fernsehen die britische Skandalband "The Who" und Jimi Hendrix auftraten, mobilisierte dies massiv all die Vorbehalte, die sich unterhalb der Ebene formaler Akzeptanz erhalten hatten. Die frisch gefönten Frisuren der Beatles wurden nun in der Öffentlichkeit sogar als positiver Kontrast zu den Auswüchsen einer neuen, mit Drogenkonsum und hemmungsloser Sexualität in Verbindung gebrachten Hippie-Kultur gelobt.

Zugleich artikulierten nun zunehmend junge "progressive" Intellektuelle starke Reserven gegenüber der Populärkultur. Auf der Gründungskonferenz des SDS-nahen "Aktionszentrums Unabhängiger und Sozialistischer Schüler" am 17./18. Juni 1967 führte der Göttinger Primaner Reinhard Kahl die Beatmusik als schlagendes Beispiel für die entpolitisierende Kraft der Vereinnahmung an, die jede oppositionelle Regung wieder zu paralysieren drohte: "Konsumzwang vermag die Freiheit der Jugendlichen, also die Spanne der gesellschaftlich verlustig gegangenen Kontrolle, für die Gesellschaft wieder zurückzugewinnen. Musterbeispiel ist dafür die Geschichte des Beat. Er war zu seinem Beginn in Liverpool so etwas wie ein revolutionärer Protest, Anklage gegen die Gesellschaft und Entrückung von der Gesellschaft zugleich. Unsere Industrie hat es verstanden, den Beat zu integrieren, zu entpolitisieren und zu einer Konsumsparte zu machen."

Im letzten Drittel der 60er-Jahre verbanden viele Medien die Impulse aus der populären Jugendkultur mit den politischen Forderungen der Studierenden. Das mediale Bild der Jugend war in sich heterogen, vereinte konsumierende und demonstrierende, narzisstisch-modebewusst mit sich selbst beschäftigte und politisch engagierte Jugendliche. Nicht zuletzt die kommerzielle Werbung spielte erfolgreich mit dieser Mischung, in der z.B. Che Guevara zur Pop-Ikone verklärt wurde. Tatsächlich bewegte sich allerdings auch zu dieser Zeit die Mehrheit der Jugendlichen nicht sehr weit außerhalb der engen westdeutschen Gesellschaft. Sie zeigten sich zwar stärker politisch interessiert als die Gesamtbevölkerung, aber bei weitem nicht so stark wie die Studierenden.

Eine soziologische Untersuchung hatte 1968 ergeben, dass 25 Prozent der nicht akademischen Jugendlichen sich als politisch interessiert oder stark interessiert einstuften, während es bei den Studierenden 56 Prozent und in der Gesamtbevölkerung 14 Prozent waren. Dieser Politisierungsgrad steigerte sich im folgenden Jahrzehnt dann allerdings beträchtlich.

Quelle: Axel Schildt: Rebellion und Reform. Die Bundesrepublik der Sechzigerjahre, Bonn 2005. Aus der bpb-Reihe: Zeitbilder.

Axel Schildt

Zur Person

Axel Schildt

Axel Schildt wurde 1951 in Hamburg geboren. Er ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg sowie Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.


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