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Die sexuelle Revolution Interview mit Martin Goldstein

/ 7 Minuten zu lesen

Martin Goldstein war 1969 der erste "Dr. Sommer" der BRAVO. Im bpb- Interview erzählt er von der rigiden Sexualmoral der 50er Jahre, wie die 68er dagegen rebellierten und warum sexuelle Aufklärung seiner Meinung nach "Quatsch" ist.

Martin Goldstein wurde 1927 geboren. 1967 veröffentlichte er das Aufklärungsbuch "Anders als bei Schmetterlingen". Von 1969 bis 1984 war er der "Dr. Sommer" der BRAVO. Heute lebt Martin Goldstein in einer WG in Kaarst. (© bpb)

In den 50er Jahren war das Thema Sex tabu. Einem unverheirateten Paar Gelegenheit zur "Unzucht" zu bieten, stand ebenso unter Strafe wie Homosexualität. Dieser rigiden Sexualmoral sagten die 68er den Kampf an. Im Zuge der neuen Offenheit bot Martin Goldstein alias "Dr. Sommer" in der Jugendzeitschrift BRAVO Rat in Sachen Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Die 68er-Bewegung war auch eine sexuelle Revolution. Wie sah die Befreiung der Sexualität konkret aus?

Martin Goldstein: Die 68er haben aufbegehrt gegen das große Schweigen. Nicht indem sie geredet haben, sie haben "es" einfach getan. Das wortlose Tun warb damals das beste Mittel, um dieses bleierne Schweigen zu brechen. Das kommt aber natürlich nicht bis zum Letzten an. Einige sind eben zu bleiern, um damit fertig zu werden. Aber das Schweigen haben die 68er nicht nur in sexuellen Dingen durchbrochen, sondern auf der ganzen Linie.

Gegen welche Formen von sexueller Bevormundung oder Unterdrückung begehrten die 68er denn auf?

Martin Goldstein: Was man bis dahin in Bezug auf Sexualität lernte, waren nichts weiter als Drohungen und Warnungen. Möglichst nichts tun, alles später. Und was du tust, ist falsch, ist Sünde, macht krank, macht dich schwul, du kriegst keine Kinder mehr, findest keinen Partner und wirst ein unglückliches Leben führen. Das war alles eine reine Drohbotschaft. Die deutlichste Drohung war: Wenn du Selbstbefriedigung machst, gerätst du ins Unglück. Du beschädigst deinen Körper und du machst deine sexuelle Kraft dadurch geringer. Und schließlich wirst du mal zu früh zu Ende sein und dann gibt es nichts mehr. Oder du bekommst Rückenmarkschwindsucht. Ich habe noch damals in einem Buch gelesen, dass der Orgasmus für eine Frau schädlich sei. Jede Frau sollte gefälligst dafür sorgen, dass sie keinen Orgasmus bekommt. Mit gütigen Worten und Engelszungen wurde gesagt: "Das ist heilig! Lass die Finger davon weg!" Das war die generelle so genannte sexuelle Aufklärung. Es war die heimliche – nein – die unheimliche Aufforderung, keusch zu leben und seine Sexualität zu verleugnen. Das geht aber nicht. Da kommt man in einen Konflikt.

Waren es wirklich erst die 68er oder gab es nicht schon früher ein Aufbegehren gegen diese rigide Sexualmoral?

Im Jahr 1969 beantwortete "Dr. Sommer" erstmals die Fragen der jungen Bravo-Leser. Foto: BRAVO Nr. 43 (1969) (© BRAVO Nr. 43 (1969))

Martin Goldstein: Einer der frühesten, der das Gespräch aufgetan hat, war Kinsey. Er hat damals eine ungeheure Tat vollbracht. Er hat einfach das menschliche sexuelle Verhalten statistisch erfasst und wertfrei geschildert, was Menschen auf dem sexuellen Gebiet so alles machen. Er hat das dann beschrieben in seinen Büchern "Das sexuelle Verhalten des Mannes" und "Das sexuelle Verhalten der Frau" (in Deutschland in den Jahren 1954/55 erschienen, Anm. der Redaktion). Die Bücher waren für die Menschen einerseits fürchterlich interessant, weil sie da Beschreibungen von sexuellen Möglichkeiten fanden, an die sie nie zu denken gewagt hätten und die sie angeregt haben. Aber andererseits bekamen die Menschen einen Beleg dafür, dass die offizielle Lehre und das tatsächliche Verhalten der Menschen nichts miteinander zu tun hatten. Das waren zwei völlig verschieden Welten. Damit war Kinsey einer der großen Vorläufer, der auf ganz geschickte Weise das Schweigen gebrochen hat. Es folgten Bücher anderer Autoren, die sehr taktvoll und freundlich die unterschiedlichen Positionen beschrieben, die man beim Geschlechtsverkehr einnehmen kann. Auch das waren Bestseller. In einem Aufklärungsbuch des Engländers Alexander Comfort stand Mitte der 60er-Jahren der freche Satz "Keuschheit ist ebenso wenig eine Tugend wie Unterernährung". Damit hat er Obrigkeiten und Autoritäten natürlich unglaublich entsetzt.

Wie Sie mit Ihrer 1969 erstmals in der Jugendzeitschrift BRAVO erschienenen Rubrik "Dr. Sommer", in der Sie Fragen junger Menschen zum Thema Sexualität beantwortet haben?

Bravo-Thema 1969: Wenn Mädchen Mädchen verführen. "Dr. Sommer" antwortet auf Fragen, die den Eltern nicht gestellt werden konnten. (© BRAVO )

Martin Goldstein: Ja, als Dr. Sommer musste ich mich auch mit solchen Obrigkeiten auseinandersetzen. Zwei Nummern der Bravo wurden 1972 als jugendgefährdend eingestuft. Ich habe darin die Selbstbefriedigung von Jungen und Mädchen beschrieben und dazu gesagt: "Macht euch erstens keine Sorgen, es ist nicht schädlich. Im Gegenteil! Zweitens: Seid euch bewusst, dass eure Eltern und Lehrer nicht dieser freien Meinung sind. Und drittens: Denkt nicht, dass Selbstbefriedigung ein Problem der Jugendzeit ist. Das ist es nicht, Erwachsene onanieren auch." Das hat mir Vater Staat übel genommen und mir die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Hals gehetzt. Das durfte nicht gesagt werden. Der Kernsatz des Verbotes damals war: "Die Geschlechtsreifen allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane." Es durfte eben keine Ermutigung zum Erleben der Sexualität geben, sondern allenfalls eine Duldung. Das ist bis heute so. An dieser Stelle kann ich ihnen sagen, dass ich der Meinung bin, dass sexuelle Aufklärung Quatsch ist. Die wirkliche Revolution wäre eine sexuelle Einweihung.

Wie sollte denn eine solche sexuelle Einweihung aussehen?

Martin Goldstein: Das hat mit Ermutigung zu tun. Es sollte doch darum gehen, jungen Menschen ein positives Gefühl zu vermitteln. Schon 1971 hat die evangelische Kirche eine Denkschrift verfasst, in der eine solche Ermutigung drinsteht. Aufgabe der Kirche sei es, alle Jugendliche auf dem Wege des Erlebens der Sexualität zu begleiten, um ihnen eine positive Haltung zu verschaffen. Das gilt bis heute. In dieser Denkschrift steht auch, dass Homosexualität nicht krank ist und nicht erworben wird, sondern ein natürliches Phänomen ist, das man nicht diskriminieren sollte. Sexuelle Aufklärung sollte durch das Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen geschehen - vor allem indem man darüber spricht. In unserer Gesellschaft wird über Sexualität aber nicht gesprochen. Dagegen habe ich als Dr. Sommer gekämpft. Ich habe aber nicht über Sex aufgeklärt. Das ist Quatsch. Denn ich sehe Sexualität immer unter dem Aspekt der Beziehung. Es ist keine Frage der Technik der einzelnen Körperteile, sondern es geht immer um eine Beziehung zwischen Menschen. Die Engländer haben da einen Vorteil. Sie habe zwei Wörter für Sexualität: sexuality und sensuality. Letzteres ist Sinnlichkeit, sind persönliche Empfindungen, über die miteinander gesprochen wird. Aber eben diese sensuality haben die 68er nicht gefördert. Das kam bei denen überhaupt nicht vor. Persönliche Empfindungen waren ja nicht politisch. Und auch heute noch sind die Menschen nicht geschult zum kommunikativen Leben, auf emotionalen Gebiet von ihrem Leben zu erzählen und einander zuzuhören.

Warum ist Aufklärung heute, trotz der sexuellen Befreiung der 68er, immer noch so ein Tabuthema in den Familien?

"Als Mann von heute" sprach "Dr. Sommer" mit neuer Offenheit und Freizügigkeit und wurde damit zum Markenzeichen der BRAVO. (© BRAVO Nr. 44 (1969))

Martin Goldstein: Ich hab da meine Erklärung. Die Konstruktion Familie – Vater, Mutter, abgeschottet von anderen Personen in einer Vier-Zimmer-Wohnung – ist nicht die Struktur, die es braucht. Das sind zu wenige Personen und sie sind zu eng zusammen. Ein Kind braucht sieben Erwachsene, die es kennt und an die es sich wenden kann. In unserer Kleinfamilienstruktur gibt es diese sieben Erwachsenen aber nicht. Da entsteht dieser ganz enge Raum und der ist viel zu klein, als dass man mit Distanz miteinander reden könnte. Eltern sind für die Aufklärung ihrer Kinder am wenigsten geeignet. Man sollte das von den Eltern auch gar nicht erwarten. Die Sexualität der eigenen Kinder ist für die Eltern viel zu persönlich und zu emotional. Wenn es um die Sexualität ihrer Kinder geht, haben Eltern immer Angst oder schweigen. Und auch die Kinder wollen nicht in Erfahrung bringen, was die Eltern erlebt haben und was die Eltern machen. Kinder und Jugendliche wollen mit Menschen sprechen, die keine Angst haben und nicht beklommen sind.

Die Lösung wären also alternative Formen des Zusammenlebens, wie etwa die der Kommunen in den 60er Jahren?

Martin Goldstein: Ja, erstmal ja. Ich selbst bin verbunden mit einer Kommunität. In dieser leben 80 Erwachsene und 60 Kinder zusammen. Die Kinder lernen also ununterbrochen andere Erwachsene kennen, an die sie sich wenden können. Es gibt da keine familiäre Abgrenzung. Die Kinder haben dort mehr Freiheiten und die Welt der Erwachsen ist ihnen dennoch viel näher. Es gibt praktisch auch keine Alleinerziehenden. Wie soll man in einer Kommunität denn alleinerziehend sein? Es ist so wie bei den wirklich alten Großfamilien, zu denen ja auch Nichtverwandte gehörten, wie Mägde und Knechte. Auch da gab es diese Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen. Auch die ersten Kommunen in Deutschland haben die Strukturen der Kleinfamilie und die Zurückhaltung der Sexulität durchbrochen. Aber sie haben sich dann mit Penis und Scheide unterhalten und nicht von Mensch zu Mensch. Über menschliche Beziehungen ist da wenig bei rausgekommen. Ein Ladenlokal mit offenem Schaufenster, hinter dem eine Kommune lebte, und jeder sehen konnte, was die alles im Bett und außerhalb des Bettes machten, hat zwar erheblich zum Bruch mit der Tradition beigetragen, aber so gut wie nichts zu der Beziehungsfähigkeit zwischen den Menschen. Heute sind die Kommunitäten da viel weiter.

In den USA, aber auch in Deutschland, gibt es in den letzten Jahren unter Jugendlichen den Trend, mit dem Sex bis zur Ehe abzuwarten. Sie führen damit wieder ein, wogegen die 68er gekämpft haben.

Martin Goldstein: Meine Erklärung dafür ist, dass Jugendliche heute alles schon irgendwie zur Kenntnis genommen haben. Das wurde zu einer Art Zwang. Und diesem wollen sie sich entziehen. Früher ist man mit dem Zwang aufgewachsen, alles Sexuelle wegzulassen. Und die jungen Menschen heute wachsen mit dem Zwang auf, alles Sexuelle auszuprobieren und das möglichst sofort. Ansonsten gehören sie nicht dazu. Diesem Zwang wollen sie sich entziehen. Sie haben da die gleiche Motivation wie die 68er – nur der Zwang hat sich umgedreht. Wobei ich von Keuschheit bis zur Ehe nichts halte. Ich kann die Sexualität ja nicht wie einen Apparat abschalten und dann einfach, wenn ich verheiratet bin, schalt ich ihn an. Das macht der sexuelle Apparat nicht. Das ist keine vernünftige Einstellung.

Das Interview führte Stephan Trinius (Volontär in der Online-Redaktion der bpb).

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