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17.5.2013

Die Folgen des Aufstandes

Allein bis zum Morgen des 6. Juli 1953 werden 10.000 Menschen in der Folge des Volksaufstandes festgenommen. Die ostdeutschen Sicherheitskräfte und die sowjetischen Besatzungstruppen arbeiten dabei Hand in Hand. Zügig führen neben den DDR-Gerichten auch sowjetische Militärtribunale die Prozesse.

Prozess gegen angebliche "Rädelsführer“ des 17. Juni 1953 vor dem Obersten Gerichts der DDR in Ost-Berlin. Die Angeklagten (v.l.): Horst Gassa, Hans Füldner, Werner Mangelsdorf und Hauptangeklagter Dr. Wolfgang Silgradt. (© Bundesarchiv. Bild 183-25018-0007 Foto: Heinz / 11.Juni 1954)


Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 wird von sowjetischen Truppen niedergeschlagen. Schon in der Nacht zum 18. Juni beginnen Sicherheitskräfte mit Hausdurchsuchungen und nehmen vermeintliche Streikführer fest. In vielen Orten verhängt die Sowjetische Militäradministration am Nachmittag oder Abend des 17. Juni den Ausnahmezustand. Der Widerstand ist damit nicht gänzlich gebrochen. In einigen Betrieben streiken die Belegschaften weiter. Die hauptsächliche Forderung ist die Freilassung inhaftierter Arbeitskollegen. Am 18. Juni 1953 kommt es noch in den großen Werften an der Ostseeküste der DDR, die am 17. Juni streikfrei geblieben waren, zu Arbeitsniederlegungen.

Die Arbeiter des Elektromotorenwerks Wernigerode erklären sich am 18. Juni 1953 auf einer Belegschaftsversammlung mit den Aufständischen des 17. Juni und ihren Forderungen solidarisch:
PDF-Icon Streikbericht von VEB ELMO Elektromotorenwerk Wernigerode

Mitschnitt der Belegschaftsversammlung des Elektromotorenwerks in Wernigerode vom 18. Juni 1953 (BStU)
Teil 1


Teil 2


Im Juli 1953 finden aus Protest gegen Verhaftungen und aus Enttäuschung über das Ausbleiben von Reformen wiederum Arbeitsniederlegungen vor allem in Zittau am 8. Juli, in Jena am 10. und 11. Juli und in Schkopau vom 15. bis 17. Juli 1953 statt. Im Buna-Werk Schkopau greifen am 17. Juli sowjetische Soldaten, Kräfte der Kasernierten Volkspolizei (KVP) und der Volkspolizei ein und ersticken die Streikbewegung.

PDF-Icon Einschätzung zu den Belegschaftsversammlungen in den Betrieben, FDGB-Bundesvorstand, 13.7.1953.

PDF-Icon Protokoll der Betriebsversammlung im Buna-Werk in Schkopau am 16. Juli 1953.

Bilder von staatlich verordneten Demonstrationen sollen im Land und international die These vom westlich ausgelösten „faschistischen Putschversuch“ belegen. Stalin-Allee in Ost-Berlin, 26. Juni 1953. (© Bundesarchiv. Bild 183-20115-0002 Foto: Junge, Heinz /26. Juni 1953 )

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung und ihr spontanes Aufbegehren am 17. Juni 1953 verunsichern die SED. Das Bild streikender Arbeiter, die im Arbeiter- und Bauernstaat gegen die Regierung demonstrieren, verbreitet Angst im Machtapparat. Das Bild soll sich nicht in den Köpfen festsetzen, sondern so schnell wie möglich korrigiert werden. Dafür wird die Legende vom "Tag X" erfunden. Es habe sich um einen "faschistischen Putschversuch" gehandelt, der eine Inszenierung des Westens gewesen sei, so verbreiten es die SED und ihre Gefolgsorganisationen. Nur einige, wenig klassenbewusste Arbeiter der DDR hätten sich dem Putschversuch angeschlossen. Um diese These zu unterstützen, werden zahlreiche Propagandamaßnahmen ergriffen. Staatlich organisierte Demonstrationen gegen den Volksaufstand sollen die enge Verbundenheit von Staat, Partei und Arbeitern beweisen. Fotos und Filme mit lachenden sowjetischen Soldaten sollen die Freundschaft zur Bevölkerung der DDR belegen. Sie werden massenhaft in den Medien der DDR verbreitet.

Die DDR-Nachrichtenagentur ADN bekundet am 1. Juli 1953 "Angehörigen der Sowjetischen Armee ihren Dank für das überlegte Eingreifen am 17. Juni 1953, dem Tag der faschistischen Provokation“. (© Bundesarchiv. Bild 183-20153-0001 Foto: o.Ang. /1. Juli 1953)

Die MP3-Icon Kino-Wochenschau der DDR zeigt Ende Juni 1953 eine von der Partei- und Staatsführung der DDR organisierte Demonstration, die die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung zur Politik der SED dokumentieren soll.

Im SED-Sprachgebrauch wird der Aufstand vom 17. Juni 1953 als eine von "westlichen Provokateuren“ angezettelte Konterrevolution bezeichnet: MP3-Icon Kino-Wochenschau der DDR, Mitte Juli 1953.

Die SED setzt nicht nur auf Propaganda und Medienberichte. Allein bis zum Morgen des 6. Juli 1953 nehmen Polizei und MfS ca. 10.000 Personen im Zusammenhang mit dem Volkaufstand fest. Per Blitzfernschreiben weist der stellvertretende MfS-Minister Erich Mielke die MfS-Dienststellen am 18. Juni 1953 an, dass "Hetzer, Provokateure, Saboteure, Rädelsführer … sofort festzunehmen" sind. Einen Tag später differenziert er zwischen Streikleitungen mit politischen Forderungen, die ohne vorherige Prüfung festzunehmen seien und denjenigen Streikleitungen, die allein sozioökonomische Forderungen vertreten hätten, die ihrerseits erst nach Überprüfung der einzelnen Mitglieder zu verhaften seien.

Neben den DDR-Unterdrückungsorganen nehmen auch sowjetische Einheiten am 17. Juni und danach Verhaftungen vor. Sowjetische Militärtribunale (SMT) verhängen im Durchschnitt höhere Strafen als die DDR-Gerichte. Häufig werden Angeklagte zu langjähriger Zwangsarbeit in sowjetischen Straflagern, beispielsweise in Workuta, verurteilt. Fünf Todesurteile werden von Instanzen der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland gefällt, die genaue Zahl der Verurteilungen ist nicht bekannt. Willi Göttling wird vom Militärrat der Gruppe sowjetischer Besatzungstruppen in Deutschland zum Tode verurteilt und am Nachmittag des 18. Juni 1953 in Ost-Berlin an unbekanntem Ort hingerichtet. Zudem drängt die sowjetische Besatzungsmacht die ostdeutschen Gerichte zu schnellen Verurteilungen. Diese verhängen von Juli 1953 bis Ende 1954 mehr als 1.500 Haftstrafen. Gegen Ernst Jennrich, der am 17. Juni 1953 an den Protesten vor der Haftanstalt Sudenburg in Magdeburg teilgenommen hat, fällt das Bezirksgericht Magdeburg am 6. Oktober 1953 das Todesurteil. Jennrich wird am 20. März in Dresden hingerichtet. Heinz Hildebrandt nimmt am 17. Juni 1953 an der Bitterfelder Kundgebung teil. Später setzt er sich für einen verhafteten Kollegen ein, wird 1954 verhaftet und zu 25 Monaten Haft verurteilt:
PDF-Icon Zeitzeugen-Bericht von Heinz Hildebrandt über seine Beteiligung am Aufstand in Bitterfeld.

25. Juli 1953 in Dresden: In einem Schauprozess werden 16 Männer als vermeintliche "Rädelsführer" des Volksaufstandes in Niesky verurteilt. (© Bundesarchiv. Bild 183-20524-001 Foto: Braun / 25. Juli 1953)

Entgegen der Parole vom "faschistischen Putschversuch" liegt der Anteil der Verurteilten, die einer nazistischen Organisation angehörten, bei nur elf Prozent. Der Volksaufstand als Inszenierung aus dem Westen lässt sich mit 1,9 Prozent Westberlinern unter den Verurteilten ebenso wenig belegen. Dies jedoch gesteht die SED nicht öffentlich ein, sondern inszeniert mehrere Schauprozesse.

Im Juni 1954 stehen vier Angeklagte vor dem Obersten Gericht der DDR, die als "Hintermänner" des "Tag X" verurteilt werden sollen. Die zuvor von der Stasi von West- nach Ost-Berlin entführten Männer sollen als Agenten westlicher Spionageorganisationen am Volksaufstand mitgewirkt haben und nun als Rädelsführer verurteilt werden. Ohne stichhaltige Beweise gegen die Angeklagten endet der Schauprozess nach vier Tagen am 14. Juni 1954. Werner Mangelsdorf und Wolfgang Silgradt werden zu 15 Jahren, Hans Füldner zu zehn Jahren und Horst Gassa zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Angehörige der SED-Betriebskampfgruppen des Martin-Hoop-Schachtes auf dem Wege zur Mai-Kundgebung in Zwickau 1954. (© Bundesarchiv. Bild 183-24480-0008 Foto: Nagler / 1.Mai 1954)

Um der Gefahr einer Wiederholung des Volksaufstandes besser begegnen zu können, setzt die SED auf die Verstärkung ihres Überwachungs- und Repressionsapparates. Wie eine Negativfolie stehen die Ereignisse des Volksaufstandes dafür Pate. Um mit mobilen Einsatzreserven in Ausnahmesituationen und gegen große Menschenmengen vorgehen zu können, werden der Volkspolizei 14.000 neue Stellen zugesprochen. Mit diesem Personal soll auch das bis dahin noch sehr lückenhafte Netz der Abschnittsbevollmächtigten (ABV) der Volkspolizei ausgebaut werden und die ABV als Früherkennungssystem im Kampf gegen oppositionelle Kräfte genutzt werden. Vor allem der direkte Kontakt in den privaten Lebensbereich soll so möglich werden, regelmäßige Besuche in den Haushalten und Stimmungsberichte für die Stasi sind erwünscht.

In der Folge des Volksaufstandes erhalten vor allem die paramilitärischen Kampfgruppen eine neue Bedeutung. Sie werden nach dem 17. Juni 1953 als Betriebskampfgruppen aufgebaut und deutlich verstärkt. Die seit 1955 bewaffneten "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" entwickeln sich zu einem von der SED direkt geführten Instrument zu ihrer Machterhaltung.

Der niedergeschlagene Volksaufstand wird zu einem Trauma für die SED-Führung, das ihre Mentalität und ihre Politik bis zum Ende der DDR prägt. Durch die Kette der Aufstände und Arbeiterunruhen in den "Bruderländern" wird die Befürchtung, der 17. Juni könne wiederkehren, immer wieder aktualisiert. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Aufstand, im Herbst 1989, fragt Stasi-Minister Erich Mielke: "Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?" Doch nicht ein neuer 17. Juni bricht aus, sondern eine friedliche Revolution führt im November 1989 zum Mauerfall und ein knappes Jahr später zur deutschen Wiedervereinigung.

Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953: Innere Mobilmachung der SED gegen das eigene Volk

Wie groß die Furcht der Regierenden vor dem eigenen Volk wirklich war, beweisen die auf den 17. Juni 1953 folgenden Aktivitäten der Partei- und Staatsführung auf sicherheitspolitischem Gebiet. Bereits während der Unruhen forderte die SED-Füh­rung von ihren Sicherheitsorganen eine umfassende Berichterstattung.

Propaganda - Verfolgung - Disziplinierung: Die Folgen des Aufstands im Kreis Bitterfeld

Der 17. Juni 1953 hat tiefe Spuren im Leben derjenigen hinterlassen, die diesen Tag erlebt und sein Geschehen aktiv beeinflusst haben. Für die Machthaber blieb dieser Tag, an dem ihre Herrschaft in Bitterfeld paralysiert worden ist, ein Trauma, das bis zum Zusammenbruch des SED-Regimes 1989 fortwirkte. Die Reaktion der Nomenklatur erfolgte prompt. Unerbittlich gingen die Sicherheitsorgane gegen tatsächliche oder vermeintliche Aufständische vor. Lebenspläne vieler Menschen wurden beeinflusst, nicht wenige nachhaltig zerstört. Wer von einer direkten Maßregelung verschont blieb, sah sich einem bis dato ungekannten ideologischen Druck ausgesetzt.

Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

M.A., geb. 1968, seit 2002 selbständige Ausstellungskuratorin und Autorin in Berlin (wahl_büro); entwickelt Ausstellungsprojekte zu zeitgeschichtlichen Themen, u.a. "Volksaufstand. Der 17. Juni 1953 in Bitterfeld-Wolfen“ 2003, "Friedliche Revolution 1989“ Berliner Alexanderplatz 2009 (Mitarbeit als Kuratorin) und Dauerausstellung Grenzlandmuseum Eichsfeld 2010 (Kuratorin). Veröffentlichungen u.a.: Der Bitterfelder Aufstand. Der 17. Juni 1953 und die Deutschlandpolitik. Leipzig 2003 (Hrsg. gemeinsam mit Paul Werner Wagner). Im Projektforum erinnerungslabor entstanden seit 2006 Open-Air-Installationen in Dresden, Potsdam und Berlin.


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