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counter 30.4.2015

Der Weg in den Krieg

Nachdem Hitler das öffentliche und private Leben "gleichgeschaltet" hatte, begann er, Militär, Wirtschaft und Gesellschaft auf den kommenden Krieg vorzubereiten. Sukzessive Verletzungen des Versailler Vertrags folgten. Spätestens mit der "Zerschlagung der Rest-Tschechei" mussten Frankreich und Großbritannien einsehen, dass ihre Politik der Beschwichtigung gescheitert war.

Hitler lässt das entmilitarisierte Rheinland besetzen: Truppen der Wehrmacht beim Einmarsch in Köln am 7. März 1936. (© Bundesarchiv)


Am 30. Januar 1933 übernahmen Hitler und die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Die offene und brutale Verfolgung Andersdenkender sicherte ihre Herrschaft innerhalb weniger Monate. Bald hatten sie das öffentliche und private Leben in ihrem Sinn "gleichgeschaltet".

Rede Adolf Hitlers vom 3. Februar 1933, Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes. (© BArch, RY 5/I 6/10/88.)

Außenpolitisch verfolgte Hitler nicht weniger radikale Absichten. Schon länger bekannte er, die Deutschland 1919 vom Versailler Friedensvertrag auferlegten Lasten und Beschränkungen auch gewaltsam abschütteln zu wollen. Den neuen Reichskanzler zwang die militärische Schwäche Deutschlands zunächst zur Vorsicht. Nur die Militärführung erfuhr am 3. Februar 1933 sein sehr viel weiter gestecktes Ziel: die Eroberung von "Lebensraum für das deutsche Volk im Osten". Die Generäle nahmen ihn nicht ganz ernst, hörten aber gerne, dass er auf das Militär bauen und es aufrüsten wollte. Frühzeitig also fanden Regime und Militär zueinander; die Weichen in Richtung Krieg waren gestellt.

Gefolgschaft und Kriegskurs in Staatsapparat und Wirtschaft



In der Folgezeit engagierte sich das Militär mit aller Kraft für die Aufrüstungsziele Hitlers, der freilich mehr erwartete: bedingungslose Gefolgschaft. Noch aber bildeten Reichswehr und konservatives Offizierkorps einen relativ eigenständigen und selbstbewussten Machtfaktor im Staat. Mit taktischem Geschick und wenn nötig rücksichtslos nutzte Hitler deshalb jede Gelegenheit, um sich das Militär gefügig zu machen. Hierzu trug zunächst die "Röhm-Affäre" im Sommer 1934 bei. Damals ließ Hitler die SA-Führung ermorden, wofür ihm das Militär Dankbarkeit schuldete. Unangefochten war es nun "alleiniger Waffenträger der Nation". Reichswehrminister Werner von Blomberg zeigte sich schon bald erkenntlich. Sofort nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 ließ er die Soldaten auf Hitler als neues Staatsoberhaupt vereidigen. Die neue Eidformel verpflichtete sie zu "unbedingtem Gehorsam".

Die Militärführung während des Reichsparteitages der NSDAP im September 1936 in Nürnberg. V.l.n.r.: Generalfeldmarschall von Blomberg (Reichskriegsminister), Generaloberst Freiherr von Fritsch (Oberbefehlshaber des Heeres), Generaladmiral Raeder (Oberbefehlshaber der Kriegsmarine). (© Bundesarchiv)

Ungeachtet der Regimenähe Blombergs untergrub Hitler von Anfang an dessen Position, um selbst mehr Einfluss auf das Militär zu gewinnen. Dabei machte er sich die traditionelle Eigenstellung von Heer und Marine zu Nutze, die sich bei aller Rivalität in ihrer Abneigung gegen ein starkes, in Rüstungsfragen dominierendes Ministerium einig waren. Vor allem die 1935 neu gegründete Luftwaffe unter Hermann Göring spielte Hitler in die Hände, indem sie sich Blomberg verweigerte. Unverändert loyal, wagten Blomberg und auch der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner Freiherr von Fritsch, am 7. November 1937 vorsichtige Kritik an Hitlers konkreten Kriegsplänen. Als Blomberg im Januar darauf über seine skandalträchtige Heirat stolperte, ließ Hitler ihn fallen. Wenig später fiel Fritsch einer Intrige der Gestapo zum Opfer und wurde ebenfalls entlassen.

Hitler führte die Blomberg-Fritsch-Affäre nicht absichtlich herbei, doch wusste er sie bestens auszunutzen. Vor allem konnte er nun die militärische Spitze in seinem Sinn neu ordnen. Die Funktion des Kriegsministers übernahm er selbst, damit auch den direkten Oberbefehl über die Wehrmacht. Als seinen persönlichen Militärstab richtete er das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) ein. Dessen Chef Wilhelm Keitel erhielt ebenfalls Ministerrang, aber keine zentrale Führungskompetenz. Die gleichrangigen Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile besaßen weiterhin direktes Zugangsrecht zu Hitler und erhielten ihre Weisungen von ihm über das OKW.

Der günstige Zeitpunkt veranlasste Hitler zu einer größeren personellen "Flurbereinigung". Um die Militärführung zu "verjüngen", wurden zwölf ranghohe Generale entlassen, weitere 50 höhere Offiziere versetzt. Einige galten den Machthabern als reaktionär und politisch unzuverlässig. Außerdem nahm sich Hitler das Außenministerium vor, dessen konservativen Diplomaten er seit jeher misstraute. Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath, der Hitler loyal gedient hatte, aber zuletzt den riskanten Kriegskurs nicht mittragen wollte, wurde am 4. Februar 1938 durch den "strammen" Nationalsozialisten Joachim von Ribbentrop abgelöst.

Ab 1936 Konkurrenten um die Herrschaft über die deutsche Wirtschaft: Hermann Göring (rechts) und Hjalmar Schacht in einer Aufnahme von 1933. (© bpk-images)

Auch die Wirtschaftspolitik musste Hitlers Kriegspolitik dienen. Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht, seit 1935 zugleich "Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft", stellte die deutsche Volkswirtschaft bereits im Frieden zu Kriegszwecken um. Das System der "Wehrwirtschaft" sollte das gesamte Wirtschaftsleben den Aufrüstungszielen und dem Streben nach wirtschaftlicher Autarkie unterordnen. Dennoch ging das Regime nicht zur staatlichen Planwirtschaft über, sondern beschränkte sich auf eine stärkere Regulierung der Marktwirtschaft, was ihm die Sympathien der Unternehmer einbrachte. Vor allem die Großindustrie konnte sich über profitable Rüstungsgeschäfte mit dem Staat freuen. Den Arbeitnehmern brachte die NS-Wirtschaftspolitik zunächst Nachteile. Streikrecht und Freizügigkeit gingen verloren, Löhne und Arbeitsbedingungen wurden diktiert. Doch schließlich profitierten auch sie vom wirtschaftlichen Aufschwung infolge der Aufrüstung. Die 1933 noch hohe Arbeitslosigkeit ging drastisch zurück, freilich auch wegen der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht und der Arbeitsdienstpflicht. Neue soziale Sicherheit sowie bescheiden wachsender Wohlstand und Konsum versöhnten selbst sozialdemokratische Arbeiter mit dem NS-Regime.

Karten und Grafiken: "Der Weg in den Krieg"
 Die Mineralölversorgung Deutschlands bei Kriegsbeginn 1939 Die Selbstversorgung Deutschlands mit wichtigen Nahrungsmitteln Die Arbeitslosenquote in Deutschland im internationalen Vergleich Die Entwicklung der deutschen Staatsschulden von 1933-1938 Territoriale Veränderungen des Deutschen Reiches bis 1939


Ende 1937 trat Minister Schacht zurück. Die Politik der Aufrüstung um jeden Preis hatte einen Finanzexperten wie ihn fast zwangsläufig mit Hitler in Konflikt geraten lassen. Entmachtet worden war er schon ein Jahr zuvor, als Hitler seinem engen Gefolgsmann Hermann Göring weitreichende Kompetenzen übertrug. Der Nicht-Fachmann sollte nun als "Bevollmächtigter für den Vierjahresplan" Wehrmacht und Wirtschaft bis 1940 rücksichtslos einsatz- bzw. kriegsfähig machen. Mit brachialen Methoden trieb Göring die Aufrüstung und Selbstversorgung weiter voran, verfehlte jedoch klar die überehrgeizigen Ziele. Von den Rüstungsanstrengungen ausgezehrt, konnten sich die deutsche Volkswirtschaft vor dem Kollaps und der Staat vor dem Bankrott nur in den Krieg retten, den Hitler 1939 vorzeitig begann. Wie vom ihm beabsichtigt, trug bald die Ausbeutung der besetzen Gebiete wesentlich zur Deckung des Rüstungsbedarfs, zur Versorgung der deutschen Bevölkerung und zur staatlichen Schuldentilgung bei.

Außenpolitik und Kriegsvorbereitung



Geheimes Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages, unterschrieben vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und seinem sowjetischen Kollegen Wjatscheslaw M. Molotow am 23. August 1939. (© Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes)

Außenpolitische Hemmnisse, die seiner Aufrüstungspolitik entgegenstanden, beseitigte Hitler zunächst mit diplomatischen Mitteln. Noch im Jahr 1933 verließ Deutschland die internationale Abrüstungskonferenz und trat auch aus dem Völkerbund aus. Dass es sich damit außenpolitisch isolierte, nahm Hitler in Kauf, zumal ihm schon Anfang 1934 ein großer Erfolg gelang: Durch den Abschluss eines Nichtangriffsvertrages mit Polen durchkreuzte er französische Bündnispläne und bannte die Gefahr eines Zweifrontenkrieges für Deutschland. Zudem ließ es seine Versöhnungs- und Friedensrhetorik glaubwürdiger erscheinen. Tatsächlich schloss Hitler den Vertrag nur aus taktischen Überlegungen und war von Anfang an bereit, ihn später zu brechen.

Ein früher Versuch, Österreich dem Deutschen Reich einzuverleiben, schlug dagegen fehl. Im Juli scheiterte ein von Hitler unterstützter Staatsstreich österreichischer Nationalsozialisten und führte fast zur militärischen Konfrontation mit dem faschistischen Italien. Bereits ein halbes Jahr später, als sich das Saarland per Volksabstimmung für die Wiedereingliederung in das Deutsche Reich entschied, triumphierte Hitler wieder. Er fühlte sich nun stark genug für ein größeres Wagnis. Am 16. März 1935 verkündete er den "Aufbau der Wehrmacht" und die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Dieser offene Bruch des Versailler Vertrages forderte die Siegermächte des Ersten Weltkrieges heraus, doch waren sie zu keinem entschlossenen Vorgehen bereit. Deutschland erreichte wenig später in einem Flottenabkommen sogar britische Zugeständnisse. Hierdurch ermutigt, zerstörte Hitler im März 1936 die Versailler Friedensordnung weiter. Er kündigte den Vertrag von Locarno und ließ – gegen die Bedenken der eigenen Militärführung – das entmilitarisierte Rheinland durch deutsche Truppen besetzen. Frankreich und Großbritannien, deren militärische Überlegenheit Hitler damals noch fürchten musste, protestierten nur schwach dagegen.

Das "Hoßbach-Protokoll" vom 5. November 1937

"Anwesend: Der Führer und Reichskanzler, der Reichskriegsminister Generalfeldmarschall von Blomberg, der Oberbefehlshaber des Heeres Generaloberst Freiherr von Fritsch,
In Deutschland war der "Schmachfrieden" von Versailles weithin als Unrecht empfunden worden. Sein fortgesetzter Triumph über die Siegermächte des Ersten Weltkrieges verschaffte Hitler deshalb große Zustimmung und wachsendes Ansehen unter den Deutschen. Kritik an der Gewalttätigkeit des NS-Regimes im Inneren konnte sich unter diesen Umständen nicht durchsetzen. Gleichzeitig täuschte Hitler mit Friedensbeteuerungen und diplomatischen Winkelzügen die deutsche wie internationale Öffentlichkeit über seine wahren Absichten. Die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin boten ihm eine geeignete Bühne, um sich und das nationalsozialistische Deutschland im günstigen Licht darzustellen.

Zwei Diktatoren haben sich gefunden: Der deutscher "Führer" Adolf Hitler und der italienische "Duce" Benito Mussolini, hier in einer Aufnahme von 1937, repräsentieren seit 1936 die "Achse Berlin-Rom". (© sz-photo)

Seine inzwischen gefestigte Position erlaubte es Hitler, ein internationales Bündnissystem zu schmieden, das seinen weitreichenden Kriegsplänen dienen sollte. Von seinem "Wunschpartner" Großbritannien abgewiesen, fand er in anderen faschistischen und rechts-autoritäten Regimen natürliche Verbündete gegen seinen ideologischen Hauptfeind, die Sowjetunion. Dem mit dieser Zielrichtung gegründeten Antikominternpakt traten Ende 1936/Anfang 1937 Japan und Italien bei. Japan war durch seine kriegerische Expansionspolitik in Ostasien seit Anfang der 1930er-Jahre selbst in einen Gegensatz zur Sowjetunion geraten. Am wichtigsten erwies sich für Hitler der politische Ausgleich mit Italien, dessen "Duce" Benito Mussolini er als Vorbild betrachtete. Beide Diktatoren verkündeten im Herbst 1936 die "Achse Berlin-Rom", aus der sich bis Kriegsausbruch ein formales Bündnis entwickelte.

Die neue Partnerschaft fand

Bomber der Legion Condor mit ihren typischen Hoheitszeichen auf einem Feldflugplatz in Spanien, ca. 1937/38. (© sz-photo)

sogleich ein gemeinsames Aktionsfeld. Beide "Achsenmächte" griffen ab Mitte 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg zu Gunsten der putschenden Militärs unter Francisco Franco ein. Ein deutsches Expeditionskorps ("Legion Condor") trug nicht wenig zum Sieg Francos im Frühjahr 1939 bei, der danach dem Antikominternpakt beitrat. Die Wehrmacht sammelte durch die "Legion Condor" wertvolle Erfahrungen mit neuen Waffen und Einsatzverfahren unter Kriegsbedingungen. Ihr rücksichtsloser Luftangriff auf die baskische Stadt Guernica wies bereits in die Zukunft.

"Anschluss" Österreichs: Deutsche Truppen überschreiten am 13. März 1938 die österreichische Grenze in Schärding. (© Bundesarchiv)

Das Hauptziel von Hitlers zunehmend aggressiver Außenpolitik waren Deutschlands Nachbarn im Osten und Südosten. Im Inneren von Nationalsozialisten unterwandert und außenpolitisch weitgehend isoliert, ergab sich Österreich dem deutschen Einmarsch am 12. März 1938 kampflos. Seinen "Anschluss" an das Deutsche Reich verkündete Hitler tags darauf in Wien unter dem Beifall einer großen Menschenmenge.

Plakatwerbung für die Volksabstimmung über die "Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich", die gleichzeitig mit der Wahl zum "Großdeutschen Reichstag" am 10. April 1938 durchgeführt wurde. In dieser Scheinwahl "gewann" die NSDAP 99,1 Prozent der Stimmen und alle Sitze im Reichstag. (© Bundesarchiv)

Gegen die erneute Verletzung des Versailler Vertrages protestierten Frankreich und Großbritannien wiederum nur schwach.

Auf eine Art Anschluss Österreichs hatte Hitler jahrelang hingearbeitet. Dagegen entschloss er sich Ende 1937 relativ spontan, bei günstiger Gelegenheit die mit Frankreich verbündete Tschechoslowakei "auszuschalten". Seitdem ließ er insgeheim den Krieg gegen sie vorbereiten. Propagandistisch und diplomatisch trieb er die Regierung in Prag mit unerfüllbaren Forderungen in die Enge, vor allem jener nach Abtretung der überwiegend deutsch besiedelten Sudetengebiete. Der drohende Krieg rief im Sommer 1938 Frankreich und Großbritannien auf den Plan. Weil beide Länder letztlich nicht kriegsbereit waren, gaben sie Ende September 1938 auf der Münchner Konferenz Hitlers Forderungen nach.

Vorbereitung der Münchener Konferenz: Hitler (links) empfängt am 16. September 1938 auf seiner Residenz "Berghof" den britischen Premierminister Neville Chamberlain (Mitte). Rechts, Außenminister Joachim von Ribbentrop. (© Bundesarchiv)

Ohne den Rückhalt ihrer Schutzmächte sah sich auch die tschechische Regierung hierzu genötigt, worauf die Wehrmacht umgehend das Sudetenland besetzte.

Ein halbes Jahr später offenbarte Hitler der Welt auf skrupellose Weise sein eigentliches Ziel. Aus fadenscheinigen Gründen brach er sein Versprechen von München, die Tschechoslowakei nach ihren Abtretungen unangetastet zu lassen. Schon kurz danach hatte er die Wehrmacht insgeheim mit der "Zerschlagung der Rest-Tschechei" beauftragt. Am 15. März 1939 war es soweit:

Öffentliche Ankündigung der Ende September 1938 stattfindenden Münchener Konferenz, auf der über das Schicksal der Tschechoslowakei entschieden wurde. (© Bundesarchiv)

Von Hitler erpresst, ergaben sich das Land und seine Armee der einmarschierenden Wehrmacht kampflos. Böhmen und Mähren wurden schnell besetzt und als "Protektorat" unter deutsche Aufsicht gestellt, die Slowakei abgetrennt und zu einem deutschen Satellitenstaat faschistischer Prägung umgebildet.

Das Finale zum Krieg



Frankreich und Großbritannien mussten einsehen, dass ihre Politik der Beschwichtigung ("Appeasement") gescheitert war. Angesichts eines offenbar unersättlichen Diktators waren beide Westmächte nicht länger zum Frieden um jeden Preis bereit. Am 30. März 1939 gaben sie Garantieerklärungen für Polen ab, das sich als nächstes Land deutschen Forderungen ausgesetzt sah. Man stellte sich auf einen Krieg mit Deutschland ein und verstärkte die Rüstungsanstrengungen. Tatsächlich fasste Hitler bereits im März 1939 den Entschluss zum Krieg gegen Polen, weil es seine Forderungen bezüglich Danzig und des Danziger Korridors zurückwies und ein Bündnis mit Deutschland verweigerte. Die Garantien der Westmächte für Polen nahm er nicht ernst. Ihre bis dahin gezeigte Nachgiebigkeit sagte ihm, dass sie weiterhin einen "großen" Krieg scheuen würden, vor allem wenn ein deutscher Sieg über Polen schnell Fakten schaffte. Am 3. April 1939 beauftragte er die Wehrmacht, ab dem 1. September für den Angriff bereit zu sein ("Fall Weiß"). Ende April kündigte er den deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag.

Hitler über seine grundlegende politisch-militärische Strategie im August 1939

"Alles, was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen,

Ausgabe der nationalsozialistischen "Hohenloher Rundschau" vom 1. September 1939 mit Berichten über angebliche Grenzverletzungen durch Polen und mit ersten deutschen Siegesmeldungen. (© Public Domain)

Die nachfolgende Entwicklung stellte Hitlers außenpolitisches Kalkül in Frage. Denn die Westmächte zeigten sich fest entschlossen, ihm diesmal Widerstand entgegenzusetzen. Die britische Regierung nahm sogar Verhandlungen mit der Sowjetunion auf, um sie in eine große Allianz gegen Deutschland einzubinden. Gleichzeitig zerschlugen sich Hitlers Hoffnungen auf Verbündete. Italien ging zwar am 22. Mai 1939 ein Militärbündnis mit Deutschland ein ("Stahlpakt"), verweigerte aber seinen Beistand für den Fall eines Krieges mit den Westmächten. Und Japan trat dem "Stahlpakt" gar nicht erst bei.

Um seine Absicht nicht aufgeben zu müssen, vollzog Hitler im Sommer 1939 eine politische Kehrtwende: Er suchte das Bündnis mit seinem ideologischen Todfeind, der Sowjetunion, als er günstige Vorzeichen hierfür sah. Nach kurzen Verhandlungen überraschten beide Mächte die Welt am 23. August mit dem Abschluss eines Nichtangriffsvertrages. In einem geheimen Zusatzprotokoll grenzten sie ihre Interessensphären in Osteuropa ab und teilten Polen unter sich auf. Hitler hatte damit nicht nur im Osten freie Hand gegen Polen, sondern in Stalin sogar einen aktiven Partner gewonnen. Seine Motive und damit seine grundlegende Strategie verriet er im vertraulichen Gespräch dem Schweizer Diplomaten Carl J. Burckhardt.

Mit diplomatischen Manövern verschleierte die deutsche Seite in den letzten Augusttagen ihren bereits laufenden Truppenaufmarsch. Um in der eigenen Bevölkerung Kriegsbegeisterung zu wecken, schürte die NS-Propaganda schon seit Wochen die antipolnische Stimmung. Übergriffe gegen "Volksdeutsche" in Polen wurden zu Gräuelmärchen aufgebauscht. Um einen Vorwand für den Angriff bemüht, inszenierten schließlich SS-Agenten in polnischen Uniformen Verletzungen der deutschen Grenze. Mit gespielter Empörung verkündete Hitler am 1. September 1939 vor dem Reichstag, dass seit dem frühen Morgen "zurückgeschossen" werde. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Erklärung Hitlers vor dem Reichstag am 1. September 1939 zum deutschen Überfall auf Polen

"[…] Ich habe daher gestern Abend der britischen Regierung mitgeteilt, dass ich unter diesen Umständen auf Seiten der polnischen Regierung keine Geneigtheit mehr finden kann, mit uns in ein wirklich ernstes Gespräch einzutreten.

Weiterführende Literatur:

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Dr. Thomas Vogel für bpb.de

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Dr. Thomas Vogel

Dr. Thomas Vogel

Oberstleutnant Dr. Thomas Vogel, geboren 1959, ist Projektbereichsleiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), vormals Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), in Potsdam. Sein Interesse gilt schon länger der Militäropposition im ‚Dritten Reich‘ und dem Widerstand von Soldaten gegen den Nationalsozialismus. Seit einigen Jahren befasst er sich intensiver mit verschiedenen Aspekten der Kriegführung im Zeitalter der Weltkriege, jüngst vor allem mit der Koalitionskriegführung. Er hat u. a. veröffentlicht: "Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime, 5. Aufl., Hamburg u.a. 2000 (Hrsg. und Autor); Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten." Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern, München 2004 (Hrsg. und Autor); Tobruk 1941: Rommel’s Failure and Hitler’s Success on the Strategic Sidelines of the ‚Third Reich‘, in: Tobruk in the Second World War. Struggle and Remembrance, hrsg. v. G. Jasiński und J. Zuziak, Warschau 2012, S. 143-160; "Ein Obstmesser zum Holzhacken." Die Schlacht um Stalingrad und das Scheitern der deutschen Verbündeten an Don und Wolga 1942/43, in: Stalingrad. Eine Ausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, hrsg. v. G. Piecken, M. Rogg, J. Wehner, Dresden 2012, S. 128-141; A War Coalition Fails in Coalition Warfare: The Axis Powers and Operation Herkules in the Spring of 1942, in: Coalition Warfare: An Anthology of Scholarly Presentations at the Conference on Coalition Warfare at the Royal Danish Defence College, 2011, hrsg. v. N. B. Poulsen, K. H. Galster, S. Nørby, Newcastle upon Tyne 2013, S. 160-176; Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Der deutsche Aufmarsch in ein kriegerisches Jahrhundert, München 2014 (Co-Hrsg. und Autor).


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