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counter 30.4.2015

Die deutsche Kriegsgesellschaft

Eine mobilisierte "Volksgemeinschaft"?

Die Gesellschaft im Nationalsozialismus kann man nicht allein unter dem Gesichtspunkt von Terror und Zwang betrachten. In der NS-Forschung werden deshalb seit einigen Jahren auch heikle Frage aufgeworfen. Sicher ist: Wie Nationalsozialismus und Krieg erlebt wurden, hing nicht zuletzt wesentlich davon ab, ob man in einer Großstadt lebte oder in der Provinz.

Flugschau der Luftwaffe während des "Reichsparteitags" der NSDAP vom 8. bis zu 14. September 1936 in Nürnberg. (© akg-images)


Der Krieg versetzte die deutsche Gesellschaft in einen neuen Zustand. Die Bedingungen, unter denen sich das "Dritte Reich" in den Friedensjahren stabilisiert hatten, änderten sich spätestens 1941/42 dramatisch. Die militärische Mobilisierung, der Bombenkrieg, die Zerstörungen und Verluste prägten den Alltag an der "Heimatfront" – mit diesem Begriff signalisierte die NS-Propaganda, dass sich auch die Zivilbevölkerung in einer Kampfsituation befand. Diese "Kriegsgesellschaft" steckte im Korsett der nationalsozialistischen Diktatur, in der die Mobilisierung "von oben" und die Selbstmobilisierung "von unten" zusammenwirkten.

Auf der einen Seite wuchs der Anpassungsdruck: Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) – die ja keineswegs geheim war! – blieb ein machtvolles Terrorinstrument. Sie gehörte seit dem Überfall auf Polen 1939 zum neu gegründeten Reichssicherheitshauptamt (RSHA), in das die Sicherheitspolizei und der parteieigene Sicherheitsdienst (SD) integriert wurden. Das Amt IV, die wohl wichtigste Untergliederung, war für die Bespitzelung und Bekämpfung der politischen Gegner zuständig. Die Gestapo verfügte seit 1939/40 sogar über eigene Haftstätten: die "Arbeitserziehungslager". Rund 200 solcher AEL, die nicht der SS, sondern örtlichen Gestapodienststellen unterstanden, gab es bis 1945. Mit dem Krieg erweiterte sich der Aktionsradius. Zum einen war die Gestapo nun auch mit der Überwachung der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter befasst; zum anderen spielte sie bei der Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden eine zentrale Rolle. Doch die ältere Vorstellung von der allgegenwärtigen, allmächtigen Terrortruppe ist überholt – und gilt mittlerweile selbst als Mittel der Einschüchterung. Weil das Personal nicht ausreichte, war die Gestapo auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen: auf V-Leute und Denunzianten. Auf die setzte auch der Sicherheitsdienst (SD), der als Geheimdienst der NSDAP gegründet worden war. Im Ausland für Spionage und Gegenspionage zuständig, bespitzelte er im Inland die eigenen Volksgenossen und lieferte der Führung regelmäßig Stimmungsberichte ("Meldungen aus dem Reich").

"Stimmungsberichte" des SD

Der Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS erstellte seit Kriegsbeginn regelmäßig Berichte über die Stimmung der deutschen Bevölkerung. Die geheimen Meldungen haben nichts mit moderner Meinungsforschung zu tun und sind nicht repräsentativ. Sie sollten das Regime, das keine öffentliche Kritik an seinem Kurs zuließ, in die Lage versetzen, seine Propaganda der jeweiligen innenpolitischen Lage anzupassen.
Grafiken: "Die deutsche Kriegsgesellschaft"
 Aufbau des Amtes IV Aufbau der Sicherheitspolizei Bombenabwürfe auf deutsche Städte 1940-1945 Ziele der Bombenabwürfe auf Deutschland 1940-1945

Wehrmachtsberichte

"Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt" – Diese immer gleiche Formulierung läutete die Wehrmachtsberichte ein, in denen das Regime vom ersten Tag des Krieges an in den Mittagsnachrichten die militärische Lage an allen Fronten im Sinne der Propaganda zusammenfasste.
Auf der anderen Seite öffneten sich im Krieg Handlungsräume, in denen die Menschen mit den Kriegs- und Diktaturerfahrungen umzugehen suchten und sich zum Teil "selbst mobilisierten". Im Sinne des Nationalsozialismus ergriffen sie die Initiative zu Ausgrenzung und Unterdrückung und trieben von sich aus die Mobilisierung für den Krieg voran. Beispielsweise beteiligten sich rund 500 Wissenschaftler an der "Arbeitsgemeinschaft für den Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften". Mit einem völkisch verstandenen Wissenschaftsverständnis stellten sich Experten, Professoren zumeist, in den Dienst der völkischen Neuordnung Europas. Sie entwarfen eine völkische Geographie, betrieben rasseideologische West-, später auch Ostforschung oder schrieben eine völkische Wehrverfassungsgeschichte – alles, um Hitlers Krieg und sein Konzept vom Lebensraum im Osten pseudowissenschaftlich zu flankieren. Im Krieg boomte auch, neben allerlei seichter Unterhaltung, die Kriegsliteratur des Ersten Weltkriegs, wie sie nicht nur die Frontbuchhandlungen massenhaft vertrieben.

Schüler sammeln Altmaterial - Erlaß des Reichsministers Bernhard Rust

Sammelaktionen gehörten zum Alltag der NS-Volksgemeinschaft. Gespendet wurde daher schon vor Kriegsbeginn: für das Winterhilfswerk, das Jugendherbergswerk, den Volksbund und für das Deutschtum im Ausland zum Beispiel.
"Volksgemeinschaft als Terror und Traum" - Interview mit Norbert Frei (© 2013 Bundeszentrale für politische Bildung)
Würde man die Gesellschaft im Nationalsozialismus allein unter dem Gesichtspunkt von Terror und Zwang betrachten, entstünde daher ein Zerrbild. In der NS-Forschung wird deshalb seit einigen Jahren die heikle Frage aufgeworfen, was denn die Zeitgenossen noch im Krieg als die "guten" Seiten des NS-Regimes wahrgenommen haben? Heikel ist die Frage insofern, als die Distanz zwischen dem heutigen Betrachter und dem Nationalsozialismus hier kleiner ausfällt als dort, wo es um die "böse" Seite des Regimes geht. Zugespitzt formuliert: Verbrecherische Politik findet längst keine Zustimmung mehr, doch wie verhält es sich etwa mit dem Gemeinschaftserlebnis bei Massenveranstaltungen? Bereits im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit hatte ein Begriff im Mittelpunkt vieler politischen Debatten gestanden: "Volksgemeinschaft". Er hatte dem Bedürfnis der Deutschen, nicht zuletzt der national denkenden Sozialdemokraten und Juden, nach gleichberechtigter Zugehörigkeit entsprochen. Während liberale und linke Parteien den Integrationsaspekt betont hatten – auch die Arbeiter gehörten zur sozialistischen Volksgemeinschaft! – hatten die nationalkonservativen Parteien auf eine rasseideologisch überhöhte, antisemitische Definition der Gemeinschaft gesetzt, die durch "völkische" Ordnungsideen zusätzlich aufgeladen worden war. Sie betonten den Ausschluss sogenannter Gemeinschaftsfremder, vor allem der Juden. Wer kein "Volksgenosse" war, gehörte nicht länger zum Kreis der Staatsbürger.

"Danzig war deutsch, Danzig ist deutsch geblieben und Danzig wird von jetzt ab deutsch sein"

"Was auch immer dem einzelnen Deutschen nun in den nächsten Monaten oder auch Jahren an Schwerem beschieden sein mag, es wird leicht sein im Bewußtsein der unlösbaren Gemeinschaft, die unser ganzes großes Volk umschließt und umfaßt.
Die Nationalsozialisten griffen diesen Schlüsselbegriff auf. Gleich nach ihrer Machtübernahme am 30. Januar 1933 setzten sie auf der einen Seite alles daran, das Programm durch eine entsprechende Gesetzgebung in die Tat umzusetzen. Die Juden, aber auch der eigene "erbkranke Nachwuchs" waren als Fremdkörper im deutschen "Volkskörper" gebrandmarkt worden, den es zu beseitigen galt. Auf der anderen Seite wurde die deutsche Mehrheitsgesellschaft im Zuge der Kriegsvorbereitung und während des Krieges als eine "wehrhafte" Volksgemeinschaft militarisiert und mobilisiert. Der Gemeinschaftsgedanke sollte die Nation zusammenschweißen und so auch die "Heimatfront" stärken. Diesem Selbstbild zufolge wäre die deutsche Kriegsgesellschaft als eine relativ gleichförmige, egalitäre Gemeinschaft zu verstehen. Die umgekehrte Vorstellung, dass die Menschen unter dem Druck der Kriegsgewalt weitgehend gleiche Erfahrungen gemacht haben, klingt noch heute etwa an, wenn von der Kriegsgeneration die Rede ist.

Wissenschaft und "Wehrhaftmachung": der Jurist Ernst Rudolf Huber als Beispiel

Ernst Rudolf Huber (1903-1990), gehörte zu den führenden Verfassungsrechtlern des "Dritten Reiches". Im Rahmen der "Wehrhaftmachung" wandte sich der Jurist, ein Schüler Carl Schmitts, der Rechtsgeschichte zu und veröffentlichte 1938 eine umfangreiche, völkisch grundierte Darstellung der Geschichte der deutschen Wehrverfassung
Doch stimmt das? Führte der Krieg durch die Erfahrung von Gewalt, Verlust und Komplizenschaft tatsächlich zu einer Gleichheits- und Gemeinschaftserfahrung? Die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen, wie sie aus dem Kaiserreich ins 20. Jahrhundert überdauert hatten, waren durch den Egalisierungsdruck im Nationalsozialismus nicht verschwunden – natürlich nicht – aber doch weniger spürbar geworden. Vor allem die Jüngeren hatten das Gefühl, in eine zukunftsträchtige Gesellschaftsform aufzubrechen, in der es zumindest für die "Arier" weniger auf die soziale Herkunft als auf die eigene Leistung ankam. Die "Kameradschaft" an der Front, die allgegenwärtige Todesgefahr und auch die staatlichen Eingriffe in den Markt, der die Klassenunterschiede hervorgebracht hatte, schliffen die sozialen Unterschiede ein Stück weit ab. An die Stelle der verschiedenen "sozialmoralischen Milieus" (M. Rainer Lepsius), etwa der Katholiken und Protestanten, der Arbeiterschaft, der ostelbischen Gutsbesitzer, trat die "wehrhafte Volksgemeinschaft". Das Regime sorgte dafür, dass der Lebensstandard bis in die zweite Kriegshälfte hinein für alle relativ hoch blieb, höher jedenfalls als in den besetzten Gebieten, auf deren Kosten die nationalsozialistische Konsumgesellschaft lebte. Die Zerstörung ganzer Wohnviertel durch die

Zum bevorstehenden Helden-Gedenktag am 13. März 1938 nimmt Adolf Hitler vor dem Ehrenmal, der Neuen Wache in Berlin, den Vorbeimarsch ab. (© Bundesarchiv)

Flächenbombardements der Alliierten, die Rationierung von Lebensmitteln und die allgemeine Verknappung von Gütern, die Luxus erschwerten: all das erhöhte die egalisierende Wirkung des Krieges. Hinzu kam in den ersten Kriegsjahren das Gefühl, gemeinsam auf der Siegerseite zu stehen – eine Kriegsbegeisterung, die bis zum Winter 1941/42 anhielt. Dazu gehörte etwa ein neuer Totenkult. An die Stelle der Trauer um die Gefallenen des Ersten Weltkriegs trat ihre Verherrlichung. Am Heldengedenktag, der 1934 den Volkstrauertag abgelöst hatte, feierte die Volksgemeinschaft ihre toten Helden, inklusive jener Männer, die in der Frühphase der NS-Bewegung "gefallen" waren.

Die Kriegserfolge kräftigten auch den "Hitler-Mythos" (Ian Kershaw). Die von der Propaganda verklärten Siege der "Blitzkriege" in Polen, Frankreich und auf dem Balkan wurde dem vermeintlich genialen "Feldherren" Hitler persönlich zugeschrieben. Allzu gerne waren viele bereit zu glauben, dass ihr Idol, einst Frontsoldat des Ersten Weltkriegs, von der Vorsehung auserkoren sei, Deutschland zu einer nie dagewesenen Großmachtstellung zu führen. Diese Führergläubigkeit – man lese nur einmal die Briefe an Hitler! – befeuerte die Siegeszuversicht, stärkte die Kampfmoral und wirkte positiv auf die militärische Leistung

Werbeplakat für den Arbeitseinsatz der Frauen in der Rüstungsindustrie, um 1941 (© Deutsches Historisches Museum)

der Wehrmacht zurück. Auch wenn die Überzeugungskraft mit den Kriegsphasen schwankte und insgesamt geringer wurde: Der Mythos überdauerte die Wende von Stalingrad, schien doch allein Hitler in der Lage, das militärische Schicksal zu wenden und die Deutschen vor der Rache der Bolschewisten zu bewahren. Die Empörung, mit der viele auf das Attentat vom 20. Juli 1944 reagierten, belegte das ebenso eindrucksvoll wie die Willfährigkeit, mit der die Wehrmachtführung bis zuletzt Hitlers Befehle entgegennahm. Der Krieg sorgte insoweit für eine homogenere Gesellschaft.

Schaut man jedoch noch näher hin, fiel die Kriegsgesellschaft verschiedenartiger aus, als es das Volksgemeinschaftskonzept nahelegt. Denn die Erfahrungen zwischen 1939 und 1945 unterschieden sich nach vielen Merkmalen. Dazu zählten das Geschlecht, die Trennung von Front und Heimat, die regionale Zugehörigkeit, das Alter, die sozialer Stellung und das kulturelle

"Wochenspruch der NSDAP" ((21.-27. Juni 1942) auf einem Schmuckblatt, München 1942. (© Deutsches Historisches Museum)

Milieu, um nur die wichtigsten zu nennen. So wandelte sich die Geschlechterrolle der Frauen. Aufgrund der langen Abwesenheit ihrer Ehemänner nahmen sie in der Familie und dann auch in der (Rüstungs-) Industrie ihren Platz ein, als das nationalsozialistische Ideal der "Deutschen Mutter" kriegsbedingt in den Hintergrund trat. Doch die Volksgenossinnen waren nicht nur gezwungenermaßen im "Dritten Reich" aktiv. Auch aus eigenem Interesse wirkten viele zum Beispiel im "Hilfsdienst" der "NS-Frauenschaft" und

"Und tun unsere Pflicht im Kriegseinsatz der Hitler-Jugend" - Wandtafel aus einem Landschulheim mit Schülerzeichnung zu den Aufgaben der HJ. (© Deutsches Historisches Museum)

des "Deutschen Frauenwerkes" wie auch im zivilen Luftschutz mit, während rund 500.000 Frauen als Wehrmachthelferinnen Dienst an der Waffe taten, eine aufregende Zeit in Paris genossen oder, in Osteuropa, rassische Überlegenheitsgefühle auslebten.

Die Jugendlichen spielten für die NS-Propaganda eine besondere Rolle; in der Hitlerjugend, der "Kinderlandverschickung" oder im "Reichsarbeitsdienst" sollten sie im Sinne des Nationalsozialismus erzogen werden. Doch daneben gab es vor allem in den Großstädten eigene Formen jugendlicher Vergemeinschaftung: eigensinnige "Cliquen", die sich der Kontrolle des Regimes entzogen. Nicht obwohl, sondern weil die Jugendlichen durch ihre Sozialisation im NS-Regime hohe Erwartungen an das Gemeinschaftserlebnis auch im Krieg hatten, fiel die Enttäuschung umso größer aus, als sie mit der Realität des Krieges konfrontiert und von ihren Freunden und ihrer Familie getrennt wurden. Das Schicksal vieler Großstadtkinder hing davon ab, ob sie auf dem Wege der "Kinderlandverschickung" (KLV) aus den bombengefährdeten Städten aufs Land gelangen konnten.

Rotterdam im Mai 1940, nach den deutschen Luftangriffen. (© dpa)

Eine besondere Gruppe bildeten die "Ausgebombten", die ihre eigenen vier Wände verloren hatten und auf die Einquartierung bei Fremden angewiesen waren, denen dieses Schicksal erspart geblieben war. Die Zuweisung von Lebensmitteln folgte dem Prinzip der Nützlichkeitserwägung: Wer für die Gemeinschaft keine Leistung erbringen konnte, fiel aus der Normalversorgung heraus. Auch die sozialpolitischen Leistungen des Regimes wie die Ehestandsdarlehen und Familienbeihilfen folgten häufig rasseideologischen Kriterien.

Wie Nationalsozialismus und Krieg erlebt wurden, hing nicht zuletzt wesentlich davon ab, ob man in einer Großstadt lebte oder in der Provinz. Während das NS-Regime in den urbanen Zentren regelmäßig "präsent" und das Leben dort immer stärker vom Bombenkrieg geprägt war – im zerbombten Stadtzentrum wiederum weit mehr als am Stadtrand – sah das auf dem Lande und in Kleinstädten anders aus. Den Nationalsozialisten gelang es nur in geringem Maße, die in einem ländlichen Raum wie Württemberg tief verwurzelten Strukturen und bäuerlichen Milieus neu zu prägen oder durch ihre Idealisierung der deutschen "Scholle" die Bauern über ihr Gefühl der Benachteiligung hinwegzutäuschen, das durch den Wehrdienst noch verstärkt wurde. Anders als in Industrieregionen wie dem Ruhrgebiet herrschte in vielen Kleinstädten teils bis 1945 friedensähnliche Beschaulichkeit. Regionale Unterschiede zeigten sich auch in der Frage, ob jemand während des Krieges oder bei Kriegsende seine Heimatstadt verlassen musste, ob diese in russische Hände fiel, ob sie friedlich übergeben oder am Ende zerstört wurde, weil der "Volkssturm" das Feuer auf die anrückenden Alliierten eröffnet hatte. Über Leben und Tod entschied oftmals die "Uk-Stellung": wer etwa als Fachmann für "unabkömmlich" (uk) erklärt wurde, musste erst einmal nicht an die Front, was die Überlebenschancen deutlich erhöhte. Dagegen waren die Tage derjenigen Männer gezählt, die seit dem Winter 1941/42 an die Ostfront geschickt wurden.

Egon Bahr über den Beginn des Zweiten Weltkriegs

Egon Bahr, 93, wurde in Thüringen geboren und wuchs in Berlin auf. Der gelernte Journalist war ein enger Wegbegleiter Willy Brandts und ab 1972 Bundesminister für besondere Aufgaben.
Deutlich wurden die Grenzen der Gemeinschaft und Gleichheit schließlich an einem zentralen Ort der Kriegsgesellschaft: im Bunker. Hier entschied sich, wie weit die Integrationskraft der Volksgemeinschaft reichte. Wer galt angesichts der Flächenbombardements der Alliierten für schutzwürdig? Und wie stand es im Keller um die Kriegsmoral? Der Luftschutz-Bunkerwart setzte die Luftschutzwarte ein, die den Zugang zum Bunker steuerten und für Ordnung sorgten. Seit 1942/43 war Männern zwischen 16 und 60 Jahren der Zutritt untersagt, sie sollten im Luftschutz kämpfen. Der Schutzraum blieb älteren Männern, Frauen und Kindern vorbehalten. Für Juden sollte es separate Räume geben; Kriegsgefangenen und "Ostarbeiter" war der Zutritt verboten – sie mussten sich ihre eigenen "Deckungsgräben" schaufeln. Zwangsarbeiter aus anderen Ländern durften mit in den Bunker, sofern noch Platz war.

So waren die Lasten des Krieges im Heimatgebiet von Anfang an unterschiedlich verteilt. Das Gleichheitsversprechen, das die Propagandaformel der "Volksgemeinschaft" gab, darf von Anfang an nicht für bare Münze genommen werden. Es verfing im Laufe des Krieges umso weniger, als der emotionale Kitt der militärischen Erfolge ausblieb. Auch die Vorstellung eines egalisierenden Sozialstaats, der durch Förderung und Umverteilung soziale Gerechtigkeit geschaffen habe, und sei es nur in der Mehrheitsgesellschaft, führt in die Irre. Spätestens seit der militärischen Niederlagen von Stalingrad im Winter 1942/43 nahmen die meisten Deutschen die nationalsozialistische Propaganda vom "Endsieg" kaum mehr ernst. Schließlich verblasste selbst der "Hitler-Mythos", der bis 1944/45 eine integrierende Wirkung entfaltet hatte. Als "Gröfaz" – als größter Feldherr aller Zeiten – wurde Hitler verspottet, der sich kaum noch in der Öffentlichkeit blicken ließ. Zwischen Apathie und Angst suchten die meisten Deutschen die letzten Kriegsmonate durchzustehen; zu massenhaftem Widerstand reichte es nicht. Auf den Fragmenten dieser "Zusammenbruchsgesellschaft" (Christoph Kleßmann) entwickelten sich nach dem Ende von Krieg und Diktatur und einer vierjährigen Besatzungsherrschaft zwei neue Staats- und Gesellschaftsordnungen. Für ihre soziale Integration und politische Legitimation waren die Bundesrepublik wie die DDR nicht zuletzt auf – unterschiedliche – Deutungen des nationalsozialistischen Krieges angewiesen.


Weiterführende Literatur

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Dr. habil. Jörg Echternkamp für bpb.de
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Dr. habil. Jörg Echternkamp

Dr. habil. Jörg Echternkamp

Dr. habil. Jörg Echternkamp, geboren 1963, ist Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Projektbereichsleiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), vormals Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), in Potsdam. Er hatte zahlreiche Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland; 2012/13 war er Inhaber der Alfred-Grosser-Gastprofessur am Institut d'Études Politiques (Sciences Po) in Paris. Echternkamp forscht und lehrt zur deutschen und europäischen Geschichte vom 18. zum 21. Jahrhundert; Schwerpunkte bilden derzeit die Gesellschafts- und Erinnerungsgeschichte der Weltkriege, der NS-Zeit und der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zu seinen Publikationen zählen: (Hg.) Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9/1-2: Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939-1945 (München 2004/2005; engl. Oxford 2008/2014), Die 101 wichtigsten Fragen: Der Zweite Weltkrieg, München 2010, Militär in Deutschland und Frankreich 1870-2010, Paderborn 2011 (hg. mit S. Martens), München 2012; Experience and Memory. The Second World War in Europe, Oxford 2010/2013 (hg. mit S. Martens); (Hg.), Wege aus dem Krieg im 19. und 20. Jahrhundert, Freiburg 2012; Die Bundesrepublik Deutschland 1945/49-1969, Paderborn 2013; Gefallenengedenken im globalen Vergleich (hg. mit M. Hettling), München 2013; Soldaten im Nachkrieg 1945-1955, München 2014.


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